dem Marmor , ging langsam an der Eppichwand hin , und stieg die Stufen zu der Aussicht empor . Auf dieser verweilte man eine Zeit , und ging dann gegen die Linden zurück . Nach Betrachtung der Linden und des schönen Platzes unter ihnen begab sich der Zug wieder auf den Rückweg in das Schloß . Eustach hatte ich beinahe die ganze Zeit nicht gesehen . Zugleich mit uns kamen im Schlosse Wägen an , in denen die von Ingheim und noch einige Gäste saßen . Nachdem man sich bewillkommt hatte , und nachdem die Angekommenen sich von den überflüssigen Reisekleidern be freit hatten , teilte sich , wie es bei ähnlichen Gelegenheiten stets vorkömmt , die Gesellschaft in Gruppen , von denen einige vor dem Hause standen und plauderten , andere auf den Sandwegen im Rasen herumgingen , wieder andere gegen den Meierhof wandelten . Als die Abendröte hinter den Bäumen erschien , die in schönen Zeilen im Westen des Schlosses die Felder säumten , und als ihr Glühen immer blässer wurde und dem Gelb des Spätabends Platz machte , sammelten sich die Leute wieder . Die einen kehrten von ihrem Spaziergange , die anderen von ihrem Gespräche , die dritten von ihrer Betrachtung verschiedener Gegenstände zurück , und man begab sich in das Speisezimmer . In demselben begann nun ein Abend , wie sie auf dem Lande , wo man von dem Umgange mit seinesgleichen viel ausgeschlossener ist , zu den vergnügtesten gehören . Ich habe diese Betrachtung , da ich im Sommer immer ferne von der Stadt war , öfter machen können . Da man Menschen , mit denen man gleiche Gesinnungen und gleiche Meinungen hat , auf dem Lande viel seltener sieht als in der Stadt , da man mit dem Raume nicht so kargen muß wie in der Stadt , wo jede Familie nur das mit vielen Kosten erschwingt , was sie für sich und nächste Angehörige braucht , da die Lebensmittel auf dem Lande gewöhnlich aus der ersten und unmittelbaren Quelle bei der Hand sind , auch strenge Anforderungen hierin nicht gemacht werden : so ist man auf dem Lande viel gastfreundlicher als in der Stadt , und Gelegenheiten , wo man sich in einem Zimmer und um einen Tisch versammelt , werden da viel fröhlicher , ungezwungener und auch herzlicher begangen , weil man sich freut , sich wieder zu sehen , weil man um alles fragen will , was sich an den verschiedenen Stellen , woher die Ankömmlinge gekommen sind , zugetragen hat , weil man die eigenen Erlebnisse mitteilen , und weil man seine Ansichten austauschen will . Der Tisch war schon gedeckt , der Hausverwalter wies allen ihre Plätze an , die zur Vermeidung von dennoch möglichen Verwirrungen noch überdies durch von seiner Hand geschriebene Zettel bezeichnet waren , und man setzte sich . Der Mann hatte gesorgt , daß solche , die sich gut kannten , nahe zusammen kamen . Desohngeachtet schritt man mit der Freimütigkeit des Landes und alter Bekannter dazu , die Zettel noch zu verwechseln und sich gegen die Anordnungen des Mannes zusammen zu setzen . Von der Decke des Zimmers hing eine sanft brennende Lampe hernieder , und außer ihr wurde die Tafel noch durch verteilte strahlende Kerzen erhellt . Mathilde nahm den Mittelsitz ein , und richtete ihre Freundlichkeit und ihr ruhiges Wesen gegen alle , die in ihrem Bereiche waren , und selbst gegen die entferntesten Plätze suchte sie ihre Aufmerksamkeit zu erstrecken . Die bekannteren und älteren Gäste saßen ihr zunächst , die jüngeren entfernter . Julie , die Tochter Ingheims , mit den heiteren braunen Augen saß mir fast gegenüber , ihre Schwester , die blauäugige Apollonia , etwas weiter unten . Sie hatten sehr geschmackvolle Kleider an , das Geschmeide , das sie trugen , hätte , wie ich meinte , etwas weniger sein sollen . Neben beiden saßen die jungen Männer Tillburg und Wachten . Natalie saß zwischen Eustach und Roland . Ob es so angeordnet , ob es ihre eigene Wahl war , wußte ich nicht . Man trug ein einfaches Mahl auf , und fröhliche Gespräche belebten es . Man sprach von den Begebnissen der Gegend , man neckte sich mit