in D. und F. , vier Stunden von hier , zwei junge Mädchen aufgespürt , zwischen sechzehn und achtzehn Jahren , frische , schöne , saftige Landpomeranzen , die gern einen Dienst in einer großen Stadt haben möchten . Hier ist es nun zu nah ; deßhalb will ich sie an einen Geschäftsfreund nach B. senden , wo eine starke Nachfrage nach solch ' unberührter Waare ist . Die Becker hat den beiden Mädchen vorgeschwindelt , sie kämen dort in ein ganz anständiges Haus , erhielten einen bedeutenden Lohn und brauchten sich nur mit seiner Arbeit zu beschäftigen . - Und das ist ja Alles wahr , « fuhr der alte Sünder kichernd fort , indem er sich die Hände rieb . - » Sie fürchtet aber nun , wenn die beiden Mädchen auf der Eisenbahn hieher fahren , so könnten sie am Ende zu Leuten zu sitzen kommen , die ihnen die ganze Geschichte verdächtigen und ihnen - es könnten ja sogar welche von B. sein - geradezu sagen würden , die Adressen seien falsch und die Häuser existiren dort gar nicht . - Versteht Ihr mich ? « » Vollkommen , « entgegnete Herr Sträuber . Und die Frau nickte stillschweigend mit dem Kopfe . » So , nun paßt auf ! « fuhr der Hausherr fort . » In circa acht Tagen werden die beiden Mädchen von D. und F. abreisen . Man wird Euch Alles das noch genau mittheilen ; dann fahrt Tags vorher Ihr , Frau Bilz , nach D. und der Sträuber nach F. Ihr , Frau , bekommt ein genaues Signalement des einen Mädchens , setzt Euch zu ihr hin und plaudert mit ihr ; in F. nun kommt zugleich mit dem andern Mädchen dort Euer Bruder auf die Bahn . « » Welcher Bruder ? « fragte mißtrauisch Herr Sträuber . » Nun , Ihr stellt den Bruder vor . O ich weiß schon , was Ihr sagen wollt , Frau Bilz zieht sich ein bischen städtisch an , darauf könnt Ihr Euch verlassen . - Also Ihr steigt mit dem anderen Mädchen in F. ein , habt wo möglich schon im Warsaal ein paar Worte mit ihr gewechselt , findet Eure Schwester , und setzt Euch nun , wenn es geht , alle vier zusammen . - Verstanden ? « » Natürlicherweise , « entgegnete Herr Sträuber . » Wir lassen uns dann von den beiden Mädchen erzählen , wohin sie wollen . « » Richtig , richtig ! Ihr erfahrt , daß sie nach B. gehen , Ihr , Beide seid auch daher , und könnt Ihnen nun über die Häuser , wohin sie adressirt , die allerbeste Auskunft geben . - Sobald Ihr mit den Beiden hier ankommt , so seid Ihr ihnen augenblicklich behilflich , daß sie Plätze nach B. nehmen . Ihr , Sträuber , habt nun hier Geschäfte und bleibt da , die Frau aber begleitet die Mädchen und bringt sie in B. nach einem gewissen Hause , das man ihr bezeichnen wird . - So , das wäre im Reinen . Ihr habt doch keinen Zweifel mehr ? « Frau Bilz zuckte mit den Achseln und sagte : » Ich wußte schon um die Geschichte ; ich war gestern bei der Becker , die mit mir davon sprach . « » Nun , da werdet Ihr auch gehört haben , daß ich Euch sogleich vorschlug , « erwiderte der Hausherr , nachdem er eine starke Prise genommen . » Ja , Ihr seht , Frau Bilz , daß ich immer an Euch denke , wo es Etwas zu verdienen gibt . « Die Frau gab hierauf keine Antwort , sondern ließ den Kopf auf die Brust sinken und spielte mit den Bändern ihrer Schürze . Herr Sträuber erhob sich von seinem Stuhle , strich sein Haar zurück , setzte den Hut auf und zog seine baumwollenen Handschuhe an . » Und werden wir Geld zu dieser Fahrt von Euch bekommen ? « fragte er , während er die Briefe , die er vorhin geschrieben , in die Tasche steckte . » Allerdings , « antwortete vergnügt der Hausherr , der heute gute Geschäfte gemacht hatte , » kommt nur am Samstag , da sollt Ihr Alles haben : Geld , Adresse und die genaue Beschreibung von einem Paar sehr hübscher Mädchen . « Sechsundvierzigstes Kapitel . Weihnachtsfreuden . So war denn auch wieder einmal Weihnachten gekommen , diese frohe und glückselige Zeit für Alt und Jung , - für erstere zum Geben , für letztere zum Empfangen ; und wer dabei die größte Freude hat , ist noch unentschieden . Wie bemühen sich die Kleinen vor diesem festlichen Abend , alles Unangenehme , das sie den Eltern zugefügt , vergessen zu machen und sich nur darzustellen in ihren guten und schönen Eigenschaften . Ja , schon vier Wochen vor Weihnachten geht es in den Schulen und zu Haus ungleich stiller her als das ganze Jahr ; man hört nicht das verdächtige Klopfen des Lineals , man vernimmt wenig Scheltworte , und wozu früher eine ganze lange Ermahnungspredigt nothwendig war , das thut jetzt ein einfaches Achselzucken und die hingeworfene Bemerkung : » Nun ja , es ist ja nächstens Weihnachten , da wird sich alles Das schon finden . « Aber nicht blos die Kinder freuen sich unbeschreiblich auf diesen Abend , auch für Manchen der Erwachsenen ist das eine Zeit , wo man gegenseitig auf so ungenirte Art anonyme Geschenke empfangen und machen kann , wo sich so plötzlich auf dem Teller dieser oder jener jungen Dame , oder mit einer zierlichen Aufschrift am Baume hängend , ein kleines elegantes Etui findet , und wenn man es öffnet , darin ein Ring , ein Armband oder dergleichen . - Freilich wird Mama selbst an diesem heiligen Abend die Augenbrauen etwas in die Höhe ziehen , und die jüngeren Schwestern , die noch keine Armbänder bekommen , oder auch die ältere , die keine mehr erhält , verächtlich die Naschen rümpfen und mit Absicht leicht darüber hinweg zu blicken versuchen . - Das thut Alles nichts ; wie schon bemerkt , an dem Abend wird Manches verziehen oder Manches geglaubt . » Ach ! dies schöne Geschenk wird von Onkel Karl sein ! « sagt die Betreffende , indem sie mit außerordentlicher Geschicklichkeit ein kleines Papierchen verschwinden läßt , das unter dem Armband gelegen . » Ach ! Onkel Karl , das ist zu viel ! Nein , das ist zu viel ! « Onkel Karl , ein alter geiziger Hagestolz , steht daneben mit einem höchst dummen und verblüfften Gesicht ; und befindet er sich augenblicklich unter dem Einfluß von einiger Geistesgegenwart , die ihm aber gewöhnlich mangelt , so macht er grinsend ein breites Maul , lächelt ziemlich blödsinnig und ist unverschämt genug , die warmen Küsse seiner lieblichen Nichte für Rechnung eines Anderen in Empfang zu nehmen . Du erinnerst dich gewiß , theurer und geneigter Leser , so lebhaft wie wir dieser herrlichen schönen Weihnachtszeit . Du kannst das nicht vergessen , nicht einmal in dem schlimmen Falle , wenn du selbst lange , lange Zeit hindurch Niemand etwas Gutes mehr bescheert hast , oder wenn dir ein böses Schicksal während vieler Jahre nur Fußtritte oder Ohrfeigen gab . Ja , auch dann wirst du dich , wenn auch wehmüthig , jener Zeit erinnern , wo du zum letzten Male etwas Angenehmes bescheertest oder wo dir etwas Angenehmes bescheert wurde . - Ach ! es ist etwas so Köstliches um