freundlich lächeln , aber ein einziger Blick in dieses von einem gefrorenen Ingrimm erfüllte Gesicht belehrte sie darüber , daß jeder Versuch , den Alten umzustimmen , fruchtlos war . Der Zufall ließ sie auf dem Heimweg Edmund Hahn begegnen . Sie hatte ihn nicht mehr gesehen , seit sie verheiratet war . Der Schauspieler schien hocherfreut , sie zu treffen . Sie gingen zusammen weiter , und es entwickelte sich ein eifriges Gespräch , das zuerst laut , dann immer leiser geführt wurde . 9 An dem Tag , an welchem Dorothea geheiratet hatte , war Herr Carovius zum Notar gegangen , um das Testament , das er in der Nacht zuvor niedergeschrieben , beglaubigen zu lassen . In diesem Testament hatte er sein ganzes Barvermögen , das Haus und sämtliche Mobilien einer nach seinem Tod zu errichtenden Erziehungsanstalt für adelige Waisen vermacht . Zum Protektor des Instituts wie zum Verwalter des Nachlasses war der Freiherr Eberhard von Auffenberg bestimmt . Von der Musik wollte Herr Carovius nichts mehr wissen . Der lange schmale Flügel , den er hatte , bekam eine Lederhülle und glich einem ausgestopften Tier . Seiner Leidenschaft für die Kunst gedachte er wie einer jugendlichen Verirrung , doch daß er seinen Geist kasteite , blieb ihm dabei , oft bis zum Schmerz , trotzig bewußt . Recht eigentümlich war die Beschäftigung , der er sich ergab , um nicht in Langeweile zu verkommen . Er durchsuchte nämlich alle Bücher seiner Bibliothek nach Druckfehlern . Viele Stunden des Tages widmete er dieser Arbeit , las die wissenschaftlichen Werke und die der schönen Literatur mit einer nur am Buchstaben haftenden Aufmerksamkeit , und wenn es ihm gelungen war , ein falsch gesetztes Wort oder gar einen grammatikalischen Schnitzer zu entdecken , war ihm wie einem Fischer zumut , dem nach langem Harren endlich ein Fisch an der Angel zappelte . Sonst war es trübselig um ihn bestellt . Der schöne Gleichschnitt seiner Haare am Nacken hatte sich in eine struppige Wildnis verwandelt ; auf der Straße sah man ihn mit einem Rock voll Flecken , und der Kalabreser hatte Ähnlichkeit mit einem zerschossenen Kriegszelt . Er hatte sich wieder angewöhnt , zwei- oder dreimal wöchentlich ins Paradieschen zu gehen , nicht etwa , um sich wehmütigen Erinnerungen zu überlassen , sondern weil dort der Kaffee noch zwanzig Pfennige kostete , nicht fünfundzwanzig , wie in den neumodischen Kaffeehäusern . Und sein ganzes Abendbrot bestand aus einer Schale Kaffee und ein paar Semmeln . Es fügte sich , daß auch der alte Jordan das Paradieschen zu seiner Zuflucht wählte . Lange Zeit studierten sich die beiden von Tisch zu Tisch , dann kam ein Tag , wo sie sich zueinander setzten , zuletzt wurde es die Regel , daß sie sich in der Ecke beim Ofen zusammenfanden , und ohne daß sie mehr als die äußerlichsten und plattesten Redensarten wechselten , entwickelte sich zwischen den beiden einsamen Greisen eine stille Kameradschaft . Herr Carovius gab sich zwar den Anschein , als ob er den alten Jordan bloß dulde ; doch vertiefte er sich erst dann in die Lektüre der Zeitung , wenn dieser gekommen war und sich mit achtungsvollem Gruß an das winzige Tischchen gesetzt hatte . Jordan seinerseits verhehlte nicht seine Freude , Herrn Carovius auf dem Stammplatz zu sehen , und während er seine Tasse Kaffee schlürfte , ließ er die Augen nicht von dem bösen Gesicht seines Gegenübers . 