wirr durcheinander lagen . Diese Mauer hatte zu ebener Erde eine schmale Toröffnung , auf welche der Ustad zuritt , indem er sagte : » Das ist die Diwar-y-Mugasa93 . Weshalb sie so genannt wird , weiß ich nicht . Wahrscheinlich hat sie einst als eine Art von Talsperre gedient . Jetzt ist dieser Ort so verrufen , daß man ihn am hellen Tage meidet , wie viel mehr also jetzt , des Nachts . Du wirst hier ungestörter sein als an jeder andern Stelle , Effendi . Man behauptet , wenn der Teufel eine Seele hole , so schaffe er sie des Nachts hierher , um sie zu zerreißen . « » Angenehme Wartestation ! « lachte ich . » Bei der bekannten Leichtgläubigkeit der frommen Taki-Kurden bin ich da allerdings im höchsten Grade vor menschlichen Besuchen sicher . Andere aber können mich nicht stören . « Wir stiegen ab , führten unsere Pferde zwischen den Steinen hindurch dem Tore zu und befanden uns , als wir dasselbe passiert hatten , zunächst in einem oben zugebauten Raume , in dem es vollständig dunkel war . » Daran habe ich nicht gedacht , « fuhr der Ustad fort . » Wir hätten Licht mitnehmen sollen . « » Habe ich , « sagte ich , indem ich eines aus der Tasche nahm und anbrannte . Man hatte einen viereckigen , mit einem Dache versehenen Anbau an die Mauer gefügt . Hinten ging eine Oeffnung in die Schlucht ; sie war von außen dicht verwachsen . In der Mitte der Dunkelkammer lag eine große Steinplatte . Weiter war nichts zu sehen . Da uns die Vorsicht verbot , die Pferde gleich hier unterzubringen , wo es im unerwünschten Falle weder ein Verbergen noch ein Entrinnen gab , versuchten wir , durch die Oeffnung hinaus in das Freie zu dringen , doch ohne die hindernden Büsche , welche diese Tür verstopften , in auffälliger Weise zu verletzen . Es gelang . Draußen war es halbdunkel , denn die Sterne fehlten dieser schmalen Schlucht , deren Felsenwände ganz beträchtlich in die Höhe stiegen . Es war keineswegs ein einladender Ort , an dem wir uns befanden . Seine Düsterheit stimmte ganz zu der teuflischen Idee , von welcher der Ustad gesprochen hatte . Wir führten die Pferde ein beträchtliches Stück in die Enge hinein und ließen sie sich niederlegen . Dann wurde es für Kara und den Ustad Zeit , ihren Gang nach der Bergeshöhe anzutreten . Ich bat sie , das Gebüsch an der Tür zu schonen , damit wir nicht durch abgebrochene Zweige verraten würden ; dann entfernten sie sich . Ich aber setzte mich zu Syrr , doch so , daß ich jeden Nahenden eher bemerken konnte , als er mich . Es verging Viertelstunde um Viertelstunde . Die Mitternacht kam . Also befanden sich meine beiden Kameraden jetzt wahrscheinlich oben auf ihrem Lauscherposten . War es ihnen gelungen , den Ort der Zusammenkunft zu entdecken ? Eben legte ich mir diese Frage vor , da sah ich zwei Gestalten , welche langsamen Schrittes von der Mauer her nach hinten kamen - - - persisch gekleidet ; sie waren es . Da stand ich auf . » Bleib ruhig sitzen ! « sagte der Ustad . » Wir haben über eine Stunde zu warten , ehe ich nach dem Bache gehen kann . « » Eure Absicht ist nicht gelungen ? « fragte ich . » Nein , « antwortete er , indem wir uns niedersetzten . » Wir lagen gut versteckt beim Hollunderbaum . Da kam Ahriman Mirza mit noch Einem . Wahrscheinlich war dies der Vertraute , den du in unsern Ruinen bei ihm gesehen hast , denn der Mirza hatte sich nicht vor ihm verhüllt . Sie sprachen miteinander , nicht lange und auch nicht laut , doch so , daß wir jedes Wort verstanden . Ahriman hatte die Reitpeitsche in der Hand . Er mußte erst kürzlich einmal hier gewesen sein , denn er nahm eine Larve aus dem hohlen Baume , die nicht drin gewesen ist , als Kara ihn untersuchte . Er band sie vor das Gesicht und zog dann eine Agraffe aus der Tasche seines Rockes , um sie an die Mütze zu stecken . Dabei sagte er : Die habe ich noch von drüben , bei den Dschamikun . Ich fand keine Zeit , sie zu verstecken , weil ich