Oheim , “ meinte Walter . „ Sie glauben nicht , Herr Professor , wie der sie hütet und beobachtet . Seit ich droben in ihrem Laboratorium studieren darf , habe ich sie noch keine Minute allein gesehen , immer war der Teufel dabei . Ja selbst die Erlaubnis , auf das Schloß zukommen , hat sie mit Gewalt für mich erpreßt . Die Willmers sagt , es sei drei Tage lang Verdruß deshalb gewesen . Fräulein Ernestine habe aber doch einmal ihren Kopf aufgesetzt — und so erlaubte er ’ s endlich . Es ist hohe Zeit , daß für das unglückliche Wesen etwas geschieht , seit der Vollendung ihres neusten Werkes ist sie völlig erschöpft ; wenn das so fortgeht , reibt sie sich auf . “ „ Das weiß ich längst , “ sagte Johannes mit einem schweren Seufzer , „ aber was tun ? Ihr Herz ist nicht zu rühren , ihr Kopf nicht zu brechen . Meine einzige Hoffnung ist noch die Trennung von dem Schurken . “ „ Ich halte es doch für das Beste , Sie gehen zu ihr und sehen sie selbst . Sie verfällt wirklich von Tag zu Tag mehr , “ sagte Walter . „ Ja , ich fühle es an ihren Händen , “ setzte Leonhardt hinzu . „ Die werden immer schmaler und sind so kalt und feucht , wie die einer Sterbenden . Ach , Herr Professor , es geht mir durch und durch , wenn sie mich damit berührt , und ich meine dann ordentlich , ich sehe sie leiden , denn so fühlen sich nur Hände an , die oft in großen Körper- oder Seelenschmerzen gerungen werden ! “ Johannes setzte das Kind bei Seite und verhüllte das Gesicht , aber dem blinden Auge des Schulmeisters konnte er doch nicht verhüllen , was in ihm vorging . „ Wozu den Trotz , den Stolz , lieber Herr , wozu ein Weh zurückdrängen , das so natürlich ist ? Eilen Sie zu ihr — es wird ihr vielleicht eine Wohltat sein . “ „ Gut denn , ich will ein paar Zeilen an sie schreiben , “ sagte Johannes , „ will sie fragen , ob ihr mein Anblick tröstlich oder qualvoll wäre ! Mein Gott , ich will ja nichts , als ihr wohltun ! — Sie , edler , junger Freund Walter , übernehmen es , ihr den Brief in die Hand zu spielen , daß ihn der Oheim nicht unterschlägt , nicht wahr ? Sie wird Ihnen , hoffe ich , auf dieselbe Art antworten . “ „ In Gottes Namen , gehen wir nach Hause , “ sagte Leonhardt , „ damit Sie schreiben können . “ Die Herren erhoben sich . Da hielt Käthchen Johannes am Rock . „ Du , Herr Professor , wenn Du morgen erst zu dem Fräulein kommst , findest Du sie nicht mehr . “ „ Wie so , Käthchen ? “ fragte Johannes , der gar nicht gedacht hatte , daß die Kleine dem Gespräch gefolgt war . „ Ja , Du kannst es glauben . Die Frau von da droben — die Frau Willmers , die ist heute bei mir vorübergegangen und hat mir zugeflüstert , wenn die Herren zu mir kämen , so solle ich ihnen heimlich sagen , das Fräulein reise heute Nacht fort und für immer , aber ich dürfte Niemanden verraten , daß sie mir ’ s erzählte , das könne sie sonst ihren Dienst kosten . Wenn aber der Herr Professor nicht käme , dann müsse ich ’ s dem Herrn Lehrer sagen , damit er einen Boten in die Stadt zum Herrn Professor schicke . Die Frau Willmers hat recht geweint und gejammert , sie dürfe sich nicht einmal in das Schulhaus wagen , sonst merke der Gottseibeiuns was , der das Fräulein so hütet . “ „ Käthchen ! “ rief Johannes , „ Engel Gottes , was tust Du mir da ! Das Fräulein geht fort , heute noch — und ich Blinder hätte sie reisen lassen , wenn Du nicht wärst ! — Ist denn das Alles auch ganz gewiß wahr ? “ „ Ja , ganz gewiß , Du kannst es glauben , ich habe mir ’ s wohl gemerkt . “ Johannes hob das Kind auf und drückte es ungestüm an sich : „ Kind , sag mir , was kann ich Dir tun , um Dir diesen Dienst zu vergelten ? Sprich ! Hast Du einen Wunsch ? Sei ’ s , was es wolle — er soll erfüllt werden ! “ „ Ach , lieber Herr Professor , wenn Du doch mit meinen Eltern reden wolltest , daß sie mir Geld geben für die armen Leute . Bitte , bitte , tue es doch ! Sie sollen mich nicht mehr verspotten und mir den silbernen Arm vorwerfen . Ich will ihnen auch gute Tage machen . Sonst geht ’ s mir noch wie dem Fräulein , das kein Mensch mehr ansieht — und das möchte ich nicht , um alles Geld nicht . “ „ Ich kann mir ’ s denken , daß Du so fühlst , Du herziges Ding , und ich verspreche Dir , daß ich das große Vermögen , das Du noch bekommst , so für Dich sichern werde , daß Deine Eltern kein Anrecht daran haben und Du Alles damit machen darfst , was Herr Leonhardt Dir erlaubt . “ „ Ach , das ist schön , das ist herrlich ! “ jubelte Käthchen und küßte einen Zipfel von Johannes ’ Rock . „ Herr Walter , “ rief es in seiner Freude : „ Gelt , Du hilfst mir dann alle kranken Leute aufsuchen und sagst mir , wie viel ich Jedem geben darf ? “ „ Ja , Käthi-Schätzchen — das wollen wir tun ! “ rief Walter vergnügt . Johannes gab der Kleinen einige Silberstücke . „ Da , Herzchen , schenk das dem nächsten Bettler , der vorüber kommt , wenn Dir ’ s Freude macht . Lebt wohl miteinander — ich will keine Minute mehr versäumen , denn nun ist es Zeit , daß ich zum Äußersten schreite . Gott mit Euch ! “ Er drückte Leonhardt die Hand und ging rasch dem Schlosse zu . „ Was muß da oben zwischen dem Oheim und dem Fräulein geschehen sein ? “ fragte Leonhardt kopfschüttelnd . „ Vater Leonhardt , “ sagte Käthchen , „ Du mußt mich nicht verraten , aber ich weiß was ! “ „ Nun was denn , mein Kind ? “ „ Der Vormund da droben , der ist ein recht schlechter Mensch . “ „ Das ist eine alte Geschichte , Käthi ! “ meinte Walter . „ Ja , aber denkt nur , was der tut : Der räumt den Briefkasten am Schulhause aus , wenn ’ s dunkel ist ! “ „ Warum nicht gar ! “ „ Ja , der Vater hat ’ s gesehen , aber er hat mir gedroht , wenn ich ’ s Jemand sagte , sperre er mich drei Tage lang ein . “ „ Mein Gott , “ rief Herr Leonhardt entsetzt , „ wie kam Dein Vater zu der Entdeckung ? “ „ Ja , er hat ’ s der Mutter erzählt und ich hab ’ s gar nicht hören sollen , ich hab ’ s aber doch gehört . Wie er vorige Woche einmal Nachts auf die Lauer ging wegen des Traubendiebstahls , da hat er was gegen das Schulhaus schleichen gehört und sich versteckt , weil er meinte , es sei der Dieb . Und da hat er den Herrn Gleißert erkannt , wie er sich am Briefeinwurf was zu schaffen machte . Dann ist der Vater näher hinzugeschlichen und hat ’ s ganz deutlich wahrgenommen , daß der Herr mit etwas Langem die Briefe zum Spalt herauszog , ein Schwefelhölzchen anzündete und den Hut vorhielt , daß es Niemand sehen