die Erinnerung , um eine angenehme Erinnerung , und wenn wirklich deine Seele schon lange mit dickem Staube bedeckt ist oder sich dein getäuschtes und verrathenes Herz mit einer festen Schale umzogen - an diesem Abend steigt jener auf , zerschmilzt diese , und du fühlst , wie dich ein süßer Schauer durchzieht - wenn du das nämlich fühlen willst - seltsame Töne , bunte , glänzende Bilder , und alles Das eingehüllt in den wohlbekannten Duft der Tannennadeln und des herabträufelnden Wachses . Dann eile hinaus auf die Straße , um dich unter den Glücklicheren umzuschauen , selbst wenn es nebelt oder sogar einzelne Schneeflocken vom dunkeln Himmel herab dich in großen Kreisen umflattern und zuletzt auf deiner Nase oder deiner Wange zerschmelzen . Das gehört mit zum heiligen Christtag , und ist das wilde Wetter zuweilen liebend den Tausenden von Tannenbäumen nachgezogen , die man aus dem finstern Wald hieher versetzt . Wer achtet aber dieses Wetters ? - Niemand . Selten siehst du einen Regenschirm aufgespannt , und die Damen behelfen sich sogar , indem sie dichte Kaputzen über den Kopf ziehen und von unten mit soliden Ueberschuhen verwahrt sind . Man hat auch keine Zeit , nach dem Wetter zu sehen oder den Regenschirm zu balanciren ; man muß nur dafür sorgen , daß man nicht an die Begegnenden anstoßt und daß man seine kostbaren Waaren unversehrt nach Hause bringt . Die schönste Stunde an diesem Abend ist gleich nach der Dämmerung , wenn die Ladendiener eilfertig die Gaslampen angezündet haben , und wenn es nun wie ein Aufschrei höchster Lust durch die Glasschränke zieht , wenn Alles heller wird als am Tage ; denn die Sonne vermag nicht in den dunkeln Winkel zu dringen , wo die Schaukelpferde stehen , oder dort hinten in die Ecke neben dem Ofen , wo sich die hölzernen Gewehre , die Säbel , Schwerter und Peitschen befinden . Jetzt aber strahlt Alles von Licht und Glanz . Es glänzt das Gold auf den Helmen und Harnischen der Rittersmänner , man sieht die Mähnen der Rosse flattern , und hell strahlen die Fenster dieses Schlosses oder jener Burg . Wie galoppiren die Pferde dort vor der reichen , bunten Karosse , wie anmuthig lächelt die Dame in derselben , und wie greulich verzieht der edle Nußknacker sein häßliches Gesicht ! Sollte man doch glauben , er schiele ordentlich links hinüber nach jener großen schönen Puppe in weißem gesticktem Atlaskleide mit wirklichen Schuhen an den Füßen und ächtem Haar auf dem Kopfe . Dieses Gesicht ist aber auch der Mühe werth , betrachtet zu werden : die runden , schneeweißen Wangen , angetupft mit einem zarten Roth , der zusammengezogene Mund , so klein , daß er gar nicht in Betracht kommt , die unbedeutende Nase und hauptsächlich die großen blauen Augen von unaussprechlichem Glanze und einem Ausdruck , der über alle Beschreibung geht . Sie blickt verwundert vor sich in das Gewölbe und , wie in tiefe Gedanken versunken , schaut sie keine Menschenseele an , sondern starrt weit , weit hinaus in die unmeßbare Ferne . - Jeder aber ist wie gesagt an diesem Abend eilig und hat für den besten Freund keine Zeit ; Der hat dies , Jener das vergessen , und da heute Abend Mägde und Knechte alle Hände voll zu thun haben , so muß er selbst rennen und laufen , um das Versäumte herbei zu holen . » Da wäre ich schön angekommen , « sagt ein dicker Herr im Laden zu einem