wegen des Scheik ul Islam schnell um den Berg herum zu meinem Pferde mußte . Die hiesige kann also steckenbleiben , vielleicht für immer , denn ich glaube nicht , daß ich sie hier noch einmal brauchen werde . Heut mache ich es kurz . Die Befehle zur Umzingelung am Mittwoch Abend sind schnell gegeben . Dann gehe ich im » Utaq-y-Scheijtan « 94 noch einmal die beiden Dokumente durch , ehe ich dem Scheik ul Islam das seinige in der Dschemma wiedergebe . Jetzt komm ! Dieser Lieblingsesel Allahs ahnt gar nicht , daß er sich mit der Unterschrift der Kaiserurkunden vollständig in meine Hand geliefert hat ! Sie gingen , und wir krochen aus unserm Versteck hervor , um ihnen zu folgen . Da dies aber höchst leise und vorsichtig geschehen mußte , taten wir es nicht schnell genug und suchten dann vergeblich , eine Spur von ihnen zu sehen oder zu hören . Um wenigstens nicht ganz ohne Resultat zu dir zu kommen , kehrten wir zum Hollunder zurück , aus dem wir die Agraffe genommen haben . « » Warum ? Wozu ? Kann das nicht üble Folgen haben ? « » Möglich ! Aber ich hatte das Gefühl , daß ich dieses glitzernde Ding nicht steckenlassen dürfe . Ich kenne diese Empfindung ; sie hat mich immer richtig geführt . Denke an unsere Anzüge , ohne welche wir von dem Boten jedenfalls nichts erfahren hätten ! « » So mag es sein . Auch ich folge derartigen Eingebungen stets gern . Ist dir der Name Utaq-y-Scheijtan bekannt ? « » Nein . Ich habe ihn noch nicht gehört . Aber ich habe jetzt unterwegs darüber nachgedacht und vermute , daß er hier mit dieser Mauer in Verbindung zu bringen sei . Der Name Teufelsstube harmoniert mit dem Aberglauben , daß der Teufel hier die von ihm geholten Seelen zerreiße . Sollte Ahriman Mirza mit diesem Utaq-y-Scheijtan den finstern Raum dort gemeint haben , durch den wir mußten , um hierher zu kommen ? « » Mir kommt dies fast wahrscheinlich vor . « » Mir ebenso ! Er will da die beiden Kaiserdokumente noch einmal prüfen Kaiserurkunden ! Also das Allerwichtigste , was man ihm entreißen könnte ! Aber entreißen ? Nein . Es müßte klüger angefangen werden . Bitte , sprecht jetzt nicht auf mich ! Es kommt mir ein Gedanke . Könnte er richtig ausgeführt werden , so wäre er unvergleichlich ! « Er schwieg hierauf , um nachzudenken . Darum waren wir auch still . Nach einiger Zeit sprang er plötzlich auf und sagte : » Was das nur ist ? Es läßt mir keine Ruhe . Komm mit , Effendi ! Ich muß vor an die Mauer . Es ist Etwas in mir , was mir sagt , daß Ahriman Mirza bald erscheinen wird . « Wir gingen mit einander nach vorn , bis zu der mit Büschen besetzten Tür . Wir schoben das Gesträuch mit den Händen zurück , um in den Raum zu treten . Da flüsterte der Ustad : » Da - da - - da , schau ! Wie recht die Stimme in mir hatte ! Siehst du ihn ? « Allerdings sah ich ihn . Er war soeben gekommen und stand draußen vor dem Eingange , im Sternenschein , um sich umzusehen . Die Reitpeitsche in der Hand , die schwarze Maske vor dem Gesicht , die Agraffe an der Mütze . In seinem Gürtel flimmerte der Griff seines Chandschar , welcher dem meinigen glich . Da war Alles sehr deutlich zu sehen . Da fragte mich der Ustad leise : » Kennst du die Sage vom Chodem des Menschen ? « » Ja , « antwortete ich ebenso leise . » Ich weiß , daß der Mirza an diese Sage glaubt , und werde ihn bei ihr fassen . Halte die Büsche zurück , wenn ich zu ihm hineinschlüpfe und auch dann , wenn ich wiederkomme ! « Er nahm die Maske aus dem Peitschengriffe und band sie sich vor das Gesicht . Dann holte er die Agraffe aus der Blechkapsel und steckte sie an die Mütze . Hierauf steckte er auch meinen Chandschar genau so , wie der Mirza den seinigen im Gürtel trug . Und nun wartete er . Ich wußte nicht eigentlich , was er beabsichtigte , obwohl ich die Bedeutung des Chodem kannte . Chodem ist das persische Wort für » ich selbst « . Die dortigen Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes , ungefähr so eine Art dessen , was wir » Doppelgänger « nennen , aber in viel höherem , edlerem Sinne . Sie lehren , daß der Mensch zwar auch einen Geist besitze , den die Seele nach und nach aus den Stoffen des Körpers heraus- und emporzubilden habe , aber dieser rein menschliche Geist sei abhängig und werde geleitet von einem Geiste aus höheren Regionen , der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafür verantwortlich sei , daß der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche . Dieser hohe Geist eigne sich sämtliche Aggregatszustände seines Menschen an und sei also imstande , ihm und auch Anderen persönlich zu erscheinen , und zwar ganz genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst . Erscheine er Andern , so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten ; lasse er sich aber vor seinem eigenen Menschen sehen , so sei das ein sicheres Zeichen , daß er ihn für immer verlassen werde , also entweder des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden Todes . Denn ein Mensch , der von seinem höhern Geiste , von seinem Chodem aufgegeben wird , muß entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam versiechen . Das ist die Sage oder die Lehre , auf welche der Ustad sein jetziges Verhalten stützen wollte . Ahriman Mirza kam herein . Er brannte ein mitgebrachtes Licht an und ging an die Steinplatte , um es dort fest anzutropfen . Als dies geschehen war , zog er zwei zusammengefaltete , große Papierbogen aus der Tasche , schlug sie auseinander und beugte sich zum Lichte , um zu lesen . Da schob sich der Ustad leise , leise zwischen Gebüsch und Wand hinein , schlich unhörbaren Schrittes zu ihm hin , bis er hinter ihm stand , und berührte ihn mit der Reitpeitsche . Der Mirza zuckte zusammen , richtete sich schnell auf , drehte sich um und - - - stieß einen Schrei aus , wie ihn nur der größte Schreck oder gar das wirkliche Entsetzen aus der Lunge zu pressen vermag . Dann stand er starr wie Stein , vollständig bewegungslos . Mir selbst , der ich doch wußte , woran ich war , erschien die Szene beinahe grauenhaft . An der gespenstigen » Mauer der Vergeltung « - - in der » Teufelsstube « , wo der Satan die von ihm geholten Seelen zerreißt - - ein kleines Licht , nur zwei , drei Schritte weit schimmernd - - ein Menschen- und ein höherer Geist - - sich schwarz aus der Schwärze des ringsum herrschenden Dunkels herausgestaltend - - nicht nur einander ähnlich , sondern von unbedingt ganz gleicher Wesenheit - - der Eine ganz genau das Augenbild des Andern - - vom Kopf bis zu dem Fuß herab ein einziges » Ich « und doch in zwei Personen ! Wenn es mich dabei wie kalt überlief , wie mochte es da erst dem Mirza zu Mute sein ! Sonderbarer , aber psychologisch doch ganz richtiger Weise gab er seinem Entsetzen nach dem ersten Schrei nicht etwa einen Totalausdruck , sondern er richtete es auf Einzelheiten , die ihn an sich selbst irr machten . » Meine Agraffe ! « rief er aus , mit der Hand nach des Ustad Mütze deutend . » Meine Larve - - mein Chandschar - - meine Peitsche ! « Seine Finger öffneten sich . Die beiden Papierbogen flatterten zur Erde nieder . Ich sah ihn zittern . Seine Kniee wankten ; sie brachen zusammen . Er sank zu Boden , hielt sich am Steine fest , hob die andere Hand abwehrend empor und schrie : » Mein Chodem - - mein Chodem - - mein Chodem ! Was hast du mir zu bringen ? « Der Ustad antwortete , und seine Stimme klang genau so dumpf wie diejenige des Mirza unter der Larve hervor : » Keine Krone und kein Kaiserreich ! Wähle : Tod oder Wahnsinn ! « » Den Tod ? Nicht ihn , nicht ihn ! Ich will nicht sterben , nicht sterben ! Ich muß leben , leben - - leben ! « » So hast du gewählt . Der Wahnsinn sei der Geist , der dich nun packt wie alle deine Schatten ! Hinaus mit dir , hinaus ! Such Schutz bei deinen Massaban ! Knie vor den heilgen Scheik des Islam nieder ! Verlaß dich auf die ganze Macht der Lüge ! Er hat die Faust soeben ausgestreckt . Er faßt dich beim Genick wie eine tote Katze . Er schleppt dich hin , bis wo der Abgrund gähnt , und schüttelt dich hoch über - - - « » Tote Katze , tote Katze ! « unterbrach ihn der Mirza , indem er schaudernd aufbrüllte , als er diese seine eigene Drohung hörte . » Du weißt Alles , Alles , Alles ! Aber ich mag deinen Wahnsinn nicht ; ich will ihn nicht ! Behalte ihn hier bei dir ; ich aber eile fort , fort - - - fort ! « Er schnellte sich auf und sprang zur Tür hinaus . Der Ustad hob die Dokumente auf , faltete sie zusammen und steckte sie zu sich . Dann trat er vorsichtig in das Freie hinaus , um dem Fliehenden nachzuschauen . » Komm , mein Freund ! « forderte er mich dann auf . » Komm , wenn du einen Menschen sehen willst , der vor dem Wahnsinn flieht und ihm aber nun ganz unmöglich entgehen kann ! « Ich ging zu ihm hin . Der Mirza rannte , wie von Furien gejagt , geraden Weges in die Ebene hinaus , wo er doch nicht das Geringste zu suchen und zu finden hatte . » Ist das nicht schon geistige Störung ? « fragte der Ustad . » Jeder Andere würde dahin gehen , wo er seine Leute trifft ; dieser aber weiß schon nicht mehr , was er tut ! Für uns aber ist es geraten , uns schleunigst zu entfernen . Holen wir die Pferde ! « Wir taten es . Dann ritten wir fort , ohne das Licht ausgelöscht zu haben . Der Ustad wollte es so . Er führte uns um den Berg herum und dann weit gegen Norden , wo wir nicht gesehen werden konnten . Dort stiegen wir ab und setzten uns nieder , denn die Zeit der Unterredung mit Ibn el Idrak war noch nicht da . Keiner von uns sprach . Ich hatte kaum Raum genug für die Gedanken , welche mir kamen und gingen . Ist es wirklich nur Sage , oder giebt es einen Chodem für Jeden , der ein geistiges Leben führt ? Da legte der Ustad seine Hand auf meinen Arm und sagte : » Du denkst , und ich weiß , worüber . Grüble nicht , sondern warte ! Der Mensch ist ja gewöhnt , nur das zu glauben , was er mit seinen körperlichen Augen sieht . Weißt du noch , daß ich Hadschi Halefs Seele durch die besondere Betonung seines vollständigen , langen Namens zurückrief . Hätte ich das nicht getan , so wäre er gestorben , so aber zwang ich ihn , sich auf sich selbst zu besinnen , wie man sich leider auszudrücken pflegt . Meinst du vielleicht , daß nur die Seele zu zwingen sei ? Warte es ab ! Die sogenannte Erziehung zwingt Millionen Geister in Schablonen . Sollte es denn gar so unmöglich sein , von diesen Millionen wenigstens einen einzigen aus dieser Schablone wieder herauszuzwingen ? « Wie das so eigenartig klang ! Ich sollte nicht denken , sondern warten . Wer das wohl fertig brächte ! Als die Zeit gekommen war , ritten wir wieder näher an den Berg und dort in eine kleine Bodenvertiefung hinab , die uns vor unberufenen Augen schützte . Dort hatte ich mit Kara zu bleiben . Der Ustad aber ging zu Fuß hinüber nach dem Bach , wo Ibn el Idrak wahrscheinlich schon auf ihn wartete . Ich war nicht ganz ohne alle Besorgnis um den Freund , doch versicherte er , es mit einem ehrlichen Manne zu tun zu haben . Das mußte ich gelten lassen . Natürlich hatte er Larve und Agraffe schon längst wieder abgelegt . Es verging weit über eine Stunde ; da kam er wieder , mit schnellen , kräftigen Schritten , wie Jemand , der eine gute Botschaft bringt . » Dieser Aschyk ist ein Prachtmensch geworden ! « rief er uns zu , noch ehe er uns erreicht hatte . » Ich muß ihn dem Schah-in-Schah unbedingt zur Begnadigung empfehlen , und zwar sofort , wenn wir jetzt heimgekehrt sind . Denn es muß wieder ein Eilbote fort . « » So hast du also Gutes gehört ? « fragte ich . » Sehr Gutes ! Wir müssen noch vor Tages Anbruch daheim sein , damit man deinen Syrr nicht sehe . Darum habe ich mich jetzt nur kurz zu fassen . Unsere Renngegner treffen heut schon ein , um ihre Pferde mit der Bahn vertraut zu