doch geborgen ruht ? In diese Welt der Unrast , Not und Schuld soll er zurück ? Ist das ein weiser Wunsch ? - Und dennoch ! Vom Geschlecht jener Eva bin ich , deren Name bedeutet : Mutter der Lebendigen . Und mit Entzücken lauscht auch mein Herz , von Deinem Zaubersang erweckt , dem Wonnechor der Flügelköpfchen . Nur daß ich nicht von gnädiger Heimlichkeit unser Glück erhoffe , sondern von Heinrichs Güte . « Mitnichten linderte solcher Bescheid das Schmachten , so Theklas Haarlocke in mir wachgerufen . Wagemut riß mich hin , Theklas Verordnung zu übertreten . Ich konnte mich nicht gedulden , konnte dies Harren auf die mögliche Gunst einer vielleicht fernen Zukunft nicht aushalten . Machte daher einen Boten ausfindig , der nach Kiesewalds Baude gehn und folgendes Briefel verstohlen in Agnetens Hand geben sollte : » Ich ertrag es nicht - muß die heiß Ersehnte mit leiblichem Auge schauen . Gewähre sie mir baldigst diese Gunst , ich bitte flehentlich . Der Bote mag die Antwort mitnehmen . « Und sieh , mein Wunsch ging in Erfüllung ; das Schreiben , das ich noch gleichen Tages erhielt , lautete : » Sei morgen nach Mittag um die zweite Stunde , wo der Zackenberg jählings zum Zackenfluß abstürzt ; der Schwarze Wog ist der Felsenkessel geheißen . Dann komm ich in Deine Nähe , auf die Waldwiese jenseits . Aber Kluft und Fluß müssen zwischen uns bleiben . Laß Dich nicht hinreißen , zu mir hinüber zu streben . Sobald Du Miene machtest , dies Gesetz zu brechen , würd ich in den Wald flüchten , Du fändest mich nicht , und Trübsal täte mir Dein stürmisch Wesen an . Sollen unsere Seelen fest in Händen das Zepter behalten , so dürfen die Sinne nicht in Versuchung geraten ; sonsten werden sie leichtlich Aufrührer . Einstweilen wenigstens besteht solche Gefahr . Mit der Zeit mag dies strenge Gebot Milderung finden - bis vielleicht dermaleinst ... Doch still , du ungestümes Herz ! « Innerlich jauchzend und beflügelten Fußes begab ich mich andern Mittages zur beschriebenen Stelle . Es war viel zu zeitig , als ich am Felsenabsturze stund , wo tief unten der Zackenfluß brausend über die Blöcke gischtet . Drüben von der steilen Halde zwischen blaugrünem Tann und Birken , so bereits von Herbstgolde loderten , lächelte verheißend die lichte Wiese . Da nichts von Thekla zu sehen war und ich wohl noch eine Stunde zu harren hatte , suchte ich die Qual der Ungeduld durch Tätigkeit zu lindern . Ein Feuer wollte ich machen , das weithin der Ersehnten meine Ankunft melden sollte . Hastig sammelte ich Holz , und wie Erlösung war mir die Prasselflamme . Durch aufgeworfene Rasenstücke und feuchtes Holz steigerte ich den Rauch , so daß bald eine mächtige Säule himmelan wirbelte . Dann entsprang meinem erleichterten Herzen ein frohgemut Singen ; ein Lied nach dem andern mischte sich ins Tosen des Bergstromes . Derweilen flog das lächelnde Auge über Kluft und Strom . Drüben links wölbte sich wie ein Eisenhut der bewaldete Breite Berg . Unsichtbar blieb Kiesewalds Baude , weil vor ihr eine Höhe lagerte . Nur Einsamkeit und Wildnis fern wie nah , Abgründe und wogende Berge , finstre Tannen und graue Steine , hin und wieder lichtes Beerengesträuch . Geradeaus das höchste Gebirge , ein ungeheurer Wall , in die Ferne erstreckt , wo rundliche Kuppen blauten . Zur Rechten unweit die Schneegruben , steiles Geröll , Wasseradern , graugrüne Steinvölker , dunkle Knieholzgebüsche . Und all dieser mannigfache