10 Philippine wurde Dorotheas Vertraute . Anfangs war es nur die Lust am Schwatzen gewesen , die Dorothea zu Philippine hindrängte ; später gewöhnte sie sich daran , ihr alles zu sagen . Vor ihr konnte sie sich schmucklos geben . Die regungslose Aufmerksamkeit , mit der ihr Philippine zuhörte , schmeichelte ihr und benahm ihr jeden Argwohn . Sie hielt Philippine für zu dumm und ungebildet , als daß sie sie fähig glaubte , ihr Treiben zu überschauen und zu beurteilen . Es reizte sie , dem alten Mädchen , das so ergötzlich über die Mannsbilder zu schimpfen wußte , verführerische Bilder auszumalen . Wenn sie einen kecken Plan hatte , sprach sie mit Philippine darüber wie von etwas Geschehenem ; auf diese Art prüfte sie die Möglichkeit der Ausführung und verschaffte sich einen Vorgeschmack des Genusses . Hauptsächlich war es Philippines Häßlichkeit , die sie sorglos stimmte . Ein so häßliches Geschöpf war in ihren Augen kein Weib , kaum ein Mensch , und mit ihm konnte man alles reden , was einem durch den Kopf ging . Und da Philippine nie anders als wegwerfend und höhnisch von Daniel sprach , wurde Dorothea immer argloser . Sie kam zu Philippine in die Küche , setzte sich auf das Bänkchen und erzählte ; von einem Seidenkleid , das sie in einer Auslage gesehen hatte ; von den Elogen , die ihr der Hofrat Finkeldey gemacht ; von den Liebesverhältnissen dieser und der Ehescheidung einer andern Bekannten ; von den Perlen der Kommerzienrätin Feistmantel , und daß sie zehn Jahre ihres Lebens dafür gäbe , wenn sie auch solche Perlen hätte . Das Auch war überhaupt ihr großes Wort . Alles in ihr zitterte und dampfte vor Begierden und Wünschen , von niederer Unruhe und trüber Lust . Oft erzählte sie Geschichten aus ihrer Münchener Zeit . Wie sie eines Nachts , des Schabernacks halber , mit einem Maler in sein Atelier , und einmal zu einem Offizier in die Kaserne gegangen sei ; was für schöne , stramme Leute ihr da die Cour geschnitten ; alle hinter ihr her und sie , eh die Schafsköpfe sich besonnen , um die Ecke . Ein Kuß , das wohl ; ein Kuß in der Dunkelheit ; ein Arm- in Armliegen in einem Wäldchen , mehr nicht . Zur rechten Zeit Polizeistunde , das dürfe man bei solchen Sachen nicht vergessen , sonst könne es schief gehen . Zum Beispiel sei da ein schwarzer Italiener gewesen , ein richtiger Conte , der habe ihr nachgestellt wie verrückt . Einmal sei er in ihr Zimmer gestürzt und habe ihr einen Revolver vor die Stirn gehalten , da habe sie geschrien , daß das ganze Haus zusammengelaufen sei . Als Daniel sich bemühte , ihrer Verschwendungssucht zu steuern , erhob sie bei Philippine Klagen darüber . Philippine hetzte sie auf . » Laß dir ' s nicht gefallen , « sagte sie , » einen Geizkragen hätt ' st du mit deiner Visage nicht zu heiraten brauchen . « Auch als sie wieder mit Edmund Hahn verkehrte , berichtete sie es Philippine . » Den solltest du mal sehen , Philippine , « flüsterte sie geheimnisvoll , » das ist ein wahrer Don Juan , verdreht allen Weibern die Köpfe . « Seit zwei Jahren schon sei er närrisch in sie verschossen , jetzt habe er ihr zugesagt , in einem Spielklub für sie zu spielen , einem intimen Zirkel , wo nur ganz vornehme Leute verkehrten . » Wenn ich gewinn , Philippine , schenk ich dir was Hübsches , « versprach sie . Von da an wurden ihre Erzählungen ziemlich wirr . Sie war viel vom Hause