sehr dürren , der Wachslichter aufsucht , » meine Frau hat sich ein Portemonnaie gewünscht , wie sie es vor acht Tagen bei der Staatsräthin gesehen . Wissen Sie , von dänischem Leder mit Stahlschloß ; ich versichere Sie , bester Freund , es ist gut , daß es mir jetzt noch einfiel , ich hätte böse Feiertage gehabt . « » So kann man Unglück haben ! « ruft ein anderer Herr , der eilig in den Laden tritt . - » Bitte um neue Glaskugeln , « sagt er zu dem Ladendiener , der mit offenem Munde herbeieilt . » Da sehen Sie die Bescheerung ! « wendet er sich an den dicken Herrn , » gehe ich noch von hier aus zur Putzmacherin - sie hat die Sammetmantille für Madame noch nicht geschickt - und da ich warten soll , setze ich mich nieder auf einen Stuhl und auf die Glaskugeln . Es ist nur ein Wunder , daß mir kein Scherben irgendwo eingedrungen ist . - So . - Wie viel macht ' s ? « » Einen Gulden und zwölf Kreuzer . « » Hier sind sie . - Gute Nacht , ihr Herren , vergnügte Weihnachten ! « Wer aber auch nicht im Stande ist , Glaskugeln , Sammetmantillen oder Portemonnaies zu kaufen , wie sie die Staatsräthin hat , ja wer es kaum zu einem verkrüppelten Tannenbaume und zu einigen vergoldeten Nüssen zu bringen vermag , freut sich des Lebens und ist mit den Seinigen heiter und guter Dinge . Das hölzerne Pferd , das der Vater geschenkt erhielt , wird auf ' s Künstlichste wieder hergerichtet , die Mutter macht einen neuen Zaum , der Vater einen superben Schweif von Baumwolle , der aus der Dintenflasche schwarz gefärbt wird . Am Baume hängen ein paar Brezeln oder einige Wecken an Schnüren , auf dem Tische liegen die neuen Höschen und das neue Wamms mit glänzenden Knöpfen besetzt , und mit weit aufgerissenen Augen wird alles Das betrachtet , bis auf die Ruthe , die am Baume schwebt , und die verstohlene , ehrerbietige Blicke auf sich zieht . Selbst die Armen , denen zu Haus kein Weihnachtsbaum glänzt , denen Vater und Mutter nichts zu bescheeren im Stande sind , erfreuen sich am heutigen Abend der allgemeinen Pracht und Herrlichkeit und es muß schon ein besonderer Segen in der heutigen Nacht über alle Menschenkinder ausströmen , der Neid und Mißgunst nicht aufkommen läßt ; denn die Kleinen da draußen vor dem Fenster , die soeben noch frierend durch die Straßen zogen , bleiben jetzt plötzlich stehen , wenn sie den herrlichen Lichterglanz erblicken , klettern an das Fenster des Erdgeschosses empor und blicken mit leuchtenden Augen so lange in die hellbestrahlte Stube auf den Tannenbaum mit den vielen Lichtern , auf all ' die seltsamen Spielsachen , bis der Hauch ihres eigenen Mundes die Scheibe trübt und Alles in einen dichten Nebel verschwimmt . Wenn aber ein gutes Kind drinnen im Zimmer sieht , daß vor dem Fenster so arme kleine Geschöpfe stehen , denen der heilige Christ am heutigen Abend nichts bescheert als Hunger und Kälte , so erbittet es sich von den Eltern etwas Spielzeug und Backwerk , öffnet leise das Fenster und reicht es den armen Kindern hinaus . Die nehmen es , und geblendet von dem Lichterglanz glauben sie vielleicht , es sei am Ende das Christkind selbst gewesen , das ihnen bescheert , und eilen mit dieser frohen Botschaft nach Hause , indem sie das , was sie erhalten , freudestrahlend vorzeigen . Dazu läuten die Glocken der Kirche , die tiefen Töne der Orgel dringen aus den geöffneten Thüren