. Sie pflegte mit der mütterlichsten Liebe und Ausdauer den verstümmelten Knaben , der in Lumpen und wärmende Pelzstücke gehüllt , wimmernd hinter dem Ofen lag , und darbte sich die Zeit , welche sie damit an der Arbeit versäumte , vom Schlafe ab , um ja nicht etwa einen Tag später , als es bedungen , die Webe dem Brodherrn abzuliefern . Als Muster in so beispielloser Ergebung und gläubigem Hoffen ging dem treuen Weibe ihr Vater voran . Traugott war ein Siebziger , hatte nie die Fülle irdischen Glücks kennen gelernt , hatte kaum Tage gehabt , in die ein hellerer Sonnenstrahl des göttlichen Segens fiel , und war dennoch nie von zweifelnden Gedanken heimgesucht worden . Er gehörte zu den in unsern Tagen immer seltener werdenden Menschen , die sich mit eiserner Kraft an das Wort klammern , wie es ihnen in frühester Jugend von gutmüthigen und gedankenarmen Lehrern eingeprägt wird . Dies Wort besitzt die wunderbare Kraft für Alle , welche daran glauben , daß es sie über jegliches Fährniß leicht hinweg geleitet und sie mit unerklärbarer Geistesheiterkeit begabt bis an den Rand des Grabes führt . Traugott war noch zur Stunde ein solcher beneidenswerther Greis , der in seiner Armuth lächeln , beten und Gott danken konnte , und der nie eine Secunde lang über das glücklichere Loos Anderer nur den leisesten Reiz zum Neide empfunden hatte . Was hätte er auch die Reichen , die Besitzenden beneiden sollen ? Was er beurfte , das hatte ihm im strengsten Sinne des Worts noch niemals gemangelt . Eine Rinde Brot , ein paar aufspringende Kartoffeln , eine Tasse dünnen Kaffees , mit so Wenigem war sein nicht leckerer Gaumen vollkommen zufrieden gestellt . Und außerdem hatte ihm der gütige Gott ein Kleidungsstück am Tage , ein Lager des Nachts bescheert . Dafür war er dankbar , wenn er bedachte , daß ja auch ihm , wie so vielen Andern , das weit traurigere Loos hätte zufallen können , vor den Hausthüren bettelnd und singend sein Brod suchen zu müssen . Nachdem wir so die Silhouetten der drei Hauptpersonen in dieser Familie entworfen haben , kehren wir zu unserer Erzählung zurück . - Auf Martells Gruß und Einladung zum Frühstück schob Eduard Garnsack und Stock unter die Bank , welche die Holzwand umgab , und setzte sich dem Freunde gegenüber . Paul nahm neben ihm Platz und ließ seine großen glänzenden in Form und Farbe Haideröschen so überaus ähnlichen Augen mit einer gewissen Aengstlichkeit durch das Zimmer laufen . Martell , von der nächtlichen Arbeit ermüdet und sichtlich aufgebracht , schlug sein Messer zu und legte die letzte , schon halb geschälte Kartoffel wieder in die Schüssel . » Verzeih mir ' s Gott , « sagte er zu Lore , seiner Frau , » ist mir ' s doch , als hätte ich Kieselsteine und Schwefel verschluckt . Der Aerger bringt mich um . Wahrlich , lange halte ich solch Leben nicht mehr aus ! « Lore schwieg , nur ein langer Blick aus ihrem weichen , milden Auge traf den zürnenden Gatten . Doch legte auch sie das Messer weg , fragte den Vater , ob er gesättigt sei und trug , da dieser bejahend nickte , den Rest der Mahlzeit in den Vorraum , um sie im Brodschrank für Mittag oder Abend aufzubewahren . » Ich habe von dem Unglücke gehört , das Dich betroffen hat , « sprach Eduard ; » Du bist von Herzen zu beklagen , aber trag ' s mit Geduld , wie ' s einem Christen ziemt . « » Würden wir armen Arbeiter nur erst wie Christen behandelt , an meiner Geduld sollt ' s nicht fehlen . So aber