kleinen Erlebnissen , man teilte sich Erfahrungen mit , die man in seinem Kreise gemacht hatte , man sprach von Büchern , die in der Gegend neu waren , und beurteilte sie , man erzählte , was man im Bereiche seiner Liebhaberei Neues erworben , was man für Reisen gemacht und was man für fernere vorhabe . Auch auf die Geschichte des Landes kam es , auf seine Verwaltung , auf Verbesserungen , die zu machen wären , und auf Schätze , die noch ungehoben liegen . Selbst Wissenschaft und Kunst war nicht ausgeschlossen . Mancher Scherz erheiterte die Anwesenden , und man schien sehr vergnügt , sich so in einen Kreis versammelt zu haben , wo sich Neues ergab , und wo man Altes wieder beleben konnte . Nach ein paar schnell vergangenen Stunden stand man auf , die Lichter zu dem Gange in die verschiedenen Schlafgemächer wurden angezündet , und man begab sich allmählich zur Ruhe . Am andern Morgen nach dem Frühmahle , da die höher gestiegene Sonne die Gräser bereits getrocknet hatte , begab man sich in das Freie , um das Urteil über die Arbeiten an der Vorderseite des Hauses zu fällen . Alle gingen mit . Selbst Dienerschaft stand seitwärts in der Nähe , als ob sie wüßte , was geschehe - und sie wußte es wohl auch - , und als ob sie sich dabei beteiligen sollte . Man ging einige hundert Schritte von der Vorderseite des Hauses weg , wendete sich dann um , blieb im Grase stehen und betrachtete die von der Tünche befreite Wand . Hierauf umging man in einem weiten Bogen eine Ecke des Hauses , um auch eine Wand zu sehen , auf welcher sich noch die Tünche befand . Nachdem man beides wohl angeschaut hatte , nahm man einen Stand ein , der beide Ansichten gestattete . Nach und nach wurden Meinungen laut . Man fragte zuerst die älteren und ansehnlicheren Gäste . Diese gaben fast alle ihr Urteil unbestimmt und mit Vorsicht ab . Beide Einrichtungen hätten ihr Gutes , an beiden wird etwas auszustellen sein , und es komme auf Geschmack und Vorliebe an . Da das Gespräch allgemeiner wurde , traten schon manche Meinungen abgeschlossener hervor . Einige sagten , es sei etwas Besonderes und nicht überall Vorkommendes , die nackten Steine aus einer Wand stehen zu lassen . Wenn die Kosten nicht zu scheuen sind , möge man es an dem ganzen Schlosse so machen , und man habe dann etwas sehr Eigenes . Andere meinten , es sei doch überall Sitte , die Wände selbst gegen außen mit einer Tünche zu bekleiden , ein licht getünchtes Haus sei sehr freundlich , darum hätten auch die Vorbesitzer dieses Hauses so getan , um sein Ansehen dem neuen Geschmacke näher zu bringen . Darauf sagten wieder andere , die Gedanken der Menschen seien wechselvoll , einmal habe man die großen viereckigen Steine , aus denen das Äußere dieser Wände bestehe , nackt hervor sehen lassen , später habe man sie überstrichen , jetzt sei eine Zeit gekommen , wo man wieder auf das Alte zurück gehe und es verehre , man könne also die Steine wieder nackt legen . Mein Gastfreund vernahm die Meinungen , und antwortete in unbestimmten und nicht auf eine einzelne Ansicht gestellten Worten , da alles , was gesagt wurde , sich ungefähr in demselben Kreise bewegte . Mathilde sprach nur Unbedeutendes , und Eustach und Roland schwiegen ganz . Von der feurigen Natur des letzten wunderte es mich am meisten . Ich schloß aus dieser Tatsache , daß meine Freunde ihre Meinung entweder schon gefaßt hatten , oder daß sie dieselbe erst für sich fassen wollten . Diese eben abgehaltene Beschau erschien mir also als etwas Allgemeines , Unwesentliches , als eine nachbarliche Artigkeit , als eine Gelegenheit , zusammen zu kommen , um sich gemeinschaftlich zu sehen und zu sprechen , wie man es bei andern Anlässen auch tut . Mir erschien die Bloßlegung der Steine unbedingt als das Natürlichste . Wie ich wohl schon erkennen gelernt hatte , ist bei Denkmälern - und je größer und würdiger sie sein sollen , um desto mehr ist dies der Fall - der Stoff nicht gleichgültig , und dann darf er aber nicht mit Fremdartigem