Euch keine eitlen Versprechungen , ich sage Euch nicht : Was Ihr thun werdet , soll Euch zu freien Menschen machen . Ich sage Euch im Gegentheil : Ihr werdet hierher zurückkehren , wie Ihr ausgegangen seid ; kein Lohn , keine Freiheit , Nichts harrt Eurer , wenn heute Abend nach gethaner Arbeit jenes Thor sich wieder hinter Euch schließt , nichts , als der Dank Eures Directors , ein Glas steifen Grogs und ein sanftes Ruhekissen , wie es einem ehrlichen Kerl ziemt . Wollt Ihr unter diesen Bedingungen zu Eurem Director stehen ? Wer es will , der hebe seine Rechte empor und rufe aus voller Brust : Ja ! « Und vierhundert Arme flogen in die Höhe und aus vierhundert Männerkehlen donnerte ein Ja , das den Sturm übertönte . Im Nu war die Schaar auf den Befehl und unter der Leitung des Directors zusammen mit den Männern , die vorhin in die Anstalt geflüchtet waren , in drei Züge getheilt , von denen Süßmilch den ersten , ich den zweiten und ein Sträfling , Namens Mathes , der früher Schiffbauer gewesen , ein sehr intelligenter , thatkräftiger Mensch , den dritten führen sollte . Die Aufseher standen in Reih und Glied . » Heut , Kinder , sind wir alle gleich und Jeder ist sein eigener Aufseher , « sagte der Director . So marschirten wir zum Thor hinaus . Der Weg , die enge Straße , auf welche das Hauptthor führte , hinab , war nicht lang und wurde schnell zurückgelegt ; aber an dem alten und ziemlich engen Thor an dem Ende der Straße fanden wir einen unerwarteten , seltsamen Widerstand , der mir mehr als alles Vorhergegangene die Gewalt des Sturmes bewies . Das alte Thor war eigentlich nur noch ein offener weiter Mauerbogen ; dennoch brauchten wir mehr Zeit hindurchzukommen , als wenn wir die schwersten , eisenbeschlagenen , eichenen Thorflügel hätten sprengen müssen , so drückte der Sturm durch die Oeffnung . Wie ein Riese mit hundert Armen stand er draußen und stieß jeden Einzelnen , der sich an ihn wagte , wie ein machtloses Kind zurück ; nur unseren vereinten Anstrengungen , indem wir uns gegenseitig die Hände reichten und an der inneren rauhen Oberfläche des Thores festhielten , gelang es , durch den Engpaß zu kommen . Dann ging es auf dem Wallwege zwischen der hohen Bastion auf der einen , und den Gebäuden der Anstalt auf der anderen Seite schnell vorwärts , bis wir an den Ort gelangten , wo unsere Hülfe Noth that . Es war jener lange , niedrige Wall , der unmittelbar an die Bastion stieß und über dessen Rand ich so oft vom Belvedere aus sehnsüchtigen Blickes auf das Meer und auf die Insel geschaut hatte . Seine Länge betrug vielleicht fünfhundert Schritt . Dann kam der Hafen mit seinen weit in das Meer hineingebauten , steinernen Molen . Warum diese Stelle bei einem Sturm , wie der heutige , so unendlich gefährdet war , wurde mir auf den ersten Blick klar . Das von der offenen See unter der Gewalt des Sturmes hereinfluthende Wasser wurde zwischen der hohen Bastion , die auf gewaltigen Futtermauern ruhte , und dem langen Hafendamm wie in einer Sackgasse gefangen , und da es weder rechts noch links ausweichen konnte , mußte es wohl das Hemmniß , welches sich ihm hier entgegenstämmte , zu durchbrechen suchen . Riß aber der Wall , so war der ganze untere Theil der Stadt verloren . Das konnte Keinem entgehen , der von dem Wall stadtwärts in die engen Hafengäßchen sah , deren Dachfirsten zum großen Theil kaum die Höhe des Walles erreichten , so daß man