Lachen in dir . Oder seit Adam ist kein Prophet auf der Welt gewesen , und der Malimmes vom Taubensee ist ein Schaf mit sieben Haxen . « Das heitere Schwänzlein , das er hinter den Ernst seiner Worte gehängt hatte , wollte nicht wirken . » Du tust mich martern . « » So mußt du ' s halt ein lützel aushalten . Ein junges Mannsbild darf nicht wehleidig sein . Jetzt bist du eins . Was du sein wirst , bis der Neumond ins Wachsen kommt , das mag ich nit wissen . Und paß auf , Gesell , ich sag dir was ! Die irdischen Leut in ihrer Torheit reden von allerlei Sachen . Die sagen : Tod oder Leben , Ehr oder Schand , Hab oder Armut , Licht oder Finsternis . Für alles , nach dem sie dürsten oder was sie fürchten , haben die narrischen Menschen so einen Laut . Ist alles bloß ein lausiges Wörtl . Alles ist Nußhaut . Kern ist bloß ein einzigs . Die ' s richtig erleben , können nit sagen , was es ist . Bloß die wissen es , die ' s nie nit finden und allweil hungern . Die sagen : Glück ! - - Bub ? Hörst du , was ich sag ? « Ein schluchzender Laut . In der Höhe fingen die Sterne zu blitzen an , während über dem Moor das Nebelziehen der Herbstnacht immer dichter qualmte . Die Feuerhelle der siegreichen Stadt war schon verschwunden . Und auch der Schein der vielen Fackeln , die sich über die Moorstraße herbewegten , drohte zu erlöschen in diesem schwärzlichen Grau . Doch immer lauter scholl das Erbsengerüttel in der Eisenschüssel . Während die Köpfe der zwei ruhig stehenden Gäule zärtlich miteinander scherzten , waren die Worte des Malimmes ein heißes Flüstern : » Muß ein hurtiges Ding sein ! Das Glück ! Hat zwei springende Füß , will nit stehen bleiben und mag nit warten . Lauft einem allweil davon . Wer ' s haben will , muß es greifen im richtigen Schnaufer . Ich Esel hab den richtigen verpaßt . Liebs Maidl , tu die Augen auf ! Wenn dein Glück kommt , so pack ' s ! « Seine Stimme wurde wie das Knirschen eines Fieberkranken . » Laß nimmer aus ! Das Glück ist alles . Und was du brauchst dazu , das nimm ! Ist alles dein ! Mein Sack und Geld , mein Roß und Eisen , mein Blut und Leben . Nimm ' s ! Und daß du ' s weißt : Fürgestern hat mir der Herzog einen geschenkt , den ich fangen will . Und der ist dein ! Nimm ihn ! Nimm ihn ! « Taumelnde Worte : » Ich weiß nit , wen du meinst ! « » Den du lieb hast ! « » Mensch ! « Eine Stimme in heißem Zorn . » Bist du ein Narr ? Oder redest du im Rausch ? « Nach langem Schweigen sagte Malimmes heiter : » Jetzt hast du ' s troffen ! Ist wahr , heut hab ich den Becher fest gelupft . Ich fürcht mich nit so leicht . Aber heut ? Recht hast du ! Heut hab ich mir ein lützel Mut in die Leber gegossen . Weil ich sorg , daß morgen Verliertag ist . Das Letzte verlier ich nie . Ich selber bleib mir noch allweil . Aber morgen verlier ich das Beste . « Er faßte mit einem wilden Griff den Zügel des Falben . » Komm ! Wir müssen dem Seipelstorfer Meldung machen , daß die Mäus ins Wasser hupfen . « Er ließ die zwei Gäule keuchend hinaufjagen über den steilen Hügel , auf dem der Wald begann . Draußen im Moor verwandelte sich das Gerüttel der Erbsen in schweres Eisengerassel . Gäule stampften , man hörte das Räderknarren flink fahrender Karren , den dumpfen Schritt marschierender Haufen . Das Wiehern und Schnauben der Rosse , schreiende Befehle und die vielen aufgeregten Stimmen - alles schmolz ineinander zu einem