dennoch von der dumpfen , erdrückenden Angst , die auf ihm gelegen hatte , und er konnte wieder etwas Anderes denken , als die Worte Sünde und Schande , obschon seine Gedanken aus derselben Wurzel stammten . Er sagte sich , daß jetzt Alles anders sei , anders werden müsse . Es kam ihm vor , als sei der gestrige Tag schon lange , lange vergangen , so lange vergangen , wie die Zeit , in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schlosse gestanden hatte ; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen , und jetzt war er das nicht mehr . O , nein , nicht mehr ! Er seufzte , als er sich dies sagte , und hätte doch nicht zu erklären vermocht , was in ihm vorgegangen sei . Er wußte nicht , daß er kein Kind mehr sei , weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt , weil der Schleier plötzlich vor ihm zerrissen worden war , der die Kindheit von dem Leben abtrennt , und weil an dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefährten , dem Kummer und dem Schmerze , vor ihm gestanden hatten . Er konnte nicht schlafen . Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe umher , daß der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten ließ . Die Finsterniß , welche er erst gesucht hatte , fing ihn zu ängstigen an , aber das frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht , bis er endlich , als die Sonne schon drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing , müde und frierend einschlief . Gegen die Gewohnheit mußte man ihn mehrmals wecken . Die Magd , welcher dies oblag und die ihm sein Frühstück gab , sagte ihm , er möge , ehe er zur Schule gehe , noch bei Mamsell Seba vorsprechen . Er hörte es , aber heute mochte er nicht zu Seba gehen . Sie wußte es ja auch ! Auf der Straße traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen ; das war ihm unlieb . Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen , er konnte auch in der Schule sich nicht zwingen , dem Unterrichte zu folgen . Man kannte ihn nicht wieder . Lehrer und Schüler fragten ihn , ob er krank und weßhalb er so traurig sei . Er versicherte , daß ihm nichts fehle . Er wollte auch gern lachen und munter sein wie sonst ; aber es wollte ihm nicht gelingen . Es freute ihn nichts . Was sollte er auch hören , was sollte er sehen , was kümmerte ihn denn auf der Welt , als die eine verzweiflungsvolle Frage : wissen sie es denn , wer weiß es denn ? - Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne , es zerriß ihm fast das Herz , denn er hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren , was Unglück sei und wie es schmerze . Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich wuchten fühlte - und jungen , ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer , als wir es ermessen - rühmte sich die Kriegsräthin gegen ihren Mann , daß sie es vorgezogen habe , sicher zu gehen , weil sie es nicht liebe , sich in wichtigen Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandtheit zu verlassen . Da sie zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden , habe sie ihm lieber gleich gesagt , was er früher oder später doch erfahren müssen , und sie habe es ihm kurz und rund heraus gesagt , denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht leiden ; der Mensch müsse bei Zeiten daran gewöhnt werden , die nackte Wahrheit zu ertragen . Und wie hat Paul die Mittheilungen aufgenommen ? fragte der Kriegsrath mit sichtlicher Besorgniß . Wie soll er sie aufgenommen haben , entgegnete die Frau , Du kennst ihn ja ! Er machte die großen Augen noch weit größer auf und starrte mich an , wie das seine Art ist , hinter der Du und die Flies ' sche Familie Gott weiß welche Eigenschaften verborgen glaubt , und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist . Den Schlaf hat es ihm nicht geraubt , denn man hat ihn kaum erwecken können . Der Kriegsrath gab sich damit wie jetzt überhaupt mit allem Uebrigen zufrieden ; aber er ging dennoch zu Madame Flies , ehe er sich in sein Bureau verfügte , um sie zu benachrichtigen , daß seine Frau mit Paul gesprochen habe und daß Seba es also nicht zu thun brauche , wenn der Knabe dies nicht selbst veranlasse . Denn , sagte er , meine Frau glaubt das zwar nicht , aber ich weiß , der Junge hat Ehrgefühl und Herz , es wird ihn wurmen und er wird ' s nicht leicht verwinden . Fünftes Capitel Wie befindest Du Dich heute ? fragte der Freiherr seine Gattin , als sie sich an dem Tage von der Tafel erhoben hatten . Sie antwortete ihm , daß es ihr nicht übel gehe . Aber Mama , sagte Renatus , Du hast ja Blut gespieen ! Der Freiherr ward achtsam , denn das war nie zuvor geschehen , und er erkundigte sich lebhaft , ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei . Angelika beruhigte ihn darüber . Sie sagte , wie der Doctor ihr versichert , daß dies gar Nichts auf sich habe , wenn sie sich nur vor heftigen Gemüthsbewegungen und vor Erhitzung hüte . Nur so bald als möglich auf das Land zurückzukehren , habe er ihr gerathen , und sie selber trage auch danach Verlangen , denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden . Der Freiherr meinte , sie sähe eben jetzt erhitzt aus , indeß sie wiederholte , daß sie sich erleichtert , ja freier fühle als seit langer Zeit , und nachdem er eine Weile etwas zu überlegen geschienen , sagte er , sich zu ihr wendend : Da Du Dich nach Richten sehnst , meine Liebe , ist es mir recht erwünscht , daß ich meine Geschäfte hier beendet habe , und daß unserer Abreise von meiner Seite jetzt nichts mehr im Wege steht . Selbst Deine Aussage , daß Du Dich in der Stadt niemals so wohl befunden als in Richten , ist mir sehr erfreulich , - wie sich denn mitunter Alles leicht und geschickt fügt , während manchmal Alles uns zu widerstreben scheint ! Angelika verstand nicht , was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte Aeußerung sich beziehen konnte ; aber seine Zutraulichkeit , sein ruhiges Eingehen auf die Unterhaltung überraschten sie , denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem Zerwürfniß so kurz und so ganz äußerlich gewesen , daß sie sich nicht erinnern konnte , irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehört zu haben , wenn sie sich mit ihm allein befunden hatte . Sie fragte ihn , was ihn zu jener Betrachtung veranlaßt habe , und er antwortete : Ich meinte damit , daß uns oftmals , wenn wir mit irgend einem Entschlusse nicht zu Stande kommen können , ein sogenannter Zufall über alle Schwierigkeiten forthilft . Geben wir ihm verständig nach , folgen wir seiner Weisung , so werden wir es plötzlich gewahr , daß alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen , und welche Vortheile es uns bringt , welche Erleichterungen sich uns bereiten , wenn wir uns entschließen , diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu verlassen . Er hielt ein wenig inne und sprach dann , da er die Augen Angelika ' s mit einer Art von Besorgniß auf sich gerichtet sah , zögernd , aber doch mit anscheinendem Gleichmuthe : Ich habe mich seit Jahren mit der unnöthigen Sorge um das Haus der Tante Esther getragen . Jedes Frühjahr , jeder Herbst haben Reparaturen darin nöthig gemacht , und es ist ein Capital völlig unbenutzt und ungenossen geblieben , nur damit ein paar alte und zum Theil mürrische Domestiken , einige alte Bilder und ein paar alte Kläffer nicht von ihrer Stelle gerückt zu werden brauchen . Die Sorge bin ich endlich los ! Du bist der Sorge los , und wie das ? fragte die Baronin . Ich habe heute das Haus verkauft ! entgegnete er und erhob sich , um ein Notizbuch von einem Seitentische zu holen . Angelika konnte sein Gesicht nicht sehen , er mochte sie auch nicht anblicken , und es war ihm unlieb , daß sie schwieg . Das gute , alte Haus ! sagte sie nach einer Weile . Du hast es nie geliebt , entgegnete er ihr , wie kannst Du es beklagen ? Ich dachte nur , wie Alles doch so wandelbar und so vergänglich ist ! gab sie ihm zur Antwort . - Er blätterte in dem Notizbuche ; sie ließ ihn gewähren , bis sie endlich mit der Schüchternheit , welche sie dem Freiherrn gegenüber jetzt niemals mehr verließ , leise die Frage aufwarf : Mußtest Du das Haus verkaufen , war es denn nicht zu vermeiden , Franz ? Aber er mißkannte den Ton der Betrübniß und der Sorge , der aus ihren Worten sprach , und ihn für einen Vorwurf haltend , sagte er : Der Kirchenbau in dem unseligen Rothenfeld hat zu viel Geld verschlungen , und die durch Herbert nöthig gewordene Entlassung Adam ' s macht mir große Schwierigkeiten . Es blieb mir keine Wahl ! Er wußte , was er ihr mit diesem Ausspruche that , und er bereute ihn sofort ; denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten , ohne sich gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben , nöthigte der Zustand der Baronin ihm dennoch Theilnahme und Rücksicht ab . Er versuchte es also , sie mit seinen Worten und mit dem Ereigniß auszusöhnen , indem er leichthin von gewissen Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschäftsverhältnisse zu reden anhob , deren