über dieselben weg in den Binnenhafen sehen konnte , welcher auf der uns entgegensetzten Seite der Hafenvorstadt lag , und wo jetzt die Masten der Schiffe wie Binsen durcheinanderschwankten . Ich glaube , daß ich keine Viertelminute gebraucht habe , mir die Situation , wie ich sie soeben geschildert , vollkommen klar zu machen und mehr Zeit ist mir auch schwerlich vergönnt gewesen . Sinn und Gemüth wurden von dem Anblicke der Gefahr , die wir zu bekämpfen gekommen waren , zu mächtig ergriffen . Ich , der ich mein ganzes Leben an der Küste zugebracht , der ich mich Tage lang in großen und kleinen Fahrzeugen auf den Wellen geschaukelt , der ich manchen Sturm , an Bord und von der Küste aus , mit nimmer müder Aufmerksamkeit und sympathetischem Grausen beobachtet hatte - ich glaubte , das Meer zu kennen , und sah jetzt , daß ich es nicht besser kannte , wie Jemand eine Bombe kennt , die er nicht hat explodiren , und Tod und Verderben rings um sich her hat streuen sehen . Nicht einmal in der Phantasie war ich der Wirklichkeit nahe gekommen . Dies war nicht mehr die See , die aus Wasser bestand , welches kleinere und größere Wellen bildet , welche Wellen mit größerer oder geringerer Gewalt an das Ufer schlagen - dies war ein Scheusal , eine Welt von Scheusalen , die mit weit aufgerissenen , schäumenden Rachen , brüllend , heulend , schnappend dahergefahren kamen ; - es war gar nichts Bestimmbares mehr : der Untergang aller Form , ja selbst aller Farbe , das Chaos , das hereinbrach , die Welt der Menschen zu verschlingen . Ich glaube , daß wohl keiner in der ganzen Schaar war , auf den dieser Anblick anders wirkte . Ich sehe sie noch dastehen , die vierhundert , wie sie auf den Wall heraufgestürmt waren , mit bleichen Gesichtern , die starren Augen bald auf das heulende Chaos , bald auf den Nachbar gerichtet , und dann auf den Mann , der sie hierhergeführt , und der allein im Stande war , zu sagen , was hier geschehen solle , was hier geschehen könne . Und niemals hat eine rathlose Schaar einen bessern Führer gehabt . Der herrliche Mann ! Ich sehe ihn mit dem treuen Auge der Liebe , das sinnend in die Vergangenheit blickt , so oft , in so vielen Situationen , und immer sehe ich ihn schön und groß ; aber in keinem Augenblicke schöner und größer als in diesem , wie er dastand auf dem höchsten Punkte des Walles , sich festhaltend an der Flaggenstange , die er dort hatte aufrichten lassen ; - schöner und größer und heldenhafter ! Ja ! Heldenhaft war seine Haltung und heldenhaft sein Auge , das die Gefahr und die Abhilfe in einem Blick umspannte , und heldenhaft war die Stimme , die unermüdet , mit scharfem klaren Ton , in knappen , bestimmten Worten die nöthigen Befehle ertheilte ! Die mußten hinab in die Hafengassen und an leeren Fässern und Kasten und Kisten herbeischaffen , was sie konnten ; die mit Spaten und Schaufeln und Karren und Körben hinauf auf die Bastion , wo es Erde in Ueberfluß gab ; die mit Sägen und Beilen und Stricken hinüber in das benachbarte Glacis , die jungen Bäume zu fällen , die seit Jahren auf einen Feind warteten , der heute gekommen war ; die auf die nahe gelegene Lastadie , die Schiffszimmerleute aufzufordern , mit Hand an ' s Werk zu legen und ein paar Dutzend große Balken , die wir nothwendig brauchten , sei es mit Güte , sei es mit Gewalt herbeizuschaffen . Noch war keine halbe Stunde vergangen und die mit genialer Umsicht