sind , lesen uns eine andere , schönere Stelle heraus , in der es anschließend an jene Worte der Trauer heißt : Und die Mark vergißt all ihrer Leiden , und kein Fremdling darf fürder über sie frohlocken . Ja , meine Freunde , diese Stunde ist da , und weil sie da ist , ruf ich in eben dieser Halle , die nun bald wieder - auch das verkündet uns die Weissagung - im Glanze eines neuen goldenen Daches in alle Lande hineinleuchten wird : Vivat Borussia ! Was aber aus Nacht geboren wurde , versink auch in Nacht . Pereat Bonaparte ! « Das Pereat verklang , ohne daß es , zunächst wenigstens , beantwortet worden wäre , denn während Jürgaß noch seine letzten Worte sprach , war unten in der Halle , genau da , wo die Falltür sein mußte , ein dunkelqualmiges , aus der Tiefe kommendes Licht sichtbar geworden , und aus eben diesem qualmigen Lichte hatte sich zittrig und wackelnd erst ein Hut von wohlbekannter Form und dann ein kurzer französischer Uniformrock erhoben , mit schlaff herabhängenden Ärmeln und allerhand wunderlichem Fingerwerk , von dem sich nicht hatte erkennen lassen , ob es menschliche Hände oder abgestutzte Wurzelzweige waren . Einen Augenblick stand die Erscheinung und sah kopf- und augenlos die Halle hinunter ; dann versank sie wieder in dieselbe Tiefe , aus der sie aufgestiegen war . Und mit schwerem Schlage , der durch die Halle dröhnte , schlug die Falltür zu . Nun erst löste sich der Bann , und die Grafen Seherr-Thoß und Zierotin , die Jürgaß zunächst saßen , wiederholten jetzt das Pereat , in das alle übrigen Gäste in rasch wiedergewonnener Tafelheiterkeit einstimmten . Nur Hirschfeldt schwieg ; er hatte sich draußen in der Welt im Kampfe gegen den » großen Feind der Menschheit « einen Respekt vor eben diesem Feinde erworben , der ihn an Szenen , in denen der renommistische Ton des Regiments Gensdarmes nachklang , wenig Gefallen finden ließ . Eine kurze Weile noch ging das Geplauder und wechselten die Reden , unter denen auch ein kurzer , in pointierter Weise gesprochener Toast Kathinkas auf den » Reisemarschall « war ; dann erhob sich dieser und sagte , auf das beinahe niedergebrannte Kaminfeuer deutend : » Es erlischt , und mit ihm unser Fest . « Und damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben . Als sie gleich darauf , von den Fackelträgern begleitet , paarweise die Halle hinunterschritten und an der Falltür vorüberkamen , lag diese , weil der Luftzug hier die Flocken gegen die Giebelwand getrieben haben mochte , höher unter Schnee als die andern Teile der offenen Halle . Jürgaß , der den Zug führte , wies darauf hin und sagte : » Begraben in Schnee . « Und mit diesen Worten hatten alle den Ausgang erreicht , stiegen die hohen Steinstufen hernieder und nahmen ihre Plätze in den Schlitten , die bereits vorgefahren waren . Eine Viertelstunde später lag alles , Lehnin und seine Kirche , das Refektorium und die » Erscheinung im kleinen Hut « , wie ein Traum hinter ihnen , und durch den stillen Wald hin hörte man das Gespräch und das Lachen der einzelnen Paare . Man war übereingekommen , frischerer Unterhaltung halber , an den einzelnen Stationspunkten die Plätze zu wechseln . Die Fahrt auf der ersten Station machte Lewin mit Jürgaß , bei welcher Gelegenheit ihm auch Auskunft wurde , mittelst welcher alten Beziehungen sich das In-Szene-Gehen dieses Lehniner Festes überhaupt