Erdenstoff unter der klaren Stahlglocke des Himmels war ein sanftbunt Leuchten , ein wehmütig Lächeln und heimlich Locken . Ein Traum jener Sehnsucht , die nicht weiß , wonach sie greifen soll , weil sie die Seligkeit für ungreifbar und unendlich hält . Aus meines Schauens Versunkenheit erwachte ich aufseufzend und ward wieder inne , worauf ich harrte . Mit Adlergier spähte mein Blick in der Richtung des Breiten Berges , ob nicht ein Stück des Pfades sich zeige , der die Waldung durchschnitt , ob nicht ein Weibes Gewand schimmere . Plötzlich pochte mein Herz - drüben auf der Waldwiese stund die Ersehnte . Winzig wie ein Blümlein war die ferne Gestalt , doch ich erkannte Thekla an der inbrünstigen Gebärde und an der schlanken Zierlichkeit , so in den Jahren der Jugend mein Entzücken gewesen . Beide Hände preßte sie aufs Herz , breitete dann die Arme mir entgegen . So blieb sie eine Weile wie versteinert , während eine Macht in mir mich trieb , ihre Gebärden nachzuahmen . Sie trug ein stahlblau Gewand und ein gleichfarben Kopftuch , das sie aber abnahm , worauf ich das schöne Braun der Locken wiedersah . Ihr Gesicht blieb bei der beträchtlichen Entfernung undeutlich . Doch glaubte ich hinstarrend ihren Blick zu spüren , ihr glühend Auge , und es sank all mein Selbst durch dies rätseldunkle Auge in die wonnigste Heimat . Dasselbe Entzücken durchschauerte mich , das ich einst im böhmischen Waldschlosse empfunden , wenn beim verabredeten Stundenschlag die Liebe mit magischer Kraft durch die Kerkermauern drang , und ein Schmachten dem andern begegnete . » Eins sind wir « , jubelten jetzunder wie damals unsere Seelen ; » du und ich selig verschmolzen ! « Und offenbar ward mir das Geheimnis der wahren Minne : Nur da erblüht sie , wo zwei Herzen ineinander ihre selbe göttliche Eingeborenheit finden ; und ist solche Minne Gewißheit der ewigen Habe , nicht aber Gier . Wer in der Minne nur Lust begehrt , verschließt sich eigenhändig die Himmelspforte . In solcher Erleuchtung ward ich auf einmal mit Schrecken inne , wie ich beinahe Todesgefahr über meine Liebe heraufbeschworen hätte . Wär ich meiner Gier , Thekla hinwegzuführen , gefolgt und also in den Abgrund der Ichsucht getaumelt , so hätt ich mich innerlich von ihrem Herzen geschieden und jene wahre Ehe zerstört , so im Himmel geschlossen wird . Bewahrt vor dem Sündenfalle hatte mich die sanfte Macht der Unschuld , hatte mich Thekla , die gewißlich mein Schutzgeist war . » Engel ! « jauchzete ich über den tosenden Abgrund und hub gefaltete Hände . Mit gleicher Gebärde antwortete sie , als habe sie mich verstanden . Und manch süßes Wort rief ich hinüber , während sie die Hand ans Ohr hielt und manchmal sich neigte , als danke sie für Gehörtes . Auf einmal wandelte sie zum Waldsaum , und schon besorgte ich , die Frist unseres Minnespiels sei abgelaufen ; da bückte sie sich , und ich ward inne , daß sie Holz zu einem Feuer sammelte . Beifall winkte ich und beobachtete , wie sie auf einem Felsen inmitten der Waldwiese das Holz schichtete , alsdann mit einem Feuerzeug das gelbrote Flackern erweckte und den blauweißen Dunst . Eifrig holte sie weitere Nahrung für die Flamme , und es hub sich die Rauchsäule , verfolgt von Theklas Blick wie vom meinigen . Auf ihres Feueraltars Schwelle ließ sich nun meine liebe Vestalin nieder und träumte , das Haupt an den Stein gelehnt , zu mir herüber . Ich sang ihr feierliche