wenn du an einem Fenster vorüber kamst , blicktest du hinaus auf den unablässig fallenden Schnee ; du horchtest auf den heulenden Wind – und wieder begannst du leise hin und her zu gehen und zu träumen . Ich glaube , jene wachenden Träume waren nicht düster ; dann und wann leuchtete dein Auge freudig auf , eine sanfte Erregung bemächtigte sich deiner Züge – das war kein bitteres , galliges , hypochondrisches Brüten , deine Blicke verrieten eher das süße Grübeln der Jugend , wenn ihr Geist auf leichten Flügeln dem Fluge der Hoffnung folgt und einem idealen Himmel zustrebt . Die Stimme von Mrs. Fairfax , welche in der Halle sprach , rüttelte dich auf , und wie seltsam du über dich selbst lachtest , Jane ! Es lag viel Sinn in deinem Lächeln ; es war sehr fein und schien über deine eigene Geistesabwesenheit zu spotten . Es schien zu sagen : » meine prächtigen Visionen sind wohl wunderbar , aber ich darf nicht vergessen , daß sie durchaus wesenlos sind . In meinem Hirn trage ich einen rosigen Himmel und ein grünendes , blühendes Eden ; aber ich weiß sehr wohl , daß hier draußen ein rauher Pfad vor meinen Füßen liegt , den ich durchwandeln muß , und daß um mich her sich schwarze Gewitterwolken zusammenballen , denen ich trotzen muß . Dann liefst du hinunter und batest Mrs. Fairfax , dir eine Beschäftigung zu geben , nämlich die Haushaltsrechnungen der Woche zu ordnen oder etwas Ähnliches . Habe ich nicht recht ? Ich zürnte dir damals , daß du dich meinen Blicken entzogst . Ungeduldig wartete ich auf den Abend , damit ich dich zu mir rufen lassen könne . Ich vermutete in dir einen neuen – für mich neuen – ungewöhnlichen Charakter . Ich hegte den Wunsch ihn zu ergründen und ihn näher kennen zu lernen . Du tratest ins Zimmer mit einem Blick , der zugleich Bescheidenheit und Unabhängigkeit verriet . Du warst einfach gekleidet – ungefähr so wie jetzt . Ich brachte dich zum Sprechen – und es dauerte nicht lange , so fand ich , daß die seltsamsten Kontraste in dir waren . Deine Kleidung und deine Manieren waren durch die Norm eingeschränkt und beengt ; deine Mienen und Betragen waren oft voll von Mißtrauen , aber durchaus verfeinert von Natur aus , wenn auch total ungewöhnt an Gesellschaft . Man fühlte es , wie sehr du fürchtetest , dich durch einen Mißgriff oder eine Ungeschicklichkeit unvorteilhaft auffallend zu machen ; wenn man dich jedoch anredete , so erhobst du ein klares , unerschrockenes , mutiges Auge zu dem Gesicht des mit dir Redenden ; in jedem deiner Blicke lag Kraft und Unterscheidungsgabe ; wenn man dir verfängliche Fragen stellte , fandest du stets klare und sachgemäße Antworten . Sehr bald schienst du dich an mich zu gewöhnen – Jane , ich glaube du fühltest , daß zwischen dir und deinem grimmen , harten Herrn Sympathie existierte ; denn es war erstaunlich zu sehen , wie schnell ein gewisses freudiges Behagen dein Wesen ruhiger stimmte ; wie sehr ich auch brummte und murrte , du trugst weder Erstaunen , noch Furcht , Verstimmung oder Ärger über meine Unfreundlichkeit zur Schau . Du beobachtetest mich und lächeltest dann und wann mit einer einfachen aber klugen Anmut , die ich nicht zu beschreiben vermag . Ich war zugleich zufrieden und gereizt durch das , was ich sah . Mir gefiel , was ich gesehen hatte und ich wünschte mehr zu sehen . Und doch behandelte ich dich während langer Zeit kalt und suchte deine Gesellschaft nur selten . Ich war ein kluger Epikuräer und wünschte die Annehmlichkeit zu verlängern , welche das Machen dieser neuen und pikanten Bekanntschaft mir gewährte . Außerdem quälte mich eine Zeit lang eine qualvolle Furcht , daß der Schmelz von der Blüte fallen würde , wenn ich zu sorglos mit ihr umginge – daß der süße Reiz ihrer Frische sich verlieren werde . Damals wußte ich ja noch nicht , daß es keine vergängliche Blüte sei , sondern das Ebenbild einer solchen aus einem unvergänglichen Edelstein geschnitten . Und überdies wollte ich sehen , ob du mich suchen würdest , wenn ich dich mied – aber das thatest du nicht ; du hieltst dich immer im Schulzimmer auf , so still wie dein Schreibtisch , wie deine Staffelei . Wenn ich dir zufällig begegnete , gingst du mir so schnell und so fremd vorbei , wie es sich nur irgend mit den Gesetzen der Höflichkeit vereinbaren ließ . Dein gewöhnlicher Gesichtsausdruck in jenen Tagen , Jane , war ein gedankenvoller ; nicht niedergeschlagen , denn du warst nicht krankhaft ; aber auch nicht fröhlich , denn du hattest wenig Hoffnung und kein einziges wirkliches Vergnügen . Ich fragte mich verwundert , was du wohl von mir denken könnest , oder ob du überhaupt an mich dächtest – und um dies ausfindig zu machen , fing ich wieder an , dir Beachtung zu schenken . Es lag etwas Freundliches in deinem Blick , etwas Sympathisches in deiner Weise , wenn du dich unterhieltst ; ich sah , daß du ein mitteilsames Herz hattest – es war also nur das stille Schulzimmer , das ewige Einerlei deines täglichen Lebens , das dich traurig machte . Ich gestattete mir die Freude , gütig gegen dich zu sein . Güte belebte dein Empfinden gar bald . Der Ausdruck deines Angesichts sänftigte sich , deine Stimme wurde weich ; es erfüllte mich mit Wonne , wenn du meinen Namen in so dankbaren , glücklichen Lauten aussprachst . Es machte mir Vergnügen , wenn ich dich damals durch einen Zufall traf , Jane . In deinem Benehmen lag etwas eigentümlich Zauderndes ; du blicktest mich mit leiser Unruhe an – ein zeitweiliger Zweifel : du wußtest ja nicht , welche Kaprice mich wiederum treiben mochte – ob ich wiederum den Herrn spielen und strenge und hart sein oder den Freund herauskehren und wohlwollend sein würde . Ich hatte dich jetzt schon zu lieb gewonnen , um die erstere Rolle oft zu spielen ; und wenn ich meine Hand freundlich ausstreckte , kam so viel Wonne und Licht und Farbe in deine jungen , traurigen Züge , daß ich mir oft Gewalt anthun mußte , um nicht die Arme auszubreiten und dich an mein volles Herz zu ziehen . « » Sprechen Sie nicht mehr von jenen Tagen , Sir , « unterbrach ich ihn , indem ich verstohlen einige Thränen von meinen Wimpern trocknete . Seine Worte waren Todesqualen für mich , denn ich wußte , was ich thun mußte – und bald thun – und all diese Erinnerungen , diese Reminiscenzen machten mir meine Aufgabe nur noch schwerer . » Nein , Jane , « erwiderte er , » wozu auch bei der Vergangenheit weilen , wenn die Gegenwart so viel Gewißheit bietet – wenn die Zukunft so hell und klar ist ? « Ein Schauder erfaßte mich , als ich diesen thörichten Ausspruch vernahm . » Du siehst jetzt , wie die Sache steht – nicht wahr ? « fuhr er fort . » Nachdem