Schwester neben dem Bruder und die teueren Eltern im Geiste zwischen uns ? « » Neben dir , « rief sie , » bei dir , mit dir , allezeit um dich ! Und so glücklich , wie ich es auf Erden noch werden könnte ; vielleicht wieder ganz so glücklich wie einst ! « » So gib mir deine Hand , die Schwester dem Bruder . Wir wollen miteinander leben als die , für welche die reinste Erdenliebe uns gebildet hat . « Sie reichte ihm die Hand , sagte jedoch dabei , anfänglich zaghaft , dann je mehr und mehr entschlossen : » Aber wir dürfen ja nicht , Dezimus , du weißt ja , der selige Vater hat es verboten , um der dummen Bauern willen verboten , damals schon , als ich noch sein schuldloses Kind war . Und dann - dann , Dezimus , wenn er nun wiederkäme , der , den ich niemals wiedersehen will ? Nein , Dezimus , hier darf ich nicht bleiben ! Bringe mich fort von hier , wohin du willst , und wenn es zu einer der Schwestern wäre , die alle das Haus voll Kinder haben und alle bitterböse auf mich sind , weil ich mich so schmählich an dir vergangen habe , und mich alle wegen meines Leichtsinns scheel ansehen würden und nicht ein bißchen Geduld mit mir haben , wie du so viel . Und erst ihre Männer und deren Sippschaft ! Schrecklich , schrecklich ! Tausendmal lieber unter Stockfremde , die nichts von mir wissen . Wenn du es aber willst , Dezimus , gehe ich auch zu den Geschwistern . « » Weder unter Fremde noch zu den Geschwistern , wir bleiben beieinander , Rose , aber - nicht hier . « » Wo du willst , Dezimus ; auf einer wüsten Insel meinetwegen , nur beieinander und nur nicht hier . Denkst du etwa noch auf die Sterne zu studieren und mich zu deiner Schwester Studentin zu machen , wie wir es uns ausgemalt haben , als - ach ! als ich noch dein liebes Röschen war und du mein alter Dezem warst ? « » Nein , mein Röschen , das denke ich nicht , « entgegnete Dezimus lächelnd . » Es wäre ein weitaussehendes Brot . Ich bleibe , was ich bin , aber nicht hier . Was meinst du zu einem Tausch mit Schwester Luisens Mann ? Er hat sich längst ein einträglicheres Amt ersehnt , und bei dem großen Hausstand tut es ihm not . Wir sind nur zwei , für uns reicht es zu . Ganz so freundlich wie in unserem Tal wird es freilich in der preußischen Heide nicht sein ; aber es ist weit entlegen . Niemand hat uns dort gekannt ; niemand wird etwas anderes in uns sehen als das , was wir von heute ab einzig wieder sind , die Geschwister des bisherigen Pfarrerpaares . Dort , in unserer lieben Eltern Heimat , wirst auch du , mein Röschen , um deinen Vater in Frieden trauern lernen . « Sie war bei den letzten Worten zu seinen Füßen niedergeglitten und bedeckte seine Hände mit Küssen und Tränen . » Dezimus , Dezimus ! « schluchzte sie , » dich konnte ich aufgeben , von dir mich abwenden , um eines willen , eines - - « » Still , still ! « unterbrach er sie . » Nie wieder zwischen uns ein Wort von - dem ! « Er zog sie in die Höhe , setzte sich an ihre Seite , und ihre Hand ergreifend fuhr er fort : » Glückauf also im Heidedorf , mein Röschen ! Aber der Winter kann über diesem Wechsel vergehen , und kaum wiedergefunden , möchte ich dich ungern aus den Augen verlieren . Da weiß ich denn keinen besseren Rat , als daß du die Zwischenzeit auf dem Schlosse verbrächtest , bei - Lydia . « Er sprach den Namen sehr leise . Alles , was in seinem Entschlusse Opfer hieß , wurde mit dem Namen ja angedeutet . Auch Rose zuckte zusammen . » Bei Lydia ! « rief sie mit gerunzelter Stirn . Und nach einer Pause : » Muß es sein , Dezimus ? « » Wenn du