, den Kopf in die Hand gestützt , schweigend dagesessen hatte , jetzt sich erhob und sagte : Du hast Recht . Es giebt nur das eine Mittel . Ich muß selber hingehen und zwar sogleich . Bruderherz ! rief Timm aufspringend und Oswald mit Heftigkeit umarmend ; das ist das vernünftigste Wort , das Du in Deinem Leben gesprochen hast . Oswald machte sich mit einem Schauder , der dem aufgeregten Timm entging , aus dieser Umarmung los . Laß mich jetzt allein , sagte er , ich bin , wie Du Dir denken kannst , von dieser Unterredung angegriffen . Ich muß mich zu der Scene , die mir bevorsteht , sammeln . Um Himmelswillen , nur keine neuen Bedenken ! rief Timm ; frische Fische , gute Fische ! Ich fürchte , sobald ich Dir den Rücken kehre , fallen Dir tausend Aber ein . Ich gebe Dir mein Wort , daß ich noch in dieser Stunde hingehen werde . Die Papiere läßt Du mir doch hier ? Ich könnte sie der Baronin gegenüber gebrauchen . Albert warf einen mißtrauischen Blick auf Oswald . Er gab die Papiere ungern aus der Hand . Wenn Oswald falsch spielte , wenn - aber es war keine Zeit sich lange zu bedenken . Und in Oswalds Wesen lag ein Etwas , das jeden Widerspruch gewagt erscheinen ließ - eine Entschiedenheit in dem festgeschlossenen blassen Munde , ein düsteres Feuer in den großen Augen - Timm hatte ihn so noch nie gesehen . Es war nicht mehr der alte wankelmüthige Oswald Stein , es war der Sohn Haralds von Grenwitz , der da vor ihm stand . Meinetwegen , sagte er , mache , was Du willst . Ich sehe wohl , daß Du zum Aeußersten entschlossen bist . Aber , Oswald , wenn der große Wurf gelingt , und jetzt zweifle ich nicht mehr , daß er gelingt - vergiß nicht den , der Dir die Würfel in die Hand gedrückt hat . Sei überzeugt , sagte Oswald mit einem unheimlichen Lächeln , daß Du in dieser Angelegenheit , was den materiellen Vortheil betrifft , nicht schlechter fahren sollst , als ich selbst . Albert Timm wollte Oswald noch einmal umarmen . Der indessen machte eine ungeduldig abwehrende Bewegung . Na , ich sehe , sagte Albert ohne alle Empfindlichkeit , Du bist schon mitten in Deiner Rolle . Ich will Dich nicht länger aufhalten . Adieu , Oswald ! mache Deine Sache gut ! es ist jetzt drei Uhr . Ich komme um vier wieder und frage , wie es abgelaufen ist . Adieu so lange ! Oswald ging , als Albert fort war , mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab . Dann trat er vor den Kupferstich und betrachtete ihn lange mit starren Augen . Es ist zu spät , murmelte er ; ich kann ihr Retter nicht werden , kann sie nicht mehr befreien von dem Felsen , an den das Schicksal sie geschmiedet . Aber sehen will ich sie noch einmal und mein Andenken von der Schmach reinigen , die dieser Schurke auf mich gehäuft hat . Sie soll nicht glauben , daß ich mich je unwürdiger Mittel bedienen konnte . Er trat an den Tisch und legte die Papiere zusammen . Dann fing er an , sich zu dem Gange , den er vorhatte , anzukleiden . Er kam nicht schnell damit zu Stande . Seine Glieder waren wie abgestorben ; er mußte sich mehrmals hinsetzen , um einen Anfall von Schwindel vorübergehen zu lassen . Endlich war er fertig . Er steckte die Papiere in die Tasche und verließ das Zimmer . Fünfundvierzigstes Capitel Durch die wenig belebte Straße , in welcher Doctor Braun