bezeugen auffordere , ob nicht der unterdrückte Rest noch unschicklichere Angriffe enthalten habe und aus gleichen Gründen von ihm wie von mir unterschlagen worden ist . Darauf wurde der Roman an Hrn . von Trattner in Wien geschickt , weil man dahin , sagte Vult , nur halb frankieren dürfe . » Ich danke Gott , sobald ich nur hoffen kann « , sagte Walt . Die neue Arbeit wurde der alten mit beigelegt . Der Buchhändler blieb dabei , daß er jede Woche nicht mehr als einen Korrektur- Bogen zuschickte und folglich dieses Erbamt des Korrektorats ungewöhnlich ausdehnte . Der Notarius beging jede Woche zwar nicht neue Korrektorats-Fehler , aber unzählige ; nur über den Buchstaben W keine , weil sein Wohl und Weh , Wina , damit anfing . Tot-öde wäre das Doppel-Leben der Brüder ausgefallen ohne die Liebe , welche den Baugefangenen der Not die höchsten Luftschlösser erbauen läßt , welches so viel ist , als sie bewohnen ! Nichts erträgt die Jugend leichter als Armut ( so wie das Alter nichts leichter als Reichtum ) ; denn irgendeine Liebe - sie meine ein Herz oder eine Wissenschaft - erhellet ihre dunkle Gegenwart künstlich und lässet sie im künstlichen Tage so freudig sein , als sei es ein wahrer , wie Vögel vor dem Nachtlicht fortschlagen , weil sie es für einen Tag ansehen . Vult war nun entschlossen , in der Neujahrs-Nacht auf Winas Herz seine feindliche Landung - mit der Flöte in der Hand - zu machen . Hoffnungen hatt ' er - da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird und aus dem Faktor der Handelswitwe leicht ihr Mann - genug : » Wenn ein Paar durch das Ausführen eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden : so irr ' ich mich sehr « , sagt ' er . Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den , Wina verstohlen anzuschauen - vor Freude zu weinen - ja heranzurücken mit sich - und , wenn Gott ihm Finsternis oder sonst Gelegenheit bescherte , im Saus und Braus der Wonne ihre Hand zu küssen und gewiß irgend etwas zu sagen . Bis dahin sagte er ihr noch mehr , aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier . Da er nämlich durch seinen poetischen Anteil an der Haßlauer Zeitung das Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte , daß dieser von ihm die ganze Lieferung gedichteter Neujahrswünsche , eines beträchtlichen Handels-Artikels des Mannes , sich verschrieben , so legte er in die Blätter , die für Mädchen verkauft wurden , unzählige Phönix- , Paradiesvögel-und Nachtigallen- Eier zum Wünschen nieder , welche das Schicksal später ausbrüten sollte ; nämlich es gab mit anderen Worten wenig Freudenkränze , Freudenmonde , Freudensonnen , Freudenhimmel , Freudenewigkeiten , welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Mädchen wünschte , bloß in der Hoffnung , daß unter so vielen Wünschen wenigstens einer von so vielen Freundinnen Winas werde gekauft werden , für diese . » O wohl zehn ! « sagt ' er . So kam Weihnachten heran und ging vorüber , ohne daß aus der Asche der Kindheit die gewöhnlichen schillernden Phönixe aufstiegen - da die Neujahrs-Nacht ihnen zu nahe vorglänzte - , und diese brach endlich mit ihrer Abend-Aurora an , die noch dem alten Jahre gehörte . Noch abends beim Schimmer des Hesperus oder sonst eines Sterns verflucht ' es Vult von neuem , daß er nichts weiter hatte als die schönste Gelegenheit , aber kein Geld , nachts den galantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen : » Ich wollte , ich wäre wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der Neujahrsfahrer umhergeschifft und hätte wenigstens mir soviel erbettelt , um den Reichen zu machen « , sagt ' er . Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr morgens in die große gelbe Stube mit dem Bewußten bestellte : so ging er nachts mit Walt freudeglühend in das Weinhaus , wo er als ein alter Hausfreund den Tag vorher ( es kostete ihm bloß seine feinen Beinkleider-Schnallen ) Champagner-Wein ohne Kork aufs Eis setzen lassen , um , wie er sagte , die Ruinen ihres Hunds-Lebens ein wenig auszutapezieren . Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit , um zu begreifen , daß dem offenen Weine kein Weingeist verrauchet sei . Dann trank - allen Nachrichten zufolge , die man hat - jeder ; doch so , daß beide einander als positive und negative Wolken entladend entgegenblitzten , Walt mehr mit scherzhaften Einfällen , Vult mit ernsten . In einer Blumenlese aus ihrem Gespräche würden die Farben so bunt nebeneinander kommen , als hier zur Probe folgt : » Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit als ein Perlenfischer zum Perlen-Aufgreifen , etwa zwei Minuten . - Manche Staatseinrichtungen zünden ein Schadenfeuer an , um die eingefrornen Wasserspritzen aufzutauen , damit sie es löschen . - Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf , um oben auf dem Eisberge zu sterben . - Jeder bleibt wenigstens in einer Sache wider Willen Original , in der Weise zu niesen . - Winckelmann verdient Suworows Ehrennamen Italiskoi . - Heimlich glauben die meisten , Gott existiere bloß , damit sie erschaffen wurden ; und die durch den Äther ausgestreckte Welten-Partie sei die Erdzunge ihres Dunst-Meers , oder ihre Erde sei die Himmelszunge . - Jeder ist dem andern zugleich Sonne und Sonnenblume , er wird gewendet und wendet . - Viele Witzköpfe an einer Tafel , heißt das nicht mehrere herrliche Weine in ein Glas zusammengießen ? - Kann eine Sonne mit andern Kugeln als Welt-Kugeln beschossen werden ? - Sterben heißt sich selber durch Schnarchen wecken . « Und so weiter ; denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr Feuer . So schlug endlich die Totenglocke des Jahrs ; und der unsichtbare Neumond des neuen schrieb sich bald mit einer Silber-Linie in den Himmel ein . Als die Gläser endlich geleert waren wie das Jahr : so lustwandelten beide auf der Gasse , wo es so hell war wie am Tage . Überall riefen sich Freunde , die von Freuden-Gelagen herkamen , den Neujahrs-Gruß zu , in welchem alle Morgen-und Abendgrüße eingewickelt liegen . Auf dem Turm-Geländer sah man die Anbläser des Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich ; Walt dachte sich in ihre Höhe hinauf , und in dieser kam es ihm vor , als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll wirbelnder Gestalten am Horizont heraufziehen ; und die Töne nannten die Gestalten künftiger Stunden beim Namen . Die Sterne standen als Morgensterne des ewigen Morgens am Himmel , der keinen Abend und Morgen kennt ; aber die Menschen schaueten hinauf , als gäb ' es droben ihren eiligen Wechsel und ihre Stunden-und ihre Totenglocken und den deutschen Januar . Unter diesen Gefühlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligenbild , von Sternen gekrönt , und der Himmels-Schein zeigte ihre großen Augen heller und ihre sanften Rosenlippen näher . Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr , das an der Geburt des neuen starb , das Vergehen des Lebens dar ; die Liebe verwandelt alles in Glanz , Tränen und Gräber ; und vor ihr berührt das Leben , wie die niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage , nur mit dem Rande die Untergangs- Erde und steigt dann wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf . Beide Freunde gingen Arm in Arm , endlich Hand in Hand in den Straßen umher . Walts kurze Lustigkeit war dem tiefern Fühlen gewichen . Er sah sich oft um und in Vults Gesicht hinein : » So müssen wir bleiben in einem fort , wie jetzt « , sagt ' er . Geschwind drückte ihm Vult die Hand auf den Mund und sagte : » Der Teufel hörts ! « - » Und Gott auch « , versetzte Walt ; und fügte dann leise , rosenrot und abgewandt hinzu : » In solchen Nächten solltest du auch einmal das Wort Geliebte ! sprechen . « - » Wie ? « sagte Vult rot , » dies wäre ja toll . « Nach langem Genuß des hellen Vorfestes sahen sie endlich Wina mit Engelberta wie eine weiße Blumen-Knospe in das Feuerhaus einschlüpfen . Hoffend auf die ausgearbeiteten Pläne seiner Liebeserklärung und so glücklich wie ein Astronom , dem sich der Himmel aufklärt , ehe sich der Mond total verfinstert , suchte Vult jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Liebhaber- Theater wegzustellen , indem er ihm vorhielt , wenn er in einiger Ferne z.B. unten im Park zuhorchte , würden ihn die Töne viel feiner ergreifen . » Guckst du mir über die Achsel : so ists soviel , als schnaubest du selber mit ins Flötenloch hinein , wobei wenig zu holen ist ; und was überhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager , das zwei junge Männer vor ihrem eignen im Bette aufschlagen , sagt , braucht doch auch Bedacht , mein Walt ! « - » Da es dir so lieb ist , so wend ' ich nichts ein « , sagte dieser und ging in den kalten Garten , wo der blendende Schnee so gut gestirnt war als der tiefe Äther . Aber oben ging es wider Vults Vermuten , doch nicht wider dessen Wunsch . Engelberta versicherte , ihre Schwester würde , da sie Flöte und Stimme so kenne , vom ersten Anklang erwachen und alles verderben . » So muß die Musik in größter Ferne anfangen und wachsend sich nähern . « - » Gut , das geschieht im Park « , sagte Wina und eilte hinab . Auf der Treppe , hinter nahen Ohren , nahm Vult eiligst alle musikalische Abreden mit ihr , damit er auf dem einsamern Park-Wege nichts zu machen brauchte als seine Eroberung . Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine stille Pulverschlange , die bloß auf das Loszünden wartete , der Notar auf der Hauptstraße , der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach , mitzugehen und alles zu begleiten . Wina gab ihm einen freudigen Morgen- , dann noch einen Neujahrs-Gruß und die Frage : » Geht nicht alles vortrefflich ? « - » Sta , Sta , Viator ! « sagte Vult und winkte ihm heftig rückwärts , stillzuliegen - was jener nachdenkend vollzog , » weil ich ja « , dacht ' er , » nicht weiß , was er für Ursachen dazu hat « . » Ein wahrer , inniger Mensch und Dichter « , begann Vult . » Seine Gedichte sind himmlisch « , versetzte sie . » Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser verwechselt ? « fragt ' er rasch , weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt nichts fehlte als Zeit . » Ein solcher Irrtum verdient nicht die geringste Verzeihung , sondern Dank . Eine andere , aber richtigere Verwechslung denk ' ich mir eher - ( Wina sah ihn scharf an ) . Denn ich und er haben ein paar gegenseitige Zwillings-Geheimnisse des Lebens , die ich niemand in der Welt entdecke - außer Ihnen , denn ich vertraue Ihnen . « - » Ich wünsche nichts zu wissen , was ihr Freund nicht gern erlaubt « , versetzte sie . Jetzt sprang er , weil das Entdeckungs-Gespräch viel zu lange Wendungen nahm und er vergeblich auf langsamere Schritte sann , um ihr näher zu kommen , plötzlich vor eine Linde und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab : » Noch im Mondenschimmer tönen Bienen in den Blüten hier und saugen Honig auf ; du schlummerst schon , Freundin , und ich ruh ' hier und denk ' an dich , aber träumst du , wer dich liebt ? « » Eilen wir nur « , sagte sie . » Wie köstlich ist ihr Auge wiederhergestellt ! « - » Ich nehme auch alles lieber von Amor an , besonders die Giftpfeile , als die Binde ; ich sah Sie stets , verehrte Wina , wer dabei von uns beiden am meisten gewinnt , das weiß nicht ich , sondern Sie « , sagte er mit feiner Miene . » Schön « , fuhr er fort , » hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt : träumst du , wer dich liebt ? « - Darauf drehte er sich halb gegen sie , sang ihr leise diese Zeile , die er absichtlich zu diesem Gebrauche komponiert , ins treuherzige