Jubelgesang , wenn gleich die athemlose Brust ihm nur leise Töne noch zu leihen vermochte . So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit . Nur wenn sie Hippolits gedachte , des Verlassenen , dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den langen , einsamen , freudenarmen Lebensweg , der von nun an öde und düster sich vor dem Freunde durch eine unabsehbare Wüste hoffnungslos ausdehnen mußte ; und all ihr Streben ging nun dahin , seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen auszustatten , zu schmücken . Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille Ergebung es glorreich verdiente . Sie war ihm die liebendste Schwester , die innigste theilnehmendste Freundin , und jeder Tag brachte ihm neue rührende Beweise des reinsten , von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens . Die Tage schwanden , der Sommer flog vorüber , immer tiefer senkte sich die Sonne und der Wald schmückte sich abermals mit Purpur und Gold . Wieder ging der Sterbetag von Gabrielens Mutter auf , doch dießmal feierte sie ihn in frommer stiller Heiterkeit , gleich einem Feste der Auferstehung , nicht des Todes . Der kalte Stein , der die geliebte Hülle bedeckte , ward nach ihrer Angabe mit einer Fülle reicher Blumenkränze geschmückt , statt der Zypressen , die sie einst mit frommer Hand gewunden hatte . Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an diesem Tage gewohnten äußern Zeichen der Trauer entfernt , und kein langes schwarzes Gewand , kein dichter Kreppschleier verhüllte sie . Wie immer in blendendes Weiß gekleidet , saß sie am Abend des festlichen Tages an ihrem gewohnten Platze in einem großen Bogenfenster ; die seitwärts in das Eckzimmer fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklärten ihre blonden Locken zur himmlischen Glorie , genau wie an jenem für Hippolit unvergeßlichen Abende , da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah , als sie den dunkeln Lindengang hinabschwebte . Sie blickte hinaus in die herbstliche Wolkenpracht , die rosig und golden im tief-blauen Aether verglühte ; überirdisches Lächeln schwebte auf dem verklärten Angesicht , ihr dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten Entzückens auf der schimmernden Ferne , als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt herbei , und ihre Lippe regte sich unhörbar leise wie im Gebet . Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht , der heitern Feier dieses Tages länger zuzusehen , deren Deutung sie nur zu wohl verstanden ; sie hatten beide sich entfernt , um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen , und niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit . Schweigend betrachtete er sie , und wagte es kaum zu athmen , um sie nicht zu wecken . Auch er ahnete , von ihrem Gefühl durchdrungen , welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorüberschweben mochten ; ihm war , als empfinde auch er die Nähe der an diesem Tage zur ewigen Freude eingegangnen Mutter , der halb schon Verklärten , und kalt und geheimnißvoll hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn , den Lebenden , an . Wie ein Engel , der vom Himmel herabschwebt , um Sterblichen von seinen Freuden Kunde und Gewißheit zu geben , wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde endlich wieder zu ; sein Herz erwärmte sich an ihrem Blick , es war , als wolle sie zu ihm sprechen , als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen , doch schien sie bald wieder anders entschlossen , und bat ihn nur mit den Augen , ihr die Harfe zu reichen , die seit mehreren Tagen von ihr unberührt in einer Ecke lehnte . Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken , und nun begann unter ihren schwachen zarten Händen leise und langsam ein fremdartiges Tönen , gleich dem Nachhall himmlischer Lieder . Endlich erhob sich auch ihre süße Stimme , lieblicher , herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehört hatte , wenn gleich unendlich zart und leise . Es war gleichsam ein innerliches Singen , ein wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens . In kurzen abgerissenen Sätzen , oft unterbrochen von Harfenklängen , die , der Erdensprache erst Bedeutung gebend , wie zur Erläuterung forttönten , wenn diese wortarm verstummen mußte , sang Gabriele ein regelloses Lied , von der Begeisterung des Augenblicks eingegeben . Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermuthet , die jetzt erst neu in ihr erwacht , der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten eine nie zuvor von ihr geübte Sprache lieh . Gleich dem Schwane , der nur dann zum erstenmale mit süßen Klängen die Sterne begrüßt , wenn sie zum letztenmale die stille Fluth ihm versilbern , auf welcher er sterbend wogt . Gabrielens Lied sang alles Hoffen , Sehnen , Erwarten ihrer in Himmelswonne vergehenden Brust . Es waren Worte , es waren Töne , welche der Unsterblichkeit angehören und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag . Sie sang , bis sie erbleichend , verstummend in ihren Lehnstuhl erschöpft zurückfiel . Noch eine Weile flüsterten die Harfentöne , endlich verstummten auch sie . Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens Auge schloß sich einige Minuten lang wie im Schlummer ; doch bald öffnete es sich wieder und suchte Ihn , der , zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz überwältigt , in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken war . » Mein Freund ! mein theurer herzlich lieber Freund ! warum so ? « sprach sie zu ihm . » Ich dachte Muth und Hoffnung in Ihre Seele zu singen , denn ich selbst bin sehr freudig , sehr hoffnungsreich in meinem Gemüthe . Das Leben ist nicht minder kurz als schön , darum sollten wir nie die köstlichen Stunden der Gegenwart in voreiliger Trauer über eine vielleicht nahe , dunklere Zukunft verschwenden . Denken Sie daran daß ohne Trennung kein Wiedersehen möglich wäre . Und welches Wiedersehen erwartet uns dort über jenen glänzenden Welten , die durch unsre kurze Erdendämmerung leuchten ! « Es war zum erstenmale , daß Gabriele auf die Nähe ihres Scheidens so hindeutete . Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefühltem Schmerze zu vergehen , denn das ausgesprochne unheilverkündende Wort ist weit furchtbarer als unsre trübesten Gedanken es seyn können . Doch übte er auch in dieser bangen Stunde die gewohnte Kraft über sich selbst . Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in seinen Zügen . » Das Singen hat mich ein wenig angegriffen , weit mehr als ich es vermuthete , « sprach Gabriele sehr freundlich . » Und doch sind wir so ungestört , so traulich beisammen ! ich möchte die Zeit nützen , recht gern , recht viel mit Ihnen reden , auch wohl etwas von Ihnen erbitten ; ich werde ganz leise flüstern müssen . Doch das thut nichts , setzen Sie sich nur recht nahe zu mir , damit Sie mich verstehen , recht nahe , ich bitte . « Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklärlicher Angst , denn er hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke zu seyn schien ; aber er nahm sich zusammen , zog ein Taburett aus dem Fenster herbei und setzte sich dicht zu ihren Füßen . Sein Auge ruhte in ihrem , ihre Hand lag kalt und regungslos in der seinen , während sie mit der ihm so bekannten anmuthigen Beugung des schönen Hauptes sich gegen ihn hinneigte , und ganz leise und vertraulich zu ihm sprach . » Sehen Sie , wie das Abendroth sich noch so glänzend dort in den Fenstern der Kapelle spiegelt ? Ist es nicht genau so , wie heute vor vier Jahren - « » Guter Gott , theure Gabriele , an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem Momente ! « rief Hippolit erbleichend aus , von unwiderstehlichem Grauen und Schrecken ergriffen . » Ruhig , ruhig , mein Freund ! « erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele , » Sie können ja jener Stunde immer nur mit Dank und Rührung gedenken , so wie ich es auch thue . Gott würdigte mich damals des Glücks , Sie von einer großen Gefahr zu erretten , « setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden , zum Himmel gerichteten Blick hinzu . Dann wandte sie sich wieder an ihn , der , mit seinem Gefühle sichtbar kämpfend , jetzt wieder ruhiger da saß . » Die Vorsehung führte Sie damals vom Rande des furchtbarsten Abgrundes , in den wir Verblendete versinken können , hin , auf den Weg , der zum neuen , erhöhten Daseyn Sie gelangen ließ . Gottes Führungen sind unbegreiflich und gütig wie er selbst . Wer hat das anschaulicher erfahren als wir beide ? Darum , lieber Hippolit ! wollen wir auch nie uns