abzugewöhnen . Übermorgen gehe ich nach Paris . « Corona hatte noch immer auf den Knien gelegen ; jetzt stand sie auf und sagte zu Felicitas , indem sie ihr die Tränen von den langen Wimpern trocknete : » So , meine Lili ! jetzt küsse dem Papa die Hand und bitte ihn um Verzeihung , daß wir geweint haben . « Zaghaft gehorchte das Kind , küßte Orests Hand und sagte ängstlich : » Papa , nicht böse auf Lili . « » Geh ' nur , geh ' ! « erwiderte er rauh . Corona nahm die Kleine auf den Arm und verließ schweigend Orest , der mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und hielt und bei sich selbst murmelte : » Die Weiber sind ganz darauf eingerichtet , einen ehrlichen Mann um den Verstand zu bringen ! « So wirkt die Leidenschaft : sie entnervt den Menschen und sie macht ihn barbarisch . Orest ging nach Paris , Corona blieb allein ; aber Gott war mit ihr . Sie war wochenlang auf ihre Gemächer beschränkt , so leidend , daß sie sich kaum mit etwas Handarbeit - und gar nicht mit Musik und Lesen beschäftigen durfte ; und daß es ihr nicht einmal möglich war , Sonntags zum Gottesdienst zu fahren . Sie verlor nie die Geduld bei so herben Entbehrungen ; sie klagte nie , daß sie ihr zur Last fielen . In ihrem freundlichen Turmkabinet verbrachte sie meistens ihre Tage . Zuweilen ruhte ihr Blick lange auf der winterlichen Landschaft , die sie aus ihren Fenstern weit und breit übersah . Das weiße Leichentuch des Schnees lag auf Berg und Tal , auf Wald und Flur - so kalt , so schauerlich , so ertötend . O Winter meines Lebens ! seufzte wohl einmal Coronas Menschenherz mit seinen zwanzig Jahren . Und der Frühling kommt doch ! der ewige Frühling ! setzte sie entschlossen hinzu und zog mit himmlischer Energie ihr Herz höher , über seine zwanzig Jahre und seine Erdenwünsche hinauf . Und fiel ihr Auge gar auf Felicitas , so rief sie froh : Mein Gott , wie undankbar ich bin ! hab ' ich nicht im Erdenwinter mein Schneeglöckchen , mein süßes Kind ! O du Seele meines Kindes - in dir besitze ich ja das Paradies ! - - Graf Damian besuchte sie und fand sie so leidend , so übel aussehend , daß er der Baronin Isabelle schrieb und sie bat , nach Stamberg zu kommen . Grenzenlos war Coronas Freude , als sie nicht allein kam ; Onkel Levin begleitete sie . Seit vielen langen Jahren hatte er Windeck nicht verlassen . Aber er dachte : Vielleicht ist sie reif für die Ewigkeit ; vielleicht ruft der gnädige Gott eine Seele , die durch reine edle Schmerzen früh geläutert ist , aus diesem Tal der Tränen . Und sie hat niemand , der ihr in schwerer Stunde mit geistlichem Trost und mit den göttlichen Gnadenmitteln der Kirche zur Seite stehe . Er erbat und erhielt die bischöfliche Erlaubnis , in einem Saal , der an die Wohnzimmer stieß und nicht benutzt wurde , eine Kapelle einrichten und die heiligsten Geheimnisse feiern zu dürfen . » Heute ist meinem Hause Heil widerfahren ! « frohlockte Corona , als Onkel Levin eintraf und diese Nachricht mitbrachte . Ihrem Vater gegenüber war sie immer fröhlich , mitteilend , gesprächig - und ganz ungesucht , ganz einfach . Sie litt nicht , daß er auch nur eine Silbe der Mißbilligung über Orest ' s Benehmen äußere . Von diesem Zwang , der ihm sehr lästig war , erholte er sich bei Levin . » Ich möchte dem Jungen , dem Orest , den Hals umdrehen ! « rief