weg , und wenn sie heimkehrte , war sie nicht selten in einem aufgelösten Zustand . Sie ließ sich von Philippine für die Nacht frisieren , und was sie sagte , war gelogen . Einmal aber gestand sie , daß sie nicht im Theater gewesen , wie Daniel annahm , sondern bei einer Frau Bäumler , einer Freundin Hahns , bei der auch gespielt wurde . Sie habe sechzig Mark gewonnen . Scheu blickte sie nach der Tür , zog ihre Börse heraus und zeigte Philippine drei Goldstücke . Philippine mußte schwören , daß sie Dorothea nicht verraten würde . Ein paar Tage danach wurde Dorothea wieder besorgt , und Philippine mußte den Schwur erneuern . Philippine schwor mit einer Leichtigkeit und Gefälligkeit , als wünsche sie gute Mahlzeit . Im Innern erteilte sie sich während des Eides Absolution für den Meineid . Einstweilen wollte sie sammeln , sich alles merken , dem Wild auf allen Fährten folgen ; zudem lag für sie eine Befriedigung finsterer Sinnentriebe darin , von Verhältnissen und Situationen zu erfahren , die ihr nie zum Erlebnis werden konnten . Immer tiefer verstrickte sich Dorothea . Ihre Augen waren wie Irrlichter , ihr Lachen klang flüchtig und krampfhaft . Sie hatte nie Zeit , nicht für ihren Mann , nicht für ihr Kind . Bisweilen wurden ihr durch Boten Briefe gebracht , die sie gierig las und schnell zerriß . Einmal trat Philippine unerwartet ins Zimmer , da versteckte sie erschrocken eine Photographie , die sie in der Hand gehalten hatte . Als Philippine über die Heimlichkeit entrüstet war , sagte Dorothea schnippisch : » Das verstehst du nicht , Philippine , davon kann ich mit niemand sprechen . « Aber Philippines Verdrossenheit setzte sie in Angst . Sie zeigte ihr die Photographie . Es war das Bild eines jungen Mannes , der kalt und mürrisch dreinblickte . Dorothea sagte , es sei ein Amerikaner , den sie bei der Bäumler kennen gelernt ; er sei steinreich und alle seien ganz weg von ihm . Jeden Abend wollte nun Philippine etwas vom Amerikaner wissen . » Erzähl vom Amerikaner , « drängte sie . Eines Abends , schon spät , kam Dorothea im Nachtkleid zu Philippine in die Stube . Agnes und der kleine Gottfried schliefen . » Morgen hat der Amerikaner eine Loge im Theater , wennst mich abholst , kannst ihn sehen , « raunte sie . » Ich halt ' s schon nicht mehr aus vor Neugier , « erwiderte Philippine . Eine Weile saß Dorothea stumm , dann rief sie aus : » Wenn ich Geld hätt , Philippinchen , wenn ich nur Geld hätt ! « » Hab gemeint , der Amerikaner hat so viel , « versetzte Philippine trocken . » Natürlich , der hat Geld wie Heu , « sagte Dorothea , und ihre Augen loderten , » aber - « » Was , aber ? « » Denkst du denn , die Männer tun umsonst was ? « » Ach so , « machte Philippine nachdenklich , » ach so . « Sie kauerte sich auf einen Schemel zu Füßen Dorotheas . » Wie hübsch du bist , wie niedlich , « schnarrte sie mit ihrer Baßstimme ; » was für zierliche Füßli du hast ! Und wie glatt das Fleisch ist , Marmorstein ist nix dagegen . « Mit einer grauenhaften Lüsternheit legte sie ihre Hand um Dorotheas Bein und streichelte die Haut bis zum Knie hinauf . Dorothea schauderte zusammen . Als sie zu der hockenden Philippine niederblickte , sah sie , daß an deren Jacke ein Knopf gerissen war ; durch die Öffnung gewahrte sie zwischen den schlaffen Brüsten etwas Braunes . » Was hast du denn da am Leibe ? « fragte Dorothea . Über