mit Bruno langsam zu folgen . Helene erklärte , daß sie bei Bruno bleiben würde ; der alte Baron , der bei dem ganzen Vorfall eine große , wenn auch thatlose Theilnahme an den Tag gelegt hatte , schlug vor , die Gesellschaft sollte sich in einen Vortrab und einen Nachtrab theilen , er selbst wolle bei dem letzteren bleiben . Du wirst Dir den Schnupfen holen , lieber Grenwitz , sagte die Baronin ; ich dächte , Du kämest mit uns . Nein , ich werde bei den Anderen bleiben , sagte der alte Baron mit einer Bestimmtheit , die Alle überraschte . Er gab seiner Tochter den Arm , blieb aber in der Nähe Oswald ' s und Bruno ' s , eine harmlose Unterhaltung , wie er sie liebte , mit ihnen führend und sich von Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden erkundigend . Ich befinde mich wohl , ganz wohl , versicherte dieser ein Mal über das andere ; doch fühlte Oswald , daß er sich fest auf seinen Arm stützte und daß seine Hände kalt waren . Sie kamen , lange nach den Anderen auf dem Schlosse an . Der alte Baron wünschte gute Besserung , als Oswald sich sofort mit Bruno auf dessen Zimmer begab , wo er den Knaben sich sogleich zu Bett legen ließ . Du bist kränker , Bruno , als Du zugeben willst , sagte er , sich zu ihm auf ' s Bett setzend , nicht wahr , Du hast Deine alten Schmerzen ? Ja , sagte Bruno , dessen Zähne zusammenschlugen und auf dessen Stirn der kalte Schweiß stand . Oswald beeilte sich , die alten Hausmittel , wie jenes erste Mal , herbeizuschaffen ; und es gelang seinen Bemühungen auch jetzt , das Uebel zu heben , wenigstens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern . Wirst Du auch mir nicht sagen , Bruno , was Dich so bewegt hat ? fragte Oswald da . Doch ! sagte der Knabe , ich wollte es nur nicht in der Anderen Gegenwart , weil ich ihr albernes Gelächter schon im voraus hörte . - Ich war etwas hinter den Anderen zurückgeblieben und durch einen Vorsprung des Ufers von ihnen getrennt . Ich dachte immer , Ihr würdet nachkommen und deshalb ging ich so langsam und blickte oft nach oben . Da sah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des Ufers treten , das an dieser Stelle wohl hundert Fuß und darüber lothrecht hinabfällt . Ich schrie laut auf in entsetzlicher Angst , da trat sie noch näher - bog sich sogar herüber - und da wurde es mir schwarz vor den Augen - nun und das Uebrige weißt Du ja . Aber ich höre Malte kommen . Gute Nacht , Oswald . Gute Nacht , Du Wilder ! Oswald küßte seinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf sein Zimmer . Er lehnte sich in das offene Fenster und schaute lange , in Sinnen und Brüten verloren , in den Garten hinab . Die Nacht war finster , nur hier und da schimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunst . Manchmal rauschten die Bäume lauter auf , als sprächen sie ängstlich in einem wirren , unruhigen Schlaf ; der Brunnen der Najade plätscherte dazwischen , leise und abgebrochen . Dein Leben gleicht dieser Nacht , sprach Oswald bei sich : hier und da ein Stern , der so bald wieder verschwunden ist , und sonst Alles chaotisches Dunkel . Du hast recht , guter Berger : unser Leben ist ein hohles Nichts , und wer nur überhaupt einen Verstand zu verlieren hat , muß ihn darüber verlieren . Wolltest Du , daß Dir Dein Schüler sobald als möglich nachfolgen könnte , als Du mich hierher schicktest ? Da bist Du nun an demselben Orte , wo Melitta ist und auch Oldenburg . Vielleicht siehst Du sie , wenn sie Arm in Arm an Deiner Zelle vorübergehen ; vielleicht kommt Dir bei der Gelegenheit der Verstand wieder , den andere Leute bei dem Anblick verlieren würden . Ich könnte ja auch eine kleine Reise nach Fichtenau machen , meine guten Freunde zu besuchen ; wer weiß ? vielleicht gefällt mir der Ort so sehr , daß ich gleich da bleibe . Wie geht es Bruno ? tönte eine Stimme aus dem Garten herauf . Es war Helene ' s Stimme . Oswald sah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufschimmern . Ich danke , gut ! antwortete er hinab . Schlafen Sie wohl ! Und das helle Gewand verschwand in den Büschen . Nein , das Leben ist mehr als ein hohles Nichts , murmelte Oswald , indem er das Fenster schloß ; hätte Berger dieses Mädchen gesehen , er hätte wieder an das Leben geglaubt . Und doch ! er hat sie ja gesehen , gesehen und bewundert und besungen , und ist doch wahnsinnig geworden ! Oede Alles und dunkel und gespenstisch und in dem öden gespenstischen Dunkel eine holde , freundliche Stimme , die uns schlafen gehen heißt . Sechsundvierzigstes Capitel Eine Zeit fieberhafter Spannung war für die vor Kurzem noch so stille Gesellschaft auf Schloß Grenwitz hereingebrochen . Bruno ' s plötzlicher Unfall , von dem er sich übrigens schon am nächsten Tage erholte , hätte für den Scharfsichtigeren ein Symptom von dem sein können , was da Alles unter der glatten Hülle geselliger Höflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in der Tiefe gährte und kochte : geheime Liebe und tief versteckter Haß ! Feindschaften unter der Maske trefflichsten Einvernehmens und guter Kameradschaft ! herzliche Sympathieen , die sich unter dem Anschein von Gleichgültigkeit , ja Abneigung verbargen ! Selbst die Physiognomie des äußeren Lebens war verändert . Die tiefe , fast beängstigende Stille , die sonst in dem weiten Raume herrschte , welchen der Schloßwall einschloß , wurde jetzt gar vielfach gestört . Baron Felix mochte es sich nicht versagen , wenigstens einer oder der andern seiner gewohnten Beschäftigungen in der Einsamkeit von Schloß Grenwitz nachzuhängen . Am Tage nach seiner Ankunft waren seine beiden schönen Reitpferde glücklich angelangt , und so konnten bei den weiteren Ausflügen wenigstens zwei der Herren beritten gemacht werden . In einem entlegeneren Theile des Gartens war unter seiner Leitung ein kleiner Schießstand hergerichtet worden , und in den späteren Nachmittagsstunden ertönte jetzt sehr oft ( zu der Baronin geheimen Entsetzen ) der kurze , scharfe Knall gezogener Pistolen bis in die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemächer . Oswald , Albert und selbst Bruno waren in keinem Augenblick vor Felix sicher , der fortwährend auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieser oder jener Unternehmung war , und stets so lange bat und quälte , bis man sich wohl oder übel seinen Wünschen fügte . Mit der Aenderung seines Lebens , über die er mit der Baronin so viel correspondirt hatte , war es ihm keineswegs Ernst . Das Garnisonsleben war ihm langweilig geworden ; die Schaar der Gläubiger immer dringender und seine Situation der Art , daß , als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam , man ihm zu verstehen gab , er thäte , wenn seine Gesundheit wirklich so angegriffen sei , vielleicht besser , sogleich seinen Abschied zu nehmen . Gerade in dieser kritischen Zeit machte ihm die Baronin von Grenwitz ihre Anerbietung betreffs Helene ' s. Felix , der hier einen Ausweg fand , an den er noch gar nicht gedacht hatte - denn Anna-Maria ' s Gemüthlosigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus Erfahrung bekannt - griff mit beiden Händen zu , obgleich eine Heirath nicht eben nach seinem Geschmacke war . Indessen war er bereit , sich auf jeden Fall auch in diese Bedingung zu fügen . Wie angenehm war er deshalb überrascht , als ihm in seiner Cousine , die er bis dahin nicht gekannt hatte , ein Wesen entgegentrat , schöner , anmuthiger , als irgend eine der Damen , die er bisher mit seiner Neigung beehrt hatte - ein Wesen , das , die Seine zu nennen , den Stolzesten der Stolzen entzückt haben würde . So waren denn nicht zwei Tage vergangen , als Felix für seine schöne Cousine in seinem Herzen eine Leidenschaft fühlte , die freilich , genau betrachtet , bloße Eitelkeit war , ihm selbst aber wie ein Wunder vorkam ; und so konnte er denn nicht müde werden , die Baronin von seiner Liebe zu unterhalten und sich auch gegen die Uebrigen , besonders Oswald , über die Herrlichkeit eines auf das Höchste gerichteten Strebens auszulassen . Er zweifelte nicht einen Augenblick daran , daß seine Leidenschaft erwidert werde . Hatte er nicht bis jetzt noch überall reüssirt ? war sein Glück bei den Frauen nicht sprüchwörtlich selbst unter den Kameraden , von denen sich doch so ziemlich jeder Einzelne für einen Paris oder Adonis hielt ? und hatte er nicht schon so oft erfahren , daß sich die Liebe hinter dem Anschein der Gleichgiltigkeit , ja der Abneigung verbirgt ? Freilich trieb seine schöne Cousine die Komödie ziemlich weit ; freilich behandelte sie ihn mit einer Kälte , einer Geringschätzung , die manchmal geradezu beleidigend war - aber er ließ sich dadurch in dem felsenfesten Glauben an seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit nicht beirren und verspottete die Baronin , wenn diese ihn wieder und wieder zur Vorsicht ermahnte . Denn Anna-Maria sah , da keine persönliche Eitelkeit die Klarheit ihres Blickes trübte , in dieser Angelegenheit viel schärfer als Felix . Sie , die an sich selbst die Energie des Charakters so hoch schätzte , mußte im Stillen die consequente Gleichmäßigkeit in Helenens Betragen , die bescheidene Festigkeit , mit der sie ihre Ansichten aussprach und behauptete , bewundern . Es war ein Etwas in der stolzen Schönheit ihrer Tochter , wovor sie sich unwillkürlich beugte . Helene war nach jenem Abend am Strande wo möglich noch stiller und zurückhaltender geworden . Sie flüchtete , wenn sie irgend konnte , in die Einsamkeit ihres Zimmers . War sie in der Gesellschaft , schloß sie sich am liebsten an ihren Vater an , oder suchte es auf den Spaziergängen so einzurichten , daß Bruno ihr Begleiter war . Sie hatte stets einen kleinen Dienst für ihn : bald mußte er ihr den Hut , bald die Mantille tragen ; bald hatte er ihr eine Blume zu pflücken , die auf der andern Seite des Grabens wuchs ; bald ihr an einer steileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen . Bruno unterzog sich dem Dienste mit einem milden Ernst , der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen herausforderte , für Jeden aber , der sich für den Knaben interessirte , und die wilde Unbändigkeit seiner Natur kannte , etwas unendlich Rührendes hatte . Sein Wesen schien , sobald Helene ' s Blick auf ihm ruhte , wie umgewandelt . Er war dann sanft und freundlich , dienstfertig und zuvorkommend ; ein Wort von ihr , ein Wink nur ihrer langen , dunklen Wimper genügte , ihn , wenn er sich ja einmal von seiner alten Heftigkeit hinreißen ließ , sofort zu besänftigen . Diese