» ich habe dir soeben , als ich kam , auch einen Tort angetan ich habe gefürchtet , daß du vielleicht einen fremden Mann bei dir haben könntest ! « Sie gab mir sogleich eine Ohrfeige , doch , wie es mir schien , mehr aus Vergnügen als aus Zorn und sagte » Du bist ein recht unverschämter Gesell und glaubst wohl , du brauchst deine schändlichen Gedanken nur einzugestehen , um von mir absolviert zu sein ! Freilich sind es nur die beschränkten und vernagelten Leute , welche nie etwas eingestehen wollen ; aber die übrigen machen deswegen damit auch nicht alles gut ! Zur Strafe gehst du mir jetzt gleich zum Tempel hinaus und machst , daß du nach Hause kommst ! Morgen des Nachts darfst du dich wieder zeigen ! « Sie trieb mich unerbittlich aus dem Hause ; denn sie hatte jetzt genugsam gemerkt , daß es mich stark zu ihr hinzog und daß ich eifersüchtig auf sie war . Ich begab mich nun , sooft es anging , des Nachts zu ihr ; sie brachte den Tag meistens allein und einsam zu , während ich entweder weite Streifzüge unternahm , um zu zeichnen , oder in des Schulmeisters Haus , als in einer Schule des Leidens , mich still und gemessen halten mußte . So hatten wir in diesen Nächten vollauf zu plaudern und saßen oft stundenlang am offenen Fenster , wo der Glanz des nächtlichen Himmels über der sommerlichen Welt lag , oder wir machten dasselbe zu , schlossen die Laden und setzten uns an den Tisch und lasen zusammen . Ich hatte ihr im Herbst auf ihr Verlangen nach einem Buche eine deutsche Übersetzung des Rasenden Roland zurückgelassen , welchen ich selbst noch nicht näher kannte ; Judith hatte aber den Winter über oft darin gelesen und pries mir jetzt das Buch als das allerschönste in der Welt an . Judith zweifelte nicht mehr an Annas baldigem Tod und sagte mir dies unverhohlen , obgleich ich es nicht zugeben wollte ; durch diesen Gegenstand und meine Berichte von jenem Krankenlager wurden wir trübselig und düster , jedes auf seine Weise , und wenn wir nun im Ariost lasen , so vergaßen wir alle Trübsal und tauchten uns in eine frische glänzende Welt . Judith hatte das Buch erst ganz volkstümlich als etwas Gedrucktes genommen , wie es war , ohne über seinen Ursprung und seine Bedeutung zu grübeln ; als wir aber jetzt zusammen darin lasen , verlangte sie manches zu wissen , und ich mußte ihr , so gut ich konnte , einen Begriff geben von der Entstehungsweise und der Geltung eines solchen Werkes , von dem Wollen und den bewußten Absichten des Dichters , und ich erzählte , soviel ich wußte , von Ariost . Nun wurde sie erst recht fröhlich , nannte ihn einen klugen und weisen Mann und las die Gesänge mit verdoppelter Lust , da sie wußte , daß diesen so heiteren und so tiefsinnigen Wechselgeschichten eine helle und tiefgefühlte Absicht zugrunde lag , ein Wollen , Schaffen und Gestalten , eine Einsicht und ein Wissen , das ihr in seiner Neuheit wie ein Stern aus dunkler Nacht erglänzte . Wenn die in Schönheit leuchtenden Geschöpfe rastlos an uns vorüberzogen , von Täuschung zu Täuschung , und , leidenschaftlich sich jagend und haschend , immer eins dem andern entschwand und ein drittes hervortrat , oder wenn sie in kurzen Augenblicken bestraft und trauernd ruheten von ihrer Leidenschaft oder vielmehr sich tiefer in dieselbe hineinzuruhen schienen an klaren Gewässern , unter wundervollen Bäumen , so rief Judith » O kluger Mann ! Ja , so geht es zu , so sind die Menschen und ihr Leben , so sind wir selbst , wir Narren ! « Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes zu sein , wenn ich mich neben einem Weibe sah , welches ganz wie jene Fabelwesen auf der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schönheit