Philippines Gesicht schoß eine jähe Röte . » Nix für dich , « antwortete sie rauh und hielt die Jacke mit der Hand zu . » So sag ' s doch , Philippinchen , sag ' s doch , « bettelte Dorothea , die es nicht ertrug , wenn man Geheimnisse vor ihr hatte ; » ist ' s vielleicht dein Brautschatz ? Hast dir deinen Busen als Sparkasse eingerichtet ? « Sie lachte belustigt . Philippine erhob sich . » Ja , es ist mein Geld , « bekannte sie mit Widerstreben und schaute Dorothea feindselig an . » Sicher ist ' s eine ganze Masse . Gib nur acht , daß dir ' s keiner stiehlt . Mußt dich auf den Bauch legen beim Schlafen . « Daniel kam von der Arbeitsstube herunter und hörte Dorotheas Lachen . Dunkler Kummer fraß an seinem Herzen , und er schritt eilig an der Tür vorüber . 11 Eines Abends trat Philippine von der Straße in den Flur , da kam ihr aus dem Schatten ein Mann entgegen , der sie beim Namen rief . Die Stimme erschien ihr bekannt , und als sie näher hinschaute , sah sie , daß es ihr Vater war . Seit zehn Jahren hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen . Hin und wieder hatte sie ihn auf der Gasse von fern gesehen , war ihm aber in weitem Bogen aus dem Weg gegangen . » Was gibt ' s ? « fragte sie unfreundlich . Jason Philipp räusperte sich und suchte aus dem beleuchteten Teil des Flurs wieder in den unbeleuchteten zu gelangen . Er wollte seinen schäbigen Anzug vor den Augen seiner Tochter verbergen . » Na , hör mal , du , « begann er mit erzwungener Unbefangenheit , » du könntest dich auch hin und wieder nach deinen Eltern umsehen ; die paar Schritte täten dir keinen Beinbruch zuziehen . Ehre Vater und Mutter , damit es dir wohlergehe . Deine Mutter hat ' s schließlich um dich verdient ; ich selbst , na , ich hab dich zuzeiten ein bißchen gezwiebelt , aber nur wenn ' s dringend nötig war . Ein Racker warst du ja , das mußt du zugeben . « Er lachte , jedoch seine Äuglein glänzten furchtsam . Philippine schwieg . » Was ich sagen wollte , « fuhr Jason Philipp eilig fort , wie um keine feindseligen Erinnerungen in seiner Tochter entstehen zu lassen , » leih mir mal ein kleines Goldstück . Hab morgen früh eine dringende Zahlung zu leisten und bin ganz auf dem Trockenen . Die Jungens , weißt du , deine Brüder , sie benehmen sich ja sonst tadellos , geben mir am Monatsersten gewöhnlich von ihrem Salär was ab ; wegen so ner Lappalie mag ich sie aber nicht behelligen . Da hab ich gedacht , weil du so in der Nachbarschaft bist , könnt ich dich ja auch mal bitten . « Jason Philipp log . Seine Söhne unterstützten ihn nicht . Willibald lebte in Breslau , hatte einen geringbezahlten Buchhalterposten und schlug sich kümmerlich durch ; Markus war ein Tunichtgut und steckte bis über die Ohren in Schulden . Nachdem Philippine eine Weile überlegt hatte , wies sie ihren Vater an , zu warten und ging die Stiege hinauf . Jason Philipp stellte sich unters Tor und pfiff leise . Seit er in edlem Geistesaufruhr die staatlichen Gewalten bekriegt hatte , waren viele Jahre verflossen ; und viele Jahre auch , seit er seinen Frieden mit ihnen gemacht hatte . Nichtsdestoweniger pfiff er noch immer die Marseillaise . Philippine polterte die Stiege herunter , schlurfte zum Tor und gab ihrem Vater ein Fünfmarkstück . » Da , « fuhr sie ihn an , » mehr hab ich selber nicht . « Aber Jason Philipp war auch mit der Hälfte der geforderten Summe zufrieden . Er konnte nun wieder einmal ins Gasthaus zum Essigbrätlein gehen und zu frischem Bier ein Paar Weißwürste verzehren . Von da an kam er öfter in das Haus am Egydienplatz , lauerte im Flur auf Philippine und bat sie um Geld . Mit immer kleineren Beträgen speiste ihn Philippine ab ; zuletzt gab sie ihm nur noch zehn Pfennige , wenn er kam . 