wirren Lärm . Auf der festen Wiesenfläche , die vom Halbkreis der im Nebel unsichtbaren Waldhügel umzogen war , sammelte sich das fliehende Heer des Ingolstädters . Zelte wurden aufgeschlagen , Lagerfeuer angezündet . Bei den Troßkarren rauften sich die Hungrigen um die Zehrung , die man austeilte . Die geleerten Karren verkeilte man gegen die Moorstraße zu einer Schanze , um das rastende Kriegsvolk gegen einen nächtlichen Überfall der Münchener zu schützen . Als die Erschöpften bei den Feuern ruhen konnten , ihren Hunger stillen und den Durst ersäufen , kam in den Lärm des von Nebeln umsponnenen Lagers ein heiterer Klang . Die Lagerdirnen sorgten für Aufmunterung der betrübten Helden . Den Herzog hatte man zu einem Hauptmannszelte geführt , vor das Fürst Pienzenauer die Gadnischen als Wache stellte . Seinen scharlachfarbenen Einrössern traute Herr Ludwig nimmer . Während ihm beim Schein einer Fackel der zitternde Wolfl , der ein gedunsenes Gesicht und an den Handgelenken dicke Striemen hatte , die blauen , unter Schlammkrusten erloschenen Stahlschienen herunterschnallte , blieb der Herzog schweigsam . Er schien nicht zu hören , was die Herren und Hauptleute redeten , die im Zelte waren . Immer sah er die zwei abgehetzten Hunde an , die in ihrem schlammigen Haar auf einer Pferdedecke lagen und die jappenden Zungen über die schwarzen Lefzen hängen ließen . Sein stolzer Körper war gebeugt , sein Gesicht gealtert . Dunkle Ringe lagen um die Augen , tiefe Schnitte um den Mund . Was ihm der Wolfl hatte sagen müssen , hatte ihm die letzte Kraft zerbrochen . Als er des Eisens ledig war , sah er die Herren an und machte mit der Hand eine dankende Bewegung . » Morgen ! Heut sind wir müde . Wer schlafen kann , soll es tun ! « Er lächelte ein bißchen . » Laßt euch was Holdes träumen ! Die schönen Dinge muß man im Schlafe finden . Für den Wachenden sind sie , man weiß nicht , wo . « Nun war Herr Ludwig allein mit dem Kämmerer . Geduldig ließ er sich säubern und pflegen , nahm einen Bissen und leerte den Becher . Schon auf das Lager hingestreckt , umklammerte er plötzlich mit seinen starken Fäusten die dünnen Waden des bejahrten Dieners und schrie : » Wolfl ? Kannst du es glauben ? Ein Sohn ! Glaubst du das ? « Der Alte schüttelte den weißen Kopf . » Er hat mich doch selber vor den zwei Dieben gewarnt , die ihm verdächtig waren . So hätt er nit geredet , wenn er - « » Gelt , nein ? Und das mit dem Nachtigall ? Das kann doch so sein ! Und diese Feigheit in der Schlacht ? Nicht Feigheit . Nein . Ich will Schreck sagen . Auch in gradgewachsenen Menschen muß erst erzogen werden , was Mut heißt . Ein Kind . Halb noch ein Kind . Und die erste Schlacht . Schreck ist ein menschliches Ding . Sein Schreck kostet mich viel . Das ist wahr . Aber auch ich erschrecke noch manchmal . Ich erschrecke vor Ratten . Weil mir ekelt . Und auch das ist wahr : Er ist nicht gut , Wolfl . Böse Dinge sind in ihm . Wie in uns allen . Aber solch ein Fürchterliches ? Nein . Was ich denken muß , ist nur ein Wechselbalg des bösen Mißtrauens in mir . Wolfl ! Spei aus vor mir ! Ich verrate . Nicht dieses verirrte Kind , das heute nacht um meiner Torheit willen seinen Kopf hinlegen muß , ich weiß nicht wo . « Er fiel auf das Lager hin . Eine Weile - bis Wolfl Graumann die Hunde gesäubert hatte - blieb er unbeweglich . Dann fuhr er mit dem Oberkörper auf , streckte die Arme und lockte mit zärtlichem Laut . Die zwei Bracken kamen gesprungen , duckten sich zu ihrem Herrn auf das Lager und machten sich klein unter seinen Armen . Mit den Händen preßte er die braun und weiß gefleckten Köpfe der Törringer Bärenfinder an seine Brust , wurde ruhig und lächelte . » Sieh her da , Wolfl ! Das sind Tiere . Viele Menschen wissen nicht , warum es Tiere gibt . « Er schmiegte das Gesicht gegen die Schnauzen der beiden Hunde . » Wie gut sie riechen ! « So blieb er ruhig liegen , mit den Runzeln eines wühlenden Denkens auf der Stirne . Als eine der Bracken lauschend den Kopf erhob , fuhr auch Herr Ludwig auf und fragte heftig : » Wer hat die Wache vor unserem Zelt ? « Wolfl stammelte : » Ich weiß nit , Herr ! « » Hole mir den Mann , der da draußen befiehlt ! « Der Alte huschte davon . Und in der flämischen Rüstung - grau von Schlamm , der auch die Fasanenschwingen des Helmes noch so dick bespritzt hatte , daß sie wie Sperberflügel waren - trat Lampert Someiner in das Zelt . » Der gnädigste Herr gebietet ? « Weit die Augen öffnend , setzte der Herzog sich auf und nahm die Köpfe der Bärenfinder unter die Arme , als müßte er sie vor einem Fremden zur Ruhe zwingen . Doch sie murrten nicht . » Ei , schau doch ! Der Ritter Someiner ! Mein Berchtesgadner ! Nimmer so schmuck wie vor einem Jahr . Und doch gefällst du mir besser . « Er tat einen tiefen Atemzug . » Freund Pienzenauer hat es gut mit mir gemeint . Du vor dem Zelt da draußen ? Da kann ich schlafen ohne Sorg . Und ich bin müde . « Herr Ludwig sah wie verwundert die Köpfe seiner ruhigen Hunde an und nickte . » Die wissen , wer du bist . « Er hob das Gesicht . » Jetzt weiß ich es auch . Zu Ingolstadt bist du mir in der Masse entronnen . Die Masse ist dünner geworden . Da sieht man den einzelnen . Heut hast du mir Arbeit getan , bei der die Tapfersten verzagten . Viele Hunderte von meinen verstörten Schöpsen hast du zu Vernunft und auf ruhigen Weg gebracht . « » Herr , die haben sich selber besonnen . « Dem Herzog fiel die heiser umflorte Stimme auf . Er lächelte . » Hast du schon wieder einen verkühlten Hals ? « » Nein , Herr ! Das ist noch allweil so . Es bleibt . Was schadet ' s ? Ich bin kein Kirchensänger . « Schweigend betrachtete Herr Ludwig diesen ruhigen , festen Mann , der noch die Jahre des Jünglings hatte . Dann sagte er ernst und langsam : » Die Törichten fragen . Und irgendwann kommt eine Stunde , die ihnen Antwort gibt . Daß du vor mir stehst so fest , heute in meiner Schmach , das ist eine Antwort . Für mich . « Seine Worte wurden schwer wie Blei . » Warum hab ich dich nicht besser beschaut ? Damals ? Ich hätte auf deine junge , redliche Stimme hören sollen . Dann säß ich heute nicht , wo ich sitze . Und unsere Heimat wäre nicht ärmer geworden um viele Tausende von Menschen ! - Damals , weil du heiser warst , habe ich dich ein bißchen drollig gefunden . Und wenn ich mich recht besinne , sagte ich dir ein höhnisches Wort . Willst du mir das verzeihen ? « Der Herzog streckte die Hand . Lampert umklammerte mit seiner gepanzerten Faust diese Hand , die von den Konstanzer Narben durchschnitten war . In seiner tiefen Erschütterung wußte er nicht , was er sprach . Er sagte : » Herr , für Euch in den Tod ! « Der Herzog schüttelte den Kopf . » Tod ? Nein , Someiner ! Jetzt weiß ich , was ich will . Morgen wollen wir einen