Lieder , die sie zu vernehmen schien , derweilen die Rauchsäulen hüben und drüben hoch in die stille Luft stiegen und zusammenschmolzen , bedeutend , daß kein Außen , nicht Kluft noch Strom , zu trennen vermöge zwo Seelen , so im Himmel tiefinnen ihre Vermählung fanden . Wie Theklas Feuer niedergebrannt war , erhub sie sich , legte abermals aufs Herz ihre Hände und winkte mir Abschied . Ich antwortete mit Zuwerfen von Küssen . Langsam , unter wiederholtem Zurückschauen , stieg sie zum Waldrande empor , zuletzt warf auch sie einen Kuß über die Kluft und verschwand zwischen den Tannen . - Aus Theklas folgenden Briefen hebe ich noch die Stelle heraus : » Vielleicht wann die Zeit unser Haar gebleicht hat , das Angesicht faltig ist , und in unseren Herzen die jugendliche Unrast durch friedliche Weisheit abgelöst worden , so sonnen wir uns im güldenklaren Spätherbst , und geschieht uns wohl wie den beiden alten Hirtenleuten , von denen ich Dir sagen ließ : Im dunkeln Seelengrunde Winkt einer Krone Gold , Und hast du sie gefunden , Wird Minne dir zum Sold . « Unter dem Austausch unserer Briefe ging der Herbst zur Rüste , nach langwierigem Sturme regnete es tagelang , und dann war der Winter da . Erst brachte er klares Frostwetter , am zweiten Advent aber ein Schneetreiben , das Weg und Wildnis überwogte , also daß Sibylle außerstande war , ihres Botenamtes zu walten . Endlich am Sonntage vor Weihnachten stieg Rauch vom Breiten Berge , auf Schneeschuhen flog ich bergab zum Kesselstein und sahe schon an der Fußspur , daß ein Mensch durch den Schnee gewatet war . Die gute , treue Sibylle ! Im hohlen Baume fand ich ein Päcklein , das enthielt außer dem erwarteten Briefe ein handgroß Bildnis Theklas , auf Glas gemalt . Unverkennbar war ihr Angesicht , vom braunen Gelock umrahmt - wiewohl die Frische und Keckheit der Jugend einer blassen Zartheit und wehmütigen Güte gewichen war . Das dunkle Auge , größer und tiefer als ehedem , sprach so rührend von Sehnsucht und Liebe , daß ich hingerissen das Konterfei mit Küssen bedeckte . Der Brief lautete : » Nur noch ein paarmal tagt es , dann kommt der Heilige Abend . Da muß ich meinem Liebling doch ein Christkindel bescheren . Dies Bild hat der alte Werner zu Petersdorf gemalt , so in besseren Zeiten ein begehrter Glasmaler gewesen . Besser hat er mich gemacht , als ich wirklich bin ; wenn es uns vergönnt sein wird , einander in der Nähe zu betrachten , wirst Du Deine Thekla gealtert und mager finden . Habe Nachsicht , guter Johannes ! Und noch eine andere Gabe nimm freundlich auf . Begib Dich vom Kesselstein nach Schreiberhau zu Jakob Liebig , dem Schmied , und heische den Korb , den Kiesewalds Sibylle für Dich abgegeben . Den Mohnstollen hat mir Sibylle backen helfen . Die Wolle der Kleidungsstücke ist von unseren Schafen , und selber haben wir sie gesponnen . Vor zween Tagen war ' s , daß wir den Korb zu Tale brachten , im Hörnerschlitten fuhr uns Heinrich nach Petersdorf . War das ein glückselig Stündlein ! Als ich neben Sibyllen im Schlitten saß , von Heinrich mit Wolldecken und Stroh gut verwahrt , blühte Zärtlichkeit aus seinem Herzen , daß er mich auf Mund und Hände küßte , gerührt sprechend : » Ich danke jedem Tage , der die liebe Agnete gesund und froh sein lässet . « Alsdann zog der Gute seine Pelzkappe über die Ohren , begab sich vor den Schlitten zwischen die beiden Kufen , so gleich mächtigen Ziegenhörnern sich