Leben zuließ , noch eine muthige Anstrengung für die Wiedererlangung des gestörten Friedens . Wohl wußte die erhabene , also geprüfte Familie , daß England den Kummer theile und über die Beleidigung murre , die jeden edeln Mann in Bezug auf die schimpfliche Behandlung des Grafen Bristol zu betreffen schien . Aber es sind nicht alle Gemüther gestimmt , in der Theilnahme der Menge Trost finden zu können . Graf Bristol war am Ende eines glücklichen und ruhmvollen Lebens nicht vorbereitet , es so traurig zu beschließen , und das stolze Herz seiner Tochter widerstand dem Unglück mit ergebungslosem Unwillen . Lord Bristol war vom Hofe und aus London verwiesen . Der Stolz , womit er das Parlament zum Schiedsrichter zwischen seinem Ankläger und sich gestellt wissen wollte , war eine Herausforderung zu gefährlicher Art für Buckingham , als daß er nicht eine Verweisung vom Könige erpressen sollte , um alle Anstrengungen mit einem Male zu vernichten , die von Seiten der mächtigen Familie des Grafen gemacht wurden , um ihn glänzend zu rechtfertigen . Machtlos stand Lord Bristol vor diesem harten Gebot . Das Antlitz seines Königs war ihm entzogen ; der Prinz von Wales , wie es schien , theilte die Meinung des verwegenen Herzogs ; zu widerstehen war der Gewalt nicht ; der Graf mußte vor den Thoren von London umwenden und in der Verbannung sich für begünstigt halten , daß man das Schloß der Herzogin von Nottingham als Zufluchtsort anzusehn , ihm verstattete . Was ihm von hier aus zu thun möglich war , beschränkte sich darauf , die Wirksamkeit des Grafen Archimbald und des Lord Richmond durch Alles zu unterhalten , was ihm zu seiner Rechtfertigung an Beweisen zu Gebote stand ; doch der Widerstand und die gesetzwidrigen Hindernisse , welche diese auf allen Wegen von Buckinghams Kreaturen aufgestellt fanden , machte ihr Streben zu dem erfolglosen Geschäft der Danaiden und setzte ihre eigene , stets behauptete achtungsvolle Stellung allgemach herab . Ihre offenen Bemühungen hatten zuerst das Mißfallen des Hofes zur Folge , welcher sich nicht an eine Sache erinnert sehen wollte , die nicht zu rechtfertigen war , und in Ansehung der betreffenden ausgezeichneten Person nicht in der Stille sich beseitigen ließ . Die Minister des Königs , obwol von der Unschuld des Grafen überzeugt , hatten Buckinghams Willen gegenüber keinen Einfluß auf den König , und Lord Salisbury hatte mit engherziger Strenge sich von jeder Theilnahme an seiner Familie ausgeschlossen , sobald sie gegen den einmal ausgesprochenen königlichen Willen lief . So geschah es , daß der Mann , der noch vor Kurzem im Mittelpunkte der Gnade zweier großen Höfe , von den Freundschafts- und Gnadenbezeigungen der spanischen und englischen Majestäten überhäuft , und im Begriff gewesen war , eine glänzende Allianz für sein Vaterland durch die heiligsten Bande zu befestigen , und sich den Segen und den Dank seines Königs und seines Vaterlandes zu verdienen - jetzt , durch die beispiellose Unverschämtheit eines ungeschickten und leichtsinnigen Thoren , sich zum Spielball der boshaften Willkür desselben herabgesetzt sah , angeklagt treulosen Verraths des königlichen Vertrauens , angeklagt öffentlich und laut vor ganz England , vor ganz Europa , und durch den grausamsten Machtspruch zur Verbannung und zu einem Schweigen verdammt , das diesen geachteten Namen zu einem Gegenstande des Zweifels machte . Bis zu dem Augenblicke waren alle Bemühungen seiner Freunde , ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung auszuwirken , vergeblich gewesen . Ihre Bitten erreichten Jakobs wohlverwahrtes Ohr nicht mehr . Der Prinz zeigte eine Kälte dagegen , die den