Weg zu erträglichem Leben suchen . Und heimziehen , den Stolz zerbrechen und unser Haus bestellen . Der Fritz von Zollern würde sagen : Meinen jungen Acker bauen . Und lernen wollen wir , wie man sein muß als Vater , um einen treuen Sohn zu haben . « Herr Ludwig erhob sich und drückte schmeichelnd die Hunde auf das Lager hin . Nun hatte seine Stimme fast einen heiteren Ton . » Kluge Greise sagen gerne : Zu spät ! Sie sind Narren . Weise sind nur die Hoffenden . Morgen kommt die Sonne von Matthäi . Sobald der Moornebel verschwindet , sollst du zu meinen Vettern nach München reiten . Dich will ich schicken . Du sollst meine Versöhnung mit ihnen bereden . Komm zu mir , wenn es Tag wird . Da besprechen wir alles . Jetzt lege dich ein paar Stunden schlafen ! Hier in diesem Waldloch sind wir sicher . « In froher Erregung sagte Lampert : » Ich will wachen . « Der Herzog lachte : » Tue , was du mußt ! So lautet das Gesetz der Verläßlichen . Jetzt kann ich schlafen . Gute Nacht , Someiner ! « Ein glückliches Leuchten war in Lamperts Augen . » Gesegneten Morgen , Herr ! « » Someiner ? Bist du vermählt ? « Eine dunkle Welle ging über das braune Gesicht . » Nein , Herr ! « » Friede kommt . Nimm dir ein gesundes Weib ! Und zeuge gradgewachsene und redliche Söhne ! Man braucht sie auf Erden . « Der Herzog wandte sich zu seinen Hunden und streichelte ihnen die schönen Köpfe . Als Lampert Someiner das Zelt verlassen hatte , sagte Herr Ludwig : » Wolfl ? Wie kommt das ? Ein Mensch . Und redet keine zwanzig Worte . Und wird ein Stab und ein Wegweis . Wie kommt das ? « » Gnädigster Herr , das weiß ich nit . « » Wolfl , du bist ein altes , dummes Huhn . « Heiter faßte der Herzog den Kämmerer am Ohrläppchen . » Das kommt so , weil in graden und gesunden Menschen die reiche Seele zu reden anfängt , wenn die Lippen arm werden . « Er streckte sich auf das Lager hin . » Lösche die Fackel ! Dann kannst du schlafen gehen . « Draußen klirrte der Stampfschritt einer gepanzerten Ronde , die von Feuer zu Feuer ging , um Ruhe zu gebieten . Die Flammen erloschen bei den Zelten und zwischen den wirren Haufen der Menschen , die in den Mänteln auf der blanken Erde lagen . Nur vor der Wagenschanze , bei der man , gegen die Moorstraße hin , eine starke Wache postiert hatte , loderte noch eine hohe Feuersäule . Ihre Helle lockte das Nachtleben des Moores an . Pfeifende Bekassinen schössen vorüber , dicke Rohrdommeln , die wie Raben krächzten , überflatterten mit schwerem Flug die hohe Flamme , und manchmal sauste ein kleines Entenvolk heran , wendete mit ängstlichem Geschnatter und verschwand wieder . Das Gewimmel der Moosschnaken hing wie ein wogender Schleier in der Helle , und ruhelos kam ein immer wachsender Flug von Nachtschmetterlingen gegen die Flamme her ; das war wie ein rötliches Schneegestöber ; jene , die tief in das Feuer flogen , verwandelten sich in aufblitzende Sternchen ; und die anderen , die sich nur versengt hatten , begannen rings den Boden mit kleinen Leichen und mit einem Gewühl von kribbelnden , in Schmerzen taumelnden Insektenleibern zu bedecken . - - Als der Morgen graute , wurde Lampert , der wachend die ganze Nacht vor dem Fürstenzelt gestanden , zum Herzog gerufen . Träg ermunterte sich das Lager . Die Leute , die bei der quälenden Insektenplage keinen Schlaf gefunden hatten , waren übernächtig , müd , erschöpft , voll