Berichte Jean Baptist Maria Schnuphase ' s über die seit einigen Tagen aus Kocher am Fall angekommene neue Gesellschafterin mit ihrem wirklichen Benehmen ... ihrer so sittsamen , fast stummen Haltung , ihrem täglich zweimaligen Kirchgang und einem so tief , tief demuthsvoll niedergeschlagenen Blick , daß man schon anfängt , über eine so unerwartete Einfachheit und fast zu weit gehende Anspruchslosigkeit einer doch äußerlich so auffallenden und überraschend schönen Erscheinung staunend - den Kopf zu schütteln ... Steigen wir einen Stock höher ... Im zweiten Stock wohnen der Procuraführer Ernst Delring und seine Gattin Hendrika geborene Kattendyk ; nach hinten hinaus aber Piter Kattendyk , ihr Bruder , der einzige Sohn der verwitweten Frau Commerzienräthin . Piter hat nach hinten auch noch den ersten Stock in Beschlag ... beide waren durch eine niedliche Wendeltreppe verbunden ... Wir finden auch bei Herrn Delring schon alles dunkel . Dagegen sind bei Piter noch der erste Stock , der zweite und die Wendeltreppe prächtig erleuchtet . Piter Kattendyk hatte einen seiner glücklichsten Momente ... Umgeben ist er nicht nur von seinen » guten « , sondern heute sogar von seinen » besten « Freunden und sie zechen und sie schmausen und sie jubeln - ganz im üblichen Tone der alten frommen Römerstadt . Die Bowle steht auf dem Tisch , die kunstvoll geschliffene , rosenrothe Krystallbowle ... Sie ist gefüllt mit einem nach allen trinkwissenschaftlichen Gesetzen der Vereinigten Staaten Nordamerikas gebrauten Sherry-Punsch ... An den drei vor Cigarrendampf etwas matt brennenden Glaskugeln , an den Anekdoten , deren zwei Drittheile aus dem » Humoristen in der Westentasche « entlehnt sind , an der Fülle von bei alledem wiehernd belachten » Witzen « , an gewissen Thatsachen , die man vorher immer als etwas » auf Ehre zu Verbürgendes « und mit einem Schnedderedeng der glaubwürdigsten Versicherung Anzupreisendes verkündigte und nachher dann doch allen noch so touchirenden Zweifeln preisgab , merkt man , daß man sich hier unter den Jünglingen mit den malerischsten Bärten und den halbgelösten bunten Halsbinden unter der kaufmännischen Aristokratie der Stadt befand ... Alle führen sie Namen , vor denen Tausende ihrer Mitbürger selbst im Traume den Hut abziehen . Wie hängt auch hier alles am Wink ihrer Augen ! Zwar trennt eine große Glasthür diese höchst respectabeln jungen Herren der Schöpfung von einem im Vorgemach eingeschlummerten Diener in Livree ; die alte Kathrine jedoch unten in der Küche der Mutter wacht noch , hat sie auch sowol einer heute erst neu zugezogenen Kammerjungfer der Frau Hendrika Delring wie dem Kutscher und dem ersten Hausknecht gesagt : Na , ich denke wol , um ein Uhr kann ich zur Ruhe gehen ! Der junge Herr Thiebold de Jonge sind zugegen ! Da blasen sie blos Trompete ! Zur Trompete brauchen sie blos manchmal ein bischen mehr Arak und die Arakflasche hat Herr Piter immer selbst zur Hand ! Thiebold de Jonge war erst gestern von seinem kurzen Kriegsfeldzuge zu Kocher am Fall und einer damit verknüpft gewesenen kleinen Reise zurückgekehrt . Mit drei Tagen hatte man die Uebungen zur allgemeinen Wehrtüchtigkeit bewenden lassen . Das » Blasen der Trompete « war jedoch von Seiten Kathrinens keine Anspielung auf die Montur Thiebold ' s , in der dieser Abschied genommen hatte von Freund Piter , als er mit von Enckefuß Extrapost abreiste - Freund Benno von Asselyn wollte in » einem Anfall seines gewöhnlichen todtschlägerischen Humors « zu Fuß gehen . Die andern Genossen waren noch militärfrei und hatten sich vorläufig allenfalls durch » zu schwache Brust « von dem Waffendienst ledig gemacht , was jedoch nicht