emporkrümmten , packte sie mit behandschuhter Faust und zog den Schlitten . Immer hurtiger stampften seine hohen Stiefel durch den Schnee , und dann kam das Abwärtsgleiten . Mit eisenbeschlagenen Hacken lenkend , sperrte sich der starke Mann , daß der aufgewühlte Schnee wie Wassergischt umherspritzte , und blieb alleweil des Schlittens Meister . Indessen jauchzete Sibylle ; mir aber war , als schaukle ich in der Wiegen und schwebe zugleich als Schwalbe . Frisch und rein die Winterluft , Wärme und Glück rann durch meine Adern . Rechts und links die Tannen von Rauhreif dick versilbert , von der Schneelast gebeugt . Am violenblauen Himmel erglommen die Sterne . Sibylle hielt mich umschlungen , und das fromme Klingen unserer Seelen scholl zweistimmig in die magische Nacht : Da draußen , da draußen Vor der himmlischen Tür , Da steht ein ' arme Seele , Schaut traurig herfür . Arme Seel mein , arme Seel mein , Komm mit mir herein , Und da werden deine Kleider So weiß und so rein . Ja so weiß und so rein , Viel weißer , denn Schnee . Und so wolln wir mitsammen Ins Himmelreich gehn . Ins Himmelreich , ins Himmelreich , Ins himmlische Paradeis , Wo Gott Vater , Gott Sohne , Gott heiliger Geist . » Beschere nun die holde Weihnachtszeit meinem Liebling Frieden und Wohlgefallen ! Sei glücklich , wie ich es bin . Und wenn Dein Liedergeist Dir gnädig ist , so bitte ihn , daß er eine Weise beschere , wie Deine Thekla sie ersehnt . Sprich darin von dem , was ich liebe , bedenke auch den kleinen Johannes und klein Anneliesel . Zärtlich und fromm mag es klingen , zugleich ein Ständchen und ein Nachtchoral . Im Bette möcht es heimlich meine Seele singen und den Ruheengel gütig stimmen , auf daß er der sehnsuchtsvollen Kiesewaldin Sänftigung und Vergessen , Schlaf und unschuldige Träume zubillige . « Mit neuem Heile segnete mich diese Botschaft , und inne ward ich , wie mein Herz , aller Trennung spottend , so fühlbar an ihrem schlug , daß ihr Glück das meine ward . Heißer Dank erfüllte mich , und tags vor Weihnachten sandte ich einen zuverlässigen Petersdorfer zu des Breiten Berges Baude . In Sibyllens Hände sollte er einen Korb tun , der meine kleinen Gaben für Heinrich , Sibyllen und Thekla enthielt . Unter vier Augen sollte er der Kiesewaldin ein Päcklein übergeben . Darinnen war das Buch » Abaelardi und Heloisae Briefe « . Unter den Masken dieses Paares , dem ein strenges Schicksal die Herzen zu heiliger Minne lenkte , wollte ich für uns beide eine neue Form geheimer Zwiesprach einführen . Randbemerkungen , von meiner Hand geschrieben , begleiteten den Druck . Der Mönch Abaelardus hatte nicht immer meinen Beifall ; eisig hauchte sein Gottesfriede . Doch ich dankte ihm ein Wort , das er in warmer Jugend gesprochen : » Habe nur Liebe , du magst alsdann tun , was du willst . « Heloisa , die liebreiche , war mein Entzücken , und verstohlen hoffte ich , auch aus Thekla werde diese Glut herfürbrechen , die doch der Jungfer Gräfin nicht fremd gewesen . Um sie zu entzünden , hatte ich gewisse Stellen der heloisischen Briefe angestrichen ; zum Exempel : » Da ich nun einmal Deiner Gegenwart beraubt bin , so laß doch in Worten der Liebe , die Dir so reichlich zu Gebote stehn , Dein süßes Bild bei mir einkehren ... Da Du bei Gott Deine Zuflucht suchtest , bin ich Dir gefolgt ; nein vorausgeeilt ins Kloster bin ich Dir . Und doch , bei Gott , ich wäre auf Dein Wort ohne Zögern Dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt . Mein Herz war ja nicht mehr mein , ich hatte es an Dich verloren . Und so es itzo auch bei Dir keine Statt mehr findet , alsdann hat es überhaupt keine Heimat mehr ; ohne Dich mag es ja nirgendwo sein . Ach laß es denn bei Dir geborgen sein , ich bitte . « Auch ein Schreiben meiner Hand war dem Buche beigefügt , und es hieß darin : » Hier ist das Lied , das meine Sternenbraut sich ausgebeten hat . In Dein Herze bin ich eingegangen und habe von denen gesprochen , die ich darin vorgefunden . Gelingt es meiner Weise , Dich in Schlummer zu singen , laß uns alsdann beide denken , daß ich auf meinen Armen Dich schaukle , Du mein Wiegenkindlein : Wenn mit Dunkel und mit Schweigen Mutter Nacht dein Bett umhüllt , Lausche , wie mein Zaubergeigen Heimlich deine Kammer füllt . Lausche , wie dich Wunderglocken Fromm zu deiner Tiefe locken . In der Tiefe wohnt die Ruh - Und die Tiefe , das bist du . Frieden ihm , so dir zur Seiten Atmend ruht ; er ist dein Schild . Frieden allen Erdenbreiten , Jedem Gottes-Ebenbild ! Gib den Hütten dein Erbarmen Und dem Glück ein froh Umarmen . Ohne Güte keine Ruh ; Jedes Antlitz , das bist du . Engel , heitre Lichtgestalten Steigen aus dem dunkeln Land Und in deine Hände falten Kosend sie die Kinderhand . Sieh doch , deine toten Lieben Sind dir alle treu geblieben ; Mutterherz heißt ihre Ruh . Deine Kinder , das bist du . Spürst du auch , wie auf dein Grüßen Harrt ein treuer Paladin ? Aus der Ferne dir zu Füßen Kann ihn deine Sehnsucht ziehn . Gib dein Auge seinem Auge ! Eins im andern sauge , sauge Heimatwonne , Heimatruh ... Du bist ich , und ich bin du . Horch , mein Lieb , die Zaubergeigen Singen Hochzeitsmelodein , Und der bunte Sternenreigen Stimmt und funkelt üppig drein . Welten schwärmen dort bei Welten , Wiegen sich in blauen Zelten , Summen uns in sel ' ge Ruh ... Ich bin Stern , und Stern bist du . « » Mein siegreicher Johannes « - so lautete Theklas Antwort - » juble mit mir ! Was wir kaum zu hoffen gewagt , es gelingt ! Das Wunder , verheißen dem erhöhten Menschensohne , Du vollbringst es . Machst Blinde sehend , Lahme gehend . Heinrich ist genesen von der Sorge , Agnetens erster Gatte werde wiederkehrend ihn verdrängen . Und Du bist es , Dein Gedicht ist es gewesen , wovon Heinrichs Auge aufgeschlossen ward , daß er nunmehr schaut , wie das Himmelreich keimt und wächst in des Menschen Brust , und daß er an gütige Liebe glaubt . Laß Dir berichten , wie alles gekommen ist . Du weißt schon , Sibylle ist meine Vertraute . Ermissest Du nun , mit welchem Entzücken , welchem Stolze mich Deine Lieder erfüllen , so wird es Dich nicht überraschen , daß sie von Sibyllens Hand in ein Buch eingetragen worden sind , darein sie im Laufe der Jahre ihre liebsten Gedichte gesammelt hat . Am Heiligen Abend nun , da wir drei Kiesewaldischen einander unsere Gaben gereicht hatten und beim Kerzenschein unseres dreiarmigen Festleuchters andächtiglich um den Tisch saßen , tat Sibylle ihr Buch auf und las zu meiner bänglich frohen Überraschung dein Lied von der Menschenseele , die sich zur Gottesmutter weihen soll : Zu Bethlehem die Krippe Ist jeder Herzensschrein - Wie solches von der schönen tiefen Stimme verkündet war , sann Heinrich bewegt der Botschaft nach . « Hierauf tat er die Frage : » Wer hat dies fromme Lied gemacht ? « Ich erschrak , doch Sibylle sprach mit Fassung : » Es ist ein Mann , so in der Enttäuschung harter Schule gelernt hat , den wahren Schatz im eignen Acker zu suchen . « - » Und sein Name ? « forschte Heinrich . - Mit Geistesgegenwart stellte meine Schwäherin als Verfasser nun jenen Waldhäuser hin , von dem Du berichtet hast ; und fürwahr , wenn irgend ein Mitmensch Anteil haben könnte an dieses Liedes Urheberschaft , so wär ' s der Mann , der Dich die Umwandlung der Gefühle zu Edelmetall lehrte . Des weitern aber spann Sibylle ihr Märlein also aus : » Als junger Gesell liebte dieser Waldhäuser eine Jungfer , hütete jedoch dies Geheimnis , indem er daran verzagte , daß seine Angebetete einem geringen Menschen , als den er sich betrachtete , ihr Herz widmen werde . Weil er also nicht um sie warb , reichte sie schließlich einem andern Manne ihre Hand . Unser Poet aber blieb unbeweibt und hegte unaufhörlich seine heimliche Liebe . Wie er nun bereits graue Haare bekam , bescherte ihm die Gelegenheit eine vertrauliche Aussprache mit seiner Herzensherrin ; da erfuhr er denn , stets habe sie ihn geliebt . Zu spät , ach zu spät ! seufzete Waldhäuser . Meine Jugend ist hin , versäumt mein Glück ein andrer hat es heimgeführt . « Dann fragte er die Frau , ob sie denn wenigstens zufrieden mit dem andern sei . » Ich liebe sein Herz , « antwortete sie ; » er ist sehr gut zu mir , und ich bin ihm wieder sehr gut ; nie mag ich ihn betrüben , nur der Tod scheidet mich von ihm . Doch gleichfalls bis zum Tode klopft mein Herz voll Sehnsucht nach Dir , Du mein Sternenbräutigam ! ... « Sibylle ward hier unterbrochen durch Heinrich , der nach gespanntem Zuhören auffuhr : » Was ? Zween Männer zugleich konnten in diesem Weibesherzen wohnen , und keiner hat den anderen verdrängt ? « - Ruhig und fest kam die Antwort : » Die beiden Männer wurden halt Brüder , und des öftern hat einer dem andern bedeutet : Über der lieben Frau Herz zu gebieten , hat keiner von uns Gewalt und Recht . Dich guter Freund , mag sie nicht missen ; drum schleiche dich ja nicht von hinnen , laß uns beisammen bleiben . « » Und niemals , « fragte Heinrich kopfschüttelnd , » ist ein Nebenbuhler dem andern an die Gurgel gefahren ? « - » Nicht doch , du Wildfang ! Als Verbündete fühlten sie sich und waren wie zusammenstimmende Töne . « - » Aber nur einer war Gatte , der andre Bruder der Frau ; ist es nicht also ? « warf Heinrich ein . - » Mag sein , « entgegnete Sibylle errötend , war aber gleich wieder freimütig und sprach im Buche blätternd : » Hier ist noch ein Lied von Waldhäuser ; an die geliebte Frau ist es gerichtet und darin segnet er ihren Gatten . « - » Segnet ihn ? « staunte Heinrich . - Und nun las Sibylle Dein Gedicht , daß Du zur Weihnachtsgabe mir bestimmt . Frieden ihm , so dir zur Seiten Atmend ruht ; er ist dein Schild . Bei diesen Worten weitete sich Heinrichs Auge , Rührung zuckte über sein Antlitz . Schließlich seufzte er , wie einer , dem eine Bürde abgenommen ist , sah uns Weibsbilder heiter an und nickte : » Fürwahr , ein gütig Lied ! Wer möchte solchem Nebenbuhler gram sein ? « - Ich konnte mich kaum enthalten , laut aufzujubeln . Zu ihm tretend , legte ich den Arm um seinen Nacken , indessen er mich umfing . Da ich keine Worte fand , gab sich die kluge Sibylle zu meinem Munde her : » Wohlgesprochen , lieber Bruder ! Gebe nun der Himmel , daß du nicht mehr eifersüchtig bist auf Agnetens ersten Mann . Nimm an , daß er wie Waldhäuser ist . « - » Ja , wenn