sind wir Hunde , die kurz geschlossen an ihrer Kette liegen , und die nicht ' mal heulen , viel weniger um sich beißen sollen , wenn ihnen verfaulte Knochen als Kost vorgesetzt werden ! Ist das Gerechtigkeit ? frag ' ich . « Martell hatte sich vor Eduard gestellt , und maß jetzt , die nervigen Arme über einandergeschlagen , um die ein zerfetztes , vom Oeldunst der Maschine beschmutztes , Hemd flatterte , bald diesen , bald Paul mit seinen flammenden Blicken . » Ist der Bursche ein Verwandter ? « setzte er gleichgiltig fragend hinzu , den Enkel Slobodas schärfer anblickend . » Von mir und Dir , « versetzte Eduard . » Von uns ? - Seit wann bin ich mit Dir Freundschaft ? « » Er besitzt nichts . « » Ha , ha , ha , ha ! « lachte Martell wild auf und schüttelte sich , daß seine lockigen Haare wie eine schwarze Mähne um die blassen eingefallenen Wangen flogen . » O , Du hast Recht ! Die Freundschaft ist groß , groß wie die Welt , wäre sie nur auch so mächtig , so treu , wie Gold ! Grüß Dich Gott , armer Junge ! « Und Martell drückte seinem Verwandten die Hand , daß sie ihm schmerzte . » Woran liegt es , daß die Armen so unmächtig sind ? « entgegnete Eduard . » An uns selbst , an uns ganz allein ! « Martell sah ihn düster an , dann senkte er den Blick und schüttelte traurig das Haupt . » Nein , o nein , « erwiederte er , » das liegt nicht an uns Armen . Wir vermögen nichts , weil wir nichts haben . Das Geld ist das Mark des Lebens , der Hebel zur That ! Wo dieses fehlt , da gibt es nicht Kraft , nicht Ausdauer , nicht Zusammenhalten ! - O ich weiß es , ich kenne diese entsetzliche Schwäche , an der Millionen hinsiechen und die , Gott mag es wissen , vielleicht in wenigen Jahrzehnten die ganze Menschheit einigen Tausenden zinnsbar macht , die durch Glück und Schlechtigkeit diesen allmächtigen Gott der Welt in ihre Hände gebracht haben . « » Dahin soll es nicht kommen . Wir wollen es verhindern ! Ich und Paul , - so heißt unser junger Freund und Bruder , - haben schon viel darüber nachgedacht und willst Du uns hören , so theilen wir Dir gern unsere Ansichten mit . Dies ist eigentlich der Zweck unseres heutigen Kommens . « » Ihr thut ja äußerst geheimnißvoll ? Hat Euer Herr ' was Ungebührliches gethan ? « » Bedarf es dessen , um das Unrecht einzusehen ? « Martell zuckte die Achseln . » Hm , « sagte er , » manchmal hilft es einem doch schneller die Augen öffnen . Ich habe das erfahren bei unserm duftenden Tyrannen da drüben und bin ebenfalls erbötig , Euch Mittheilungen zu machen , über die Ihr erstaunen sollt . « » Um so besser , so berühren sich vielleicht unsere Pläne , « sagte Paul , der erst jetzt , als Martell ruhiger geworden war , ein Wort mit drein zu reden wagte . Lore hatte inzwischen den Tisch abgeräumt , dem Kranken hinter dem Ofen einige sanfte Trostesworte zugeflüstert und sich wieder an den Webstuhl gesetzt . Auch Traugott , der die Unzufriedenheit seines Schwiegersohnes weder theilte noch billigte , begann sein Spinnrad emsig zu drehen und mischte sich nicht in das Gespräch . Martell ergriff einen Schemel , setzte sich so darauf , daß er seine Arme auf die Lehne übereinanderschlagen und das Kinn darauf stützen konnte , und knüpfte die Unterhaltung wieder an . » Da hat vor drei Wochen die verfluchte Maschine meinem Hans beim Auflesen der Wollflocken den linken Fuß abgequetscht , ich sage Euch , so glatt abgequetscht , als hätte einer Lineal und Winkelmaß darauf