sehe , mit einem außerordentlich feinen Spürsinn für unser Geschlecht begabt , daß du den schönen Jüngling von Sicyon , den wir so gut verzaubert zu haben meinten , nur mit einem Blick zu berühren brauchtest , um ihn in seine natürliche Gestalt zurückzunöthigen . Er ist in der That eben dieselbe leibhafte Lasthenia , von welcher ich dir einst sagte , sie sey auf gutem Wege , mir einen schönen , wiewohl sehr glatten und schlüpfrigen Aal , der sich in meinen Reizen verfangen hatte , undankbarer und hinterlistiger Weise vor dem Munde wegzufischen . Aber freilich war die Eroberung eines Neffen des göttlichen Plato eine zu glänzende Versuchung für die Eitelkeit einer sechzehnjährigen Schwärmerin ; und was hättest du von mir denken müssen , wenn ich fähig gewesen wäre , sie ihr zu erschweren ? zumal da der Fisch von selbst so gierig auf die goldne Fliege zufuhr . Wie dem aber seyn mochte , genug ich konnte oder wollte nicht verhindern , daß sich unvermerkt ein zärtliches Verständniß zwischen ihnen entspann , das mir desto mehr Kurzweile machte , je sorgfältiger die Kindsköpfe es vor mir zu verheimlichen suchten . Als er Korinth wieder verließ , glaubten beide ihr Spiel beim Abschied recht fein zu spielen : aber dafür richtete nun die Leidenschaft des Mädchens für die Platonische Philosophie einen desto größern Unfug in ihrem Köpfchen an . Speusipp schickte ihr fleißig alles was er von seines Oheims Werken habhaft werden konnte , und sie besaß schon eine geheime Abschrift vom Symposion , bevor andere die geringste Ahnung von seinem Daseyn hatten . Das ganz davon entzückte Mädchen konnte sich nicht halten , es mir unter dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit mitzutheilen , zeigte mir aber bald , daß es nicht ohne eigennützige Absicht geschehen war . Kurz , von einer dreifachen Zaubermacht - der Muse des göttlichen Plato , der erotischen Philosophie der Seherin Diotima , und ihrer eigenen geheimen Neigung zu dem glücklichen Speusippus gänzlich überwältigt , erklärte sie mir endlich in einer schönen Mondnacht , daß sie nicht länger leben könne , wenn ich ihr nicht zu dem Glücke verhelfe , den herrlichen Mann selbst zu sehen , zu hören und zu seinen Füßen zu sitzen , von dessen Lippen die Musen diese Nektarflüsse himmlischer Weisheit strömen ließen . - Was war da zu thun ? Ich konnte doch nicht so felsenherzig seyn , dem armen Kinde die Befriedigung eines so unschuldigen Verlangens zu versagen ? Oder hätte ich sie dafür bestrafen sollen , daß sie mich über den wahren Gegenstand ihrer Leidenschaft zu täuschen suchte ? Vielleicht täuschte sie sich noch selbst ; oder , wo nicht , wie konnte ich ihr aus dem jungfräulichen Gefühl , das sie zurückhielt , ein Verbrechen machen ? Und in jedem Falle , wär ' es nicht unedel von mir gewesen , wenn ich die Abhänglichkeit von mir , in welche ein freigebornes Mädchen zufälliger Weise gerathen war , hätte mißbrauchen wollen , ihr das Geheimniß ihres Herzens wider ihren Willen abzudringen ? - Ganz aufrichtig zu reden , mochte mein natürlicher Hang zu einer gewissen dramatischen Knotenknüpferei , und die Neugier , was aus diesem kleinen Abenteuer werden könnte , wohl auch etwas , und vielleicht das meiste beitragen , jenen theoretischen Beweggründen mehr Gewicht zu geben , als sie sonst gehabt hätten . Mit Einem Wort , ich ließ mich gewinnen , und machte mir sogar ein Geschäft daraus , sie in der ungewohnten Knabenrolle ( denn als Mädchen konnte sie doch den Zutritt in die Akademie nicht zu erhalten hoffen ) zu