12 Häufig geschah es , daß Daniel gar nicht antwortete , wenn man eine Frage an ihn richtete . Sein Ohr verlor die Worte , sein Auge die Bilder , die Zeichen , die Gesichter , die Gebärden . Er war sich selbst im Wege , sich selbst eine Qual . Dahin trieb es ihn , dorthin ; heim trieb es ihn und wieder fort . Flüchtig gewahrte er , daß Menschen über ihn lächelten , spürte , daß sie hinter ihm die Achseln zuckten . In den Mienen seiner Schüler las er Spott ; die Mägde im Haus kicherten , wenn er vorüberging . Was konnten sie wissen ? was verhehlen ? Vielleicht war seinem Innersten nicht unbekannt , was sie wußten und verhehlten , aber er wollte es nicht in den Bereich der benennbaren Dinge treten lassen . Als ob ein unsichtbarer Ohrenbläser ihm nicht von der Seite wiche , wuchs eine stille Verzweiflung . Was hast du getan , Daniel , schrie es in ihm , was hast du getan ! Die schwesterlich umschlungenen Schatten standen auf . Das Gefühl eines nicht wieder gut zu machenden Irrtums , einmal zur Gewißheit geworden , brannte wie Feuer . Das Werk , so nah der Vollendung , starb ihm plötzlich ab . Um des Werkes willen zwang er sich in den Nächten zur Ruhe , gab zaghafter Hoffnung Raum , lullte sein ahnungsvolles Gemüt ein . Der Blick , mit dem ihn Philippine betrachtete , peinigte ihn am ärgsten . Seit der Geburt des Kindes wohnte er in Lenores Kammer . Der alte Jordan war die Rücksicht selbst und ging in seiner Stube auf Strümpfen , um ihn nicht zu stören . Eines Nachts ging Daniel hinunter und trat mit der Kerze in der Hand an Dorotheas Bett . Sie erwachte , stieß einen Schrei aus , schaute verstört , dann erkannte sie ihn und war ungehalten ; schließlich lachte sie spöttisch und sinnlich . Er setzte sich an den Rand des Bettes und nahm ihre rechte Hand zwischen seine beiden . Doch es war ihm auf einmal so eigen unbehaglich , ihre Hand zu spüren , und er sah die Finger an . Sie waren ohne Feinheit in der Form , an den Spitzen dicker als in der Mitte ; sie konnten nicht ruhig liegen , beständig zuckten sie . » Es geht so nicht weiter , Dorothea , « sprach er liebreich , » du zerstörst deine und meine Existenz . Was sollen die vielen Menschen um dich ? Ist denn dein Vergnügen an ihnen so groß , daß es dein Gewissen übertäubt ? Ich weiß nicht , was du treibst . Sag mir doch , was du treibst . Die Wirtschaft verkommt , es ist keine Ordnung mehr . Wie ' s da draußen im Wohnzimmer nach Zigarrenrauch riecht ! Ich hab die Fenster aufgemacht . Und dein Kind ; es entbehrt die Mutter . Schau dir doch sein Gesichtchen an , wie kränklich und gelb es ist . « » Och , da kann ich nichts dafür , die Philippine tut ihm Mohn in die Milch , damit es langer schläft , « antwortete Dorothea nach der Art schuldiger Weiber , aus vielen Vorwürfen einen herauszugreifen , der ihnen ungerecht dünkt . Aber diese Antwort brachte Daniel zum Verstummen . » Ich bin so müd und schläfrig , « klagte Dorothea und schielte wieder mit dem spöttischen und sinnlichen Ausdruck nach ihm . Da er