wohnte , fuhr ein Wagen , dessen rasches Rollen manches neugierige Gesicht an ' s Fenster lockte . Es war eine herrschaftliche , mit zwei wundervollen Pferden bespannte Kutsche , an deren Schlage ein großes Wappen prangte . Auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein Jäger in glänzender Livrée . Die Kutsche hielt vor dem Hause des Doctor Braun , der Jäger sprang vom Bock , riß den Schlag auf ; eine junge , sehr elegant gekleidete Dame stieg aus und trat rasch durch den kleinen Garten vor der Thür in ' s Haus . Ist Frau Doctor Braun zu sprechen ? Ich weiß nicht , antwortete das Mädchen , und warf dabei einen scheuen Blick auf den schwarzen Sammetmantel und das reizende weiße Hütchen der Dame : ich will nachsehen . Ist nicht nöthig , sagte Sophie , die plötzlich im Schmuck einer sehr langen Schürze in der Thür der Küche erschien , hier bin ich schon . Liebe Sophie ! Liebe Helene ! Sophie zog die Freundin in die Stube , nestelte ihr mit vor Freude zitternden Händen den Mantel los , nahm ihr den Hut ab , faßte sie an beiden Händen und rief : Nun , laß Dich doch einmal beim Lichte besehen , Du Liebe - schön , wie immer , wunderschön ! aber so blaß und so ernst und angegriffen , wie mir scheint . Kann ich etwas zu Deiner Erquickung thun ? Du siehst , ich habe die Küchenschürze noch um . Helene lächelte . Es war ein schwermuthsvolles Lächeln , das ihre dunklen Augen nur noch dunkler machte . Ich danke Dir , Sophie ! ich wollte mich nur an Deinem Augenblick erquicken . Ach , Du weißt nicht , wie ich mich nach Dir gesehnt habe . Die beiden jungen Damen hatten sich bis zu Sophiens Abreise von Grünwald Sie genannt . Die Freude des Wiedersehens hatte das schwesterliche Du geboren . Sophie dachte daran , als sie das erste Du aus Helenens stolzem Munde hörte . Es rührte sie , und noch mehr der traurige Ton , in welchem Helene sagte , daß sie sich nach ihr so gesehnt habe . Ein solches Geständniß , daß die Pensionärin von Fräulein Bär sicher nicht gemacht hätte , kleidete die Braut des Fürsten Waldernberg gar seltsam . Das Alles fuhr Sophie durch den Kopf , während sie , Helenens beide Hände noch immer festhaltend , ihr tief und tiefer in die dunklen Augen sah . Arme Helene ! sagte sie ; sie wußte kaum , daß sie es sagte . Aber in Helenens Herzen erweckten die leisen mitleidsvollen Worte alle die Schmerzensgeister , welche die letzte bange Nacht mit ihr gewacht und kaum gegen Morgen eine Stunde lang mit ihr in unruhigem Schlaf gelegen hatten . Mitleid mit sich selbst , wie sie es nie gekannt hatte , ergriff sie , die Thränen kamen ihr in die Augen , und sie warf sich in Sophiens Arme , das schöne blasse Antlitz an der Freundin Busen verbergend . Um Himmelswillen , liebe Helene , was hast Du ; sagte Sophie , jetzt ernstlich bestürzt ; ich habe Dich ja nie so gesehen , nie geahnt , daß ich Dich so sehen würde und am wenigsten jetzt , wo ich glaubte , es sei in Deinem Leben Alles Herrlichkeit und Freude . Hast Du das wirklich geglaubt ? fragte Helene , sich aufrichtend und Sophie mit den großen , schmerzlich starren Augen forschend anblickend . Sophie senkte vor diesem Blick die Wimpern . Sie mochte nicht Nein sagen , und Ja zu sagen , erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht . Aber dieses Schwanken