wie überraschte ich ihn durch anmuthige Geselligkeit ! Die Tonkunst , die er liebte , und die ich deshalb glaubte übersehen zu können - plötzlich beschützte ich sie ; ich sang selbst ein Lied , was ich mit Thränen des Zornes einstudirt hatte , ihm lächelnd vor . Die Beschäftigung , die ich durch diese Vorkehrungen hatte , zerstreute mich ; ich blieb frisch , von jener übellaunigen Schwermuth verschont , mit der Frauen ihre Männer vollends zum Hause hinaus jagen - und jetzt hätten Sie sehen sollen , wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte , wie liebenswürdig er mich fand , wie ich der andern Neigung Rang abgewann ; und da er einige Male die Procedur wiederholte , ich die Mittel , ihn wieder einzufangen , so entwickelten sich wirklich gute Angewöhnungen in mir . Ich bekam Eigenschaften für mich selbst , die ich anfänglich für kleine Hülfsmittel geachtet hatte . « - » Ach , « sagte Viktorine - » welch ' ein Glück , wenn uns der Stolz nicht gegen uns selbst bewaffnet , wenn er die Kraft wird , mit der Achill den Felsblock aufhob , um die Waffen hervorzuholen , mit denen er unbesiegbar ward . Ich fürchte , wenn ich in solche Lage käme - der Felsblock fiele auf mein Herz , und die Waffen verrosteten . « » Das werden Sie mich nicht überreden , « erwiederte die Marquise - und eben erwachte Louis Maria in seiner Wiege . Viktorine rührte die Glocke , die Wärterin erschien mit der Amme , und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen Beobachtungen zu , ob das Kind zugenommen habe , ob lustig zur Nahrung sei ? So wichtig , so süß und beglückend für ein mütterliches Herz ! - Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls , und die Audienzen der Beileidsbezeigungen waren auch für diesen letzten Tag geschlossen . Von einigen allzu lästigen Stücken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit , saßen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdiguères beisammen , und es waltete über Allen der Zwang , den leere Trauer-Ceremonien so ermüdend ausüben , und denen man sich nicht entziehen darf , ohne gegen eine höhere Idee zu sündigen , die doch gerade in diesen lästigen äußeren Zeichen zu ersterben beginnt . Alle sehnten sich , von einander loszukommen , um sich nur einmal der Natur nach regen und wenden zu können . Aber es war Sitte , daß man in den inneren Gemächern soupirte und bis dahin zusammen blieb ; so hielt Jeder den Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung , die sich nach Wechsel sehnte . Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen , der einst , bloß von Jaques geführt , den Weg nach St. Sulpice zuürcklegte , unter dem Trauerwappen der Familie hindurch in das Schloßportal ; und das Erste , womit der junge Herr des Schlosses begrüßt ward , war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren düstern Fahnen , und schaudernd fühlte er erst jetzt die Wahrheit der erschütternden Nachricht . Schweigend und mit der ängstlichen Spannung , die sein auffallendes Betragen auch jedem Diener gegeben , ward er in dem düstern Hause empfangen . Ach , die tiefe Trauer , die er um Fennimor trug , wie wohl paßte sie zu den schwarzen Treppen und Wänden , die ihn bald umfingen ! » Nach dem Trauersaale ! « stammelte er kaum hörbar . Die Thüren öffneten sich - der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet - der Sohn an den Stufen des Sarges auf seinen Knieen . Sein Gebet war ein zuckend , schmerzhastes Aufblicken zu Gott ; mehr eine Hoffnungslosigkeit , beten zu dürfen - mehr ein Ausruhen im Schmerz , als eine Erhebung zu Gottes Gemeinschaft ! Laut hielten die Mönche von St. Sulpice die Exequien über die Leiche - der fungirende Priester fügte dem gewöhnlichen , vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu : » Laß ' Dir auch die Herzen empfohlen sein , die , belastet von der Noth , die eigne oder fremde Schuld ihnen gab , in Gram gebeugt vor Dir seufzen . Tröste und erhebe sie . Die Vergangenheit hast Du unwiederruflich gemacht ; aber selbst die Schuld in ihr