Vertrauen zu mir hast : ja ! « » Nun denn , so will ich . Aber - aber , wird auch sie wollen , Dezimus ? « » Sie wird es , « sagte er mit Zuversicht . Er ging zu Lydia gehobenen Hauptes , aber mit bebendem Schritt . Sie allein in dem Wandel , der sich um ihn vollzogen , hatte zu ihm gestanden in wandelloser Treue ; von dieser Einzigen sich zu lösen , dünkte ihm sich lösen von seinem Stern . Auch sie erbleichte , als er ihr seinen Entschluß mitteilte ; ihre Augen füllten sich mit Tränen , und lange , nachdem er ausgeredet hatte , schwieg sie noch still . Dann aber sagte sie mit schöner Freude : » Ich wäre dieser Wahl für Sie vielleicht nicht fähig gewesen , Freund . Aber sie ist die würdigste , die Sie treffen konnten , und fern oder nah , wir bleiben , was wir uns geworden . « Und als er darauf sie bat , seine Schwester in ihre Obhut zu nehmen , da stutzte sie zwar einen Augenblick , sagte aber auch dann , indem sie ihm die Hand reichte , mit Freudigkeit : » Ich werde sie zu lieben suchen so , wie Sie meinen Bruder geliebt . « Noch von keinem Menschen war der Hirtendezem so dankbar als glückbringendes Johanniskind verehrt worden wie von Schwester Luischen und ihrem Manne bei dem Vorschlage des Ämtertausches ; auch machte dieser , da Lydia als Patronin von Werben mit ihm einverstanden war , nur bei dem jenseitigen Konsistorium einige Weitläufigkeiten , und man hatte sich bis zu deren Erledigung , etwa zu Anfang des nächsten Jahres , zu allseitiger strenger Heimlichhaltung verpflichtet . War doch des ärgerlichen Geträtsches in Gemeinde und Umgegend übergenug laut geworden . Ein Liebling der Pfarreingesessenen , wie ihre älteren Schwestern , war das neckische Röschen von jeher nur bei den besonderen Gelegenheiten gewesen , wo sie kam , einer Mieke und Marthe den kunstvoll gewundenen Brautkranz um den Zopf zu legen , oder einem Hinz und Kunz den Totenkranz auf den Sarg . Bauern lieben gesetzte Leute . Ihre rücksichtslose Leidenschaft hatte die Abneigung dann zu einem Ärgernis gemacht und der jähe Tod des Vaters das Ärgernis nahezu zu einem Mord . » Die Schande hat ihm das Herz abgedrückt , « hieß es . Nun jedoch , da man die heillose Kreatur , anstatt sich in den hintersten Weltwinkel zu verkriechen , als Gesellschafterin der unantastbaren Schloßdame unter den Augen der Gemeinde weiterleben sah , dämpften die schwarzen Gesichte sich in ein zweifelhaftes Nebelgrau ab ; bald vielleicht würden sie sich vollständig verzogen haben . Hatte im Jahre der Demokratie die adlige Herrschaft auch viel von ihrem Nimbus eingebüßt , so war durch Lydias aufopfernde Wirksamkeit während der kürzlichen Elendszeit nahezu ein Heiligenschein um die unsere gewoben worden ; und wahre Güte wirkt ja allerwärts wie ein reinigender Quell . Rose bezeigte sich tapfer und Lydia milde wie ein Engel . Wohl miteinander werden konnte es indessen den beiden ungleichartigen Naturen , deren Geschick sich so eigenartig in den Herzen der nächsten Menschen verschlang , keineswegs , und wohl zumute war auch keineswegs dem Freunde , der ihnen diese Prüfungszeit auferlegt hatte ; wohl nicht einmal , wenn er außer ihrer Nähe war . Denn das soll keiner glauben , daß das Bewußtsein , recht zu tun um schweren Preis , uns von vornherein wie ein Johannissegen erquicke . Erst wenn die Wolken sich gelichtet haben , baut der Friedensbogen sich auf . Es waren die ersten Monate unüberwindlichen Mißmuts , die Dezimus durchlebte . Bei dem bewußten kurzen Interim konnte ihm ein Frohgefühl heimatlichen Wirkens nicht kommen ; es lohnte