übler Laune ; und immer scharrten die angepflöckten Gäule , unruhig und gereizt . Gegen die siebente Morgenstunde begann der Nebel sich aufzuhellen und kroch nach Westen über das Moor hinaus . Manchmal sah man einen Schimmer , als wäre irgendwo die Sonne . Mit kleinem Geleit - an den langen Speeren die weißen Friedenslappen - trabte Lampert Someiner als Gesandter des Herzogs von der Wagenschanze über die Moorstraße hinaus , auf München zu . Beim Reiten schlössen sich manchmal seine Lider über den heißen , rotgeränderten Augen . Sonnbeglänzte Waldkämme tauchten aus dem schwindenden Grau ; wie kleines , glitzerndes Spielzeug sah man zwischen leuchtenden Schleiern und blauen Himmelsflecken die Dachauer Höhe mit Mauern , Turm und spitzigen Firsten ; und in der Tiefe blinkten schon die vielen Wassertümpel des Moores wie funkelnde Silberschilde zwischen goldgetönten Nebelstreifen . Da scholl von dem Waldloch , in dem das Lager war , ein wüstes , grauenvolles Geschrei . Lampert verhielt seinen Pongauer Rappen , streckte sich in den Bügeln und spähte . Zwischen den wehenden Dünsten , aus denen das fürchterliche Stimmengekreisch herausschrillte , sah er ein braunes Gewühl von Menschen und Rossen . Und über die sonnbeglänzten Waldhügel rollten blitzende Wogen von Eisen gegen das verwirrte Lager hinunter , dicke Reiterschwärme und breite Züge von Fußknechten . » Wendet ! Jesus Maria ! Wendet ! « brüllte Lampert mit seiner rauhen Stimme , warf den Rappen herum und riß das Eisen aus dem Leder . » Wendet , ihr guten Leut ! Der Herzog in Not ! « Er jagte mit den sechsen , die sein Geleit waren , gegen das Lager zu . Auf der Straße , die schmal durch die weglosen Sümpfe hinzog , quoll ihm ein tobendes Gedräng von Fliehenden entgegen , von springenden Männern , schrillenden Dirnen und hopsenden Reitern . Lampert sperrte mit seinem Geleit den Weg , befahl und schrie und bettelte und stach die Rosse nieder , die an ihm vorüber wollten . Aber da half kein Mut und kein Wille eines Menschen mehr . Die Angst dieser waffenlos Entfliehenden war wie eine sinnlose Walze , die alles niederdrückte , was ihr im Wege stand . Die junge Sonne von Matthäi lächelte goldschön aus dem reingewordenen Blau herunter , und vom Dachauer Kirchturm klang das Geläut der frommen Sonntagsglocken , während auf der Moorstraße die niedergerittenen Menschen sich unter den Hufen der jagenden Rosse wälzten und schreiend über die Straßenböschung hinunterkollerten in den grundlosen Schlamm . Die vielen im Moraste auf- und niedertauchenden Hände waren wie hüpfende Fische , und gleich aufgeblähten Fröschen waren die irrenden Menschenköpfe , die mit starren , weit aufgerissenen Augen aus den Tümpeln ragten . Rosse tappten und keuchten durch den schwarzen Pfuhl , versanken und tauchten wieder auf , wühlten sich in den Tod hinein oder hingen mit den Vorderbeinen geduldig an einen Moosbuckel angeklammert . Und eines von diesen Rossen - ein Pongauer Rappe - stand reiterlos und mit enggestellten Hufen auf einer kleinen Raseninsel , peitschte seine graugewordenen Flanken mit dem schlammtriefenden Schweif und wieherte klingend über den von Sonne schimmernden Sumpf hinaus . Und drüben , gegen Norden hin , auf der anderen Seite des von Heinrichs Truppen schon umzingelten Lagers , war ein klirrendes Gehämmer wie von tausend Schmieden . Herzog Ludwig , im blauen Stahl seiner