angeordnete Arbeit war im vollen Gange . Hier wurden Körbe mit Erde in die Lücken gesenkt , die das Meer in den Wall riß , dort Pfähle eingeschlagen und mit Zweigen durchflochten , dort eine Balkenwand aufgeschichtet . Und das trieb und hastete sich , und grub und schaufelte und hämmerte und karrte und schleppte Centnerlasten herbei mit einer Emsigkeit , mit einer Kraft , mit einem starken , opferfreudigen Muth , daß mir noch jetzt die Thränen in die Augen kommen , wenn ich daran denke ; wenn ich denke , daß dies dieselben Menschen waren , welche die Gesellschaft von sich ausgestoßen , dieselben Menschen , die vielleicht um weniger Brocken willen , um eines kindischen Gelüstes , zum Dieb geworden ; dieselben Menschen , die ich so oft verdrossen durch die Höfe der Anstalt an die Arbeit hatte schleichen sehen ; dieselben Menschen , die gestern Abend der Sturm , der an die Mauern ihres Gefängnisses schlug , zu rasender Angst hatte aufregen können ! Da lag die Stadt unter ihnen : sie konnten hineinstürzen und rauben , brennen und morden nach Herzenslust - wer sollte es ihnen wehren ? Da lag die weite Welt offen vor ihnen : sie durften nur davon- und hineinlaufen - wer sollte sie zurückhalten ? Hier war eine Arbeit , schwieriger , mühsamer , gefährlicher , als eine , die sie je gethan - wer konnte sie dazu zwingen ? da war der Sturm , vor dem sie gestern gezittert , in seiner scheußlichsten Gestalt - - warum zitterten sie heute nicht ? Warum gingen sie scherzend , lachend in die offenbare Todesgefahr , als es galt , den großen Schiffsmast , der vom Hafen hergetrieben war , und jetzt von den Wellen als Sturmbock gegen den Wall geschleudert wurde , hereinzuholen ? Warum ? Ich meine , wenn alle Menschen dies Warum mit mir in gleicher Weise beantworteten , dann gäbe es keine Herren und Knechte mehr , dann sänge man nicht mehr das alte traurige Lied vom Hammer , der kein Amboß sein will , dann - doch warum ein Warum beantworten wollen , das nur die Weltgeschichte beantworten kann ? Warum die Ahnung unseres Busens herausstellen in die Welt , die gleichgültig daran vorübertreibt , ohne hinzublicken , vielleicht nur hinblickt , um darüber zu spotten ! - Wer diese Arbeit sah , wer diese Menschen sich die Haut von dem Fleisch und das Fleisch von den Knochen reißen sah in ihrer gewaltigen , fürchterlichen Arbeit , der lachte nicht , und wer es sah , das waren die armen Bewohner der Hafengassen , Weiber und Kinder zumeist - denn die Männer mußten mit arbeiten - , die herbeikamen und unten im Schutze des Walles standen und mit sorgenvollen , erstaunten Mienen hinaufschauten zu den Graujacken dort oben , die sie sonst nur mit mißtrauischen , scheuen Blicken von weitem beobachteten , wenn dieselben , in kleinen Trupps von einer Außenarbeit kommend , durch die Straßen geführt wurden . Heute hatten sie keine Angst vor den Graujacken ; heute beteten sie , daß ihnen Speise und Trank gesegnet sein möge , die sie selbst bereitwillig herbeitrugen . Sie hatten keine Angst vor den vierhundert Graujacken , sie wünschten höchstens , daß ihre Zahl sich verdoppeln und verdreifachen möge ! Aber es gab Leute , die weit aus dem Bereiche der Gefahr wohnten , um deren Gut und Leben es sich in diesem Augenblicke keineswegs handelte und die deshalb vollauf in der Lage waren , das Ungehörige und Ungesetzliche , das man hier zu vollführen wagte , bitter zu empfinden . Ich erinnere