er so wäre , « antwortete Heinrich trunken mich anschauend . - » Zweifle nicht , « eiferte Sibylle , » so ist er . Laß dir doch endlich einmal erzählen , nachdem dein gereizter Sinn all die Jahre hindurch nichts hören gewollt von ihm . « - » Ich wußte nicht , « entschuldigte sich Heinrich , » daß es Männer gibt wie dieser Waldhäuser . « - » Nun du es aber weißt , « fuhr Sibylle fort , » wirst du Vertrauen haben zu Agnetens erstem Gatten ; und wenn er sich am Leben fände ... « . Hier schloß ich die Augen vor Bangigkeit , fühlte aber Heinrichs spähenden Blick , dann flüsterte seine Seele in meine hinein : » Ja , wenn er nun wiederkehrte , wie würde Agnete entscheiden , was ihren Heinrich betrifft ? « Und flüsternd gab ich zurück : » Bei Gott , ich würde nicht minder Treue wahren , denn jene tat , die Waldhäuser liebte ; ich würde sagen : Nie mag ich meinen Heinrich betrüben , nur der Tod scheidet mich von ihm . « - Dankbar preßte er mich an sich , dann raunte er hastig : » Weiter aber ! Was würdest du weiter sagen ? würdest ihn auch Sternenbräutigam heißen ? « - » Wenn deine Güte es erlaubte , ja ! « - Heinrich stutzte : » Meine Güte ? Zweifelst du daran ? « - Voll schlug ich den Blick nun auf : » Nein , Guter ! « - Hierauf schwieg er , doch ein neuer Glanz strahlte aus seinem Auge , und sieh , in dieses Auges schwarzem Spiegel , vom blauen Kränzlein umrahmt , flimmerten winzig die drei Flammen unseres feierlichen Leuchters . Sibylle blickte aufmunternd , als wolle sie mir sagen : » Wohlan , nutze die Stunde ! « Ich aber war bereits so glückselig , daß ich nicht denken konnte , wie uns noch Besseres solle werden als die wunderbare Bekehrung Heinrichs . Daß er nun den rechten Glauben gefunden , und daß dein Glaube , mein Psalmist , den seinen geweckt hatte , war meine Seligkeit . Nicht lockte mich , was Vorteil uns beiden Liebesleuten erwachsen könne aus Heinrichs Nachgiebigkeit . Und hiermit sei es gestanden : » Schmachtend nach dir , bin ich doch bange vor der Erfüllung dieses Schmachtens . Denn sie wird uns Änderung bringen . Alles hat ja seine Zeit , und sobald die Frucht ansetzen will , muß die Blüte welken . Versteht mein Johannes , was ich meine ? Sieht er das graue Gespenst , vor dem ich zage ? Ach daß es unserer Liebe erspart bliebe , seine Macht zu fühlen . « Wem vertraut ist der Minne Art - wie sie nach langem Dürsten entzückt wird , da auf einmal dem Schmachtenden ganz nah die liebliche Quelle von Stillung flüstert - der mag ohne meine Worte erraten , welch Triumphieren in mir anhub , und wie voller Lachen mein Herz den Lenz begrüßte , so mit sonniger Gunst mich begnaden wollte . Ganz jugendschön , nicht Frau Agnete , sondern meine Magdeburger Braut schwebte Thekla um mich auf allen Pfaden ; in des Schneegefildes Lichtfunken , aus den Eiszapfen der Tannen strahlte ihr Blick , ihr Lächeln war im Goldgewölk , ihr zärtlich Geflüster vernahm ich lauschend , von ihrer Umarmung träumte ich , mein Haupt lag ihr im Schoße , indessen sie übergeneigt ihr aufgelöstes Haar niederwallen ließ , so daß mich eine duftige Laube umgab . All meine zärtlichen Gedanken schrieb ich für Thekla auf . Es schloß aber mein Brief folgendermaßen : » Mich nennest Du siegreich ? Dir einzig gebürt die Palme . Du hast unser Schicksal gelenkt . Ohne Dich wär ich erlegen der Versuchung , die schon den schwarzen Drachenfittich um mich schlug . Deine Güte hat mich erlöst , hat mein