hinderte , daß sie soeben die Arie : » Von Romeo ' s Rächerarmen « - die Schröder-Devrient hatte vor kurzem erst in der Stadt gastirt - mit einem Effect sangen , ja die Worte : » Soll sich kein Gott erbarmen ! « so hervorhoben , daß das ganze Haus bis in die hintersten Waarenmagazine erzitterte . Die Trompete entsprach einer andern Ideenverbindung . Clemens Timpe ( Timpe ' s sel . Erben , Commission und Spedition ) war auch in der Union gewesen , hatte » Seewasser gekostet « wie Thiebold de Jonge ... wenn auch nicht wie dieser sogar das Naß amerikanischer Wasserfälle ... Clemens Timpe sprach nie von einem Whip oder Brandygrog oder sonst einer pikanten höhern Alkoholvergiftung , die er in Boston oder Neu-Orleans kennen gelernt hatte , ohne die » Sherrypunschbrauerei « des canadischen Holzflößers Thiebold de Jonge zum Gegenstand einer Discussion zu machen , wobei der vom Wasserfall zu St.-Moritz Gerettete und leidenschaftliche Schwärmer für Armgart von Hülleshoven , die Tochter » seines zweiten Vaters « , wie er sagte , meist , wie sonst nicht seine Art war , unterlag . Heute saßen Piter und die Freunde um die Arakflasche , wie tätowirte Indianer , nicht jedoch » gierig nach flüssigen Feuerfluten « . Sie saßen , nach einer lebhaften Discussion , ob Whip - ob Brandygrog - ob kalten Sherrypunsch ! bei letzterm und nun waren sie gereiht um einen glänzenden Mahagonitisch , die Linke cigarrenbewaffnet , in der Rechten mit langen Maccaronistengeln , durch die sie den Sherrypunsch einschlürften ... eine Trinkmethode , die Thiebold de Jonge hier zu Lande eingeführt hatte . Man durfte sie allerdings dann adoptiren , wenn , wie z.B. heute , es galt , einen von Rostbeef à l ' Anglaise , Salmen à la Hollandaise , Rebhühnerpastete à la Kathrine Fenchelmeyer - Kathrine unten in der Küche der Mutter Commerzienräthin hieß Fenchelmeyer und war nicht blos in Rebhuhnpastete , sondern auch in Fischsaucen Original - und von dem dazu nöthigen Rhein- , Mosel- , Bordeaux- , Burgunder- und Portwein überhitzten Gaumen allmählich linde und leise und lieblich wieder abzukühlen . Der » junge Herr « ( zu Ehren der uralten Firma und bei der Tendenz der Neuzeit zur alten Zeit Piter genannt ) , Piter Kattendyk war einer der » famosesten « jungen Gentlemen der stolzen Handels- , Gewerbs-und Kirchenstadt . Er hatte heute die Absicht , um vier Uhr Morgens , wenn die von Paris kommende Briefpost sich eines Stückchens Eisenbahn bediente , das schon am jenseitigen Ufer einige Meilen hinein ins Land ging , sich mit dieser Reisebeförderung in die Gegend von Witoborn zu begeben , wo ihn Dominicus Nück , sein Schwager , zu einem schleunigst arrangirten Güterankauf benutzen wollte ... Benutzen ! Ihn ! Himmel , wenn Piter dies von Nück wirklich zu mehreren Domherren und besonders dem Secretär des Kirchenfürsten , Eduard Michahelles , gebrauchte Wort in Erfahrung gebracht hätte ! Ihn » benutzen « ! » Vorschieben « schon hätte ihn beleidigt ! Pitern , dem jetzt alles daran lag zu beweisen , daß sein Schwager Ernst Delring , der Procuraführer und bisherige Chef , vor seinem Genie sich in Acht zu nehmen hätte , seitdem er , der » junge Herr « , von Reisen zurückgekommen war ! Pitern lag , als er die Zustimmung zu dieser Reise nach Witoborn gab , nur an einem Beweise seiner seltenen Einsichten und seines Geschmacks für eine neue Reisetoilette , in der er sich bereits fertig befand , theils ganz schottisch , theils halb schottisch . Piter wollte in diesem malerischen Costüme Wälder und Felder und Mühlen kaufen , für welche Dominicus Nück dann vielleicht wieder einen Abkäufer wußte , vielleicht das Domkapitel selbst - eine Differenzsumme erstens für das Haus