hervor , und die Menge strömt ab und zu , um die Krippe mit dem heiligen Christus zu sehen , die am Hochaltar enthüllt wird . Der Boden der Kirche ist feucht und die Fußtritte hallen wider auf dem Steinpflaster ; die Regenschirme und nassen Mäntel verbreiten einen sonderbaren Geruch , und dazu duftet der Weihrauch so bekannt und angenehm . Man verrichtet sein Gebet , eilt wieder hinaus , und vor der Kirchenthüre blickt man aufwärts , ob der Himmel ein freundliches Gesicht mache und gute Feiertage verheiße . - Ah ! es sind da viele schwarze Wolken : doch wird es über uns an einer kleinen Stelle heller und es erscheint ein schöner blauer , sanft strahlender Stern . Der ist vielleicht ein Prophet für gutes Wetter , oder es ist auch jener Stern , der sich immer über der Krippe des kleinen Christkindes zeigt und dem die heiligen drei Könige nachgegangen . - Ja , der muß es sein , - geschwind nach Hause , das muß man den Kindern erzählen ! - Wenn an einem solchen Christabende die Menge der Käufer und Käuferinnen anfängt , in den Gewölben nachzulassen , - das geschieht nun nach sechs Uhr , - so werden die meisten der Läden geschlossen , damit auch die den ganzen Tag so beschäftigten Leute jetzt schon ihren Feiertag beginnen können ; oder man läßt vielleicht noch zur Beaufsichtigung des Ganzen eine der Ladenjungfern zurück , die sich alsdann verdrießlich an den Tisch setzt , den Kopf auf die Hand stützt und wohl an ihre Heimath denkt , wo jetzt Alles heiter und vergnügt um den Christbaum steht , während sie hier noch ein paar Stunden allein sitzen muß . Das Geschäft darf noch nicht geschlossen werden : es könnte vielleicht noch ein verspäteter Kunde etwas brauchen . Diese Vorsicht war denn auch in einem der größten Läden der Hauptstadt nicht unnöthig , und die junge Dame , welche hier saß , hatte sehr Unrecht , als sie soeben einen kleinen Monolog hielt , worin sie von hartem Dienste sprach und von überflüssigen Quälereien , die darin beständen , noch hier sitzen zu müssen , nachdem schon Alles längst auf seine Zimmer gegangen ; - denn kaum hatte sie ihn beendigt , so fuhr ein Wagen dicht vor die Ladenthüre , und ein Herr , der darin saß , öffnete den Schlag selbst , sprang heraus und trat in das Gewölbe . » Schon dachte ich , es wäre auch hier geschlossen , « sagte er laut und lustig , » und das wäre mir äußerst unangenehm gewesen , denn ich muß Sie noch bei spätem Abend bemühen und Sie um das Neueste bitten , was es in kleinen seidenen Halstüchern für Damen gibt . « » Ah ! Herr Doktor ! « versetzte das Mädchen , das eifrig aufgesprungen war . » Wir werden nur heute Abend bei Licht die Farben nicht recht unterscheiden können , das nimmt sich Alles bei Tage anders aus . « » Sie haben vollkommen Recht , mein Kind , « entgegnete der Herr ; » aber meine Zeit am Tage ist außerordentlich kostbar , namentlich im Winter , wo es so viele Kranke gibt . - Und dann verlasse ich mich auf Ihren Geschmack . - Bringen Sie auch sogleich einen Carton mit Damenhandschuhen , davon kann ich auch etwas brauchen , « rief er dem Mädchen nach , das nach dem Hintergrunde gegangen war , um das Verlangte zu holen . - » Gott ! ich hätte beinahe den ganzen Weihnachtsabend vergessen ! « » Das würde der Frau Doktorin nicht lieb gewesen sein , « sprach lächelnd die Ladenjungfer , indem sie die beiden Schachteln