mich , daß nach einander der Polizei-Director von Rabach , der Regierungs-Präsident von Krossow , der Generallieutenant und Commandant der Festung , Excellenz Graf Dankelheim kamen , und unseren Anführer mit Bitten , Befehlen , Drohungen bestürmten , seine gefürchtete Brigade wieder hinter Schloß und Riegel zu bringen . Ja , ich erinnere mich , daß sie gegen Abend zusammen da waren , einen gemeinschaftlichen Sturm zu versuchen , und ich muß noch heute lächeln , denke ich der heiteren Ruhe , mit welcher der Gute , Brave diesen Angriff zurückwies . » Was wollen Sie , meine Herren ? « sagte er . » Wollen Sie wirklich lieber , daß Hunderte ihr Leben verlieren und das Eigenthum von Tausenden vernichtet wird , als daß ein Dutzend oder ein paar Dutzend dieser armen Schelme das Weite und die Freiheit suchen , die sie nebenbei heute redlich verdient haben ? Und übrigens werde ich sie , wenn die Gefahr vorüber ist , zurückführen . Bis dahin soll mich Niemand von hier vertreiben , es sei denn , daß er mich mit Gewalt vertriebe , und dazu ist ja wohl glücklicherweise Keiner von Ihnen im Stande , meine Herren ! Und nun , meine Herren , muß diese Unterredung zu Ende sein , das Dunkel bricht herein ; wir haben höchstens noch eine halbe Stunde , unsere Vorbereitungen für die Nacht zu treffen . Ich habe die Ehre , meine Herren ! « Und bei den Worten machte er eine Handbewegung gegen die drei Würdenträger , die mit unendlich armseligen Mienen davonschlichen , und wandte sich dahin , wo man seiner bedurfte . In diesem Augenblicke mehr als je ; denn es war jetzt - kurz vor dem Hereinbrechen der Nacht - als ob der Sturm seine ganze Kraft zu einem letzten , entscheidenden Angriff zusammennähme . Ich fürchtete , daß wir unterliegen würden , daß die sechsstündige , verzweifelte Arbeit vergeblich gewesen sei . Die Riesen-Wellen brandeten nicht mehr zurück - ihre Kämme wurden abgerissen und über den Wall herüber weit in die Straßen hineingeschleudert . Angstheulend stob die unten versammelte Menge auseinander ; von uns Arbeitern vermochte kaum einer noch oben Stand zu halten , ich sah verwegene Gesellen , die bis dahin mit der Gefahr gespielt hatten , bleich werden und den Kopf schütteln und hörte sie sagen : Es ist unmöglich , es geht nicht mehr . Und jetzt kam der schauerlichste Act in diesem furchtbaren Drama . Ein kleines holländisches Schiff , das draußen auf der Rhede gelegen hatte , war von seinen Ankern getrieben , und wurde in der grauenhaften Brandung wie eine Nußschale hinüber und herüber , aus der Tiefe in die Höhe , aus der Höhe in die Tiefe und mit jeder Welle näher an den Wall geschleudert , den wir verteidigten . Wir sahen die verzweifelten Geberden der Unglücklichen , die in den Raaen hingen , wir hätten uns einbilden können , ihr Angstgeschrei zu hören . - » Können wir nichts thun ? « rief ich , » nichts ? « mich mit Thränen der Verzweiflung in den Augen an den Director wendend . Er schüttelte traurig den Kopf . » Das Eine vielleicht , « sagte er , » daß , wenn das Schiff bis oben hinauf geschleudert wird , wir versuchen , es festzuhalten , damit es die Brandung nicht wieder herabstrudelt . Gelingt es nicht , sind jene verloren , und wir auch , denn das hin- und hergeschleuderte Fahrzeug würde uns eine Bresche in den Wall schlagen , die wir unmöglich wieder ausfüllen können . Laß starke Pfähle einschlagen , Georg , und das eine Ende unserer dicksten