gelegt ! Der Fuß ist fort , mein armer Junge ein Krüppel ! Nun das kann vorkommen , das ist ein Unglück , wie es jede Beschäftigung mit sich bringt ! Der Junge hätte nicht Wollleser unter der Maschine werden sollen , wollte er gesunde Glieder behalten ! - Nicht wahr , ich räsonnire ziemlich vernünftig und nehme durchaus keine Partei ? - Ungefähr dasselbe sagte ich mir schon am ersten Tage , wo das Unglück geschah . Ich leg ' es Niemand zur Last , als dem Zufall , und da ich dem nicht an die Kehle kann , so fasse ich mich , so gut es gehen mag , fresse Kummer und Verdruß hinunter und erspare mir damit manch theures Stück Brod . - Ha , ha , ha , Ihr seht , daß Unglücksfälle , wenn sie auch Hals und Beine kosten , doch die Sparsamkeit befördern helfen ! - Also ich beklage mich gar nicht , ich nehme blos meinen zerquetschten Knaben auf diese meine Arme , schließe mit zitternden Lippen seinen schreienden Mund und trage ihn nach Hause , um ihn hier , hier in dieser elenden , dunstigen Hütte seiner schluchzenden Mutter in den Schoos zu legen und einen Blick des Jammers mit ihr auszutauschen . - Das that ich , wie es , denk ' ich , meine Pflicht war , ich that ' s mit brechendem Herzen . Eh ' ich den Wundarzt herbeischaffte und für meine paar Groschen Arzenei , Salben und Kräuter kaufte , vergingen freilich ein paar Stunden , die ich bei der Arbeit versäumte . Endlich , todmüde , gehe ich wieder in die Fabrik , wo inzwischen meine Nachbarn , gute gefällige Menschen , meine Stelle so versehen hatten , daß der Maschine und dem Gespinnst kein Nachtheil erwachsen konnte . Dennoch , könnt Ihr ' s glauben , ließ mich der Herr am Stein hart an , zog mir den halben Arbeitstag am Lohne ab , strich den kleinen Verdienst des armen Jungen ganz und drohte , mich zu entlassen ! - Aber Herr , mein Kind , sag ' ich , mein Bube , mein Herzblatt ist zum Krüppel gequetscht worden - Gott weiß , ob er je wieder genest , und ob ich die Kosten seiner Heilung werde bestreiten können ! Sein Sie billig und barmherzig , Herr ! « » Billig ! « fuhr er mich an . » Was nennt Ihr billig ? Wenn ich mich ruinire eines verkrüppelten Kindes wegen ? Gott hättet Ihr bitten sollen , er möge den Fresser je eher , je lieber sterben lassen , so hättet Ihr seinetwegen keine Sorge mehr ! Die Maschine verbessert zuweilen , was die Menschen schlecht machen in ihrem Unverstande ! Es war ein Wink vom Himmel , warum achtetet Ihr nicht darauf ? Und genug , ungethane Arbeit kann ich nicht bezahlen . « » Das hat Herr am Stein gesagt und er lebt noch ? « sprach Eduard , während Paul vor Entsetzen die Hände faltete . » O , er lebt vortrefflich , der kluge Herr ! « versetzte unter krampfhaftem Lachen der Fabrikarbeiter . » Der Armen Schweiß verwandelt sich in den Truhen der Reichen in Gold . - Mein Gott , was blieb mir übrig ! Freilich krampfte es mich in den Händen , die Finger bogen sich von selbst zusammen wie Krallen , und gern , gern hätte ich dem Ungeheuer die schamlose Kehle damit zugeschnürt . Aber mein Weib , meine Kinder ! - Ich mußte mich beherrschen und mein vergiftetes Herz zwingen , still , sanft , demüthig , ergeben zu bleiben ! - So bat ich also den gnädigen Herrn , Gnade vor Recht ergehen zu lassen und mich zu behalten . « » Weil Ihr Euer Unrecht einseht , « versetzte der Gnädige , » will ich einmal gegen meine Grundsätze handeln . Ihr mögt bleiben , doch nur unter der Bedingung , daß Ihr Euch mit Hätscheln des