er zuweilen . » Lieber das Herz ! « entgegnete Levin . » Ja freilich - das Herz ! aber hat er ein Herz , wenn er keines hat für diesen Engel von Frau ? sie ist meine Tochter und es ist wider den Anstand , das eigene Kind zu loben ; aber ich kann mir nicht helfen ! Sehe ich ihr liebes , sanftes Gesicht an , so muß ich immer denken : O du lieber Engel ! « - Mit Levin sprach Corona anders , als mit Graf Damian . Sie sagte : » Lieber Onkel , wie gut ist Gott ! wie erbarmt er sich meiner ! Ich war ein kleines , eitles , launenhaftes Mädchen , mit allen Anlagen zur Selbstsucht und zur Selbstgefälligkeit - und dabei verzogen und verwöhnt wie Eine ! Wäre das so fortgegangen , hätten mich die äußeren Verhältnisse immer so weich und warm gewiegt und getragen - wer weiß , ob ich nicht ein recht schlimmes Weltkind geworden wäre . « » Wohl Dir , daß Du es erkennst , geliebtes Kind , « erwiderte Levin . » Irdisches Glück erschlafft und erkältet uns oft gegen unsere himmlische Bestimmung . Das Herz des Menschen ist wie ein Rauchfaß , in welchem allerhand Weihrauchkörner liegen und aus welchem dennoch kein Wohlgeruch aufsteigt - denn der Weihrauch brennt nicht . Da fallen Kohlen auf ihn , entzünden ihn , entwickeln seinen Arom , der sich zu lieblichem Duft und in zartem Gewölk ausbreitet und zum Tabernakel emporsteigt , in welchem unser Gott unter uns wohnt . Die zündende Kohle im Menschenherzen , Kind - das ist der Schmerz . Wer möchte ihn missen , da durch ihn unser kaltes trockenes Herz verwandelt wird in eine Schale , die vor Gott süßen Wohlgeruch aushaucht . « - - Corona war sehr krank . Zwei Ärzte waren im Schloß . Ein Telegramm ging nach Paris und benachrichtigte Orest von ihrer Gefahr . Er war aber nicht in Paris , sondern in Lyon , wo Judith ein Konzert gab . Corona sagte zu den Ärzten : » Ich habe von Fällen gehört , in denen es möglich sein soll , Mutter und Kind am Leben zu erhalten . Es könnte ja sein , daß sich dieser Fall für uns ereignete ; denn ich weiß , es steht nicht gut mit mir . Tritt er ein - dann vergessen Sie nicht , daß es sich handelt um eine unsterbliche Seele . Ich habe so eben die heiligen Sterbsakramente empfangen und darf hoffen , daß der liebe Gott meine Seele in Gnaden aufnehmen werde ; also ich kann sterben . Aber das Kind muß leben - denn es muß die heilige Taufe empfangen . « Der eine Arzt dachte bei sich selbst : die Logik verstehe ich nicht . Der andere , Coronas Hausarzt , der trockene Mann , sah sie an mit feuchtschimmernden Augen und sagte im barschen Ton : » Gnädige Gräfin müssen nicht so sprechen ! davon wird einem ja ganz unnützer Weise das Herz weich . Man ist ja auch ein Christenmensch und hat ein Gewissen . « » Gut , Herr Doktor ! « sagte Corona ; » auf Ihr Gewissen lege ich die Seele des Kindes . « - - Namenloser Jubel brach im Schloß aus : Corona lebte und ihr Sohn lebte auch ; schwach und schwankend zwar , aber er lebte . » Wie soll er heißen ? « fragte Levin ; » ich taufe ihn gleich . « » Gott war mit uns ! « sagte Corona strahlend vor Wonne ; » Emanuel soll er heißen . « Alles an ihr war übernatürlich : ihre Freude wie ihr Leid ; ihre Gedanken wie ihre Liebe . Und abermals ging ein Telegramm mit diesen Nachrichten zu Orest und traf ihn nicht ; denn er war noch in Lyon bei einem prächtigen Fest , das man zu