ich meine Jugend und meine Mannesjahre zur einen Hälfte in unsagbarem Elend , zur andern in trauriger Einsamkeit zugebracht , habe ich zum erstenmale gefunden , was ich wahrhaft lieben kann – habe ich dich gefunden . Du bist meine Sympathie – mein besseres Ich – mein guter Engel – ich hänge an dir mit einer starken Liebe . Ich glaube dich gut , begabt , klug , lieblich ; eine glühende , eine heilige Leidenschaft wohnt in meinem Herzen ; sie lehnt sich an dich , sie lenkt mein innerstes Sein , meinen Lebensquell zu dir , hüllt dich in mein ganzes Wesen ein – und indem sie in einer reinen , mächtigen Flamme auflodert , verschmilzt sie dich und mich in eins ! Weil ich dies fühlte und wußte , beschloß ich dich zu heiraten . Es ist leerer Hohn , mir zu entgegnen , daß ich bereits eine Gattin habe . Du weißt jetzt , daß ich nur einen widerwärtigen , grauenhaften Dämon habe . Es war ein furchtbares Unrecht , daß ich versuchte , dich zu täuschen , aber ich fürchtete den Eigensinn , der in deinem Charakter liegt . Ich fürchtete früh eingeimpfte Vorurteile ; ich wollte dich in Sicherheit bringen , bevor ich mich an jene vertraulichen Mitteilungen wagte . Dies war feige . Zuerst hätte ich an deine Großmut , deinen Edelsinn appellieren sollen , wie ich es jetzt thue – ich hätte mein ganzes Leben der Qual vor dir offenbaren sollen – dir meinen Hunger , meinen Durst nach einem höheren , würdigeren Dasein beschreiben müssen – dir gezeigt haben , nicht meinen Entschluß ( das ist ein schwaches Wort ) , sondern mein namenloses , unwiderstehliches Verlangen treu und innig zu lieben , wo ich treue und innige Gegenliebe finde . Dann erst hätte ich dich bitten dürfen , mein Gelübde der Treue anzunehmen und mir das deine zu geben , Jane – gieb es mir jetzt . « Eine Pause . » Weshalb schweigst du , Jane ? « Ich litt Todesqualen ; eine feurige Hand griff mir nach dem Sitz alles Lebens . Furchtbarer Augenblick , voll Kampf , Dunkelheit und Marter ! Kein lebendes Wesen konnte eine heißere Liebe begehren als wie sie mir wurde , und ich betete den an , der mich so liebte ! Dennoch mußte ich meinem Abgott , meiner Liebe entsagen ! Ein furchtbares Wort begriff meine entsetzliche Pflicht in sich : » Reise ab ! « » Jane , du verstehst doch , was ich von dir verlange ? Nur dies Versprechen – ich will die Ihrige sein , Mr. Rochester . « » Mr. Rochester , ich will nicht die Ihrige sein . « Wieder langes Schweigen . » Jane ! « begann er wieder mit einer Sanftmut und Zärtlichkeit , die mich fast erstarren machte , die mich mit ihrem bedeutungsvollen Schrecken beinahe zu Stein verwandelte – denn diese ruhige Stimme war das Keuchen des erwachenden Löwen . » Jane , gedenkst du etwa deinen eigenen Weg im Leben zu gehen , während ich einen anderen einschlage ? « » Ja ! « » Jane , « indem er sich zu mir neigte und mich umarmte , » bist du wirklich dazu entschlossen ? « » Ja , das bin ich . « » Und jetzt ? « indem er mir Stirn und Wangen küßte . » Noch immer – « indem ich mich vollständig und schnell aus seiner Umarmung frei machte . » O , Jane , dies ist bitter ! Dies ist – boshaft ! Es wäre keine Sünde , mich zu lieben . « » Es wäre aber Sünde , wenn ich Ihnen willfahrte . « Ein wilder Blick aus seinen Augen traf mich – einen Augenblick verzerrten sich seine Züge . Er erhob sich , aber er beherrschte sich noch . Ich griff nach einem Stuhl , um mich zu stützen ; ich bebte , ich fürchtete mich – aber ich blieb entschlossen . » Noch einen Augenblick , Jane . Wirf nur einen Blick auf mein furchtbares Leben , wie es sein würde , wenn du mich verlassen solltest . Mit dir würde all mein Glück wieder von mir gehen . Was bleibt mir denn übrig ? Als Gattin habe ich nur jene Tobsüchtige dort oben ; ebensogut könntest du mich an einen Leichnam da drüben auf dem Friedhof weisen . Was soll ich thun , Jane ? Wo eine Gefährtin suchen ? Wo Hoffnung finden ? « » Thun Sie , was ich thue . Vertrauen Sie auf Gott und sich selbst . Glauben Sie an den Himmel und an eine Vereinigung da oben . « » Du willst also nicht nachgeben ? « » Nein ! « » Du verdammst mich also dazu , unglücklich zu leben und mit Fluch beladen zu sterben ? « – Seine Stimme wurde lauter und lauter . » Ich rate Ihnen nur , sündenlos zu leben , und ich wünsche Ihnen ruhig zu sterben . « » Dann entreißt du mir also alle Liebe , alle Unschuld ? – Du verweisest mich auf die Sinnlichkeit anstatt der Leidenschaft – du läßt mir nur das Laster als Beschäftigung ? « » Mr. Rochester , ich verweise Sie ebensowenig auf dieses Schicksal , wie ich selbst es für mich begehre . Wir sind geboren um zu kämpfen und zu leiden – Sie sowohl wie ich ! Thun Sie es also . Sie werden mich früher vergessen als ich Sie . « » Durch solche Sprache machst du mich zum Lügner , du beschmutzest meine Ehre . Ich erklärte dir , daß ich mich nicht verändern würde . Und du sagst mir gerade ins Gesicht , daß ich nur zu bald ein anderer sein würde . Und welche Verirrung deiner Vernunft , welche Verkehrtheit der Ideen bekundest du durch dein Verhalten ! Ist es besser , einen Nebenmenschen zur Verzweiflung zu treiben , als ein Gesetz zu übertreten , das doch nur von Menschen gegeben ist – wenn niemand durch diese Übertretung geschädigt wird ? Denn du hast weder Verwandte noch Freunde und Bekannte , die du verletzen könntest , indem du bei mir bleibst . « Dies war wahr . Und während er sprach , wurden mein Gewissen und meine Vernunft an mir zu Verrätern und ziehen mich des Verbrechens , wenn ich ihm länger Widerstand leistete . Sie sprachen fast so laut wie mein Gefühl – und dieses schrie in seinem Jammer ! » O , gieb nach ! « flehte es . » Denk an sein Elend ! Denk an seine Gefahr – sieh seinen Zustand an , wenn er allein bleibt ; vergiß nicht seine wilde Natur ; zieh die Ruhelosigkeit , den Leichtsinn in Betracht , der auf die Verzweiflung notwendig folgen muß – besänftige ihn – rette ihn – liebe ihn ! Sag ihm , daß du ihn liebst und die Seine werden willst . Wer auf der ganzen Welt hat dich denn lieb ? Wer außer ihm ? Und wen würdest du durch deine That schädigen ? « Und unentwegt blieb die Antwort : Ich liebe mich selbst . Je einsamer , je verlassener , je unbeschützter ich bin , desto mehr werde ich mich selbst achten . Ich werde das Gesetz halten , welches Gott gegeben hat , die Menschen sanktioniert haben . Ich werde mich streng an die Grundsätze halten , die ich faßte , als ich noch bei Sinnen und nicht wahnsinnig war – wie ich es jetzt bin . Gesetze und Grundsätze gelten nicht allein für die Zeiten , in welchen keine Versuchung an uns herantritt ; sie gelten für solche Augenblicke wie der jetzige , wenn Leib und Seele sich gegen ihre herbe Strenge empören ; sie sind hart – aber sie müssen unverletzt bleiben . Wenn ich sie zu meiner persönlichen Bequemlichkeit übertreten darf – welchen Wert hätten sie dann ? Sie haben einen Wert – das habe ich stets geglaubt , und wenn ich es jetzt nicht glauben kann , so ist es , weil ich wahnsinnig bin , – ganz wahnsinnig ; in meinen Adern rollt Feuer , und mein Herz klopft so schnell , daß ich seine Schläge nicht mehr zahlen kann . Vorgefaßte Meinungen , frühere Entschließungen sind alles , was mich in dieser Stunde standhaft macht ; auf sie stütze ich mich ! « Und ich that es . Mr. Rochester , der in meinen Zügen las , sah , was geschehen war . Seine Leidenschaft erreichte den höchsten Grad . Er mußte ihr einen Augenblick nachgeben – komme was da wolle . Er schritt auf mich zu , faßte meinen Arm und packte mich um die Taille . Er schien mich mit den flammenden Blicken zu verschlingen ! Physisch fühlte ich mich in diesem Augenblick so schwach , wie trocknes Stroh , das der Glut und dem Zug eines Hochofens ausgesetzt ist . Psychisch hatte ich noch meine Seele und in ihr das Gefühl der endlichen Sicherheit . Die Seele hat glücklicherweise einen Dolmetsch – oft einen unbewußten , immer jedoch einen getreuen Dolmetsch – das Auge ! Mein Auge erhob sich zu dem seinen , und während ich in sein wild erregtes Antlitz schaute , stieß ich unwillkürlich einen Seufzer aus . Sein Griff war schmerzhaft und meine überbürdeten Kräfte fast erschöpft . » Niemals , « sagte er , indem er mit den Zähnen knirschte , » niemals hat es ein Geschöpf gegeben , das zugleich so zart und so unbezwinglich , so unbeugsam . In meiner Hand ist sie nur ein schwaches Rohr ! ( Und er schüttelte mich mit dem ganzen Aufgebot seiner Kräfte . ) Ich könnte sie mit Daumen und Zeigefinger zerbrechen . Aber was würde es nützen , wenn ich sie zerbräche , sie zerrisse , zermalmte ? Betrachte Einer das Auge ! Betrachte Einer das entschlossene , wilde , freie Etwas , das mir daraus entgegenblickt , das mir trotzt mit mehr als Mut – mit wildem Triumph . Was ich auch mit der Hülle thun mag , zu diesem Etwas kann ich nicht gelangen . Wildes , schönes Geschöpf ! Wenn ich dies zarte Gefängnis zerreiße , zersprenge , so würde das nur jenes gefangene Etwas befreien . Das Gehäuse könnte ich besiegen , aber der Insasse würde gen Himmel fliegen , bevor ich mich noch Besitzer jener Hülle aus irdischem Thon nennen könnte . Und du bist es doch , Geist – mit deinem Willen und deiner Energie , deiner Tugend und Reinheit , den ich haben will , nicht allein deine schöne Behausung . Wenn du nur wolltest , so könntest du aus eigenem Antriebe mit sanftem , leisem Flügelschlag kommen und dich an mein Herz schmiegen . Wollte ich dich gegen deinen Willen greifen , so würdest du dich meiner Hand wieder entwinden , wie zarter Blütenduft verraucht , ehe wir seinen Wohlgeruch eingeatmet haben . O , komm Jane , komm ! « Indem er dies sagte , ließ er mich los und blickte mich nur noch an . Es war viel schwerer , diesem Blick zu widerstehen , als seiner wahnsinnigen Umarmung . Doch nur eine Sinnlose wäre jetzt noch unterlegen . Ich hatte seiner Wut getrotzt und sie zu Schanden gemacht ; seinen Kummer jedoch konnte ich nicht ertragen . Deshalb näherte ich mich der Thür . » Gehst du , Jane ? « » Ich gehe , Sir . « » Du willst mich verlassen ? « » Ja . « » Du willst nicht zu mir kommen ? – Du willst nicht meine Trösterin , meine Erlöserin sein ? – Meine tiefe , innige Liebe , mein wildes Weh , meine heißen Bitten – ist alles das nichts für dich ? « Welch eine unbeschreibliche Würde lag in seinen Tönen ! Wie schwer war es , fest und entschlossen zu wiederholen : » ich gehe ! « » Jane ! « » Mr. Rochester ! « » So geh denn – ich willige ein – aber vergiß nicht , daß du mich hier in Todesqualen zurückläßt . Geh hinauf in dein Zimmer ; denk nach über alles , was ich dir gesagt habe , und dann , Jane , wirf einen Blick auf mein Leiden – denk an mich ! « Er wandte sich ab , warf sich auf das Sofa und begrub das Gesicht in den Kissen ! » O , Jane ! meine Hoffnung – meine Liebe – mein Leben ! « rang es sich wie in Todesqual von seinen Lippen . Dann kam ein tiefes , herzzerreißendes Schluchzen . Ich hatte die Thür schon erreicht , aber , mein Leser , ich ging wieder zurück ! Ging zurück , ebenso entschlossen , wie ich fortgegangen war . Ich kniete neben ihm nieder ; ich hob sein Antlitz vom Kissen zu mir empor , ich küßte ihm die Thränen von den Wangen und streichelte sein wildes Haar . » Gott segne Sie , mein teurer Herr ! « sagte ich . » Gott halte Sie von Unrecht und Sünde zurück ! Er führe Sie , er tröste Sie ! Und vor allen Dingen lohne er Sie für Ihre grenzenlose Güte gegen mich ! « » Die Liebe meiner kleinen Jane wäre mein bester Lohn gewesen , « entgegnete er , » ohne sie ist mein Herz gebrochen . Aber Jane wird mir ihre Liebe noch schenken ! Sie wird edel , – sie wird großmütig sein ! « Das Blut strömte ihm zum Kopf . Seine Augen sprühten Flammen ; er sprang auf und stand gerade vor mir . Er breitete die Arme aus . Doch ich entzog mich seiner Umarmung und – – verließ das Zimmer . » Leb wohl ! « war der Aufschrei meines Herzens , als ich ihn verließ . Und die Verzweiflung fügte hinzu : » Leb wohl auf ewig ! « Ich hatte nicht geglaubt , daß diese Nacht mir Schlaf bringen würde ; aber ein barmherziger Schlummer senkte sich auf meine Lider , als ich mich kaum niedergelegt hatte . Der Schlaf führte mich wieder zu den Scenen meiner Kindheit zurück . Mir träumte , ich läge im roten Zimmer in Gateshead ; die Nacht war düster und eine seltsame Angst lastete auf meiner Seele . Das Licht , das mich vor langer Zeit ohnmächtig gemacht , spielte in diese Vision hinüber , es schien an der Wand empor zu ziehen und dann vibrierend an dem Mittelpunkt der düsteren Zimmerdecke zu weilen . Ich hob den Kopf empor , um zu sehen ; der Plafond löste sich in Wolken auf , hoch und trübe . Der Schimmer war ein solcher , wie der Mond sie den Dünsten mitteilt , welche er zu durchbrechen im Begriffe steht . Ich sah , wie er aufging – ich beobachtete es mit seltsamer Erwartung , als müsse mein Urteil auf seiner Scheibe geschrieben stehen . Dann brach er hervor , wie noch niemals der Mond durch Wolken gebrochen ist : zuerst drang eine Hand durch die schwarzen Massen und schob sie zur Seite . Dann erschien in dem Azur – nicht der Mond – sondern eine weiße , menschliche Gestalt , welche ihre strahlende Stirn erdenwärts senkte . Sie blickte mich unverwandt an . Sie sprach zu meiner Seele , aus unermeßlicher Ferne kamen die Laute und doch waren