er sonst niemals gegen sie erwähnte . Aber weit entfernt , sie zu beruhigen , erhöhten die Mittheilungen nur ihre Besorgnisse . Er ließ sie bemerken , daß sie in Mamsell Marianne , die er nach den Anordnungen von Fräulein Esther jetzt nach Richten nehmen müsse , eine Pflegerin erhalten werde , wie sie dieselbe schon lange nöthig gehabt habe ; mitten in diesen Auseinandersetzungen unterbrach ihn jedoch Angelika plötzlich mit dem Ausrufe : Weiß es die Herzogin ? Nein , entgegnete der Freiherr , von der Frage nicht angenehm berührt , und ich wünschte auch , daß ihr die Sache wenigstens vorläufig noch verborgen bleibe ! O gewiß , rief die Baronin , und beide , der Freiherr sowohl als Angelika , fühlten sich , wenn auch aus verschiedenen Gründen , eben durch die Erinnerung an die Herzogin verstimmter und gedrückter als zuvor . Die Unterhaltung gerieth völlig ins Stocken . Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann , auf den früheren Gegenstand des Gespräches zurückkehrend : Wie es mir überhaupt willkommen ist , von dem Besitze des Hauses frei zu werden , so ist mir es auch angenehm , daß grade Flies es kaufte . Er hat sich wie immer als einen bequemen Geschäftsmann , hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen , und da er sein hiesiges Geschäft nun aufzugeben denkt , hat er mir freiwillig das Anerbieten gethan , Dich Dein Schlüsselgeld - denn ein solches kommt Dir zu - aus seinem Magazine wählen zu lassen , wobei er Dich sicher nicht beschränken wird . Es sind Leuchter , silberne Schalen , Kelche dort , die trefflich für unsern Altar passen und Dir und dem Caplan sicherlich Freude machen würden . Hat der Arzt Dir auszufahren gestattet und fühlst Du Dich dazu geneigt , so möchten wir , da die Herzogin auch Luft zu schöpfen wünscht , vielleicht noch heute diesen kleinen Einkauf abthun , und wir könnten dann auf morgen Mittag unsere Rückreise festsetzen . Angelika , die sich von jeher gefällig den Anordnungen ihres Gatten gefügt , ließ sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein . Sie erklärte sich also gleich bereit , die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen , aber es kostete sie eine große Ueberwindung ; denn im sichern Reichthum , in den geordnetsten Verhältnissen erwachsen , und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten Besitzes , war sie von der Nachricht , welche sie eben jetzt erhalten hatte , sehr erschüttert worden . Nur die entschiedenste Nothwendigkeit konnte ihren Gatten , wie sie glaubte , bewogen haben , das Haus in fremde Hände übergehen zu lassen ; hatte er doch oftmals es ausgesprochen , wie er es für einen Mann in seiner Stellung geboten finde , in der Residenz ansässig zu sein und dort ein festes Domicil zu haben . Sie hätte ihn gründlich fragen mögen , was denn geschehen sei , sie hätte völlige Auskunft fordern mögen ; die Weise , mit welcher der Freiherr die ganze Angelegenheit behandelte , zeigte ihr aber , daß er keine Erörterungen wünsche , und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen , da eine innere Stimme ihr verrieth , daß es ihm nicht leicht sei , den Gleichmuth zu behaupten , den er zu zeigen für angemessen hielt . Schweigend Unruhe zu ertragen , muß man gesund sein , und Angelika war krank . Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an , als sie ihren Hut und ihren Shawl verlangte , um auszufahren ; auch die Herzogin , welche man benachrichtigt hatte , und die gekommen war , die Ausfahrt mitzumachen , warnte davor ; indeß auf den Ausspruch des Arztes gestützt , der sie freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung nicht gesehen hatte , ließ sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen , und dem Freiherrn war daran gelegen , sie und sich selber zu zerstreuen . Es war um die vierte Nachmittagsstunde , als sein Wagen vor dem Flies ' schen Hause hielt , und wie immer , wenn er die Arten ' sche Familie erkannte , kam der Juwelier heraus , sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen . Angelika hatte das stets völlig in der Ordnung gedünkt , heute mißfiel ihr die Zuvorkommenheit des Mannes . Sie konnte sich überhaupt einer Abneigung gegen ihn nicht erwehren . Seine Höflichkeit däuchte ihr unwahr , däuchte ihr spöttisch zu sein . Was mochte er in diesem Augenblicke denken ? Wie stolz mochte er sich fühlen , und weßhalb kam die Frau herein , die künftig in dem Hause wohnen sollte , das Angelika bisher gehört hatte , das ihrem Renatus einst gehören sollte ? So wie jetzt in diesem Momente , war der Baronin noch nie zu Muthe gewesen . Es kränkte , es beleidigte sie Alles , selbst der freigebige Gleichmuth , mit welchem Herr Flies sie zwischen den werthvollen Gegenständen , die er vor ihr aufstellen ließ , zu wählen ersuchte . Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im Verkehr mit den Personen , von denen sie bedient ward , daran gedacht , daß sie vornehm sei , niemals hatte sie sich gefragt , ob man ihr die ihr gebührende Ehrerbietung zolle , niemals hatte sie darauf geachtet , wie ihr Gatte sich benehme . Heute dachte sie daran , heute achtete sie darauf . Denn sie meinte es dem Juwelier darthun zu müssen , daß sie die Freifrau von Arten sei und bleibe , auch wenn er das Haus besitze , das ihr Geschlecht erbaut hatte ; sie hielt es für nöthig , ihn zu überzeugen , daß sie gleichgültig sei gegen die Werthgegenstände , welche er ihr darbot , und als theile der Freiherr ihre Gedanken , fehlte auch ihm heute die bequeme Leutseligkeit , die ihm sonst überall , wo er erschien , eine so freudige Zuvorkommenheit erweckte . Die Herzogin , welche mit kleinen Einkäufen für sich beschäftigt war und daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rathe gezogen wurde , wußte nicht , was das veränderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle , mit welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete , für den er sonst immer ein großes Wohlwollen geäußert hatte . Sie meinte es auf das Uebelbefinden , auf die Reizbarkeit Angelika ' s oder auf irgend eine Mißhelligkeit zwischen ihr und ihrem Gatten schieben zu müssen , zu welcher vielleicht diese Anschaffung der Altar-Geräthschaften den Anlaß gegeben habe . Herr Flies hingegen erklärte sich die Erscheinung leicht , wenn er auch keine Ursache hatte , sie unbeachtet hinzunehmen . Er blieb geduldig , wie es dem Verkäufer ziemt , er zeigte sich gefällig , obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien , ihn und seine Leute zu bemühen ; aber sein Ton ward kälter , sein klarer Blick senkte sich forschend und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin , und die Ueberzeugung , daß dieser Mann errathe , was in ihr vorgehe , daß er wisse , wie es nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten , und wie sie zum ersten Male schwere Sorge trage um die Zukunft ihres Gatten , ihres Sohnes , ihres Geschlechtes , empörten das stolze Herz der kranken Frau . Sie ist eine Berka und weiß , wie ihre Sachen stehen ; dachte der Juwelier . Nun , es kann ihr auch nicht schaden , wenn ihr Stolz gebeugt wird ! - Und er hatte Recht ! Heute , eben jetzt , da ihr Stolz gekränkt ward , fühlte die Baronin es mit schmerzlichem Genusse , daß sie stolz sei . Es befriedigte sie , dem reichen Juden ihren Stolz zu zeigen , sie hätte viel darum gegeben , wenn auch der Freiherr sich noch kälter gegen den Juwelier bewiesen , wenn Renatus nicht so freundlich mit der Frau desselben geplaudert hätte , wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wäre ! denn Angelika war zorniger , erbitterter , als sie sich je gekannt hatte , und doch fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er that ihr selber wehe , furchtbar wehe ! - Das Herz klopfte ihr beängstigend , die Stirn schmerzte sie , die Pulse flogen ihr wie im Fieber . Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden , sie spielte mit Bewußtsein eine Rolle , in der sie sich mißfiel . Und Alles , Alles mißfiel ihr heute , die Geräthschaften , für die sie sich endlich ausgesprochen hatte , der Verkäufer und ihr Gatte , das Leben und die Welt ! Komm ' , Renatus , rief sie endlich , als Herr Flies , sich verbeugend , die gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach , komm ' Renatus , wir sind fertig : laß uns gehen ! Als sie sich aber mit diesen in unmuthiger Eile ausgesprochenen Worten zu ihrem Sohne wandte , erblickte sie plötzlich einen anderen , älteren Knaben neben diesem stehend . Er war groß , schien breitschulterig werden zu wollen , und sein dunkles , schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen Brauen , sein voller , stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus . Das ganze Aeußere des fremden Knaben , der feste und doch angstvolle Blick , mit dem seine Augen an dem Freiherrn hingen , fielen ihr auf . Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt , sie war ihn überhaupt nicht gewahr geworden , bis eben jetzt , aber ein räthselhaftes Etwas in des Knaben Wesen und Erscheinung erfaßte sie mit plötzlicher Gewalt . Auch der Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden . Angelika sah zu ihrem Gatten , sah zu dem Knaben hinüber . Da begegneten sich auch die Blicke des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben , und Angelika täuschte sich nicht , der Freiherr wurde bleich , während eine dunkle Röthe die Wangen des kleinen Fremden überzog . Sie sah es , wie der Freiherr sich finster von ihm wandte , sie sah , wie des Knaben Brauen sich düster zusammenzogen , sie fühlte den scharfen , stechenden Blick , den er auf den Freiherrn , auf Renatus warf . Sie wollte ihren Sohn entfernen ; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben festgehalten zu werden , und ihm nahe tretend , rief er : Aber der Knabe da sieht ja ganz wie Du aus , lieber Vater , leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal ! Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam . Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin ; Paul ' s Aehnlichkeit mit seinem Vater mußte Jeden überraschen . Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig fortgeglitten . Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt . Der Juwelier gab Paul ein Zeichen , das Zimmer zu verlassen ; aber der Knabe blieb wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen , und sein Blick , sein finster glühender Blick mit aller seiner Noth und Pein traf nur noch die Baronin , traf nur noch sie bis mitten in das Herz . Sie konnte den Blick nicht ertragen . Auch das noch , auch das noch heute ! rief sie und brach zusammen , während ein heißer Blutstrom ihren Lippen entquoll . Sechstes Capitel Es war Alles still im Hause , aber Niemand schlief . Schrecken und Sorge hielten Jedermann wach . Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war , hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt , sie in diesem Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen , in welchem ohnehin kaum die für eine solche Kranke unerläßliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren , und Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der größten Bereitwilligkeit dem Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt , die man unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte . Vorsichtig hinaufgetragen , lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses , das in den Garten hinaussah , wohl gebettet , vor dem Schimmer der Nachtlampe geschützt , und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem Nebenzimmer an ihr Ohr klingen , die sich langsamer , ach , viel langsamer bewegten , als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens . Ihre Kammerfrau befand sich an ihrem Lager , hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies . Nebenan in ihrer Stube saß Seba an dem offenen Fenster . Sie hatte sich nicht ausgekleidet . Sie mußte etwas erwarten , denn sie sah in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf die Straße hinaus , und es war nicht die milde Schönheit der warmen Sommernacht , die sie dazu verlockte . Paul war verschwunden , und man suchte ihn . Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war , hatte er einen prächtigen Wagen , einen reich geschmückten Jäger vor der Thüre des Hauses stehen sehen . Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken , war er , wie er das oftmals that , in das Comptoir gegangen , um zu fragen , wem die schöne Equipage zugehöre . Dem Freiherrn von Arten , sagte ihm der Lehrling . Paul starrte ihn bei den Worten so erschrocken an , daß der junge Mensch nicht wußte , was dem Knaben beigekommen sei , und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte , ob Paul ihn nicht verstanden habe . Ja , ich habe ihn verstanden , antwortete er , und ging hinaus ; indeß er wußte nicht , wohin er gehen sollte . Er lief die Treppe hinauf , sich oben zu verbergen . Aber wovor sollte , wovor hatte er sich zu verbergen ? Ich habe ja nichts verbrochen , dachte er , und doch war ihm so bange , doch war er so verwirrt . Er konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen ; sein Vater war ja unten ! Er wartete eine kleine Weile ; er meinte , der Freiherr werde , da er nun im Hause sei , zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen . Er horchte , ob die Thüre nicht aufgehe , ob Niemand die Treppe emporsteige , ob der Wagen fortfahre . Es blieb Alles still . Mit Einem Male sagte er sich : Wenn der Wagen fortfährt , dann ist es zu spät , dann ist Er auch fort ! - und wie ein Pfeil schoß er die Treppen hinunter . Er öffnete die Stube , welche an den Laden anstieß ; es war Niemand darin . Er suchte Seba , er hätte sie etwas fragen mögen , aber er mochte sich nicht noch einmal entfernen . Die Thüre nach dem Laden war nur angelehnt ; er drückte sie behutsam weiter auf . Nun konnte er die Stimmen unterscheiden und hören , was man sprach ; aber nur Herr Flies und eine Dame redeten . Sollte mein Vater schon fortgegangen sein ? fragte er sich , und das Verlangen , sich zu überzeugen , trieb ihn vorwärts . Wenigstens sehen wollte er seinen Vater doch . Er trat in den Laden hinein , man bemerkte es nicht , und doch mußte er mit beiden Händen den Tisch anfassen , um nicht aufzuschreien . Ja , das war er ! Nun kannte er ihn ! Das war sein Vater , sein lieber Vater ! Nun besann er sich auf Alles ! Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben , wie oft hatte er ihn geküßt , sein Vater , der Onkel Baron ! Auf seinen Knieen hatte er ihn reiten lassen ; auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen , bis der Onkel ihn zu sich gezogen und ihm die Geschichte erzählt hatte , die Geschichte - auf die er sich nicht mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam . - Sein ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen . Onkel Baron , lieber Vater ! wollte er rufen im vollen Glücksgefühle - aber er ist ja nicht Dein Onkel , sagte er sich , und Vater darfst Du ihn nicht rufen , denn er will nichts von Dir wissen , weil Du in Sünde und in Schande geboren bist ! - Er schauderte zusammen , er fühlte es wie einen Fluch über sich liegen . Er blickte den Freiherrn an , er blickte die schöne , schlanke Dame an , er stand dicht neben dem blonden Knaben , er kannte sie alle ! Das war sein Vater , das war seines Vaters Frau , das war sein kleiner Bruder ; der Bruder , welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte . Er hätte ihm die Hand geben mögen , wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen mögen , wie er heiße . Er ging an ihn heran , indeß in dem Augenblicke bemerkte ihn Madame Flies , und dringend und leise befahl sie ihm : Geh ' , geh ' , lieber Paul ! Geschwind , mach ' , daß Du fortkommst , Kind ! Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegentheil , obwohl er ihre Bedeutung ganz und gar verstand . Die Rührung , die Sehnsucht , welche er gefühlt , machten einer trotzigen Empfindung Platz . Er wollte nicht gehorchen , nicht hinausgehen ; er wollte bleiben , er wollte sehen , was denn daraus werden würde . Endlich mußte der Freiherr sich doch umdrehen , endlich mußte er ihn doch erkennen , denn er war ja sein Sohn ; und wenn er ihn erkannte - Da drehten sie sich Alle um , da schlug die Bemerkung seines Bruders , der Aufschrei der Baronin an sein Ohr . Er sah , wie sein Vater sich kalten Auges von ihm wendete , wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug , er fühlte , wie Madame Flies ihn heftig zurückstieß , und als falle es mit klingenden Hammerschlägen auf ihn nieder , so tönte es immerfort in seinem Kopfe : Mache , daß Du fortkommst ! Sie waren Alle hinausgegangen . Er blieb ganz allein in dem Laden zurück . Was gehe ich sie auch an ? Was gehen sie mich an ? dachte er , und doch fiel ihm die Einsamkeit sehr schwer . Er sah sich in dem Laden um , als müsse er sich Alles recht einprägen , damit er es nicht vergesse . Den Laden sehe ich auch nicht wieder , sagte er sich , und dabei merkte er erst , daß er beschlossen habe , fortzugehen . Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht . Er konnte es nicht aushalten , hier zu bleiben , wo Jedermann es wußte , daß er in Sünde und in Schande geboren sei . Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten , denn er liebte den Vater nicht mehr , er wollte von ihm nichts mehr wissen , nichts mehr hören , nichts mehr haben , gar nichts mehr haben ! Trotz und Verzagtheit , Liebe und Haß , erwachtes Ehrgefühl und erlittene Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein , und dazwischen tauchte das Bild seiner Mutter , wie er es sich gestaltet hatte , vor seiner Seele auf , und er erinnerte sich , wie sie geendet , wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in den Tod getrieben hatte . Er wußte auch nicht , was er hier sollte ; er mochte Niemanden sehen , von Niemandem gesehen werden , und am wenigsten von seinem Vater , der sich von ihm abgewendet , und von der Kriegsräthin , die ihm gesagt hatte , daß er in Sünde und Schande geboren sei und daß ein Schimpf auf ihm ruhen werde all sein