sich kaum , Beziehungen anzuknüpfen , die sich nicht befestigen sollten , ein Samenkorn auszustreuen , dessen Aufgehen nicht einmal er gewahren durfte und von dem er nicht wußte , ob sein Nachfolger es in seinem Sinne pflegen werde . Zum ersten Male seit Jahren und stärker denn jemals wachte der alte Sternengenius in ihm auf , und in mancher schlummerlosen Nacht rang er mit dem Versucher , der ihn von der Kanzel im nordischen Heidewinkel auf die Warte des Chaldäers lockte . Dazu der Zwiespalt im Weltwesen . In ruhigen Zeiten nimmt man Exaltationen gleich denen , welche in diesem Sommerhalbjahr von Land zu Land aufloderten , nahezu für Krankheiten , über welche der Irrenarzt zu befinden hat ; und diese Erinnerungen werden in beruhigten Zeiten aufgezeichnet . Gesagt sei darum nur , daß für den jungen Pfarrer von Werben dieses Halbjahr der Tat eine reifende Schule gewesen war . Er blickte jetzt nicht mehr von fern auf ein unverständliches oder gleichgültiges Treiben , er sah die Wetter über ihm brauen und unter ihm sich entladen . Nach Anlage , Erziehung und Schicksal stand er auf einer mittleren Höhe , auf der er jedoch mit aller ihm eignenden Standhaftigkeit sich behauptet haben würde . Er bedurfte , um sich frei zu fühlen , nur eines bescheidenen Raumes , aber innerhalb desselben reiner Luft und eines klaren Lichtes . Hatte nun bisher der Orkan heiß von Südwesten getobt , so erhob sich von Tage zu Tage frostiger von Nordosten her der Gegenstrom . Schweres , graues Novembergewölk trübte die kurze Tageshelle ; wer mochte sagen , ob der Niederschlag noch einmal als zündendes Gewitter oder als dämpfendes Schneegestöber erfolgen werde ? Wenn nun aber schon er , der fest und mäßig Gerichtete , an einer befreienden Klärung verzweifelte , wie tief mußte Sidonie , deren Neigung und Überzeugung so weit auseinanderstrebten , unter diesen wechselnden Strömungen leiden ? Er hatte sie nicht wiedergesehen , war aber zu lange ihr Freund gewesen , um nicht zu spüren , unter welchen Kämpfen sie die Skala der Widersprüche eines starken Geistes , welchen die Liebe schwach macht , durchzitterte ; und bei aller innerlichen Entfremdung fehlte ihr anregendes Wesen ihm wie ein Gewürz , an welches der Gaumen sich gewöhnt hat . Sie siechte auch körperlich und verließ ihr Haus nicht mehr . Dem alten Kinde , zu dessen Wärterin sie sich aufgeworfen hatte , wirkte der Göttertrank nur noch als Opiat ; bei jeder Augenwende konnte der Halbschlummer in den ewigen hinübergeglitten sein ; von den Menschen , mit denen die Mitteilsame im vorigen Winter so anmutend verkehrt hatte , war auch ihr nur Lydia treu geblieben , aber Lydias Gegenwart zog ihr das Herz zusammen , während die der einzigen , die es ihr flott gemacht haben würde , weil auch sie liebte , trotz allem und allem liebte , Rosens Gegenwart , ihr versagt war . Wohin Dezimus blicken mochte , in sich wie außer sich , sah er Unruhe und Mißbehagen . Und der lange drohende , lange ersehnte Niederschlag erfolgte denn endlich auch so , wie des jungen Mädchens feinspürender Sinn ihn schon vor Monden verkündet hatte - ohne Blitzeszünden . Fast scheint es , als ob auch in der geistigen Natur die elektrische Spannung beim Nahen der winterlichen Sonnenwende nicht so mächtig ist , als wenn im Frühling Tag und Nacht sich gleichen . Die furchtbleichen Häupter richteten sich trotzig empor , die siegflammenden Wangen entfärbten sich . Viele , die wild gewesen waren , wurden zahm , manche , die zahm gewesen waren , wild ; nur wenige blieben sich unerschütterlich