auf den Tisch stellte . - » Aber das ist Ihr Scherz , und Sie haben gewiß schon seit mehreren Tagen prächtige Sachen für die lieben kleinen Kinder bereit liegen . « » Ah ! das will ich meinen ! « erwiderte der Herr ; » den Kindern eine Freude zu machen ist leicht ; man findet da immer Geschichten , die ihnen gefallen . Aber bei den Erwachsenen - ist das oft unendlich schwer , « setzte er leise hinzu . » Sehen Sie , Herr Doktor , diese kleinen Shawls sind das Neueste , was wir haben - und sehr elegant . « » Ja , - nicht übel . Nehmen wir zwei : einen rothen und einen blauen , ich weiß nicht , welche Farbe meine Frau am liebsten hat . - Nun zu den Handschuhen ! « Während das Mädchen den Carton öffnete , der das Verlangte enthielt , und die zierlichen Pakete heraus legte , trat ein anderer Herr in den Laden , nahm unter der Thüre seinen Hut ab und schlenkerte ihn hin und her , um einige Schneeflocken zu entfernen , die darauf gefallen waren , da er keinen Regenschirm bei sich hatte . Dann bedeckte er sich wieder und trat an den Ladentisch . Dieser Herr trug eine Brille , und da ihm die Gläser derselben plötzlich anliefen , als er in das erwärmte Gewölbe trat , so zog er sein Sacktuch heraus , nahm die Brille herunter und putzte sie sorgfältig rein , wobei er mit dem eigenthümlichen Blick , den die Kurzsichtigen gewöhnlich haben , vor sich hinstarrte . Das Mädchen bot ihm freundlich einen guten Abend . » Wählen Sie für mich , « sagte der Doktor , der über die Handschuhpakete gebeugt stand , » nehmen wir meinetwegen zwei Dutzend , Numero sieben hat meine Frau ; die Farbe will ich Ihnen überlassen . « Der andere Herr hatte seine Brille schnell wieder aufgesetzt , blickte den , der eben sprach , von der Seite an , und dann klopfte er ihm leicht auf die Schulter . Der Doktor richtete sich in die Höhe . » Ah ! du bist es , Alfons , « sagte er . » Was treibt denn dich so spät hier in den Laden ? « » Oh ! « erwiderte dieser , » wahrscheinlich dasselbe , was dich hieher führt . Ich brauche ebenfalls noch ein paar Kleinigkeiten für heute Abend . - Ihr kommt doch auch zu uns ? « » Zur allgemeinen Bescheerung ; das versteht sich von selbst . Ah ! da haben wir noch nie gefehlt . « » Diese Farben sind schön , « meinte das Ladenmädchen , indem sie die ausgesuchten Handschuhe vor den Doktor niederlegte , » es ist die gleiche Qualität , die Ihr Herr Schwager vorhin gekauft , nur habe ich andere Farben ausgesucht . « » So , du hast auch Handschuhe für deine Frau gekauft ? « versetzte der Doktor mit gleichgiltigem Tone . Da er aber hiebei den Blick auf die seinigen warf , so bemerkte er nicht , daß Alfons in diesem Augenblicke auf höchst unangenehme Art sein Gesicht verzog . » Ja , ich habe auch Handschuhe gekauft , « erwiderte dieser nach einer Pause , » natürlich für Mariannen , aber - - nicht zum heutigen Abend ; dafür habe ich schon andere Sachen . Ich werde ihr die Handschuhe gelegentlich nächster Tage geben . - Hast du denn schon zu Hause den Kindern bescheert ? « fragte er darauf , um von etwas Anderem zu sprechen . » Nein , nein , « antwortete der Doktor lustig , » das kommt noch und ich freue mich darauf , als wenn ich selbst ein Kind wäre . Wenn man so den ganzen Abend wie ich , in den verschiedensten Wohnungen herumkommt , und bald hier bald dort jubelnde Kinderstimmen hört , oder den