Kattendyk und Söhne und zweitens für Dominicus Nück blieb schon übrig - kurz einen irgend ähnlichen Zweck gab es zu einer Reise , um derentwillen die zu einem letzten » Satz « von Pitern entbotenen Freunde so spät noch bei ihm blieben , ja sogar gewillt waren , im Anfall einer beim Sherrypunsch zu allem fähigen Romantik , ihm gegen vier Uhr Morgens das Geleit auf den provisorischen Bahnhof zu geben . Auf den Untergang aller Schnell- , Fahr- , Malle- , ja Extraposten nicht ausgenommen ! rief Joseph Moppes ( Joseph Moppes sen. , Weingeschäft ) und begleitete diese eigenthümlich betonten Worte mit einem anzüglichen Blicke auf Thiebold de Jonge , der heute der einzige nicht recht in die allgemeine » ungeheure Heiterkeit « Miteinstimmende war . Thiebold ließ es ruhig geschehen , daß Gebhard Schmitz ( A. und G. Schmitz , Stahl- , Eisenwaaren und Hüttenbetrieb ) auf seine Kosten denen , die noch nichts davon wußten , die » kolossale Idee « des Hausknechts im Riesen zu Kocher am Fall erzählte , der die sich selber ölenden neuen englischen Patentachsen am väterlicherseits geborgt gewesenen Landau Thiebold de Jonge ' s abgedreht und mit Wagenschmiere verdorben hatte ... Gerade so wie Henneschen , rief nachträglich in den lachenden Chorus Gebhard Schmitz hinein , wenn er die Lackstiefeln seines Herrn mit Wichse tractirt ! Thiebold saß ruhig mit aufgestemmten Armen und senkte den Kopf auf seine Trompete , den Maccaronistengel herab , den er mit aller Ruhe wie zu einer » stillen Musik « der Seele , ja , wie ein Schäfer Arkadiens seine Flöte blies und dabei vielleicht über die Theorie des Stechhebers oder des Luftdrucks oder sonst etwas Höheres nachgrübelte ... Thiebold war eine etwas zum Embonpoint neigende , aber hoch und schön aufgeschossene blonde Natur ; frisch und rund in seinen angenehmen Gesichtszügen , von einem schöngepflegten , ins Goldgelbliche spielenden Barte , in allem zu männlichstem Effect bestimmt , nur zu lebhaft , zu sehr oft ein Vorsprecher , Anekdotenerzähler , heute jedoch fast » tiefsinnig « , wie ihm Piter vorwarf , und sogar bei Tische , wo er sich das Tranchiren - Aufschneiden , wie seine Freunde sagten - niemals nehmen ließ , von einer Apathie , die einige - freilich spottweise - für die Nachwehen seines hier schon zum Amusement gewordenen Sturzes in den St.-Moritz , andere für den untrüglichen Beweis hielten , daß Thiebold » einmal wieder « verliebt wäre ... Letzteres war eine Verleumdung , da er seit dem ersten Besuch des Pensionats der Englischen Fräulein von Lindenwerth für keine weibliche Erscheinung der Welt , die nicht Armgart hieß , mehr Sinn hatte . » Schwing dich auf , Frau Nachtigall ! « intonirte Joseph Moppes , der einen klangvollen ersten Tenor für die berühmten Quartette der Vaterstadt commandirte , und er that dies schon zum zweiten mal , um Thiebold de Jonge mehr in die allgemeine Heiterkeit mit hinüberzuziehen . Die Eisenbahnen waren noch so neu und die sämmtlichen » Häuser « dieses jungen mercantilischen Vollbluts so an den Actien derselben interessirt , daß das Gespräch von den Patentachsen des vom Hausknecht im Riesen fast verdorbenen Landau sogleich auf diese selbst überging und einstimmig vereinigte man sich mit einem hohen und außerordentlichen Ernste in dem sehr paradoxen Satze , daß die Eisenbahnen wirklich eine merkwürdige Erfindung des menschlichen Verstandes und jedenfalls ein Fortschritt wären . Thiebold , der sonst niemals lange schweigen konnte und heute wirklich wie von einem entschiedenen » Weltschmerz « beherrscht schien , ließ sogar die ganz aus der Tiefe wie ein Unkenton aus dem Sherrypunschglase hervortönende Bemerkung fallen : Der Generalpostmeister