Ehren Judiths gab . Tags darauf ging sie nach Paris zurück . Man war in der Charwoche und sie hatte versprochen , am grünen Donnerstag in der Kapelle der Klosterfrauen von Unserer Lieben Frau von Sion zu singen ; Pergoleses » Stabat mater « , zum besten des Klosters . Auch ihr Konzert in Lyon war für einen Zweck der Barmherzigkeit gewesen und nie schlug sie eine solche Bitte ab . Mit Orest zugleich traf ein drittes Telegramm aus Stamberg ein , so daß er auf seinem Tisch drei telegraphische Depeschen fand . Trotz seines Leichtsinns entsetzte er sich und öffnete die letzte zuerst . Sie meldete ihm den Tod seines Sohnes . Das schwache Lebensflämmchen war nicht zu erhalten gewesen und nach vierundzwanzig Stunden still erloschen . Orest war vernichtet . Er hatte einen Sohn gehabt und verloren - und ihn nie gesehen ! Er sauste mit dem Schnellzuge durch die Nacht und war am andern Vormittag auf Stamberg , außer sich , verzweifelnd , mit Gott und Menschen hadernd , denn einen Sohn hatte er gewünscht , einen Träger des Namens , einen Erben des Vermögens , einen Vertreter des Hauses Windeck ; und nun fand er ihn - aber als Leiche . Auf Frühlingsblumen gebettet und in Spitzen eingehüllt lag die kleine Leiche in dem Saal , der zur Kapelle umgeschaffen war , und Felicitas saß , mit Blumen spielend , so ruhig und ahnungslos neben dem kleinen Sarge , als ob es die Wiege ihres entschlafenen Brüderchens sei . Dies Bild eines Friedens , der Zeit und Ewigkeit umschloß , trat so überwältigend in die wilde Gewitternacht seines Innern , daß Orest ohnmächtig neben den beiden Kindern zusammensank . Dies entwaffnete etwas den Graf Damian , der einen beträchtlichen Vorrat von Groll gegen seinen Schwiegersohn in sich aufgespeichert hatte , und der Hausarzt sagte zu Levin : » Ja , ja ! so sind die Leute ! Nichts wollte der Herr Graf davon hören , seine Reise abzukürzen , obgleich es ja auf der Hand liegt , daß bei einer so zarten Gesundheit , wie die Frau Gräfin hat , die Dinge leicht eine schlimme Wendung nehmen . Und nun ist er desperat , das Bübchen nicht mehr am Leben zu treffen , und hat nicht übel Lust , uns alle dafür verantwortlich zu machen . « Corona hatte ihr Kind in die Hand Gottes zurück gegeben , aus der sie es empfangen hatte . Bei solcher Gesinnung verliert der Schmerz seine Herbe und seinen Stachel ; aber weh tut er doch ! Das Herz blutet sich leise nach innen aus . Sie suchte Orest zu trösten und zu beruhigen und bat ihn , daß das Kind in der Familiengruft zu Kloster Engelberg beigesetzt werde . » Dort sind wir im Sarge zu Hause , « sagte sie , » und viele heilige Meßopfer und Gebete erheben sich über unsere Gruft und schlingen die Toten in den Verband des ewigen Lebens hinein . « Was sie wünschte , geschah . Es war , als habe sie einen Blick in ihre Zukunft getan . Allmählig senkten sich wieder die Wellen in den aufgeregten Gemütern , und das Alltagsleben kehrte in das gewöhnliche Geleise zurück . Graf Damian , Levin und die Baronin Isabelle verließen Stamberg . Corona erholte sich ; doch so langsam , daß sie im Laufe des Sommers eine Kur in Ems brauchen mußte und daß die Ärzte erklärten , sie müsse den nächsten Winter in Italien zubringen , in Rom oder Pisa ; ihre Brust scheine angegriffen . » Also nach Rom ! « rief Orest . » Ja , nach Rom ! « sagte Graf