Ingolstädter Rüstung und mit dem breiten deutschen Schwerte , brach unter verzweifelten Streichen eine Bresche in die eiserne Mauer der Landshuter Harnischer . » Lieber den Tod , als mich fangen lassen von dieser giftigen Spinne ! « Er schlug und focht und erkämpfte Schritt um Schritt - mit ihm Herr Peter Pienzenauer und die Chiemseer , der Hochenecher mit den Salzburgischen Rittern und gegen dreihundert von Ludwigs Lehensherren und adligen Söldnern . Und allen voraus , immer an der Seite des Herzogs oder vor ihm her , drosch und hämmerte Kaspar Törring , der aus dem Teufel von Jettenbach verwandelt war in den mörderischen Satan von St. Matthäi . Das Gekläff von Ludwigs Hunden , die hin und her durch das Gewühl der Kämpfenden sausten , schien die tollkühnen Kräfte des Törring zu verdoppeln . Sooft er das Zorngeläut der Bärenfinder hörte , lachte er unter dem blutbespritzten Visier und schlug und schmetterte alles vor sich nieder . Und immer suchten seine Augen , immer schrie er : » Die Laus ? Wo hat sich denn die winzige Laus versteckt ? « Er brüllte : » So eine Laus ! Ich will ihr einen Tod bescheren , gegen den das Leiden meiner sechzig Bracken ein seliges Verschnaufen war ! « Und als er die Landshuter Mauer durchbrochen hatte , wandte er den schweren , in Eisen gehüllten Gaul und schlug und riß den Herzog aus dem Gewühl heraus , das ihn bedrängte . In Erschöpfung keuchte Herr Ludwig : » Durch ! Nach Regensburg zum König ! Oder alles ist verloren für mich . « Die letzten , die um den Herzog waren , begannen schon mit dem Fürsten die Flucht gegen das enge Waldtal beim Webelsbache . Da rasselte eine neue Mauer lebendigen Eisens gegen sie heran : Herzog Heinrichs Kerntruppe , die Harnischreiter und Trabanten von Burghausen . Beim Zusammenstoß ein Stahlgeschütter , daß es weithin durch die Lüfte klirrte und allen Stimmenlärm verschlang , der über der Kampfstätte fieberte . In dicken Haufen rasselten die Burghausener gegen den Herzog an , jeder wollte den goldenen Preis der tausend Dukaten verdienen , mit denen Herr Heinrich den kostbaren Gefangenen zu bezahlen versprochen hatte . Ein wüstes Hauen , Stoßen und Stechen . Nur einer von diesen Schwergepanzerten , ein klobiger Mann , dem das weiße Schläfenhaar unter dem Helmsturz herausquoll , schlug mit seinem langen , breiten Eisen nicht zu und hob es nur , um die niedersausenden Hiebe von sich abzuwehren . Doch immer tiefer drängte er den Gaul in das klirrende Gewühl und streckte sich und spähte , atmete schwer unter den stählernen Platten und suchte , wie ein Dürstender den Brunnen sucht . Nun ein Zucken , ein Aufstraffen des Körpers . Und ein wilder , jauchzender Schrei : » Hartneid Aschacher ! « Ein schmuck Gerüsteter , dem unter dem kurzen Schlachtvisier der ergrauende Knebelbart wie eine zierliche Sache herausstach , drehte bei diesem schrillen Anruf wie in Verblüffung den Kopf . » Wer bist du ? « » Wehr dich , Lump ! Einen Gruß von meinem Weib und Kind ! Ich bin der Ramsauer Richtmann . « Ein Lachen unter dem Visier . Und der Chiemseer schwang sein Eisen . Da fuhr die schwere , in der Sonne blitzende Klinge des Bauern schon herunter wie ein zuckendes Licht . Und fuhr dem Hartneid Aschacher unter dem Arm in den Panzer und durch die Lende hinunter bis ins Geschlecht . Aufatmend löste Runotter die Fäuste vom Griff seines Schwertes , das in dem rot aus dem Sattel