Wahrheit . Er wollte am hellen Tage in ihre Wohnung treten , sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine Unterredung unter vier Augen bitten . Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte , wusste , daß das ein ungeheurer Entschluß war . Und ein ganz freier und ein geheimer , - er theilte ihn Niemand mit . An dem Tage , als die ersten Regimenter von der Weichsel durchmarschirten , hatte er ihn gefasst . Es war der Augenblick , als sein Pferd , oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und Kehrt gemacht hatten . Er war sehr unzufrieden mit sich zurückgekehrt , er hatte sich gesagt : ein Soldat dürfe nie Kehrt machen vor einer Gefahr , ob wirklich , ob scheinbar . Gerade hier ist es seine Pflicht , zu recognosciren , und nicht zu weichen , bis er - rapportiren kann . Es war vorgestern gewesen , daß er seine beste Interimsuniform angezogen und sich auf den Weg gemacht . Ein saurer Weg ! Die Pflastersteine schienen Klebriges zu schwitzen , sie hielten seine Sohlen fest . Er aber sprach sich Muth ein : » Nun , und wenn es nichts ist , dann ist es nichts und Alles bleibt beim Alten . « Sein Herz wurde ordentlich leicht , aber nur auf einen Augenblick ; je weiter er die Straße hinunterging , je näher er dem Hause kam , so schwerer ward es wieder . Er hätte auch sein Wort gehalten , was er sich selbst gegeben , nicht , wie wohl Andere in gleicher Herzensangst thun , ein paar Mal vor dem Hause vorüberzugehen , bis der Muth ihnen kommt . Nein , er wäre gleich das erste Mal eingetreten , wäre nicht der Mops gewesen . Was es nun war , ob er in etwas getreten , was Joly verdroß , ob eine angeborene Idiosynkrasie in dem Thiere gegen den Menschen lebte , genug , ein kleiner hässlicher fetter Mops klaffte ihn an . Als er sich des Störenfrieds entledigen wollte , machte er das Uebel nur ärger , der Tritt fiel wider Willen so unglücklich aus , daß das Thier , von der Stiefelspitze gehoben , winselnd auf das Pflaster fiel . Ein Dienstmädchen oder ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette . Natürlich über die Barbarei , ein armes Thier so grausam zu malträtiren ! Nun war einmal etwas versehen , und Fehler hecken mehr als gute Thaten . Als er die Straße wieder heraufkam , waren zwar Mops und Mädchen verschwunden , aber die Equipage der Fürstin Gargazin stand vor der Thür . Er war muthig eingetreten . Von der Treppe kam ihm die Fürstin entgegen . Sie fuhr verwundert zurück : » Wirklich Sie ! Nun , in der That , das nenne ich Muth . « Er hatte sich verbeugt , er war muthig geblieben . Sie war verschwunden . Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrath . Als Wandel ihn erblickt , blieb er stehen , lüftete etwas den Hut und öffnete den Mund , um - doch zu schweigen . Aber als Dohleneck auf der nächsten Stufe war , hörte er seinen Namen : » Was soll ' s ? « » Mein Herr Rittmeister , « sagte Wandel , » ich hege nicht die Anmaßung zu glauben , daß Sie in mir einige Theilnahme für Sie vermuthen , indeß erlauben Sie die Frage : Wollen Sie zur Frau Baronin ! « » Wenn es Sie nicht inkommodirt , « hatte Dohleneck erwidert . » So vergönnen Sie mir wenigstens die Bitte , zu bedenken , welchem Empfang Sie sich aussetzen . Ihro Erlaucht , die Fürstin , muß Ihnen ja begegnet sein ; sollte sie nichts gesagt haben ? Sie sind der Herr Ihrer Handlungen ! « verbeugte sich der Legationsrath . » Aber « - setzte er mit unterdrückter Stimme hinzu - » ich glaube eben so wenig , daß Herr von Dohleneck das arme Thier auf der Straße mit Absicht mißhandeln konnte , als ich glauben mag , daß ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer Ritterlichkeit ein Vergnügen daran finden kann , eine unglückliche Frau , die in Thränen