regungslos blieb , gähnte sie laut und fuhr ärgerlich fort : » Was weckst du einen denn mitten in der Nacht , wenn du bloß schimpfen willst ? Geh doch hinaus , du ekelhafter Mensch ! « Sie kehrte ihm den Rücken und stützte den Kopf auf die Hand . Dem Bett gegenüber hing ein goldgerahmter Spiegel . Sie erblickte ihr Bild darin , sie gefiel sich in ihrer beleidigten Haltung und begann zu lächeln . Daniel , der so hart und grausam gegen edle , nun zu Schatten gewordene Wesen hatte sein können , sah , wie sie sich verliebt anlächelte , im Spiegel , und fühlte Erbarmen mit dieser kindlichen Eitelkeit . » Es gibt ein chinesisches Märchen von einer Prinzessin , « sagte er und beugte sich über Dorothea , » die bekam von ihrer Mutter als Brautgabe eine Garnitur von Schachteln . In jeder Schachtel war ein kostbares Geschenk , nur die letzte , innerste , kleinste Schachtel war zugesperrt , und die Prinzessin mußte versprechen , sie niemals zu öffnen . Eine Weile hielt sie das Versprechen , aber die Neugier quälte sie immer heftiger , sie vergaß ihr Gelöbnis und machte die letzte , kleine Schachtel mit Gewalt auf . Da war ein Spiegel drinnen , und als sie nun ihr Bild erblickte und sah , wie schön sie war , fing sie an , ihren Gatten schlecht zu behandeln , und quälte ihn so , daß er sie eines Tages tötete . « Erschrocken starrte ihn Dorothea an . Dann lachte sie und erwiderte : » Och , wie dumm ! Solche Schauergeschichte . « Sie legte die Wange auf das Kissen und blinzelte wieder in den Spiegel . Am andern Morgen erhielt Daniel einen anonymen Brief folgenden Inhalts : » Haben Sie acht auf Ihre Frau , denn Sie erweisen dadurch Ihrer Ehre einen Dienst . Ein Gutgesinnter . « Er zerriß den Brief und warf die Fetzen in den Ofen . Ein kaltes Fieber schüttelte ihn . Ein paar Tage lang schleppte er sich wie mit vergiftetem Körper herum , allen im Hause wich er aus ; eines Nachts wieder trieb es ihn neuerdings zu Dorothea . Als er in ihr Schlafzimmer treten wollte , fand er die Türe zugeriegelt . Er klopfte und bekam keine Antwort . Er klopfte stärker , da rührte es sich in den Kissen drinnen . » Laß mich schlafen ! « rief Dorothea zornig . » Mach auf , Dorothea ! « bat er . » Nein , ich mach nicht auf , ich will schlafen , « schallte es heraus . Noch drei- oder viermal drückte er auf die Klinke , drei- oder viermal flehte er , daß sie ihn einlassen möge , aber sie gab keine Antwort . Da wollte er nicht weiter lärmen , stand noch eine Weile und schaute vor sich hin wie in ein schwarzes Loch und kehrte dann in seine Dachkammer zurück . 13 Friedrich Benda befand sich wieder in Europa . Alle Zeitungen hatten die Auffindung des Forschungsreisenden gemeldet . Im Herbst des vergangenen Jahres hatten ihn arabische Elfenbeinhändler im Lande der Niam-Niam getroffen , hatten sich seiner angenommen und den schwer Erkrankten zum Nil transportiert . In England wurde er als Held und kühner Pionier gefeiert , die Geographische Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied , und seine Erlebnisse bildeten das Tagesgespräch . Ende April kam er nach Nürnberg , um seine Mutter zu besuchen . Man hatte die blinde Greisin mit äußerster Behutsamkeit vorbereitet ; dennoch erlag sie fast der Freude , und eine Zeitlang war ihr Leben in Gefahr . Benda hatte nur eine Woche bleiben gewollt ; seine Geschäfte und seine Arbeiten riefen ihn nach