Lichterglanz sieht , wenn sich in irgend einem dunkeln Gange plötzlich eine Thür öffnet , und wenn man das Alles so aus der Ferne und eigentlich theilnahmlos mit ansehen muß , so ist man ordentlich begierig darauf , dies Fest auch bei den Seinigen zu feiern . « » Aber der Herr Doktor haben doch heute Abend schon bescheert , « sagte lächelnd das Ladenmädchen ; » als Sie Nachmittags vorbei fuhren , reichte man dem Kutscher von dem Hause gegenüber eine ganze Menge Sachen in den Wagen hinein . « » Ei , ei ! der Herr Doktor ! « sprach Alfons , indem er unangenehm lächelnd seine Augenbrauen in die Höhe zog . » Es war nur Kinderspielzeug , « fuhr das Ladenmädchen fort . » Ei der Tausend ! auch Kinderspielzeug ? « meinte Alfons forschend . » Doch nicht für deine eigenen ! « » O nein , « entgegnete unbefangen der Doktor , während er den listig aussehenden Schwager mit seinem offenen , ehrlichen Gesichte ruhig anblickte . » Ich habe so arme Kinder in meiner Kundschaft , die von keinem Menschen etwas erhalten , und da habe ich ' s mir angewöhnt , dieselben am heiligen Christabend ein wenig zu bescheeren ; es schmerzt mich ordentlich , wenn ich so arme Geschöpfe bei ihrem Brod und ihren Kartoffeln , oftmals im kalten Zimmer sitzen sehe und dabei an mein Haus denke , wo Oskar und Anna sich in der behaglichsten Umgebung befinden und wenn sie kaum einen vernünftigen Wunsch ausgesprochen haben , dieser auch schon erfüllt ist . « » Aber , mein lieber Freund , « antwortete Alfons , » diese Ungleichheiten im menschlichen Leben kann man unmöglich ebnen und es muß so sein . « » Es muß allerdings so sein , « sagte der Doktor , » doch ist es an uns , so viel wir im Stande sind , dem Armen seine Armuth leicht zu machen . « » Amen ! « setzte Alfons spöttisch hinzu . - Dann nahm er noch ein kleines Halstuch , diesmal für seine Frau , wie er sagte , - er schien das vorhin bei dem Handschuhkauf ganz vergessen zu haben , dann wandte er sich an seinen Schwager und sprach : » Du kannst mich wohl an mein Haus führen , es ist für dich kein großer Umweg und draußen regnet und schneit es durcheinander . « » Das versteht sich von selbst , « erwiderte dieser und bezahlte seine Rechnung . - » Steigen wir ein ! « Die beiden Schwäger verließen den Laden , bestiegen die Droschke des Arztes , und die müden Pferde , die den ganzen Tag auf dem Pflaster herum gelaufen waren , gingen in einem ziemlich kurzen Trabe davon . Bei dem Hause des Kommerzienraths setzte der Doktor seinen Schwager ab und rief ihm dann zu : » Also bis nachher ! « Jetzt schimmerten erst recht in allen Häusern die Weihnachtsbäume , jetzt konnte man erst recht das Jubeln der Kinder vernehmen ; jetzt war Freude an allen Ecken . Der Arzt blickte gern aus seinem Wagen heraus und freute sich jedesmal , wenn er bei einem so hellerleuchteten Fenster vorüber kam , wenn so die vielen brennenden Kerzchen wie kleine Blitze in seine Augen fuhren , um gleich darauf wieder zu verschwinden . Er kam am Weihnachtsabend selten so spät wie diesmal nach Hause , doch hatten ihn einige wichtige Krankheitsfälle zurückgehalten ; sonst war er es immer , der den Weihnachtsbaum arrangirte , anzündete und dann die Kinder herbei rief . Das Letztere mochte er sich auch heute nicht nehmen lassen , weßhalb er befohlen hatte , mit dem Anzünden zu warten , bis er käme ; auch war es noch