vermengt werden . Ein Siegesbogen , selbst wenn er unter Dach steht , darf von Marmor sein , weniger schon von Ziegeln oder Holz , ganz und gar nicht von gegossenem Eisen oder festgeklebtem Papier . Eine Bildsäule kann von Marmor , Metall oder Holz sein , weniger von groben Steinen , ganz und gar nicht von allerlei zusammengefügten Bestandteilen . Unsere neuen Häuser , die nur bestimmt sind , Menschen aufzunehmen , um ihnen Obdach zu geben , haben nichts Denkmalartiges , sei es ein Denkmal für den Glanz einer Familie , sei es ein Denkmal der abgeschlossenen und wohlgenossenen Wohnlichkeit für irgend ein Geschlecht . Darum werden sie fachartig aus Ziegeln gebaut und mit einer Schicht überstrichen , wie man auch lackiertes Geräte macht oder künstliches Gestein malt . Schon die aus bloßem Holze zur Wohnung eines Geschlechtes in unsern Gebirgsländern ( nicht zur Spielerei in Gärten ) erbauten Häuser haben Denkmalartiges , noch mehr die Schlösser , die aus festen Steinen gefügt sind , die Torbogen , die Pfeiler , die Brücken und noch mehr die aus Stein gebauten Kirchen . Daraus ergab sich mir von selber , daß diejenigen , die dieses Schloß so bauten , daß die Außenseiten der Wände fest gefügte , viereckige , unbestrichene Steine sind , recht gehabt haben , und daß die , welche die Steine bestrichen , im Unrechte waren , und daß die , welche sie wieder bloß legen , abermals im Rechte sind . Ich sah , daß man an sämtlichen Steinen , weil sonst die Kalktünche nicht zu vertilgen gewesen wäre , die Oberfläche mit scharfen Hämmern erneuert hatte . Dies gab wohl den Steinen etwas , das ein lichteres Grau ist , als die alten Simse und Tragsteine hatten , die nicht getüncht waren ; allein durch Zeit und Wetter werden sich auch die erneuerten Steinoberflächen wieder dunkler färben . Man ging , da man eine Weile gesprochen hatte , obwohl ein eigentliches Urteil nicht gefällt worden war , wieder in das Haus zurück , und auch die Dienerschaft , welche zugeschaut hatte , ging auseinander , gleichsam als ob die Sache jetzt aus wäre . In dem Hause zerstreuten sich die Gäste , manche begaben sich in Zimmer , manche gingen in das Freie . Ich nahm in meinem Schlafgemache , wozu mir das nämliche Zimmer , welches ich früher bewohnt hatte , angewiesen worden war , einen Leichteren Hut und einen bequemeren Rock , und ging dann auch in den Garten . Ich ging ganz allein in einem dunkeln Gange zwischen Gebüschen hin , und es war mir wohl , daß ich allein war . Ich schlug die abgelegenen , wenig gangbaren und auch weniger im Stande gehaltenen Wege ein , damit ich niemanden begegne , und damit sich niemand zu mir geselle . Es war auch wirklich kein Mensch in den Gängen , und ich sah nur kleine Vögel , welche ungescheut in ihnen liefen und Futter von der Erde pickten . Ich umging den Lindenplatz und kam hinter ihm aus dem Gebüsche heraus . Von da ging ich in einem großen Umwege der Eppichwand zu , und hatte vor , in die Nymphengrotte zu treten , wenn niemand in ihr wäre . Als ich schon nahe an der Grotte war und schief in dieselbe blicken konnte , sah ich , daß Natalie auf dem Marmorbänklein sitze , welches sich seit wärts von der Nymphengestalt befand . Sie saß an dem innersten Ende des Bänkleins . Ihr blaßgraues Seidenkleid schimmerte aus der dunkeln Höhlung heraus . Einen Arm ließ sie an ihrer Gestalt ruhen , den andern hatte sie auf die Lehne des Bänkleins gestützt , und barg die Stirn in ihrer Hand . Ich blieb stehen , und wußte nicht , was ich tun sollte . Daß ich nicht in die Grotte gehen wolle , war mir klar ; allein die kleinste Wendung , die ich machte , konnte ein Geräusch erregen und sie stören . Aber ohne daß ich ein Geräusch machte , sah sie auf , und sah mich stehen . Sie erhob sich , ging aus der Grotte , ging mit beeilten Schritten an der Eppichwand hin , und entfernte sich in das Gebüsch . In kurzem sah ich den Schimmer ihres Kleides verschwinden . Eine ganz kleine Zeit blieb ich stehen , dann ging ich in die