ermöglicht hatte ; in Groß-Kreuz indessen bei dem eintretenden Plätzewechsel kam Jürgaß an die Seite der Matuschka , während sich Kathinka Lewin als ihren Partner erbat . » Du scheinst dich vor mir zu fürchten ; aber das Törichtste , Freund , ist immer die Furcht . Da du mich zu wählen versäumtest , wähl ich dich . Und so ist es immer ; das Unglück , das wir fliehen wollen , läuft uns nach . « Und ehe noch die letzten Worte gesprochen waren , flog der Schlitten , auf dessen schmaler Holzpritsche Lewin Platz genommen hatte , die Groß-Kreuzer Eichenallee hinauf und bog dann in den schmalen Uferweg ein , der sich zwischen der scheinbar endlosen , in Eis und Schnee daliegenden Havelfläche und den verschneiten Plateauabhängen hinzog . Sie waren schon eine gute Strecke gefahren , ohne daß ein Gespräch versucht oder auch nur ein einziges Wort gewechselt worden wäre ; endlich sagte Lewin , indem er sich vorbeugte : » Gib mir deine Hand , Kathinka . « Sie tat es , und er bedeckte sie mit Küssen . » Ich kann nicht ohne dich leben « , sprach er an ihrem Ohr . » Habe Mitleid mit mir ; sage mir , daß du mich liebst . Ich solle nicht töricht sein , schriebst du , und ich solle keine Gespenster sehen . Ach , es ist an dir , Kathinka , sie zu bannen . « Sie schwieg . Und nur das Schnauben der Pferde und das Läuten der Glocken klang durch die Öde hin . Lewin aber fühlte nichts als ihren Atem und hörte nichts als das Hämmern seines eigenen Herzens . » Denkst du noch an Silvestertag , wo wir nach Guse fuhren und die Strophen memorierten ? Es war eine entzückende Fahrt , und ich war so glücklich . « Kathinka nickte . » Aber Tubal war damals mit uns , und ich sagte mir hundertmal in meinem Herzen : Oh , daß wir doch allein wären ! Und nun sind wir allein , Kathinka ... Du meintest , ich fürchtete mich . Ja , man fürchtet sich vor seinem Glück . « Sie entzog ihm ihre Hand ; er aber , wohl empfindend , daß es nicht im Unmut war , fuhr in wachsender Erregung fort : » Ja , allein mit dir ; darin liegt all mein Glück . Ach , daß doch diese Stunde wüchse und mein Leben würde und daß ich so hinführe mit dir über die Welt , in Schnee und Wind , und nichts fühlte als dein wehendes Haar an meiner Stirn . « Es schien ihm , daß seine Worte nicht ungehört verklangen , denn in einem andern als ihrem gewöhnlichen Tone sprach sie halbleise vor sich hin : » Gib mir die Zügel , Lewin . « » Du hast sie , heut und immer . « » Aber ich brauch einen freieren Arm , um sie zu führen ; hilf mir dazu . « Und er nahm ihr den leichten Seidenmantel von Arm und Schulter und legte die Zügel in ihre Hand . Die Pferde , als empfänden sie die straffere Führung , griffen im Augenblicke rascher aus , und der im Winde rückwärts wehende Mantel umflatterte Lewins erglühendes Gesicht . Unendliche Sehnsucht erfüllte sein Herz und zuckte und fieberte in jedem Tropfen seines Bluts , als Kathinka jetzt in der Wonne des Fahrens und Dahinfliegens sich weiter in den Sitz zurückwarf und ihre Schulter leicht an seine Brust lehnte . Aber die Scheu , die sein angeboren Erbteil war , überkam ihn wieder , und es war ein einziger Kuß nur , den er zitternd auf ihren Nacken drückte . So vergingen Minuten ; dann sagte Kathinka : » Der Wind geht zu scharf , Lewin ; hilf mir wieder in meinen Mantel . « Es klang fast wie Spott . Er empfand es , aber gehorchte . Nun schwiegen