hat erklärt , mit den Eisenbahnen hörte die Ueberwachung der demagogischen Umtriebe auf ! Gewisse englische Groans oder ironische Beifallsspenden hatten die Freunde schon für mehrere heute Abend gefallene Aeußerungen , in Bereitschaft gehabt . Sie brachen auch jetzt über diese de Jonge ' sche Aeußerung und sogar mit einem Trommeln auf Tisch und Fußboden aus ... Im Staatsrath , fuhr Clemens Timpe allen Ernstes fort , ist wahrhaftig die Majorität - nein wirklich hört doch ! - die Majorität noch schwankend , ob die Eisenbahnen überhaupt weiter zugelassen werden sollen ... Und Joseph Moppes fiel ein : Weiter , als wir uns hier schon wieder infolge unserer unverbesserlichen Nachäffungssucht herausgenommen haben ! Wie hierauf die Worte : » Eine jute jebratene Jans ist eine jute Jabe Jottes ! « passen und von der ganzen Gesellschaft mit einer jener jubelnden Zustimmungen , die man gewöhnlich » Hohngelächter der Hölle « nannte , aufgenommen werden konnten , wird niemand begreifen . Und dennoch hatte damit Weigenand Maus ( Maus & amp ; Compagnie , Droguerie- und Farbwaaren ) nur sagen wollen : » Was läßt sich von den Ghibellinen anderes erwarten ! « Man setzte nun vom socialen Standpunkte aus die Anklagen fort , die Bennrath von Nennhofen auf der Conferenz des Beda Hunnius vom kirchlichen erhoben hatte . Man begann durcheinander Mir und Mich zu verwechseln , schilderte den Appetit der Offiziere und Beamten bei dem letzten Diner ihrer Väter , machte dem immer schweigsamer werdenden und in völligem Nichtvertheidigungszustande befindlichen Thiebold de Jonge Vorwürfe über seine Reise mit Herrn von Enckefuß und bestätigte den separatistischen Geist , auf den damals und noch jetzt die Thiers , Odilon-Barrots und Bonapartes rechnen , wenn sie von einem ganz ohne Schwertstreich zu erobernden linken Rheinufer sprechen . Man durfte erwarten , daß Thiebold jetzt endlich auffahren konnte und gewohnterweise sich vielleicht die Freundschaft mit von Enckefuß verbat . Er schwieg aber und zuckte nur mitleidig die Achseln . Die ganze Reise in seinem Landau nach Kocher am Fall schien von ihm vergessen worden zu sein und Joseph Moppes hatte sehr Recht oder bekam es wenigstens durch die allgemeine Zustimmung , als er Thiebold vorwarf , erst mit so großem Jubel zu den Uebungen abgegangen zu sein und jetzt in solcher Laune zurückzukehren . Und als Thiebold brummend diese Uebungen für das Langweiligste von der Welt erklärt hatte , sagte Joseph Moppes zu allgemeiner Billigung : Merkwürdig , de Jonge ! Bei Ihnen ist immer alles entweder gleich » Supra « oder » unterm Nachtwächter « ! Letzterer hatte inzwischen schon längst die zwölfte Stunde gerufen und die zahllosen Thurmuhren der frommen Stadt hatten diese Angabe in allen Tonarten bestätigt ... Die Elasticität der sieben Freunde ließ jedoch nicht nach . Auch Thiebold bekam eine erhöhtere Stimmung , d.h. negativ , bis zum offenbaren » Sein oder Nichtsein « a la Hamlet . Er fuhr sich in seinen schönen blonden Scheitel , zupfte am Barte , schlug zuweilen das Glas auf den Tisch und hatte eine Welt voll Zorn und Aufregung und Schmerz und doch dabei wieder auch , schien es bei alledem , von Lust und Freude in der Brust . Er hätte sich jetzt offenbar ganz gern , wie es bei Goethe heißt , » mit einem Poeten associirt « , um seine Empfindungen so ganz con amore auszusprechen , wie sein volles , wirklich gutes und der reinsten Liebe und Dankbarkeit fähiges Herz sie fühlte , nicht wie sie Joseph Moppes , der heute , da Thiebold pausirte , die Oberhand hatte , parodirte . Merkwürdig aber bei alledem die Glückseligkeit Piter ' s ! Piter braute nur bald mit Sherry , bald mit Arak an der Bowle , schenkte die Gläser voll , lächelte nur und genoß das Glück , sechs solche Freunde zu haben ... Piter schwieg ! Piter , der nicht ertragen konnte , daß sein Schwager Ernst Delring fünf Worte sprach , die er nicht sofort durchkreuzte mit seinem täglichen , ja stündlichen » Hören Sie ' mal , Delring , ich bin nicht mehr derjenige , welcher - « Nämlich auch Piter war blond , aber nicht von der Fülle und Kraft seines Freundes Thiebold de Jonge . Er war auch schlank , freilich viel schmächtiger . Sein Kinn und seine Lippen waren weniger ganz bartlos , als nur etwas stark dünnbärtig . Kaum dreiundzwanzig Jahre alt , hatte Piter schon das Leben gleichsam hinter sich , ohne darüber die Energie des Willens und einen seltenen Ehrgeiz verloren zu haben . Seit einiger Zeit war er von » Bildungsreisen « nach dem Auslande zurückgekehrt und nahm nun , als einziger Sohn der verwitweten Frau Commerzienräthin , an dem großen Geschäfte theil in einem Grade , der ihn mit seiner ganzen Familie in die heftigsten Conflicte brachte . Piter glaubte die vollkommenste Berechtigung zu haben , sich keine gewöhnliche Natur zu dünken . Vorurtheilsvolle Menschen mochten vielleicht sagen : Dieser einzige Sohn wurde nach dem frühen Tode Piter Noë Kattendyk ' s von der Mutter wie ein Prinz erzogen ! Während sie in die Bäder und nach Rom und Paris reiste , wurde Piter durch Beispiel und Erziehung zu einer unglaublichen Meinung von sich selbst gesteigert ! Aber Piter sah nicht ein , warum er von sich gering denken sollte . Er schwieg nur unter Freunden , wie sie jetzt bei ihm Sherrypunsch tranken ; sonst nie ; immer führte er das Wort und schon als neunzehnjähriger junger Mann , der eben von der Handelsschule kam , hatte er wie ein Principal die Hände in den Beinkleidertaschen und wußte über jeden Gegenstand in Oper , Ballet , Freihandel und Statistik der Ein- und Ausfuhr eine Meinung zu behaupten . Widerspruch duldete er sonst , jetzt nicht mehr , am wenigsten aber von Menschen , die ihm durch Bande des Bluts verbunden waren und etwa dadurch ihrerseits die Berechtigung zu haben glauben durften , ihn als großen Charakter nicht im mindesten anzuerkennen . Nur die Mutter schonte den einzigen Sohn . Er glich so ganz ihrem Seligen , für den sie jetzt noch nach zehn Jahren so viel Messen lesen ließ , als wenn dieser Gute durch seinen Titel als Commerzienrath und seinen Orden , die ihm beide freilich Protestanten gegeben hatten , immer noch an der Pforte des Paradieses uneingelassen umherirren müßte ... Merkwürdig dabei , daß Piter mit seinen blauen Augen , seinem fast unsichtbaren Bärtchen um Lippe und Kinn und Wange eigentlich ein herzensguter Junge war . Er hatte Anfälle von Gemüth . Für einen sogenannten » guten Freund « konnte er sich im wörtlichsten Sinne todt schlagen lassen ; wie oft hatte es nicht schon einen nächtlichen Zusammenstoß mit den Spießen der Straßenwächter , ja sogar den Gewehrkolben der Schildwachen gegeben ! So streng er im Comptoir war und sich die Miene geben konnte , als müßten Bücher , die dreißig Jahre gestimmt hatten , jetzt einmal von einer Commission geschworener Buchhalter oder von ihm allein in einer » stillen Abendstunde « gründlichst revidirt werden , so nachlässig behandelte er die Contocorrenten etwaiger Anleihen der Freunde , die mit ihm Sherrypunsch tranken . Wer Piter ' s Verstand anerkannte , konnte bei ihm über alles gebieten . Wer aber zuweilen an seinem Verstande zweifelte , was seine Schwäger , seine Schwestern und die ältern Buchhalter nicht mehr wie gern thaten , hatte einen geschworenen Feind in ihm . Wie Piter von sich selbst dachte , bewies er eines Abends in einem Cirkel seiner Mutter , wo