Heftigkeit machte sich vor allem gegen Felix Luft , gegen den er einen Haß und eine Verachtung empfand , die er sich kaum zu verbergen bemühte . Stets hatte er ein höhnisches , bitteres Wort für ihn in Bereitschaft ; die mancherlei kleinen Blößen , die jener sich in seiner maßlosen Eitelkeit der Gesellschaft gegenüber gab , fanden in Bruno einen unerbittlichen , grausamen Verfolger , der um so lästiger war , als seine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erscheinen ließ , gegen den man nicht mit anderen Waffen kämpfen konnte , als höchstens mit einem von oben herab geführten Hiebe , der meistens ganz vortrefflich parirt wurde . Felix selbst empfand dies einigermaßen , und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich erschien , so war er ihm doch im hohen Grade unbequem . Wo Helene war , da war auch Bruno , und traf es sich ja einmal auf den Spaziergängen , daß sie allein zurückgeblieben war , und war Felix eben im besten Zuge , von der Liebe im Allgemeinen - denn weiter war er noch nicht gekommen - zu sprechen , so gesellte sich wie auf Verabredung Bruno zu ihnen , und Felix , der von Botanik und Mineralogie nicht das Mindeste verstand , blieb nichts übrig , als die Beiden ihren naturwissenschaftlichen Bestrebungen zu überlassen . Wie würde er sich gewundert haben , wenn er gehört hätte , daß diese Verhandlungen abgebrochen wurden , sobald er aus dem Gehörkreise war ; daß Bruno , die Blume , über die sie so eben gesprochen hatten , zerraufend , durch die Zähne sagte : Sieh , Helene , so zerreißest Du mein Herz , wenn Du schwach genug bist , diesen Felix zu lieben ! - Das alte Lied , Bruno ? - Ja , das alte Lied ; und ich will Dir es singen , so lange ich noch Athem in der Brust habe : Meinst Du , ich weiß nicht , was es bedeutet , wenn Tante und Felix die Köpfe zusammen stecken und von Zeit zu Zeit verstohlen auf Dich blicken ? O ! mein Auge ist scharf , und mein Ohr ist es nicht minder . Gestern , als ich an ihnen vorüberstrich , meinte der saubere Herr : sie wird schon zur Vernunft kommen ! sie - das bist Du : und zur Vernunft kommen , heißt : sie wird ihren Stolz so weit vergessen , und einen solchen jämmerlich eitlen Pfau , wie ich bin , heirathen . - Aber wie kommst Du nur auf diesen Gedanken , Bruno ? - Nun , ich dächte , sie lägen nahe genug ; und Dir gehen sie auch durch den Kopf , oder weshalb blicktest Du oft so in Dich versunken vor Dich hin und dann plötzlich zu Felix oder zu Oswald hinüber , als ob Du sie mit einander verglichest . Ja , vergleiche sie nur immer ! Du wirst dann den Unterschied entdecken zwischen einem Manne und - einem Affen . - Du hast wohl Herrn Stein sehr lieb , Bruno ? Ist er denn immer so still und traurig , wie jetzt ? - Bewahre , er kann so ausgelassen sein , wie ein Füllen , ich weiß nicht , was ihm fehlt , oder ich weiß es wohl , aber - Aber ? - Aber ich darf es nicht sagen ; oder ja , Dir darf ich es sagen , denn Du bist nicht wie die anderen Menschen . Mir ist immer , als müßtest Du mir in ' s Herz sehen dürfen , wie sie sagen , daß uns Gott in ' s Herz sieht . - Bruno , ich will nicht , daß Du ein Geheimniß verräthst . - Ich verrathe nichts , denn Oswald hat mir nie ein Wort gesagt . Ich weiß nur , daß er so still und traurig ist , seitdem Tante Berkow fort ist . Es wurde doch heute Mittag darüber gesprochen , wie lange sie wohl noch fortbleiben , ob sie wohl nach Herrn von Berkow ' s Tode wieder heirathen würde , und da sah ich , wie Oswald sich entfärbte und während