beide , und über die Havelbrücken hin flog ihr Schlitten . Die Sterne standen winterklar am Himmel , die Schneefelder blinkten und blitzten , und bald auch , in silbergrauem Dämmer , stiegen wieder die Kuppeln der Communs und die breiten Massen des Neuen Palais vor ihren Blicken auf . Da war das Jägertor , und an der alten Stelle warteten die Relais . Lewin und Kathinka waren die ersten ; er half ihr von ihrem Sitz und küßte ihr die Hand . Sie sah ihn groß an , aber freundlich , und sagte nur , jedes Wort betonend : » Du bist ein Kind . « Nicht lange , so waren auch die anderen Schlitten heran ; die Pferde wurden gewechselt , die Plätze auch ; Tubal nahm wieder den Sitz neben der Schwester . Und so ging es in neuem Jagen auf Berlin zu . Sechzehntes Kapitel Kathinka Die Wintersterne , die während der Lehniner Rückfahrt so funkelnd am Himmel gestanden hatten , hatten einen hellen Tag versprochen , und dieser helle Tag war nun da . Die Sonne , wo sie scharf hinfiel , schmolz den Schnee von den Dächern , und als sie gegen Mittag ihren höchsten Stand beinahe erreicht hatte , sah sie scharf an dem Nikolaikirchturm vorbei in Kathinkas Zimmer hinein . Es war ein so blendendes , in steiler Schrägung einfallendes Licht , daß das grüne Rouleau bis zur Hälfte des hohen Fensters hatte herabgelassen werden müssen , aber auch jetzt noch hatte jeder Gegenstand eine volle Beleuchtung , und diese war es , die samt den mit frischen Hyazinthen besetzten Blumentischen den anheimelnden Eindruck unterstützte , den das sorglich gehaltene Zimmer zu jeder Zeit zu machen pflegte . Einiges in seiner Einrichtung war während der letzten zwei , drei Tage geändert worden . Vor dem Sofa , auf dem an jenem Abende , wo die Lehniner Partie verabredet worden war , die alte Exzellenz gethront und nach anfänglicher Kriegführung mit beinahe jedem Mitgliede der Gesellschaft schließlich ihren Frieden mit allen geschlossen hatte , fehlte heute der runde Tisch , über den hin damals der Streit der Meinungen gegangen war , und nur ein großer Teppich lag statt dessen an eben dieser Stelle ausgebreitet , ein Musterstück Brüsseler Weberei , auf dem Frau Venus mit ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog . Es war derselbe Teppich , dessen durch Farbenpracht ausgezeichnetes Bild unsren Freund Lewin auf seiner Weihnachtsfahrt nach Hohen-Vietz , wo wir zuerst seine Bekanntschaft machten , bis in seine Träume hinein begleitet hatte . Denn sein letzter Besuch an jenem Tage hatte dem Ladalinskischen Hause gegolten . Das lag nun einen Monat zurück , und heute war es das Auge Kathinkas , das sich vom Sofa her auf dieses Teppichbild richtete . Aber sie sah es , ohne es zu sehen , denn vor ihrer Seele standen andere Bilder , bunt und lachend , und doch ein tiefer Schatten darüber hin . Was war es , das diesen Schatten warf ? Es schien , daß jemand von ihr erwartet wurde , wenigstens horchte sie von Zeit zu Zeit nach der Türe hinüber . Aber es blieb still , und in wachsender Unruhe erhob sie sich endlich und schritt auf die Blumentische , dann auf den Stehspiegel zu , um das eine oder andere an ihrem Anzuge zu ändern . Es war eine Morgentoilette , ähnlich jener , die sie am Tage ihrer Rückkehr aus Guse während ihres Gesprächs mit dem Vater getragen hatte : ein weißbordierter dunkler Morgenrock mit Pelerine und großen birnenförmigen Schnurösen , die in weiße Perlmutterknöpfe einhakten . Niemand würde das Geringste an ihrer Erscheinung vermißt haben , nur sie selber schien nicht zufrieden , ordnete ihr Haar immer wieder und wechselte mit dem Musselintuch , das sie leicht geknüpft um den Hals trug . Dann ging sie wieder auf das Sofa zu , warf sich in die eine Ecke desselben und legte den Fuß auf ein Tabouret , das sie schon vorher auf den Teppich gestellt hatte . In der Ecke lag ein Buch . Sie schlug es auf und versuchte zu lesen ; aber umsonst , sie konnte ihre Aufmerksamkeit nicht zwingen . In diesem Augenblicke trat der Graf unangemeldet ein , und sie zog den Fuß von dem Kissen , ohne sonst ihre Haltung zu ändern . Es schien , daß sie sich an demselben Morgen schon gesprochen hatten ; kein Wort der Begrüßung wurde laut . Er trat an sie heran und küßte ihr die Hand . » Und was bringst du ? « fragte sie mit wiedergewonnener Ruhe . » Die Entscheidung . « » So sprich , erzähle « , fuhr sie fort , während sie mit dem Zeigefinger auf die Fingerspitzen ihrer linken Hand tupfte . » Ich weiß alles und will es doch von dir hören . Wie verlief es ? Ich hoffe , daß dich nichts verletzt hat , kein Wort , keine Miene . « » Nein « , antwortete der Graf , indem er sich auf das Tabouret setzte und Kathinkas Hand in seine Linke nahm . » Er hörte mich ruhig an . Als ich geendet , legte er das Elfenbeinmesser , mit dem er nach seiner Gewohnheit spielte , beiseite und sagte , ich glaube , wörtlich : Ich bin nicht überrascht , Graf ; ich habe diesen Antrag erwartet , offen gestanden , gefürchtet . Sie wissen ohne Versicherung , daß sich diese Bemerkung nicht gegen Ihre Person richtet . Ihnen den vollkommensten Beweis davon zu geben wäre leicht , wenn ich nicht Punkte dabei berühren und Bedingungen stellen müßte , die Sie nach einer andern Seite hin verletzen und Ihre Zustimmung nie finden würden . « Kathinka lächelte . » Das alte Lied « , sagte sie . » Ja « , fuhr Bninski fort , » er will mit Polen , mit unserem Lande , ein für allemal gebrochen haben , und daß ich es kurz mache , er schloß damit , daß eine Verbindung zwischen uns aus zwei Gründen untunlich und , wie er glaube , unmöglich sei : des Hofes halber und seiner Erinnerungen halber . Das letztere begreif ich , das erstere nicht . « » Und doch ist beides in einem Zusammenhang « , antwortete Kathinka , » dies Zugeständnis sind wir ihm schuldig . Er bedarf des Hofes . Weil er die Brücken abgebrochen und sich und uns , sei es mit Recht oder Unrecht , aus dem heimischen Boden in einen fremden verpflanzt hat , kann er besonderer günstiger Bedingungen nicht entbehren , um in dem fremden Boden aufs neue Wurzel zu schlagen . Unter diesen günstigen Bedingungen aber , wie ich dir nicht erst zu sagen brauche , steht der Sonnenschein des Hofes obenan . « » Vielleicht « , sagte Bninski , » oder meinetwegen auch gewiß . Es bleibt schließlich doch , wie es ist , und ich faß es nicht , warum er gerade diesen Boden wählte . Und daß er ihn wählte , das entscheidet nun über uns . Denn was er anzudeuten schien , einen Friedensschluß auch meinerseits mit diesem Lande zu machen , nie , nie , Kathinka . Auch nicht um dich . « Er blieb stehen und schlug heftig die Finger ineinander . Dann , als ob er sich die Verkehrtheit des alten Ladalinski in einer Art Selbstgespräch klarzumachen suche , sprach er vor sich hin : » Was