dauerte bei ihr nicht lange . Jetzt oder nie war der Moment , Helenen Alles mitzutheilen , was sie so lange schon auf dem Herzen gehabt hatte . Helene , sagte sie , klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend ; ich kann nicht lügen und mag nicht lügen , keinem Menschen gegenüber und zumal Dir gegenüber nicht , die ich so herzlich lieb habe . Komm , süße Seele , setze Dich zu mir hier auf ' s Sopha und laß uns sprechen , wie ' s Schwestern geziemt , die wir , wenn nie wieder , doch wenigstens in dieser Stunde sein wollen . Wenn Du nicht Aufrichtigkeit von mir wünschest , weshalb wärst Du denn , da Du so viel glänzendere Freundinnen haben könntest , gerade zu mir gekommen ? Habe ich recht ? Sprich weiter ! sagte Helene , als sei nur die Stimme der Freundin zu hören , für sie schon ein Trost und eine Erquickung . Du hast mich gefragt , fuhr Sophie immer muthiger werdend , fort , ob ich wirklich glaube , daß Du jetzt glücklich bist ? Ich glaube es nicht . Du siehst nicht aus wie eine Glückliche . Dein schönes blasses Gesicht sagt nein , wenn Deine Zunge auch ja sagen sollte . Ich habe oft und oft in Deinem Gesicht gelesen , lange , lange Geschichten , von denen Du Stolze , Schweigsame mir kein Wort gesagt , und ich will Dir erzählen , was ich gelesen . Darf ich ? Sprich weiter , Sophie ! sprich weiter ! Ich habe hier auf Deiner Stirn gelesen , daß Deinem Geiste nur das Große , das Außerordentliche genügt , und selbst das kaum - und hier in Deinen zauberisch schönen Augen , daß Dein Herz sich , wie nur ein Menschenherz es kann , nach Liebe sehnt . So ist von jeher ein Zwiespalt gewesen zwischen Deinem Kopf und Deinem Herzen . Du willst herrschen und willst lieben zu gleicher Zeit , und , liebe Helene , das geht nicht an . Die Liebe , die echte Liebe - und es gibt ja nur die eine - ist demüthig ; sie duldet Alles und glaubt Alles ; sie will nichts , als Eins sein mit dem Geliebten , in Freud und Leid . Sieh , süße Seele , mir ist das Glück solcher Liebe zu Theil geworden , und ich weiß deshalb , was ich sage . Franz und ich haben nur einen Willen . Er will das Gute , ich will ' s mit ihm , und sollten unsere Ansichten wirklich einmal auseinandergehen - die Herzen bleiben doch verbunden ; da findet sich denn das Andere ganz von selbst . Alle Freude ist doppelt groß , und alles Leid trägt sich doppelt leicht . Ich hab ' s erfahren , als mein guter Vater starb . Was hätte aus mir werden sollen , wenn ich Franz nicht gehabt hätte . Ich hatte , als mein Vater starb , Niemand , sagte Helene tonlos . Ich weiß es , liebes Herz , und ich habe mich oft , wenn ich daran dachte , wie einsam Du warst und wie Du so keine Menschenseele hattest , der Du Dein Leid klagen konntest , an die Brust meines Franz geworfen , der dann manchmal gar nicht wußte , was mich so plötzlich und gewaltig zu ihm trieb . Du stehst allein , selbst jetzt noch , wo Du im Begriff bist , Dich zu vermählen , und , was tausendmal schlimmer ist , Du bist in Deinem Herzen überzeugt , daß es so bleiben , daß Dein Gatte nie Dein Freund , Dein Bruder , Dein Geliebter sein wird , vor dem Deine Seele so klar und offen liegt , wie ein krystallheller Bergsee , in den die liebe Sonne bis auf den tiefsten Grund hinabblickt . Nie , nie ! murmelte Helene . Ich wußte es ja , sagte Sophie traurig , aber Helene , wenn es schon schlimm genug ist , daß Du den Fürsten heirathen willst , ohne ihn zu lieben , so ist es noch viel , viel schlimmer , daß Du sein Weib wirst , während Du in Deinem Herzen das Bild eines anderen Mannes trägst . Eine dunkle Röthe ergoß sich über Helenens Gesicht , als Sophie mit fester Stimme diese letzten Worte sprach und sie dabei mit den großen blauen Augen so ernst und vorwurfsvoll anblickte . Nein , süßes Mädchen , schäme Dich nicht , daß Du ihn geliebt hast . Deshalb tadle ich Dich nicht , denn er ist ein ungewöhnlicher Mensch , ausgestattet mit Allem , was wohl ein Mädchenherz fesseln kann . Ich tadle Dich auch nicht , daß Du ihn noch liebst , - wer kann die Liebe so leicht aus seinem Herzen reißen ! - aber , Helene , da dem so ist , heirathe den Fürsten nicht ! Du darfst es nicht , aus Achtung vor Dir selbst , aus Achtung vor ihm , wenn er achtungswürdig ist . Es ist zu spät ; sagte Helene , ihr Gesicht in den Händen verbergend . Nun und nimmermehr ! rief Sophie leidenschaftlich ; nie ist es zu spät , einen Irrthum zu bekennen , der Dich und ihn grenzenlos unglücklich machen muß . Versteh ' mich wohl , Helene ! Ich spreche nicht für jenen unglücklichen Mann , der Deine Liebe , wenn er derselben je würdig war , woran ich zweifle , jetzt durchaus verscherzt hat . Ich bin niemals seine Freundin gewesen ; die sogenannten glänzenden Eigenschaften lassen mich ziemlich kalt , wenn sie die Güte des Herzens nicht zur Folie haben . Aber weil er Deiner nicht würdig , mußt Du deshalb einen Mann heirathen , für den , mag er sonst noch so vortrefflich sein , nun einmal Dein Herz stumm ist ? O , Helene , ich wollte , ich könnte mit Engelszungen reden , um Dein stolzes Herz zu rühren , daß Du Dich demüthigtest vor der Wahrheit , daß Du alle Herrlichkeit der Welt gering achtetest vor der Seligkeit , mit Dir selbst übereinzustimmen . Helene bebte zusammen , als ob wirklich der Himmlischen Einer zu ihr spräche . O , Du bist gut , rief sie ; wäre ich doch , wie Du ! Du kannst es sein , wenn Du nur willst ! Aber wie entrinnen aus diesem Wirrsal ? ich habe mein Wort gegeben ; wie kann ich es zurücknehmen ? Sprich ganz offen mit dem Fürsten , sagte Sophie , der dieser Ausgang das Einfachste und Natürlichste schien . Lieber todt ! murmelte Helene . In diesem Augenblick wurde an die Thür gepocht ; der Jäger trat herein mit einem Billet in der Hand . Er blieb kerzengerade an der Thür stehen . Gnädigen Baronesse gehorsamst zu vermelden , daß dies Billet so eben aus dem Palais hierher gesandt ist . Helene griff hastig nach dem Billet . Von meiner Mutter . Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zusammen . Was ist ' s , Helene ? Meine Mutter hat so eben Nachricht aus Grünwald erhalten , daß mein Bruder sehr schwer erkrankt ist . Sie muß augenblicklich zurück . Armes Mädchen ! rief Sophie ; wie blaß und erschrocken Du bist ! Soll ich mit Dir fahren ? Nein , nein ! sagte Helene ; bleib ! Ich muß allein hin . Leb ' wohl , liebe Sophie ! leb ' wohl ! Sie riß sich aus Sophie ' s Armen . Sophie geleitete sie bis zum Wagen . Sie hielt die Hand der Freundin fest in der ihren und sagte : Laß von Dir hören , Helene ! was Du auch thust , folge der Stimme Deines warmen