treu ; daß aber Max von Hartenstein , der Dichter und Rhetor der Revolution , zu den Getreuen seines Glaubens jetzt um so ritterlicher stehen werde , hat keiner seiner Freunde oder Feinde bezweifelt . Auch Sidonie sah in ihm jetzt einen seiner Heimat Verlorenen ; sie grübelte Tag und Nacht über eine gesicherte Neugestaltung seines Lebens , hätte unverweilt sich mit ihm in der Ferne vereinigen mögen und war doch an den Schlummerstuhl des blöden Greises gefesselt . Im Schlosse von Werben glaubte man , daß Max sich in das Ausland gerettet habe . Der Schlag , der in der Hauptstadt gefallen war , zitterte in den Provinzen nur mäßig nach ; in unserer Gegend war es überhaupt fast ausschließlich die Festungsstadt , als Enklave rings von erregten Kleinstaaten umgeben , in welchen die Schürungen von vornherein einen lebhafteren Anklang gefunden . Hatten doch schwarzsehende Kannegießer schon im Sommer dem sogenannten Doktorputsch eine gefährliche Wichtigkeit zugemessen , indem sie , als sein Ziel , einen Handstreich auf diesen festen Platz ausgewittert . Unbestritten gärte in der niederen Bürgerschaft ein gewisses , unruhiges Treiben , gedämpft allein durch das geschickte und energische Auftreten des kommandierenden Generals . Da ein Teil der Besatzung der Armee in den Marken zugeteilt worden war , hatte man neuerdings zur Verstärkung der Garnison die Reservisten und jüngsten Landwehrklassen der umliegenden Bezirke einberufen , und es gehörte , wie es bei solchem schematischen Verfahren wohl zu geschehen pflegt , der Reservist Frey zu diesen Einberufenen , obgleich er als ordinierter Pfarrer von allen Mordgeschäften entbunden gewesen wäre , selbst wenn er den zum Regieren der Mordwaffen erforderlichen Arm nicht in der Binde getragen hätte . Er hatte sich seit Wochen einen Ausflug nach der Festungsstadt vorgenommen , bevor er in sein neues Amt übersiedelte ; er glaubte dem redlichen Freund Kurze die Mitteilung dieser geplanten Lebenswendung schuldig zu sein , gedachte , von seinen kriegerischen Kameraden Abschied zu nehmen , Martin und seine gütige Mutter noch einmal wiederzusehen , da er ja einen wie den anderen vielleicht für immer aus den Augen verlor ; vor allem aber verlangte ihn , seinem Bruder , der in der Kürze seinen » lieben Herrn « , anjetzo General , in dessen neue Garnison begleiten würde , noch einmal die Hand zu drücken . Die Einberufung beschleunigte nun die Ausführung dieses Plans . Es mutete Held Dezimus plötzlich an , den Schematismus zu übergipfeln und anstatt sich schriftlich abzumelden , es persönlich an Ort und Stelle zu tun . Möglich , daß sogar eine Art von loyaler Demonstration - um ihrer Wohlfeilheit willen verschämt ! - im Hintergrunde schimmerte . Die Einberufung war nirgendwo mit patriotischem Hochgefühl begrüßt worden , die gehorsame Folgeleistung des verwundeten Pfarrherrn dürfte etwa murrenden Wehrkameraden daher immerhin ein wackeres Beispiel geben . Kurz und gut , Held Dezimus war gewillt , für ein paar Tage seine Mißlaune gemütlich und patriotisch zu zerstreuen . Als er am Nachmittag aus der Stadt , wo er die Vorkehrungen für seinen Ausflug getroffen hatte , zurückkehrte , stürzte ihm die litauische Lene , die seine Haushälterin geworden war , mit verstörten Mienen entgegen . Der » schandbare Junker « war wieder da ! Ja , er hatte die Schandbarkeit so weit getrieben , um frank und frei auch auf dem diesseitigen Ufer spazieren zu gehen , am Hünengrabe vorbei , die Gartenmauer entlang , über den Gottesacker , wo er eine lange Weile vor dem frischen