stürzenden Mannskörper stecken blieb . » Du nötest kein Weib nimmer ! « Runotter wandte den Gaul und suchte einen Weg aus dem tobenden Gewühl . Für den Ramsauer Richtmann war der Krieg zu Ende . Einen Hieb , den er kommen sah , parierte er mit dem geschienten Arm . » Bauer , Gotts Teufel « , brüllte hinter ihm eine Stimme , » wenn du nit schlagen magst , so wehr dich doch ! « Und weil dieser Schreiende sah , daß der Bauer ohne Waffe war , entriß er einem adligen Herrn den Streitkolben . » Nimm , Bauer ! Gotts Teufel , so nimm doch ! « Das Gewühl des Kampfes keilte die beiden auseinander . Und Runotter , der einen niedersausenden Streich mit dem Arm nicht völlig parieren konnte , sagte ruhig zu dem Gegner : » Wie , Mensch , tu nit so grob ! Dir bin ich nit feind ! « Da stach ein anderer dem Herrn , der den Streich geführt hatte , das Roß zu Boden . Der Stürzende , der halb unter den Pferdeleib zu liegen kam , verlor den Helm : ein strenger Graukopf , bärtig , mit hagerem Gesicht und blitzenden Augen , die klug waren und ohne Schreck . Runotter , dieses Gesicht erkennend , sprang erschrocken aus dem Sattel . » Jesus ! « Mit den blutenden Armen zerrte er den Gestürzten unter dem Gaul heraus , stülpte ihm den Helm über das Grauhaar , gab ihm die Waffe in die Faust und half ihm auf das eigene Roß hinauf . Fürst Pienzenauer in seiner Erschöpfung stammelte : » Deinen Namen ! « Schweigend wandte sich der Ramsauer ab und verschwand im Gewirr der Gäule . Das war in dem gleichen Augenblick , in dem der Hauptmann Seipelstorfer den Herzog Ludwig halb aus dem Sattel gerissen hatte . Doch er brachte ihn nicht ganz zu Boden , mußte ihn wieder lassen , weil ein übles Versehen geschah . Ein Söldner , der die Landshuter Farben trug und dem unter dem Helmsturz eine weiße Narbe gegen das braune , magere Kinn herunterlief , verbeulte dem Fürstenfänger mit einem verirrten Flachhieb den Helm so fürchterlich , daß der Seipelstorfer duselig wurde . Und Kaspar Törring , diese hilfreiche Sekunde nützend , riß den Herzog in eine freie Gasse - und drosch und sägte mit seinem schartig gewordenen Eisen - und schrie dem taumeligen Seipelstorfer höhnend zu : » Sag deiner hundsmörderischen Laus , daß ich ihr den Loys genommen hab ! « Hinter dem klein zusammengeschmolzenen Häuflein der Ingolstädter , das die Umzingelung durchbrochen hatte und im Tal des Webelsbaches einen Fluchtweg gegen Norden fand , ging noch lange die hetzende Verfolgung her . Der Weg , den sie nahm , wurde bestreut mit niedergebrochenen Rossen und blutenden Menschen . Um die Mittagsstunde - während die Sieger zu Sackmachern wurden , das Lager plünderten , die große Zahl der adligen Gefangenen um alle kostbaren Waffenstücke erleichterten und mit etwas unchristlicher Sonntagsarbeit die kaltgewordenen Feinde bis auf die letzte Leinwand schälten - in dieser sonnenschönen Mittagsstunde von St. Matthäi war Hauptmann Seipelstorfer noch immer ein bißchen duselig und wurde geplagt von stetem Brechreiz . In so üblem Zustand mußte er seinem Herrn die Meldung bringen , daß Herzog Ludwig der eisernen Schlinge entronnen war . Fluchend ritt er zum Fürstenzelt hinauf , das inmitten einer freien Waldhöhe in der Sonne stand , umzogen von einer Schanze und einem blitzenden Ringe stahlgeschienter Wachen , die der Büchsenmeister Kuen befehligte . Herr Heinrich hatte reichlich für die Sicherheit