sollte . Bei dem Schwefelhölzchen habe er dann die Aufschriften gelesen und die Briefe wieder in den Kasten gesteckt — bis auf einen , den habe er behalten . Dann sei er wieder dem Schlosse zugegangen . — Der Vater sagt , er habe einen Augenblick Lust verspürt , ihn zu packen , aber er habe sich nicht getraut , man könne ja nicht wissen , was so Einer für Waffen bei sich trage . Und anzeigen wollte er ihn auch nicht , wer mit dem anbinde , der könne doch nur dabei zu Schaden kommen . “ „ Was mag dieser Bösewicht im Schilde führen ? “ meinte Herr Leonhardt besorgt . Walter lachte : „ Ei , Vater , das ist die Vergeltung dafür , daß ich immer die Adressen seiner Briefe lesen mußte , wenn der Briefbote sie holte . “ „ Nun , das war doch etwas Anderes , “ sagte Leonhardt ernst . „ Mein Gott , ich glaube , das sollte unser Freund noch wissen , bevor er auf das Schloß kommt . Walter lauf , Du hast junge Beine , suche ihn einzuholen und teile es ihm mit . “ , ,Ja , Vater , ich will ihn schon erreichen . Bleib nur hier sitzen , ich werde schnell zurück sein ! “ rief der junge Mann und eilte leichtfüßig wie ein Hirsch davon . Herr Leonhardt tastete nach Käthchen : „ Kind , bist Du da ? “ „ Ja , Vater Leonhardt ! “ „ Käthchen , heute hast Du mir alle Liebe gelohnt , die ich für Dich im Herzen trug . “ Er strich prüfend mit der Hand über das abgemagerte Gesichtchen . „ Ich kann Dich nicht mehr sehen ; sie sagen , Du seist sehr verändert , und es scheint mir auch so . Vor meiner Seele stehst Du unverlöschlich mit den schelmischen , schwarzen Äuglein und den roten Pausbäckchen aber — auch das schwarze Heidelbeermäulchen sehe ich immer noch ! Käthchen — nicht wahr — Du hast seither nie mehr gelogen ? “ „ Nein , Vater Leonhardt , auf Seelenseligkeit , nie mehr — und will ’ s auch nie mehr tun . Ich bin jetzt das reichste Kind in der ganzen Gegend , sagt die Mutter , so will ich auch das bravste sein und dem lieben Gott so danken , wie Du sagst , daß man ’ s müsse , mit guten Werken . Und weißt Du , seit ich beim Gebet die Hände nicht mehr falten kann , ist mir ’ s ordentlich , als müsse ich noch viel andächtiger beten als sonst . Es fehlt mir was : Ich meinte früher immer , ich hielte den lieben Gott fest zwischen meinen gefalteten Händen und er müsse um so lange still halten und mich anhören , bis ich ihn wieder losließ , jetzt ist das anders — jetzt meine ich , ich müsse ihn viel brünstiger anrufen , daß er zu mir kommt und bei mir bleibt , so lange ich ihn um was bitten will . “ „ Du gutes Kind ! Der Herr ist Dir immer gegenwärtig , — wo sollte er denn lieber sein , als in solch einem reinen Kindesherzen ? Käthchen , Du bist die Blume auf dem Wege eines Blinden ! Weißt Du , was ich damit sagen will ? “ Käthchen legte sein Köpfchen auf Leonbardts Kniee : „ Ich denke mir , Du willst damit sagen , daß Du mich lieb hast ! “ „ Ja , mein Kind — und daß auf meinem Wege mir nicht viel Freude blüht , wie die , welche ich an Dir erlebe . “ „ Aber Vater , Du hast ja den Walter , der muß Dich doch noch mehr freuen als ich ! “ „ Gott segne ihn , er ist mein Stab in der Nacht ! Er ist mein Bestes auf Erden . “ „ Vater Leonhardt , wenn ich groß bin , heirate