London zurück ; er sollte Vorträge halten und den Druck eines Buches überwachen , in dem er die in Afrika verbrachten Jahre geschildert hatte . Die inständigen Bitten seiner Mutter bewogen ihn , seinen Aufenthalt zu verlängern . Zudem erlitt er gleich in den ersten Tagen einen Anfall jenes furchtbaren Fiebers , das er aus den Tropen mitgebracht hatte , und das ihn das Bett zu hüten zwang . Allmählich verbreitete sich in der Stadt das Gerücht von seiner Anwesenheit , und er wurde durch die Neugierde vieler belästigt , die sich vordem nicht im mindesten um ihn gekümmert hatten . Zu Daniel zog ihn eine tiefe Unruhe , und jede versäumte Stunde wurde zum Vorwurf . Aber seine Mutter wollte ihn tagsüber nicht von ihrer Seite lassen ; er mußte immer bei ihr sitzen und erzählen . Als er von den äußeren Ereignissen hörte , die sich in Daniels Leben abgespielt , erfüllte ihn Schrecken . Den stärksten Eindruck übte auf ihn die Kunde von seiner Verheiratung mit Dorothea Döderlein . Dann trug man ihm allerlei Nachrichten über die Ehe der beiden zu , und mit jedem Tag dünkte ihn der Gang zu Daniel schwerer . Eines Abends hatte er sich entschlossen , hinzugehen und befand sich schon auf dem Egydienplatz , da überfiel ihn eine solche Furcht vor der Veränderung , die durch Zeit und Schicksale mit dem Freund geschehen sein mochte , daß er wieder umkehrte . Es war ihm zumut , als könne er durch ein Bild getäuscht werden , das vielleicht noch die Züge des Daniel aus vergangenen Jahren zeigte , aber so verwandelt im Innern war , daß Worte nicht mehr imstande waren , sie zueinander zu führen . Es verlangte ihn , mit einem Menschen zu sprechen , der Daniel liebte und seinen Weg mit reinen Gesinnungen begleitet hatte . Da mußte er freilich lange Umschau halten . Endlich fiel ihm der alte Herold ein , und er besuchte ihn . Ohne Umschweife lenkte er die Unterhaltung auf den Punkt , der ihm wichtig war , und um den Alten vertrauensvoller zu stimmen , erinnerte er ihn an eine Nacht , wo sie selbdritt , Daniel , Herold und Benda , im Mohrenkeller Wein getrunken und von kleinen und großen Dingen des Lebens gesprochen hatten . Der Greis nickte . Mit einer Bescheidenheit und Ehrfurcht , die Benda das Herz weit machte , sprach er von Daniels Genie . Er hob den Zeigefinger und sagte mit seinem schönen Feuerblick : » Für den steh ich ein . Da prophezei ich nach dem Wort der Bibel : Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob . « Dann schwärmte er von Lenore , erzählte , wie sie ihm einst das herrliche Quartett gebracht und von Begeisterung und Helferdrang geglüht habe . Auch von Gertrud wußte er manches , von ihrer Verstörung und von ihrem Tod . Zugleich beruhigt und noch schmerzlicher aufgewühlt verließ Benda den Alten . Gedankenvoll schritt er lange Zeit dahin . Als er emporschaute , befand er sich vor Daniels Haus . Er ging hinein . 