kleinen Bengels , der aus Unvorsichtigkeit in die Kämme gefallen ist , nicht die Zeit versäumt ! Verstanden , Martell ? « » Verstanden , gnädiger Herr . « » Dann geht an Eure Arbeit . Acht Tage lang will ich die Kurkosten für den einfältigen Jungen hezahlen . Ich werde dem Chirurgen einschärfen , daß er sich dazu halten soll , damit der Fuß in dieser Zeit heilt . Spricht man nicht ernstlich mit diesen gelehrten Herren , so sind sie im Stande an einem Beinbruche monatelang herum zu kuriren . « » Die Fabrik hat ihren eignen Chirurgen , « erzählte Martell weiter , » da Verwundungen , Bein- und Armbrüche häufig vorkommen . Wir zählen deren in manchem Jahre an funfzig . - Ob nun der Chirurg Befehle vom Herrn erhalten und dieselben befolgt hat oder nicht , ist mir zur Stunde noch unklar ; daß aber mein armer Hans nach Ablauf der verstatteten acht Tage eine zugeheilte Wunde besaß , die wenige Tage später sich heftig entzündete und wieder aufbrach und seitdem den ganzen kleinen Körper in Fieberhitze versetzt hat , das weiß ich . Jetzt besucht der Chirurg mein Kind kaum zweimal in der Woche , pflastert und bindet an dem jammernden Krüppel herum , als wolle er ihm die Seele einwickeln , und schweigt auf alle meine bekümmerten Fragen . Für die Gänge muß ich ihn bezahlen und habe doch nicht satt zu leben . « » Du hättest in früheren Jahren den Verdienst mehr zusammenhalten sollen , mein Sohn , « warf hier Traugott warnend ein . » Da warst Du noch unverdrossen , Dir und der Lore ging es von Händen und die Kinder kosteten noch nichts , als das liebe Stückchen Brod . « » Zusammenhalten ! « rief Martell unwirsch . » Ich bitt ' Euch , Vater , werft mir die paar Groschen nicht vor , die ich an Sonn- und Festtagen auf einem Spaziergange für mich , mein Weib und Euch ausgab ! Es waren , weiß Gott , die einzigen vergnügten Stunden , deren ich mich erinnern kann ! Kein halbes Jahr Schulgeld könnte ich davon bezahlen . « » Freilich , freilich ! « entgegnete wieder begütigend der greise Spinner . » Aber die Zeiten sind schwer , Martell , und wir sollen uns doch einmal in die Zeit schicken . Das verlangt ja ausdrücklich die heilige Schrift ! « » Es ist eine Lüge , sag ' ich , « fuhr Martell auf . » Die Zeiten sind nicht schwer , man macht sie mit Absicht schwer , um recht viel zu gewinnen . Das ist ' s , was mich empört und was mich rasend , ja zum wüthenden Thiere machen könnte , sähe ich nur Rettung in Wuth und Tobsucht . Habt Ihr denn schon vergessen , Vater , was vor zehn Tagen geschehen ist ? « » Was geschah da ? « fragte Paul neugierig . » Bin ich doch kaum viel länger in diese Gegend gekommen . « » Eine Spitzbüberei ohne Gleichen , « versetzte Martell . » Auf Grund absichtlich ausgestreuter Gerüchte von schlechtem Absatz baumwollener Waaren , wozu vorgeblich die englische Concurenz und die beliebteren englischen Fabrikate beigetragen haben sollten , setzt Herr am Stein den Arbeitslohn in allen Branchen herab . Wir hatten schon vorher nicht satt zu essen , jetzt ist vollends gar nicht mehr daran zu denken . Darauf aber speculirt der reiche Mann . Er weiß genau , daß er uns , die wir ihm alle verschuldet sind , mit Haut und Haar besitzt , daß uns entlassen , uns und unsere Kinder für immer ruiniren heißt . Kein Stecken blieb uns übrig , nackt und bloß müßten wir in die Wälder laufen , und von Wurzeln und Baumsamen leben ! - So sind wir denn gezwungen zu arbeiten , sind gezwungen , die