Herzens , es räth Dir besser als der kalte Verstand . Ich will es , erwiderte Helene , schon im Wagen ; verlaß Dich d ' rauf ; ich will es . Leb ' wohl ! Der Jäger schloß die Thür . Der Wagen donnerte davon . Sophie sah ihm nach , bis er um die nächste Ecke gebogen war . Dann schritt sie langsam , das liebe Gesichtchen sinnend zur Erde geneigt , in das Haus zurück . Sechsundvierzigstes Capitel In einem Zimmer der Beletage des Hotel de Russie Unter den Akazien befanden sich an diesem Nachmittag Berger und Director Schmenckel . Sie hatten eine lange Unterredung mit einander gehabt , und Herr Schmenckel erhob sich , um zu gehen . Berger stand ebenfalls auf . Sie wissen doch genau , was Sie sagen sollen ? Ich sollt ' halt meinen , erwiderte Herr Schmenckel und räusperte sich . Wollen wir ' s lieber doch noch einmal durchsprechen ? ' S könnte vielleicht nicht schaden ; erwiderte Herr Schmenckel . Sagen Sie also : es thäte Ihnen leid , daß Sie der Fürstin solche Ungelegenheit bereitet . Sie selbst würden nie auf diesen Plan gekommen sein , wenn der Mensch , - wie nannten Sie ihn doch ? Timm ! - Sie nicht darauf gebracht hätte . Jetzt wären Sie zur Einsicht gekommen , daß Ihre Handlungsweise sich für einen ehrlichen Mann nicht zieme , und Sie gäben der Fürstin Ihr Wort , daß nimmer wieder ein Laut von dieser Angelegenheit über Ihre Lippen kommen solle . Kommen solle ! wiederholte Herr Schmenckel . Was den Menschen , den Timm beträfe , so solle sich Ihre Durchlaucht nur nicht ängstigen , und ihn , wenn er etwa die Frechheit hätte , zu kommen und ihr Geld abzufordern , durch ihre Bedienten zur Thür hinauswerfen lassen . Da Sie ihn in keiner Weise unterstützen würden , so hätte der Skandal , den er möglicherweise erregen könnte , nichts zu bedeuten . Haben Sie es jetzt ordentlich im Kopf ? Ich denk ' , es wird nun gehen , sagte Herr Schmenckel nachdenklich . Und was die Hauptsache ist , Sie nehmen kein Geld von der Fürstin an , weder viel , noch wenig . Vergessen Sie das ja nicht ! Will ' s schon machen ! sagte der Director , mit einem plötzlichen Entschluß den Hut auf den Kopf drückend ; adies , Herr Professor . Adieu ! sagte Berger , ihm die Hand reichend ; gehen Sie , und werden Sie wieder der ehrliche Mann , der Sie bis dahin gewesen sind . Und nun , murmelte Berger , als die Thür sich hinter Herrn Schmenckel geschlossen hatte , ist der Augenblick gekommen , die alte Schuld quitt zu machen . Er trat an das Bureau und nahm aus einer Schublade ein Kästchen von Ebenholz und ein Medaillon . Dann verließ er sein Zimmer und ging den Corridor entlang , bis er an eine Thür gelangte , an der er einen Augenblick lauschend stehen blieb . Der Schlüssel steckte im Schloß . Berger zog ihn geräuschlos ab und klopfte : Entrez ! rief eine krähende Stimme . Berger trat ein . Der , den er suchte , stand mit dem Rücken nach der Thür vor dem Spiegel , eifrig beschäftigt , die glänzend braunen Löckchen seiner Perücke über der Stirn zu ordnen . Er wandte sich in der Meinung , daß es der Kellner sei , nicht nach dem Eintretenden um . Dieser ließ einen schnellen Blick durch das Zimmer gleiten , schloß die Thür und schritt dann bis mitten in das Gemach , wo er regungslos stehen blieb . Was wollen Sie ? sagte der Graf Malikowsky , der jetzt