Damian . » Ich gehe mit . Das habe ich mir schon lange gewünscht . « Er war auch in Ems mit Corona ; er konnte sich kaum mehr von ihr trennen , so sehr fühlte er die Verpflichtung , in ihrer Verlassenheit ihr beizustehen . Hyazinth war bereits im Frühling nach Rom gegangen , um dort ein Jahr theologische Studien zu machen . Der Grund , weshalb Orest sich für Rom entschied , war kein anderer , als weil Judith dahin ging . Diese hatte erklärt , ihr Ruhm sei jetzt begründet ; sie brauche London und Paris nicht mehr ; sie wolle fortan nur in Italien singen - und diesen Winter in Rom . Als Orest ' s Schmerz um sein Kind sich gelegt hatte , schlief auch sein Gewissen wieder ein und der Schmerz ging schnell vorüber , denn er hatte doch eigentlich nur einen künftigen Orest in seinem Sohn ersehnt , geliebt , betrauert . Ein solcher Schmerz ist nicht die glühende Kohle , die das Innere entzündet ; ist nur ein dürftiger Funke , der in der kalten inneren Finsternis schnell erlischt . Mit brennender Ungeduld harrte er auf den Augenblick , wo Judith am Genfersee sich ausruhen werde ; dann wollte er zu ihr , sein Verschwinden aus Paris und ohne Abschied von ihr - gleichviel wie erklären und dann nach Stamberg zurückgehen , um mit Corona die italienische Reise anzutreten . Die Ärzte hatten freilich geraten , Corona möge nicht den Oktober diesseits der Alpen abwarten ; aber Judith war ja im Oktober in der Villa Diodati ! da mußte Corona schon Geduld haben ! Endlich kam statt seiner jener Brief , der ihr anzeigte , daß sie die Reise allein mit Graf Damian zu machen habe . Die Heimkehr In Sinnen verloren saß Corona am Schreibtisch , den Brief in der einen Hand und in die andere den Kopf gestützt - so lieblich in ihrer Erscheinung , ihrem Ausdruck , ihrer Haltung , daß die volle ehemännische Gleichgültigkeit dazu gehörte , um eine andere Frau ihr vorzuziehen . Ihr lichtbraunes Haar war à la Valois in weichen Wellen zurückgeschlagen und ließ die Stirn ganz frei , die weiß wie Alabaster , an den Schläfen ein feines bläuliches Geäder , zart wie auf Blumenblätter getuscht , durchschimmern ließ . Vom zartesten Schnitt waren ihre Züge , vom zartesten Rosenhauch ihr Kolorit und mit einer ihr eigentümlichen Grazie hoben und senkten sich ihre langen , gebogenen Wimpern über ihr mildes , aber melancholisches Auge . Sie trug ein Kleid , wie es sich für die Jahreszeit paßte , von schwerem Seidenstoff , perlgrau mit korallenfarbenen Ramagen , und Broche und Ohrringe von geschnittenen Korallen und eine Fülle von Spitzen fiel von ihren schmalen weißen Händen zurück . Sie sah aus , wie eine wunderschöne Blume aus einem fremden Himmelsstrich - fein und zart organisiert an Leib und Seele , an Herz und Geist . Ein Ausruf des Kindes weckte sie aus ihrem Nachsinnen . » Mama ! « sagte Felicitas im Tone des Erstaunens und zeigte mit dem Finger nach der Türe , die aus dem Kabinett in den Salon führte . Corona wendete sich nach der Türe um : da stand Uriel . Sie streckte ihm beide Hände entgegen , aber sie zitterte so heftig , daß sie nicht aufstehen konnte . Die Erinnerung an den Abschied damals in Windeck - und an alles , was zwischen dem Damals und Jetzt lag , überwältigte sie und sie brach in Tränen aus . » Corona , Du weinst ! .... und ich freue mich ! « rief Uriel , und drückte und