kannst Du erblassen machen durch den Muth , Deiner göttlichen Gemeinschaft zukünftig theilhaft werden zu wollen . Es soll Allen vergeben werden , die von Herzen reumüthig sind , und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung ! « Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung , daß Leonin über die Gewalt erbebte , von der sein Herz aufgerissen ward . Er hob den Kopf - Fenelon , der blasse Priester von St. Sulpice , stand mit erhobenen Armen und erhobenem Haupte über ihm , und schien vom Himmel die Flammen andächtiger Ueberzeugung hernieder zu rufen , mit denen er die Seelen erwärmte . » Fenelon , « rief er - » hast Du den Schlüssel zu lösen und zu binden ? « - » Der hat ihn , der sich voll Glauben an seine göttliche Kraft dem in die Arme wirft , der Alle heilt , die reumüthig und beladen sind . In seinen Sünden verzweifeln wollen , heißt Gottes Allmacht verläugnen ! « Er hatte dies leise nur zu ihm , dem Knieenden , gesprochen . Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihm und schloß sich dann den Mönchen an , die ihren Umzug hielten . Als die erhabene Gestalt aber an ihm vorüberglitt , hörte Leonin wie einen Lufthauch die Worte : » rette Viktorine ! « Er fühlte sie bis in sein tiefstes Innere , und sie gaben ihm die Richtung , die er bei den schwachen Angaben seiner Gefühle vielleicht nicht erkannt hätte . Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner Mutter . Wie lastete die düstere Pracht dieser Gemächer auf ihm ! Jedes Zimmer schien ein Katafalk zu sein . Endlich öffnete sich der kleine Salon , in dem er seine Familie , fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewänder eingehüllt , versammelt sah . - Er kam erwartet ; dennoch überraschend . Ein kurzer Aufschrei verrieth ihm das einzige Wesen , nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte ; und überwältigt von der Vergangenheit , die zwischen ihm und seinem Weibe lag , eilte er nicht in ihre Arme , sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Füßen . Viktorine hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt - ihre Füße bebten , wie ihr Herz . Beide sprachen nicht ; es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen ; Keiner verstand das Gefühl des Anderen . Die Empfangenden standen trocken und müde von einer thränenreichen Begebenheit , mit der sie fertig waren , und Leonin ' s Ankunft , dessen Stimmung Keiner zu errathen vermochte , erregte die Befürchtung , mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu müssen . Man schien von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung , aus der gleich zu machen war , was sich nöthig zeigte . Doch fand jeder unnatürliche Zwang bei Madame de Lesdiguères immer bald in ihrer raschen , geraden Gefühlsweise seine Erledigung . » Jetzt , Herr Graf Schwiegersohn , « rief sie plötzlich laut - » lassen wir das ! Kommen Sie zu sich , und denken Sie , daß wir alle von den Quälereien und der ganzen Geschichte nachgerade müde und matt sind . Wir haben Alle unsere christliche Theilnahme dargelegt - ging mir auch selbst recht zu Herzen ; aber jetzt muß es vorbei sein - wäre dem alten Marschalle selbst zuwider , wenn wir nicht endlich aufhören könnten ! « Leonin stand auf , nachdem er einen Blick des Schmerzes auf seine blasse Gemahlin geworfen . » Ich verlange gewiß nicht , « sprach er , » durch meine Gegenwart Euer Gnaden zu Gefühlen aufzufordern , über deren Dauer mit großem Rechte nur Jeder selbst bestimmen kann , und der Sohn darf sich gewiß in einem Verhältnisse bekennen , daß seine Gefühle nicht zur Richtschnur für Andere machen kann . « » So , « sagte die Herzogin - » das nenne ich vernünftig gesprochen . Man kann oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen , wenn man hört , wie verständig Sie sich zu äußern wissen . « Leonin hatte während dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen begrüßt . Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes , bitteres Zürnen bemächtigt , daß er den Ausdruck für die herkömmliche Weise verlor ; auch gab ihm die Herzogin bald Gelegenheit , sich zu entladen . » Nun , « rief sie - » mein Kind , ich habe recht darauf gewartet , Sie wiederzusehn ; denn nur Sie selbst können uns das Ereigniß erklären , das uns damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte . Waren Sie denn wirklich krank und liefen deshalb fort ? « » Nein , Madame , « erwiederte Leonin gemessen - » ich war nicht krank , als ich abreiste , ich ward es erst später . « » Nun , sehen Sie , Marschallin , « fiel jetzt die Herzogin ins Wort , » ich konnte Ihre Erzählung gleich nicht glauben ; denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen , und mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein ! « » Sagte das meine Mutter ? « fragte Leonin scharf betonend . - » In Wahrheit , ihr Irrthum ist sehr auffallend , da sie am besten , denke ich , den Grund meiner Abreise wissen mußte ! « » Ihre Mutter , Graf ? « rief die Herzogin - » nun , das hätte ich nie für möglich gehalten ! « » Es war vielleicht eine zu große Schwäche von mir , « fuhr jetzt die Marschallin auf , durch Beide geängstigt und erzürnt - » daß ich die Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklären trachtete , die in der Handlung selbst sich mir darzubieten schien . Eine wahnsinnige Handlung dem plötzlichen Erkranken zuzuschreiben , möchte milder urtheilen heißen , als es ein Jeder in solchem Falle verdient ! « » Sie hätten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen , « erwiederte Leonin kalt ; - » aus den Umständen , die Ihnen bekannt waren , hätten Sie annehmen können , wie wenig ich mich geneigt fühlen müßte , eine Vormundschaft anzuerkennen , deren Erfolge ich eben einsehen lernte . « Die Marschallin bebte vor Zorn . Niemals hatte sie eine solche Sprache von ihm gehört ! Sie war zuerst um eine Antwort verlegen , die den ganzen tiefen Ingrimm ihres Herzens auszudrücken vermocht hätte . Doch überhob die Herzogin sie jeder Wahl . Aufs neue rief sie : » Kind , ich verstehe dieses Hin- und Herreden nicht , sagen Sie deutlich , wie es zusammenhing ! « » Enschuldigen mich Euer Gnaden , « sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung - » Sie sind eine zu gefühlvolle Frau , eine zu gute Mutter , um nicht zu wissen , daß Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat , und ich es abwarten muß , ob sie mich zur Rechenschaft ziehen will . « » Dagegen läßt sich Nichts sagen , « erwiederte gutmüthig lachend die alte Herzogin ; - » das heißt : schweige still , Du hast Dich nicht hinein zu mengen ! « » Dies möchte indessen nicht der Fall für Alle sein , « sprach die Marschallin scharf . » Der König hat eine persönliche Beleidigung , für die er Ihr Betragen nothwendig halten mußte , mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft ; - und diese Familie , die während ihrer langen Existenz etwas Aehnliches nicht erfuhr , möchte wohl das unbestrittene Recht haben , einer Handlungsweise nachzufragen , die so beleidigende Folgen für sie hatte . « » Zwingen Sie mich nicht , Ihnen augenblicklich diese Erklärung zu geben ! « rief Leonin , mit einer Wildheit in Ton und Blick , die Alle erschreckte . - » Ich bin bereit dazu ; denn es ist vielleicht so besser , da ich in meiner Empfindung nicht mehr zu retten bin . Aber Sie - Sie , meine Mutter , - Sie sollten mich nicht dazu treiben wollen ! « Die Marschallin fühlte , daß sie zu weit gegangen war ; aber sie hatte noch keine Beleidigung ungerügt erfahren , von ihrem Sohne sollte sie sie hinnehmen , der ihr bis jetzt noch nie getrotzt ? Es war zu viel und dennoch sah sie ein , sie habe ihn selbst zu der Grenze hingetrieben , von der sie ihn hatte abhalten wollen . » Sie sollten mindestens fühlen , « sprach sie , sich mit Gewalt bezähmend - » daß der Augenblick zu Ihrer leidenschaftlichen Unhöflichkeit gegen mich schlecht gewählt ist . Ich bin die Witwe Ihres Vaters - vielleicht erinnern Sie sich , daß die Leiche dieses in Ungnade gefallenen , berühmten Mannes noch über der Erde ist - und daß ich Ihre Mutter bin ! « Leonin stand in düsterem Brüten vor dieser kunstvollen Rede ; es blieb ungewiß , ob er sie gehört . Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter , und eine Stimme , die ihn zu wecken und sich zu sammeln vermochte , sprach unsicher und schwach : » Glauben Sie nicht , mein Gemahl , daß Sie auch mich in der Stimmung des Zürnens oder der Neugierde gegen sich finden ! Wenn Sie mir ein Recht zugestehen , wie ich eben zu hören glaubte , so lassen Sie es das des Vertrauens sein , das weder von Ihnen eine Erklärung fordert , noch nöthig hat . Fassen Sie sich aber jetzt . Der Schmerz , der so natürlich in Ihnen ist , sollte uns Alle zur Schonung gegen Sie auffordern ; - vielleicht bedürfen wir sie auch , « setzte sie mit sinkender Stimme hinzu - » wir haben Viel gelitten ! « Leonin versenkte sich mit zärtlichem Antheil in die schönen , edlen Züge , die so blaß , so leidenvoll waren . Er führte die sichtlich bebende Gestalt zu ihrem Sitze zurück und nahm knieend neben ihr Platz . » Theure , edle Viktorine , « seufzte er , ihre Hand an seine Stirn drückend - » Sie sind die Einzige , die ein Recht hätte , mir zu zürnen ; - aber Sie werden bloß der Engel sein , der über den Gefallenen weint ! « - Und sie weinte bereits . Der Herzog von Lesdiguères , der ein höchst verlegener Zuhörer dieser häuslichen Scene gewesen war , da er niemals über gesellschaftliche Verhältnisse hinaus sich zu denken erlaubte , erfaßte nun eine Richtung , die er glaubte erkannt zu haben , und nahte sich seinem Schwiegersohne . » Ich bin , « sprach er - » nach dem Empfange , den ich bei Seiner Majestät genossen , als ich ihm die Todesmeldung des Hauses Crecy-Chabanne machte , fast überzeugt , daß eine bestimmte Hoffnung auf Gnade vorhanden ist , und , wenn Viktorine ihren Einfluß bei der gütigsten Königin anwendet , Ihnen , mein Herr Schwiegersohn , der König Ihren Platz bei seiner erhabenen Gemahlin zurückgiebt . « So erfuhr Leonin seine Absetzung . Die Marschallin gönnte ihm einige Alteration und beobachtete ihn scharf . Er erhob sich jedoch sogleich ruhig von seinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig für seinen Antheil dankte , setzte er hinzu : » Ich muß diese Absicht bei Seiner Majestät indessen entschieden ablehnen . Obwol ich meine Verweisung vom Hofe noch nicht kannte , mußte ich sie erwarten ; doch dachte ich bisher nicht daran und war entschlossen , den König um meine Demission zu bitten . « » Den König darum zu bitten ? « riefen der Herzog und die Marschallin zugleich . - » Ich bin gesonnen , « fuhr Leonin fort - » wenn ich über meine näheren Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nöthige Rücksprache genommen und hier alle Pflichten erfüllt , die meine neue Stellung mir aufnöthiget , mich zum Marschalle von Louxemburg zu begeben und ohne bestimmte Anstellung , um die ich jetzt nicht bitten könnte , unter seinen Fahnen als Volontair den Krieg mitzumachen . « » Den Krieg ? den Krieg ? « stammelte Viktorine , während Alle ihre Ueberraschung nicht zu verhehlen vermochten . » Erschrecken Sie nicht , theure Viktorine ! « - sprach Leonin , nur zu ihr sich wendend . » Es kann Ihnen nicht entgehen , daß mich ein ungewöhnliches Schicksal unerwartet und hart niedergeworfen hat . Gott mag es denen vergeben , die mich hineinstießen gegen Pflicht und Gewissen ! Ich kann es noch nicht - und eben so wenig auf dieser Stelle Ihnen gegenüber aushalten , Viktorine ! Lassen Sie mich jetzt gewähren . Vielleicht rettet mich Anstrengung meiner Kräfte , Thätigkeit , Entbehrung , Mitgefühl bei der Noth des Krieges . Vielleicht komme ich Ihrer würdiger zurück ; - jetzt ist Ihre Nähe mir ein Vorwurf - ich vermag sie nicht zu ertragen ! « » Genug ! « rief hier die Marschallin mit ihrer alten Energie und außer sich gebracht über die rücksichtslose Sprache ihres Sohnes , die er selbst gar nicht zu bemerken schien . » Es dünkt mich , Sie sind in einer so maaßlosen Aufregung zu uns zurückgekehrt , daß Sie keine Beurtheilung über das Gewicht