mit seiner Cravatte beschäftigt war . Mit Ihnen eine alte Rechnung quitt machen , erwiderte Berger . Der Graf wandte sich erschrocken um und starrte in Bergers bleiches , ernstes Gesicht , das durch das schwarze Pflaster auf der Stirn noch bleicher und ernster erschien . Wer sind Sie ? Was wollen Sie ? rief der Graf . Mein Name ist Berger . Was ich will , habe ich Ihnen bereits gesagt . Wenn Sie eine Forderung an mich haben , wenden Sie sich an meinen Kammerdiener . Ich befasse mich mit dergleichen nicht . Ich weiß es wohl , sagte Berger , ohne eine Miene zu verändern , das der Graf Malikowsky Forderungen , die man an ihn persönlich gerichtet hat , gern durch andere Leute beantworten läßt , und wären diese Andern selbst Meuchelmörder ; diesmal aber , hoffe ich , werden Sie eine Ausnahme von der Regel machen . Bei diesen Worten trat er an den runden Tisch , der in der Mitte des Zimmers stand , setzte das Ebenholzkästchen darauf und nahm die beiden Pistolen , die es enthielt , heraus . Der Graf hatte diesem Beginnen mit einem Erstaunen , das ihn sprachlos und bewegungslos machte , zugesehen . Der Anblick der Pistolen brachte ihn indessen wieder zu sich , er eilte nach der Thür . Berger vertrat ihm , die Pistolen in der Hand , den Weg . Ein Versuch noch , mir zu entwischen , sagte er , ein Hülferuf , und ich schieße Sie nieder . Treten Sie an jene Seite des Tisches , mir gegenüber ; so ! Der Mensch ist verrückt , murmelte der Graf , indem er , an allen Gliedern zitternd , Bergers Befehl Folge leistete . Wohl möglich , sagte Berger mit einem unheimlichen Lächeln ; wenn ich ' s aber bin , so bin ich es zum nicht geringsten Theil durch Sie , mein Herr Graf . Sie kennen mich nicht mehr . Nein ! in der That , nein ! Kann sein ; ich habe mich , seitdem ich zum letzten Male die zweifelhafte Ehre hatte , Ihnen gegenüber zu stehen , einigermaßen verändert ; ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hülfe kommen . Kennen Sie auch diese nicht mehr ? Er drückte das Medaillon auf und hielt es dem Grafen über den Tisch hinüber entgegen . Der Graf setzte seine goldene Lorgnette auf und blickte auf das Bild in der Kapsel . Es war das auf Email zierlich gemalte Portrait eines wunderschönen braunäugigen Mädchens , in der Tracht des Anfangs der zwanziger Jahre . Eleonore ! rief der Graf , einen Schritt zurückprallend . Ja , Eleonore ; wiederholte Berger , das Medaillon wieder schließend und zu sich steckend ; und nun werden Sie ja wohl auch hoffentlich wissen , wer ich bin und was das für eine Rechnung ist , die wir miteinander abzumachen haben . Der Graf war selbst durch seine Schminke hindurch todtenbleich geworden ; seine falschen Zähne klapperten , er mußte sich in einen Stuhl , der an dem Tische stand , sinken lassen , da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte . Berger schien sich an diesem kläglichen Anblick zu weiden . Wie die Memme zittert , sagte er ; wie ihm das faule Herz in der öden Brust an die Rippen pocht um das bischen nichtsnutzige Leben ! Elender Feigling , der nur den Muth hat , unschuldige Mädchen zu verführen , und in die Kniee sinkt , sobald ihm ein Mann entgegentritt ! Hier , nimm die Pistole , und mach ' einem Leben voll Schande durch einen halbwegs ehrlichen Tod ein Ende . Ich kann