nicht so spät - erst sieben Uhr - und die Hoffnung auf bevorstehende Bescheerung ist schon im Stande , die kleinen Kinderaugen offen zu halten . Siebenundvierzigstes Kapitel . Weihnachtsleiden . Endlich hatte der Doktor seine Wohnung erreicht ; er sprang aus dem Wagen in ' s Haus und eilte die Treppe hinauf . Heute war es ihm lieb , daß die Glasthüre , obgleich gegen seinen Befehl , offen stand : brauchte er doch nicht lange zu klingeln und konnte gleich auf den Korridor gehen , wo ihn dann die Kinder am Tritte erkannten , und ihm , wie namentlich bei solchen Veranlassungen gewöhnlich , entgegen stürzen würden . Aber diesmal kam Niemand , - er hustete , er stieß mit seinem Stock auf die Steinplatten , - umsonst ! Weder Oskar noch Anna ließen sich sehen . Kopfschüttelnd öffnete er die Thüre zum Speisezimmer , wo in der Regel der Christbaum aufgestellt wurde ; da war Alles finster , aber es drang ihm ein Geruch entgegen von verbranntem Wachslicht und Tannennadeln , aber viel schärfer , als er gewöhnlich vom Anzünden des Weihnachtsbaums entsteht . Eilig wandte er sich hierauf nach dem Kinderzimmer , öffnete hastig die Thüre und wollte mit seinem gewöhnlichen Schritte eintreten , doch kam ihm das Stubenmädchen entgegen , legte den Finger auf den Mund und sagte : » Bitte , Herr Doktor , etwas leise , sie schlafen . « » Wer schläft ? « fragte er überrascht . » Nun , die Kinder , wenigstens liegen sie ganz ruhig . « » Und schon so frühe , ehe ich den Weihnachtsbaum anzündete und ihnen bescheerte ? « » Ja , - ja - Herr Doktor - « erwiderte das Mädchen ziemlich verlegen , » es ist uns heute Abend ein kleines Unglück geschehen . « » Wem ist ein Unglück geschehen ? « » Eigentlich nicht uns , sondern der Frau Doktorin . « » So , ist meine Frau krank ? « fragte der Doktor und wollte eilig das Zimmer verlassen . » Nein , die Frau Doktorin sind ganz wohl , aber ich wollte nur sagen : ihr ist eigentlich das Unglück geschehen mit den Kindern . « » Um Gotteswillen ! was ist ' s mit den Kindern ? « rief erschreckt der Vater . Und dabei drückte er das Mädchen auf die Seite und eilte wieder hinaus in ' s Zimmer . - » Wo ist Frau Bendel ? « Die Aufgerufene kam zwischen den Betten hervor , in welchen die Kinder lagen und ging ihrem Herrn mit einem mehr verdrießlichen als verlegenen Gesichte entgegen . » Mach ' Sie doch keinen solchen Lärmen ! « sagte sie zum Stubenmädchen ; » man sollte ja glauben , hier läge Alles in den letzten Zügen . - O , es ist nicht so schlimm , « wandte sie sich an den Doktor , » Oskar und Anna haben ein kleines Unglück gehabt , wie das bei Kindern häufig vorkommt . Wir wußten nicht , wo der Herr Doktor augenblicklich sei , sonst hätten wir Sie gleich rufen lassen ; auch fuhr gerade der Herr Obermedizinalrath vorbei , als ich an der Hausthüre stand , um mich nach Ihnen umzusehen , und da rief ich diesen herauf . « Jetzt schien die große Geduld des Arztes vollkommen erschöpft zu sein . Er schwenkte seinen Stock heftig in der Hand und sagte mit leiser , aber vor Zorn zitternder Stimme : » Wollen Sie nun endlich die Güte haben , Frau Bendel , mir gehörig der Reihe nach zu erzählen , was wieder in diesem Hause für Dummheiten und Unglücke vorgefallen sind ? « Bei diesen Worten warf das Stubenmädchen den Kopf in die Höhe und ging , heftig mit den Achseln zuckend , an den Tisch zurück