Seile daran befestigen . Es ist eine schwache Möglichkeit nur , aber es ist doch eine . Komm ! « Wir eilten zu der Stelle , an der das Fahrzeug voraussichtlich stranden mußte , und von der es nur noch wenige hundert Fuß entfernt war . Die Leute waren von dem Wall gewichen und hatten vor der maßlosen Wuth des Sturmes , wo sie konnten , Schutz gesucht , jetzt , als sie ihren Führer selbst die Axt in die Hand nehmen sahen , kamen sie alle wieder herbei und arbeiteten mit einer Art von Wuth , im Vergleich zu dem Alles , was sie bis jetzt geleistet , Kinderspiel gewesen . Die Pfähle waren eingerammt , die Seile befestigt . Ich selbst und noch drei andere Männer , die für die stärksten galten , standen auf dem Wall , des rechten Augenblickes harrend . Furchtbare Momente , die dem Muthigsten das Blut in den Adern erstarren , die einem Jünglinge das braune Haar bleichen konnten ! Und das kaum für möglich Gehaltene gelang . Eine Riesenwelle kam herangebraust , auf ihrem Rücken das Fahrzeug . Und da bricht sie herein - eine Sündfluth , die sich über uns ergießt ; aber wir stehen fest , wir krampften uns mit den Nägeln an die eingerammten Pfähle , und als wir wieder um uns blicken können , liegt das Schiff , wie ein verendeter Wallfisch auf der Seite , hoch oben auf dem Wall . Wir springen herzu , hundert Hände sind auf einmal beschäftigt , die Seile um die Masten zu schlingen , hundert Andere die bleichen Menschen - fünf an der Zahl - aus den Raaen , an die sie sich gebunden , herauszulösen . Es ist geschehen , ehe die nächste Welle hereinbricht . Wird sie uns unsere Beute entreißen ? Sie kommt , und noch eine , und abermals eine ; aber die Stricke halten : jede Welle ist schwächer als ihre Vorgängerin ; die vierte erreicht nicht mehr den Rand , die fünfte bleibt noch weiter darunter ; - in dem furchtbaren , unaufhörlichen Donner , der heute so viele Stunden unsere Ohren betäubt , tritt auf einmal eine Pause ein ; die nach Osten gepeitschten Flaggen auf den schwankenden Masten der Schiffe des Binnenhafens hangen auf einmal herab und flattern dann nach Westen herüber ; - der Sturm ist gebrochen ; der Wind springt um - der Sieg ist unser ! Der Sieg ist unser ! Ein Jeder weiß es in demselben Augenblick . Ein Hurrah , das nicht enden will , bricht aus den Kehlen dieser rauhen Menschen . Sie schütteln sich die Hände , sie fallen einander in die Arme . - Hurrah ! Hurrah ! und nochmals Hurrah ! Der Sieg ist unser - er ist theuer erkauft . Als meine Augen ihn suchen , dem Alle Alles zu danken haben , finden sie ihn nicht auf der Stelle , wo ich ihn zuletzt gesehen . Aber ich sehe die Leute nach der Stelle laufen , und ich laufe mit ihnen , ich laufe schneller als sie , gejagt von einer Sorge , die mir Flügel verleiht . Ich dränge mich durch ein paar Dutzend , die in dichtem Haufen zusammenstehen , und alle vornübergebeugten Kopfes auf einen Mann blicken , der auf der Erde liegt , auf den Knieen des alten Wachtmeisters . Und der Mann ist todtenbleich , seine Lippen sind mit blutigem Schaum bedeckt und neben ihm rings umher ist die Erde mit Blut gefärbt , mit frisch vergossenem Blut , seinem Blut , dem Herzblut des Edelsten der Menschen . » Ist er todt ? « höre ich einen der Männer fragen . Aber der Held hier darf noch nicht sterben ; er hat noch eine Pflicht zu erfüllen . Er winkt mir , da ich mich über ihn beuge , mit den Augen und bewegt die Lippen , über die kein