besorgten Freunden des Vaterlandes die Wahrheit zu bestätigen schien , es habe der Karakter des Prinzen nach der Rückkehr aus Spanien eine traurige Umänderung erlitten , die man dem entschieden hervorgetretenen Einflusse Buckinghams zuzurechnen , sich für berechtigt hielt . Der König von Spanien , Bristols unermüdlicher Freund und Bewunderer , hatte , trotz der feindlichen Stellung , die beide Länder jetzt gegeneinander annahmen , seine gerechte Empfindlichkeit überwunden , und in einem eigenhändigen Schreiben an Jakob seinen Liebling vertheidigt und den König für ihn zu gewinnen gesucht . Jakob hatte diesen Brief nie erhalten , und dem großmüthigen Philipp ward angedeutet , daß seine Vorliebe dem Grafen eben nicht zum Besten gereiche , da er gerade verklagt sei , der katholischen Majestät zu vortheilhaft gesinnt gewesen zu sein . Ein gleiches Schicksal hatte Lord Bristols erhabene Freundin , die edle und unglückliche Pfalzgräfin Elisabeth , die Tochter Jakobs , die , aus dem Besitzthum ihres Gemahls vertrieben , in trostloser Verlassenheit , jetzt auch der Hoffnung beraubt war , nachdem mit Bristols Sturz der spanische Einfluß auf ihr Schicksal verloren gegangen , von dem sie ihr gesunkenes Glück wieder aufgerichtet zu sehen hoffte . Vergeblich sagte man ihr , daß Frankreich die Rolle Spaniens ersetzen , daß sie bei dieser politischen Umwälzung nichts verlieren würde ; ihr Langmuth war erschöpft , und die Verzweiflung gab ihrer Sprache die ungeschminkte Färbung der Wahrheit . Die dringenden Briefe dieses Inhalts an ihren Vater , die stets von heftigen Ausbrüchen gegen Buckingham und von Betheuerungen für Bristols Unschuld erfüllt waren , wurden nicht unterdrückt , sondern Buckingham weidete sich daran , wie sie selbst den Zweck zerstörten , den sie erreichen sollten . Jakob hatte die unglückliche Verbindung stets als eine Plage betrachtet , wovon sein ängstlich bewachtes Friedenssystem bedroht und seine stets sparsam gefüllten Kassen zum Oeftern geplündert wurden , und wenn er seiner Tochter diese beiden Belästigungen bisher verziehen hatte , geschah es immer nur in so fern , als das Unheil eines Krieges noch wirklich abgewendet worden war . In dem Augenblicke , wo seine sinkenden Lebenskräfte ihn herzloser und übellauniger , als je , machten , erbitterte ihn die Vorstellung , dem Kriege mit Spanien nicht mehr entgehen zu können , so heftig , daß er , getäuscht über die wahren Urheber desselben , sich durch die Vertheidigung Bristols , der ihm als ein solcher vorgespiegelt worden , wahrhaftig empört fühlte ; zumal , da diese Vertheidigung von einer Prinzessin ausging , von welcher er stets , in trüber Vorahnung , die Veranlassung zu einer Katastrophe erwartet hatte , die ihn jetzt eben durch ihren Schützling erreicht zu haben schien . Er hörte daher nicht auf , sich auf das Lauteste über die Mahnungen der Pfalzgräfin zu beklagen , und es konnte Niemandem entgehen , daß diese Bemühungen die Sache des Grafen noch mehr verdarben . So wenig nun unter diesen Umständen sich ein Weg zu öffnen schien , dessen Verfolgung günstigere Resultate hoffen ließ , war doch Graf Archimbald eben , wie Richmond , entschlossen , festen Fußes das bestrittene Feld zu behaupten , da es außer allem Zweifel blieb , daß London und der Hof , bewacht in allen seinen Abwechselungen , Gelegenheit geben müßte , die nie aufzugebende Sache an ein klareres Licht zu ziehen . So blieben Beide freiwillig von Godwie-Castle getrennt , während der junge Herzog , in einer stillen , leidend ruhigen Fassung , in dem Hause seiner nunmehr anerkannten Braut in London , seine Zeit in gleichem Antheil dem Kummer seiner Familie , wie den