nicht ! keuchte der Graf , haben Sie Mitleid mit mir ! Sie sehen , ich bin ein vor der Zeit alter Mann ; meine Hände zittern vor Gicht ; ich kann keine Feder , geschweige denn eine Pistole fest halten . Freilich , sagte Berger ; der Mensch ist weiter nichts als ein übertünchtes Grab ! da wäre es wohl eine noch härtere Strafe , wenn man ihn leben ließe ? Er senkte die Stirn und sann einen Augenblick nach . Sei ' s denn , murmelte er . Er legte die Pistolen wieder in das Kästchen . Der Graf athmete auf . Ich habe mich nach dieser Stunde gesehnt dreißig Jahre lang ; ich dachte wunder , wie süß der Trank der Rache sein würde , aber das Gefäß , in welchem er mir geboten wird , ekelt mich an ; ich mag ihn nicht . Berger hatte das gesagt , als ob er mit sich selber spräche . Jetzt hob er den Kopf , heftete seine durchdringenden Augen auf den Grafen , der noch immer zusammengekauert in seinem Stuhl zitterte , und sagte : Ich bin mit Ihnen fertig . Ich will Ihnen Ihr jämmerliches Leben lassen , aber unter einer Bedingung . Noch in dieser Stunde reisen Sie von hier ab und lassen sich nie wieder in Deutschland sehen . Ich will nicht , daß ein Bube , wie Sie , deutsche Luft athmet . Wie Sie wollen , was Sie wollen , sagte der Graf ; ich will froh sein , wenn ich aus dem verdammten Lande weg bin . Berger steckte das Pistolenkästchen in die Tasche . Da tönte von der Straße herauf wilder Lärm . Berger war mit einem Satze am Fenster , das er in wilder Hast aufriß . Volksschaaren , Männer , Weiber und Kinder wälzten sich die Akazien hinab . Wir sind verrathen ! Man schießt auf uns ! Zu den Waffen , zu den Waffen ! Zu den Waffen , zu den Waffen ! schrie Berger , die Arme in die Luft schleudernd ; endlich , endlich ! Habe Dank , Du großer Geist ! Er wandte sich vom Fenster , packte den Grafen , den die Neugier von seinem Stuhle emporgetrieben hatte und der ihm jetzt in den Weg kam , an der Brust , schüttelte ihn mit Riesenkraft und schrie : Hörst Du , Memme , zu den Waffen ! Ein ganzes Volk ruft es . Weiber und Kinder ! Jetzt sollen all die alten Sünden quitt gemacht werden , die Du und Deinesgleichen seit dreißig Jahren auf Euch geladen habt . Er stieß den Halbentseelten verächtlich von sich , schloß die Thür auf und stürzte hinaus . Er rannte an einen Officier , der eilig zum Zimmer hinein wollte . Es war der Fürst Waldernberg . Entschuldigen Sie , mein Vater , wenn ich meinem Versprechen , Sie zur Fürstin zu begleiten , nicht nachkommen kann , sagte der Fürst athemlos . Sie hören , daß die Emeute wieder im besten Gange ist , ich erwarte jeden Augenblick , daß Generalmarsch geschlagen wird . Der Graf war von der Scene mit Berger noch ganz außer sich . Er stierte den Fürsten mit einem bleichen , verstörten Gesicht an . Was haben Sie , mein Vater ? fragte der Fürst , der jetzt erst diese Veränderung bemerkte . Scheeren Sie sich zum Teufel , Herr , mit Ihrem Vater ! rief der Graf , ich bin Ihr Vater nicht , will nicht Ihr Vater sein . Wenn Sie Ihren Vater sehen wollen , gehen Sie zu Ihrer Frau Mama , Sie werden ihn eben jetzt da finden . Was heißt das , mein Vater , sagte der Fürst , der zu fürchten begann , der Graf sei wahnsinnig geworden . Mein Vater ! höhnte der Graf , köstlich , herrlich ! Aber ich habe das Possenspiel satt . Meinetwegen geht Alle zum Teufel ! Er riß an dem Glockenzuge . Den Wagen vorfahren lassen , hören Sie ! schrie er den Kellner an . Und dann zum Fürsten gewandt : Wollen Sie jetzt gehen , Herr , oder nicht ? Der Fürst sah aus , wie Jemand , der nicht weiß , ob er seinen Augen und Ohren trauen soll . Plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben . Er warf noch einen Blick auf den Grafen , der jetzt wie toll umherrannte , und verließ eilig das Gemach . Siebenundvierzigstes Capitel Herr Schmenckel wanderte langsam die Akazien hinab nach der Williamsstraße . Er hatte die Arme auf den Rücken gelegt und den Hut tief in die Stirn gedrückt ; die Leute gingen ihm aus dem Wege , denn er stierte unverwandt auf das Straßenpflaster und murmelte fortwährend Unverständliches durch die Zähne . Aber Herr Schmenckel war keineswegs betrunken oder verrückt ; er war nur etwas aufgeregt und repetirte die Lection , die ihm Berger eingeprägt hatte . Es war ein saurer Gang ; aber Herr Schmenckel fühlte , daß er nur seine Pflicht thue , wenn er das Complot , in das der schlaue Timm ihn verwickelt , wieder zerstöre . Ein wahres Glück , daß er sich in seiner Herzensangst dem Professor entdeckt hatte ! wie der zu reden wußte ! daß es einem ordentlich angst und bange wurde . Der Schmenckel hat ' s ja immer gesagt , daß hinter dem Professor etwas ganz Besonderes stecke . Und daß die Czika nun schließlich doch ein Baronenkind war , das verwunderte den Caspar Schmenckel aus Wien gar nicht . Es hatte so kreuznärrische Augen gehabt , das Mädel , und er hatt ' s auch immer ganz besonders gut behandelt ; da war ' s am Ende gar nicht so wunderbar von dem Baron Oldenburg , daß er dem alten ehrlichen Casperle eine Hausmeisterstelle auf seinen Gütern angeboten hatte , wo er fortan ohne Sorgen leben konnte . Nein , Caspar Schmenckel aus Wien brauchte von Niemandem Geld zu erschwindeln , Caspar Schmenckel konnte wieder frei den Kopf erheben . Zum Tausend , Alter , kommt Ihr erst jetzt ? rief plötzlich eine scharfe Stimme ; Ihr solltet ja schon mit Eurer Visite fertig sein . Albert war in der Williamsstraße in der Nähe des Hotel Waldernberg auf und ab patrouillirt , um den Erfolg von Oswalds Unterredung mit der Baronin Grenwitz zu erfahren . Herrn Schmenckel glaubte er um diese Zeit schon auf dem Wege nach dem Dustern Keller , wo sie sich ein Rendez-vous gegeben hatten für den Fall , daß sie sich auf der Straße verfehlen sollten . Albert hatte nicht umsonst Schmenckel eine Stunde früher als Oswald nach dem Palais geschickt . Damit Oswalds Zusammenkunft mit der Baronin die rechten Früchte tragen konnte , mußte die Baronin zuvor einen gewissen Brief gelesen , und damit die Wirkung des Briefes nicht paralysirt würde , mußte Herr Schmenckel mit der Fürstin conferirt haben . Er war deshalb über Herrn Schmenckels Zuspätkommen auf ' s höchste entrüstet . Es ist rein um närrisch zu werden , fuhr er in noch ärgerlicherem Tone fort ; nicht einen Augenblick kann man Euch allein lassen , so giebt ' s eine Dummheit . Oho ! nicht so grob , Freundchen , entgegnete Herr Schmenckel , der sich im Bewußtsein seiner tugendhaften Vorsätze dem schlangenklugen Mitschuldigen gewachsen fühlte ; sonst komm ' ich Dir auf den Buckel ! Nun , nun , sagte Albert einlenkend