seines Lebens gesorgt , das an diesem Tage minder vom Feinde als von dem brennenden Fieber in seinem Blute bedroht war . Der Eingang des Zeltes war bewacht von vier Trabanten , die mit blankem Eisen neben ihren Gäulen standen - unter ihnen Jul , dessen bleiches Gesicht mit irrendem Blick heraussah unter dem geflickten Schirmblech des Reiherhelmes . Hauptmann Seipelstorfer bekreuzte sich , bevor er das Zelt betrat . Ein Bündel senkrechter Sonnenstrahlen , durchwoben vom bläulichen Dampfe des Räucherwerkes , fiel von der Zeltgabel in den dämmerigen Raum . Der Leibarzt und vier Diener waren da ; und weiße Tücher sah man , Schüsseln mit Essig und Wasser , Näpfe mit qualmenden Wohlgerüchen . Neben dem Tragsessel stand das Feldbett , auf dem der kleine braune Herzog im Zittern und Zähneschauer seines Leidens ruhte , mit nacktem Oberkörper und in den mit Stahl geschienten Reithosen . Sein Gesicht war verzerrt und brannte heiß . Die dünnen Lippen hatten eine weiße Kruste vom Fieberschorf . Und unter dem wirren Schwarzhaar , das sich buschig nach zwei Seiten sträubte , brannten die Augen wie ruhelose Flammen . Beim Eintritt des Seipelstorfer fuhr Herr Heinrich auf , griff mit den kleinen , mageren Fäusten in die Luft und schrie : » Wo ist er ? Habt ihr ihn ? « Der Hauptmann brauchte nicht zu antworten ; sein Gesicht hatte dem Herzog schon alles gesagt . Ein welscher Fluch . Eine jagende Flut von Schimpfworten . Und mit den Zuckungen eines Tobsüchtigen fiel Herzog Heinrich auf die Kissen zurück . Während der Arzt und die Diener um den von Fieber und Jähzorn geschüttelten Fürsten beschäftigt waren , blieb der Seipelstorfer ratlos stehen , noch lange . Endlich ging er . Als er das Zelt verließ und in die Sonne hinaustrat , hörte er den Herzog lallen : » Gott hat ' s nicht wollen . Aber ein Gutes hat auch Gottes Unlust . Heut hab ich tausend Dukaten gespart . « Draußen sagte der Hauptmann zum Büchsenmeister Kuen : » So , du ! Jetzt spei mich an ! Ich bin in Ungnad . « Der andere , mit den Brandnarben von Plaien im Gesichte , antwortete ruhig : » Das ist allweil so . Sobald er dich braucht , schießt ihm die Gnad schon wieder ein . « Seipelstorfer nickte . » Hast recht ! Ich tu , was sein muß . Fragt der Herr , so sag ihm , daß ich die Gefangenen nach Landshut führen laß . Viel Ehr stecken wir heut nicht auf den Helm . « Mürrisch ging er davon und schwang sich in den Sattel . Nach einer Weile kam einer von den Dienern aus dem Zelt gesprungen : » Flink , ihr Leut ! Drei , viere sollen reiten ! Nach Dachau hinauf . Und einen geistlichen Herren holen ! Schnell ! « Jul und die drei anderen , die vor dem Zelt die Wache hatten , jagten davon . Zu Dachau fanden sie einen alten , kleinen , dicken Pfarrer . Der nahm sein frommes Heilgerät in einem Schnerfsack auf den Rücken . Dann schnallten sie ihn auf den Gaul des Jul , weil der Falbe unter den vier Rossen das frömmste war . Im Saus davon . Der hochwürdige Herr , der über dem Sattel wie ein Kleiensack hin und her schotterte und vor Angst und Mühsal fürchterlich zu schwitzen begann , wurde auch von der Frage noch gemartert , wie man mit einem Herzog vor seinem letzten Stündlein reden müsse . So wie mit einem Dachauer Bauern ? Das ging nicht . Da mußte man feiner kommen . Aber wie ? Der Hochwürdige fand es nicht . Er wollte sich nach der Titulatur des Herzogs erkundigen und wandte