des ganzen Gespräches die Augen nicht von seinem Teller hob . Und dann , als Felix meinte , daß Baron Oldenburg , der ja auch , wie er ganz zufällig durch einen Freund erfahren , nach Fichtenau gereist sei , vielleicht darüber nähere Auskunft geben könnte , hob er schnell , mit einem zornigen Blick zu Felix hinüber , den Kopf und öffnete den Mund , als ob er etwas sagen wollte ; aber er sagte nichts und biß sich in die Lippen ; und heute Abend ist er noch ganz besonders verstimmt . - Und das Alles heißt ? - Das Alles heißt , daß Oswald Tante Berkow sehr lieb hat und daß er nicht mag , wenn über sie gesprochen wird ; eben so wenig wie ich es mag , wenn Tante und Felix über Dich sprechen . - Ach , Du weißt ja nicht , was Du redest . - Natürlich , das ist immer das Ende vom Liede ; ich weiß nichts ; ich bin ein dummer Junge ; heisa , heisa , hopsasa ! ich habe keine Ohren zu hören , keine Augen , zu sehen ? warum ? weil ich erst sechszehn Jahre alt bin und mein Bart noch einiges zu wünschen übrig läßt . Ob Helene über diese Mittheilung im Stillen nicht doch eine Art von Enttäuschung empfand , ob sie die Melancholie in Oswald ' s großen blauen Augen nicht doch anders erklärt hatte , - darüber hätte sie selbst keine Rechenschaft zu geben vermocht ; auf jeden Fall aber wurde das Interesse , welches sie seit dem Abend am Strande für Oswald zu empfinden begonnen , bedeutend erhöht . Sie fing an , ihn genauer als vorher zu beobachten ; sie war aufmerksam auf jedes seiner Worte ; sie sang und spielte vorzugsweise gern die Lieder und Musikstücke , die seinen Beifall hatten ; sie freute sich , als er wieder , wie früher , des Morgens in den Garten kam , und empfand es mit einiger Genugthuung , daß der jetzt so Schweigsame bei diesen Gelegenheiten stets gute freundliche Worte für sie hatte und auf jedes von ihr angegebene Thema , bald ernst , bald launig , immer aber mit dem herzlichen Ton eines älteren Bruders , der einer lieben Schwester gern von seinem reicheren Wissen mittheilt , einging . Und wenn das stolze , für alles Schöne und Edle tief empfängliche Herz des jungen Mädchens sich dem Zauber von Oswald ' s Persönlichkeit nicht zu entziehen vermochte , so war es auf der andern Seite Opposition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Pläne ihrer Mutter , was sie gerade jetzt an einem Manne , über welchen ihr aristokratisches Auge doch sonst wohl weggeblickt hätte , ein höheres Interesse nehmen ließ . Die verschiedenartigsten Empfindungen bekämpften sich in ihrem Herzen , wie oft an einem tiefblauen Sommerhimmel leichte graue Wolken durcheinander treiben und fließen , bis der Sturm in seiner Vollgewalt hereinbricht . Siebenundvierzigstes Capitel Die Baronin hatte dem von Felix geäußerten Rath , sich an dem geselligen Leben des Adels der Umgegend lebhafter zu betheiligen , nach reiflicher Ueberlegung folgen zu müssen geglaubt , und es dauerte nicht lange , als fast kein Tag verging , an welchem nicht die Familie entweder in die Nachbarschaft gebeten war , oder , was noch häufiger geschah , selbst Besuch zu empfangen hatte . Man schien entzückt , daß Schloß Grenwitz , früher wegen seiner Gastlichkeit mit Recht weit und breit berühmt , wieder der Vereinigungspunkt der geschäftigen Müßiggänger werden sollte : man billigte höchlichst Anna-Maria ' s Entschluß , das klösterlich stille Leben mit einem neuen glänzenderen und einer so alten ruhmreichen Familie würdigeren zu vertauschen ; man sagte ihr so viele Schmeicheleien über