zog ihn nur hierher ? Gerade ihn ? Es bleibt ein Rätsel und ein Widerspruch . Denn er hat einen Überschuß von jenem Edelsinn , dessen gänzliches Fehlen in diesem Lande mir dieses Land so widerwärtig macht . Er ist großer Opfer und großer Entschlüsse fähig , und selbst der unheilvolle Schritt , der ihn in die Selbstverbannung trieb , trägt immer noch den Stempel der Entsagung an der Stirn . Und was herrscht nun hier ? Der Vorteil , der Dünkel , die großen Worte ! « » Auch du singst dein altes Lied « , sagte Kathinka . Aber Bninski hörte nicht , und ohne die Stellung zu wechseln , fuhr er in wachsender Erregung fort : » Er ist ein Pedant . Da war er freilich hier am Ort . Denn alles , was hier in Blüte steht , ist Rubrik und Formelwesen , ist Zahl und Schablone , und dazu jene häßliche Armut , die nicht Einfachheit , sondern nur Verschlagenheit und Kümmerlichkeit gebiert . Karg und knapp , das ist die Devise dieses Landes . Ich war noch ein Kind , da las ich auf der Krakauer Schule von den Alten-Fritzischen Grenadieren , daß sie Westen getragen hätten , die gar keine Westen waren , sondern nur rote dreieckige Tuchstücke , die gleich an den Uniformrock angenäht waren . Und wahr oder nicht , diese dreieckigen Tuchlappen , ich sehe sie hier in allem , in Kleinem und Großem . Angenähtes Wesen , Schein und List , und dabei die tiefeingewurzelte Vorstellung , etwas Besonderes zu sein . Und woraufhin ? Weil sie jene Rauf- und Raublust haben , die immer bei der Armut ist . Nie ist es satt , dieses Volk ; ohne Schliff , ohne Form , ohne alles , was wohltut oder gefällt , hat es nur ein Verlangen : immer mehr ! Und wenn es sich endlich übernommen hat , so stellt es das Übriggebliebene beiseite , und wehe dem , der daran rührt . Seeräubervolk , das seine Züge zu Lande macht ! Aber immer mit Tedeum , um Gott oder Glaubens oder höchster Güter willen . Denn an Fahneninschriften hat es diesem Lande nie gefehlt . « » Ich erkenne dich nicht mehr « , unterbrach ihn Kathinka . » Du sprichst dich aus dem Recht in das Unrecht hinein . Du fühlst selbst die Übertreibung , zu der dich Vorurteil und Bitterkeit fortreißen . « » Nein , ich übertreibe nicht . Ich lese nur die Rückseite der Medaille , weil ich sie lesen will . Mag ein anderer sie wieder umkehren und sich an der obenaufliegenden Herrlichkeit erfreuen , Bild oder Schrift , ich bin es zufrieden . Es mag etwas Großes damit sein , nur nicht für mich und auch nicht für ihn « , und dabei wies er mit der Linken nach dem an der entgegengesetzten Seite des Hauses gelegenen Zimmer des Geheimrates hinüber . » Auch nicht für ihn , sag ich , denn er ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh . Er täuscht mich nicht mit seiner loyalen Preußenmiene . Preußen ! Warum gerade Preußen , das uns zuerst um dreißig Silberlinge verschacherte . Jetzt ist es freilich selber an die Kette gelegt ; aber auf wie lange ... ? Preußen ! Preußen ! Warum nicht Frankreich ? Warum nicht Rußland , grundschlecht , wie es ist ! In seiner Sündenblüte hat es doch wenigstens den Mut , sich zu seinen Taten zu bekennen . Aber nein , es mußte Preußen sein . Und dieses Preußen , in dem der Ladalinskistamm , einer Einbildung , einer Marotte zuliebe , neu blühen und Wurzel schlagen soll , das tritt nun zwischen dich und mich , und um des vielleicht ausbleibenden Lächelns dreier Prinzlichkeiten willen