und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen milden Richter führen ! - Nicht das allein wird dieser Richter wiegen , daß sie , vom Blütenstaube eines rauchenden Freuden-Frühlings betäubt , stumm-erstickt mit dem jungfräulichen Schleier , erlegen dem Sturm der Phantasie - da Weiber um so leichter vor der fremden und poetischen fallen , je seltner ihre eigne weht und ihnen das Feststehen angewöhnt - , den Lohn eines ganzen jungfräulichen Lebens sterben ließ : sondern das mildert am stärksten das Urteil , daß sie Liebe im Herzen trug . Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht , daß die Liebende in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten , daß die Frau für die Liebe alle Kräfte , gegen sie so kleine hat und daß sie mit derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre Tugend ? - und daß nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei , besonnen und selbstsüchtig ? Das letzte oder siebente Kapitel seines Räuberromans ist sehr kurz und widersprechend . Den dritten Tag besucht ' er sie in ihrem Garten , war zärtlich , vernünftig , nüchtern , zurückhaltend , als wär ' er ein Ehemann . Da er sie voll Kummer fand , den sie doch nur halb aussprach : so kam er aus Angst für ihre Gesundheit mehrmals wieder ; und als diese nicht im geringsten gelitten , blieb er - weg . Gegen Albano war er während besagter Angst demütig ; und nach derselben wie sonst , aber nicht lange . Denn als seine Schwester , die er vielleicht unter allen Menschen am reinsten liebte , durch Albanos Wildheit erblindete : warf er , eben wegen der Ähnlichkeit der Schuld , auf diesen einen wahren Haß und etwas Ähnliches auf alle dessen Verwandte . Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm als Briefe und Entschuldigungen , kurze Gemälde seiner wilden Natur , die freien Spiel-Raum haben müsse und die , einer fremden angeheftet , diese bloß ebensosehr mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber . Alle Einwürfe Rabettens wußt ' er so gut zu heben , da sie nur in Worten , und nicht in Mienen und Tränen bestanden , daß er am Ende selber einsah , er habe recht ; und der von diesem stürzenden , glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts übrig als das rechte letzte Wort , nämlich die stumme Lippe , die es dem Mörder nicht erst meldet , daß er das Herz getroffen und zerstöret habe . 88. Zykel Hier ist Roquairols Brief an Albano : » Einmal muß es geschehen , wir müssen uns sehen , wie wir sind , und dann hassen , wenn es sein muß . Ich mache deine Schwester unglücklich , du meine und mich dazu ; das hebt sich auf gegenseitig . Du verzerrest dich aus meinem Engel immer heftiger zu meinem Würgengel . Würge mich denn , aber ich packe dich auch . Jetzt sieh mich an , ich ziehe meine Maske ab , ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht , wie Leute , die genossenen Gift überstanden ! Ich habe mich in Gift betrunken , ich habe die Giftkugel , die Erdkugel , verschluckt . Frei heraus ! Ich jauchze nicht mehr , ich glaube nichts mehr , ich jammere nicht einmal recht tapfer . Ausgehöhlt , verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum . Wenn so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs , Erbosung , Entzückung , Liebe und dergleichen , wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset : so seh ' ich vom Ich herunter ihnen zu ; wie Polypen zerschneide und verkehr ' ich sie , stecke sie ineinander . Dann seh ' ich wieder dem Zusehen zu , und da das ins Unendliche geht , was hat man denn von allem ? Wenn andere einen Glaubens-Idealismus haben , so hab ' ich einen Herzens-Idealismus , und jeder , der alle Empfindungen oft auf dem Theater , dem Papier und dem Erdboden durchgemacht , ist so . Wozu dients ? - Wenn du jetzt stürbest , sag ' ich mir oft , so wäre ja alles , da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen , weggewischt , unsichtbar ; mir ist dann , als wär ' ich nichts gewesen . Oft seh ' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an , und mir ist , als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich mit . Das künftige Leben , da das anwesende kaum eines ist , und alles , was daranhängt , gehört unter die Entzückungen , denen man zusieht ; zumal unter einer , in der Liebe . Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst : so sag ' ich dir gerade heraus : steige nur weiter , knete dich nur mehr durch , hebe nur den Kopf aus den heißen Wogen der Gefühle höher , dann wirst du dich nicht mehr in sie zerlaufen , sondern sie allein verwallen lassen . Es gibt einen kalten , kecken Geist im Menschen , den nichts etwas angeht , nicht einmal die Tugend ; denn er wählt sie erst , und er ist ihr Schöpfer , nicht ihr Geschöpf . Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm , wo das ganze Wasser sich wütend und zackig und schäumend aufriß und durcheinanderwarf , indes oben die stille Sonne zusah ; - so werde ! Das Herz ist der Sturm , der Himmel das Ich . Glaubst du , daß die Romanen- und Tragödienschreiber , nämlich die Genies darunter , die alles , Gottheit und Menschheit , tausendmal durch- und nachgeäfft haben , anders sind als ich ? Was sie - und die Weltleute - noch reell erhält , ist der Hunger nach Geld und nach Lob ; dieser fressende Magensaft ist der tierische Leim , der hüpfende Punkt in der weichen Fluß-Welt und Fließ-Welt . - Die Affen sind Genies unter dem Vieh ; und die Genies sind - nicht bloß vor höhern Wesen , wie Pope von Newton sagt - sondern auch hier unten Affen , im ästhetischen Nachmachen , in der Herzlosigkeit , Bosheit , Schadenfreude , Wollust und - Lustigkeit . Letztere und vorletztere beding ' ich mir aus . Gegen die Longueurs im Lebens-Buche , das kein Mensch versteht , gibts nichts als einige lustige Stellen , an die ich nicht mehr denke , sobald ich sie gelesen . Um nur wegzukommen über das höckerige , kalte Leben , will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unterstreuen . Die Freude ist schon etwas wert , weil sie etwas verdrängt , eh ' man sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts . So bin ich ; so war ich ; da sah ich dich und wollte dein Du werden - aber es geht nicht , denn ich kann nicht zurück , aber du vorwärts , du wirst mein Ich einmal - und da wollt ' ich deine Schwester lieben ! Sie verzeihe es mir ! Hier trinke reinen Wein ! Ich weiß am besten , wie weit es mit den Weibern geht - wie ihre Liebe beglückt und beraubt - wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzündet als ernährt - und wie überall der Teufel alles holt , was er bringt . - O , warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben , als man haben will ? Gar keine ? - Meinetwegen ; überall wollen schlaffe Prediger uns von jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust . Ist denn die Unlust nicht auch vergänglich ? - Rabette meint ' es gut mit mir , aus demselben Grunde des Wunsches , warum ichs mit ihr und mir so meinte . Aber weiß es denn jemand , welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet , das voll ist , ohne zu füllen , und dessen Liebe man am Ende hasset - vor welchem , aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu enthüllen scheuet , aus Furcht , sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen - aus dessen Zorn man den größern Zorn und aus dessen Liebe man den kleinern saugt ? - Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern Verhältnisse eingeschraubt , die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollen - auf immer das lang gewünschte Götter-Glück des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larve - das Mark des Daseins in spitze Knochen - Und doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen gekettet , unschuldig und stumm auf die Folter gebunden - und das eben ohne Ende ! - Nein , lieber den Wahnsinn her , den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie der Eumeniden holt ! Lieber recht unglücklich entbrannt , ohne Hoffnung , ohne Laut , bis zur Bleichheit und Wut , als so geliebt - nicht liebend ! - Wer einmal in dieser Hölle brannte , Albano , der - fährt immerfort in sie ; das ist das neue Unglück . Verschmerz ' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiß nicht schwach ? Doch bin ich nicht imstande , einer empfindsamen Rede - oder Klavierphantasie - oder Vorlesung oder Vorsingung Einhalt zu tun , und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Göttern unterschriebne Drohung vorhielte , daß eine Zuhörerin , die ich nicht leiden kann , sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle . Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt , Schönheit und Fackel ; für mich ists eine Mordfackel , aber ich liebe den Tod und darum den Amor . Längst war mir mein Leben eine tragische Muse ; gern geb ' ich dem Dolche einer Muse die Brust ; eine Wunde ist fast ein halbes Herz . Höre weiter ! Rabette hat eine schöne Natur und folgt ihr , aber meine ist für sie eine Wolke mit leerer , vergänglicher Bildung und Gestalt ; sie versteht mich nicht . Könnte sie es , so vergäbe sie mir am ersten . O , ich habe sie wohl mißhandelt , als wäre ich ein Schicksal und sie ich . Zürne , aber höre . In der Illuminationsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der Freude uns wärmer aneinander - unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen Hofgesichtern blühte ihr aufrichtiges so schön und so lebendig wie ein frisches Kind auf der Bühne und am Hofe - Wir gerieten in den Tartarus - Wir saßen an der Stelle , wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen - In meinen Sinnen glühte der Wein , in ihren das Herz - O , warum hat sie , wenn man spricht und strömt , keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile - und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache ? - Meine wahnsinnige Kühnheit , die mir die Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte , ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler . - Aber immer ist etwas in mir Hellblickendes , das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt , über mich wirft und mich verhüllt darin führt . - So sieh mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt , der Totenbach murmelt zu mir , das Skelett greift durch die Harfe - Aber umschlungen , vergittert , verdunkelt , geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust , acht ' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und jenen Abend , sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte - Und so sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab , und ich stand aufrecht auf dem Königssarg und ging mit hinunter . Ich verlor nichts - in mir ist keine Unschuld - , ich gewann nichts - ich hasse die Sinnenlust - ; der schwarze Schatte , den einige Reue nennen , fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach ; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte ? Verdamme deine arme Schwester nicht ; sie ist jetzt unglücklicher als ich , denn sie war glücklicher ; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben . Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale ; der Kern selber zersprengte in der nährenden , warmen Erde seinen Panzer und drängte sich grünend ans Licht . Ich besuchte sie nachher . Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich über ; zu allen Taten und Opfern für sie fühlt ' ich mich leicht ; aber zu keinen Empfindungen . Macht , was ihr wollt , du und mein Vater , ich werde mich in diesem dummen Stoppelleben , wo man in der Freiheit so wenig erntet , nicht vollends in das enge dreißigjährige Gehege der Ehe bannen . Bei Gott ! für den erbärmlichen erpreßten Sinnen-Rausch hab ' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden , als er wert ist . Nicht das , was ich gestern bei dir gelesen , gibt mir diesen Entschluß - das frage Rabetten über ihn - , und meine Freimütigkeit gegen dich ist ein willkürliches Opfer , da die Mysterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben können : sondern ich will nicht von dir verkannt sein , gerade von dir , der du , bei so wenigen Reflexen deines Innern , so leicht nachteilig vergleichst und nicht merkst , daß du meine Schwester in Lilar gerade so , nur mit geistigern Armen , opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst . Ich tadle dich nicht ; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes . Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten , die sich die moralische nimmt . Du hieltest mich doch nicht für zu gut , ich bin alles , wofür du mich nahmest , nur aber noch mehr dazu ; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber . O , wie fliegt mein Leben schneller , seit ich weiß , daß Sie146 kommt ! Das Schicksal , das so oft Gewicht und Räder spielt und den Perpendikel des Lebens mit eigner Hand auswirft , hebt den meinigen aus , und alle Räder rollen der seligen Stunde unbändig entgegen . Sie ist meine erste , meine reinste Liebe ; vor ihr riß ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen ; für Sie opfer ' ich , wag ' ich , tu ' ich alles , wenn Sie kommt . O , wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts fürchtet , was sollte der in der rechten , lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern ? - Du Engel , du Würgengel , du flogst herein in mein kahles , ebenes Leben , du fliehst und erscheinst , bald hier , bald da , auf allen meinen Steigen und Auen , o verweile nur so lange , bis ich vor deinen Füßen mir mein Grab aufgewühlet habe , während du zu mir heruntersahest ! Albano , ich schaue die Zukunft und greif ' ihr vor ; ich sehe recht deutlich das lange , über den ganzen Strom gespannte Netz , das dich fassen , schnüren und würgen soll ; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu , Gott weiß warum . Darum kommt Sie jetzt , und dein Reisen ist nur Schein . - Meine arme Schwester ist bald besiegt , nämlich ermordet ; besonders da man dazu bei ihrem Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose , die über dem alten Fürstenherzen dem deinigen die Grenze anwies ! Welche Lichter in der Zukunft , die zwischen finstern Verhältnissen und Gebüschen , in Mord-Winkeln brennen ! - Wie es sei , ich trete in die Höhlen hinein ; ich danke Gott , daß das ohnmächtige , kaltschwitzende Leben wieder einen Herzschlag , eine Leidenschaft gewinnt ; und dann oder jetzt tue gegen mich , der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte , was du magst . Schlage dich heut oder morgen mit mir . Es soll mich freuen , wenn du mich in den längsten Schlaf auf den Rücken bringst . O , das Opium des Lebens macht nur anfangs lebhaft , dann schläfrig , o so schläfrig ! Gern will ich nicht mehr lieben , wenn ich sterben kann . Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich , leb aber wohl ! Dein Freund oder dein Feind . « 89. Zykel » Mein Feind ! « rief Albano . Der zweite heiße Schmerz schlug vom Himmel in sein Leben ein , und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf . Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füße geworfen ; und er fühlte den ersten Haß . Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger Schwelgerei , dieser Gärbottich von Sinnen-Hefe und Herzens-Schaum - dieser Vertrag von Liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz - dieser geistige Selbstmord des Gemüts , der nur ein lustiges , umherschweifendes , sich wechselnd verkörperndes Gespenst übrig ließ , auf das kein Verlaß mehr bleibt und das ein tapferer Mann schon zu hassen anfängt , weil er diesen weichen Gift-Nebel nicht packen und bekämpfen kann - das alles erschien dem Grafen , der ohne die Übergänge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte der Freundschaft in diese Abenddämmerung geführe wurde , noch schwärzer , als es war . Neben die flache Wunde , die sein Familienstolz in der gemißhandelten Schwester empfing , kam die tiefe giftige , daß Roquairol ihn mit sich und Lianens Zerstörung mit Rabettens ihrer verglich . » Bösewicht ! « knirschte er ; auch die kleinste Ähnlichkeit schien ihm eine Verleumdung . Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische Selbst-Verdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs aufgesetzt . Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht , so wußte er , wenn die Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste , nicht recht , was er rief und wie stark . Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand , als er schilderte : so setzt ' er voraus , der andere finde dann sogar noch weniger als er selber . Auch hatt ' er im poetischen und sündigen Taumel sich am Ende das moralische Zifferblatt selber beweglich gemacht , daß es mit dem Zeiger ging ; in dieser Verwirrung wurd ' ihm nicht gezeigt , wo Unschuld war . Hätt ' er vorausgesehen , daß seine brieflichen Beichten in feindlichern Winkeln an- und abprallen würden als einstmals seine mündlichen : er hätte sie anders gerichtet . Vor Erschütterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebrief - keinen Fehdebrief - an den Verlornen schreiben , sondern zögerte in der Gewißheit , daß der Hauptmann nicht selber komme - als er kam . Denn Zögern vertrug er nicht ; körperliche und geistige Wunden nahm er als theatralische auf ; zu sehr gewohnt , Menschen zu gewinnen , verwand ers zu leicht , Menschen zu verlieren . - Eine schreckliche Erscheinung für Albano ; nur der aufgestellte lange Sarg des getöteten Lieblings ! Daß nun über dieses kräftig-knochige Gesicht , sonst die Feste ihrer Seelen , die Furchen des Unkrauts sich krümmten , daß dieser Mund , den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt , ein Pestkrebs , eine deckende Rose des Zungenskorpions für die trauendannahende gute Rabette gewesen , das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz . Kaum hörbar war Gruß und Dank ; stumm gingen sie auf und ab , nicht neben- , sondern widereinander . Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen , um nichts als die Worte zu sagen : gehe von mir und lasse mich deiner vergessen . Er wollte Lianen im Bruder schonen , der ihn das Opfermesser derselben gescholten ; ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser , weil wir sie zu keinen gerechten wollen werden lassen . - » Offen bin ich , siehst du « - ( fing Roquairol gemäßigt an , weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben waren ) » sei es auch und antworte dem Brief . « - » Ich war dein Freund nun nicht mehr « , sagte Albano erstickt . - » Dir hab ' ich doch nichts getan « , versetzte jener . » Himmel ! Laß mich nicht viel reden « - ( sagte Albano ) » Meine elende Schwester - Meine Unschuld an der Gräfin Kommen Meine elende , verworfne Schwester - - O Gott ! empör mich nicht - Ich achte dich nicht mehr , und da geh ! « » So schlage dich ! « sagte der Hauptmann , halb seelen- , halb wein-trunken . » Nein ! « ( sagte Albano , laut-einatmend wie zum Seufzer des Zorns ) » dir ist nichts heilig , nicht einmal ein Leben ! « Dieser Zögling des Todes warf den eignen Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft ; das meinte Albano und dachte nur an die kranke , so leicht an fremden Wunden sterbende Liane , die Liebe war ( statt der Freundschaft ) wie ein milderndes Weib vor seine aufgebrachte Seele gegangen ; aber der Feind verstand ihn falsch . » Du mußt , « ( spottete wild der Hauptmann ) » deines soll mir teuer sein ! « » Himmel und Hölle ! ich meinte ein besseres « ( sagt ' er ) - » Verleumder , gegen deine Schwester hab ' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine - ich habe sie nicht elend machen wollen , ich bin nicht wie du ! - Und ich schlage mich nicht ; ich schone sie , nicht dich . « - Aber der Höllenfluß des Zorns , den er durch Liane in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen , schwoll davon wie unter Zauberhand auf , weil Roquairols Lüge ihres Hinopferns dabei so nahe lag . » Du fürchtest dich « , sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen von der Wand . » Ich achte dich nicht - und schlage mich nicht « , sagte Albano , ihn und sich mehr reizend , da er doch sich bezwingen wollte . Da trat Schoppe herein ; » er fürchtet sich « , wiederholte jener gewaffnet . Albano gab errötend mit drei brennenden Worten die Geschichte . » Ein wenig müsset ihr euch vor mir schlagen ! « rief der Bibliothekar voll alten Haß gegen Roquairols poetisches Blend-und Gaukel-Herz . Albano , lechzend nach kaltem Stahl , griff unwillkürlich darnach . Der Kampf begann . Albano fiel nicht an , aber immer wütender wehrt ' er sich ; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes mit dem Dolch in der Hand sah , der aus den blühenden Beeten der schönsten Tage ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten ; und wie der Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einblitzte : so sah er auf dem grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschatten wieder stehen , der darauf gestanden und gespielet , als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte ; - die Aufziehbrücke der Gesichter , worauf sonst beide Seelen zusammenkamen , stand hoch , auseinandergerissen in die Luft . Glühender blickte Albano , zorntrunkner griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an - plötzlich hieb er ihm wie eine Tatze das Gewehr ab : als Schoppe , vom ungleichen Schonen und Fechten entflammt , mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie : » Die Schwester , Albano ! « Aber Albano verstand darunter Karls Schwester - und schleuderte das eine Schwert dem andern nach , und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen unförmlich das feindliche Gesicht vor ihm . » Albano ! « sagte zorn-erschöpft Roquairol , auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend ; » Albano ? « fragt ' er und gab ihm die Hand . » Lebe froh , aber geh , noch bin ich unschuldig , geh ! « versetzte Albano , der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte , das , zwischen seine Gebürge eingesenkt , fortschlug . » Ins Teufels Namen geht ! Am Ende werd ' ich auch angesteckt « , fuhr Schoppe dazwischen . » In solchem Namen geht man gern ! « sagte der Hauptmann , dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln erfroren , und ging schweigend ; aber Albano sah ihn längst nicht mehr an , weil er keine fremde Erniedrigung vertrug , sondern , wie jede starke Seele , mit der gebückten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand , so wie große Thronen keine Knechts-Abzeichen in ihrer Nähe dulden.147 Schoppe fing nun an , ihn an seine frühesten Weissagungen über Roquairol zu erinnern und sich das große Propheten-Quartett zu nennen - dessen unheilbare Mund- und Herzensfäule zu rügen - dessen theatralische Festigkeit mit dem römischen Marmor und Porphyr zu vergleichen , der außen eine Stein-Rinde habe , innen aber nur Holz148 - anzumerken , dessen innere Besitzung heiße , wie die des deutschen Ordens , nur eine Zunge und überhaupt so heftig gegen alle Selbst-Zersetzung durch Phantasie , gegen alle poetische Weltverachtung sich zu erklären , daß ein anderer als Albano wohl eben den Eifer für einen Schutz gegen das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte . - Schoppe hoffte sehr , Albano hör ' ihm glaubend zu und werde zürnen , lachen und antworten ; aber er wurde ernster und stiller ; - er sah den rechtschaffenen Bibliothekar an - und fiel ihm heftig und stumm an den Hals - und trocknete schnell das schwere Auge . O , es ist ein finsterer Trauertag , der Begräbnistag der Freundschaft , wo das ausgesetzte , verwaisete Herz allein heimgeht , und es sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung fliegen . Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbühl gehen und seine verlassene Schwester auf das Trauer-Gerüste der Wahrheit führen wollen ; aber jetzt war sein Herz nicht stark genug dazu , seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen oder ihre Tränen ohne Maß und ohne Tröster . Einundzwanzigste Jobelperiode Die Leseprobe der Liebe - Froulays Furcht vor Glück - der betrogne Betrüger - Ehre der Sternwarte 90. Zykel Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der schönsten Ruine der Zeit-wenn man die Erde selber ausnimmt - , nach Italien gerichtet , und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest , das ihn vor das Schönste und Größte , was Natur und Menschen schaffen können , führen sollte . Wie taten ihm die Feuer-Berge und Romas-Ruinen und ihr warmer , blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf , wenn er die leidende Liane vor sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen maßen ! - Ein Mensch , der mit der Geliebten nach Italien reiset , hat dadurch , eben weil er eines von beiden entbehren könnte , beide verdoppelt . Und Albano hoffte diese Seligkeit , da alle Zeugnisse , die ihm über Lianens Genesung begegneten , diese versprachen . Den Doktor Sphex - der einzige , der für sie eine Grube öffnete und darin die Totenglocke goß und jedem schwur , mit den Blättern falle sie sah er nicht mehr . Er wollte indes - sagt ' er sich - bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück , gar nicht ihre Liebe . So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel , nämlich nur verschleiert ; so hielt er sich oft für zu hart , wiewohl er es so wenig war ; so hielt er sich für den Sieger über sein Herz , als sein schönes Angesicht schon kranke , blasse Farben trug . Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm , aber ihre benachbarten Zeiten , die Zukunft und Vergangenheit , lagen voll Licht . Welche Reise , worauf eine Geliebte , ein Vater , ein Freund , eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind , zu welchen andere erst ziehen ! - Die Fürstin war die Freundin . Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn , seit der Hoffnung einer längern und nähern Gegenwart überwältigte sie alles Gewölke um sich her immer glücklicher , um den Freund nur aus einem blauen Himmel anzulachen und anzuleuchten . Sie allein am Hofe schien den barschen Jüngling , dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen den offnen des Fürsten anrennte , mild und recht zu nehmen ; sie allein schien - da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schöne Empfindsamkeit , zumal von höfischen , zumal die männliche - sanft die seinige auszuspähen und teilend fortzuwärmen . Sie allein ehrte ihn mit jener strengen , bedeutenden Achtung , die so selten die Menschen geben so wie fassen können , weil sie immer nur Liebe und Leidenschaft nötig haben , um - recht zu geben , unfähig , anders als bei Kometenlicht , bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu lesen . Alles , was er war , setzte sie bei ihm bloß voraus ; seine Vorzüge waren nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe ; sie machte seine Individualität weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein , beide waren Maler , keine Gemälde . Er hörte zwar oft , daß sie männlich-strenge sei , zumal als Befehlshaberin , aber doch nicht , daß sie weiblich-grausam werde . Für das gewöhnliche Höflings-Gewürme , das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen Höhen gibt , war sie abstoßend und marternd ; ob sie gleich als Neu-Gekommene hätte ein neugebornes Kind sein sollen , das den ältern Kindern Rosinen mitbringt . Am Sonntage ,