Hügel des alten Pfarrers still gestanden , durch das Dorf und unterhalb der Schloßterrassen bis zum Fährboot , in welchem er auf Mehlbornschen Grund zurückgekehrt war . Die alte Lene hatte dem dazumal » scharmanten « Junker mehr als erlaubt goldene Brücken gebaut , solange sie an ihn als ihres Herzblättchens Zukünftigen geglaubt ; nun er das Herzblättchen so schandbarerweise in Verruf gebracht hatte , war die Hölle nicht heiß genug für den Teufelsbraten geheizt . Auch hatte , ihrer Darstellung zufolge , der Höllenkandidat sich bereits zu einem richtigen Räuberhauptmann umgemodelt , trug statt der zierlichen Locken von ehedem einen wilden Haarwuchs , statt des blonden Schnurrbärtchens auf der Oberlippe einen fuchsroten , struppigen Vollbart , und was er auf dem Leibe hatte , war der Wüstigkeit des Hauptschmuckes entsprechend . Aber die alte Lene litt an blöden Augen und nicht bloß im Traume mitunter an feindlichen Erscheinungen . Ihrem jungen Herrn wollte diese neueste Erscheinung nicht recht einleuchten . Selbst Sidonie hatte , da sie keine Kunde von ihm oder über ihn erhalten , ihren Bruder außer Landes in Sicherheit geglaubt . Sollte sie die Gefahr für ihn so wesentlich überschätzt haben ? Indessen ging Dezimus die Sache doch im Kopfe herum , und so begab er sich nach dem Schlosse , sie mit den Freundinnen zu beraten . Rose kam ihm nicht wie sonst , wenn sie seinen Schritt auf der Treppe erlauscht hatte , entgegengesprungen . Auch im Wohnzimmer saß Lydia ruhig lesend allein . Doch bestätigte sie die feindliche Erscheinung . Max war gesehen worden , zwar nicht von ihr selbst , aber von dem alten Wagner und , am entscheidendsten , von Rosen , als er , eine lange Weile am Ufer auf und ab schlendernd , sich mit etlichen begegnenden Landleuten und auch mit dem alten Fährmann unterhalten hatte ; durchaus gegen seine bisherige höflich ablehnende Gewohnheit . Denn der volksfreundliche Dichter besaß die feinen , empfindlichen Sinnesnerven geistreicher Köpfe ; er konnte den gemeinen Mann - selbstverständlich nur buchstäblich genommen - nicht riechen . Wo aber eine reale Antipathie der idealen Sympathie in das Gehege kommt , behält leider gewöhnlich , und nicht bloß bei für Gleichheit schwärmenden Aristokraten , die Antipathie die Oberhand . Kein Zweifel demnach : Max wollte bemerkt sein , wollte zeigen , daß er nicht so kompromittiert sei , als selbst seine Schwester angenommen , daß er sich vollkommen sicher fühle und vielleicht sogar die Absicht hege , das ländliche Herrenleben fortzuführen . Lydia konnte nicht verhehlen , daß Rosen , trotz der Herrschaft , die ihr über das bewegliche Temperament gelinge , eine starke Erregung anzuspüren gewesen sei ; sie riet , das arme Kind aus der beunruhigenden Nähe zu entfernen , bis der Grund jenes geflissentlichen Gebarens sich aufgeklärt haben werde . » Denn , « so sagte sie , in seltener Übereinstimmung mit Sidonien , » warum sollte für diesen unsteten Geist ein endliches Bedürfnis der Treue undenkbar sein ? Warum sollte er nach der alle Kräfte überspannenden Aufregung in häuslicher Herzlichkeit nicht Frieden suchen und finden ? Rose liebt ihn , so wie er ist , und so wie sie ist , das heißt viel charaktervoller , als ich das anmutsvolle Kind bisher beurteilt hatte , wüßte ich kein geeigneteres weibliches Wesen , um ihn nicht nur zu reizen , sondern auch dauernd zu fesseln . Für sie selbst und auch für Sie , Freund , wäre dieser Abschluß aber jedenfalls weit natürlicher als der , welchen Sie hochherzig in das Auge gefaßt haben . « Sie