Pflichten seines Berufs widmete . Die jüngere Herzogin begriff unter den offen daliegenden Ursachen des Kummers alle Empfindungen ihres Herzens , wie manches ihnen auch beigemischt sein mochte , was sie sich oder Andern einzugestehen nicht geneigt war . Sie hatte sich mit der Angelegenheit der angeblichen Gräfin Melville seit ihrer freiwilligen und heimlichen Entfernung von Burtonhall für abgefunden erklärt , und sich , wie ihren Umgebungen , mit der ihr eigenen Art , welche keine andere Meinung aufkommen ließ , jede weitere Nachforschung nach dem fernern Aufenthalte nach Ergehen derselben untersagt . Der Name des liebenswürdigen Wesens war daher in den einst von ihr belebten Räumen verklungen , oder wurde nur schüchtern in den langen Wintergesprächen der Dienerschaft erwähnt , welche alle dem gütigen Fräulein zugethan verblieben . Lord Bristol hatte die endlich geöffneten Gemächer des verstorbenen Herzogs bezogen , und sein rastloser Geist war hier mit der Abfassung von Memoiren beschäftigt , die sein reiches und einflußreiches diplomatisches Leben betrafen . So sich in die Vergangenheit vertiefend , behielt er doch seine gegenwärtige Stellung unverrückt im Auge , und auf die Liebe des Königs zu ihm bauend , die er einst so vollständig besessen , ging sein lebhafter Wunsch dahin , sich auf irgend eine Weise ihm nähern und sich vor ihm selbst vertheidigen zu können . Eine einzige Vertraute dieses Wunsches gab es für ihn ; dies war seine Tochter . Wie sonst bei Lebzeiten ihres Gemahls , ruhte die Herzogin heute in dem Lehnstuhle , dem Arbeitstische ihres Gemahls gegenüber , von welchem her jetzt das ernste , gefurchte Antlitz des Vaters zu ihr blickte , um dessen hohe Stirn die Locken des starken Haares , von dem Reife des Alters gebleicht , sich majestätisch bauten und den erhabenen Eindruck seiner ganzen Erscheinung zu krönen schienen . Ich habe meinen Namen vor England nicht zu vertheidigen , meine Tochter , setzte er gelassen ein mit ihr geführtes Gespräch fort , und hätte ich es , so würde , nach menschlicher Wahrscheinlichkeit , die Zeit nicht aus bleiben , wo es geschehen könnte ; aber zu jener Rechtfertigung , nach der , ich gestehe es Dir , mein Herz sich sehnt , dazu möchte es bald an der Zeit sein , oder für immer zu spät . Mein theurer , daß ich es sagen muß , mißleiteter König ist am Ende seiner Tage . Soll er sein Auge schließen , ohne es noch einmal versöhnt und wohlwollend auf seinen treuen Diener , den er einst seinen Freund nannte , gerichtet zu haben ? Er hatte sich während dieser Worte erhoben und schritt gedankenvoll durch das kleine Gemach . Sein stolzes Haupt hatte sich nachdenkend auf seine Brust gesenkt , seine Armen lagen gekreuzt über einander . Die Herzogin begleitete ihn mit den ausdrucksvollen Blicken , die ihr so eigen waren , wenn sie sich einen Gegenstand bis zur Klarheit ausdachte , und hier verfolgte sie den Gedanken , daß die persönliche Ungnade des Königs , der Gespiele , Freund und Vertrauter ihres Vaters gewesen , dem dieser mit grenzenloser Hingebung und einer an Enthusiasmus grenzenden Liebe gedient , dies edle Herz tiefer verwundete , als eine öffentliche Anklage , an die Niemand im Ernste glaubte , wenn auch sie zu widerlegen , außer dem Interesse der Mehrzahl lag . Sie hatte die ruhende Stellung aufgegeben , Gedanke an Gedanke , beflügelt von der Liebe zu dem edeln , innigverehrten Vater , ordneten sich in ihrem Kopfe und rötheten das blasse , zusammengefallene Antlitz mit einem Anhauche früheren Glanzes . Nun wohl , theurer Vater , so lasset uns handeln ! sprach sie endlich und erhob sich , lebhaft vor ihn hintretend . Die Witwe des Herzogs von