Eigenmächtigkeit oder Widerstand erlauben . Wir wollen immer vertrauen , immer , immer , auch wenn es recht dunkel um uns wird ; jeder Nacht folgt ein hell leuchtender Tag , der alles Grauen verscheucht . « Sie schwieg einige Minuten , dann begann sie von neuem . » Vergeben Sie , wenn ich Ihnen wehe that durch die Erinnerung an jenen großen Wendepunkt ihrer Existenz , von dem alles Gute und Edle und Schöne ausgeht , das Sie seitdem sich aneigneten . - Ich wollte es nicht , doch was ich von Ihnen bitten wollte , hängt zu genau damit zusammen , und ich bin verlegen und weiß nicht wie ich es aussprechen soll . - Jenes Fläschchen , jener Kristall , der damals Ihren Händen entsank , den ich wenige Minuten später Ihrer Bewahrung anvertraute , bewahren Sie ihn noch ? und wo ? « » Ich bewahre ihn , auf meinem Herzen , « erwiderte nach kurzem Schweigen Hippolit , mit fast unhörbarem klanglosem Tone . » Hippolit ! « rief Gabriele mit ungewohnter Kraft , und richtete sich plötzlich hoch und ernst in ihrem Sessel empor . » Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem Herzen ? und seit wenn ? « » Seit - seit den letzten Wochen unsers Hierseyns , « entgegnete Hippolit , und verhüllte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhängenden Shawls . » Muth , armer Freund , und Friede Ihrem bangem Herzen , « sprach Gabriele , ihre schwachen Hände strebten ihn aufzurichten , und eine warme Thräne sank auf seine Stirne . » Ach Hippolit ! « sprach sie mit unendlich sanfter Stimme weiter , wie oft vergessen wir auf den Himmel zu bauen , wenn uns das Leben hier unter die ernste dunkle Seite zuwendet ! Darum sollten wir es wo möglich nie in unsere Macht stellen , der gefährlichen Wirkung des Augenblicks folgen zu können . Wir Schwache sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen , die ein einziger unbewachter Moment über unser Haupt rufen kann . - Der Tod , « fuhr sie nach einer kleinen Pause fort , » der Tod ist immer unserm Herzen nah ; warum , lieber Hippolit , warum ihn noch auf demselben tragen ? « Hippolit vermochte nicht , ihr zu antworten . Nach einigem Schweigen fuhr sie fort zu reden . » Jenes furchtbare Fläschchen , ich habe viel darüber nachgedacht und weiß jetzt , daß es ein Eigenthum meines Vaters war . Sie fanden es dort in den Ruinen , die , seinem letzten Wunsch gemäß , in sich selbst versinken müssen , mit allem was sie bedecken ; ist es nicht so ? « Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes . » Nichts von allem , was dort auf ewig begraben ward , darf das Licht des Tages wieder bescheinen ; so wollte es mein sterbender Vater , « fuhr Gabriele fort . » Darum bitte ich Sie mein Freund , ich bitte recht ernstlich , recht dringend , geben Sie der Finsterniß wieder was ihr geweiht ward . Tragen Sie noch heute , noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zurück zu jenem geheimnißvollen Gemäuer , versenken Sie ihn dort in tiefe , selbst Ihnen unzugängliche Kluft . Dort mag er ruhen , in dem weiten Grabe wo so vieles ruht . Wollen Sie es ? Wollen Sie mir die Freude gönnen , den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt erfüllt zu sehen ? « » Noch heute , noch in dieser Stunde , « erwiderte Hippolit , und drückte seine brennenden Augen auf ihre liebe Hand . » Wie könnte ich je Ihrem ausgesprochnen Willen widerstreben ! « » Dank Ihnen , innigen Dank , « erwiderte Gabriele , mit einem fast unfühlbaren Händedruck . » Sie haben Nachsicht mit meiner Schwäche , « setzte sie matt lächelnd hinzu , » Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen der Todten . Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem Zuwenig vorzuziehen ; nicht wahr lieber Hippolit ? « » Gabriele ! himmlisches Wesen ! nicht diese Engelmilde gegen mich , wenn ich nicht ganz vernichtet werden soll ! « rief Hippolit tief erschüttert . » Ich fühle alles , was Sie mir verbergen und andeuten , vergebens suchen Sie es mir zu verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen . Jene noch immer roth schimmernden Fenster der Kapelle , Ihre eigne verklärte Gestalt , sogar die Dämmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurück . Alles ist wie es war , alles heute wie damals ! Und doch , wie ist es auch so furchtbar anders ! Kindischer Thor der ich war ! daß ich damals schon