küßte ihre Hände . » O , ich freue mich auch , « sagte sie , trocknete ihre Augen und suchte sich zu fassen ; » aber Du hast mich erschreckt . Sieh ' , Uriel , dies ist Felicitas . « Die Kleine hatte bei dem Eintritt eines Fremden ihre Puppenwelt verlassen und sich zur Mutter geflüchtet . Uriel hob sie auf , stellte sie vor sich auf den Tisch und sagte zärtlich : » Also Du bist Felicitas ! Sei willkommen ! und sei das Glück Deiner Eltern , Du liebes Kind ! .... Wo ist Orest ? « setzte er in einem Tone hinzu , der die Erwartung verriet , er werde die Antwort bekommen : Auf der Jagd . » Er ist verreist - er braucht die Seebäder in Genua , « entgegnete Corona beklommen . » Orest - Seebäder des Südens ! « rief Uriel in höchster Verwunderung . » Wenn Du es wärest ! « » O nein , « sagte sie abbrechend , » ich bin wohl und brauche desgleichen nicht . Aber nun sprich von Dir , nun erzähle , Du Weltumsegler ! Was hast Du gesehen , gehört , gedacht , getan ! « » Gesehen : wie schön Gott die Erde geschaffen - und wie häßlich die Menschen sie und sich selbst gemacht haben . Gehört : mehr Worte als Wahrheit . Gedacht : eines ; nämlich - das Menschenherz ist größer als der Erdball . Getan : nichts . « » Du bist ein lakonischer Berichterstatter , « sagte Corona lächelnd . » Ich habe Dir die Quintessenz meiner Reiseerfahrungen gegeben ; ist das nicht die Hauptsache ? Allerlei Bilder lassen sich wohl später ausmalen und dienen mehr zur Unterhaltung , als daß sie der Teilnahme genügten . Und deshalb ist jetzt an Dir die Reihe , mir einen Abriß Eures Lebens zu geben . « Corona legte sanft ihre Hand auf das lockige Haar ihres Kindes und sagte himmlisch freundlich : » Felicitas . « » Du bist aber doch noch lakonischer als ich ! « entgegnete Uriel gerührt . » Ich habe auch keine Weltfahrten gemacht ! « rief sie heiter . Dann fragte er nach dem Vater , nach Onkel Levin , nach Hyazinth , nach Tante Isabelle , nach ganz Windeck . Nach Regina fragte er nicht . Aber Corona erzählte von allen und allem und auch von der geliebten Schwester : daß dieselbe den Klosternamen Therese trage - und daß sie alle einmal im Jahre von Windeck aus sie in Himmelspforten besuchten und im Sprachzimmer sie sehen und sprechen dürften . » Das heißt , wir sehen sie hinter dem Gitter und sie schlägt nie ihren Schleier auf . Auf Wiedersehen im Himmel ! sagte sie am Tage ihrer feierlichen Einkleidung , und als der Vater sie vor der Ceremonie noch einmal zu sehen und zu sprechen verlangte . Sie war , wie es üblich ist , noch in dem glänzenden weltlichen Anzug , den sie gleich darauf mit dem groben braunen Habit der Karmelitessen vertauschen sollte . Wie eine Königin stand sie da , in dem weißen Seidenkleide und mit den herrlichen Perlenschnüren von der seligen Mutter um den Hals - wie die Königin einer höheren Welt , in welcher Diamanten als Staubeskörner gelten . So stand sie da und das Gitter im Sprachzimmer war weit geöffnet . Der Vater hatte durchaus verlangt , sie im letzten Augenblick zu sprechen und wir waren alle dabei . Alle Verwandten waren gekommen zu der heiligen Feierlichkeit , die der Bischof vollzog . Papa sagte ihr vieles und Onkel Levin auch ein paar Worte ; aber sie erwiderte nur : Der Bräutigam ruft , ich muß ihm folgen ! und ähnliches mehr , ganz sanft , ganz bestimmt - wie sie