sitzt , noch unglücklicher zu machen . « Und noch blieb der Rittmeister muthig . Die Klingel hielt er in der Hand , als ein Hundegeklaff vor die Thür stürzt . Das war der Hund des Aubry , die Kraniche des Ibycus . » New , mein Joly , der hässliche Mensch , der soll dir nicht wieder was thun , « hörte er die Stimme des Kammermädchens . - Er hatte nicht geklingelt ; er war wieder auf der Straße . Joly knurrte hinter ihm am Fenster . Und seitdem hörte der Rittmeister , wo er die Augen schloß , den Mops knurren und die Baronin weinen . » Alles um Dich ! « - Er hatte wohl daran gedacht , sich in eine andre Garnison versetzen zu lassen ; aber seine Schulden und seine Ehre ! Nun kam ein tröstender Engel . Der Krieg befreit einen Militär von den Verfolgungen seiner Gläubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie . Zu dieser trostreichen Ueberzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem Augenblick gelangt , er wollte auf diesen Tröster in der Noth ein Glas leeren , als , zu seiner Verwunderung , aus der leeren Flasche nichts mehr fließen wollte . Er schlug damit gegen das Glas , ein Zeichen , welches Herr Josty sehr wohl verstand , als die Thür aufging , aber statt des Konditors , der Kaufmann Herr van Asten eintrat . Sie mussten sich Beide schon kennen , aber die Freude des Wiedersehens schien auf Seiten des Rittmeisters nicht groß , noch weniger , als nach der ersten Begrüßung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm , daß er dem Offizier die Thür und den Ausgang dahin versperrte . Und als van Asten die abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog , zog sich auch das Gesicht des Rittmeisters sichtlich in die Länge . » Sie werden sich hier die Augen verderben . « » Bin Ihnen für Ihre Theilnahme sehr obligirt , aber was hier drin liegt , kenne ich Alles auswendig . « Diese Versicherung tröstete den Offizier noch weniger , besonders als er , trotz der Dunkelheit , mit seinem scharfen Auge einen länglichen , schmalen Papierstreifen , den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte , sehr gut zu erkennen glaubte . Warum den Gruß der Batterie abwarten , lieber grad los darauf . » Herr van Asten , « sagte er , » inkommodiren Sie sich nicht . Ich kenne den Wisch . Sind noch vierzehn Tage hin . Wenn ich am Verfalltage noch lebe , na , da sprechen wir weiter davon . Bin ich aber todt , machen Sie und ich unsre Rechnung mit dem Himmel - « » Theuerster Herr von Dohleneck , « rief der Kauf mann , den Wechsel wieder in die Tasche schiebend , » was so viel Gerede um eine Bagatell ! Zweihundert Thaler ! Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Königs molestiren ! Bin ich ein Wucherer ? Weiß ich nicht , daß ein Soldat vor dem Feinde Courage braucht ? Courage und Kredit sind Verwandte und was kostet nicht die Feldequipage ! Wie kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken . Mancher hat auch sonst Liebes hinter sich . Möchte ihnen doch gern ein Angebinde zurücklassen . « Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas groß , aber nicht sehr klar an . Der Eingang war zwar angenehm , aber wer bürgte ihm , daß es der Ausgang auch sein werde ? » Alle sind nicht wie Sie . Solidität wird eine immere rarere Eigenschaft , und der Krieg ist ein grausam Vergnügen . Wer weiß , wer zurückkommt und wer da bleibt ! Wenn nun Alle blieben , wer soll da bezahlen . Wie viele Kaufleute sind mit ruinirt . « Der Rittmeister sah mit Verwunderung wie der Kaufmann eine ganze Partie ähnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte . Es überkam ihn ein Schauer in der Seele Derer , die sich mit ihrem Namen darunter geschrieben , seine Stirn aber runzelte sich bei der Vorstellung , daß der alte