ihre Unterhaltungsgabe , über ihr Talent , große Gesellschaften zu arrangiren , daß sie die Kosten , welche diese ihr ganz ungewohnte Gastfreundschaft veranlaßte , vor ihrem eigenen Gewissen durch die unumgängliche Nothwendigkeit der Maßregel , so gut es gehen wollte , zu entschuldigen suchte . Oswald hatte auf diese Weise schon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz her bekannten Gesichter wieder gesehen ; aber noch keines von denen , die ihm ein vorzüglicheres Interesse abgewonnen hatten . Es war ein eigenthümlicher Zufall , daß an einem Nachmittage , theils gebeten , theils ungebeten , sich beinahe Alle zusammenfanden , die damals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren . Mit sehr verschiedenen Empfindungen sah er nach und nach Barnewitz mit seiner Gemahlin Hortense , Cloten , den Grafen Grieben und Andere eintreten und sein Interesse wurde geradezu ein peinliches , als zuletzt ganz unerwartet noch ein Wagen vorfuhr , aus welchem Adolph und Emilie von Breesen und die Tante Breesen stiegen , deren zahnlosen Mund und spitze Zunge er noch sehr wohl in Andenken hatte . Hierher , mein feiner , junger Herr ! rief die alte Dame , als sie nach den ersten Begrüßungen ihn erblickte ; warum sind Sie nicht uns zu besuchen gekommen , wie Sie versprochen hatten ? habe ich Sie deshalb meinem ungerathenen Neffen als das Muster eines wohlerzogenen jungen Mannes , der da weiß , was er alten Damen schuldig ist , vorgestellt ? habe ich deshalb Ihre Aussprache des Französischen meiner naseweisen Nichte als mustergültig gerühmt ? Schämen Sie sich ! ich beehre Sie mit meiner Ungnade ! Ich verdiene diese durchaus nicht , gnädige Frau ! sagte Oswald . Ich konnte nicht kommen , wie ich wollte , und gesetzt , ich hätte wirklich eine Unterlassungssünde begangen , so bin ich doch wahrlich , auch ohne Ihre Ungnade schwer genug gestraft . Ja , ja - schöne Redensarten , daran fehlt es Ihnen nicht . Sind Sie auch im Herzen nicht weniger unartig , wie die andern jungen Leute , so sind Sie doch manierlicher , und schon deshalb muß ich Ihnen verzeihen . Hier haben Sie meine Hand ; und nun sehen Sie zu , wie Sie mit meiner Nichte fertig werden , ohne daß sie Ihnen die hübschen Augen auskratzt . Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rücken und ließ ihn allein mit der hübschen Emilie , die , ohne die Augen von dem Boden zu erheben , mit leicht gerötheten Wangen und unruhig wogendem Busen vor ihm stand . Oswald war fest entschlossen , das kindische und doch gefährliche Spiel mit dem leidenschaftlichen Mädchen nicht wieder zu beginnen . Er wünschte und hoffte , daß sie selbst zur Besinnung gekommen sei , und er sah es deshalb nicht ungern , als Fräulein Emilie einige gleichgiltige Worte , die er an sie richtete , scheinbar unbefangen beantwortete und sich sodann zu einer Gruppe junger Mädchen gesellte , die sich um Helene geschaart hatte , den modischen Schnitt eines weißen Kleides zu bewundern , das sie heute zum ersten Mal trug . Auch seine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger unerquicklich , als er nach ihrem letzten unverhofften Zusammentreffen auf Oldenburg ' s Solitude erwarten konnte . Der junge Edelmann that sehr erfreut , ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen , erkundigte sich angelegentlich nach Oldenburg , erinnerte an das Pistolenschießen in Barnewitz , und fragte , ob Oswald ihm heute Revanche geben wollte . Oswald war einigermaßen gespannt zu sehen , wie sich Cloten und