sie so nahe . In meinem Herzen flüsterte es : » Meine Tochter , fliehe die Versuchung ! « » Mutter , ich will ! « So antwortete ich , nachdem ich aus dem bewußtlosen Traum erwacht war . Es war noch Nacht . Aber Julinächte sind kurz ; bald nach Mitternacht beginnt die Dämmerung . » Es kann nicht zu früh sein , um mit der Aufgabe zu beginnen , welche ich zu erfüllen habe , « dachte ich . Dann erhob ich mich vom Lager ; ich war noch angekleidet , denn ich hatte mich nur meiner Schuhe entledigt . Ich wußte , wo ich in meiner Schieblade etwas Wäsche , einen Ring und ein Medaillon zu finden hatte . Während ich nach diesen Gegenständen suchte , gerieten meine Finger mit den Perlen eines Halsbandes in Berührung , welches Mr. Rochester mich vor einigen Tagen anzunehmen gezwungen hatte . Das ließ ich zurück . Es gehörte nicht mir ; es gehörte der Braut , jenem Luftgebilde , das in nichts zerflossen war . Die anderen Sachen schnürte ich in ein Packet zusammen ; meine Börse , welche zwanzig Schillinge enthielt – mein ganzes Besitztum – schob ich in die Tasche . Ich setzte meinen Strohhut auf , steckte meinen Shawl zusammen , nahm das Packet und meine Schuhe , die ich noch nicht anziehen wollte und schlich aus meinem Zimmer . » Leben Sie wohl , gütige Mrs. Fairfax ! « flüsterte ich , als ich an ihrer Thür vorüberglitt . » Lebewohl , mein Liebling Adele ! « sagte ich , als ich einen Blick auf die Thür des Kinderzimmers warf . Dem Gedanken hineinzugehen und sie zu umarmen durfte ich nicht Raum geben . Es galt ein feines Ohr zu täuschen ! Wußte ich denn , ob es nicht in diesem Augenblick lag und horchte ? Ich würde auch an Mr. Rochesters Zimmer ohne Aufenthalt vorübergegangen sein ; da jedoch mein Herz für einen Augenblick zu schlagen aufhörte , als ich an seiner Schwelle vorbeieilen wollte , war ich gezwungen , meine Schritte für eine Minute inne zu halten . – Da war kein Schlaf eingekehrt ! Der Bewohner durchschritt ruhelos das Gemach von einem Ende zum andern ; wiederholt stieß er einen tiefen Seufzer aus , während ich dort stand und horchte . In jenem Zimmer war mein Himmel – mein irdischer Himmel , wenn ich wollte ! Ich brauchte nur hineinzugehen und zu sagen : » Mr. Rochester , ich will Sie lieben und bei Ihnen bleiben bis an das Ende unseres Lebens , « und ein Born der Wonne und des Entzückens würde sich in meine Seele ergießen . Daran dachte ich . Jener gütige Mann , mein Herr und Gebieter , der jetzt keinen Schlaf finden konnte , wartete mit Ungeduld auf den kommenden Tag . Am Morgen würde er nach mir schicken – dann war ich fort ! Er würde mich suchen lassen – umsonst ! Er würde sich verlassen fühlen , seine Liebe für verschmäht halten . Er würde leiden , vielleicht der Verzweiflung anheimfallen . Auch daran dachte ich . Meine Hand machte eine Bewegung nach der Thürklinke . Doch ich zog sie zurück und schlich weiter . Traurig suchte ich meinen Weg nach unten . Ich wußte , was ich zu thun hatte und that es mechanisch . In der Küche suchte ich den Schlüssel zur Seitenthür ; außerdem nahm ich eine kleine Flasche mit Öl und eine Feder , um den Schlüssel und das Schloß zu ölen . Ich trank ein wenig Wasser und nahm ein Stück Brot , denn vielleicht würde mein Weg ein weiter sein , und meine Kräfte , welche in letzter Zeit auf so harte Proben gestellt