Geldmann ihn etwa ausersehen , um über die Verhältnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben . Ein schlauer Seitenblick des Andern las , was in seiner Seele vorging . » Wie werde ich denn einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden ! Das weiß ich , jeder Offizier muß für den Andern gut sagen - « » Na hören Sie , was das anbetrifft ! « » Wir verstehen uns ja ! Kavalierparole ist sehr was schönes . Giebt gar nichts schöneres in der Welt . Aber bei Wechseln , da halten wir Kaufleute , ' s ist so ' ne alte Usance , uns an andre Dinge . Wer ins Feld marschirt z.B. kann nicht Alles mitnehmen ; man erleichtert ' s den Herren , nimmt ihnen was zu schwer ist ab . Hatte da eben eine kleine Konferenz mit unserm Manteuffel . Das ist ein praktischer Mann . « » Hol ' ihn der Teufel ! « sagte der Rittmeister . » Weiß wohl , daß ihm die Herren Offiziere nicht sehr grün sind . Ja , lieber Himmel , wenn mal ' ne Sache unterm Hammer steht , giebt er sie weg um jeden Preis . Das ist wahr . Ist nu mal nicht anders . Die Moral ist , man muß es nicht dahin kommen lassen . Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft , so machte mir Herr Manteuffel die Proposition - « » Seelenmann , Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen ? « » Verstehen Sie mich , er wollte Sie einem Andern abgeben . « » Das ist ja Seelenverkäuferei ! « » Sagte ich auch . Und ich wusste ja nicht , ob Sie gern mit dem Herrn in Konnexionen kämen . Nun wir kennen uns ! Aber der Herr ist ein Fremder , und voll hätte er auch nicht gezahlt , und wie gesagt , wer weiß , ob Ihnen das recht ist , an den Legationsrath von Wandel abgegeben zu werden . « » Der ! « Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch . » Sehen Sie , das hab ' ich Manteuffeln auch gesagt . Er ist ja ein Ausländer ! Sollen wir preußisches Blut , einen Soldaten unsres Königs , an einen Fremden verrathen ? Wissen Sie denn , in wessen Diensten der Herr ist ? Kann er nicht ein Agent des Bonaparte sein , kann der nicht den Auftrag haben , alle Wechsel aufzukaufen , die preußische Offiziere ausgestellt haben ? Und wenn der Krieg losgeht , die Herren marschiren sollen , ja da hat der König keine Offiziere . Alle eingesteckt in Wechselarrest . Kann nun ein König Krieg führen ohne Offiziere ? Der Bonaparte drüben freilich , woraus macht der sich nicht welche ! Die sind denn auch danach . Aber wir müssen sie doch aus den Kadettenhäusern haben , aus guten Familien . Der Napoleon ist es im Stande , sagte ich zu Manteuffeln , denn dem ist Alles möglich . Manteuffel wischte sich die Brille ab , und meinte , ich dächte wohl an England , das Napoleon zu ruiniren denkt . Aber was für England passt , passe nicht für uns , wir hätten keine Bank zu sprengen . Ja , antwortete ich , wäre ihm doch beinahe gelungen . Und ' s kann auch hier Manches springen . Aber ' s soll ihm nicht gelingen . Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen kriegen , ehe wir nicht wissen , wer er ist . Nun freut mich zu hören , daß der Herr Rittmeister ihn kennen , denn Sie fürchten sich in seine Hände zu kommen . « Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an : » Mich will bedünken , daß mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich ; sonst - « » Der klügste Mann weiß nicht Alles , und der beste Kaufmann lässt sich auch betrügen . « Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters , den der Rothwein noch nicht umdüstert hatte , aufzublitzen : » Halt , da entsinne ich mich - « Van Asten blätterte und glättete über zwei Papierstreifen . » Ein gelehrter Mann , ein feiner Mann , ein Mann von vielen Kenntnissen , hübscher Konduite . O ist gar nichts gegen ihn zu sagen , ein charmanter Mann - « » Hol ' ihn der Teufel ! « » Das ist schon manchem charmanten Mann passirt . Thäte auch gar nichts . Ein guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hölle , man muß nur den Aussteller kennen . Es freut mich , Herr Rittmeister , daß Sie auch davon wissen . O wir haben manche Geschäfte mit einander gemacht , der Herr Legationsrath und ich . Prompt auf die Minute , und hat eine glückliche Hand . Wünsche sie Ihnen , Herr Rittmeister . Wirklich und wahrhaftig , Ihnen gönne ich alles Gute , das große Loos , ' ne todte Tante mit hundert Tausend , und noch lieber ' ne reiche Frau mit ' ner halben Million . Sie sind ein so gemüthlicher Mann . Hätte ich ' ne Tochter , na wer weiß . Ich sage - gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen . Sie sind nur etwas sehr lang . Und wem ich sie abgeben will , der sagt , was ich mir auch sagen könnte . Man ist manchmal auf den Kopf gefallen , Herr Rittmeister . Fallen thut nichts ; man steht wieder auf . Aber auf den Kopf muß man nicht fallen , Herr Rittmeister ! Also sagt mancher Mann : es kann ja inzwischen was passiren , er kann ja auch in den Krieg wollen , es kann ihn eine Kugel treffen . Einen todten Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen . Und wenn er auch nicht in den Krieg zieht , die Herren Kavaliere haben oft Händel . Sehen Sie mal , er kann ja in ein Duell gerathen . Paff ! Wird mich der Todtschießer honoriren ? Ja , wenn so ein Gesetz existirte ! - Fällt mir bei , der Herr von Wandel hatte ja neulich eine solche Affaire . Richtig ! Mit dem Sohn vom Geheimrath Bovillard ! - Und Sie - ja Herr Rittmeister waren ja dabei . « » Wissen Sie das auch ? « » Der Herr Legationsrath waren wohl erstaunlich muthig ? Wollten immer drauf los ? « Jetzt fixirte der Rittmeister den Anderen : » Hol ' mich Der und Jener ! - Ich glaube , Sie wollen mich aushorchen , was ich von ihm denke . « Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein ; er lächelte nur : » Weiß schon vielerlei , aber - wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat , kann ' s einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen . Ist ein Politikus . Einem Politikus gegenüber muß man wieder einer sein . Ob er ein Spion des Groß-Mogul ist , oder ein Geisterseher , oder ein Magnetiseur , oder ein Lovelace , oder - oder - was kümmert ' s mich , aber - verstehen Sie mich , das Eine möchte ich wissen , ist ' s da mit rechten Dingen zugegangen , oder - « Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur : » Blitz , ich glaube nein ! Und wollen Sie ' s recht wissen , drei Mal , drei Mal nein . Und - unter uns : Es stinkt ! Er hat ' s , Gott weis ; durch wen , der Polizei gesteckt . « » Also nicht der junge Bovillard ? « » Ein grundehrlich Blut , réparation d ' honneur . Wie ein Kavalier sich benommen . « » Aber der Legationsrath hat ihn wieder aus dem Gefängniß losgebeten ? « » Um ihn als Kourier fortzuschicken . Die Memme ! « Der alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schüttelte den Kopf : » Da hätten wir also das Tippelchen auf dem i. - Na , Herr Rittmeister , welchen Wein lieben Sie am meisten ? Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid thun auf ein Gläschen ? « Ein Tokaierfläschchen stand auf dem Tisch und färbte schon mit dunklem Gold zwei Gläser , als Dohleneck noch immer nicht wusste , wie er dazu kam . » Nu stoßen Sie an , « sagte der Kaufmann . » Worauf ? « » Auf einen alten Esel ! - Ja , sehen Sie mich nur recht an , und dann dreist los ! « Die Gläser klangen , der Rittmeister zauderte aber doch fast erschrocken , ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte . » Aber Herr van Asten , wie komme ich dazu ? « » Warum ich ein alter Esel bin , das