geht in dieser Zeit , in der Gott sei Dank mehr Prinzen auf den Schlachtfeldern als in fürstlichen Wochenstuben geboren werden , unser Glück wie eine Feder in die Luft . Soll es das , Kathinka ? ! Bist du entschlossen ? « Sie schwieg . » Lieben wir uns ? « » Du sagst es . « » So seh ich nur einen Weg . Und du wirst den Entschluß dazu fassen können . So denk ich , so hoff ich . « Kathinka legte die Hand an ihre Stirn ; dann , als entsänne sie sich auf etwas Zurückliegendes , sagte sie : » Ich versprach ihm , nichts zu tun , das seine Stellung untergraben oder seine Zugehörigkeit zu diesem Lande neuen Verdächtigungen aussetzen könnte . « » Und dies Versprechen wirst du halten . Die Flucht wirft alle Schuld auf uns . « » Und doch ist ein Schwanken in mir « , fuhr Kathinka fort » Nicht , daß ich vor meinem Anteil an dieser Schuld erschräke . Du weißt , wie ich bin , und was an Furcht in mir ist , geht unter in der Lust am Wagnis . Also nicht um mich . Aber um deinetwillen ; aus Liebe zu dir . Du sollst nicht in einem falschen Lichte dastehen . Und du wirst es . Wie bittere Worte werden fallen ... von Tubal ... « » ... von Lewin ... « » Nenne nicht seinen Namen . Es schmerzt mich ; denn es ist keiner , den ich mehr gequält und dem ich tiefer verschuldet wäre . Und nun tu ich ihm das Schwerste ! Er liebte mich , und ich war ihm gut von Jugend auf . Das ist nun vorbei . Aber du irrst , wenn du glaubst , daß bittere Worte von seinen Lippen kommen werden . Nicht von ihm : aber die andern ! Erinnere dich des Ballabends , als du von General Yorcks Kapitulation hörtest , und denke deines spöttischen Sans doute , womit du der alten Exzellenz ihre feierliche Geschichte von dem kronprinzlichen Einsegnungsringe verdarbst . Was war die Meinung von alledem ? Eine tiefe Verachtung gegen das , was sich hierlandes als deutsche Treue gibt . Und nun frag ich dich , üben wir die Treue , übst du sie ? « » Auch nicht ihr Gegenteil « , antwortete Bninski . Kathinka schüttelte den Kopf . Der Graf aber fuhr fort : » Und wenn es wäre , wie du meinst , Kathinka , so sprich ein Wort und laß es mich einsehen , daß es so ist , und ich will dem , was ich tue , kein Mäntelchen umhängen . Ich bin kein Ritter von La Mancha , der die Untreue aus der Welt herausfechten will ; ich will sie nicht abschaffen , am wenigsten will ich die Vorstellung großziehen , daß ich ihr persönlich entwachsen sei oder über ihr stünde . Untreue ! sie war das Erste und wird das Letzte sein ; ich erschrecke nicht vor dem Wort und nicht einmal vor der Tat . Aber das Tugendgesicht , das sie hierzulande annimmt , das haß ich . Was mir zuwider ist , das ist die Lüge . Und das eine weiß ich : es ist nicht Lüge , wenn ich das , was geschehen soll , weder Vertrauensbruch noch Untreue , wohl aber Zwang und Konsequenz und Notwehr nenne . Zug um Zug . Gegen das gekünstelte und mißbräuchlich geübte Recht deines Vaters , das uns zum Opfer mir unbegreiflicher Rücksichten machen will , setzen wir unser natürliches Recht , das Recht unserer Neigung . « Eine kurze Pause folgte , und nur um das peinliche Schweigen zu unterbrechen , fügte der Graf hinzu : » Sieh auf die Zukunft , Kathinka . Es kommen bessere Tage . Er wird sich hineinfinden ; das unabänderlich Geschehene bekehrt besser als tausend bittende Worte . « » Du verkennst ihn « , sagte sie , » er hat den ganzen