Nottingham ist nicht vom Hofe verbannt , ihr wird der Zugang nicht verwehrt sein zu den Stufen des Thrones . Lasset Eure Tochter als Euren Boten voran nach London eilen , diese wankenden Knie werden sich leicht beugen , um für den Vater Gerechtigkeit zu erflehen , und Jakob wird die Tochter hören , die von dem Herzen des Vaters zu dem seinigen reden will . Ich fürchte diesen Buckingham nicht , und Ihr wißt , setzte sie stolz hinzu , ich habe ihn nie gefürchtet ; auch ist ja meine Sendung eine Sendung des Friedens ! Möge England ungewiß bleiben , ob Jakob versöhnt ist mit seinem edelsten Diener ; seid nur Ihr es nicht länger , sei nur von diesem Herzen der Schmerz genommen , der es jetzt ergriffen hält . Bristol betrachtete seine Tochter ; ein sanfter Ausdruck glitt über seine bekümmerten Züge und seine Arme lösten sich , die Hände der Tochter zu ergreifen . Ich danke Dir , Arabella , für den warmen Antheil , den Du mir bewahrt hast , sprach er sanft , aber vielleicht bedarf ich ihn nicht , um Dich einem so ungewissen Unternehmen auszusetzen , dessen Mißlingen Dich tiefer verletzen würde , als Du berechnen kannst . Diese ersehnte Zusammenkunft ist vielleicht nicht mehr fern , und ich war eben gesonnen , Dich auf meine mögliche kurze Entfernung vorzubereiten , welche mit einem mir gemachten Vorschlage , den König zu sehen , zusammenhängt , und welche den Bewohnern dieses Schlosses zu deuten , ich Deiner Klugheit überlassen muß . Und habe ich so viel Anspruch an Euer spätes Vertrauen , verehrter Herr , um hier mehr als ein blinder Hüter Eurer mit Fremden verabredeten und mir bis jetzt so wohl entzogenen Pläne zu sein ? sprach die Herzogin , sich nach ihrem Sessel zurückziehend . Ja wohl , Fremde ! seufzte hier Lord Bristol schwer auf , denn in England scheint kein Herz mehr nach dem Takte alter Ehre und alten Rechtes zu schlagen , sondern , wie die Furcht das feige Blut regiert , im jähen Wechsel von Hast und Gleichgültigkeit . Die Hülfe , die man mir beut , sie kömmt von jenen , die aus dem Untergange meiner lang gepflegten , für England segensreichen Pläne ihre eigenen aufblühen sehen . Richelieu bietet sich zum Vermittler an , durch Richelieu ' s geheimen Einfluß soll ich den König sehen . - Richelieu ! rief die Herzogin , in der Ueberraschung ihre Empfindlichkeit vergessend , Richelieu , der Jesuit ! der Feind aller Freiheit , aller Tugend ! Euer Feind , so lang Ihr England mit Spanien zu vereinen strebtet , er , er würde Euern Einfluß zu heben suchen , nachdem ihm durch Euren Sturz der beste Vortheil ward , und er begierig mit Eurem Feinde Buckingham die Bande schürzte , die auf immer Alles trennen , was Ihr mit langer Weisheit in andrer Richtung angeknüpft ! Vater , wollt Ihr mich glauben lehren an den Ruf , der Richelieu zu dem verschlagensten Staatsmanne Europa ' s stempelt ! Wenn er Euch zu täuschen wüßte , glaube ich an Alles ! Eben weil ich Dich als so rasch in Urtheil und Aeußerungen kenne , erwiederte Lord Bristol , entzog ich Dir , wie Du bestätigst , nicht ohne Grund , die langsam entstehenden Beweggründe , die endlich mich zu diesem Punkte führen konnten ; doch weiß ich , die Ueberzeugung wird Dir bald nöthig sein , daß Dein in den Wegen der Politik grau gewordener Vater nicht jetzt in die Schlingen eines französischen Kardinals gefallen , sondern daß hier zum ersten Male der Fall eingetreten ist , daß Beide in einem Interesse handeln . Da die Herzogin ihn nicht unterbrach , fuhr Graf Bristol fort : Was ich zum Wohle des Ganzen mit Spanien so sorgfältig angesponnen , ist unwiderruflich dahin . Frankreich hat mit neidischen Augen eine Verbindung betrachtet , welche England einen