ich den Walter , dann bleiben wir Alle zusammen . “ , ,Was ! Wie kommst Du denn auf den Einfall ? “ „ Ja , die Mutter hat gesagt , ich sei jetzt so reich , daß ich mir einen Mann nehmen könne , welchen ich nur wolle — und da will ich den Walter haben und keinen andern , keinen ! “ „ Wenn er Dich nun aber nicht will ? “ fragte Herr Leonhardt lächelnd . „ Ach — er wird mich schon wollen ! “ erwiderte das Kind zuversichtlich . „ O heilige , heilige Einfalt ! “ flüsterte der Greis und legte seine Hände segnend auf das Haupt der Kleinen . Und wie er so dasaß und schweigend in die Nacht hineinstarrte , wurde es plötzlich hell um ihn her . Aus dem schwimmenden Dunkel traten die Säulen einer Kirche hervor und durch die hohen Bogenfenster fiel ein lichter Sonnenstrahl auf ein junges Paar , das da vor dem Altar kniete . Es war umgeben von einer frohen Schaar Verwandter , unter der auch ein greiser , blinder Vater und an seiner Seite eine alte vor Seligkeit weinende Mutter saß . Und schön waren die jungen Leute anzusehen , blond der Bräutigam , aber bärtig , männlich , — die Braut voll süßer jungfräulicher Scheu . In den großen , offenen Augen eine Träne der Andacht und Rührung — — nur der kleine reizende Mund , der hatte einen leichten bläulichen Schein , der nicht wegzubringen war , als habe sie eben erst Heidelbeeren genascht . „ Ei , ei , ei “ — sagten die Leute , „ am Hochzeitstage in die Beeren zu gehen ! “ Nun stimmte die Orgel ein schönes Lied an und die Gemeinde sang es mit . Die Braut reichte dem Liebsten die Hand , zwar nur die linke , aber die hielt fest , fester , als wenn Andere alle beide geben — die hielt für ’ s ganze Leben . So war denn die Trauung zu Ende und das Paar trat heraus , in den lachenden Frühlingstag . — Da drängte sich ein Schwarm wohlbekannter Gesichter heran . Es waren lauter arme Verunstaltete , aber sie sahen gar nicht so abschreckend aus wie einst , sie hatten alle gute , neue Kleider an und schwenkten jubelnd die Mützen : „ Vivat das Brautpaar ! Seit Ihr im Dorfe hauset , gibt es keine Hungernden , keine Frierenden mehr . Vivat unser Doktor Walter Leonhardt ! Vivat das Käthchen mit dem silbernen Arm ! “ O friedliches , leuchtendes Bild , das die Seele des Blinden erhellt , — lieblicher Zukunftstraum , der am Rande des Grabes den Greis umgaukelt , dem Geplauder eines Kindes entstiegen ! — „ Vater Leonhardt — warum lächelst Du ? “ fragte die Kleine . „ Weil ich eben etwas so Schönes gesehen ! “ „ Ich denke , Du siehst gar nichts mehr ? “ „ Was ist , sehe ich freilich nicht , mein Kind , — desto besser vielleicht , was sein wird ! “ Achtes Kapitel . Kampf . Ernestine saß an ihrem Schreibtisch und ordnete Bücher und Papiere zum Einpacken . Ihr Oheim half ihr dabei mit zitternder Hast . Von Zeit zu Zeit stützte sie kraftlos den Kopf in die Hand . „ Es ist keine Rede davon , daß wir heute fortkommen , wenn Du Dich nicht mehr beeilst , “ mahnte Leuthold dringend . „ Ich tue ja , was ich vermag , aber ich bin so schwach , daß ich kaum weiß , ob ich nur diese Nacht noch reisen kann . “ „ Es ist unbegreiflich , wie Du Dich jetzt gehen * lässest . So warst Du nie . Wenn ich denke , welche Selbstbeherrschung Du sonst