stillzustehen und dazu angetan schien , unablässig die Leidenschaft fahrender Helden zu erregen . An ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug ein siegreiches festes Gepräge , und die Faltenlagen ihrer einfachen Kleider waren immer so schmuck und stattlich , daß man durch sie hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar schimmernde Waffenstücke zu ahnen glaubte . Entblößte jedoch das üppige Gedicht seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte ihre bloßgegebene Schönheit in offene Bedrängnis oder in eine mutwillig verführerische Lage , während ich mich nur durch einen dünnen Faden von der blühendsten Wirklichkeit geschieden sah , so war es mir vollends , als wäre ich ein törichter Fabelheld und das Spielzeug eines ausgelassenen Dichters ; nicht nur das platonische Pflicht- und Treuegefühl gegen das von christlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens , sondern auch die Furcht , schlechtweg durch Annas krankhafte Träume verraten zu werden , legten ein Band um die verlangenden Sinne , während Judith aus Rücksicht für Anna und mich und aus dem Bedürfnisse sich beherrschte , in dem zierlich platonischen Wesen der lugend noch etwas mitzuleben . Unsere Hände bewegten sich manchmal unwillkürlich nach den Schultern oder den Hüften des andern , um sich darumzulegen , tappten aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem zaghaften abgebrochenen Wangenstreicheln , so daß wir närrischerweise zwei jungen Katzen glichen , welche mit den Pfötchen nacheinander auslangen , elektrisch zitternd und unschlüssig , ob sie spielen oder sich zerzausen sollen . In solchen Augenblicken rafften wir uns auf ; Judith zog ihre Schuhe an und begleitete mich in die Sommernacht hinaus ; es reizte uns , ungesehen ins Freie zu gelangen und auf nächtliche Abenteuer durch den Wald und über die Höhen zu gehen . Solche romantische Gewohnheiten vergnügten meine Begleiterin um so mehr , als sie ihr neu waren und sie noch nie ohne einen bestimmten und außerordentlichen Zweck nächtlicherweise aus dem Dorfe gegangen war . Sie freuete sich aber dieser Freiheit um ihrer selbst willen und nicht aus Naturschwärmerei , weil sie einmal ein abgesondertes und eigenes Leben führte , obgleich ursprünglich niemand besser als sie zu einem frischen Zusammenleben geschaffen war . Sie stellte daher keine gefühlvollen Betrachtungen über den Mondschein an , sondern sie rauschte mutwillig und rasch durch die Gebüsche oder knickte halb unmutig manchen grünen Zweig , mit dem sie mir ins Gesicht schlug , als ob sie damit alles wegzaubern wollte , was zwischen mir und ihr lag , die Jahre , die fremde Liebe und den ungleichen Stand . Sie wurde dann ganz anders , als sie erst in der Stube gewesen , und förmlich boshaft , spielte mir tausend Schabernack , verlor sich im dunklen Dickicht , daß ich sie plötzlich zu fassen bekam , oder hob beim Springen über einen Graben das Kleid so hoch , daß ich in Verwirrung geriet . Einmal erzählte ich ihr das Abenteuer , das ich als kleiner Junge mit jener Schauspielerin gehabt , und vertraute ihr ganz offen , welchen Eindruck mir der erste Anblick einer bloßen Frauenbrust gemacht , so daß ich dieselbe noch immer in dem weißen Mondlicht vor mir sehe und dabei der längst entschwundenen Frau fast sehnsüchtig gedenke , während ihre Gesichtszüge und ihr Name schon lange bis auf die letzte Spur in meinem Gedächtnis verwischt . Wir gingen gerade dem Waldbache entlang , über welchem der Mond ein geheimnisvolles Netz von Dunkel und Licht zittern ließ ; Judith verschwand plötzlich von meiner Seite und huschte durch die Büsche , während ich verblüfft vorwärtsging . Dies dauerte wohl fünf Minuten , während welcher ich keinen Laut vernahm außer dem leisen Wehen der Bäume und dem Rieseln der Wellen . Es wurde mir zu Mute , wie wenn Judith sich aufgelöst hätte und still in die Natur verschwunden wäre , in welcher mich ihre Elemente geisterhaft neckend umrauschten . So gelangte ich unversehens in die Gegend der Heidenstube und sah nun die graue Felswand im hellen Vollmond , der über den Bäumen stand , in den Himmel ragen ; das Wasser und die Steine zu meinen Füßen waren ebenfalls beschienen . Auf den Steinen lagen Kleider , zuoberst ein weißes Hemd , welches , als ich es aufhob , noch ganz warm war , wie eine soeben entseelte irdische Hülle . Ich vernahm aber keinen Laut , noch sah ich etwas von Judith , es wurde mir wirklich unheimlich zu Mute , da die Stille der Nacht von einer dämonischen Absicht ganz getränkt erschien . Ich wollte eben Judith beim Namen rufen , als ich seltsame , halb seufzende , halb singende Töne vernahm , aus denen zuletzt ein deutliches altes Lied wurde , das ich schon hundertmal gehört und jetzt doch einen zauberhaften Eindruck auf mich machte . Sein Inhalt war die Tiefe des Wassers , etwas von Liebe und sonst nichts weiter ; aber zuletzt war es von einem fast sichtbaren verführerischen Lächeln durchdrungen und von einem silbernen Geräusch begleitet , wie wenn jemand im Wasser plätschert und sich dasselbe in sanften Wellen gegen die Lenden schlägt . Wie ich so hinhorchte , entdeckte ich endlich mir gegenüber eine undeutliche weiße Gestalt , welche sich im Schatten hinter dem Felsen bewegte , sich an überhängende Zweige hing und den Körper im Wasser treiben ließ oder plötzlich sich hoch aufrichtete und eine Weile gespenstisch unbeweglich hielt . Es führte ein untiefer Damm des Geschiebes zu jener Stelle , und zwar in einem ziemlich weiten Bogen , und als ich einen Augenblick mich vergessen hatte , sah ich unversehens die nackte Judith schon auf der Mitte dieses Weges angelangt und auf mich zukommen . Sie war bis unter die Brust im Wasser ; sie näherte sich im Bogen , und ich drehete mich magnetisch nach ihren Bewegungen . Jetzt trat sie aus dem schief über das Flüßchen fallenden Schlagschatten und erschien plötzlich im Mondlichte ; zugleich erreichte sie bald das Ufer und stieg immer höher aus dem Wasser , und dieses rauschte jetzt glänzend von ihren Hüften und Knien zurück . Jetzt setzte sie den triefenden weißen Fuß auf die trockenen Steine , sah mich an und ich sie ; sie war nur noch drei Schritte von mir und stand einen Augenblick still ; ich sah jedes Glied in dem hellen Lichte deutlich , aber wie fabelhaft vergrößert und verschönt , gleich einem überlebensgroßen alten Marmorbilde . Auf den Schultern , auf den Brüsten und auf den Hüften schimmerte das Wasser , aber noch mehr leuchteten ihre Augen , die sie schweigend auf mich gerichtet hielt . Jetzt hob sie die Arme und bewegte sich gegen mich ; aber ich , von einem heißkalten Schauer und Respekt durchrieselt , ging mit jedem Schritt , den sie vorwärts tat , wie ein Krebs einen Schritt rückwärts , aber sie nicht aus den Augen verlierend . So trat ich unter die Bäume zurück , bis ich mich in den Brombeerstauden fing und wieder stillstand . Ich war nun verborgen und im Dunkeln , während sie im Lichte mir vorschwebte und schimmerte ; ich drückte meinen Kopf an einen kühlen Stamm und besah unverwandt die Erscheinung . Jetzt ward es ihr selbst unheimlich ; sie stand dicht bei ihrem Gewande und begann wie der Blitz sich anzuziehen . Ich sah aber , daß sie erst jetzt in Verlegenheit geriet , und trat unwillkürlich , meine