Grotte hinein . Ich setzte mich auf dieselbe Marmorbank , auf der sie gesessen war , und sah in das Rinnen des Wassers , sah auf die einsame Alabasterschale , die neben dem Becken stand , und sah auf den ruhigen , glänzenden Marmor . Ich saß sehr lange . Da sich Stimmen näherten , und da ich vermuten mußte , daß man die Brunnengestalt besuchen würde , stand ich auf , ging aus der Grotte , ging in das Gebüsch , und begab mich auf denselben Wegen , auf denen ich gekommen war , in das Schloß zurück . Der Mittag vereinigte noch einmal alle Gäste bei dem Mahle . Mehrere von ihnen hatten beschlossen , gleich nach demselben fort zu fahren , um noch vor der Nacht ihre Heimat zu erreichen . Man brachte einen fröhlichen Trinkspruch aus auf die schöne Gestaltung des Schlosses und einen Dank für die herzliche Bewirtung . Der Spruch wurde mit einem Wunsche für das Wohl der Gesellschaft und für baldiges Wiedersehen erwidert . Die heitere Sommersonne verklärte das Zimmer , und die Blumen des Gartens schmückten es . Nach dem Mahle fuhren mehrere der Gäste fort , und im Laufe des Nachmittages entfernten sich alle . Wir , die nach dem Asperhofe mußten , hatten beschlossen , morgen früh abzufahren . Bei dem Abendessen kam das Gespräch auf das Unternehmen an dem Hause . Ich sah , daß die Übriggebliebenen schon einig waren . Es sprach nun mein Gastfreund , es sprachen Eustach und Roland . Sie hatten alle meine Ansicht . Ich wurde aufgefordert , auch meine Meinung zu sagen . Ich sprach sie nach meiner innern Empfindung aus . Alle mochten sie wohl so erwartet haben . Über den Aufwand zur Deckung der künftigen Kosten sprach mein Gastfreund mit Mathilden besonders . Durch das Abschlagen der Steine mit scharfen Hämmern hatten sich die Auslagen größer gezeigt , als man anfangs vermuten konnte . Mein Gastfreund riet daher , daß man die Arbeit auf längere Fristen ausdehnen solle , wodurch die Kosten weniger empfindlich würden , und , da doch das Schaffen des Schönen das Vergnügen bilde , dieses Vergnügen sich verlängere . Man billigte den Vorschlag , und freute sich auf das Wachsen des Edleren , und freute sich auf den Augenblick , wenn das Haus in einem würdigen Gewande da stehen würde , und man die Beruhigung hätte , es so dem künftigen Besitzer übergeben zu können . Mit dem Anbruche des nächsten Tages fuhren mein Gastfreund , Eustach , Roland , Gustav und ich auf dem Wege nach dem Rosenhause dahin . Als ich in Hinsicht der eben zugebrachten Tage etwas über das Landleben sagte und die Annehmlichkeiten desselben berührte , und als wir eine Zeit über diesen Gegenstand gesprochen hatten , sagte mein Gastfreund : » Das gesellschaftliche Leben in den Städten , wenn man es in dem Sinne nimmt , daß man immer mit fremden Personen zusammen ist , bei denen man entweder mit andern zum Besuche ist , oder die mit andern bei uns sind , ist nicht ersprießlich . Es ist das nämliche Einerlei , wie das Leben in Orten , die den großen Städten nahe sind . Man sehnt sich , ein anderes Einerlei aufzusuchen ; denn wohl ist jedes Leben und jede Äußerung einer Gegend ein Einerlei , und es gewährt einen Abschluß , von dem einen Einerlei in ein anderes über zu gehen . Aber es gibt auch ein Einerlei , welches so erhaben ist , daß es als Fülle die ganze Seele ergreift , und als Einfachheit das All umschließt . Es sind erwählte Menschen , die zu diesem kommen und es zur Fassung ihres Lebens machen können . « » In der Weltgeschichte kömmt wohl Ähnliches vor « , sagte ich . » In der Weltgeschichte kömmt es vor , « antwortete er , » wo ein Mensch durch eine große Tat , die sein Leben erfüllt , diesem Leben eine einfache Gestalt geben kann , abgelöst von allem Kleinlichen - in der Wissenschaft , wo ein großartiges Feld höchsten Erringens vor dem Menschen liegt - oder in der Klarheit und Ruhe der Lebensanschauungen , die endlich alles auf einige ausgedehnte , aber einfältige Grundlinien zurück führt . Jedoch sind auch hier Maße und Abstufungen wie in allen andern