schlug nun vor , daß Rose ihren Bruder auf seiner kleinen Reise begleiten und einige Zeit bei Frau von Hartenstein , die sie wiederholt freundlich zu sich eingeladen hatte , verweilen solle . Dezimus ging in Rosens Zimmer ; der Abend dämmerte . Sie lag auf dem Sofa , die Augen halb geschlossen , die Lippen halb geöffnet , die Wangen flammend wie im Fieber . » Du weißt es ? « rief sie ihm entgegen und - aufgewachte Erinnerungen , aufgewachtes Verlangen , aufgewachte Hoffnung - nur nicht aufgewachte Furcht klang aus dem Vibrieren ihrer Stimme . Hatte er Lydias Vorschlag ihrer Wahl anheimgeben wollen , so sprach er ihn jetzt aus als unumstößlichen Entschluß . Sie machte jach eine abwehrende Bewegung , sann aber dann eine Weile nach und sagte endlich : » Ja , ja ! bringe mich fort ! « Freiwillig versprach sie auch , da die Reise erst am übernächsten Tage angetreten werden konnte , sich nicht aus dem Schlosse und Lydias Nähe zu entfernen . Hätte Sidonie ihr Gebaren zu deuten gehabt , sie würde gesagt haben : » Es heißt hoffen , nicht verzichten . Der kleine Schlaukopf hat gelernt , wie ein Max zu fesseln ist . « Lydia und Dezimus dahingegen sagten : » Sie kämpft gegen einen natürlichen Zauber , aber mit dem Willen , ihn zu besiegen . « Beide hatten vielleicht recht . Im Wogen der Leidenschaft tauchen Dämonen und Genien nebeneinander in die Höh und wieder unter . In den Krisen , die sie aufwirbelt , entscheidet aber ohne Wahl ihr Erstgeborener , der Affekt . Der folgende Tag verging ohne Behelligung und ohne Spur von dem feindlichen Zauberer . Hielt er sich zurück ? Hatte er die Gegend wieder verlassen ? War er - eine Phantasmagorie des Hasses und der Sehnsucht - vielleicht gar nicht dagewesen ? Um nicht schlechthin in das Blaue hinein zu handeln , war Dezimus nahe daran , geradenweges Sidonien zu befragen , ob ihr Bruder die Absicht hege , sich in der Heimat niederzulassen . Nach besserem Besinnen verschob er indes die Frage bis nach seiner Rückkehr . Er gönnte unter allen Umständen der armen Rose einen zerstreuenden Wechsel , und hatte die Gefahr sich verzogen , war eine Heimholung ja leicht bewerkstelligt . Sie fuhren ab . Rose lachte , und Dezimus lachte selbst über die Figur , welche er in seinem Reisekostüm spielte . Weil eine scharfe Luft wehte und der verbundene Arm sich nicht bequemlich in den wärmenden Paletot fügen wollte , hatte er über den langen schwarzen Pfarrerrock den kurzen , bunten Soldatenmantel gehängt und dementsprechend im Coupe den hohen , steifen , schwarzen Hut mit der handlichen Feldmütze vertauscht , die er zufällig in der Tasche des Mantels fand . Zahlreiche Wehrleute füllten von Station zu Station den Zug , da der morgende Tag der der Gestellung war . Der Nachmittag war vorgerückt , bevor das Ziel erreicht ward . Als man das dunkle Festungstor passiert hatte , fand man den Bahnhof militärisch besetzt , der umgebende Wall war mit Kanonen bepflanzt , aus dem Inneren der Stadt hörte man Schüsse fallen . Auf dem Perron wirres Treiben und Drängen ; Angst und Entsetzen krächzten wie Raben in der Luft ! Eine Revolte , so hieß es , sei ausgebrochen , mit Hülfe der renitenten Landwehr die schwache Besatzung überrumpelt worden . Barrikaden , lange Zeit heimlich vorbereitet , ragten im Handumdrehen häuserhoch aufgetürmt ; das Blut flösse in Strömen ; der Belagerungszustand sei erklärt . Die Reisenden , welche in der Stadt hatten einkehren wollen , eilten ohne Aufenthalt weiter nach der nächsten Station ; die Fremden , die in der Stadt geherbergt hatten , drängten fliehend nach den abgehenden Zügen . Sie wurden streng gemustert , und wenn sie der Legitimation entbehrten , polizeilich zurückgehalten . Der Pfarrer von Werben und seine Schwester waren die einzigen zurückbleibenden Passagiere , und da er sich weislich mit einem Paß für sich und sie versehen hatte , durften sie ungehindert sich in den Wartesaal , dem einzig gestatteten Ein-und Ausgang , verfügen , von dort aus aber ihre Schritte lenken , wohin ihnen beliebte . Zu den ungeheuerlichen Gerüchten , welche auf dem Bahnhofe gespukt hatten , stimmte indessen verwunderlich wenig die Öde der Straße , welche die Geschwister jetzt betraten . Nur aus der Ferne fiel dann und wann noch ein Schuß . Ortsfremd , wie er war , hielt Dezimus es für geraten , Rose in einem dem Bahnhofe zunächst gelegenen Gasthause unterzubringen , während er selbst über die Lage der Dinge Erkundigung einzog . Der Wirt stand vor der Torfahrt , wie er lachend sagte , als einziger häuslicher Insasse , mit Ausnahme seiner Frau , die vor Schrecken krank zu Bett liege . Die Gäste seien entflohen , für Kellner und Mägde sei kein Halten gewesen . Die liebe Neugier habe sie samt und sonders auf den Tummelplatz des Skandals im Inneren der Stadt getrieben . Während er die Herrschaften in das erste beste Zimmer zu ebener Erde führte , erklärte er indes zu ihrer Beruhigung die sogenannte Revolte für einen erbärmlichen Krawall und auch diesen für so gut wie unterdrückt . Nur aus Übermut werde noch hier und dort ein Gewehr abgefeuert . Die Zahl der Gefallenen auf seiten der Truppen sei kaum nennenswert , auf seiten des Pöbels leider Gottes ! weit geringer als , um des guten Exempels willen , zu wünschen wäre : Die militärische Tätigkeit beschränke sich lediglich noch darauf , die Häuser nach dem Gesindel , das sich in sie geflüchtet habe , zu durchstöbern ; vor allem nach den wohlbekannten Rädelsführern . » Ist es nicht wie ausgestorben ? « fragte er lachend , da er » die Herrschaften « an das Fenster treten sah . » Die Vorsichtigen haben sich in ihren Wohnungen abgesperrt , die Vorwitzigen sind ausgeflogen dorthin , wo sie etwas Schreckliches zu hören und zu sehen vermuten . Im Mittelpunkte der Stadt , der in seiner Bauart an und für sich schon einem Gekröse gleicht , mag es ein schönes Schieben und Drängen geben ! Nichts geht dem Plebs über das Totgedrücktwerden ! « Dezimus unterbrach den mitteilsamen Herrn mit der Frage nach dem Bataillonsbureau , in dem er sich zu melden hatte . Die Straße lag , nahe erreichbar , abseiten des Gewühls . Auf die weitere Frage nach der Wohnung der Frau von Hartenstein prallte der leichtherzige Herr Wirt erschrocken zurück . Er hatte ein argloses Zutrauen zu seinem geistlich gekleideten Gaste gehegt , da Pfarrer und Hoteliers gemeinhin konservative Gesinnungsgenossen sind , - nun musterte er ihn mit den bedenklichsten Mienen . » Von Hartenstein ! « rief er , nachdem er sich physiognomisch beruhigt hatte . » Von Hartenstein , sagen der Herr ? Aber das ist gerade ja der , auf welchen man , als den Urheber des Unternehmens , fahndet ! Und klug und verwogen wäre der Patron schon dazu ! So ein fester Stützpunkt , halben Wegs zwischen Frankfurt und Berlin , der Plan war , weiß der Deixel , nicht ohne ! Wenn der Streich morgen , am Stellungstage , mit geschulten Leuten unternommen worden wäre , kein Zweifel , daß man mit Kanonen darein hätte fegen müssen , und die halbe Stadt wäre zu einem Trümmerhaufen zusammengeschossen worden . Unser Herr Kommandant läßt , Gott sei Dank ! nicht mit