Geißel zu küssen , die uns wund schlägt , und unter den qualvollsten Seelenschmerzen dankbar zu lächeln . Herr am Stein wird aber inzwischen ein Millionär , denn der Ueberschuß an Geld , den ihm der verminderte Lohn abwirft , mehrt sich zu einem bedeutenden Kapital , das er mit großem Gewinn zur Erweiterung seiner Fabrik anlegen kann . « Paul erinnerte sich von dem Maulwurffänger ähnliche Aeußerungen nach seiner Rückkehr von Boberstein gehört zu haben und erhielt durch die Auseinandersetzung des eingeweihten Fabrikarbeiters tiefere Einsicht in die geheimnißvolle , sicher angelegte und so furchtbare Intrigue der Reichen gegen die Armen , die für sie arbeiten . Sein unverdorbenes , kindlich reines Herz empörte sich und zum ersten Male in seinem Leben sagte er mit aufflammendem Feuerblick : » Ihr müßt Euch wehren , wehren wie hungrige Wölfe ! « » Das Gefäß ist gefüllt bis an den Rand , « sagte Eduard , » wenige Tropfen werden es überfließen machen und dann wird kein noch so künstlich angelegter Damm eine Ueberschwemmung zerstörendster Art verhindern können ! « » Mein Kopf glüht , mein Gehirn siedet und das Herz steht mir still , wenn ich an die Zukunft denke , « fuhr Martell fort . » Wohin ich blicke , nichts als Mangel , nichts als Vermehrung der Armuth ! - Arbeiten , Darben , Hungern , nichts will diesen fürchterlichen Zustand aufheben ! - Wir sind immer im Vorschuß , wir leben immer von der Zukunft und verlieren so allen Boden unter unsern Füßen ! Das ist entsetzlich , wenn es einzelne Familien trifft , es ist aber der Anfang einer Weltempörung , wenn Millionen von diesem Gespenst Tag und Nacht geängstigt werden ! Als Junge las ich ' mal in einem Fabelbuche . Darin fand ich eine Ges chichte von einem Manne , den man an einen Felsen geschlossen hatte , und der nun so wehrlos zusehen und es dulden mußte , wie ein gefräßiger Geier mit scharfem Schnabel ihm die Leber langsam aushackte ! Ich fühlte damals den Schmerz des Unglücklichen in der Einbildung und konnte das Bild nicht mehr aus meinem geängsteten Gemüth verjagen . Nun , ich schwöre es Euch bei alle Qualen und Schrecknissen der Hölle zu , wir armen gefesselten Arbeiter , welchen Namen wir auch führen mögen , wir sind gegenwärtig jener an den Felsen geschmiedete , von tausend Geiern zerfleischte Mann ! Und wir dürfen nicht seufzen nicht klagen , nein , nein , wir müssen lächeln , müssen den Geiern Schnabel und Fänge küssen und streicheln ! - Wäre es ein Wunder , wenn die Menschheit in Masse sich selbst ermordete oder als wahnsinnig gewordene Rächerhorde wuthentbrannt die Welt zerstörte , die so unaussprechliche Leiden und Lasten auf sie häuft ? « » Damit dies nicht erfolge , müssen wir uns berathen , vereinigen und in Einem Sinne handeln , « sagte Eduard . » Es handelt sich gut in Einem Sinne , wenn es an allen Sinnen gebricht ! « erwiederte Martell verächtlich . » Man hat nicht Muth , wenn man keine Zeit hat , keinen Erfolg voraus sieht . Durch den Druck sind wir so klein und kleinlich geworden , daß uns der Gedanke an jegliches Große , Gemeinsame gar nicht mehr beschleicht ! - Und wie ist es anders möglich ! Um die Krume Brod verlegen , die ich heut Abend mit meinen Kindern theilen soll , matt , gebrochen von der Arbeit , die meine Kräfte verzehrt , wo soll mir die Lust herkommen , das allgemeine Leid zu überschauen und auf Mittel zu denken , diesem abzuhelfen ? - Ich muß ja auf dem Nächsten , Kleinlichsten haften