das Unglück zu kennen wähnte ! « » Sie kannten es damals nicht , « fiel Gabriele ein ; » und glauben Sie mir , es kommt ein Tag , wo alles , was Ihr Herz heut so schwer belastet , Ihnen eben so erscheinen wird , als jetzt jener Schmerz , der damals Sie in Tod und Verzweiflung jagte , Ihnen erscheint . O mein theurer Hippolit , es kommt eine Stunde , in welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit seinen Freuden sich uns öffnet . Wie leicht , wie klein sehen wir dann alles , was uns vor kurzem noch so schwer , so unübersteiglich groß dünkte ! Geloben Sie mir , mein geliebter Freund , geloben Sie mir , diese meine Worte nie zu vergessen . Lieber lieber Hippolit , sie nicht zu vergessen , in keiner noch so dunkeln schweren Stunde Ihres Lebens . Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben ! Wer würfe nicht gern alles , was uns belastet , von sich , um einer geliebten entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen ? Doch mein edler Freund wird das Schwerere wählen , und es tragen , so lange die ewige Vorsicht es will . « Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus , doch er legte nicht versichernd die seine hinein . Dunkel , fast verzweifelnd starrte sein Blick hinaus in die Dämmerung , durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im Abendschimmer röthlich erglänzten . » Undurchdringliche Nacht verhüllt uns das Jenseits , « sprach jetzt mit bewegter Stimme Gabriele , wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit , und es ist verwegen , mit sterblicher Zunge von Göttlichem stammeln zu wollen . Doch den Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein , der den ewigen herrlichen Ost uns verkündet ; er heißt Hoffnung des Wiedersehens ! Ach und doch wäre es möglich , daß eigenmächtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse , die dieses Hoffen vielleicht vernichtet , vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt . Längre Prüfung in andern Welten erwartet vielleicht den , der ungerufen diese verläßt . - Schrecklich , schrecklich muß es seyn , furchtbar über alle Beschreibung , « sprach sie lauter und heftiger ; » es würde mir den Tod erst zum Tode machen , wenn ich entschlummern müßte , ohne die beruhigende Zuversicht , daß alle , die ich liebe , vertrauend , wenn gleich weinend mir nachblicken werden , und daß keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird , der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit vernichten könnte . « An allen Kräften erschöpft , bleich , leblos beinah , sank Gabriele mit diesen Worten in ihren Sessel zurück , aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten . » Heilige ! Verklärte ! « rief jetzt dieser , außer sich vor unaussprechlicher Angst , und warf sich , ihre Knie umfassend , vor ihr nieder . » O entschwebe mir noch nicht ! Nimm mein Gelübde mit , daß ich Deinen Willen erfülle , sey es noch so schwer ; daß ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reißen will . Ja ich will noch leben , weil Du es gebeutst , ich will noch leben und athmen so lange ich kann , auch wenn Du - « Thränen erstickten seine Worte . Gabriele vermochte es nicht ihm zu antworten , aber ihre Hände ruhten segnend auf seinem Haupte , ein dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen , und ihr gen Himmel gerichtetes glänzendes Auge erhob sich betend für ihn . Bange , leise , wehmüthig einander zulächelnd , und doch unfähig jeder ausgesprochnen Mittheilung ihres Gefühls , wandelten in den nächstfolgenden Tagen Gabrielens Freunde neben einander her . Im Schlosse herrschte eine bange schwüle Stille , wie vor einem Gewitter , und auch draußen war es so in der Natur . Alle Gipfel ruhten , kein Lüftchen spielte in den goldigen Blättern , sie fielen von selbst leise und langsam , man hörte das flüsternde Rieseln ihres Niedersinkens , weil kein stärkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte . Gabriele blickte täglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche Pracht , denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre große , wenn gleich schmerzlose Mattigkeit nicht mehr . Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schöne Blume bleicher und immer bleicher sich neigen , aber ihr Geist loderte immer sichrer und heller auf , ihre Theilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte sich immer freudiger . Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen , denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseyns noch geizen zu wollen und wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit daran , sie alle so lange als möglich in ihrer Nähe festzuhalten . Ihr Auge wandte sich in dem kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern . Lächelnd suchte es den treuen Ernesto , der liebenden Freundin Muth und Licht in die Seele zu strahlen ; dann ruhte es wehmüthig auf Hippoliten , der , ganz in sich verloren , sich und den Schmerz , und jede Klage , selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem Anblick vergaß , während Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mühsamsten Anstrengung aller ihrer Kräfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten . Gabriele redete in diesen Tagen ungewöhnlich viel von Ottokar , und von einer frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung . » Ernesto war nur sein Vorläufer , gebt Acht , unversehens ist er da ! « sprach sie mit einer eignen Art von Gewißheit , für die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben wußte , denn er hatte nur kürzlich geschrieben , und den Willen , Rom zu verlassen , auf keine Weise geäußert . Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter ließ Gabriele etwas früher als gewöhnlich Hippoliten zu sich entbieten . Er eilte herbei . Alles im Zimmer hatte ein eignes festliches Ansehen . Wölkchen von Wohlgerüchen durchkräuselten es in bläulichem Duft , Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in einer Blumenlaube zu ruhen , denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in schönen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Früchte fügten sich im gefälligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen . Die durch die herabgelaßnen rothen Vorhänge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele noch einmal den flüchtigen Schimmer der Gesundheit . Sie selbst hatte mit mehr als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmücken lassen , ihre reichen Zöpfe waren zierlicher aufgeflochten , ihre Locken umkräuselten die schöne Stirn in gewählterer Form , und ein weiter , kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weißen Morgenkleide ruhende schlanke Gestalt . Nie war Gabriele schöner gewesen als in diesem Moment , doch war ihre Schönheit nicht mehr von dieser Welt . Freundlich winkte sie dem Eintretenden , näher zu kommen . Er that es und sank unwillkürlich zu ihren Füßen hin , in Anbetung und Liebe verloren . Eine eigne Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt , sie leuchtete aus seinen Augen , während er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete . » Hippolit , « flüsterte sie leise , » theurer , geliebter Hippolit ! ja ich fühle es , Sie werden durch ungestümen Schmerz die heiligste schönste Stunde meines Lebens mir nicht stören ; sie ist die Krone unsers Daseyns , ihr darf keine andre folgen . Auch gehöre ich den Lebenden nicht mehr an ; - erschrick nicht so über dieses Wort , erschrick nicht , daß ich gewiß weiß , ich werde die Sonne , die jetzt uns leuchtet , nicht mehr sinken sehen . « Mit einem kaum unterdrückten Schrei fuhr Hippolit in die Höhe , der Thüre zu , als wolle er Beistand , Hülfe herbei rufen oder suchen , doch ihre sanfte Gewalt , ihr flehendes Auge und die innre Ueberzeugung , daß jeder Versuch , zu helfen , hier nur quälend mißlingen könne , zogen ihn wieder zu ihren Füßen hin . Sein starrendes Auge , sein Beben , sein tödtliches Erbleichen machten ihn einem Sterbenden weit ähnlicher als Gabriele es war . » Erwache , o erwache , « rief sie , » geliebtester aller Menschen , erwache und segne mit mir diese Stunde , die den lange gehegten einzigen Wunsch meines Herzens , den Lohn alles meines Strebens mir gewährt . Die Sterbende darf gestehen , was der Lebenden strenge Pflicht war , tief in der Brust , unter unsäglichen Schmerzen zu vergraben . « Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer , ihre Wangen färbten sich , alle ihre Züge verklärten sich zu unaussprechlicher Schönheit . » Ja Dich , Dich habe ich geliebt ! « sprach sie mit vor Entzücken bebender Stimme , » Dich liebe ich , Dich allein , Du Einziger , Geliebtester , Du mein Hippolit , nur Dich ! ich liebe Dich wie Du mich liebst , und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen . Ich sterbe , weil ich Dich liebte , ich sterbe beglückt , daß ich nur einmal mein Herz Dir öffnen darf , entzückt , beglückt , und nun laß mich enden . Die Erde beut mir nichts mehr nach dieser Stunde , die alle meine Fesseln zerreißt ! Ich darf dem Leben nicht mehr angehören , aber ich gehöre Dein ! Dein ! von nun an , und an diesen Moment gränzt eine wonnevolle Ewigkeit ! « Das seligste Entzücken , der zerreißendste Schmerz , Gabrielens geliebte Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewußtseyn ; in Thränen , Seufzern , Blicken mehr noch als in Worten , tauschten die Liebenden alles Weh und alle Wonnen ihres Daseyns gegen einander aus . Die Stunde , die sie so mit einander zubrachten , gehört nicht ins irdische Leben , keine Vergangenheit , keine Zukunft begränzt sie ; sie steht da , einzig , für sich allein gleich der Ewigkeit , jedem Versuch , sie zu schildern , unerreichbar . Es war stille im Zimmer geworden , ganz still . Ernesto trat leise herein , ihm folgte Frau von Willnangen . Die Geschichte eines großen unverhofften frohen Ereignisses glänzte in Beider Augen , schwebte sichtbar auf Beider Lippen . Sie fanden Hippoliten auf dem Taburett neben Gabrielens Sessel knieend , ihr Haupt ruhte an seiner Brust , einer ihrer Arme hielt ihn umschlungen , die Hand des andern hielt er in der seinen , ein liebes Lächeln umspielte ihre Lippen , sie schlummerte tief und süß . Hippolit regte sich nicht beim Eintritt seiner Freunde . Sie winkten ihm , sie riefen leise seinen Namen , er achtete nicht darauf oder ward es nicht gewahr . Endlich nahte sich ihm Frau von Willnangen leise und behutsam . » Sie schläft , « flüsterte sie , » wie sanft , wie fest , doch auch wie unbequem ; sehen Sie , wie ihr Arm , ihre Wange gedrückt werden . « Mit diesen Worten versuchte sie es , Gabrielen mit großer Sorgfalt , wie ein unter Spielen eingeschlummertes Kind , zurück in die Kissen zu legen . Es gelang . Hippolit ließ es ohne Widerstand geschehen , und Gabriele erwachte nicht . Ernesto nahte und zog Hippoliten in die fernste Ecke des Zimmers , Frau von Willnangen blieb gleich einer über die Wiege ihres kranken Kindes gebeugten Mutter neben Gabrielen stehen und bewachte ihren Schlummer ; Hippolit folgte gelassen dem Freunde , wohin er ihn führen wollte . » Gabrielen steht beim Erwachen eine große Erschütterung bevor , « flüsterte Ernesto Hippoliten mit freudig glänzenden Augen zu . » Da gilt es Vorsicht und die sorgsamste Behutsamkeit . Lieber Hippolit ! weiß ich doch kaum wie ich Dir es entdecken soll . Gabrielens Prophezeihung ist eingetroffen , Ottokar ist wirklich da und harrt der Erlaubniß , ihr zu nahen . Was er bringt , wird sie weit später , nach und nach erfahren müssen ; es ist ein Glück , aber es wird ihr sanftes Gemüth doch verwunden . Ottokar kommt von Pisa . Lieber Hippolit ! Moritz ist gestorben , ach ! nun kann alles noch sehr gut werden , und - « » Gabriele ist tod ! « schrie Frau von Willnangen mit dem klanglosen Tone des wildesten Schreckens , und sank neben ihr hin . Was läßt sich von den Ueberlebenden ferner sagen ? Allein , von niemanden gesehen , verweilte Ottokar eine Weile neben der geliebten Todten , der untergesunknen Sonne seiner Jugend ; dann schloß er den unglücklichen Freund in seine Arme , der bewußtlos und starr ohne Thränen , ohne einen Laut , kaum noch dem Leben anzugehören schien . Seinen mit ihm gekommnen Sohn übergab Ottokar dem treuen Ernesto , und bat ihn , den armen , mit den Weinenden ängstlich weinenden Knaben zurück nach Rom zu begleiten , dort seiner Zurückkunft zu harren . Er selbst nahm den durchaus in nichts widerstrebenden Hippolit an seine Brust , führte ihn in den noch dastehenden Reisewagen , in welchem er eben gekommen war , und fuhr mit ihm fort , gleichviel wohin . Man sagt , Ottokar sey nach etwas mehr als Jahresfrist traurig und ganz allein wieder in seinem Hause in Rom angelangt , eben noch früh genug , um den treuen Ernesto zur Piramide des Cestius zu geleiten . Fußnoten 1 Nimm das letzte Pfand meiner Liebe - Freiheit und Tod . Aus Virginia , Trauerspiel von Alfieri . 2 Dem Schmerze lächeln .