Ihrer Worte haben . Ich fühle mich unfähig , meinen Sohn länger in einer solchen Stimmung die wichtigsten Interessen seines künftigen Lebens absprechen zu hören ! Lassen Sie uns nach dem kleinen Eßsaale gehen , wo uns einige der genauesten Freunde des Marschalls erwarten . « » So bitte ich , mich zu beurlauben , « sagte Leonin ; - » ich will mit meiner Stimmung , die gegen Ihre Absichten läuft , Ihnen nicht länger lästig fallen . Die Zeit wird lehren , ob sie eine augenblickliche Aufregung ist . « Er entfernte sich , Alle ehrfurchtsvoll grüßend - gegen Viktorinen einige Worte schwärmerischer Verehrung aussprechend . - Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gemächer thun , in die sich die drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zurückgezogen hatten , nachdem es ihnen verstattet , sich zu trennen , so werden wir erfahren , was ihr Loos war , als die äußeren Rücksichten für sie aufhörten . Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen , und ihre Frauen warteten im Vorzimmer . Sie horchte dem Schließen der Thür , was ihr endlich Alleinsein , dieses dringendste Bedürfniß , sicherte . - Fünf Minuten später würden wir die Marschallin von Crecy , die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer entließ , kaum wieder erkannt haben . Die zurückgepreßten Leidenschaften , die diese letzte , verhängnißvolle Zeit ihres Lebens höher , wie jemals gesteigert hatte , brachen , wie ihres Zügels beraubt , plötzlich hervor . Bald durcheilte sie mit großen , ungleichen Schritten das Gemach , während ihre krampfhaft gepreßten Hände ihre ungestümen Gedanken ausdrückten ; - bald sank sie in ihren Sessel , und ein kurzes , zorniges Schluchzen rang sich hervor . - Doch , wir halten inne , denn wir werden genug erfahren haben , um unsere Ueberzeugung anzudeuten , daß Jeden die Vergeltung erreicht , daß uns kein äußerer Schein täuschen sollte über die Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden , die , wenn sie das äußere Schaugerüst unberührt läßt , in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und zerreißt und demüthigt und die fürchterliche Strafe verhängt , mit lächelnder Miene aufrecht erhalten zu müssen , was , jedes Reizes entblößt , eine leere , tödtende Qual geworden ist und doch der Preis der Sünde war . Die Marschallin , die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung , seine eigene Ansicht gestattet , die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens gehandhabt , die Menschen , die hineinfielen , ohne jede Rücksicht als Hebel und Stützen verbraucht hatte , deren eigene Bedürfnisse übersehend , gering achtend , oder die ihrigen doch wichtiger haltend ; die durch das zeitherige , materielle Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit über den Werth derselben gelangt war , der sie auf die dünkelvollste Isolirhöhe des Stolzes erhoben - ihr war es plötzlich , als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebäudes ein Sieb geworden sei , das Alles unter ihren Händen unaufhaltsam zerrinnen , zerfließen , in ein Nichts zurücksinken ließe , vor dem sie verarmt stehen bliebe , wie vor dem ganzen Ergebniß ihres berechneten Lebens , das ihr damit verloren erschien . Sie erfuhr die Strafe , die ihr die härteste sein mußte , und ihr Zustand , wie wir ihn andeuteten , war dem gemäß . Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken , womit sie sich rächen könnte . Aber die Beleidigung , die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete , kehrte immer wieder auf den einen Gegner zurück , der alle zahllos erlebten Kränkungen veranlaßt hatte ; und dieser Gegner war ihr Sohn ! Der Sohn , den sie zu ihrem Dienste erzogen , zur Stütze ihrer ehrgeizigen Pläne ; er war es , der plötzlich seine Abstammung nicht gänzlich in sich erloschen zeigte und ihr , ehe sie es ahnte , mit eigensinnigem , rücksichtslosem Willen entgegen trat . Sie dachte alle Möglichkeiten durch , ihn noch ein Mal gedemüthigt , - ihres Willens Unterthan - zu sich zurück zu führen . Sie hatte , ehe sie ihn sah , so sicher darauf gerechnet ; sie hatte ihm ein Zürnen zugedacht , was nur um den Preis einer gänzlichen Uebergabe Versöhnung hoffen lassen sollte , und jetzt kam er in einer Stimmung des Zürnens zurück , die weder Ausgleichung suchte , noch nöthig hatte ; da er sich sogleich damit unabhängig erklärte . Sie konnte nicht einmal irgend etwas erdenken , worin sie ihm nachgeben konnte ! - Nur eine leise Hoffnung blieb ihr . Souvré war entweder selbst betrogen , oder er hatte sie auch betrogen . Sie hatte Fennimor ' s Tod wirklich vor der Vermählung ihres Sohnes angenommen , und es war klar , daran zweifelte Leonin - er bezüchtigte sie des Frevels , ihn in das doppelte Verhältniß getrieben zu haben ! Dieser Irrthum sollte sich nun auflösen . Die Reue darüber - blieb ihre einzige Hoffnung ; - aber sie ward dennoch kein Ruhekissen , worauf die Marschallin den Schlaf gefunden hätte . - Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache , aus dem Viktorine für die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt hatte , um , mit ihrem Kinde allein , jedes Zwanges enthoben , sich ihres Zustandes bewußt zu werden . Es giebt Menschen , deren edle Natur sich überall gleich bleibt ; sie behalten eine Decenz des Ausdruckes selbst in ihrer tiefsten Aufregung , die ihren einsamen Stunden ein Maaß verleiht , durch das sie vor sich selbst gesichert bleiben . Dies war bei Viktorinen der Fall . Sie war sich eine Achtung gebietende Gesellschaft - die Vertraute , von der wir wissen , nicht mißverstanden zu werden , und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wünschen , da sie uns schwerer zu erreichen scheint , als der Beifall der Welt . Sie knieete nieder und beugte sich über das süß schlafende Kind . Schwere Seufzer deuteten es an , daß ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte ; dann weinte sie lange und schmerzlich , und endlich wurden ihre Empfindungen Gebete . Als sie aufstand , sagte sie : » Weise Freundin , ich habe Dich verstanden ! Du hast mein Schicksal geahnet ; - ich werde Dir folgen . Ein Weib ist an sich etwas Göttliches und Großes ; - ich habe einen Heerd ! Ich habe ein Kind ! Beides werde ich hüten zur Ehre Gottes und der Menschen ; - und kömmt er ermüdet zurück und sucht verschmachtend den verlassenen Heerd , dann finde er mein Symbol : Milde und Verzeihung ! « Als sie ihre Frauen rief , war jedes Wort sanft und gütig . Eine verklärte Ruhe lag über ihr ausgebreitet ; eine frei gewordene Kraft , die von sich selbst eine versöhnende Ausgleichung des Lebens verlangt . - Nicht so Leonin ! Halbe Zustände - Unglück und Glück - Schuld und Unschuld - wie sie sich in ihm vorfanden , erfordern einen starken Geist , der Alles erfaßt und sondert und auf sich nimmt und von sich wirft , der Wahrheit nach , und dann abschließt und von neuem beginnt . Nicht so Leonin . Er dachte daran , den Zuständen zu entfliehen , ohne sie vorher zu ordnen . Die jedesmalige Folge dieses schwachen Waltens trat auch bei ihm ein . Die Erbitterung wuchs auf dem falschen Wege , der überall unbeseitigte Hindernisse zeigte und die Erholung , nach der er strebte , fern hielt . Er grollte der ganzen Welt . Die Weichheit , die ihn sonst gutmüthig sein ließ , verschwand . Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Herrn nicht wieder . Er war unruhig , heftig , ungerecht ; Nichts schien ihm zur Zufriedenheit gemacht ; er forderte und stieß das Geforderte zurück ; er erzürnte und kränkte Alle , und der Unfriede schien , was er noch begehrte . Unter diesen Umständen erreichte die Marschallin ihren Zweck nur in dem für sie unwesentlichsten Theile . Er überzeugte sich , daß so wenig sie , wie Souvré Fennimor ' s Wiederbelebung gewußt habe . Aber keine Reue gegen sie trat ein . Ihre Schuld , und mehr noch die Härte , die ihm jetzt natürlich geworden war und die sich gegen sie , die er bisher so sklavisch gefürchtet hatte , Bahn gebrochen , sie sollte motivirt sein in ihrer Schuld - und die Marschallin fühlte bald , wäre jene auch geringer gewesen , als sie wirklich war - er habe einmal die Stellung gegen sie ergriffen , die eine Art Schild gegen seine eignen Vorwürfe ward , und gerade die Schwäche , die sie in ihm geschätzt und beabsichtigt , erhielt ihn jetzt in dieser Stellung gegen sie . Doch hatte diese Erklärung die Folge , daß ein beabsichtigtes Duell mit Souvré unterblieb ; und der gewandte Unterhändler kam zu dem vollen Genusse des Gelingens , wenn er , wohlbehaglich in einem Fauteuil in Leonin ' s Zimmern ruhend , diesen mit der gereizten Wildheit eines gestörten Friedens an sich vorüber streifen sah . - Er überlegte die Resultate seiner Bemühungen und rechnete sich gleichgültig an den Fingern her : der blühende , schöne Mann - ist bleich , gekrümmt , mit schwindendem Haare - der vornehme Edelmann vom Hofe verbannt - in die höhnenden Prachträume eines öden Pallastes verwiesen . Der Gatte der schönsten und vornehmsten Dame hat diese entehrt und seinen Erben zum Bastarde gemacht , und das ewig heitere , sorglose Kind des Glückes kommt von der Leiche seines gemordeten Weibes , von dem Anblicke seines rechtmäßigen und verläugneten Sohnes mit Kummer beladen , und um Ruhe und Frieden durch Alles , was er erlebt und gethan , auf immer betrogen ! - Es war nach der Bestattung des Marschalls nicht schwer , Leonin ' s Angelegenheiten zu ordnen ; da seine Anwesenheit ein Inkognito bleiben mußte , war er von manchem lästigen Gebrauche befreit . Wie Viktorine ihm in dieser Krisis gegenüber stand , brauchen wir kaum zu erwähnen . Sie war mit dem , was sie sein wollte , so vertraut , daß sie keinen Hauch von Selbstgefühl oder Tugendpathos zeigte . Sie hörte sich nicht in ihren Worten , ihre Augen suchten weder den Himmel , noch den Beifall Anderer ; sie langweilte und verscheuchte Niemanden , indem sie sich beispiellos hervorzuheben trachtete und mit ernster Würde eine Sprache einzuführen strebte , die den Zuständen der kranken Gemüther um sie her zum Vorwurfe gereichen mußte . - Sie war ohne Hochmuth , daher mit ihrem besseren Zustande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt , ihn hervorzuheben . Sie war voll wahrer Liebe , daher ohne das Richtschwert der Verwerfung - sie war edel und klug , daher den Augenblick und seine krankhaften Erscheinungen schonend , die auffallenden Mißtöne überhörend , um ein verderbliches Verstummen zu verhüten , was selbst die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt . Dessen ungeachtet mußte sie bald erkennen , daß sie nur auf eine spätere Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren könne , wenn sie jetzt ihre Kränkung übersehe , Streit oder Rechenschaft darüber ablehne . Vielleicht hatte an dieser Stellung , die sie nahm , nicht ihr richtig berechnender Verstand allein Antheil ; ein tiefes Grauen vor der Aufklärung der geheimen Geschichte ihres Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Wesen instinktartig in abwehrender Mäßigung . Ob Leonin den ganzen Werth dieses Verfahrens erkannte , wäre schwer zu bestimmen ; doch suchte er die Nähe seiner Gemahlin auf , freilich , um auch bei ihr wieder in sein düsteres Nachdenken zu verfallen , das jeden Zug seines Gesichtes beschattet hatte und ihn kaum kenntlich sein ließ . Besonders trat dies hervor , wenn ihm sein Kind gebracht wurde , und er genöthigt war , es zu betrachten . Viktorine entsagte bald auch diesem Glücke ; denn ein fast auffallender Schmerz erschütterte ihn dann und erregte die Beobachtung der Wärterinnen ; muthig erdrückte sie die bangen Ahnungen ihrer Brust und hielt ihr Kind von da an entfernt . In Leonins Verhältniß zum Hofe hatte sich Nichts geändert . Die Trauerzeit verschloß , den Vorschriften nach , die ganze Familie noch in ihrem Palais ; die Marschallin hatte daher noch keine Versuche darüber machen können , wie weit der Tod des Marschalls die Versöhnung vermittelt habe . Regelmäßig den achten Tag erschienen die Hofchargen zu einem kurzen , ceremoniösen Besuche im Hotel Soubise . Dies konnte natürlich nur auf