bleiben , auf dem elenden Kummer , der mich zur Stunde über wältigen will , weil dieser im Augenblick der quälendste ist , derjenige , um welchen sich meine fluchwürdige Existenz dreht . Dieser Augenblick dauert aber Monate , Jahre , ein Menschenleben ! Dieser Augenblick , bei Millionen immerwährend vorhanden , ist eine Ewigkeit ! Dieser Augenblick ist die Hölle und wir , wir sind die Verdammten ! « » Vergib ihm Vater , denn er lästert ! « betete mit leisem Lispeln der spinnende Traugott . » Vergib Ihnen nicht , denn sie wissen , was sie thun ! « rief in furchtbarer Aufregung Martell , indem er beide nackte Arme gen Himmel streckte . » Wer ihnen vergibt , der lästert Gott , der schändet den heiligen Geist in des Menschen Brust ! « » Und ich sage Dir , Martell , « fiel Eduard ein , » es soll ihnen auch nicht vergeben werden ! Ein Rächer , ein Retter wird aufstehen unter Euch und gegen die Unbarmherzigen furchtbares Zeugniß ablegen ! - Wundere Dich immerhin , dennoch ist es so und es wird geschehen , was ich sage ! Noch triumphiren die Unmenschlichen ihr Triumph wird ihr Grabgeläut sein ; denn was sie besitzen , gehört ihnen nicht allein . Es ist unrechtmäßig zugeeignetes Gut , das man öffentlich von ihnen zurückfordern wird . Diese Herren am Stein haben Verwandte , haben Brüder , die lange verschollen waren , und die jetzt mit den gerechtesten Ansprüchen versehen , mit den giltigsten Zeugnissen plötzlich wieder aus ihrem Dunkel hervortreten und gegen sie klagen ! - Hier , Martell , in diesem Jünglinge stelle ich Dir den ersten Kläger vor . Andere werden ihm bald folgen . « Diese Eröffnung machte einen so gewaltigen Eindruck auf Martell , daß er mehrere Minuten die Sprache nicht wieder finden konnte . Selbst Lore , die fleißige Weberin , vergaß das Schifflein durch die Werfte zu schnellen und Traugott hielt sein Spinnrad an . Eine ganz neue , eine unerhörte Welt drängte sich in den eng begrenzten Horizont ihres Lebens . » Die Herren am Stein hätten Verwandte , um die sie sich nicht kümmern sollten ? « sagte Traugott . » Das wird vermuthlich ein Irrthum sein , weil der Brüder Boberstein drei am Leben und in der Welt zerstreut sind . Sie haben ja genug , um die Ihrigen anständig zu verköstigen . « » Ihr Herr Vater , der verstorbene Graf Magnus war kein Joseph , « erwiederte Eduard . » Mein Vater weiß davon zu erzählen und gewiß habt Ihr von seinem heidnischen Sündenleben seiner Zeit auch reden hören . « » Wenn es wahr wäre , « sagte Martell nachdenkend , » so ließe sich darauf eine leichte Hoffnung bauen . Ein Prozeß , - große Geldverluste - Uneinigkeit unter den Brüdern , - ja , das wäre ein Ausweg zur Rettung . Aber ich kann trotz Deiner Versicherung noch nicht daran glauben . Und dein Gefährte sieht auch nicht in das Grafengeschlecht mit seinen blauen Marien-Augen . « » Der Morgen ist schön , die Luft rein , « sagte Eduard , » ein Gang in den duftenden Wald kann Dir nur gesund sein . Er wird Deinen Kopf frei machen , Deine gelähmte Kraft stählen ! Begleite uns ! Unterwegs theile ich Dir das Nähere mit , das vorerst nur noch für Dich allein bestimmt ist . « Diese mit leiser Stimme gesprochenen Worte hatten die beabsichtigte Wirkung . Martell zog schnell seine zerrissene Kattunjacke an , drückte eine fettige Tuchmütze schief auf sein üppiges schwarzes Haar und erklärte sich bereit die jungen Freunde sogleich zu begleiten . » Ihr kehrt doch wieder mit mir zurück ? « fragte er . » Im Fall wir Dich überzeugen . « » Lore , hab ' ein Auge auf den armen Hans und Ihr , Vater , verzeiht , wenn ich nicht immer Eurer Meinung sein kann ! Ich will das Gute wie Ihr , Ihr wißt es , aber unsere Wege gehen auseinander . « Traugott murmelte ein Gebet und drehte eifriger denn je sein Rad , aber ein mild versöhnender Blick seines Auges sagte dem ungestümen Martell , daß ihm der Greis längst seine heftigen Worte vergeben habe . Arm in Arm durch das junge Holz wandelnd , erzählten Eduard und Paul abwechselnd dem Fabrikarbeiter , was wir in dem Vorhergehenden unsern Lesern bereits mitgetheilt haben nur , daß er selbst jener verschollene illegitime Sohn des Grafen Magnus sein solle , verschwiegen sie ihm noch . Das Geheimniß mußte ihm Geheimniß bleiben bis zu dem günstigsten Augenblick . Martell faßte schnell den angedeuteten Plan und war mit Herz und Seele dabei . Er hoffte , er sah treue Verbündete und Beides entflammte seinen persönlichen Muth . Er war im ersten Moment der Aufregung kaum zu halten . » Wenn es nur nicht lange währt ! Wenn wir nur rasch zu Ende kommen könnten ! « rief er wiederholt mit aufgeblähten Nüstern aus . » Wir dürfen es hoffen , Martell , wenn Du von heute an vorsichtig unsere wichtigen Neuigkeiten unter allen Arbeitern ausstreust , « versetzte Eduard . » Es muß dies schnell geschehen , damit ein jäher Geist der Unruhe , der freudigen Erwartung sie ergreift . Dann haben sie Muth den Herrn zu bestürmen . Von zwei Seiten in die Enge getrieben , wird er nachgeben und Eure Lage verbessern . Inzwischen beginnt der Prozeß , dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann . Die Kläger müssen gewinnen ! « Martell erklärte sich zu Allem bereit . Mit erheiterter Stirn , fast lustig und seit Monaten wieder einmal scherzend , führte er die Verbündeten nach ein paar Stunden wieder in seine Hütte wo sie bis zum folgenden Tage ungeachtet ihres Sträubens bleiben mußten . Drittes Kapitel . Dokumente . Früher noch als unsere jungen Freunde das Ziel ihrer Wanderung erreichten , erschien Leberecht , Sloboda und der Maulwurffänger auf dem Zeiselhofe . Diese alte Besitzung der Familie Boberstein war jetzt verpachtet , sollte aber im nächsten Jahre einen andern Bewirthschafter erhalten , da der gegenwärtige Pachter zurücktreten wollte . Die Familie hatte es öffentlich bekannt machen lassen und einsichtsvolle Oeconomen zur Besichtigung des Grundstücks aufgefordert . Dadurch war Jedermann Gelegenheit zu leichtem Zutritt gegeben , und der listige Maulwurffänger , der jeden Zufall zu seinem Gunsten zu nutzen verstand , hatte seinen Plan darauf gebaut . Unter den drei hochbejahrten Männern war die ganze Vergangenheit während der dreitägigen Reise nochmals übersichtlich zur Sprache gekommen . Dabei ergab sich , daß ungeachtet der völligen Umgestaltung aller Verhältnisse in einem Zeitraume von über vierzig Jahren doch ein allgemeiner Fortschritt zum Bessern von der Masse des Volkes nicht anerkannt ward . Ließen sich doch sogar laute Stimmen Unzufriedener hören , welche eine Wiederkehr und Wiederbelebung alter zerstörter und abgeschaffter Institutionen wünschten und für bei weitem ersprießlicher hielten . Leberecht gehörte zu diesen und leider vermochten seine Freunde ihn nicht immer durch haltbare Gründe zu widerleben und eines Bessern zu belehren . In welcher Lage sich Leberecht befand , haben wir zu Anfang dieses Buches angedeutet . Diese Lage