unterrichten und mit allem auszustaffiren , was sie haben mußte , um den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers so natürlich als möglich vorzustellen ; und als alles das in seiner Ordnung war , ließ ich sie von einem vertrauten alten Diener , der die Rolle ihres bisherigen Pädagogen spielte , sicher an Ort und Stelle bringen . Wie gut die kleine Schelmerei von Statten ging , hast du selbst gesehen . Glücklicherweise hatte uns die Natur treulich vorgearbeitet . Denn Lasthenia besitzt wirklich mehr die Gesichtsbildung eines schönen Knaben , als eines Mädchens ; der Ton ihrer Stimme ist tief , wiewohl sanft und wohlklingend ; dabei ist sie , verhältnißmäßig , ziemlich stark von Muskeln und Knochen , etwas breit von Schultern und schmal von Hüften , und hat nicht viel mehr Busen als ein frischer genährter Jüngling ihres Alters zu haben pflegt ; so daß sie , im Nothfall ( mit Vorbehalt einer ganz kleinen Bedeckung ) auf der Palästra selbst für einen Jüngling gelten könnte . Wir haben aber dafür gesorgt , daß sie von dieser Seite nicht angefochten werden darf : denn sie ist mit einer Vorschrift von ihrem ehmaligen Arzte versehen , worin ihr wegen Schwäche ihrer Brust alle heftigeren Leibesübungen , eine mäßige Bewegung zu Pferde ausgenommen , scharf verboten sind . Du siehst daß nichts vergessen worden ist , der Akademie eine so gelehrige Schülerin , und dem wackern Speusipp eine so schöne Gelegenheit sich in der Platonischen Liebe zu üben , so lange zu erhalten , als beide verständig genug seyn werden , sich ihr Spiel nicht selbst zu verderben . In diesem Stücke traue ich dem Mädchen nur halb ; denn sie hat , bei allen ihren vorbesagten guten Anlagen , einen ungeheuern Hang zur Zärtlichkeit ; und ein so feuerfangendes Wesen , wie Speusipp zu seyn scheint , könnte wohl in einer unbewachten Stunde die Sokratische Lehre von der Gefährlichkeit eines Kusses leichter vergessen als in Ausübung bringen . Daß sie überaus leicht erröthet , wird ihr , anstatt Verdacht zu erwecken , vielmehr den Ruf eines sittsamen wohlerzogenen Jünglings zuziehen ; daß sie aber vor deinem spähenden Falkenblick die Augen so jungfräulich sinken ließ , kam wohl daher , weil sie vermuthete , ich werde dir von ihr geschrieben haben , und du betrachtest sie so aufmerksam , weil du sie zu erkennen glaubest . Uebrigens zweifle ich nicht , daß der Umgang mit diesem anziehenden Paar Platonischer Verliebten dein Leben in Athen nicht wenig verschönern helfen werde : nur dürfte dazu nöthig seyn , mit dem Oheim auf einem leidlichen Fuß zu stehen ; was dir , meines Erachtens , so schwer nicht werden sollte , wenn du über dich gewinnen könntest , von ihm und seinen Dialogen öffentlich mit einer gewissen Achtung zu sprechen ; freilich in einem Tone , den man nicht für Ironie halten könnte . Beide , der Mann und seine Werke , verdienen , däucht mich , diese Achtung , wie groß auch übrigens die Verschiedenheit eurer Art zu denken und zu leben seyn mag . Ich müßte mich sehr irren , oder Plato wird weniger ungerecht gegen dich seyn , wenn du großherzig genug bist , gegen ihn mehr als gerecht zu seyn ; und was kann dir das kosten ? Mein Verlangen uns wiederzusehen ist dem deinigen gleich , lieber Aristipp . Ich gestehe dir , die Eintönigkeit meiner Lebensweise zu Korinth fängt mir an lange Weile zu machen . Die Leute , mit denen ich mich behelfen muß , verlangen so viel , und haben so wenig dagegen zu geben ! Ich nehme den einzigen Euphranor aus , den du zu Aegina von Person kennen lernen sollst , und von dessen Talent ein paar Stücke , die du mir in deine Galerie zu stiften erlauben wirst , dir indessen zur Probe dienen können : aber was bliebe mir auch , wenn ich den nicht hätte , und wie lange wird es währen , so entschlüpft mir auch er ? Glaube mir , ich wäre bereits nach Athen oder anderswohin gezogen , wenn ich mein Haus in Korinth , wie die Schnecke das ihrige , allenthalben mit mir nehmen könnte , und wenn mich dann auch der sehr wesentliche Umstand nicht zurückhielte , daß ein schönes Weib , dessen höchstes Gut die unbeschränkteste Freiheit ist , schwerlich einen andern Ort in der Welt finden kann , wo sie weniger beeinträchtiget und mit mehr Achtung und Artigkeit behandelt würde , als zu Korinth . Mit allem dem finde ich doch nöthig , daß man von Zeit zu Zeit den Ort ändere , und Menschen suche , denen wir und die uns etwas Neues sind . 25. Kleonidas an Aristipp . Der schlanke schwarzaugige Jüngling , mit den dunkeln , um Stirn und Nacken herabhangenden Traubenlocken , der dir diesen Brief überbringt , nennt sich Antipater90 , und ist ein naher Verwandter eines meiner hiesigen Freunde , dem ich es nicht abschlagen konnte , dir den jungen Menschen zu empfehlen . Ein löbliches Verlangen , das sehenswürdigste Land der bewohnten Welt zu sehen , und zu Athen , der wahren Hauptstadt dieses an schönen und blühenden Städten so reichen Landes , zu lernen was man in Cyrene nicht lernen kann , hat ihn aus dem Schooß der Seinigen herausgetrieben . Er bedarf aber in einer Stadt , welche , so zu sagen , die ganze Welt in einem Auszug ist , eines Führers , Auslegers und Rathgebers ; und an welchen andern hätt ' ich mich in dieser Absicht wenden können als an dich , der du , was du schon für jeden andern Menschen thätest , desto lieber für einen Mitbürger thun wirst , der mit dem vollesten Vertrauen auf die Empfehlung deines Freundes Kleonidas zu dir kommt . Bisher haben alle Arten von gymnastischen und andern Leibesübungen beinahe seine ganze Bildung ausgemacht . Er reitet wie ein Thracier , läuft wie der schnellfüßige Achilles , weiß einen Wagen zu lenken wie der Homerische Alcimedon , und im Ringen wird er selbst zu Aegina , der fruchtbaren Mutter so vieler öffentlich gekrönter Athleten , nicht viele finden , die er fürchten müßte . Auch hat er große Lust sich an einem eurer großen Nationalfeste unter die Kämpfer zu stellen , und die Siegeskränze , womit schon mehrere Cyrener unsre Vaterstadt unter den Griechen verherrlicht haben , wo möglich mit einem frischen zu vermehren . Indessen fühlt er doch ( was wenigen seines gleichen zu begegnen pflegt ) daß er mit allen diesen Vorzügen nur die Hälfte von einem Menschen ist , daß sein Kopf noch leer ist , und daß Kräfte und Anlagen in seinem Innern schlafen , die der Erweckung , oder vielmehr da sie bereits zu erwachen angefangen , künstlicher Ausbildung und strenger Uebung eben so nöthig haben als die körperlichen ; kurz , er kommt mit dem rühmlichen Vorsatz zu dir , nicht eher abzulassen , bis er unter deiner Anleitung ein vollständiger Mensch geworden . Ich betrachte es als einen nicht geringen Vortheil für dich und ihn , daß er noch unverstückelt und unverbildet in deine Hände kommt , wie ein schönes Stück rohen aber feinkörnigen Marmors , woraus du , als ein geschickter Bildner , jede schöne Form hervorgehen machen kannst ; da hingegen selbst Praxiteles und Polyklet einen Marsyas in keinen Apollo , einen Thersites in keinen Ajax oder Diomedes umgestalten können . Nimm dich also seiner an , lieber Aristipp , und mache dir das Verdienst um Cyrene , uns dereinst in unserm jungen Athleten einen zweiten Milon91 , an Weisheit wie an körperlicher Tüchtigkeit , wieder zurückzuschicken . Da dir dein junger Abderit den Muth nicht benommen hat , wenigstens etwas Leidliches aus ihm zu machen , so können wir um so viel gewisser seyn , daß aus einem so fähigen Jüngling wie Antipater etwas Vortreffliches unter deinen Händen werden müsse . Plato , - dem wir seine vor so manchem Jahr an dir und dem armen Kleombrot begangene Sünde doch wohl endlich einmal vergessen müssen , - gibt den Wißbegierigen ( einer Classe von Müßigen , welche unvermerkt immer zahlreicher zu werden scheint ) seit einiger Zeit so viel zu lesen , und wenigstens in dem größten Theil seiner bisher bekannt gewordenen Dialogen so viel Stoff zum Nachdenken und zur angenehmsten Unterhaltung zugleich , daß ich den großen Ruf sehr natürlich finde , der seinen Namen bereits bis an die fernsten Gränzen unsrer Sprache trägt . Materie und Form sind in seinen Werken gleich anziehend : auch wo er mich nicht überzeugt ( was freilich oft begegnet ) , verführt er mich doch zu wünschen daß er Recht haben möchte , oder macht auch wohl daß ich ihm wenigstens so lange glaube als ich ihn lese . Wenn sein mündlicher Vortrag nur halb so angenehm ist als der schriftliche ; wenn er , wie man sagt , eine der geistvollesten Physiognomien hat , und der Ton seiner Stimme schon das Ohr für ihn besticht , so muß er eine Art von Sirene seyn , deren Zauber nicht zu widerstehen ist . Auch hat er mit den Sirenen nicht nur gemein , daß er Alles weiß was geschieht auf der viel ernährenden Erde , sondern noch vor ihnen voraus , daß er auch weiß was in der über- und unterirdischen Erde , im Himmel und sogar in den überhimmlischen Räumen geschieht ; eine Wissenschaft , deren die Homerischen Sirenen , mit allen ihren wenig bescheidenen Ansprüchen , dennoch sich anzumaßen Bedenken trugen . Von einem Manne , der so unermeßlich viel mehr weiß als andere , ist freilich nicht zu erwarten , daß er einem jüngern , einem Ausländer , und was noch das Schlimmste ist , einem der die Miene nicht hat , als ob er sich jemals unter seinen Scepter beugen werde , mehrere Schritte entgegen kommen sollte . Du wirst also , wenn ihr auch nur in einem leidlich anständigen Wohlverhältniß mit einander stehen sollt , schon das Beste dabei thun müssen ; und gewiß wünschen alle deine Freunde , daß du auch hierin , wie in so manchen andern Stücken , der klügere Theil seyn mögest . Unsere dermalige Staatsverfassung , nach deren Wohlseyn du dich erkundigest , erhielt sogleich in ihrer Erzeugung eine so gesunde und kräftige Leibesbeschaffenheit , daß es nicht natürlich zugehen müßte , wenn sie sich in der ersten Blüthe ihrer Jugend nicht wohl befände . Der große Punkt , wovon alles abhing , war die Wahl der Personen , die uns nach Maßgabe der neuen Constitution regieren sollten . Glücklicherweise , oder vielmehr durch eine Folge des Zutrauens unsers ganzen Volkes zu deinem Bruder und seinem Freunde Demokles , und der eben so großen Klugheit und Redlichkeit , womit sie dieses Zutrauen zum gemeinen Besten benutzten , fielen die Wahlen wirklich auf die Besten in jeder Rücksicht , ohne Ansehen der Partei , zu welcher sie sich ehmals gehalten hatten ; auf lauter verständige , gemäßigte , der neuen Ordnung aufrichtig anhangende , und größtentheils durch ihre Glücksumstände über alle selbstsüchtigen Absichten weggesetzte Männer ; auch erhielten sie daher die allgemeine Billigung . So lange diese unsern kleinen Staat besorgen , und vornehmlich so lange Demokles und Aristagoras an ihrer Spitze stehen , und die ihnen anvertraute höchste Staatsgewalt so gesetzmäßig und mit so großer Weisheit und Eintracht handhaben wie bisher , wird der sichtbar zunehmende Wohlstand unsers Gemeinwesens und unsrer Bürger aller Classen die Verfassung selbst immer mehr befestigen , und einen Rückfall in unsre ehemaligen Uebel unmöglich machen . Die natürlichste Folgerung , die du , lieber Aristipp , aus Vergleichung des glücklichen Zustandes unsrer Vaterstadt mit dem politischen und sittlichen Verfall von Athen ziehen könntest , will ich dir selbst überlassen . Lebe wohl , und liebe deine Abwesenden , wie du von ihnen geliebt wirst . 26. Aristipp an Lais . Die Gemälde deines Freundes Euphranor sind glücklich angelangt , und zieren bereits die kleine Galerie , welcher du ein so reiches Geschenk zu machen die Güte hast . Wohl verdiente die schöne Scene deiner Unterhaltung mit Sokrates unter dem heiligen Oelbaum der Athene Polias von einem Maler dargestellt zu werden , der neben einem Parrhasius und Timanthes mehr wie ein glücklicher Nebenbuhler als wie ein Nacheiferer erscheint , und das große Talent Seelen zu malen von der Natur selbst in dem Geschenk des innigsten Gefühls für sittliche Schönheit und Grazie empfangen zu haben scheint . Aber womit kann ich dir , o du liebenswürdigste der Weiber , den Gedanken vergelten , daß du auch den schönen Augenblick unsers ersten Zusammentreffens der Gewalt der Zeit entreißen , und , wofern mir ein so langes Leben bestimmt wäre , daß ein allmählich abbleichendes und verwitterndes Gedächtniß eine solche Nachhülfe nöthig machte , das schönste aller Bilder , die meine Einbildungskraft aufbewahrt , immer jugendlich frisch und blühend in mir erhalten helfen wolltest ? Euphranor selbst müßte mir seinen Pinsel und seine glühenden Farben leihen können , wenn ich dir auch nur einen kleinen Theil dessen schildern sollte , was ich fühlte , bis das Entzücken der ersten Ueberraschung in den reinen Genuß des ruhigen Anschauens überging . Ohne Zweifel war es gerade die Vereinigung aller möglichen Forderungen der Kunst in diesem so sehr vollendeten Werke , was die Ursache war , warum ich beim ersten Anblick nur von dieser bis zur Täuschung aller Sinne getriebenen Wahrheit und Aehnlichkeit getroffen wurde , die den beiden Figuren den Schein als ob sie wirklich lebten in einem desto höhern Grade gibt , weil sie Lebensgröße haben , und alles was um sie her ist , durch den Zauber der natürlichsten Beleuchtung und Färbung , die Illusion vollkommen machen hilft . Erst lange nachdem der kurze Wahnsinn des ersten Eindrucks vorüber war , gewann ich Besonnenheit genug , dem Geist und der Hand des Meisters ins Besondere und Einzelne zu folgen , und zu bemerken , wie günstig der gewählte Moment seiner Kunst war , aber auch welcher Geschicklichkeit sich der bewußt seyn mußte , der einen solchen Moment zu wählen wagen durfte . Du wirst mir ' s hoffentlich nicht für Schmeichelei ausdeuten , wenn ich dir sage , daß dieses Gemälde , seitdem es meine kleine Pökile92 verherrlicht , das erste ist , was alle Augen an sich lockt , und das letzte , von welchem man sich trennt . Beinahe werd ' ich mich noch genöthigt sehen , es an einen geheimern und heiligern Ort zu versetzen , wenn ich verhüten will , daß es den übrigen nicht gar zu viel unverschuldeten Schaden thue . - Aber meinen Abderiten ( den jungen Onokradias , von welchem ich dir neulich schrieb , hättest du sehen sollen , als ihm das Anschauen dieses Wunders der Natur und Kunst ( die ihm beide gleich unbekannte Gottheiten sind ) , zum erstenmal verstattet wurde ! Seine ohnehin etwas weit hervorstehenden Augen wurden plötzlich noch einmal so groß , und die seltsamen Gebärdungen , womit er die Einwirkung eines für ihn so ganz neuen Schaugerichts zu Tage egte , machten uns einige Augenblicke befürchten , daß er wirklich närrisch geworden sey . Es dauerte eine ziemliche Weile , bis er sich durch mehr als Einen Sinn überzeugen konnte , daß die Nymphe , die er aus der marmornen Kufe auftauchen sah , nur gemalt sey . Nun , bei Jason und Latona ! rief er endlich , wenn dieß nur ein gemaltes Bild ist , wie ich nun wohl sehe , so muß ich das Original haben , und wenn es mich das ganze Erbgut meiner Familie kostete ! Man versicherte ihn , das Original sey zu Korinth alle Tage in vollem Leben zu sehen . - So bestelle ich heute noch ein Schiff , rief er . - » Weißt du auch wie das Sprüchwort lautet93 ? « - O ! um dieses Mädchens willen reise ich in einem Fischerkahn bis zu den Säulen des Hercules . » Aber die Sache hat noch einen andern Haken . Wenn du sie auch zu sehen bekommst , desto schlimmer für dich ! Denn das Haben mußt du dir ein- für allemal vergehen lassen . « - Dafür macht euch keine Sorge , versetzte der Abderit in einem triumphirenden Ton ; ich habe Creditbriefe für zehn Talente bei mir . - » Närrischer Mensch , und wenn du Credit für zehntausend Talente hättest , siehest du denn nicht , daß wir nur unsern Spaß mit dir treiben , und daß diese Auftaucherin - mit Einem Wort , Aphrodite selbst ist ? « - O weh ! rief er mit einer kläglichen Miene ; das ist freilich ein ander Ding ! Aber das hättet ihr mir gleich sagen sollen . Ich bin unschuldig , wenn sich die Göttin durch meine vermessenen Reden beleidigt finden sollte . Hoffentlich wird sie mich ' s nicht entgelten lassen . - » Das hättest du selbst sehen sollen , guter Onokradias , daß es Aphrodite ist , und du wirst auf alle Fälle wohl thun , wenn du den Zorn der Göttin durch so viele schneeweiße Tauben , als du in ganz Attika zusammentreiben kannst , zu versöhnen suchst . Sahst du denn den Menschen hier nicht , der in einer so andächtigen Stellung hier an der Thür steht , und die Göttin anbetet ? « - Ja wirklich ! Was ich für ein Dummkopf bin ! Aber daß ich keinen mit weißen Tauben bespannten Wagen neben der Göttin sah , betrog mich . Freilich hätte mir dieser junge Priester , oder was er ist , das Verständniß öffnen können , wenn ich ihn nur nicht vor dem schönen Mädchen - der Göttin wollt ' ich sagen - gänzlich übersehen hätte . Du siehst , schöne Lais , daß ich mit meinem Abderiten noch nicht sonderlich weit gekommen bin . Ich habe mich aber auch zu nichts anheischig gemacht , als ihn ungefähr zu lassen wie ich ihn fand . Er weiß sich doch wenigstens ziemlich bald wieder zu fassen , und für einen Abderiten ist das schon viel . Deine Lasthenia und ihr etwas zweideutiger Seelenliebhaber sind inzwischen aus ihrer Wolke hervorgetreten , und haben sich mir , um meinem Scharfblick zuvorzukommen , in höchstem Vertrauen entdeckt . Ich stellte mich überrascht , versprach ihnen aber alle guten Dienste , die sie nur immer von mir erwarten könnten . Das Mädchen macht wirklich große Fortschritte , und hat mir noch ganz kürzlich Platons Ideen so artig vorpoetisirt , daß ich sie beinahe für mehr als bloße Hirngespenster halten möchte , wenn ' s nur irgend möglich wäre . Sie besitzt eine ganz eigene