wünschen Sie zu wissen . Sie sollen ' s. Ist ' s mir doch so , als müsste ich Einem mein Herz ausschütten . Drei dumme Streiche ! Wenn Sie die gemacht , na was wär ' es ! Ein Kavallerie-Offizier braucht nicht zu denken , aber ein alter Kaufmann ! Pfui ! - Pro prima , das ist wacklicht , pro secundo , das ist faul und pro tertio , das ist dumm . Pro primo , das sage ich Ihnen nicht , ist ein Kompagniegeschäft mit einem vornehmen Herrn . Das wackelt noch , aber kommt Krieg - fliegt ' s in die Luft ; der große Herr wird sich salviren , der kleine bleibt hängen . Die Moral ist , ' s ist nicht gut mit großen Herren Kirschen essen . Pro secundo habe ich vom Legationsrath drei kurze Wechsel auf drei lange prolongirt ! Denken Sie , neun Monat ! Darüber muß ein Kind zur Welt kommen ; wenn nun ein Krieg kommt , wenn er eclipsirte ! Die Moral ist : wenn man einen Aal am Kopfe hält , muß man nicht loslassen , sonst sitzt man bald am Schwanzende . Und drittens , denken Sie sich , da habe ich eben eine ganze Schrift , die der Nachbar Herr Mittler gedruckt hat , für mein baares schweres Geld aufkaufen lassen , verstehen Sie , alle fünfhundert Exemplare « » Was ! Wollen Sie auch Buchhändler werden ? « » Gott bewahre mich ! Kontobücher , die andern taugen nichts . « » Was steht denn drin , was Sie so sehr interessirt ? « » Lauter dummes Zeug . « » Was wollen Sie damit ? « » Verbrennen ! Sind schon Asche . « » Pestilenz ! « rief der Rittmeister . » Sie sind mir ein kurioser Mann . « » Möglich . Sehen Sie , das dumme Zeug rührte von mir her , nämlich Blut von meinem Blut , von meinem Sohn . Konnte ich ' s nun übers Herz bringen , das dumme Zeug unter die Leute laufen zu lassen ? Also fix in die Tasche gegriffen und Manteuffeln es machen lassen . « » Nu , das ist pfiffig gehandelt . « » Recht dumm , Herr von Dohleneck . Manteuffel glaubt zwar , er hat sie Alle gekriegt , aber Eins oder das Andere ist doch unter den Tisch gefallen , und wer das weg hat , giebt ' s nicht raus . Wird ' s nun erst bekannt , man kriegt keine mehr , dann fallen sie drüber her wie die Fliegen über ' s Aas , Jeder will ' s lesen . Ist das nun nicht eine pure Dummheit , hundert Thaler wegzuschmeißen , damit ich was Dummes erst recht in die Welt schicke ! « Das lag außer dem Departement des Rittmeisters . Er stellte ein leeres Glas auf den Tisch : » Herr ! wissen Sie was ? - Aber verrathen müssen Sie mich nicht . Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen repariren . Dem Legationsrath passen wir Alle auf die Finger , und wenn er sich mal attrapiren lässt , dann soll er Ihnen kein Kopfweh mehr machen . « Der Kaufmann war aufgesprungen und fasste den Rittmeister mit beiden Händen , ich glaube es war nur an den Kragen ; ursprünglich war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht . Der Respekt ließ die Hände tiefer sinken : » Herr , sind Sie des Teufels ! Keine Hand angerührt an meinen theuren Legationsrath ! Wollen Sie mir fünftau - wissen Sie , wie hoch die Wechsel sind ? - Herr , Goldmann , daß Dich ! Nicht rühren an den Mann , bis - Wollen mich doch nicht ruiniren ? - Und Alles bleibt geheim , nicht wahr ? « » Die Wände werden nicht plaudern , « sagte der Rittmeister . Ein deutscher Handschlag , und der Rest der Flasche floß in das Glas des Offiziers . » Also , « sagte der Kaufmann , » indem er den bewussten Wechsel zum nicht geringen Befremden des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog « , » also auf wie lange wollen Sie ihn prolongirt ? - Denke auf neun Monat . Lieber Gott , in neun Monat , was ist da nicht geboren ! « Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt . » Sie haben mir ' nen recht großen Gefallen gethan , « schloß van Asten . » Könnte man alle Geschäfte so schnell abwickeln ! Passirt aber auch nur unter Freunden , die sich ganz verstehen . Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedürfen , einhundert oder zweihundert Thälerchen , klingeln Sie nur , Spandauerstraße , gleich um die Ecke , das dritte Haus , und dann links auf dem Hofe ist der Eingang . « Zweiundvierzigstes Kapitel . Fensterskizzen . Es war ein grauer Herbsttag , an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf die Dächer von Potsdam warf . Der Wind wehte die gelben Blätter durch die Straßen ; öde sonst , heute belebt von Köpfen , Uniformen , Livreen aller Farben und Muster , von Physiognomien , die den verschiedensten Nationen , ja Welttheilen anzugehören schienen . Die Equipagen von Ministern , Generalen , von Gesandten und fremden Prinzen , rollten unaufhörlich zwischen den Palästen und Wirthshäusern , und zu diesen Gästen von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt zahlreiche Postchaisen , Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen , ihrer Zeit wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen , deren magere und keuchende Pferde zwölf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf ein Mal in der zweiten Residenzstadt absetzten .. Es musste ein großes Ereigniß oder eine große Erwartung sein , welche so viele Berliner , und an einem Tage , den beschwerlichen Weg unternehmen ließ . Ja , Potsdam , das lange verödete , schien wieder der Mittelpunkt eines europäischen Lebens geworden . Man sah es an den Blicken , man hörte es am Geflüster der Gruppen , aber nicht an den laut gewordenen Reden . Denn wenn Zwei sich begegneten , fragten sie nur : » Haben Sie ihn schon gesehen ? « - Wenn ihn nicht , den ritterlichen Gast , hatte man doch einen seiner silberumgürteten Kosacken gesehen , die Straße auf , die Straße ab sprengten , angestaunt und bewundert von Allen . Und es war doch auch sonst so viel auf den Straßen zu sehen , was da selten sich zeigt : die ersten Männer des Staates , Militär und Civil , im Freien promenirend , in den Hausthüren , an den Ecken stehend . Es schien ein öffentliches Leben in der Stadt Potsdam , und - es war keine Parade ! So vornehm die Männer und Gäste , waren doch nicht alle geladen , ja die wenigsten hatten in den Appartements des Schlosses Zutritt , welche heute mehr dem häuslichen und Familienbeisammensein geöffnet sein sollten . Aber gleiche Erwartung , Spannung , ob und was sich entwickeln werde , hatte die Ersten und Höchsten hergetrieben . Feldherren , Minister , und Kabinetsräthe , und nicht mit dem geheimnißvollen Nimbus der Autorität und des Allesbesserwissens um die Stirn , suchten , wie die Opferpriester im Pflug der Vögel , in den Mienen der Anderen , ob sie eingeweiht waren . Es mussten Wenige eingeweiht sein . Die eben vom Schlosse zurückkamen , antworteten , wenn Gruppen sich um sie bildeten , nur mit Achselzucken . Auch vornehme Damen standen an den geöffneten Fenstern . Neugierig schweiften die Blicke der Fürstin Gargazin über den Platz , und sie hörte nur halb , was der Kammerherr von St. Real erzählte . Er war im Schlosse gewesen und hatte aus dem Vorzimmer einen flüchtigen Blick auf das häusliche Glück im Schooß des Heiligthums geworfen . » Was helfen uns Familienscenen , Kammerherr ! « » Seine Majestät der Kaiser ließen zwei der königlichen Kinder auf Ihren Knieen reiten . Ihre Majestät die Königin blickte mit verklärter Mutterfreude auf das Bild . « » Das glaube ich ; aber der König ? « » Stand , die Hände auf dem Rücken , daneben . « » Ernst wie immer ? « » Nein , Seine Majestät lächelten . Alle meinten , das werde ein Unité , die nie zerreißen kann . « » Aber Andern die Geduld , « warf die Fürstin