besaßest ! Eine Willenskraft , die einem Manne Ehre gemacht hätte — und nun ! O , es ist zum Weinen ! “ „ Du folterst mich , Oheim , “ rief Ernestine und warf mehrere Bücher in die neben ihr stehende Kiste . „ Du willst nur nicht glauben , daß ich mich jetzt wirklich weit elender fühle , als früher . Es ist ja mein eigener freier Wille , zu reisen , weshalb sollte ich mich denn nicht beeilen , so viel ich kann ? “ Der Oheim blickte sie von der Seite lächelnd an . „ Du täuschest Dich selbst , mein Kind . Es ist nicht Dein Wille — es ist nur eine Laune , was Dich jetzt forttreibt . Eine Laune wird aber vom Zufall erzeugt und ein Zufall kann sie ändern . “ „ Ich weiß nicht , welch ein Zufall diese < < Laune > > — wie Du es zu nennen beliebst — ändern sollte . Es kann sich weder heute noch morgen etwas ereignen , das meinen Entschluß wanken ließe . Was hast Du von einem Aufschube zu fürchten ? Kein Mensch weiß um meine Abreise , es kann also Niemand mir mit Gegenvorstellungen das Herz schwer machen . Nicht einmal dem guten alten Leonhardt habe ich es gesagt und selbst die Willmers weiß es ja erst seit heute . Konnte ich mehr tun , um Dich zu versichern , daß ich es ernst meine ? “ Leuthold sah sie wieder mit seinem sarkastischen Lächeln an . Er wußte wohl , daß Ernestine nur deshalb dies strenge Schweigen um ihre Reise breitere , weil sie sich nicht stark genug fühlte , einer etwaigen freundschaftlichen Einsprache zu widerstehen . Deshalb zitterte er , daß ein tückisches Geschick ihre Absichten doch noch verraten möchte . Ihr Bleiben oder Gehen entschied ja über seine Existenz . In den vier Wochen , die seit Ernestinens Rückkehr aus der Stadt verflossen waren , hatte Leuthold seinen ganzen Einfluß nur darauf verwandt , Ernestinen aus dieser Gegend , womöglich aus dem Lande fortzubringen . Sie durfte den Mann , der ihr einen so unverkennbaren Eindruck gemacht , nie wiedersehen . Jetzt durfte sie sich weniger als je in ein Liebesverhältnis einlassen , denn wenn sie jetzt den Gedanken faßte , zu heiraten — und ihr Eigentum von ihm forderte , war er verloren ! Seinem umsichtigen Verfahren gelang es bald , durch einen amerikanischen Agenten eine Stellung in einer großen chemischen Fabrik in New York zu erlangen . Ernestinen legte er einen glänzenden Vertrag vor , demzufolge sie dort gegen ein großes Honorar in einer naturwissenschaftlichen Gesellschaft einen Zyklus von Vorlesungen halten sollte . Die Tatsache , daß sie von einer deutschen Universität den Preis für eine Schrift erhalten , genügte , um ihr in Amerika einen Namen zu machen , und Leuthold tat das Seine redlich , um sie als ein Phänomen dort anzupreisen . Es mußte ihm in seinen jetzigen bedrohten Geldverhältnissen Alles daran liegen , sie in den Stand zu setzen , sich selbst ernähren zu können , damit sie nicht ihm zur Last fiel . Ging es mit den Vorlesungen auf die Länge nicht , so mußte sie sich eben entschließen , als „ Frauenarzt “ ihr Brot zu verdienen . Doch das verschwieg er ihr wohlweislich . Er erfüllte ihr ganzes Denken nur mit dem ungeheuern und unausbleiblichen Erfolg ihrer Vorträge . Es waren für eine ehrgeizige Frau unwiderstehliche Mittel , die er anwandte , um sie