Eigensinn der Gütigen und Schwachen . Ich darf es aussprechen , denn er war schwach gegen mich von Jugend auf . Er wird uns nicht hassen , seine Liebe zu mir wird unerschüttert bleiben , aber er wird sich mit dem Geschehenen nicht versöhnen und wird nicht Frieden mit uns schließen . Ich weiß , was ich tue . Es ist ein Scheiden auf Nichtwiedersehen ! « Der Graf schritt auf und ab . Als er wieder an das Sofa trat , nahm sie seine Hand und sagte , mit einem Ausdruck zu ihm aufblickend , der ihr sonst fremd war : » Und so sei es denn , Jarosch ! Ich fühle , es ist beschlossen , und nicht bloß durch uns . Wir erben alles : erst das Blut und dann die Schuld . Ich war immer meiner Mutter Kind . Nun bin ich es ganz . Sei gut mit mir . Ich habe nur noch dich . « Und sie warf sich an seine Brust . Siebzehntes Kapitel Bei Hansen-Grell Zwei Tage nach diesem Gespräch zwischen Kathinka und Bninski saß Lewin in Briefen , die der Erledigung harrten . Einige , darunter Zeilen von Doktor Faulstich und Tante Amelie , lagen schon so lange unter dem Stein , daß er ihre Beantwortung nicht wohl weiter hinausschieben und den Nichtbesuch seiner drei Vorlesungen , denn es war wieder Freitag , sich eher zum Verdienst als zur Versäumnis anrechnen konnte . Die Hulen , die von Zeit zu Zeit auf ihren altberlinischen , aus allerlei Tuchecken zusammengenähten Filzschuhen durch das Zimmer ging , sah mit Kopfschütteln , wie die Zahl der auf dem Sofatisch ausgelegten Briefe von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs , einige noch nicht fertig und nur erst auf der ersten Seite beschrieben . Denn Lewin haßte das Aufstreuen , ein Punkt , in dem er ausnahmsweise mit Kathinka übereinstimmte . » Ein Liebesbrief mit aufgestreutem Sand « , pflegte diese zu sagen , » da wird die Liebe gleich mit verschüttet und begraben . « Er schrieb schon zwei Stunden , aber der Hauptbrief war noch ungeschrieben , der an Renate . Er hatte ihn sich bis zuletzt aufgespart ; das Plaudern mit der Schwester sollte ihn schadlos halten für die Mühen oder gar den Zwang alles dessen , was voraufgegangen war . Der Brief an Faulstich war eine literarische Abhandlung , der an Tante Amelie wie gewöhnlich ein Eiertanz gewesen ; das lag nun endlich hinter ihm , und er konnte sich erholen und die Feder frei laufen lassen . » Liebe Renate ! « so schrieb er , » wir haben heute den 29. , und es ist nicht ohne Beschämung , daß ich auf das Datum Deines Briefes aus der Mitte des Monats sehe . Meine flüchtige Antwort darauf war keine Antwort . Laß mich versuchen , Versäumtes nachzuholen . Diese und die letzte Woche , wie Du aus den Zeitungen ersehen haben wirst , haben allerlei Dinge von Wichtigkeit gebracht ; was Papa mir schrieb , hat sich bestätigt . Der Einsegnung des Kronprinzen folgte die Abreise des Königs nach Breslau ; der ganze Hof begleitete ihn , auch die Garden . Potsdam ist seitdem wie ausgestorben , wovon wir uns bei Gelegenheit einer nach Lehnin hin unternommenen Partie durch den Augenschein überzeugen konnten . Von dieser Partie , die letzten Dienstag stattfand , möchte ich Dir nun wohl erzählen . Du weißt , oder vielleicht auch nicht , daß Lehnin ein altes Zisterzienser-Kloster ist ; die meisten der Askanier wurden dort begraben , auch einige von den Hohenzollern ; Johann Cicero , wenn ich nicht irre , und Joachim Nestor . Aber diese beiden standen