waren , durften mich nicht verlassen . Alles dies that ich ohne das leiseste Geräusch . Ich öffnete die Thür , ging hinaus und schloß sie leise . Trübe Dämmerung lag über den Hof gebreitet . Die großen Thore waren verschlossen ; aber ein Seitenpförtchen in einem derselben war nur eingeklinkt . Durch dieses ging ich hinaus . Dann schloß ich es auch . Und jetzt lag Thornfield hinter mir . Eine Meile von dort , hinter den Feldern , zog sich eine Straße hin , welche in die entgegengesetzte Richtung von Millcote führte ; eine Straße , auf der ich noch niemals gefahren , die ich aber bemerkt , und bei deren Anblick ich mich oft verwundert gefragt , wohin sie wohl führen möge . Dorthin lenkte ich meine Schritte . Jetzt durfte ich keinem Nachdenken Raum geben ; keinen Blick durfte ich zurückwerfen – nicht einmal einen in die Zukunft thun . Keinen Gedanken durfte ich weder der Vergangenheit noch der Zukunft weihen . Erstere war ein Blatt im Buche des Schicksals , das so himmlisch süß – so tödlich bitter – daß es meinen Mut erschüttern würde , meine Energie vernichten , wenn ich auch nur eine Zeile darin lesen wollte . Letztere war eine grauenhafte Öde : etwas , das der Erde ähnlich , als die Sündflut vorüber war . Ich ging an den Feldern entlang , an Hecken und Gäßchen , bis die Sonne aufgegangen war . Ich glaube , es war ein unendlich lieblicher Sommermorgen . Ich weiß noch , daß meine Schuhe , welche ich wieder angezogen , nachdem ich das Haus verlassen hatte , bald von Thau durchtränkt waren . Aber ich blickte weder zur Sonne empor , noch zu dem lächelnden Himmel , noch herab auf die erwachende Natur . Der Mensch , der auf einem schönen Wege zum Schaffot schreitet , denkt nicht an die Blumen , die am Grabesrand wachsen , sondern an den Block und das Beil ; an die Trennung von Leib und Seele ; an das gähnende Grab , das seiner harrt – und ich dachte an die traurige Flucht und an das heimatlose Umherwandern , und ach ! mit Todesqual dachte ich an das , was ich zurückgelassen ! Ich konnte nicht anders . Ich dachte jetzt an ihn , wie er ruhelos in seinem Zimmer hin- und herwanderte und auf den Sonnenaufgang wartete ; wie er hoffte , daß ich bald kommen und ihm sagen würde , daß ich bei ihm bleiben und die Seine werden wolle . Ich sehnte mich danach , ihm anzugehören ; ich war in Versuchung zurückzukehren . Noch war es nicht zu spät . Noch konnte ich ihm den bittern Schmerz der Trennung sparen . Ganz gewiß , noch war meine Flucht nicht entdeckt . Noch konnte ich zurückgehen und seine Trösterin sein – sein Stolz , seine Erlöserin aus tiefem Elend , vielleicht seine Retterin vom Verderben . O , jene Furcht vor seiner Vereinsamung – viel schlimmer als meine eigene – wie sie mich marterte ! Es war ein vergifteter Pfeil in meiner Brust , der mir alles zerriß , wenn ich versuchte , ihn herauszuziehen ; er tötete mich fast , als die Erinnerung ihn mir noch weiter , bis zum Sitz alles Lebens , hineinstieß ! In Feld und Busch begannen die Vögel zu singen ; die Vögel waren einander treu , Vögel waren das Sinnbild der Liebe ! Aber was war ich ? Inmitten meiner Herzensqual , meiner verzweifelten Anstrengung , meinen Grundsätzen treu zu bleiben , verabscheute ich mich selbst . Ich hatte meinen Herrn beleidigt – gekränkt – verwundet – verlassen ! Ich erschien