Dingen des Lebens . « » Von den zwei Hauptzeiträumen , welche das menschliche Geschlecht betroffen haben , « erwiderte ich , » von dem sogenannten antiken und dem heutigen , dürfte wohl der griechisch-römische das meiste von dem Gesagten aufzuweisen haben . « » Wir wissen zuletzt gar nicht , welche Zeiträume es in der Geschichte gegeben hat « , antwortete er . » Die Griechen und Römer sind unserer Zeit am nächsten , wir sind aus ihnen hervor gegangen , und wissen von ihnen auch das meiste . Wer weiß , wie viele Völkerabschnitte es gegeben hat , und wie viele unbekannte Geschichtsquellen noch verborgen sind . Wenn einmal ganze Reihen solcher Völkerzustände wie Griechen-und Römertum vorliegen , dann läßt sich eher über unsere Frage etwas sagen . Oder sind etwa solche Reihen nur dagewesen und vergessen worden , und werden überhaupt die hintersten Stücke der Weltgeschichte vergessen , wenn sich vorne neue ansetzen und ihrer Entwicklung entgegen eilen ? Wer wird dann nach zehntausend Jahren noch von Hellenen oder von uns reden ? Ganz andere Vorstellungen werden kommen , die Menschen werden ganz andere Worte haben , mit ihnen in ganz anderen Sätzen reden , und wir würden sie gar nicht verstehen , wie wir nicht verstehen würden , wenn etwas zehntausend Jahre vor uns gesagt worden wäre und uns vorläge , selbst wenn wir der Sprache mächtig wären . Was ist dann jeder Ruhm ? Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurück , und sehen wir von Egyptern , Assyrern , Indern , Medern , Hebräern , Persern , von denen Kunde zu uns herüber gekommen ist , ab , und vergleichen wir uns nur allein mit der griechisch-römischen Welt , so dürfte in ihr wirklich mehr einfache Lebensgröße gelegen sein , als in der unsern liegt . Ich verwundere mich oft , wenn ich in der Lage bin , zu entscheiden , welchen von beiden ich den Preis geben soll , Cäsars Taten oder Cäsars Schriften , wie sehr ich im Schwanken begriffen bin , und wie wenig ich es weiß . Beides ist so klar , so stark , so unbeirrt , daß wir wenig desgleichen haben dürften . « » Jene alten Verhältnisse des Handelns und Denkens waren aber , wie ich glaube , auch weniger verwickelt als die unsrigen « , sagte ich . » Sie hatten einen nicht so ausgedehnten Schauplatz wie wir , « erwiderte er , » obwohl auch der Platz der Taten zu Cäsars Zeit - Britannien , Gallien , Italien , Asien , Afrika- oder zu Alexanders Zeit - Griechenland und Orient nicht ganz klein war . Ihre Verhältnisse nach außen gestalteten sich daher leichter ; aber im Innern dürften sie bei der großen Zahl der mithandelnden Personen , von denen die meisten Stimme und Gewalt in Staatsdingen hatten , nicht so leicht gewesen sein , und die Macht , diese Gemüter durch Wort , Erscheinung und Handlung zu gewinnen und zu leiten , dürfte schwierig zu erwerben gewesen sein , und dürfte eben dem Wesen eines Mannes die feste Gestalt aufgedrückt haben , die wir so oft an ihm bewundern . Unsere Zeit ist eine ganz verschiedene . Sie ist auf den Zusammensturz jener gefolgt , und erscheint mir als eine Übergangszeit , nach welcher eine kommen wird , von der das griechische und römische Altertum weit wird Übertroffen werden . Wir arbeiten an einem besondern Gewichte der Weltuhr , das den Alten , deren Sinn vorzüglich auf Staatsdinge , auf das Recht und mitunter auf die Kunst ging , noch ziemlich unbekannt war , an den Naturwissenschaften . Wir können jetzt noch nicht ahnen , was die Pflege dieses Gewichtes für einen Einfluß haben wird auf die Umgestaltung der Welt und des Lebens . Wir haben zum Teile die Sätze dieser Wissenschaften noch als totes Eigentum in den Büchern oder Lehrzimmern , zum Teile haben wir sie erst auf die Gewerbe , auf den Handel , auf den Bau von Straßen und ähnlichen Dingen verwendet , wir stehen noch zu sehr in dem Brausen dieses Anfanges , um die Ergebnisse beurteilen zu können , ja wir stehen erst ganz am Anfange des Anfanges . Wie wird es sein , wenn wir mit der Schnelligkeit des Blitzes Nachrichten über die ganze Erde werden verbreiten können , wenn wir selber mit großer Geschwindigkeit und in kurzer Zeit an die verschiedensten Stellen der Erde werden gelangen , und wenn wir mit gleicher Schnelligkeit große Lasten werden befördern können ? Werden die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden , daß allen alles zugänglich ist ? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem , was sie hat , was sie ist , und was sie weiß , absperren , bald wird es aber nicht mehr so sein , sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden . Dann wird , um der Allberührung genügen zu können , das , was der Geringste wissen und können muß , um vieles größer sein als jetzt . Die Staaten , die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben , werden an Reichtum , an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können . Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen ? Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste . Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen , er ist entstanden , weil neue menschliche Verhältnisse eintraten , das Brausen , von welchem ich sprach , wird noch stärker werden , wie lange es dauern wird , welche Übel entstehen werden , vermag ich nicht zu sagen ; aber es wird eine Abklärung folgen , die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste , der endlich doch siegen wird , eine bloße Macht werden , die er gebraucht , und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat , wird eine Zeit der Größe kommen , die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist . Ich glaube , daß so Stufen nach Stufen in Jahrtausenden erstiegen werden . Wie weit das geht , wie es werden , wie es enden wird , vermag ein irdischer Verstand nicht zu ergründen . Nur das scheint mir sicher , andere Zeiten und andere Fassungen des Lebens werden kommen , wie sehr auch das , was dem Geiste und Körper des Menschen als letzter Grund inne wohnt , beharren mag . « Wir gingen nun in manches Einzelne dieses Stoffes ein , behandelten es im Fahren , und suchten die möglichen Folgen anzugeben . Besonders wurden Zweige der Naturwissenschaften genannt , welche vorzugsweise vorgeschritten waren und Einfluß zu gewinnen schienen , wie die Chemie und andere . Roland war entschieden für Neuerung , wenn sie auch alles umstürzte , mein Gastfreund und Eustach hegten den Wunsch , daß jenes Neue , welches bleiben soll , weil es gut ist - denn wie vieles Neue ist nicht gut - nur allgemach Platz finden und ohne zu große Störung sich einbürgern möchte . So ist der Übergang ein längerer , aber er ist ein ruhigerer , und seine Folgen sind dauernder . Nach dem Mittagsessen kam das Gespräch auf die Brunnennymphe im Sternenhofe , und mein Gastfreund erzählte mir , wie sie erworben worden war . Ein Mann , der entfernt mit Mathilden verwandt war , hatte zu seinem großen Vermögen noch Erbschaften gemacht . Er verlegte sich auf Sammlungen . Er hatte Münzen , er hatte Siegel , er hatte keltische und römische Altertümer , Musikgeräte , Tulpen und Georginen , Bücher , Gemälde und Bildsäulen . Er baute in seinem Garten an sein Haus , welches etwas erhöht stand , eine große Fläche , die er mit Steinen pflasterte , und von welcher künstliche steinerne Stufen in mehreren Richtungen nach dem Garten hinab gingen . Auf die Brüstungen dieser Fläche und auf die Einfassungen der Treppen wurden Bildsäulen gesetzt . Es gehörte zu den größten Vergnügungen des Mannes , auf der Fläche hin und her zu gehen . Das tat er auch oft , wenn die heißeste Sonne am Himmel stand und das Pflaster in die Sohlen brannte . Außerdem hatte er auch noch Bildsäulen auf den Treppen des Hauses und in den Zimmern . Die Nymphe , welche jetzt Mathilde besitzt , hatte er in einem Brunnentempel im Garten . Er hatte sie von seinem Großoheime geerbt . Sie soll zu den Jugendzeiten desselben von einem italienischen Bildbauer für einen Fürsten verfertigt worden sein , dessen schneller Todfall das Übergehen an