Angesicht , und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe . Da sie schwieg und stärker eilte : so nahm er ihre Hand , die sie ihm ließ , und sagte : » Wina , Ihr schönes Herz errät mich , Ihnen will ich anders , ja , wenns nicht zu stolz ist , ähnlicher erscheinen als der Menge . Ich habe nichts als mein Herz und mein Leben ; aber beides sei der Besten geweiht . « - » Dort , Guter ! « sagte sie leise , zog ihn eiliger an die Stelle , wo sie spielen wollten ; dann stand sie still , nahm auch seine andre Hand , hob die Augen voll unendlicher Liebe zu ihm empor , und auf ihrem reinen Angesicht standen alle Gedanken klar , wie helle Tautropfen auf einer Blume . » Guter Jüngling , ich bin so aufrichtig als Sie , bei diesem heiligen Himmel über uns versichere ich Sie , ich würd ' es Ihnen offen und froh gestehen , wenn ich Sie liebte , in dem Sinne , worin Sie es wahrscheinlich meinen . Wahrlich , ich tät ' es kühn aus Liebe gegen Sie . Schon jetzt schmerzen Sie mich . Sie haben meinen Morgen gestört , und meine Raphaela wird mich nicht froh genug finden . « Vult zog , schon ehe sie die letzten Worte sagte , die Flötenstücke heraus , setzte sie zusammen und gab , nur einen Blick hinwerfend , ein stummes Zeichen anzufangen . Sie begann mit erstickter Stimme , eine kurze Zeit darauf mehr forte , aber bald ordentlich . Walt durchschnitt den Hauptgang unten hin und her , um beiden nachzublicken , bis sie ihm ferne in den Mondschimmer wie zergingen . Endlich hörte er den wunderbaren Gruß-Gesang an die Schlafende , seine eigenen Worte , aus der Dämmer-Ferne und sein Herz in eine fremde Brust versetzt , wie es der armen Schläferin droben , an die selber er bisher gerade am wenigsten gedacht , die Worte sagt : » Erwache froh , geliebtes Herz ! « - Er sah deshalb aufrichtig mit Glückwünschen an ihr Fenster hinauf , um sich zu entschuldigen , und wünscht ' ihr alles , was Leben und Liebe Schönes zu reichen haben , unter dem größten Bedauern , daß ihr Flitte gerade verreiset sein mußte . » Möchtest du dich doch , gutes Mädchen « , dacht ' er , » täglich für immer schöner halten , wär ' es auch nicht ganz wahr ! Und deine Mutter , deine Wina müsse auch so denken , um sich sehr an dir zu freuen ! « Auf einmal hört ' er Engelberta , die ihm riet , er möge , wenn er sich warm laufen wolle , lieber ins Haus hinauf . Da ihn nun diese Aufmerksamkeit eines Zeugen störte : so ging er ins nahe Rindenhaus , wo er nichts sah als über sich das nächtliche Himmelsblau mit dem hereinstrahlenden Monde und nichts hörte und in sich hatte als die süßen Worte der fernen zarten Lippen . Er sah hinter der Rinde die schimmernde Wildnis des Himmels aufgetan und er jauchzete , daß das neue Jahr in seiner mit Sternen besetzten Morgenkleidung so groß und voll Gaben vor ihn trat . Nun kam Wina , die melodische Weckerin zum Wiegenfesttage , immer näher mit stärkeren Tönen , Vult hinter ihr , um die heißen Tränen des Unmuts , die er neben der Flöte nicht trocknen konnte , niemand zu zeigen als der Nacht . In der Nähe gab ihr Engelberta auf das Schlafzimmer der Schwester und Walts Rinden-Rotunda winkende Zeichen , welchen sie zu folgen glaubte , wenn sie sich in die Rotunda singend verbarg , um da sich und ihr Frühlings-Lied von der erwachenden Freundin finden zu lassen . Sie fand den Notar mit dem Auge auf dem Monde , mit dem Geiste in dem blauen Äther - ihre näheren Töne und Vults fernere hatten ihn berauscht und außer sich und außer die Welt gesetzt . Eigentlich versteht niemand als nur Gott unsere Musik ; wir machen sie , wie taubstumme Schüler von Heinicke Worte , und vernehmen selber die Sprache nicht , die wir reden . Wina mußte fortsingen und die Anrede durch ein englisches Anlächeln ersetzen . Da er gleichfalls nichts sagen durfte , so lächelte er auch an , und sehr , und schwamm vor ihr in Liebe und Wonne . Als sie nun die schöne melodische Zeile sang : » Träumst du , wer dich liebt ? « und sie so nahe an seiner Brust die heimlichen Laute derselben nachsprach : so sank er auf die Knie , unwissend , ob zum Beten oder zum Lieben , und sah auf zu ihr , welche vom Mond wie eine obenherabgekommene Madonna umkleidet wurde mit dem Nachglanze des Himmels . Sie legte sanft die rechte Hand auf sein weichlockiges Haupt ; - er hob seine beiden auf und drückte sie an seine Stirn ; - die Berührung lösete den sanften Geist in Freudenfeuer auf , wie eine weiche Blume in üppiger Sommernacht Blitze wirft - Freudentränen , Freudenseufzer , Sterne und Klänge , Himmel und Erde zerrannen ineinander zu einem Äthermeere , er hielt , ohne zu wissen wie , ihre Linke an sein pochendes Herz gedrückt , und der nahe Gesang schien ihm wie einem Ohnmächtigen aus weiten Fernen herzuwehen . Die Flöte stand ganz nahe , das letzte Wort wurde gesungen . Wina zog ihn sanft von der Erde auf ; er glaubte noch immer , es töne um ihn . Da kam mit freudigem Ungestüm Raphaela hineingestürzt , an die Brust der Geberin des schönsten Morgens . Wina erschrak nicht , aber Gottwalt - sie gab der Freundin eine ganze Freundin . Sie sagte zu Gottwalt , der nicht sprechen konnte : » Wir sehen uns abends wieder , am Montage ? « - » Bei Gott « , antwortete er , ohne das Mittel zu kennen . Jetzt trat Vult hinzu und empfing von Raphaela lauten Dank , und er verließ schweigend mit Walt den seltsamen Garten . Oben hing sich dieser warm an seinen Hals . Vult nahm es für Freuden-Lohn seiner Bemühung um Raphaelens Morgenfest und drückt ' ihn einmal an die Brust . » Laß mich reden , Bruder « , begann Walt . » O laß mich schlafen , Walt « , versetzte er - » nur Schlaf her , aber rechten tiefen , dunkeln ; wo man von Finsternis in Finsternis fällt . O Bruder , was ist recht derber Schlaf nicht für ein köstlicher weiter Landsee für beidlebige Tiere , z.B. einen Aal , der matt vom schwülen Lande kommt , und der nun im Kühlen , Dunkeln , Weiten schwanken und schweben kann ! - Oder leugnest du so etwas , und mehr ? « - » Nun , so gebe dir Gott doch Träume , und die seligsten , die ein Schlaf nur haben kann « , sagte Walt . Nr. 62. Saustein Einleitungen Walt hatte nun in seinem ( mit Blumen ausgeschmückten ) Kopf nichts weiter als den Montag , an welchem er Wina sehen sollte , ohne zu wissen wo . Nach einigen Tagen ließ ihm Raphaela durch Flora sagen , die Redoute am Montage sei durch eine Landestrauer verschoben . Er stutzte das Mädchen an und sagte : » Wie , es war eine Redoute ? « Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte und anmerkte , wahrscheinlich habe ihn Engelberta dahin bestellt und lasse es fein genug durch die Schwester sagen , so ging ihm ein Licht , ja ein Stern über Winas Montag auf . Seine Gehirnkammern wurden vier Maskensäle ; er schwur , so lange sich abzukargen - und sollte er verhungern - , bis er so viel Geld zusammen hätte , daß er zum erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen könnte . » Hab ' ich einmal eine Maske vor « , dacht ' er , » so tanz ' ich selig mit ihr oder führe sie und frage wahrlich nichts darnach , wie alles aussieht . « Wie sanft hätte es ihn berührt und gewärmt , wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und Geheimnis hätte ziehen können ! Nur wars zu unmöglich . Die Schmerzen hatten in diesen harten Edelstein Winas Namen und Nein sehr tief geschnitten - dies ertrug er nicht , sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern , damit nichts mehr daran zu lesen wäre ; nicht vor Liebe , sondern vor Ehrliebe , nicht vor Sehnsucht , sondern vor Rachsucht hätte er sterben oder töten können . In diesem Zustand war es jedem , der kein Notarius war , schwer , mit ihm auszukommen . Vor allen Dingen mißfiel ihm die Nähe und die Ferne , er verfluchte Quartier und Stadt , jenes