er bei Gelegenheit der damals eben wieder neu aufgekommenen Phrenologie sagte : » Die Phrenologie hat an mir die Zeichen des sanguinisch-nervösen Temperaments entdeckt ! In erschreckendem Grade findet sich an meinem Schädel ( er sah dabei auf seinen Schwager Delring ) die Anlage der gegenständlichen Auffassung ! Sehr groß ist ( er blickte auf seine drei Schwestern ) mein Zerstörungssinn ! Selbstachtung aber und ( nun sah er , doch etwas liebevoller , auf seine hochgespannte und fromme Mutter ) ein bischen Neigung zum Wunderbaren mildert diese gefährliche Anlage ! Gering ist indessen ( die Mutter zuckte schon wieder zusammen und entsetzte sich über den Blick , den Piter auf einige der Domherren warf ) , gering ist mein Verehrungssinn ! Schwach , ganz schwach ist meine Anhänglichkeit ( die Mutter , außer sich über ihre Täuschung , protestirte fast mit Thränen ) und am wenigsten ausgebildet ist mein sogenannter Ingenieursinn ! Aus letzterm muß ich schließen , daß ich nie eine Vorliebe für große Bauten haben werde ! « Diese Bemerkung war die allerbitterste . Sie ging auf eine Summe von 10000 Thalern , die die Mutter zum Ausbau eines gewissen berühmten großen Domes verwilligt hatte . Denn an sich hatte Piter im Gegentheil das ganze altbewährte Haus seiner Aeltern neuerdings fast umgerissen , Treppen gebaut , wo früher keine waren , Alkoven zerstört , Säle geschaffen und vorzugsweise seine Schwester Hendrika Delring so in der langgewohnten Existenz ihres zweiten Stockes beeinträchtigt , daß diese Aermste , wie sie sagte , sich vor dem Bruder kaum rücken und rühren konnte , von dem Lärm seiner nächtlichen Orgien ganz zu schweigen . Nur die Besonnenheit ihres Gatten hielt sie von äußersten Schritten zurück , die niemanden hätten wunder nehmen dürfen , da die vortrefflichste Frau nach zehnjähriger kinderloser ( gemischter ) Ehe Mutter zu werden in nächster Hoffnung hatte ... In Piter ' s Freundeskreise aber schlug es jetzt im Durcheinander der Debatten , vorzugsweise jetzt über Westen und Cigarren und durchreisende Sängerinnen bereits halb zwei Uhr ... und wer hätte nun nicht schon in einem Sylvesterkreise das neue Jahr abgewartet und die Entdeckung gemacht , daß dreißig Minuten vor » des Jahres letzter Stunde « der lebendigste Humor zu der Erkenntniß kommen kann , ob er sich im Abwarten des neuen Jahres auch nicht vielleicht zu viel zugemuthet ? Der Punsch ist in der Terrine kalt geworden , der Witz erschöpft sich schon in Leberreimen und zwei- und dreisilbigen Charaden ; immer müder werden die Augen , immer langsamer schleichen die Minuten , die noch bis zur allgemeinen Umarmung und kußbesiegelten Beglückwünschung hin zu verleben sind . Wer da nicht im Stande ist ans Klavier zu springen und einen elektrisirenden Tanz zu spielen , der kann erleben , daß einer um den andern das große Unternehmen , den letzten Stundenschlag des Jahres abzuwarten , völlig aufgibt und in aller Stille davonschleicht mit einem das ganze Jahr zusammenfassenden Trinkgeld an die gratulirende Bedienung . Um ein Viertel auf vier Uhr hatten die Freunde zwei Wagen zu erwarten , die im Hofe unten auf die Minute sollten angespannt erscheinen . Es war auch ganz bestimmt vorauszusehen , daß sie alle noch etwa eine Stunde auf den Divans ringsum schlafen und tüchtig schnarchen würden , aber zwischen ein und zwei Uhr zeigte sich davon noch keine Spur ... Fehlte auch die lebhafte Mittheilung des auf Spott jetzt sogar verdrießlich werdenden und den Kopf aufstützenden Thiebold de Jonge , stockten die Zungen schon und mußten sogar die sonst ganz ungentilen Anspielungen auf die einzelnen Geschäftsbranchen , wie : » Sie sind auf dem Holzwege ! « zu dem