eigene Verwirrung vergessend , hervor , half ihr zitternd den Rock über der Brust zuheften und reichte ihr das große weiße Halstuch . Hierauf umschlang ich ihren Hals und küßte sie auf den Mund , gewissermaßen um keinen müßigen Augenblick aufkommen zu lassen ; sie fühlte dies wohl ; denn sie war nun über und über rot bis in die noch feuchte Brust hinein ; sie steckte hastig ihre feinen Strümpfe in die Tasche und schlüpfte mit bloßen Füßen in die Schuhe , worauf sie mich noch einmal umschloß und heftig küßte , dann quer durch die Bäume die Halde hinaneilte und verschwand , indessen ich das Wasser entlang nach Hause ging . Ich fühlte sonderbarerweise die Schuld dieses Abenteuers allein auf mir ruhen , obgleich ich mich leidend dabei verhalten , während ich schon empfand , wie unauslöschlich der nächtliche Spuk , die glänzende Gestalt für immer meinen Sinnen eingeprägt sei und wie ein weißes Feuer in meinem Gehirne und in meinem Blute umging . Zu diesen so ganz entgegengesetzten Aufregungen der Tage und der Nächte kamen diesen Sommer noch verschiedene Auftritte im ländlichen Familienleben , welche bei aller Einfachheit doch den gewaltigen Wechsel des Lebens und sein unaufhaltsames Vorübergehen ins Licht stellten . Der Haushalt des jungen Müllers ließ seine Heirat nicht länger aufschieben , und es wurde also eine dreitägige Hochzeit gefeiert , bei welcher die spärlichen Überreste städtischen Gebrauches , so die Braut aus ihrem Hause mitbrachte , gar jämmerlich dem ländlichen Pomp unterliegen mußten . Die Geigen schwiegen nicht während der drei Tage ; ich ging jeden Abend hin und fand Judith festlich geschmückt unter dem Gedränge der Gäste ; ein und das andere Mal tanzte ich bescheiden und wie ein Fremder mit ihr , und auch sie hielt sich zurück , obgleich wir während der geräuschvollen Nächte Gelegenheit genug hatten , uns unbemerkt nahe zu sein . Aber erst dadurch empfand ich recht , welch ein zwingender Reiz in einem solchen Doppelleben und welch ein Zauber in dem Geheimnis liegt ; ich war innerlich wie berauscht , und die schöne Judith sah es wohl und bewegte sich um so ruhiger und mit allen Leuten lachend , plaudernd herum , wobei es mir doch wohlgefiel , daß sie im geheimen doch auch ernster und leidenschaftlich bewegt schien . Alles war mir wie ein Märchen ; die Geigen und die Gläser klangen , die Leute sangen und tanzten , überall faßte man sich bei den Händen und lachte sich an , und wenn mich soeben ein lustiges Mädchen gestellt und angeredet und ich schweigend etwa das goldene Herzchen , das ihr vor der klopfenden Brust tanzte , in die Hand genommen und von allen Seiten beschaut , bis sie mir auf die Finger schlug , so ging ich um so nachdenklicher weiter . Dann kam die glückliche Braut , welche der Reihe nach mit aller Welt einer geheim vertraulichen Unterhaltung pflag , zog auch mich beiseite , fragte , warum ich nicht lustiger sei , und versicherte mir angelegentlich , daß ich ein guter Junge und ihr sehr lieb sei . Ich ward gerührt und betroffen und mußte mich von ihr wenden , da mir die Tränen nahe waren , ohne daß ich eigentlich wußte , warum , und sie noch weniger . Noch tiefer fühlte ich mich betroffen , als ich an einem der Tage meine Mutter , welche auf ein halbes Stündchen erschienen war , fortbegleitete und plötzlich aus dem Lärm und Gedränge der Hochzeit heraus mich auf die stillen grünen Sommerpfade versetzt sah . Meine Mutter war so ruhig , zufrieden und gesprächig im Gefühle der erfüllten Pflicht und eines immer gleichen anspruchlosen Lebens , daß mein leidenschaftlich bewegtes Treiben im grellsten Lichte dagegen abstach und ich , obgleich ich nun