überwiegenden Einfluß auf alle europäischen Beschlüsse verhieß , und wohl wissend , von wem dieser Plan ausging und geleitet ward , und wie nach ihm Keiner ihn führen könnte , war ich seinen geheimen Machinationen unaufhörlich preisgegeben . Alle Schwierigkeiten des römischen Hofes wurden von Frankreich geleitet und scheiterten allein an dem seltenen persönlichen Verhältniß , welches zwischen mir und Philipp bestand , und mein einfaches Wort höher gelten ließ , als alle Intriguen des ehrgeizigen Kardinals . Daß aus der unbegreiflichen Versöhnung des Prinzen mit Buckingham diese verderbliche Reise entstehen dürfte , die Alles vernichten mußte , das lag außer der Berechnung selbst der kühnsten Wünsche Frankreichs ; doch ward es eben so schnell zu dessen Vortheil benutzt , wie es außer meinen Kräften lag , es unschädlich zu machen . Eine wunderbare Erscheinung in der Welt hat sich hier wiederholt , daß oft die Weisheit durch die Schellenkappe von ihrem Throne gejagt wird , um das Laster darauf zu krönen . Was Richelieu nicht zu hintertreiben gelang mit dem ganzen drohenden Apparate des römischen Hofes , das gelang dem wahnsinnigen Uebermuthe eines boshaften Thoren , der vielleicht in toller Laune seine Schuhschnallen gegen diese Verbindung gewettet hatte . So brutal , so planlos , so ohne Hehl seiner bösen Absicht trat dieser Mensch auf , und dennoch so unwiderstehlich , da er kein Mittel scheute , um gerade das zu zerstören , worauf Alles beruhte : Treue und Glauben an englische Redlichkeit und reine Sitte . - Und der Prinz ? rief die Herzogin . Nie werde ich das Räthsel lösen können , was er uns dabei aufgiebt . Nicht hoch ist meine Meinung von ihm gewesen , sie ist gerechtfertigt ; seine erste Handlung zeigt ihn als einen Mann ohne Haltung , ohne Güte und wahres Ehrgefühl . Wie konnte er je die Hand Buckinghams ergreifen , die sich einst freventlich gegen ihn erhob , und sich von allen denen wenden , für die er früher nur zu leben schien . Der Prinz , erwiederte Bristol , zeigt sich freilich abweichend von dem , was früher wir von ihm erwarten durften ; aber ehe ich Dir beipflichte , müßte ich ihn näher beobachten können . Ganz rechne ich seinem Karakter diese Verwandlung nicht zu ; es liegt hier irgend ein äußeres Anreizungsmittel zum Grunde , das bis jetzt zu erforschen mir nicht gelang . Doch leider ist so viel gewiß , daß , seit er in Deinem Gemahl seinen guten Engel verloren , er in die Gewalt eines bösen Geistes gerieth , der mindestens seine Handlungen der Welt entstellt wiedergiebt . Vielleicht hätten wir den Schlüssel zu allem diesem , wenn Dein Gemahl Zeit behalten hätte , mir den Grund seiner Reise nach Spanien zu entdecken ; daß sie vom Prinzen veranlaßt war , ist das Einzige , was mir klar geworden . Wunderbar , sagte die Herzogin düster vor sich hin , er hat ihn mir mißgönnt vom ersten Augenblicke an , er hat ihn mir entzogen , so viel er vermochte , er hat ihn mir endlich für immer geraubt ! Bristol umging es , diese bittere Anklage seiner Tochter durch Widerspruch zu schärfen , und sie abziehend , führte er die abgewichene Unterredung auf ihren Anfang zurück . Frankreich hat einerseits erreicht , was es wollte , aber indem es an die Stelle der Infantin die französische Prinzessin gesetzt , betrachtet es schon voll Argwohn denjenigen , durch dessen wahnsinnigen Eifer dies erreicht ward . Die Prinzessin soll eine Abgesandte Richelieu ' s werden , ihr unbestrittener Einfluß auf den Prinzen muß gesichert werden , und schon wird Alles in Bewegung gesetzt , Buckingham zu stürzen oder ihm ein Gegengewicht zu geben , und somit ist Richelieu darauf bedacht , mich an das Interesse