beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander besprachen , und später vertraute mir Herr St. Julien , daß Beide gegen mich die bestimmte Hoffnung , meinen Bruder und Dich zu retten , nur darum ausgesprochen hatten , um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren , daß sie selbst aber Euch beide als verloren beweint hätten . Es schien den Freunden zu gefährlich , sich in Paris selbst verborgen halten zu wollen , und die Abreise nach dem Elsaß , der Heimath des Herrn St. Julien , der große Fabriken in der Nähe von Straßburg hatte , wurde beschlossen . Ein Zufall begünstigte unsere Flucht . Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war Wittwer , und seine einzige , ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem verächtlichen Leben hingegeben , um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu finden . Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist , so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armuth gerathen , und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters gewendet . Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes ohne Rührung vernehmen , und auch der alte Armand eilte , Liebe und Versöhnung im Herzen , in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris , den ein Handelsgeschäft dahin führte . Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn , den lebenden Zeugen ihrer Verirrung , bei sich auf . Kein Vorwurf kränkte die ungerathene Tochter . Der alte Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust . Durch Sorgfalt und zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück , die Spuren der Verwüstung , die Armuth und Krankheit angerichtet hatten , schwanden allmälig , und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler . Herrn St. Juliens Geschäfte waren beendigt , und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt war , so hatte man Pässe zur Reise genommen , die auf den nächsten Tag bestimmt war . Armand hatte noch einige nöthige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte , von Geschäften ermüdet , nach seiner Wohnung zurück , als er hier statt der Tochter einen Brief fand , in dem sie ihm meldete , daß es ihr unmöglich sei , Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben , da jeder milde Blick , den er auf sie richte , ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide besser sei , wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick ihrer Schande entzöge . Es war nur zu wahrscheinlich , daß die neu aufblühende Schönheit der leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und daß sie von Neuem sich ihrem früheren Leben hingab . Der Vater war in Verzweiflung , und er erklärte Herrn St. Julien , daß er Paris nicht mit ihm verlassen könne , weil er entschlossen sei , die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles , was väterliche Liebe und Gewalt vermöge , anzuwenden , um sie ihrem sträflichen Leben zu entreißen . Dieser Umstand , der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit Verdruß erfüllt hatte , wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall betrachtet . Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien begleiten , und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn , wie sie in dem Paß angegeben waren , den Herr St. Julien schon in Händen hatte , und beide Freunde freuten sich herzlich , daß die Beschreibung der Person dieser leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne , und so bot mir die Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit , wo Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können . Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt , indem man sie voraus setzte , und in der That , es wäre unvernünftig gewesen , ein Rettungsmittel von sich zu weisen , das sich so unvermuthet darbot . Auch war ich so betäubt von Angst und Kummer , daß ich unfähig war zum Denken und Ueberlegen . Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz , als ich vernahm , daß ich Adolph mit mir nehmen , daß ich mich nicht mehr von ihm trennen sollte . Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf einem angenehmen Landsitze und in Straßburg . Du kannst wohl denken , daß ich die beiden Freunde mit unablässigen Fragen über Euer Geschick bestürmte . Ach ! und endlich , geliebte Cäcilie , konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben . Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts . Ich weiß nicht , wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab . Ich weiß nur , daß endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte , die meinem Leben drohte , und daß ich , als erstes Zeichen des Bewußtseins , Adolph in meine Arme schloß und mit Thränen überströmte . Als ich wieder einigen Antheil an der Außenwelt nahm , bemerkte ich , daß Herr St. Julien um Vieles blässer , älter und hinfälliger geworden war , und diese Wahrnehmung erschreckte mich . Es drängte sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf , wenn ich auch ihn verlieren sollte . Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr , daß er während meiner langen Krankheit gestorben sei . Viele nach einander folgende traurige Berichte von Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf ' s Krankenlager geworfen , und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr , hatte ein Schlagfluß sein kummervolles Leben geendigt . Es konnte mir nicht entgehen , daß Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete , daß die Aerzte mich für völlig genesen erklären möchten , um eine Unterredung mit mir zu führen , die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und von deren ernstem Inhalt er nachtheilige Folgen fürchtete , so lange meine Gesundheit noch wankend wäre . Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen , weil ich immer noch hoffte , wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren , und er zögerte nicht mehr , mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzutheilen , die nur mein Wohl beabsichtigten . Der würdige Mann hatte keine Mittel verabsäumt , um Nachrichten von Dir zu erhalten , und er hatte durch seine Nachforschungen nur erfahren , daß ich auch meinen Vater zu beweinen habe , der sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte . Du warst spurlos verschwunden , und von allen Wesen , denen ich liebend angehörte , blieb mir nichts , als Dein und meines Bruders Kind , das mit unschuldiger Heiterkeit zu meinen Füßen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte , während ihm unbewußt die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt hinwegzogen . Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution , die mit entsetzlicher Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug , mit den Augen eines Bürgers . Er schauderte vor den Strömen Blutes , die täglich flossen , aber er glaubte , große Mißbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht , und hoffte , unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden genießen . Er hielt sich für überzeugt , daß der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei , und glaubte deßhalb mir keinen Nachtheil zuzuziehen , wenn er mir seine Hand anböte , um mir als französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern . Der edle Mann sagte mir mit bescheidenen , aber bestimmten Worten , daß sein Verhältniß zu mir das eines Vaters bleiben würde , und daß nicht die selbstsüchtigen Absichten eines thöricht verliebten Greises ihn leiteten , sondern daß er mein Wohl vor Augen habe . Er sagte mir , daß er die bestimmte Ueberzeugung habe , nicht mehr lange leben zu können , und daß ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne , daß ich aber als Fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei , und noch weniger für Adolph sorgen oder ihn schützen könne . Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und Rührung die Hand des edeln Greises und man nannte mich Madame St. Julien . Als auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren , legte mein großmüthiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor , den er zugleich adoptirt hatte . Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet werden können , war in seinen Händen , und er sicherte mir und Adolph bald nach unserer Verbindung nicht nur dieß , sondern auch noch sein beträchtliches Vermögen . Ich machte ihn darauf aufmerksam , daß dieß vielleicht eine Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei , aber er antwortete mir mit einem bittern , schmerzlichen Lächeln , alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland ihr Blut verspritzt , theils auf dem Felde der Ehre , theils unter dem Messer der Guillotine , so daß ihm nur einige sehr entfernte Verwandte , die kaum auf diese Benennung Anspruch machen könnten , in Italien geblieben wären , die ihr schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde , auch wenn sie ihm näher ständen . Meine Bitten vermochten den lebensmüden , gebeugten Greis dennoch , diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen , und nun glaubte ich mit ruhigem Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Großmuth für mich und Adolph annehmen zu können . Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edeln Beschützer nicht getäuscht . Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen Armen sanft zur ewigen Ruhe , und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn kindlich mit heißen Thränen . Mein großmüthiger Freund hatte vor seinem Tode alle seine Geschäfte so geordnet , daß ich mit Hülfe eines erfahrnen Buchhalters sie noch eine Zeitlang fortführen , und mich dann nach und nach zurückziehen konnte . Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften , die er hinterlassen hatte , und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermögens , über dessen Größe ich selbst erstaunte . Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines edeln Freundes überwunden hatte , wendete sich alle leidenschaftliche Liebe , deren mein Herz noch fähig war , unserm Adolph zu . Du kannst wohl denken , daß sich manche Bewerber der jungen , reichen Wittwe nahten , aber sei es , daß meine Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte , oder daß mein Herz nach so vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war , gerührt zu werden , genug , die Jugend verschwand , ohne daß ich mich auch nur ein Mal versucht gefühlt hätte , meine Freiheit aufzuopfern , und Adolph ist meine einzige Leidenschaft geblieben . Es ist natürlich , daß dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben werden können . Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten , daß die Freundinnen sich oft weinend umarmten , und daß sie erst wieder Zeit bedurften , um sich zu erholen , ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten , deren Inhalt für Beide so wichtig war . Ich hätte wohl gewünscht , schloß endlich , ihre Thränen trocknend , Adele , daß ich Adolph , der mich allein an das Leben fesselte , von der Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können , aber es machten dieß theils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes , theils das Blut der Evremonts , das in seinen Adern fließt , unmöglich , denn er hatte kaum das erforderliche Alter erreicht , als er sich in die Reihen der Krieger drängte , und ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste , Alles , was ich vermochte , anzuwenden , um ihn zu empfehlen , damit er so bald als möglich zum Offizier befördert würde . Dieß geschah auch trotz seiner großen Jugend sehr bald , und ihm war wenigstens die Bahn eröffnet , sich Ehre zu erwerben , wenn ich auch fortwährend für sein Leben zittern mußte . Die Dankbarkeit , welche die Gräfin für die Schwester des Grafen Evremont empfinden mußte , erhöhte die frühere Neigung , und beide Frauen schlossen sich eng an einander in inniger Freundschaft , die dadurch noch fester wurde , daß Beider Zärtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete . Adolph St. Julien pries sein Geschick , das ihm zwei Mütter gegeben hatte , die er beide mit herzlicher Liebe empfing . Der Graf hatte es gern übernommen , die Geschäfte seiner Freunde ordnen zu helfen , und er fand es natürlich , daß die Tante das zarte Gefühl für Recht zu befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhändigen wünschte . Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei , und indem er in Berlin die Papiere durchging , die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte , fielen ihm auch die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hände , und er machte die Wittwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam , daß es auch gerecht sei , daß dessen Adoptivsohn den so lange geführten Namen ablege und den ihm durch die Geburt zukommenden führe . Es war ihm nicht schwer , die Schwester des Grafen Evremont zu überzeugen , daß bei der Wendung , die die öffentlichen Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten , dieß für den jungen Mann vortheilhaft sei , um so mehr , da nicht nur dort ein neuer Adel entstand , sondern Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte , und man so in der Ferne hoffen konnte , den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu sehen ; eine Hoffnung , die weder dem Grafen selbst , noch der Wittwe St. Juliens gleichgültig war , denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich über Vorurtheile erhoben zu haben , so lassen sich doch Gefühle , die von frühester Kindheit an ihm unbewußt genährt werden und mit ihm gewachsen sind , wohl verläugnen , sie gänzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande . Der Graf war weit davon entfernt , irgend ein drückendes Vorrecht des Adels erneuert zu wünschen , aber er konnte sich nicht abläugnen , daß er den jungen Mann , den er väterlich liebte und dem er , als dem Sohne seiner Gemahlin , alle Rechte eines leiblichen Sohnes einräumen wollte , Graf Evremont zu nennen wünschte , und er meinte , wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den Namen seines Vaters führte , so stände der Anerkennung des alten Adels eigentlich nichts mehr entgegen , die ja in Deutschland erfolgen mußte , selbst wenn sie Napoleon nicht bewilligen sollte , weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen , denn daß der geliebte Sohn sich auf deutschen Boden zurückziehen sollte , sobald die Ehre es erlaubte , war gleich nach der Erkennung in Hohenthal von allen Seiten beschlossen worden . II St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein väterliches Erbe und bat den Grafen , es gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten . Der Frühling näherte sich , und da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war , so durfte er nicht länger zögern , und die Trennung , die seinem Herzen so schwer wurde , mußte erfolgen . Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem die Gräfin zu schonen , indem er darzustellen suchte , daß wenigstens keine Gefahr für den geliebten Sohn für die nächste Zeit zu befürchten sei , weil man von Portugal , wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten würden , keinen bedeutenden Widerstand erwarten dürfe . Die Gräfin fühlte , daß der Graf die Sache selbst anders betrachtete , als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wünschte , und fand deßhalb keinen Trost in seinen Worten . In den schönen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von Thränen , und ihre sonst von einer zarten Röthe angehauchten Wangen wurden täglich bleicher . St. Julien suchte seit lange ein einsames Gespräch mit ihr , und er bereute hundert Mal , daß er den Aufenthalt auf dem Lande nicht besser benutzt hatte , der ihm täglich die Gelegenheit dazu bot , die er in Berlin lange vergeblich herbei wünschen mußte . Er wollte sich nicht trennen , ohne aus dem Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen , welches nach seinem Gefühle über das Glück seines Lebens entscheiden mußte , und dieß Wort wollte er selbst vernehmen und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken , und nur dann , wenn Emilie über sein Glück entschieden hätte , wollte er es seinen Freunden mittheilen . Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick . Der Graf war mit den andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurückerwartet . Emilie , die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte , um sich ungestört ihren Träumen und ihrer Trauer hingeben zu können , war unter dem Vorwande eines leichten Unwohlseins gern zurückgeblieben , und St. Julien , der ihre Absicht bei der Mittagstafel erfuhr , zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurück . Er fand die Geliebte , wie er es wünschte , allein . Die bei seinem Eintritt getrockneten Thränen und die Röthe ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung . Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schüchtern die milden , dunkelblauen seiner Freundin , und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre zitternden Hände in den seinen . Ihr Ohr trank die süße Melodie seiner Worte , und sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzücken . Die Glut seines Gefühls öffnete ihm das schöne , von jungfräulicher Zaghaftigkeit verhüllte Herz , und ließ ihn entzückt die Tiefe und Fülle ihrer zärtlichen Neigung ahnen . Die Stunden verschwanden dem glücklichen Paar wie Minuten , und als der Graf mit seiner Gesellschaft zurückkehrte , belehrte ihn der leuchtende Blick St. Juliens und die hochrothen Wangen Emiliens , daß eine Erklärung zwischen Beiden Statt gefunden hatte , die er und die Gräfin lange erwartet , der sie aber nicht hatten vorgreifen wollen . Da Niemand den Wünschen der Liebenden entgegen war , so wurde ihre Verlobung noch denselben Abend geschlossen , und da man glaubte , daß die Angelegenheiten in Portugal bald beendigt sein würden , und hoffte annehmen zu dürfen , daß die Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Königsfamilie ohne Blutvergießen eintreten könne , so wurde von allen Seiten beschlossen , daß die Verbindung St. Juliens mit der schönen Emilie dann sogleich geschlossen werden sollte . Freilich seufzte der junge Mann über diesen Aufschub , aber er sah ein , daß nun , da er mit der Erklärung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezögert hatte , die Zeit nicht mehr hinreichte , um vor seiner Abreise die nöthigen Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen . Dann wünschte er eben so , wie der Graf , diese unter dem Namen Evremont zu schließen , und da er in seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war , so konnte er sich nicht eher anders nennen , bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine Umschreibung ausgewirkt worden war . Es blieb also für alle Theile nichts anders übrig , als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen . Der lang gefürchtete Augenblick war endlich erschienen . Die Gräfin entließ die weinende Adele aus ihren Armen und drückte mit krampfhafter Heftigkeit den Sohn an die Brust . Des Grafen Wangen waren bleich und er bemühte sich vergeblich die Thränen zurückzuhalten , als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die Hand reichte . Das dunkle , kummervoll auf ihn gerichtete Auge ließ ihn ahnen , daß in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei , die , wie er glaubte , einst ihr Herz für ihn empfunden hatte . Emilie hatte ihr Gesicht verhüllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas . Endlich riß sich St. Julien aus den Armen der Mutter los , umschlang noch ein Mal die beinah ohnmächtige Geliebte und stürmte mit dem Grafen hinaus . Im Vorzimmer traf er auf Dübois , der die Familie nach Berlin begleitet hatte . Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien . Er wollte reden , aber die Wehmuth versagte ihm die Sprache . Der junge Mann drückte den Greis mit Heftigkeit an die Brust , und küßte die von Alter und Gram gefurchten Wangen , dann stürzte er mit dem schmerzhaften Ausruf : Ach mein Vater ! in die Arme des Grafen . Muthig , mein Sohn ! sagte der Graf mit bebenden Lippen , standhaft , wir sehen uns wieder ! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos , weinend Dübois die Hand , die dieser mit zitternden Lippen küßte und mit heißen Thränen benetzte . Alle stiegen die Treppe hinunter . Noch ein Mal umarmte der Vater den geliebten Sohn , noch ein Händedruck , noch ein letzter Blick - und dahin rollte der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden , der langsam , allein und kummervoll , die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos weinenden Frauen verfügte . Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes . Er hatte sich in stille Trauer verwandelt , und leise schlich sich die Hoffnung in die verwundeten Herzen . Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glücks . So hatte nach mehreren Tagen die Familie die äußere Ruhe wieder gewonnen , und jeder Posttag wurde nun ein Festtag , denn jeder brachte Briefe voll inniger Liebe und zärtlicher Freundschaft von den Reisenden . Aber endlich wurde auch diese Mittheilung von Seiten St. Juliens seltener , denn als er sein Regiment erreicht hatte , machten die militärischen Bewegungen desselben einen regelmäßigen Briefwechsel unmöglich . Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten , der mancherlei Gedanken in ihm erregte . Der Pfarrer theilte ihm nämlich mit , daß er einen Brief von dem Baron Schlebach , dem Bruder der Gräfin , erhalten , den dieser aber nicht selbst geschrieben habe , sondern , da er durch eine heftige Erschütterung des Gemüths gefährlich erkrankt sei , habe schreiben lassen . In diesem Briefe sagte der Baron , daß er sich an den Prediger wende , damit dieser dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglücks auf eine gelinde Art beibringen möge , das der alte Mann doch erfahren müsse und aus dem Munde des Predigers am besten erfahren könne , der durch den Trost der Religion den nothwendigen Schmerz zu lindern vermöge . Das bezeichnete Unglück selbst wurde auf folgende Art dargestellt . Es habe sich häufig ereignet , daß sie auf ihrer Reise nach der spanischen Gränze mit ebenfalls sich dahin begebenden französischen Truppen zusammengestoßen wären , und es wäre nicht zu vermeiden gewesen , daß die Offiziere der verschiedenen Corps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet hätten , woran sowohl der Baron , als auch sein Freund Lorenz hätten Theil nehmen müssen . Bei einer solchen Gesellschaft , wo viel Geld hin und her sei verloren worden , habe sich ein heftiger Streit erhoben , in den unglücklicher Weise sein Freund wäre verwickelt worden . Ein Duell wäre von den erhitzten Gemüthern als das einzige Mittel betrachtet worden , die verletzte Ehre zu reinigen , und dieses habe eine so unglückliche Wendung genommen , daß sein Freund , von einer Kugel durchbohrt , nicht weit von Bayonne geblieben sei . Dieser Unglücksfall habe ihn selbst , den Baron , so erschüttert , daß er schwer erkrankt sei . Deßhalb eile er eine traurige Pflicht zu erfüllen , ehe es vielleicht durch sein Ende unmöglich würde , damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe , daß der alte Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlöre , nachdem er schon so unglücklich gewesen sei , den Sohn zu verlieren , da der Nachlaß des verschiedenen Sohnes doch wenigstens dazu dienen könne , dem Greise die Beschwerden des Alters zu erleichtern . Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst verfertigte Verzeichniß der Sachen , die der Sohn mitgenommen hatte , in beglaubigter Abschrift beigefügt . Da es unmöglich sei , diese Sachen selbst zu senden , hatte der Baron , wie er anzeigte , die Garderobe zu verkaufen befohlen , die Ringe aber , Uhren , Dosen , Brillanten und so weiter , von kunstverständigen Männern nach ihrem wahren Werthe abschätzen lassen , weil er sie , Falls er leben bleiben sollte , zum Andenken an seinen Freund zu behalten wünsche . Auch hierüber waren die nöthigen Zeugnisse beigelegt , nebst der für den vollen Werth dieser Kleinodien erkannten Summe . Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit , was der Sohn , wie es dem alten Lorenz bekannt war , als Reisegeld mitgenommen hatte . Die ganze beträchtliche Summe war dem Prediger in Wechseln übermacht worden , und der alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche fragte an , ob der Graf unter diesen Umständen noch immer die ihm früher bewilligte Pension wolle auszahlen lassen , da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine so traurige Weise zugefallenen Vermögen mache , und sich nach einer kurzen Trauer über den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe , also eine fernere Unterstützung weder bedürfe noch verdiene , und jetzt gerade eine durch viele Unglücksfälle herabgekommene Familie , die er dem Grafen näher bezeichnete , durch den würdigen Gebrauch der für den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende entrissen werden könne . Der Graf wies eine Summe an zur Unterstützung der von dem Prediger empfohlenen Familie , aber zu dessen großem Verdruß entschied er zugleich , daß dem alten Lorenz , den der Prediger seiner großen Schlechtigkeit wegen verabscheute , die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden müsse . Der Graf verlor sich in Nachdenken über den Brief des Predigers . Es schien ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers , des Barons zu entsprechen , mit so viel zärtlicher Schonung und Rücksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren . Vielmehr erlaubte er sich zu denken , daß der Baron , theils aus Leichtsinn , theils aus Gleichgültigkeit gegen alle menschlichen Gefühle , es natürlicher gefunden haben würde , über den ganzen Vorfall zu schweigen , die vorhandenen Summen zunächst zu verbrauchen , und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu überlassen , den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen . Dieser Brief nun zeigte eine gewisse Aengstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen , und fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden . Auch die Empfindsamkeit des Barons war dem Grafen sehr befremdend . Es schien ihm nicht glaublich , daß dessen durch ein langes Spielerleben verhärtetes Herz eine so zärtliche Neigung für den jungen Lorenz könne gefaßt haben , daß dessen Tod ihm eine gefährliche Krankheit zuziehen könne , und es dünkte ihm unmöglich , daß man , wenn man die Kräfte besitze , einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren , nicht auch so viel Kraft noch haben sollte , um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben , Falls man nicht durch Lähmung oder Verwundung daran verhindert würde , und doch waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben . Je mehr der Graf über alle diese Umstände nachdachte , um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller angegebenen Thatsachen , und es stieg die Vermuthung in ihm auf , die Sache könne sich umgekehrt verhalten , der Baron könne im Duell geblieben sein , und der junge Lorenz , von Hochmuth verleitet , sich dessen Papiere angeeignet haben und als Baron fortzuleben wünschen . Dieß angenommen ließ sich auch das Uebrige erklären . Es wurde ihm dann leicht , seinem Vater zu übermachen , was er selbst besessen hatte , wenn er sich in Besitz dessen setzte , was der Baron mitgenommen , dem ja der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte . Auch lag die Vermuthung nahe , daß das Duell über dessen Gewinn im Spiele entstanden sein könne , und es war erklärt , weßhalb der angebliche Baron die eigenhändige Unterschrift vermieden hatte . Je mehr der Graf über diese Umstände nachdachte , um so wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermuthung ; doch beschloß er gänzlich darüber zu schweigen und der Zeit die Aufklärung zu überlassen . Es war indessen der Frühling des Jahres achtzehn hundert und acht eingetreten . Der Graf , seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst , als der Gesellschaft . Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die daraus entspringenden Hoffnungen nicht theilen , und wie hoch er auch den Heldenmuth Schills achtete , so glaubte er doch , daß die Rettung des Vaterlandes unmöglich durch die schwachen Kräfte erreicht werden könne , die sich um den sammeln könnten , in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und Befreier ahneten . Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung für die nächste Zeit theilte , so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe , daß wenigstens die Hoffnung für die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in der Gegenwart schwieg , weil derjenige , welcher der Begeisterung der Berliner zu widersprechen wagte , beinah wie ein Landesverräther betrachtet wurde . Dem Obristen Thalheim war es unmöglich , dieselbe Mäßigung zu beobachten . Ihm , als einem alten Militär aus der Schule Friedrich des Zweiten , schien es an Wahnsinn zu gränzen , daß alle jungen Leute eine Stimme über kriegerische Operationen und über die Verwaltung des Staates haben wollten . Ihm schien es die einzig mögliche Verwaltungsart , daß der König und seine Minister über Krieg und Frieden bestimmten , dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen Offizieren übertrügen . Alles ,