14 Daniel wußte , daß Benda zurückgekehrt war . Philippine hatte es in der Zeitung gelesen und ihm gesagt . Dorothea , die es von ihrem Vater erfahren , hatte gleichfalls darüber gesprochen . Auch andere Leute hörte er davon reden . Die erste Kunde hatte ihn erbeben gemacht . Ihm war , als müsse er hineilen , hinfliehen zu dem Freund . Dann kam die nämliche Furcht über ihn , von der Benda beseelt war : Ist es noch zwischen uns wie einst ? kann es noch so werden , wie es einst gewesen ? Und der Gedanke an die Begegnung erweckte eine Scham in ihm , der sich Bitterkeit beimischte , als Tag um Tag verging , ohne daß Benda etwas von sich hören ließ . Es ist vorbei , dachte er , er hat vergessen . Da wollte auch er vergessen , und er konnte es , denn sein Geist wandelte ruhlos in der Irre . Als er an einem Regenabend über den Platz schritt , sah er , daß die Fenster seiner Wohnung strahlend erleuchtet waren . Er trat in die Küche , wo Agnes an der Anricht saß und Zwetschgen auskernte . » Wer ist denn wieder da ? « fragte er . Lautes Sprechen und Lachen drang aus der Wohnstube . Agnes , kaum aufblickend , leierte Namen her : » Der Hofrat Finkeldey , der Herr von Ginsterberg , der Herr Samuelsky , der Herr Hahn , noch ein fremder Herr , die Kommerzienrätin Feistmantel und ihre Schwester . « Daniel schwieg eine Weile . Dann ging er zu Agnes , faßte sie mit der Hand unter dem Kinn , hob ihren Kopf und murmelte : » Und du ? und du ? « Agnes zog die Brauen zusammen und war fast ängstlich bemüht , seinem Auge nicht zu begegnen . Plötzlich sagte sie : » Heut ist Mutters Sterbetag , « und heftete einen stechenden Blick auf ihn . » So ? « erwiderte Daniel , setzte sich an die schmale Seite der Anricht und stützte den Kopf in die Hand . Drinnen in der Stube spielte jemand Klavier ; Dorothea hatte sich , da Daniel den Flügel oben in seiner Kammer hatte , aus einer Leihanstalt ein Pianino kommen lassen . Man hörte das rhythmische Schlürfen von Tanzpaaren . » Möcht fort aus dem Haus , « begann Agnes wieder und warf eine wurmige Zwetschge in den Blechkübel ; » in der Beckschlagergasse wohnt eine Weißnäherin , die will mich ' s Nähen lehren . « » Geh nur fort , « antwortete Daniel , » ist ganz vernünftig . Aber wird ' s auch der Philippine recht sein ? « » Ja , der Philippine ist ' s recht , wenn ich nur am Abend und alle Sonntag bei ihr bin . « Es läutete am Gatter , und Agnes ging hinaus . Jemand fragte nach Daniel . Zögernd trat Daniel auf die Schwelle , zuckte zurück , ergriff mit bebender Hand das Küchenlämpchen , um zu sehen , ob ihn die Halbdunkelheit nicht trog ; aber es war kein Zweifel , es war Benda . Sie blickten einander erschüttert an . Benda streckte zuerst die Hand hin , Daniel gab die seine , es löste sich etwas in ihm , ein Schwindel befiel ihn , seine starr aufrechte Gestalt wankte , und er stürzte dem Freund , den er siebzehn Jahre lang entbehrt hatte , an die Brust . Benda war auf eine so schreckliche Bewegung nicht gefaßt und konnte kein Wort hervorbringen . Alsbald machte sich Daniel los , strich die wirren Haare aus der Stirn und sagte hastig : » Komm mit mir hinauf ; droben sind wir ungestört . « Nachdem Daniel in seiner Kammer die Lampe angezündet hatte , sah er nach , ob der alte Jordan daheim sei . Aber es war finster in dessen Stube ; er schloß die Tür wieder und setzte sich Benda tiefaufatmend gegenüber . Was bedeuten nach solchem Wiedersehen erste Fragen und Antworten ? Wie geht ' s dir ? wie lange bleibst du ? du lebst also noch in der alten Weise ? nun mußt du aber erzählen . Was können solche Wendungen bedeuten ? Es soll nichts gesagt werden ; man gräbt die verschütteten Wege auf , will neue Brücken an Stelle der zerbrochenen schlagen . Benda war noch dicker geworden . Sein Gesicht war braungelb wie altes Leder , und die tiefgehöhlten Furchen um den Mund und auf der Stirn sprachen