fein , diese geradezu , indem er sie eine Schaluppe zu Brants Narrenschiff- eine Loge zum hohen Licht voll ausgelöschter , stinkender Studierlampen - ein Gebeinhaus von Geköpften ohne Schädelstätte - eine Tierresidenz mit Viehmarkt und Tiergärten , feinen Käferkabinetten und einigen Mäusetürmen nannte ; Ausdrücke , wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz hineinnahm . Walt leitete die Ergießungen auf die Stadt doch auf sich selber , nämlich als ob der Bruder sagen wollte : » Deinetwegen sitz ' ich im Nest . « - » Ach wärst du doch glücklicher , Vult « , sagte er einmal , und nicht mehr . » Was hast du von mir gehört ? « sagte zornig Vult . » Nun eben das vorige « , versetzte er und nahm ihm den Argwohn , daß er um die Fehlschlagung seiner Liebes-Erklärung wüßte . Am schönen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemalte Bühnen-Dörfchen verschliß jetzt aller vorige Glanz . Vult donnerte - als wäre Walt an der Störung des Flötens und Schreibens schuld - hinter der Wand , wenn draußen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf der Trommel nach Vermögen übte und angriff ; - oder wenn der näher wohnende Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach , das schrie , wenn er blies ; - oder nachts , wenn der Nachtwächter so abscheulich absang , daß Vult mehrmals im Mondschein ihm über den Park hinüber die stärksten Schimpf- und Drohworte zuschreien mußte . Die milde Wärme des ewig liebenden Notars trieb und blähte seinen Sauerteig nur mehr auf ; » auch ich wäre an seiner Stelle « , sagte Vult , » ein Gottes-Lamm und eine Madonna und ein Johannes-Schoß-Jünger , wenn ich das hätte , wofür er seine Grazie hält . « Der Notar aber dachte bloß an den Larventanz und an die Mittel dazu . » O liebte nur mein Bruder irgendeine Geliebte , wie leicht und selig wollten wir sein ! Wir drückten dann alle uns an eine Brust , und welche er auch liebte , es wäre meine Geliebte mit . - So ists leicht , ihm alles zu vergeben , wenn man sich an seine trübe Stelle nur setzt ! « Zufällig verflogen sich in ihre Zimmer Lose einer Kleiderlotterie . Da nun Walt aus der Sattel- und Geschirrkammer der Masken manches brauchte und nichts hatte , und Vult gar noch weniger , und doch beide in die Redoute begehrten : so nahm jeder ein Los , um etwa eine Maske zu ziehen . Beide scharrten das Losgeld zusammen , Vult unter vielem Fluchen auf ihre Nichtshaberei und unter dem Beschwören , es geh ' ihm so schlimm als den Hinterbacken eines Gaules . - Überhaupt hielt er über jeden Mangel und Unfall lange Schimpfreden gegen das Leben , indem er sagte , auf der Vorhöllen-Fahrt sei das Leben ein Hemde-Wechseln , nämlich mit Hären-Hemden , und zu jedem pis sage das Schicksal bis , und auf das Kanonen-Fieber folge das Lazarett-Fieber - oder indem er fragte , ob nicht so das Gebiß den Zahnfraß bekommen müßte , da es nichts anderes anzubeißen habe , wie Mühlsteine ohne Körner sich selber angreifen . - Bald sagte er auch , das Leben sei durch Eis gut darzustellen - auf einem Eisfeld habe man , außer kalter Küche und Gefrornes , noch seinen russischen Eispalast mit einem guten Eiskeller für Kühltränke , und , von Eisvögeln umsungen , drücke man den Glacier ans Herz , in der heißern Zeit eines Maifrosts . - » Ich kann dir nicht sagen « , sagt ' er unter dem Anziehen einmal , » wie sehr ich wünschte , es wäre bei uns wie bei den Dahomets in Ober-Guinea , wo niemand Strümpfe tragen darf als der König , und es wäre jetzt wie unter Karl dem VII. von Frankreich , wo im ganzen Lande niemand zwei Hemden besaß als seine Gemahlin . « - » Warum ? « fragte Walt . » Ei , dann könnten wir uns recht gut mit unserm Stand entschuldigen « , versetzte er . Durch diese Ergießungen führte er eine Menge Verdruß ab , nur aber dem Bruder manchen zu , weil sich dieser für die Quelle hielt . » Armut « , antwortete Walt , » ist die Mutter der Hoffnung ; gehe mit der schönen Tochter um , so wirst du die häßliche Mutter nicht sehen . Aber ich will gern dein Simon von Cyrene sein , der dir das Kreuz tragen hilft . « - » Bis nämlich auf den Berg « , versetzte jener , » wo man mich daran schlägt . « - Liebe kennt keine Armut , weder eigne noch fremde . Endlich wurde die Kleider-Lotterie gezogen , auf welche beide sich bloß durch Länge der Zeit die größten Hoffnungen angewöhnt und weisgemacht hatten . Die Gewinste waren für Nr. 515 ( Walt ) ein beinah vollständiger Anzug von Schützischem Gichttaffent , so daß er für jeden Gichtischen , es mochte ihn reißen , in welchem Gliede es wollte , brauchbar war . Nr. 11000 ( Vult ) gewann ein erträgliches blaues Fuhrmanns-Hemd . In dieser Minute brachte der Postbote den Hoppelpoppel wieder , den sie an die Buchhandlung Peter Hammer in Köln mit vielen aufrichtigen Lobsprüchen des Hrn . Hammers ablaufen lassen nachdem vorher leider das Mskr . von Hrn . von Trattner mit der kahlen Entschuldigung abgewiesen worden , er drucke selten etwas , was nicht schon gedruckt sei - ; auf dem Umschlag hatte das löbl . Kölnische Postamt bloß bemerkt , es sei in ganz Köln keine Peter Hammersche Buchhandlung dieses Namens zu erfragen , und der Name sei nur fingiert . Hätte Vult je die beste Veranlassung gehabt , über die ewigen Erdstöße des Lebens zu fluchen , etwa zu fragen , ob nicht alle Höllenflüsse für ihn aufgingen und Eis und Flammen führten , oder auch zu behaupten , daß in ihr Schicksal geradesogut Poesie zu malen sei als auf eine Heuschreckenwolke ein Regenbogen - hätte er je eine solche Gelegenheit gehabt , so wäre es jetzt gewesen , wenn er nicht aus diesem Schlagregen wäre herausgekommen gar unter die Traufe eines Wasserfalls . Der Elsasser erschien , aber er gehörte noch zum Regen . Er dankte beiden sehr für die Geburtstags-Arbeiten - noch regnete es - ; darauf aber , da er mit seinem Auftrage von Raphaela herausrückte , welche Walten einen vollständigen Berghabit ihres Vaters , den er zuweilen in seinem Bergwerkchen Gott in der Höh ' sei Ehre trug , für den Larventanz anbot - als Flitte seine Glückwünschungs-Mienen , und Walt seine Danksagungs-Mienen spielen ließ - dann beide wieder die Mienen umtauschten , und dies alles so wohlwollend gegeneinander , daß , wenn der Notar nicht der ausgemachteste Spitzbube des festen Landes war , Raphaela durchaus noch die Geliebte des Elsassers sein mußte : so fiel auf einmal der lange Nebel und Vult in die Traufe . » Gott verdamme , er liebt Wina ( sagte Vult in sich ) und sie wohl ihn ! « Alle seine wilden Geister brauseten nun wie Säuren auf - doch fest zugedeckt , ausgenommen im Tagebuch . » So falsch , so heimlich , so verdammt keck und wie toll emporstrebend dacht ' ich mir doch den Narren nicht « , sagte sein Selbstgespräch , » o recht gut ! - Bei Gott , ich weiß , was ich tue , hab ' ichs nur ganz gewiß ! - Aber auf dem Larventanz entlarv ' ich ; - der Plan geht leicht , darauf kommt der Teufel und holt . Erst recht klar will ich mich , zum Beweise meiner Freundschaft gegen ihn , überzeugen lassen , und zwar von ihr selber . Himmel , wenn der Glückliche meinen refus in der dummen Neujahrs-Nacht erführe ! - Ich tät ' ihm viel an . - O lieber Vult , so sei nur diesmal , eben deswegen , desto gezähmter und stiller und bändige dein Sprech-Zeug und Gesicht , bloß bis morgen nachts ! « Vults bisherige Fehlblicke entschuldigt leicht die Bemerkung , daß dieselbe Leichtigkeit , womit man sich einbildet , geliebt zu werden , ja auch weismachen müsse , daß ein anderer geliebt werde , Walt von Raphaelen . Auch glaubte er , als Weiberkenner , die Weiber so verschieden , und folglich ihre Weisen , die Liebe zu bekennen , noch mehr , daß er nur eine Weise annahm , worauf zu fußen sei , welche aber nicht darin bestehe , daß die Frau etwa an