war niederdrückend und mußte einen Mann von Leberechts Fleiß und Redlichkeit mit Unwillen erfüllen . Als Leibeigener geboren , an Druck und Gehorsam gewöhnt und später durch unerwartetes Zusammentreffen günstiger Ereignisse unabhängig und frei geworden , hatte er in der Freiheit ein Glück höherer Art zu finden gedacht . Daß er sich schwer getäuscht , dies lähmte seit Jahren seine Energie und machte ihn häufig wahrhaft unglücklich . Da seine Freunde nicht recht daran glauben wollten , suchte er sich durch eine offene Darlegung seiner Verhältnisse , die genau jene von tausend und abertausend ihm Gleichgestellter waren , zu überzeugen . » Was versteht Ihr denn eigentlich unter Volksfreiheit und Volksselbstständigkeit , « sagte er , » worin Ihr ein Universalheilmittel aller nur denkbaren Uebelstände erblickt ? Ich begreife Euch nicht und muß mich deshalb gegen Euch erklären . Gott bewahre mich , daß ich das veraltete Schlechte , das Unnatürliche und Entehrende vertheidigen oder gar zurückwünschen sollte ! Nur loben , billigen , preisen kann ich das Neue nicht , das menschenfreundliche Gesinnung als unreife Frucht an dessen Stelle gesetzt hat . Geht doch herum unter dem Volke , fragt den Weber , den Kleinbauer , den Tagelöhner , ob er zufrieden sei ? und Alle werden mit trauriger Miene ein wehklagendes Nein antworten . « » Weil sie den Augenblick nicht benutzen und Alles nach dem alten Schlendrian forttreiben , « unterbrach ihn der Maulwurffänger . » Das ist die gewöhnliche Redensart Aller , denen es an gründlicher Einsicht gebricht , « versetzte Leberecht . » Nein , nein , Freund Heinrich , nicht der Schlendrian , nicht Mangel an Scharfblick ist Schuld an diesem unter sich fressenden Volksunglück , sondern die ungleiche Belastung und die Unmöglichkeit bei einmal vorhandener Schuld je im Leben schuldenfrei zu werden ! - Der Gerechtigkeitssinn einer aufgeklärten Zeit hat den Hörigen zum freien Bürger seines Geburtslandes gemacht . Gut , dies soll man loben . Aber warum , frag ' ich , hat man ihm die persönliche Freiheit gegeben und doch die Kette an seinem Fuß gelassen , die ihn an freier Bewegung hindert , deren dumpfes Klirren ihn stündlich an seinen frühern Sclavenstand erinnert ? « » Was nennst Du Kette ? « fragte der Maulwurffänger . » Die Lasten , die man nicht von uns genommen hat , « entgegnete Leberecht . - » Ihr wißt , ich habe ein kleines Häuschen mit nur wenigem Ackerland . Es ernährt mich nicht in guten Jahren , es stürzt mich immer tiefer in Schulden , tritt Mißwachs ein . Ich würde es verkaufen , wäre es nicht schon über den eigentlichen Werth verschuldet . Um also nicht zum Bettler zu werden , muß ich den Haus- und Ackerbesitzer fortspielen und unverhältnißmäßige Gaben an Staat , Herrschaft und Kirche zahlen . Ich muß , wie ehedem der leibeigene Bauer , dem Herrn frohnen , ich muß ihm die Wege ausbessern , muß ihm Hand und Spanndienste leisten oder - Geld dafür zahlen ! Was bringt mir Geld ? Der Verkauf von Naturalien , die ich erbaue . Was aber erbaue ich ? Kaum so viel , als ich mit größter Noth zum spärlichen Durchkommen brauche ! - Dennoch fordert man Geld von mir und ich muß es schaffen oder werde erst mit Execution , zuletzt mit unbarmherziger Pfändung bestraft . Lasse ich es so weit kommen , so mag ich mich nur nach einem Strick umsehen , denn verloren bin ich doch einmal ! So ergreife ich denn das letzte Mittel , nehme ein kleines Capital zu hohen