Laut mehr kommt ; aber ich habe ihn verstanden , ich umfasse ihn mit beiden Armen und richte ihn empor . So steht sie nun aufrecht an mich gelehnt , die hohe , königliche Gestalt . Sie können ihn Alle sehen die Männer , die er hierher geführt , und die er jetzt zurückführen will . Und wieder winkt er mir mit den Augen nach seiner Hand , und ich nehme die schlaff herabhängende wachsbleiche und sie deutet in die Richtung des Weges , den wir heute Mittag gekommen sind . Und da ist Keiner , der dieser stummen , feierlichen Mahnung nicht zu gehorchen wagte . Sie schaaren sich zusammen , sie treten in Reihe und Glied ; der Wachtmeister und ich , wir tragen den sterbenden Führer . So geht es zurück in langem , langsam feierlichen Zuge . Die Nacht ist hereingebrochen , nur noch einzelne Sturmstöße sausen vorüber und erinnern an den Tag , den furchtbaren , den wir Alle durchlebt haben . Die Arbeitshäusler , die heute außer dem Hause gearbeitet haben , - sie schlafen auf dem Ruhekissen eines guten Gewissens , das ihnen ihr Director zur Nacht versprochen . Ihr Director schläft auch , und sein Kissen ist so sanft , wie der Tod für eine große , gute Sache es machen kann . Ende des ersten Theiles . Zweiter Theil Erstes Capitel . Ein Jahr nach diesen Ereignissen stieg ein einsamer Wandersmann den abfallenden Rücken eines der Haidehügel empor , welche die gute Stadt Uselin nach der Landseite hin umschließen . Er ging langsam , wie Jemand , der von einem weiten Marsche ermattet ist , und seine Füße nur noch mühsam durch jenen grobkörnigen Sand schleppt , mit welchem das Meer seine Schwelle zu bestreuen liebt . Aber der Wandersmann war gar nicht ermüdet ; er hatte während des ganzen Tages nur wenige Meilen zurückgelegt , und für ihn wäre auch wohl eine doppelt so große Anstrengung Kinderspiel gewesen . Das Bündel , das er an einem Stocke auf der Schulter trug , konnte ihn auch nicht drücken , denn es war winzig klein , und doch schritt er langsam und langsamer , je näher er den drei Tannen kam , welche den Rücken des Hügels krönten ; ja , er blieb wiederholt stehen und legte die Hand auf das Herz , als ob ihm der Athem fehlte zu den paar Schritten , die noch übrig waren . Und jetzt stand er oben unter den Tannen ; der Stock sammt dem Bündel entglitt seinen Händen ; er breitete die Arme weit aus nach dem Städtchen , das von dem Strande des Meeres , mit dem Meere , zu ihm heraufschimmerte . Dann warf er sich - der große starke Mann - unter die Tannen in das Haidekraut und schluchzte und weinte wie ein Kind , und dann richtete er sich , kopfschüttelnd , halb auf , stützte den Ellenbogen auf den Boden , und so blieb er eine lange Zeit , immerfort schauend nach dem Hafenstädtchen zu seinen Füßen , auf dessen spitzen Giebeln und steilen Dächern die Abendsonne röthlich lag . Was für Gedanken mochten dem Einsamen da oben durch den Kopf gehen ? Was für Empfindungen seine sich unruhig hebende und senkende Brust erfüllen ? So mancher Poet , der seinen Helden leichtsinnig in eine ähnliche Situation gebracht hat , mag die Beantwortung dieser Fragen nicht ganz unbedenklich finden ; für mich hat sie keine Schwierigkeit , denn glücklicherweise bin ich selbst der Wanderer dort in dem Haidekraut unter den Tannen , und seitdem ich da lag , sind noch nicht so viel Jahre verflossen , daß der Ort und die Stunde und was sie brachten , meinem Gedächtnisse entfallen sein könnten . Was