ihre Bestimmung vereitelte . So kam sie nach mehreren Zufällen an den Großoheim , der Verbindungen mit dem Künstler hatte . Man sagt , diese Bildsäule sei der Anfang zu der Bildsäulenliebhaberei des Vetters Mathildens gewesen . Als dieser Mann starb , fand sich ein letzter Wille geschrieben vor , daß alle Kunstwerke an Kunstkenner oder Kunstliebhaber , nicht aber an Händler verkauft werden , und daß das Geld dafür und die anderen Dinge , die er hinterlassen , und zwar letztere nach einem Schätzungswerte , unter seine entfernten Verwandten verteilt werden sollten ; denn Kinder oder nähere Verwandte hatte er nicht . Da nun die Nymphe weitaus das schönste Kunstwerk war , welches er besaß , da Mathilde es immer bewundert hatte , da sie schon im Besitze des Sternenhofes war und in demselben schon schöne Gemälde untergebracht hatte : so war es ihr nicht schwer , sich als eine Kunstliebhaberin auszuweisen und das Bildwerk anzukaufen . Man gönnte es ihr mehr als einem Fremden , weil auf diese Weise das Kunstwerk gewissermaßen in der Familie blieb , und sie überdies auch mehr in die gemeinschaftliche Erbschaft zahlte , als ein Fremder getan haben würde . Sie brachte das ihr so liebe Werk in den Sternenhof und stellte es dort in einem Saale auf . Erst lange darnach wurde durch Eustachs und meines Gastfreundes Bemühungen zwischen den Eichen , die schon standen , die Eppichwand und die Quellengrotte gebaut , und so der Gestalt ein würdiger und wirkungsvollerer Aufenthaltsort gegeben , da sie für den Saal doch immer zu groß und ihre Stellung und ihre Beschäftigung unpassend gewesen war . Den Krug , aus welchem das Wasser rann , hatte sie schon , das Becken und die Bank sind neu gemacht worden , die Alabasterschale hat Mathilde aus ihrem Besitztum dazu gegeben . Wir kamen am Abende im Rosenhause an . Am andern Tage bat ich meinen Gastfreund , er möge erlauben , daß ich eine Nachzeichnung von der Zeichnung des Kerberger Altares , die er besitze , mache und diese Zeichnung meinem Vater zum Geschenke bringe . Er erlaubte es sehr gerne . Die Zeichnung war nach dem Vorschlage , welcher auf der Reise in das Hochland gemacht worden war , von Roland verbessert worden , und so wurde sie mir übergeben . Ich schloß mich in mein Zimmer ein , und arbeitete mehrere Tage fleißig von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang , bis ich mit der Zeichnung fertig war . Ich verpackte sie nun sehr wohl , und gab meinem Gastfreunde die Urzeichnung zurück . Nun hielt ich mich nicht mehr länger in dem Asperhofe auf , und eilte in die Tann . Ich stieg dort auf Berge , ich arbeitete sehr angestrengt , ich spielte sehr viel auf meiner Zither , und las in meinen Büchern . Eines Tages , gegen den Spätsommer hin , hörte ich mit allem auf . Ich packte meine Kisten , tat die Wertzeuge und die Schriften , die sich auf meine Arbeiten bezogen , in ihre Fächer und Koffer , entließ fast alle Leute , versah die Kisten mit Aufschriften , verordnete ihre Versendung , und ging dann in das Lautertal . Dort nahm ich nur den alten Kaspar und von den jungen Männern einen , der mir besonders lieb geworden war , und beschloß , die Messung des Lautersees zu Ende zu bringen . Ich mietete mich in dem Seewirtshause ein , richtete alle Geräte , welche mir zu meinem Vorhaben nötig waren , zurecht , ließ diejenigen neu verfertigen , welche ich nicht hatte , und ging ans Werk . Ich arbeitete recht fleißig . So lange das Licht des Tages leuchtete , waren wir auf dem Wasser . Nachts - außer einigen Stunden Schlafes - war ich an dem Papiere teils mit Rechnungen , teils mit Schreiben , teils sogar mit Zeichnen beschäftigt . Ich wiederholte einige Messungen , welche ich in früheren Zeiten vorgenommen hatte , um mich von der Beständigkeit oder Wandelbarkeit des Wasserstandes oder des Seegrundes zu überzeugen . Da ein durchaus gleicher Wasserstand nicht zu denken ist , so bezog ich meine Messungen auf einen mittleren Stand , und stellte immer die Frage , wie tief