der Fürstin zu knüpfen , durch sie mich mit dem Hofe zu versöhnen und Buckingham entgegen zu stellen . - Verzeiht , erwiederte die Herzogin , hier kalt ihn unterbrechend , wenn ich Euch dies Mal nicht verstehe . Einfach , wie Ihr mich erzogen , habe ich von keinem andern Wege , Glück und Gunst zu erlangen , Begriff bekommen , als von dem offenen Wege des Rechts . Durch eine Kabale Richelieus den Platz Euch wieder gewinnen zu sehen , den Euch vor ganz Europa eine Ungerechtigkeit zu rauben wagte , darauf wäre ich nicht verfallen ; freilich , die einfache Bitte einer Tochter um Gerechtigkeit für ihren Vater könnte den stolzen Kardinal beleidigen , indem der Erfolg seine feinen Pläne zu übereilen drohte . Arabella , sagte Bristol , indem er das gesenkte , strenge Antlitz der Tochter lächelnd betrachtete , Du bist dieselbe noch , wie damals , als Du in dem großen Thurmzimmer auf dem alten Stammschlosse der Digby , eine echte Erbin ihres stolzen Blutes , mit dem Filetstock Deinem Vater drohtest , wenn er in Deinen Plänen , die Welt zu beherrschen , einige Abweichungen anzurathen wagte . Ohne Zwang bist Du erwachsen , ohne Zwang geblieben bis jetzt ; schön und vollständig ist Deine Natur entwickelt , sich selbst Gesetz geworden . Mir schien es stets der einzige Weg , die tiefe Leidenschaftlichkeit Deiner stolzen Natur in sich selbst sich bezwingen zu lassen , und viel hast Du wahr gemacht , was das Vertrauen des Vaters Dir übertrug ; was damit nicht erreicht werden konnte , soll mich nicht überraschen , denn ich stellte es stets in Zweifel . O Vater , rief die Herzogin , sich seinen Augen entziehend , es steht nicht wohl , die zu schelten , die , müde von Schmerz und Täuschung , ungleich in ihrem Innern bewegt von Gleichgültigkeit gegen sich selbst und heißer Liebessorge für die Ihrigen , das einfache Recht zu ihrer Richtschnur wählt . - Auch schelte ich nicht , noch weniger zürne ich Deinen raschen Worten , doch hüte Dich , wie eben jetzt , den verletzten Stolz , der Dich hier so selbst erhoben richten läßt , nicht zu verwechseln mit dem rührenden Bedürfniß nach einfachem Recht . Die schöne Seele , die nur darnach lechzt , sie verfehle vor allen Dingen nicht , sich selbst zu prüfen , ob sie rein genug gestimmt war , um Recht von Unrecht rein zu scheiden . Wenn ich die schmutzige Hand ergreife , die sich mir bietet , wer zweifelt , und vor Allem , warum zweifelst Du , daß es ein Opfer ist , was ich in höherer Absicht bringe ? Die Feinde meines Vaterlandes stehen an dem Fuß des Thrones , verloren ist die Hoffnung Englands , verloren der Prinz , bleibt er in den Händen Buckinghams . Mir fehlt , um die Ketten , worin er langsam eingeschmiedet wird , zu brechen , jetzt die Kraft . Hat Richelieu sich verrechnet , indem er sie für mich zu brechen sucht , ich habe ihn nicht getäuscht , er kennt mein Leben , es trägt keinen Hauch von Selbstsucht ; unvorenthalten blieb es ihm , daß dieses Herz nichts eingebüßt von seiner warmen Liebe für England und sein erlauchtes Herrscherhaus . Das Antlitz , was ich wirklich trage , hat Richelieu als Maske vorgenommen ; er spricht von Sorge für England und seinen Thronerben , ich empfinde sie ; er heuchelt mir Vertrauen , als ob ich allein das Unheil hindern könnte , und ich fühle in Wahrheit dazu die Kraft , den Willen . So reden wir dieselbe Sprache ; er die Sprache , die mich täuschen soll , um mich als vorläufiges Mittel gegen Buckingham zu gebrauchen , ich die Sprache der Ueberzeugung und des Herzens , an die er keinen Glauben hat , die er für Verstellung hält , da er nie eine Beleidigung vergeben würde , wie ich sie erfuhr , und da er wähnt , ich trachte nur nach