sie brachten ? Einen Schwarm von Erinnerungen aus den Jahren , als der Mann noch ein wilder Knabe war , und Alles , was er hier vor sich liegen sah , der Tummelplatz seiner Spiele : die Stadt von dem tiefsten Grunde der halbverschütteten Wallgräben bis in die Thurmknöpfe hinauf ; die Gärten , Felder , Wiesen und Haiden , die sie umgaben , bis hier zu den Hügeln ; dort der Hafen mit seinen Schiffen und das schimmernde Meer , auf welches er im gebrechlichen Kahn hinauszurudern liebte , während die Thürme der Stadt , wie jetzt , der rothe Abendschein umspielte . Hierhin und dorthin schweiften meine Blicke , und hier und dort und überall trafen sie auf Punkte , die wie alte Bekannte zu mir herübergrüßten . Aber sie blieben auf keinem Punkte lange haften , wie wenn man in einem bekannten Buche nach einer besonderen Stelle blättert , und Blatt um Blatt durch die Finger gleitet und jede Zeile , auf die das Auge trifft , uns bekannt ist und doch immer die Stelle nicht kommen will , nach der wir suchen . - Freilich , es war ja so nieder und klein das alte einstöckige Haus mit dem schmalen Giebel in der engen Hafengasse , und die Hafengasse lag tief , verdeckt von den größeren Häusern der mittleren Stadt - wie konnte ich das kleine Haus mit dem schmalen Giebel von dieser Stelle aus sehen wollen ! Und doch ! weshalb hatte ich den Weg gemacht , die vier Meilen hierher aus dem Gefängniß - den ersten Weg des wieder freien Mannes - als , um das Haus zu sehen , und wenn es das Glück wollte , durch eine Ritze in dem Fensterladen vielleicht , den , der es bewohnte ! Denn vor ihn hinzutreten , ihm Aug ' in ' s Auge zu schauen , ihm die Arme um den Nacken zu schlingen , wie mein Herz mich hieß - das wagte ich nicht zu hoffen , durfte ich nach dem , was geschehen , nicht zu hoffen wagen . Hatte doch in den kurzen Briefen , mit denen er meine Briefe beantwortete , während der langen sieben Gefängnißjahre nie ein Wort der Liebe , des Trostes , der Verzeihung gestanden ! Ja , mein letzter Brief vor acht Tagen , in welchem ich ihm zu seinem siebenundsechzigsten Geburtstage im Voraus Glück wünschte , und daß dieser Tag der Tag meiner Befreiung sein werde , und ob ich wagen dürfe , an diesem Tage - ein anderer und hoffentlich besserer Mensch - vor ihn zu treten - dieser Brief , den ich , nassen Auges , mit zitternder Hand geschrieben , er war nicht beantwortet worden . Von den hohen Dächern und spitzen Giebeln , von den flatternden Wimpeln der Schiffe im Außenhafen , von den beiden Kirchthürmen endlich war der rothe Abendschein geschwunden ; leichter Nebel stieg aus den Wiesen und Feldern , die sich von den Haidehügeln zur Stadt zogen . Auf der mit schlanken jungen Pappeln besetzten Chaussee fuhr die Post vorüber ; ich verfolgte den langsam dahin rollenden Wagen von Baum zu Baum , bis er hinter den ersten Häusern der Vorstadt verschwand . Hier und da auf den schmalen Fußpfaden zwischen den Feldern bewegten sich die Gestalten von Arbeitern nach der Stadt zu , und auch sie verschwanden . Tiefer sank der Abend herein , dichter wurden die Nebel auf den Gründen ; nichts Lebendes war noch zu erblicken , nur ein paar Hasen , die auf einem Stoppelfeld Männlein machten , und ein ungeheurer Schwarm von Krähen , der aus dem benachbarten Tannenwalde , wo ich sonst mit meinen Kameraden » Räuber und Gensd ' arm « gespielt , krächzend im schwärzlichen Gewimmel , dunkel sich abhebend