sich spaßen . Heute ist er in Dienstgeschäften auswärts , und weil man ihn morgen wieder auf seinem Posten wußte , hat man - ein Heidenglück diese Dummheit ! - die Ladung vorzeitig zum Platzen gebracht . Denn mit unserer Gassenbande allein brauchte freilich nicht viel Federlesens gemacht zu werden . Die Hauptsache ist nur , dem roten Hartenstein endlich den Garaus zu machen ! « Dezimus erklärte , daß nicht dieser Hartenstein es sei , nach dessen Wohnung er gefragt , sondern ein junger Offizier vom * sten Regiment , der erst vor kurzem hierher versetzt worden sei , und da Herr Goldmann noch nicht die Ehre hatte , den Betreffenden zu kennen , entfernte er sich , das Adreßbuch herbeizuholen . Rose hatte sich während des Wirtes Rede an eine Stuhllehne geklammert ; ihre Glieder flogen , das Gesicht , das sie dem Fenster zugekehrt hielt , war schattenbleich , die Zähne schlugen wie im Fieberfrost aneinander . Dezimus suchte sie zu beruhigen , wennschon ihm selbst nichts weniger als ruhig zumute war . » So glaube doch solcher Wirtshauskannegießerei nicht , Kind , « sagte er . » Wie wäre diesem vermeintlichen Urheber solch ein Tollmannsstreich zuzutrauen ? Und wissen wir denn nicht am besten , an welchem Orte derselbe zu suchen ist ? « Der Wirt trat wieder ein . Er brachte Licht , denn es war in der Zwischenzeit dämmerig geworden , und den Wohnungsanzeiger . Der Leutnant von Hartenstein war noch nicht darin aufgenommen . Dezimus meinte , daß er sich im Bataillonsbureau nach ihm erkundigen werde , und legte , nachdem der Wirt , um nach seiner kranken Frau zu sehen , sich entschuldigend zurückgezogen hatte , sein Soldatenzeug ab . Er gedachte seine dienstliche Angelegenheit so rasch als möglich abzutun und mit Rosen heute noch heimzukehren ; wenn auch leider wahrscheinlich erst mit dem Abendzuge , da der nachmittägige binnen einer halben Stunde abging . Wie verwünschte er seine loyale Demonstration ! » Nimm mich mit , Dezimus ! « preßte Rose hervor , indem sie sich an seinen Arm klammerte . » In ein Militärbureau ? « entgegnete er lächelnd . » In kurzem bin ich zurück und bleibe dann bei dir , oder führe dich , wenn du es wünschest , zu Frau von Hartenstein . Soll ich dir ein Zimmer im oberen Stock , wo es ruhiger ist , geben lassen ? « » Es ist ja auch hier ruhig , « versetzte sie , plötzlich gefaßt . » Ich schließe die Tür . Geh nur , geh ! « Dezimus ging . Rose öffnete das Fenster und sah ihm nach , bis er in einer Seitengasse verschwand . Es war noch Zwielicht , aber die Straßenlaternen wurden bereits angezündet . Ringsum Seelenstille . Rose zitterte noch immer . Fürchtete sie sich ? O , gewiß nicht . Die kleine Rose war nicht furchtsamer Art , und was hätte sie auch für sich selbst zu fürchten gehabt ? Sie zitterte für einen anderen , sie spähete nach ihm , hätte - vor ihm fliehen ? - nein , hätte mit ihm fliehen , ihn retten mögen um jeden Preis . Sie dachte nur an ihn ; es war , als ob sie seine Gegenwart wittere . Und doch ringsumher kein Mensch . Plötzlich hörte sie Tritte . In der Ferne kam eine Patrouille die Straße entlang . An ihrer Spitze ein Offizier , dessen gezogenen Säbel sie im Lampenlicht blitzen sah . Sonst niemand . Aber da - da - aus einem Quergäßchen einbiegend , eine Gestalt , - der , nach dem sie gespäht ! Nicht der visionäre Räuberhauptmann mit rotem , struppigem Haar und Bart , ein elegant gekleideter Tourist , geht er raschen , aber sicheren Schrittes dicht unter ihrem Fenster hin dem Bahnhofe zu . Wenige Schritte , und das Kommando muß ihn überholen