schon ein anderes Sittengesetz zu kennen glaubte als das überkommene , mir den Gedanken nicht verwehren konnte , daß ich sie mit dem hintergehe , wovon sie keine Ahnung hatte . Kaum war die Hochzeit vorüber , so erkrankte die Muhme , welche noch nicht funfzig Jahre alt war , und starb in Zeit von drei Wochen . Sie war eine starke und gesunde Frau , daher ihre Todeskrankheit um so gewaltsamer , und sie starb sehr ungern . Sie litt heftig und unruhig und ergab sich erst in den letzten zwei Tagen , und an dem Schrecken , der sich im Hause verbreitete , konnte man erst sehen , was sie allen gewesen . Aber wie nach dem Hinsinken eines guten Soldaten auf dem Felde der Ehre die Lücke schnell wieder ausgefüllt wird und der Kampf rüstig fortgeht , so erwies sich die Art des Lebens und des Todes dieser tapferen Frau auch auf das schönste dadurch , daß die Reihen ohne Lamentieren rasch sich schlossen , die Kinder teilten sich in Arbeit und Sorge und versparten den beschaulichen Schmerz bis auf die Tage , wo geruht und wo ihnen der Verlust ihrer Mutter erst ein schweres Wahrzeichen des Lebens werden wird . Nur der Oheim äußerte erst einige tiefere Klagen , faßte diese aber bald in das Wort » meine selige Frau « zusammen , das er nun bei jeder Gelegenheit anbrachte . An dem Leichenbegängnisse sah ich Judith unter den fremden Frauen . Sie trug ein städtisches schwarzes Kleid bis unter das Kinn zugeknöpft , sah demütig auf den Boden und ging doch hoch und stolz einher . Wenige Wochen später erschien der junge philosophische Schullehrer im Hause und bewarb sich unversehens um die jüngste Tochter . Die Jungen wußten zwar schon längst , daß die beiden sich leidenschaftlich verbunden ; allein dem Vater kam es ganz unerwartet , und man sah nun an seinem Erstaunen und an seinem Unwillen , den er wenig verhehlte , welch ein unwillkommener Gast er bei allem Scherz für eine engere Verbindung war . Der Oheim wies ihn ab oder wenigstens auf die Zukunft , wegen des kürzlichen Todes seiner Frau und weil er auch deswegen jetzt keine Tochter mehr entbehren könne , am wenigsten die jüngste . Doch der Philosoph gab sich nicht zufrieden , sondern wandte ein , daß er , zum Oberlehrer vorgerückt , nun einen eigenen Haushalt zu führen und eine Frau zu haben wünsche , überhaupt er kein Hindernis sehe zu heiraten , da er und das Mädchen einverstanden seien . Hierauf setzte er eine lange Denkschrift auf , in welcher er durch philosophische und rechtliche Gründe seine Sache verteidigte , mit großer Logik vom naturrechtlichen Standpunkt aus in die verwickelteren Verhältnisse unseres Land- und Familienrechtes überging und alle Konsequenzen in Aussicht stellte , welche er zu benutzen oder hervorzurufen wissen werde . Alles war in den kunstreichsten und ernsthaftesten Phrasen abgefaßt , und er erschien mit der Schrift und las dieselbe nach verlangter Erlaubnis mit seinem Silberstimmchen vor . Der Vater und die Söhne , welche letztere durch sein rücksichtsloses Benehmen nun auch gegen ihn eingenommen waren , glaubten nun ihre Sache gewonnen und entschieden , da sie , besonders wenn sie das immer noch zierliche Miniaturgesichtchen des Philosophen ansahen , einer so spaßhaften Wendung unmöglich eine ernste Folge zuschreiben mochten . Aber sie täuschten sich sehr . Sie warfen ihn zwar aus dem Hause , wobei sie auf das Schwesterchen keine große Rücksicht nahmen , allein der seltsame Werber verklagte sie sogleich und begann einen Prozeß um sein Recht , den er mit solcher Konsequenz und Energie durchführte , daß der Oheim entrüstet und aufgeregt schon auf halbem Wege erklärte , das Kind könne laufen , wohin es wolle . Noch