Barnewitz gegen einander benehmen würden . Zu seiner nicht geringen Verwunderung schien zwischen diesen beiden Herren das vollkommenste Einvernehmen zu herrschen . Oldenburg hatte sich in dieser Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat bewiesen . Er hatte Jedem der Beiden eingeredet , daß der Andere nach seinem Blute lechze , und so die beiden Männer , die , nicht ohne alle Ursache , das Leben , welches sie führten , viel zu behaglich fanden , um ohne gewichtige Veranlassung daraus zu scheiden , für seine Vermittelungsvorschläge geneigt gemacht . Herrn von Barnewitz hatte er Cloten ' s Liebeshandel mit Hortense als eine ganz unschuldige Tändelei dargestellt , und geschworen , wie er überzeugt sei , daß dieser junge Mann mit jener Dame zu keiner Zeit einem intimeren Verhältniß gestanden habe , als viele andere Bekannte , zum Beispiel er selbst . Dem jungen ländlichen Don Juan dagegen hatte er den Rath gegeben , in Barnewitz ' Gegenwart ein paar Mal ungezogen gegen Hortense zu sein , und vor Allem sich irgend eine der Damen ihres Cirkels auszuwählen , um ihr möglichst auffallend den Hof zu machen . Cloten , äußerst froh , sich so leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen , hatte Oldenburg ' s Rath pünktlich befolgt und von Stund an begonnen , Fräulein von Breesen in seiner läppischen Weise zu huldigen . Er war indessen bisher in seinen Bemühungen sehr wenig glücklich gewesen , hatte im Gegentheil viel Spott und Hohn aus dem Munde des übermüthigen Mädchens über sich ergehen lassen müssen . Seine Liebesversicherungen wurden mit ironischen Bemerkungen zurückgewiesen und seine Ritterdienste mit einer Gleichgiligkeit entgegen genommen , die ihn , wenn es ihm wirklich Ernst gewesen wäre , zur Verzweiflung gebracht haben würden . Und es war ihm , wie es in solchen Dingen zu gehen pflegt , nach und nach wirklich Ernst mit der anfänglich so leichtsinnigen Tändelei geworden . Fräulein Emilie war so reizend selbst in ihrem Uebermuth , so liebenswürdig selbst in ihrer Ungezogenheit , daß der unglückliche Vogelsteller sich von Tag zu Tag tiefer in die Netze , die er selber gelegt hatte , verstrickte , und jetzt Alles darum gegeben haben würde , ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu erhalten . Wie überrascht war er deshalb , wie außer sich vor Entzücken , als ihm Fräulein Emilie , die er kaum noch anzureden wagte , heute mit der größten Freundlichkeit entgegen kam , ihn auf dem Spaziergang , den man durch den Garten machte , zum Begleiter erwählte , ihren Sonnenschirm von ihm tragen , sich Blumen von ihm pflücken , ein im Saale vergessenes Taschentuch von ihm holen ließ , mit einem Worte , scheinbar Alles that , die ihm in den letzten Wochen zugefügten Beleidigungen in einer Stunde wieder gut zu machen . Cloten war überglücklich ; seine wasserblauen Augen strahlten ; er drehte ohne Aufhören seinen kleinen blonden Schnurrbart und lächelte dumm vergnügt , so oft ihm eine Aeußerung , wie : nun , Cloten , kann man gratuliren ? oder : recht so , Cloten , nur nicht ängstlich ! und ähnliche in ' s Ohr gezischelt wurden . Oswald wußte nicht , was er von dieser Komödie denken sollte . Im Anfang glaubte er , Emilie wolle ihm nur zeigen : sieh ! es fehlt mir nicht an Bewunderern . Er konnte nicht annehmen , daß ein so geistvolles und - mochten ihre Fehler sein , welche sie wollten - immerhin liebenswürdiges , und jedenfalls sehr hübsches Mädchen sich ernstlich für einen so faden Menschen , wie Cloten , interessiren