immer war . Endlich kniete sie am Gitter nieder und bat Papa und Onkel Levin um ihren Segen - und als sie dann aufgestanden war und uns alle und jeden einzelnen ansah mit ihrem tiefen unvergeßlichen Blick , da sagte sie : Auf Wiedersehen im Himmel ! und wie eine wandelnde Lilie verließ sie das Zimmer . Jetzt , wenn wir kommen , ist sie immer von einer ganz herzzerschmelzenden Liebe , als ob sie ihr Leben aushauchen möchte , um Seelen zu Gott hinzuziehen . Diesen Sommer fragte ich sie : Kommst Du vom Kalvarienberg , um so zu lieben ? Da antwortete sie so recht nach alter Art , damit nur niemand sie für etwas Besonderes halten möge : Ach nein ! aus meiner Zelle ! Wir gehen dann immer in die Klosterkapelle , um sie singen zu hören ; am Abend nach der Vesper ein Salve Regina oder Regina coeli , laetare . Die Karmelitessen singen wunderschön , mit gedämpfter Stimme , nach der Tradition der heiligen Therese , welche gesagt hat , die laute Stimme , der weithin tönende Gesang schicke sich nicht für Klosterfrauen , bei denen alles das Gepräge der Abtötung , nicht der natürlichen Gabe , tragen müsse . Und so singt denn auch Regina wie vom Himmel herab . Die Leute kommen aus der Stadt , um sie zu hören . Ihre Stimme schwebt gleichsam über den anderen Stimmen , wie ein Balsamduft über Blumen . Ach , Uriel , von Regina gilt das Wort unseres Heilandes : Sie hat den besten Teil erwählt ! « » Für sich selbst - gewiß ! « sagte Uriel . » Auch für uns ! « entgegnete sie . » Regina ist unsere Beterin . Es gibt in den Familien einige Glieder , die zahlreichsten , welche für irdischen Bestand und irdische Wohlfahrt der Familie sorgen . Damit sich diese nicht zu tief und zu ausschließlich in das Irdische versenke und verliere , hat sie auch andere Glieder , welche ihr himmlische Gnaden zuwenden . Das Gebet des Gerechten vermag viel : so lehrt und beweist uns die heilige Schrift . Wir sind reich an betenden Seelen : Onkel Levin , Hyazinth , Regina . « » Und was haben sie denn für Dich erbeten ? « fragte er bewegt und blickte in ihr melancholisches Auge . » Das , was mir not tut , lieber Uriel , « sagte sie mild . » Nun aber sprich von Orest ! « rief er . » Diesen Brief erhielt ich soeben von ihm ; der sagt Dir alles , was ich selbst weiß , « entgegnete sie ausweichend und reichte ihm das Schreiben . » Daraus wirst Du sehen , daß ich am Vorabend einer Reise nach Italien bin . Morgen werden die Koffer gepackt , übermorgen gehe ich nach Windeck und mit dem Papa gen Süden , nach Rom - wo ich Orest finde . « Uriel war über allemaßen durch den Inhalt dieses Schreibens betroffen . Orest brauchte enorm viel Geld - Corona sollte nichts brauchen ! Er reiste mit Reitpferden - sie sollte ohne Diener reisen ! Zuerst nannte er sein Pferd - dann sein Kind ! Er fing an , ihre melancholischen Augen zu verstehen . Sie sprachen den ganzen Abend traulich und offenherzig wie Geschwister mit einander ; aber Coronas eheliche Verhältnisse berührten sie nicht . Corona schwieg darüber und Uriel fühlte alles , was in diesem Schweigen lag . Als er ihr seine Verwunderung aussprach , daß sie ihr Söhnchen nicht in ihrer Nähe habe beerdigen lassen , sagte Corona : » Sieh ' , ich bin hier nicht recht heimisch ! « Aber gleich setzte sie erklärend hinzu : » Ringsumher alles protestantisch - das macht mir