glaubte man , das junge Mädchen , das man immer noch als Kind anzusehen gewohnt war , würde jetzt wenigstens noch eine Zeit bleiben , bis es im Frieden gehen könne , und man konnte seinen Abfall von der Familie nicht begreifen und schrieb denselben einem störrischen und mangelhaften Herzen zu ; aber es kümmerte sich nicht darum , sah nicht Vater noch Schwestern und Brüder und kaum das Grab seiner Mutter an und zog ohne Aussteuer , ohne Sang und Klang mit dem Philosophen aus dem Dorfe . Mit Verwunderung sah ich , wie Logik und Leidenschaft im Bunde in noch so jungen Köpfchen wohl soviel Bewegung verursachen können als Erfahrung und gereifter Wille der Alten . Denn das Philosöphchen hatte sich vorgenommen , streng nach seiner Vernunft und seinem Naturrechte zu handeln , und auch seine Handlungen ganz in diesem Sinne durchgeführt , so daß er sich unter der ganzen Lehrerschaft ein großes Ansehen erwarb , als ein Besieger des Vorurteils , während das Mädchen durch seine unerwartete und rücksichtslose Leidenschaft , für die es auf der ganzen Welt keine Richtschnur mehr gab als der Wille des Geliebten , weitherum ein wunderliches Aufsehen erregte . So war in kurzer Zeit die Gestalt des oheimlichen Hauses verändert und durch die verschiedenen Vorgänge alles älter und ernster geworden . Von der traurigen Schaubühne ihres Krankenbettes sah die arme Anna alle diese Veränderungen , aber schon mehr als äußerlich getrennt von den Ereignissen . Sie hatte eine geraume Zeit im gleichen Zustande verharrt , und alle hofften , daß sie am Ende wieder aufleben würde . Aber da man es am wenigsten dachte , erschien eines Morgens im Herbste der Schulmeister schwarz gekleidet bei dem Oheim , welcher selbst noch schwarz ging , und verkündete ihren Tod . In einem Augenblicke war nicht nur das Haus von Klagen erfüllt , sondern auch die benachbarte Mühle , und die Vorübergehenden verbreiteten das Leid im ganzen Dorfe . Seit bald einem Jahre war der Gedanke an Annas Tod großgezogen worden , und die Leute schienen sich ein rechtes Fest der Klage und des Bedaurens aufgespart zu haben ; denn für eine allgemeine Totentrauer war dieser anmutige schuldlose und geehrte Gegenstand geeigneter als die eigenen Verluste . Ich hielt mich ganz still im Hintergrunde ; denn wenn ich auch bei freudigen Anlässen laut wurde und unwillkürlich eine anmaßende Rolle spielte , so wußte ich dagegen , wo es traurig herging , mich gar nicht vorzudrängen und geriet immer in die Verlegenheit , für teilnahmlos und verhärtet angesehen zu werden , und dies um so mehr , als mir von jeher nur die aus Schuld oder Unrecht entstandenen Mißstimmungen , die innere Berührung der Menschen , nie aber das unmittelbare Unglück oder der Tod Tränen zu entlocken vermochten . Jetzt aber war ich erstaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber , daß dies arme tote Mädchen meine Geliebte war . Ich versank in tiefes Nachdenken darüber , ohne Schrecken oder heftigen Schmerz zu empfinden , obgleich ich das Ereignis mit meinen Gedanken nach allen Seiten durchfühlte . Nicht einmal die Erinnerung an Judith verursachte mir Unruhe . Nachdem der Schulmeister einige Anordnungen getroffen , wurde ich endlich aus meiner Verborgenheit hervorgezogen , indem er mich aufforderte , nunmehr mit ihm zurückzugehen und einige Zeit bei ihm zu wohnen . Wir machten uns auf den Weg , indessen die übrigen Verwandten , besonders die noch im Hause lebende Tochter und die junge Müllerin , versprachen , sogleich nachzukommen . Auf dem Wege faßte der Schulmeister sein Leid zusammen und gab ihm durch die nochmalige Schilderung der letzten Nacht und des Sterbens , das