ein . » Die Einigkeit da gefällt mir besser . Sehen Sie , Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm . « » Sie scheinen in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt , « bemerkte ein Dritter am Fenster . » Und Blücher schlägt hinter ihnen mit den Füßen den Takt . Er kann kaum seine Freude verbergen . « » Er sollte nur den Säbel nicht so klirren lassen ! Lombard flankirt umher . Ihm ist ' s nicht recht . Er möchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben . « » Sehen Sie die Position , die er einnimmt . Sie sehen Lombard noch nicht , so sind sie vertieft . Jetzt müssen sie auf ihn stoßen , und geben Sie Acht , wie er sich wie ein Aal in ihr Gespräch schlängeln wird . « » Magnifique ! « rief die Fürstin und klatschte ihre feinen Hände unwillkürlich zusammen . Ein rieselndes Gelächter der Umstehenden akkompagnirte ihre Empfindungen . Der Erzherzog musste Lombard gesehen haben , und mit einer geschickten und raschen Wendung bog er , kurz vor seinem Zusammentreffen , dem Hinderniß aus . » Parbleu ! Erlaucht , steht er nicht da wie eine Salzsäule ? « » Lombard verblüfft , ô c ' est pour rire ! « » Er recolligirt sich schon . « » Der rechte Mann um bonne mine au mauvais jeu zu machen . Aber sehen Sie Rücheln dort an der Ecke . Wie ein steinerner Roland , und ein Gesicht , als hätte er in eine bittere Citrone gebissen . « » Das ist schlimm , wenn Rüchel nicht zufrieden ist . « » Wie sollte er es sein , gnädigste Frau , wenn Blücher vor ihm triumphirt ! « » Ah , Monsieur de Bovillard ! « rief die Fürstin mit holdseliger Stimme , über die Fensterbrüstung gebeugt . » Den ! « Die Kavaliere sahen sich verwundert an . » Er kommt wahrhaftig herauf . « » Meine Herren , von meinen Freunden erfahre ich nur , was ich weiß , an unsere Feinde müssen wir uns wenden , wenn wir lernen wollen , « entgegnete die Fürstin rasch umgewandt , während der Mann , welchem die Bemerkung galt , schon die Treppe herauf stieg : » Tout à , vos ordre , ma princesse ! « keuchte der Athemlose sich tief verneigend . » Wer ist beim König ? « » Haugwitz , wie Sie sehen , promenirt mit dem Erzherzog . Voß geht in der Antichambre verdrießlich umher , und sagt zu den Einen Ja , zu den Andern Nein . Hoym hat nur Augen für die Königin ; er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre Winke . Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten über die Viehzucht in der Krim . Köckeritz sagt zu Jedem , es werde Alles gut werden , wenn man nur ruhig bleibt . Wittgenstein hat ein Paar vornehme Russen am Arm und zischelte ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu . Zur Radziwill war Alexander sehr zuvorkommend . Sie ist ihm aber zu enthusiasmirt , hat mir im Vertrauen Fürst Woronzof gesagt . Er liebt die plastische Ruhe . Die Prinzeß Marianne bewundert er um ihre Schönheit , sie ist ihm aber wieder zu plastisch und klassisch . Comteß Laura - « » Um Himmels Willen , das Kataster unserer Schönheiten ein andermal ! « unterbrach ihn die Fürstin . » Aber die Königin bleibt die Centifolie unter den Blumen , die Sonne unter den Sternen . Und welcher getreue Unterthan wagte dem zu widersprechen ? « » Beim Gespräch vor der Kinderscene , ich meine im Kabinet , war kein Minister zugegen ? Wo war Beyme ? Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt ? « » Erlaucht , ich bin ja so unschuldig , wie ein neugeboren Kind , und , hol mich der Geier - pardon ! - sie sind ' s alle im Schlosse . Es druckst etwas , und will nicht herausplatzen - « » Und der Allianztraktat ? - « platzte es bei der Fürstin heraus . » Steht noch nicht auf dem Papier . « Die Fürstin war nicht mehr Diplomatin , sie ging mit Heftigkeit auf und ab : » Und von der Stunde hängt es