kaum in ihrer Gruft , so kam die Säkularisation , und ihre großen Metallsärge wanderten aus der Klosterkrypta in die Krypta des Berliner Doms . Es gibt auch eine Lehninsche Weissagung , Vaticinium Lehninense , hundert lateinische Verse , die den Untergang der Hohenzollern und die Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens in Mark Brandenburg prophezeien ; aber alles sehr dunkel und unbestimmt , so daß man , wie so oft , bei einigem guten Willen auch gerade das Gegenteil herauslesen kann . Auf dieses Lehnin nun war in voriger Woche das Gespräch gekommen , und der Geheimrat , der einige Verse aus der ihm durch unseren alten Direktor Bellermann vor Jahr und Tag schon bekannt gewordenen Weissagung rezitierte , verriet plötzlich einen lebhaften , an ihm ganz ungewohnten Enthusiasmus , das Kloster kennenzulernen . Bei aller Hochachtung gegen ihn möcht ich im Vorübergehen doch die Vermutung aussprechen , daß er sich in dem Gedanken gefiel , an Ort und Stelle seine Vorträge fortsetzen und uns durch eine Art mittelalterlicher Klassizität imponieren zu können . Aber sein Enthusiasmus hielt nicht vor , und als der Dienstag herankam , stand er von der Teilnahme ab . Jürgaß war schon vorher zum Reisemarschall ernannt worden . Natürlich durch Kathinka . Außer ihr und dem engeren Ladalinskischen Kreise waren die Grafen Matuschka , Seherr-Toß und Zierotin samt ihren jungen Frauen mit von der Partie . Es gab eine Überraschung nach der andern ; Jürgaß bewährte seinen alten Ruf als Festordner ; die Matuschka war reizend , und ich hatte den Triumph , Kathinka eifersüchtig zu sehen . Auf der Rückfahrt fuhren wir eine hübsche Strecke zusammen . Ich sagte ihr herzliche Worte , vielleicht mehr als das , und sie nahm sie freundlich auf . Bninski verläßt uns bald ; er geht auf seine Güter und von da nach Warschau , um sich dem Vizekönig , mit dem er befreundet ist , zur Verfügung zu stellen . Zu Poniatowski steht er nicht gut . Es wäre Torheit , wenn ich wegleugnen wollte , daß ich den Tag seiner Abreise herbeiwünsche . Kathinka zeichnet ihn aus ; aber es ist nicht ihre Art , sich mit Abwesenden zu beschäftigen oder Erinnerungen zu leben . Sie gehört der Stunde , und die Stunde , so scheint es , ist mir günstig . Ich glaube wieder an die Möglichkeit meines Glücks . Sie schrieb mir neulich : Sieh nicht Gespenster , Lewin . Und nun laß mich fragen , wie steht es in Hohen-Vietz ? Was machen die Freunde : Seidentopf , die Schorlemmer , Marie ? Denke Dir , ich träumte diese Nacht von ihr , und als was sah ich sie ? Als Braut . In einem langen , langen Schleier stand sie vor dem Altar ; aber es war nicht der Altar der Hohen-Vietzer Kirche . Ihr Kleid war weiß und leicht wie der Schleier und mit Sternchen übersät . Sie sah sehr schön aus , und wer meinst Du , daß ihr Bräutigam war ? Drosselstein . Nicht unser alter , sondern ein junger ; groß und schlank und in eine Uniform gekleidet , in der ich unseren Hohen-Ziesarschen Freund nie gesehen habe . Als ich mich heute früh des Traumes entsann , mußt ich an das denken , was Du so oft über Marie gesagt hast : Du würdest dich nicht wundern , eine goldene Kutsche bei Kniehases vorfahren und die kleine Prinzessin mit verweinten und zugleich freudestrahlenden Augen neben ihrem Prinzen Platz nehmen zu sehen . Du hast ihr Wesen darin getroffen . Es war doch nur in der Ordnung ,