gegen Morgen eintraf , Worte . Ich hörte alles aufmerksam und schweigend an ; die Nacht war beängstigend und leidenvoll gewesen , der Tod selbst aber fast unmerklich und sanft . Meine Mutter und die alte Katherine hatten die Leiche schon geschmückt und in Annas Kämmerchen gelegt . Da lag sie , nach des Schulmeisters Willen , auf dem schönen Blumenteppich , den sie einst für ihren Vater gestickt und man jetzt über ihr schmales Bettchen gebreitet hatte ; denn nach solchem Dienste gedachte der gute Mann diese Decke immer zunächst um sich zu haben , solange er noch lebte . Über ihr an der Wand hatte Katherine , deren Haar nun schon ganz ergraut war und die aufs heftigste und zärtlichste lamentierte , das Bild hingehängt , das ich einst von Anna gemacht , und gegenüber sah man immer noch die Landschaft mit der Heidenstube , welche ich vor Jahren auf die weiße Mauer gemalt . Die beiden Flügeltüren von Annas Schrank standen geöffnet , und ihr unschuldiges Eigentum trat zutage und verlieh der stillen Totenkammer einen wohltuenden Schein von Leben . Auch gesellte sich der Schulmeister zu den beiden Frauen , die vor dem Schranke sich aufhielten , und half ihnen die zierlichsten und erinnerungsreichsten Sächelchen , deren die Selige von früher Kindheit an gesammelt , hervorziehen und beschauen . Dies gewährte ihm eine lindernde Zerstreuung , welche ihn doch nicht von dem Gegenstande seines Schmerzes abzog . Manches holte er sogar aus seinem eigenen Verwahrsam herbei , wie z.B. ein Bündelchen Briefe , welche das Kind aus Welschland an ihn geschrieben ; diese legte er , nebst den Antworten , die er nun im Schranke vorfand , auf Annas kleinen Tisch und ebenso noch andere Sachen , ihre Lieblingsbücher , angefangene und vollendete Arbeiten , einige Kleinode , jene silberne Brautkrone . Einiges wurde sogar ihr zur Seite auf den Teppich gelegt , so daß hier unbewußt und gegen den sonstigen Gebrauch von diesen einfachen Leuten eine Sitte alter Völker geübt wurde . Dabei sprachen sie immer so miteinander , als ob die Tote es noch hören könnte , und keines mochte sich gern aus der Kammer entfernen . Indessen verweilte ich ruhig bei der Leiche und beschauete sie mit unverwandten Blicken ; aber ich ward durch das unmittelbare Anschauen des Todes nicht klüger aus dem Geheimnis desselben oder vielmehr nicht aufgeregter als vorhin . Anna lag da , nicht viel anders , als ich sie zuletzt gesehen , nur daß die Augen geschlossen waren und das blütenweiße Gesicht auf den Wangen wunderbarerweise mit einem leisen rosigen Hauche überflogen , wie vom Widerschein eines fernen , fernen Morgen- oder Abendrotes . Ihr Haar glänzte frisch und golden , und ihre weißen Händchen lagen gefaltet auf dem weißen Kleide mit einer weißen Rose . Ich sah alles wohl und empfand beinahe eine Art glücklichen Stolzes , in einer so traurigen Lage zu sein und eine so poetisch schöne tote Jugendgeliebte vor mir zu sehen . Erst als mir die alte Katherine jene Stickerei in die Hände gab , welche Anna zu einer Mappe für mich bestimmt und mühsam vollendet hatte , mit dem Bericht , daß die Leidende während der verwichenen Nacht plötzlich einmal gesagt , man solle nicht vergessen , mir das Geschenk zu übergeben , sobald ich wiederkomme , erst jetzt fiel es mir ein , daß wir unsterblich sind , und fühlte mich durch ein unauflösliches Band mit Anna verbunden . Auch meine Mutter und der Schulmeister schienen stillschweigend mir ein nahes Recht auf die Verstorbene zuzugestehen , als man verabredete , daß fortwährend jemand bei der Toten weilen und ich die erste Wache halten sollte , damit die übrigen sich in ihrer Erschöpfung einstweilen