Holzhändler Thiebold , oder » Schenken Sie reinen Wein ein ! « zu dem Weinhändler Moppes , durch die Vermittelung der andern gütlich beigelegt werden , so fehlte es doch immer noch an Stoff der Unterhaltung nicht ; denn es gab zwei Themata , die in diesem Kreise endlos variirt werden konnten . Das waren die Juden und die Frauen . Erstere hatten sich in kurzer Zeit hier sehr emporgeschwungen . Eine nicht zu entfernte Verwandtschaft der Hasen-Jette , die Fulds , rechnete man zu den dreifachen Millionären und wenigstens im Wechselgeschäft hatten die Brüder Moritz Fuld und Bernhard Fuld alle überflügelt . Sie hatten Comptoire in Paris , Brüssel und Amsterdam , machten ein großes Haus , hatten eine Besitzung im Eneper Thal gekauft , dort eine Villa , sogar eine Kirche gebaut . Es konnte zunächst keinen anziehendern Stoff geben , der hier besprochen wurde , als da Haus Fuld und Söhne , und im Verlauf dieser Mittheilungen , die indessen eine Kette nur von Spott und Misgunst waren , wurde auch Thiebold lebendiger und erregter . Gebhard Schmitz und Joseph Moppes hatten zwei Kunstfertigkeiten , die miteinander wetteiferten . Dieser intonirte die anziehendsten Lieder , jener war ein Dialektkünstler . Ob sächsisch oder berlinisch oder frankfurtisch oder im Volkston der eigenen Vaterstadt , war ihm gleich . Er ahmte jede Mundart nach , so weit die deutsche Zunge reicht . Vorzugsweise aber war ihm das Jüdeln geläufig . Er erzählte von Juden nie anders als im rauhsten Kehlkopftone . Und wenn er von Spinoza hätte sprechen können , Gebhard Schmitz würde dessen Philosophie vorgetragen haben wie die eines Hausirers , der von seinen Masematten spricht . Von einem der Fulds , zwei in den pariser Börsencoulissen und Salons gebildeten , höchst eleganten und weltgeschliffenen jungen Männern , die auf einer Jagd in Homburg oder Baden-Baden sich neben jedem deutschen Standesherrn sehen lassen konnten , erzählte er : Bin ich doch gekommen heute Abend auf den Domplatz und habe gesehen ... Gottswunder ... Was hab ' ich gesehen ! Ist gekommen Herr Fuld und Söhne junior der Moritz ! Ist er gekommen mit dem neuen rothen Bändchen im Knopfloch ! Hat er doch gekriegt den Orden von der ehrlichen Legion in Paris ! Die Unterbrechungen der Zustimmung verstanden sich an den schlagenden Stellen von selbst ... Sieht der Ritter Moritz sich um und wird fragen : Wo ist hier die Fabrik von die Wachslichter und Lebkuchen und heiligen Oblaten ? Herr Schmitz ! Können Sie mir nicht sagen : Wo ist wohnhaft Herr Jean Baptiste Maria » Schnuphöse « aus Hildesheim mit die elegönte s-pitze Vatermörders ? Diese Variation gestattete eine neue Zustimmung . Sie war eine andere Tonart der Gebhard Schmitz ' schen Redekunst , die ein Unisono von ähnlich betonten Worten hervorrief ... Gebhard Schmitz fuhr fort : Gut ! Hab ' ich ihm gezeigt den Laden von Herrn » Möriö « und hab ' mir gemacht doch auch ein Geschäft bei die Fräuleins , um zu hören , was der Ritter von Louis Philipp ' s ehrliche Leute hat für neue Masematte ! ... Gut ! Wie wir eintreten , frag ' ich die Fräuleins ... Unisono des Chorus : Evö ! Apöllönia ! Ob sie nicht hätten ein schönes ges-ticktes Tauftüchelchen mit bröbönter S-pitzen , das ich wollte schenken nach Bilk uf die Hütte von meinem Tate , wo zwei bilkener Jüden sind gekommen auf den Einfall sich zu taufen ! Sagt der Herr Ritter von die französische Ehrlichkeit zu mir : Main , Herr Schmitz ! Sie wollen kaufen so feinen » Böttist « , um zu waschen zwei bilkener Juden rein von ' s Judenthum ? Da will ich Sie recommandiren die geistliche Stickerei da oben in dem fünften Carton rechts seh ' ich Litera B , wo angeschrieben steht mit lateinische