von dem lichteren Abendhimmel , nach den alten Kirchthürmen zog . Jetzt war die Stunde gekommen . Ich richtete mich auf , hing das Bündel wieder über den Stock und ging langsam den Hügel hinab durch die nebeligen Felder den Weg zur Stadt . Auf einer abgelegenen Stelle der Anlagen machte ich noch einmal Halt - es war mir noch nicht dunkel genug . Ich fürchtete mich vor Niemand und brauchte mich vor Niemand zu fürchten . Selbst vor meinem großen Feinde , dem Justizrath Heckepfennig , wenn ich ihm begegnet wäre , ja vor den unnahbaren Männern Luz und Bolljahn , den Stadtdienern , hätte ich nicht die Augen niedergeschlagen oder mich auf die Seite gedrückt , und dennoch - es war mir noch nicht dunkel genug . Und nun rauschte es lauter in der halbentblätterten Krone des Ahorn , an dessen Stamm ich lehnte , und aufblickend , sah ich einen Stern durch die Zweige schimmern - nun mochte es sein . Wie dumpf meine Schritte in den leeren Gassen hallten ! und wie dumpf mir das Herz schlug in der gepreßten Brust ! Als ich durch die Rathhaushalle ging , stand Vater Rüterbusch , der Nachtwächter , - noch im bloßen Kopf und ohne sein Wehr und Waffen - vor dem Wachlokal und schaute nachdenklich auf den leeren Tisch und die ausgeschnittene Tonne von Mutter Möller ' s Kuchenstand , während über uns die Glocke auf dem Thurm der Nikolaikirche acht schlug . War Mutter Möller gestorben , daß Vater Rüterbusch so nachdenklich auf die leere Tonne blickte , und nicht einmal ein Auge hatte für seinen alten Bekannten aus der Custodie ? Gestorben ? Warum hätte sie nicht sterben können ? es war eine alte Frau gewesen , als ich sie zuletzt gesehen , just so alt wie mein Vater - sie hatte es mir einst selbst gesagt , als ich mein Taschengeld bei ihr vernaschte . So alt wie mein Vater ! - Ein rauher Wind strich durch die Halle : mich schauderte vom Kopf bis zu den Füßen , und mit eiligem Schritt , der beinahe zum Laufen wurde , hastete ich über den kleinen Marktplatz die abschüssigen Straßen hinunter nach dem Hafen . Da war die Hafengasse und da war das Haus ! Gott sei Dank ! Es schimmert Licht durch die Läden der beiden Fenster linker Hand . Gott sei Dank ! Und jetzt wollte ich , jetzt mußte ich thun , was ich damals gemußt und auch gewollt , und doch nicht gethan ; hineingehen zu ihm und zu ihm sprechen : vergieb mir ! Ich faßte den Messinggriff der Thür - wieder lag er wie Eis so kalt in meiner heißen Hand . Die Glocke an der Thür that einen schrillen Ruf und bei dem Ruf erschien auf der Schwelle des Zimmerchens zur rechten Hand , just wie an jenem verhängnißvollen Abend , das treue Riekchen . Nein , nicht just wie an jenem Abend . Ihre kleine , altergekrümmte Gestalt war in ein schwarzes Gewand gekleidet und ein schwarzes Band war an der schneeweißen Haube , deren breite Frisur strahlenförmig das runzlige Gesicht umgab . Und aus dem runzligen Gesicht flirrten die rothen , verweinten Augen nach dem Ankömmling . » Rieke , « sagte ich - es war Alles , was ich hervorbringen konnte ! » Georg , guter Gott ! « schrie die Alte , mit hocherhobenen Händen auf mich zuwankend , » Georg ! « Sie hatte meine beiden Hände ergriffen und starrte schluchzend , während ihr die Thränen stromweise über die gefurchten Wangen rollten , mit bebenden Lippen , sprachlos zu mir auf . Sie brauchte nicht zu sprechen ; ich fragte nicht , was geschehen sei ; ich fragte nur : » wann ? « » Heute sind es acht