Ahnungsgabe für alles Uebersinnliche und Unbegreifliche , und spricht von Dingen , wovon niemand etwas weiß noch wissen kann , ohne selbst das Geringste mehr davon zu wissen als andere , mit so viel Geist und Gemüthlichkeit , daß es eine Lust ist , ihr ( zumal bei rosenbekränzten Bechern ) zuzuhören . Aber was den armen Speusipp in keine geringe Verlegenheit setzt , ist der Umstand , daß der göttliche Plato selbst eine ziemlich warme Zuneigung - für den schönen Kleophron gefaßt hat . Die kleine Spitzbübin scheint mir mehr Freude als Schrecken über diese Entdeckung zu verrathen , welche sie selbst ( wie natürlich ) zuerst gemacht hat , und wodurch sich ihre Eitelkeit mächtig geschmeichelt fühlt . Indessen tröstet sich Speusipp mit der Hoffnung , daß die Liebe seines Oheims vermuthlich - platonischer seyn werde , als die seinige ; und ich bestärke ihn , wie billig , in dieser Ueberredung aus allen Kräften . Zum Beweise , wie treulich ich deine guten Lehren in Ausübung gebracht habe , und wie gut ich dermalen mit dem ehrwürdigen Aldermann der Akademie stehe , will ich dir nicht verhalten , liebe Laiska ( wie sehr auch meine Bescheidenheit dabei ins Gedränge kommt ) , daß mir diesen Morgen sogar das Glück geworden ist , ihn selbst mit etlichen seiner Vertrauten in meine Galerie treten zu sehen . Er sprach mit mir von meinen Wanderungen , und wunderte sich , daß ein so viel gereister Cyrener Aegypten noch nicht gesehen habe . Es ist noch immer Zeit , sagte ich , die Pyramiden und Obelisken und den Nilmesser in Augenschein zu nehmen ; Katarakten habe ich anderswo schon gesehen , und für die Weisheit der Aegyptischen Priester - hab ' ich , die Wahrheit zu gestehen , keinen Sinn . - Dagegen ist nichts zu sagen , versetzte er mit einem kleinen Zucken der Nase und Augenbrauen . Bei den Gemälden machte er hier und da eine kurze Bemerkung , welche bewies , daß er mit der Kunst bekannt ist , und das Schönste gesehen hat . Auf Kleombrot warf er im Vorbeigehen einen ernsten Blick , und kehrte sich sogleich wieder von dem Bilde weg ; bei dem sterbenden Sokrates hingegen verweilte er desto länger , zwar stillschweigend , aber mit großer Aufmerksamkeit und einigen leisen Zeichen von Rührung . Auch die schöne Anadyomene fesselte seine Augen eine kleine Weile ; er rühmte den Maler , der den Zeuxis selbst in einem Theil , worin dieser am größten sey , in der Kunst die Farben in einander zu schmelzen , noch zu übertreffen scheine . Als er im Begriff war , sich wieder davon zu entfernen , heftete er einen Blick auf mich , als ob er mich mit dem unverschämten jungen Gaffer im Gemälde vergleiche . Vermuthlich eine Scene aus deiner eigenen Geschichte , sagte er zu mir mit einem kaum merklichen Lächeln . Die schönste , versetzte ich mit gebührender Dreistigkeit , und ( wie sich von selbst versteht ) ohne roth zu werden . Er weilte noch einige Augenblicke bei dem Tode des Sokrates , und sagte dann im Weggehen etwas feierlich : » es war ein Unglück für mich , Aristipp , daß ich unpäßlich war ; aber daß du nicht zu Aegina warst , magst du deinem Glücke danken . « - Ich fürchte , er hat Recht . Die Hoffnung mit Euphranor künftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein näheres Verhältniß zu kommen , hat nun einen ungleich größern Reiz für mich . Ich werde dir dafür , wenn du es erlaubst , in der Person meines jungen Landsmannes Antipater , der sich seit einiger Zeit bei mir aufhält , einen Jüngling vorstellen , dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht . 27. An Kleonidas . Dein junger Freund Antipater hätte sich durch nichts einer bessern Aufnahme versichern können , als daß er mir einen so lange erharrten Brief von meinem Kleonidas überbrachte ; wiewohl ich gestehe , daß er keiner andern Empfehlung bedarf , als sich bloß zu zeigen . Ich bin wirklich stolz darauf , einen so unverdorbenen , kraftvollen und vielversprechenden Sohn der Natur , wie Antipater ist , als meinen Landsmann bei den Athenern aufzuführen . Wohl wird es ihm kommen , wenn er so fest und unreizbar ist , als sein ganzes Wesen ankündigt ; denn ich sehe schon drei oder vier unsrer jungen mädchenhaften Bathylle94 mit Rosen duftenden Locken , schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen , die um ihn herumbuhlen , und alle ihre kleinen Hetärenkünste aufbieten , sich von ihm bemerken zu machen , und ihm zu zeigen , daß sie keine Gefälligkeit zu groß finden würden , um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern . Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem Hause ( das gerade Raum genug für uns beide hat ) angewiesen ; er ist , so oft es ihm gefällt , mein Tischgenoß , und bedient sich meines Umgangs , ohne mir lästig zu seyn , so viel als ihm gemüthlich ist : dieß ist aber auch alles , was ich ( vor der Hand wenigstens ) für ihn thun kann , und wirklich schon mehr als er vonnöthen hat . Jünglinge wie er werden nicht gebildet , sondern bilden sich selbst , oder bringen vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt ; wie sie sind , sollen sie seyn ; was sie werden , sollen sie werden . Was eine Pflanze bedarf , um sich zu entwickeln , Freiheit , Licht und angemessene Nahrung , ist im Grund alles , was solche Menschen zu ihrem Wachsthum und Gedeihen brauchen . Athen ist reich an merkwürdigen Menschen aller Arten , deren Vorzüge , Talente , Kenntnisse , Erfahrungen , Tugenden und Untugenden ein Jüngling wie Antipater benutzen kann : er mag sie selbst aufsuchen , und selbst wählen , zu wem er sich halten will . Zwar werd ' ich ihn unvermerkt beobachten , und ihn warnen , sobald ich sehe , daß seine Unerfahrenheit irgend eine große Gefahr laufen könnte ; aber mich nicht gleich für ihn ängstigen , wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwärts kommt , oder einen Mißtritt thut , der ihn künftig vorsichtiger zu seyn lehrt . Selten oder nie werd ' ich ihm mit meinem Rathe zuvorkommen , niemals ihm von einer Person , die er selbst sehen wird , voraus sagen , was ich von ihr halte : begehrt er aber von freien Stücken meine Meinung , worüber es sey , zu wissen , so werd ' ich sie ihm frei und offen sagen . Verlangt er Unterricht über etwas , das ich besser weiß als er , so soll er ihn erhalten . Dieß ist ungefähr die Art , wie ich mit ihm umgehe , bis wir uns näher kennen , und das wahre Verhältniß seiner Natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat , daß wir beide genau wissen , wie wir gegen einander stehen , und was wir einander seyn oder nicht seyn können . An eigentliche Bildung ist ( wie gesagt ) bei einem Jüngling wie dieser nicht zu denken . Ja , so einen Onokradias , den Sohn Onolaus des Zweiten , des Enkels von Onomemnon , der ein Urenkel von Onocephalus dem Großen war , so einen Heldensohn kann man bilden , und soll man bilden , so gut als es gehen will , denn er ist für sich selbst nichts ; so einem soll man gesunde Begriffe , Grundsätze und Maximen in den Kopf , oder wenigstens ins Gedächtniß einsammeln , weil er sie ohne fremde Hülfe nie bekommen würde . Wer nicht schon von bloßem