seinen Planen zu gewinnen . Als er ihr einige der großen amerikanischen Zeitungen brachte , worin sie durch lange Spalten ihr Lob las , welches natürlich ganz in dem dort üblichen , überschwenglichen Reklamenstil gehalten war , da bemächtigte sich ihrer eine Aufregung , die ihr das Blut fiebernd durch alle Adern jagte . Sie sah eine Zukunft vor sich , wie sie nie einem Weibe zu Teil geworden . Sie sah sich in einem der prachtvollen Riesensäle New Yorks vor einem Auditorium von Männern , die ihr , dem Mädchen , aufmerksam lauschten . Sie sah sich angestaunt als ein Wunder ihres Geschlechts . Die geheimsten Träume ihres Stolzes sollten sich verwirklichen , die Saat ihres stillen Fleißes sollte endlich aufgehen in der Öffentlichkeit , die Welt sollte widerhallen von dem Rufe dessen , was ein Weib kann ! Und dennoch wurde ihr die Wahl schwer . Und dennoch brauchte sie Wochen , um die wenigen Buchstaben ihres Namens unter den Vertrag zu schreiben und kein Werk , an das sie die Arbeit ihrer Tage , den Schlaf ihrer Nächte gesetzt , kostete sie so viel von ihrem Leben , wie diese einzige Unterschrift ! — Möllners schönes , strenges Antlitz hatte sie , wie Banquos Geist den Macbeth vom Thronsessel , immer wieder von dem Ergreifen dieser neuen Ehren zurückgeschreckt.99 Es war ihr , als beginge sie ein Verbrechen an ihm — und endlich in ihrer höchsten Zweifelsqual schrieb sie ihm heimlich . Sie teilte ihm Alles ehrlich mit , sie bat ihn um seinen Rat — sie verhehlte ihm nicht , daß sie keinen so entscheidenden Entschluß fürs ganze Leben fassen könne ohne seinen Segen . Warum dieser Brief nicht in Möllners Hände gelangte , das wußte außer Leuthold Niemand als Käthchen und dessen Vater . Tag für Tag verfloß , Ernestine wartete natürlich vergebens auf Antwort . Sie wartete wie auf die Entscheidung über Leben und Tod . Kein Schlaf senkte sich mehr auf ihre brennenden Lider , nur die unentbehrlichste Nahrung kam über ihre Lippen . Sie verzehrte sich in dem Verlangen nach einem Wort — einem einzigen Wort von Möllner und es kam nicht ! Sie war ihm nicht wert mehr , die Feder für sie einzutauchen , seit ihrer Zurückweisung seiner Bewerbung ließ er nichts mehr von sich hören . Er hatte seinen Schmerz besiegt , hatte sie aufgegeben und zwar schon nach so kurzer Zeit ! ! Und je größer die Sehnsucht gewesen , mit der sie seinen Brief oder seinen Besuch erwartet , desto größer war auch die Kränkung , die Erbitterung über sein Ausbleiben . So oft sie an ihren Schreibtisch trat , leuchteten ihr die großen Buchstaben des Vertrags mit allen seinen lockenden Verheißungen entgegen . Auf was wollte sie nun noch warten ? Weshalb sich nun noch besinnen ? — So war es gekommen , daß sie unterzeichnet hatte . Aber nun sollte auch nichts sie mehr in ihrem stolzen Vorhaben wankend machen . Es sollte ihre Rache sein , unwiederbringlich für ihn verloren zu bleiben , ohne Abschied zu verschwinden , um von einem fernen Weltteil herüber den Ruf ihrer verkannten Größe an sein Ohr schallen zu lassen . Selbst der Willmers vertraute sie sich nicht an , weil sie deren Geschwätzigkeit kannte . Erst am letzten Tage erhielt diese die Weisung , Ernestinens Fahrnisse so rasch als