den Eindruck von unüberwindlicher Fremdheit . « » Und die Kapelle ? « fragte er . Corona kramte tief in ihrem großen chinesischen Arbeitskorb , um ihr Erröten zu verbergen und wo möglich die Frage im Eifer der Geschäftigkeit zu überhören . Als Uriel sie aber wiederholte , schlug Corona ihm zierlich mit einer Häkelnadel von Elfenbein auf die Finger und erwiderte : » Warum hast Du sie nicht ausgebaut ? Wir haben kein Geld dazu . « Ihn überfiel ein unsägliches Mitleid mit dieser Frau , die in der Blüte der Jugend und Schönheit , und umringt von Reichtum und Wohlbehagen dennoch ein verzichtendes Leben zu führen hatte , dessen Entbehrungen grell abstachen gegen den äußeren Glanz . Sie rührte ihn umso mehr , als sie sehr heiter war . Ihre Kindheit und ihre erste Jugend wachten in tausend Bildern und Erinnerungen in ihr auf , als sie Uriel wiedersah ; die zehn Jahre , die er vor ihr voraus hatte , trugen dazu bei , jene aufzufrischen und zu vervollständigen ; und daß er darauf einging , daß er es nicht langweilig fand , wie Orest , von der Vergangenheit zu sprechen ; daß er nicht vergessen hatte diese Kinderei und jenen Scherz und daß er gar noch mehr wußte als sie - das stimmte sie so froh , wie sie lange nicht gewesen war , die arme Corona . Diese Freude traulicher Mitteilung war ein seltener Gast bei ihr ; denn derjenige , auf den sie von Gott und durch die natürlichen Verhältnisse gewiesen war , stieß sie rauh zurück , und bei allen anderen fürchtete sie , bald wehe zu tun , bald schmerzlich berührt zu werden . Bei Uriel fühlte sie eine gewisse wohltuende Sicherheit . Aber so zart hatte ihr demütiges Gebets- und Leidensleben ihr Gewissen gemacht , daß sie , als sie später allein war und vor Gott Rechenschaft über ihren Tag ablegte , mit heiliger Wachsamkeit - mit diesem Gnadenlicht , das um so heller brennt , je reiner die Luft des inneren Lebens ist - ihr Herz durchleuchtete . Und sie dachte daran , daß früher ein leiser , ihr selbst unbewußter Zug von Neigung für Uriel wie ein warmer Hauch ihr Herz berührt habe . Sie verschloß nicht ihr Auge gegen die kleinste Gefahr . Sie verließ sich nicht auf ihr schwesterliches Verhältnis zu ihm ; nicht auf ihren reinen Willen . Sie betete um himmlischen Schutz und faßte ihren Vorsatz . » Heilige Mutter Gottes , beschirme Du mein Herz ! ich will mich nicht so sehr über Uriel freuen ! « - So heiligt man sich . - Auf Windeck war sie zwiefach willkommen , da sie Uriel mitbrachte . Graf Damian rief vergnügt : » Geh ' nur gleich mit uns nach Rom ! « » Ich bleibe erst noch etwas bei Onkel Levin , « sagte Uriel ; » aber ich komme . Es ist recht seltsam , daß ich trotz meiner Weltfahrten noch nie in Rom war . « - Graf Damian betrieb rasch die notwendigen Reiseanstalten , umsomehr , als Corona täglich nach Kloster Engelberg hinüberfuhr . Er brach gegen Uriel in heftige Klagen über Orest aus . » Was sagst Du zu einem solchen Benehmen ? Ist ' s nicht empörend ? Die Hälfte des Jahres sitzt er bei dieser Sängerin , dieser Judith Miranes - Du weißt ja deren Geschichte ! und wenn er auf Stamberg ist , würde man wünschen , daß er nur lieber fortginge - so mißmutig , so verstimmt , so gelangweilt , so lebenssatt , so durch und durch unerträglich benimmt er sich und besonders gegen Corona . Hätte sie nicht eine übermenschliche