könnte . Als der Abend aber hereinbrach , die Gesellschaft sich aus dem Garten allmälig in die nach dem Rasenplatz führenden Zimmer zurückzog und zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Cloten unermüdlich draußen promenirten , mußte er sich wohl der Meinung der Gesellschaft , daß die Verlobung zwischen Cloten und Fräulein von Breesen nicht mehr lange auf sich warten lassen werde , anschließen . Es that ihm leid um das Mädchen , daß sich so wegwerfen konnte ; dann aber dachte er wieder : Du brauchtest Dir wahrlich wegen eines so leichtsinnigen Geschöpfes keine so großen Gewissensbisse zu machen . Sie sind im Grunde Eines des Andern vollkommen würdig . Ob sich dieser Cloten nicht schämt , vor den Augen der Frau , die er liebte , ein solches Schauspiel aufzuführen ? Er wandte sich zu Hortense von Barnewitz , die in einer Fensternische des Saales ganz allein stand . Die hübsche Blondine schien , sehr gegen ihre Gewohnheit - denn sie war eine der gefeiertsten und verwöhntesten Damen - diese Vernachlässigung von Seiten der Herren heute gern zu sehen . Werden Sie heute nicht tanzen , gnädige Frau ? fragte Oswald . Soll denn getanzt werden ? antwortete Hortense , wie aus einem Traume erwachend . Gewiß . Die Baronin läßt das Klavier in den Saal schaffen . Herr Timm hat sich erboten , zu spielen ; ich wollte mir erlauben , die gnädige Frau um den ersten Tanz zu bitten , im Fall Sie sich noch nicht versagt haben . Ich mich versagt ? Bewahre ! die Zeiten sind vorüber , wo ich auf Wochen voraus zu jedem Tanz engagirt war . Ich überlasse das jetzt den Jüngeren . Sie belieben zu scherzen . Keineswegs . Sie sind der Erste , und weil ich fürchte , daß Sie auch der Letzte sein werden , will ich lieber gar nicht anfangen , sondern Sie bitten , sich ein wenig zu mir zu setzen , und die Zeit , die Sie mit mir vertanzen wollten , in aller Ruhe zu verplaudern . Ist es Ihnen recht ? Die Frage beantwortet sich selbst , sagte Oswald , Hortense einen Stuhl herbeiziehend . Setzen Sie sich auch ! sagte diese . Ich höre , Herr Doctor , Sie haben ein großes Talent zur Satyre ; lassen Sie mich eine Probe dieses Talentes hören ; an Stoff kann es Ihnen ja nicht fehlen , wenn Sie von unserm Standpunkt aus einen Blick auf die Gesellschaft hier im Saale werfen . Welche von den Damen halten Sie für die hübscheste ? Sie meinen die am wenigsten häßliche ? Sie Spötter ! Freilich , außer einigen erträglichen Toiletten ist nicht viel Hübsches wahrzunehmen . Wie finden Sie Helene Grenwitz ? Ich finde sie gar nicht , trotzdem ich sie überall mit den Blicken suche . Dort rechts von der Thür . Sie spricht mit ihrem Cousin Felix . Wie steht denn die Angelegenheit ? hat Felix sich noch immer nicht erklärt ? Jedenfalls nicht gegen mich . Das glaube ich gern . Aber glauben Sie , daß er sich erklären wird ? Nein . Weshalb ? Weil ich die Sache für unerklärlich halte . Schwärmen Sie etwa für Fräulein Helene ? Ganz unendlich . Sie interessiren sich überhaupt wohl besonders für junge Mädchen , die eben aus der Pension kommen ? Nur , wenn sie wirklich interessant sind . Nicht immer ; oder Sie wollen doch nicht behaupten , daß Emilie Breesen dies Beiwort verdient ? Ich habe noch nie für Fräulein von Breesen geschwärmt . Desto mehr die Kleine für Sie . Lisbeth von Meyen ist die Vertraute von Emiliens Liebeskummer geworden und Lisbeth hat natürlich die ganze Sache ausgeplaudert . Aber das ist ja unmöglich ! Beruhigen Sie sich nur ! Sie sehen ja , das gute Kind hat sich