möglich zu verkaufen und ihr dann nachzukommen . Denn Leuthold wollte vor der Einschiffung von Gretchen Abschied nehmen , die er einstweilen noch in Deutschland zu lassen gedachte , und er hatte Ernestinen der Sicherheit halber bewogen , ihn dorthin zu begleiten ; er wollte sie keinen Tag mehr aus den Augen lassen . An Leonhardt schrieb sie einen innigen , schmerzlichen Abschied und bat ihn , ihre Bücher und Apparate so lange aufzubewahren , bis sie dieselben fordern werde . Sie wisse noch nicht , wo sie ihren festen Aufenthalt nehme und könne die Sachen daher jetzt noch nicht brauchen . Walter möge einstweilen damit weiter studieren . In diese zarte Form kleidete sie das kostbare Geschenk , welches sie den feinfühlenden Menschen mit den Dingen machen wollte , die Walter zu seinen Studien brauchte . Ihr Oheim sollte erst unterwegs erfahren , daß sie die physiologischen Werke und Geräte nicht verkaufen ließ , wie er es der Willmers aufgetragen . Er hätte es nimmermehr zugegeben , denn Ernestine hatte schon mehrmals zu ihrem Befremden wahrgenommen , wie sehr es ihm um bares Geld zu tun war . — Die Willmers hatte ihr in die Hand geloben müssen , Herrn Leonhardt erst nach Ernestinens Abreise den Brief zu geben und so war denn für Alles gesorgt , an Alles gedacht — nur an Eines nicht , an Ernestinens körperlichen Zustand . — Das unbeugsame Wesen war so wenig gewöhnt , auf seine Gesundheit Rücksicht zu nehmen , daß es sein immer steigendes Unwohlsein , die natürliche Folge der übermenschlichen Aufregung der letzten Zeit , gänzlich unbeachtet ließ . Heute aber hielt sie sich kaum mehr aufrecht , der Gedanke , eine so große Reise antreten zu müssen , begann sie zu ängstigen . So saß sie vor dem Oheim , ein Bild der Erschöpfung . Er betrachtete sie mit zweifelhaftem Blick — ob sie es wohl durchbringen werde , bis er mit ihr auf dem Schiff sei ? Wurde sie dort krank , so war es eben die Seekrankheit , der ja fast kein Mensch entgeht . Und starb sie — ? Nun dann war ihr wohl . Er begrub sie in die herrliche wogende See und seinen Haß , seine Furcht , seine Verbrechen mit ihr . Die Wellen , die ihren Leichnam wegspülten — sie wuschen ihn von aller Schande , allen Verbrechen rein ! — O , dieser Gedanke — war unermeßlich schön , wie das weite Meer , das sich schon vor seinen Blicken ausbreitete . „ Oheim , starre nicht so unheimlich vor Dich hin , “ sagte Ernestine . „ Man könnte ja denken , Du sinnest nichts Gutes ! “ Leuthold lächelte . „ Du bist wirklich nervös , mein Kind . Seit wann ist Dir mein ehrliches Gesicht unheimlich ? “ Ernestine erwiderte nichts , sie hüllte ein Buch in Papier ein , um es in die Kiste zu packen . „ Sollen denn die alten Märchen mit ? “ fragte Leuthold ironisch . „ Ja ! “ war die kurze , bestimmte Antwort . „ Gut , gut — hast Du nicht vielleicht auch irgendwo eine Puppe , die ich mit einpacken soll ? “ Ernestine fuhr auf . „ Oheim — ich sagte Dir schon einmal , daß ich diesen Ton nicht mehr dulde ! “ „ Verzeih — aber eine solche Kinderei verdient einen Scherz . Wie ? Oder hat das Buch irgend eine andere Bedeutung für Dich ? Du brauchst nicht zu erröten . Ich errate , es ist noch ein Andenken an den Ritter von der Eiche , an Möllner . Nun , da müssen wir es freilich mitnehmen . “ „ Oheim ! “ rief Ernestine und nahm ihm das Buch weg , das er eben unter den übrigen zurechtlegen wollte . „ Du verstehst es , mit Deinem Spott Alles zu begeifern , was mir noch wert war . Laß das Buch heraus , ich will es dem kleinen Käthchen schenken . “ „ Und wenn Professor Möllner zu ihm kommt und findet es dort , dann wird es ihn rühren , daß seine verlassene Freundin die Erinnerungen an ihn so treu bis jetzt bewahrte . Er findet auch wohl beim Blättern das Eichenlaub noch , das Du hineingeklebt . Vielleicht hält er es für einen stummen Abschiedsgruß und weiht Dir eine Träne des Mitleids . O — es wird sehr erbaulich sein ! “ „ Oheim , wenn ich das denken müßte — lieber würde ich das Buch verbrennen ! “ „ Und das wäre das Allerbeste in jedem Fall . Dieser aufgeblasene Mensch ist des Andenkens nicht wert , das Du ihm bewahrst . Ich möchte es vertilgen , wie Alles , was Deiner unwürdig ist . Wahrlich — es hat mich längst im Stillen empört , wenn ich auch nicht darüber sprach , daß er sich so gar nichts mehr um Dich kümmerte ! Ein Weib wie Dich gibt man nicht auf , wie eine Ware , über die man nicht handelseinig werden konnte . Er hat Dich nie geliebt , sonst hätte er Dir nicht von Anfang an Bedingungen für eine Vereinigung gestellt , als müßtest Du Dir noch eine Ehre daraus machen , daß er sich zu Dir herabläßt ! Glaube mir — ich kenne Welt und Menschen — er war in der größten Verlegenheit , denn er hat sich moralisch für verpflichtet gehalten , Dir seine Hand anzubieten . “ Ernestine zuckte zusammen . Leuthold fuhr fort : „ Ich weiß nicht , wie Du Dich ihm gegenüber benahmst , aber bei Deiner Unerfahrenheit und der Neigung , die Du für ihn hegtest — leugne es nicht — ist vorauszusetzen , daß Du etwas allzu entgegenkommend warst . “ Ernestine biß sich auf die Lippen und schlug die Augen nieder . „ Schon die Tatsache , daß Du mit ihm nach seinem Hause gingst — allein , ohne jede nähere Bekanntschaft — ohne Aufforderung seitens seiner Mutter , mußte ihn glauben machen , Du seist sterblich in ihn verliebt und er war anständig genug , den Makel , den Du durch diese Unbesonnenheit Deiner Ehre aufgedrückt , verwischen zu wollen , indem er Dich zur Frau nahm . Ich will dabei gar nicht in Abrede stellen , daß er es von Anfang an gut und treu mit Dir meinte , aber sein Gefühl für Dich scheint mir eben nur ein freundschaftliches gewesen zu sein und Dein rasches Entgegenkommen hat ihm gewissermaßen eine andere Bedeutung aufgezwungen . Wer weiß , ob er Dich nicht jetzt schon im Stillen der Aufdringlichkeit zeiht und froh ist , so leichten Kaufs davon gekommen zu sein ! — Du aber , Du tändelst und liebäugelst wie ein verliebter Backfisch mit den Erinnerungen an ihn und schleppst das einzige Geschenk , das Du als ein abscheulicher Molch , der Du damals warst , aus Mitleid von ihm bekamst , mit übers Weltmeer wie eine Reliquie ! — Ernestine — was ist Dir denn ? Ums Himmelswillen — nimm Dich doch zusammen . Ist denn das der Mühe wert ? Du gewöhnst Dir das Ohmnächtigwerden förmlich an ! “ Er richtete das bleiche Haupt empor und fächelte ihr Luft zu . Sie blickte ihn matt an , dann schob