Buchstaben : » Tauftügelchen « - Tügelchen mit ' nem G , Herr Schmitz ! Neue Unterbrechung über die Orthographie Eva ' s und Apollonia ' s Schnuphase ... Aber der Ritter der ehrlichen Legion ... wird er doch sagen : Hat mein Bruder nicht gestern gekauft hier ein Altarbecken und drei neue Meßgewandkleider ... meine Damen ? ... Ja , Herr Fuld ! ... Nun , so werden die Fräulein haben die Güte mir noch zu geben zwei Dutzend von die stärksten Wachslichter fürs heilige Hochamt ! ... Sag ' ich : Herr Fuld : Wie heißt Hochamt ? ... Alles , Herr Schmitz , für die neue Kirche zum Geschenk , wo mein Bruder hat bauen lassen oben bei Lindenwerth und Drusenheim im Enneper Thale ! Und zu die Fräuleins sagt er : Wissen Sie , Fräulein , die Kerzen , wo Herr Levi , der Gemeindevorstand , hat gekauft neulich fürs Tabernakel in unsre Synagoge ... Die aufgeklärte ? frag ' ich . Die neue , Herr Fuld , wo soviel Licht in die schönen Fenster fällt ? ... Nein , Herr Schmitz , sagt er , in die dunkle ! Gerade so wie wir gebaut haben unsre Kirche in Drusenheim auch ins Byzantinische ! Durch den Jubel der Freunde hindurch fuhr mit gesteigerter Stimme Gebhard Schmitz fort : Herr Schmitz ! Sie wird eingeweiht am neunten October , dem Tag vom heiligen Dionysius , wissen Sie dem , den die Römer haben abgehauen den Kopf und der noch ist gegangen ich weiß nicht wie viel Meilen zu Fuß und mit dem Kopf unterm Arm ! ... Ist es denn wahr , Herr Ritter , frug ich , daß Ihr Herr Bruder in Paris von seinem Freund Louis Philipp und aus dem seiner Kapelle von St.-Denis um 10000 Francs hat angekauft einen heiligen Zehen von St.-Denis und will ihn lassen einmauern in dem Altar , wo Sie haben gebaut in Drusenheim die neue Kirche im Basiliskenstil ? Basiliskenstil ... wiederholte der Chorus . In dem Augenblick ist aber gekommen eine Chaise vorm Wachslichterlöden und Fräulein Apollönia hat gerufen : Ach , Herr Fuld ! Ach Herr Schmitz ! - bitte um Entschuldigung , wir bekommen soeben - ! und ein schöner schlanker Herr Köplön ist eingetreten in den Löden , frisch von der Reise angekommen und soll wohnen bei Herrn Schnuphöse ... Und was wird mein Ritter thun von der ehrlichen Legion ? Gleich als wollt ' er haben Ablaß auf hundert Jahre für die byzantinische Kirche hat er Hochwürden eingeladen , auch zu sehen , was gebaut hat sein Bruder Bernhard Fuld zu Drusenheim neben die neue Villa und zog sein Portefeuille und hat gegeben dem fremden Priester gleich die Visitenkarte : Monsieur Monsieur Moritz Fuld ... Der ganze Chorus fiel hier mit den donnernd betonten Worten ein : A Paris ! à Paris ! Man weiß schon ! Diese für unsere Leser gänzlich unverständliche und doch allgemein bejubelte Pointe der Erzählung krönte sie für die jungen Männer wie das letzte Schlagwort eines Epigramms ... Die Worte : » Man weiß schon ! « knüpften sich nämlich an die allbekannte Anekdote , der zufolge der ganz arm aus Kocher am Fall einst gekommene und durch Kriegslieferungen emporgestiegene alte Vater der Gebrüder Fuld jemanden , der ihn bei seinen öftern Reisen nach Paris um seine dortige genauere Adresse gefragt , mit schmunzelndem Stolz geantwortet haben sollte : » Schreiben Sie nur ganz getrost und einfach blos meinen Namen à Musje Musje Fuld à Paris ! Man weiß schon ! « Die Wirkung dieser Erzählung auf Thiebold de Jonge war eine in der Hauptsache , doch im andern Sinne als bei den Freunden , auch aufregende . Nicht daß er Gebhard Schmitz gesagt hätte : Aber Sie lügen ja ganz entsetzlich , Schmitz ! Moritz und Bernhard Fuld sind ja zwei höchst gebildete und sehr taktvolle Männer , über die wir uns deshalb ärgern , weil sie geradezu einen Auffschwung nehmen , der uns alle