Minnen geadelt . Und wenn mein Lied für Heinrich heilsam war , Du hast es mit solchem Heil erst erfüllt . Drum vertraue ich Dir mein Dasein an . Der Himmel in Dir hat alle Führung , und folgen will ich , sogar wenn ich des weitern den Weg der Entsagung zu gehen hätte . Daß Deine Hoheit ihn mir anweiset , würde meine Trauer mit Trost und sanfter Schönheit erfüllen . Aber sage mir , mein Engel , ob Deines Briefes Schlußworte den Weg der Entsagung meinen . Und verständlicher sprich mir von dem grauen Gespenst , so Deine Hoffnungen verdüstern will . Es ist wohl nur ein Spuk schwermütiger Laune . Oder was sonst ? Warum bangt der Schmachtenden vor ihres Schmachtens Erfüllung ? « Eine Woche , nachdem ich mein Schreiben zum Kesselstein gebracht , fand ich daselbst die Antwort . Sie bestand nur in einem Gedicht , von Sibyllens , nicht von Theklas Hand geschrieben , und ich selber war der Verfasser . Entstanden war es , kurz bevor ich Kiesewalds ersten Besuch erhalten hatte . Nebst anderen Gedichten hatte ich es Thekla mitgeteilt . Wie ein Echo kam es nun zurück , bedeutend : Den Bescheid auf seine Frage mag Johannes sich selber geben , mag er ihn ableiten aus seinen eigenen Worten . » Zur Fernesucht geboren , Wird nie der Pilgram froh . Seine Heimat ging verloren - Er weiß nicht wo . Ihn rührt ein stummes Mahnen Von blauer Höhen-Wand . Darf er dahinter ahnen Sein Wunderland ? Im Tale Bauden winken , Zum Dorfe traut gereiht . Er aber muß versinken In Einsamkeit . Er haust auf Bergesklippen In dumpfer Schwermut Bann , Umstarrt von Knieholz-Rippen Und wüstem Tann . Verworren träumt im Grunde Des Mühlenrads Gesumm . Er lauscht mit zuckendem Munde ; Sein Lied bleibt stumm . Er schmachtet - wie im Staube Ein welkes Blumenhaupt . Doch ward sein frommer Glaube Ihm nicht geraubt . O Pilgram , du mußt lernen In Demut abseits stahn , Du darfst den blauen Fernen Nie täppisch nahn . Wenn ungestüme Minne Dich riß zum Götterweib , Umarmten deine Sinne Nur Menschenleib . So bleib dem Wunderlande In keuscher Andacht hold , Dann spülst du aus dem Sande Das ewige Gold . Es sammelt alle Zähren Die treue Ewigkeit . Sie sollen sich verklären Zum Krongeschmeid . O sieh , ein Fenster glühet Im letzten Abendglast ! Das Baudenhaus erblühet Zum Goldpalast . Die Felsenschatten dehnen Sich weit ins Talgefild . So wird gar manches Sehnen Noch spät gestillt . Erst wann im großen Dunkel Versank die wirre Welt , Erblüht das Trostgefunkel Am Sternenzelt . Und birgt sich in der Erden Ratlos dein Angesicht , Tief innen soll es werden Auf einmal Licht . « Was war das nun ? Es beunruhigte mich , daß kein Wörtlein von Thekla geschrieben war . Sollte sie erkrankt sein ? Angstvoll bedachte ich , daß mehrfach von ihrer Hinfälligkeit die Rede gewesen . Nicht gänzlich hatte sie sich erholen können von Berthuldens Stich . Wenn sie mir entrissen würde - wie ein betäubender Schlag traf mich dieser Gedanke . Sofort mußte ich Gewißheit schaffen . Begab mich also zu meinem erprobten Boten , der sollte unauffällig in Sibyllens Hand dies knappe Briefel geben : » Ist Agnete krank ? Euren Bescheid mag mein Bote sogleich mitnehmen . « Da kam folgende Antwort , von Theklas Hand geschrieben , doch ohne die Festigkeit ihrer früheren Schriftzüge : » Wohl war ich krank . Ich genese . Frohen Dank für die Nachfrage , doch ich flehe : Wollet nimmermehr einen Boten schicken . Es genüge , was ich mitteile . Geduld , bis der Rauch