einem Standpunkt des Herrschens , entfernt von dem Platz , wo ich Ehre und Ruhm erlangte . Dem Könige mich zu versöhnen , lag außer seinem Willen , und hält er es für eine Grille , die mich ihm fast verächtlich macht , daß ich auf der Versöhnung mit einem für ihn völlig abgethanen , leeren Greise so ernst bestand ; und doch war , diese zu bewirken , meine erste Bedingung . Ich erwarte die Nachrichten , die mich von hier abrufen sollen mit jeder Stunde . - Am Abende desselben Tages hielt an derselben Treppe der Terrasse , welche einst den leblosen Körper der unglücklichen Maria trug , ein kleiner Trupp wohl bewaffneter Reiter mit einem leeren Handpferde . Aus dem italienischen Flügel glitt der Schein eines wandernden Lichtes an den Fenstern vorüber , bis es verschwand . Bald öffnete sich eine kleine Pforte nach der Terrasse hin . Eine hohe männliche Gestalt , in einen Mantel gehüllt , trat hervor , legte den Weg bis zur Treppe schnell zurück , rief dort ein fremdes Losungswort , welches sogleich erwiedert ward , stieg die Treppe hinab und bald verklang der Hufschlag der schnell davon eilenden Rosse in den hart gefrornen Wegen des Waldes . Die Herzogin von Nottingham brachte ihrer Schwiegermutter am andern Morgen , in Gegenwart ihrer Tochter und der versammelten Dienerschaft , die Empfehlungen des Grafen von Bristol , welcher sich auf einige Tage nach Digby-Castle begeben . Sie trug dabei jene kalte abweisende Miene , welche ihre sanfte Schwiegermutter nie zu verändern versucht hatte , und die alle Uebrigen wie durch eine Mauer entfernt hielt , und so zog ein düsterer Schleier mehr sich um die einsamen Bewohner des in Nebel gehüllten , von Stürmen umwehten Schlosses . Noch ein Mal sollte das alte Whitehall , das , seit die Gesundheit des Königs immer mehr zu sinken begann , verödet war , den Glanz und das Gepränge einer Hofceremonie erleben . Buckingham hatte trotz des Widerstandes des fast sterbenden Jakobs es durchgesetzt , in einer feierlichen Audienz , im Angesichte aller Großen des Reichs , vom Könige selbst als Stellvertreter des Prinzen von Wales zur feierlichen Vermählung mit Henriette von Frankreich dahin abgesendet zu werden . Es war allein eine Befriedigung seiner Eitelkeit , welche ihn dies Opfer von dem kranken Könige erzwingen ließ , und die Freude an den mißlaunigen Gesichtern der Lords , die zu seinem Triumphe erscheinen mußten , und denen jede Miene des übermüthigen Mannes zurufen sollte : Ihr empfangt durch mich Eure Königin ! Fast hätte er gewünscht , Bristol aus seiner Verbannung erlösen zu können , um ein Zeuge des Triumphes über ihn zu sein . Das Hotel des Herzogs glich einem Markte , auf dem alle Erzeugnisse der Kunst und des Luxus in der größten Auswahl und Schönheit aufgestellt waren , bewacht und mit ängstlicher Sorgfalt dem Momente aufgehoben , wo ein Blick des Wohlgefallens , ein Neigen des Hauptes , Dies oder Jenes zum Eigenthum des Herzogs machen würde . Er versagte den Tage lang Harrenden oft diese ersehnte Ehre , obwol er täglich zwischen ihnen durch nach seinen Zimmern ging , so hartnäckig , daß sie ihm nicht anders vorzukommen schienen , als die leblosen Figuren in den Tapeten der Wände . Keiner wagte ihn zu erinnern , daß sie lebten und litten , Keiner der Ehre und Vermögen zugleich an selten verlangte Gegenstände und deren glücklichen Verkauf geknüpft hatte , durfte um Gehör bitten , wenn er nicht erleben wollte , vertrieben , vielleicht ohne seine Güter aus dem Raume gejagt zu werden , welchen einzunehmen , Allen schon zur Gunst angerechnet ward . Die großen Säle des Erdgeschosses waren in Packhäuser umgewandelt , und die kostbarsten Silber-Services , die seltensten Geschirre aller Art , um ein glänzenden Haus von wenigen Wochen in Paris zu machen , wurden hier zum Transport über das Meer eingerichtet . Nur Maxwell , der die Launen seines Herrn oft durch eben so hartnäckige zu vertreiben wußte , ließ sich mit seinen Anträgen , bei dem Ankauf neuer Stickereien und Juwelen zu den zahllosen prachtvollen Kleidern nicht so zurückweisen , und eine kurze Audienz , die der mächtige Kämmerling forderte , nöthige dem Herzog seine Meinungen ab . Diesem ganzen wüsten Treiben , welches der großen Katastrophe der Abreise voran ging , fehlte zur höchsten Ungeduld des Herzogs noch immer die eine Person , von der er sich selbst und alle seine Angelegenheiten am liebsten beherrschen ließ , wenn ihm dazu selbst die Laune verging . Dies war Lord Membrocke . Längst war die Zeit vorüber , welche ihn zurückführen mußte ; aber weder von ihm selbst , noch von dem Verlauf seines Auftrages waren Nachrichten eingetroffen , und die Boten , welche Buckingham nach dem Schlosse gesendet , welches er für den Empfang seiner Nichte einzurichten befohlen , waren alle mit der Meldung zurückgekommen , daß man dort noch immer die fremde Dame erwarte und von Lord Membrocke keine Spur sich gezeigt habe . Buckingham würde nicht gezweifelt haben , daß Membrocke seine Nichte entführt habe , hätte er nicht gewußt , daß derselbe zu einer solchen romanhaften Entschließung überhaupt zu gleichgültig und bequem sei , und am wenigsten in einem Augenblicke sich dazu hinneigen würde , wo er ihm die Aussicht zu einer der glänzendsten Reisen an seiner Seite eröffnet und hiermit seiner einzigen Leidenschaft , seiner grenzenlosen Eitelkeit , das weiteste Feld zur Ernte dargeboten hatte . Buckingham war in der seltenen Lage , Geduld haben zu müssen , und dies brachte ihn jeden Tag , wo er durch irgend eine Toiletten-Bagatelle an Membrocke ' s Abwesenheit erinnert ward , ein paar Mal in die entsetzlichste Wuth , worin er ihn verwünschte , die größten Züchtigungen und Kränkungen ihm verhieß , bis er es wieder vergessen oder ein paar neue unnütze Boten abgesendet hatte , die den frühern Bescheid wiederholten . Es war am Tage vor der großen Audienz in Whitehall , als die Thür des Kabinets sich öffnete , in dem der Herzog mit Maxwell rathschlagte , und Membrocke mit seinem eigenthümlichen eleganten Anstande und mit der Sicherheit einer vollkommen gerechtfertigten Erscheinung hereintrat . Maxwell sah voll Erstaunen , wie Buckingham in seine Arme flog , ihn herzte und küßte , und nicht glücklich genug sich preisen konnte , daß er eben heute komme , einen Tag vor der Audienz , die er jetzt mit der größten Geläufigkeit ihm zu schildern begann . Alle dabei gehofften Triumphe , von der lächerlich dargestellten Angst des alten Königs bis zu dem Wamse und den Juwelen , die ihn dabei zieren sollten , wurden aufgezählt , und er ruhte nicht , bis er , voll Sorge , Membrocke ' s Toilette würde nicht glänzend genug dabei erscheinen , ihm von seinen fertig daliegenden , noch ungemachten Stickereien aufgenöthigt hatte , was sich dazu eignete , den Glanz seines Begleiters zu heben . Wer Beide beobachtete und die früheren Ausbrüche des leichtsinnigen Herzogs vernommen , mußte glauben , er supplicire um die Freundschaft und Verzeihung Membrocke ' s , und dieser sei der Beleidigte und Zürnende ; doch nur augenblicklich . Wer wie Maxwell seinen Herrn kannte , den konnte es nicht befremden , denn so beherrschte ihn stets der Augenblick . Jahrelang konnte er Menschen und Verhältnisse verfolgen , und mit allen Fäden der feinsten und boshaftesten Intrigue umspinnen , und in demselben Augenblick , wo er die verschlagensten