zurückziehen und etwas erholen konnten . Ohne jene Voraussetzung hätten sie mir eine solche zugleich zarte und ernste Zumutung wohl nicht gestellt . Ich blieb aber nicht lange allein mit der Anna , da bald die Basen aus dem Dorfe kamen und nach ihnen viele andere Mädchen und Frauen , denen ein so rührendes Ereignis und eine so berühmte Leiche wichtig genug waren , die drängendste Arbeit liegenzulassen und dem ehrfurchtsvollen Dienste des Menschengeschickes , des Todes , nachzugehen . Die Kammer füllte sich mit Frauensleuten , welche erst einer feierlich flüsternden Unterhaltung pflagen , dann aber in ein ziemliches Geplauder gerieten . Sie standen dichtgedrängt um die stille Anna herum , die jungen mit ehrbar aufeinandergelegten Händen , die ältern mit untergeschlagenen Armen . Die Kammertür stand geöffnet für die Ab- und Zugehenden , und ich nahm die Gelegenheit wahr , mich hinauszumachen und im Freien umherzuschlendern , wo die nach dem Dorfe führenden Wege ungewöhnlich belebt waren . Erst nach Mitternacht traf mich die Reihe wieder , die Totenwache zu versehen , welche wir seltsamerweise nun einmal eingerichtet . Ich blieb nun bis zum Morgen in der Kammer ; aber so schnell mir die Stunden vorübergingen , wie ein Augenblick , sowenig wüßte ich eigentlich zu sagen , was ich gedacht und empfunden . Es war so still , daß ich durch die Stille hindurch glaubte das Rauschen der Ewigkeit zu hören ; das tote weiße Mädchen lag unbeweglich fort und fort , die farbigen Blumen des Teppichs aber schienen zu wachsen in dem schwachen Lichte . Nun ging der Morgenstern auf und spiegelte sich im See ; ich löschte die Lampe ihm zu Ehren , damit er allein Annas Totenlicht sei , saß nun im Dunkeln in meiner Ecke und sah nach und nach die Kammer sich erhellen . Mit dem Morgengrauen , welches in das reinste goldene Morgenrot überging , schien es zu leben und zu weben um die stille Gestalt , bis sie deutlich und reglos im goldenen Tage dalag . Ich hatte mich erhoben und vor das Bett gestellt , und indem ihre Gesichtszüge klar wurden , nannte ich ihren Namen , aber nur hauchend und tonlos ; es blieb totenstill , und als ich zugleich zaghaft ihre Hand berührte , zog ich die meinige entsetzt zurück , als ob ich an glühendes Eisen gekommen wäre ; denn die Hand war kalt wie ein Häuflein kühler Ton . Wie dies abstoßende kalte Gefühl meinen ganzen Körper durchrieselte , ließ es mir nun auch plötzlich das Gesicht der Leiche so seelenlos und abwesend erscheinen , daß mir beinahe der erschreckte Ausruf entfuhr » Was hab ich mit dir zu schaffen ? « als aus dem Saale her die Orgel in milden und doch kräftigen Tönen erklang , welche nur manchmal in leidvollem Zittern schwankten , dann aber wieder zu harmonischer Kraft sich , ermannten . Es war der Schulmeister , welcher in dieser Morgenfrühe seinen Schmerz und seine Klage durch die Melodie eines alten Liedes zum Lob der Unsterblichkeit zu lindern suchte . Ich lauschte der Melodie , sie bezwang meinen körperlichen Schrecken , ihre geheimnisvollen Töne öffneten die unsterbliche Geisterwelt , und reuevoll gelobte ich Anna ewige Treue . Ich fühlte mich stolz und glücklich durch diesen Entschluß ; aber zugleich wurde mir nun der Aufenthalt in der Totenkammer zuwider , und ich war froh , mit dem Gedanken der Unsterblichkeit hinauszukommen ins lebendige Grüne . Es erschien an diesem Tage ein Schreinergesell aus dem Dorfe , um hier den Sarg zu machen . Der Schulmeister hatte vor Jahren schon eigenhändig ein schlankes Tannlein gefällt und zu seinem Sarge bestimmt . Dasselbe lag in Bretter gesägt hinter dem Hause , durch das Vordach geschützt , und hatte immer zu einer