Geduld , so wäre sie längst davongelaufen ! Wer hätte je eine solche Geduld von der kleinen lebhaften Corona erwartet - und je , daß Orest so ausarten könne ! Leichtsinnig war er zwar immer ; allein solche Leute werden oft die allerbesten Ehemänner . Früher war er doch munter , guter Laune , auch so gewiß gutmütig und gescheut . Jetzt - alles fort ! aber alles ! untergegangen in Egoismus , verschlungen von verrückter Leidenschaft . Ich sag ' Dir , verrückt ! denn wenn Du mit ihm sprichst , wie ich es einmal getan habe , so antwortet er Dir : höchst edle Freundschaft - platonische Liebe - etc. etc. Stelle Dir dies vor : Orest und platonische Liebe ! - Was hab ' ich von seinem Platonismus , wenn er all ' seine Standespflichten versäumt , Frau und Kind verläßt , der Welt Skandal gibt ! Aber die Sache ist so : die Donna ist klug ! sie weiß , wie sie ihn fesseln kann . Ich weiß nur nicht , wie lange das währen soll ! « » Mein Gott , « sagte Uriel niedergeschlagen , » wie schwer ist die Kunst , glücklich zu sein ! für Orest sind doch wahrlich alle Elemente , alles Material dazu vorhanden und er benutzt es nicht und macht sich selbst und Corona unglücklich . « » Mein Trost ist der , « sagte Graf Damian mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen inneren Erhebung , » daß Corona sich wirklich zu einer kleinen Heiligen bildet . Ich war diesen Sommer mit ihr in Ems . Sie ist ja eine ganz charmante Person und einer solchen fehlt es in der Welt nie an Leuten , die ihr das sagen oder zu verstehen geben . Aber es war als ob sie von dem Mann im Mond oder zu ihm sprächen ! Ich habe sie oft in der Stille bewundert wegen ihres unvergleichlich taktvollen Benehmens . Und das weiß ihr leichtfertiger Patron von Mann gar nicht zu schätzen . « - Am Tage nach Allerseelen reiste Graf Damian mit Corona und Felicitas gen Italien . » Du bleibst bei uns alten Leuten ! « sagte die Baronin Isabelle freundlich zu Uriel . » Du magst auch recht müde von dem rastlosen Umherschweifen dieser vierthalb Jahre sein ! Was willst Du denn nun beginnen ? « So hatte auch Graf Damian gefragt und Onkel Levin ebenfalls . Ja - wußte er es denn ? Was er nicht wollte , das wußte er . Aber was er wollte ? - » Lieber Onkel , « sagte er einmal in einem stillen Gespräch zu Levin , » ich weiß durchaus nicht , was ich auf der Welt anfangen soll . Ich bin ausgereist , um etwas zu suchen , das ich hier nicht fand ; ich habe mir in fernen Weltteilen das menschliche Treiben und Wirken betrachtet und überlegt , das mir in dem unseren so fürchterlich mißfiel . Es ist dort wie hier . Ich bin nach Europa zurückgekehrt - vielleicht mit der leisen Hoffnung , es werde mir jetzt einen besseren Eindruck machen . Aber im Gegenteil ! ich habe dies letzte Jahr fast ausschließlich in Petersburg , London und Paris zugebracht , und zwar nicht in dem Teil der Gesellschaft , welche sich exklusiv die Gesellschaft nennt . Die kenne ich aus früherer Zeit ! die ist so blasiert , so entsittlicht , so verkommen im brutalsten Materialismus , daß der Duft von Eßbouquet und Patchouly , in welchem sie schwimmt , ihren eigentümlichen Verwesungsgeruch nur zurückdrängt , aber nicht verscheucht . Die kenne ich mit ihrer moralisch versunkenen Männerwelt und ihrer durch Eitelkeit sinkenden Frauenwelt , und deren Losungswort ,