machen . Was ich nur ahnte , ist mir jetzt gewiß : Ibn el Idrak hat einen so bedeutenden Anhang unter den Taki , daß er im Stande ist , die Pläne des Scheik ul Islam zu durchkreuzen , und dazu ist er unbedingt entschlossen . Von ihm ist der Gedanke ausgegangen , daß ich Ustad der Taki werden soll , und er hält ihn sogar jetzt noch fest . Der Scheik ul Islam hat ihm aber in schlauer Weise vorgegriffen , um entweder die Ausführung ganz unmöglich oder mich zu einem seiner willigen Geschöpfe zu machen . Seit er seinen Ghulam als Ustad eingeschmuggelt hat , haben mehrere stürmische Sitzungen stattgefunden . Zu ihm halten die denkschwachen Fanatiker , welche Fatima noch über Muhammed selbst setzen , und die jüngeren Babi , die den Kaiser tief unter sich wissen wollen . Das sind unsere Gegner , die sich zunächst am Rennen und dann auch am Kampfe beteiligen werden . Ich will sie einstweilen die Ultra-Taki nennen . Die Andern sind die Friedfertigen . Sie haben uns beobachtet und nie eine Ueberhebung , eine Falschheit bei uns gefunden . Sie verlangen , uns als Menschen achten zu dürfen , nicht aber um des Glaubens willen uns hassen und befeinden zu müssen . Sie wollen Muhammed verehren , aber nicht den Scheik ul Islam anbeten . Sie wollen dem Schah-in-Schah gehorchen und keine willenlose Puppe an seiner Stelle sehen . Sie haben Ibn el Idrak beauftragt , diese ihre Wünsche in der Dschemma vorzutragen , sind aber mit einer so hochmütigen und beleidigenden Rücksichtslosigkeit abgewiesen worden , daß sie beschlossen haben , nun auch ihrerseits nicht die geringste Rücksicht mehr zu nehmen und ihre Wege ebenso heimlich zu gehen wie die Andern . Die erste Folge dieses Entschlusses ist die jetzige Unterredung mit mir . Ich bin mit Ibn el Idrak so aufrichtig gewesen , wie es mir geboten erschien . Er staunte über das , was er erfuhr . Als ich ihm schließlich aber auch noch mitteilte , daß ihr neuer Ustad der blutige , gewissenlose Henker der Sillan sei und daß der Oberste der Schatten Kaiser werden solle , war er ganz außer sich über dieses betrügerische Spiel und nahm sich vor , diese Hinterlist mit gleicher Münze zu bezahlen . Die Ultra-Taki werden also nicht das Geringste von dem erfahren , was die Friedfertigen und Regierungstreuen zu tun gesonnen sind . Der gegen sie gerichtete Schlag wird über sie kommen wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel . « » Und worin wird dieser Schlag bestehen ? « fragte ich . » Man wird kein Wort gegen den Kampf mit uns sprechen , sie aber im letzten Augenblick einfach sitzen lassen . Greifen sie uns dann trotzdem an , so geschieht ihnen , was sie verdienen . Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte ; über das Besondere sprechen wir später . Jetzt müssen wir fort , denn der Osten wird schon licht . « » Also nun der Proberitt ! Ich denke , es wird noch Niemand so schnell hinübergekommen sein , wie gegenwärtig wir . Reitet ihr voran ! « » Voran ? Warum ? « » Weil ihr mich sonst bald aus den Augen verlieren würdet ! « lachte ich . » Uebermut ! Willst du Kara ' s Barkh und sogar deinen Assil kränken ? « » Nein . Darum eben bitte ich Euch , eine Vorgabe anzunehmen . « » So sei es ! Aber ich sage dir : Wir wenden , um uns nicht einholen zu lassen , sogar das Geheimnis an , und dein Syrr hat ja keines ! « » Er braucht keins , weil er selbst Geheimnis ist . Macht los ! Ich steige nicht eher auf , als bis ich Euch nicht mehr sehen kann ; dann aber komme ich ! « Sie schwangen sich über die Bügel , nahmen gleichen Anlauf und ritten in die Ebene hinaus , westwärts , schneller , immer schneller , bis ich sie in fliegenden Galopp fallen sah . Syrr war verwundert . Er sah bald mich an , bald hob er den Kopf , um den Forteilenden nachzuwinden . Er warf ihn auf und nieder ; er schüttelte ihn . Er schnaubte ; er scharrte den Boden . Er wieherte endlich gar . Da streichelte ich ihn , und sofort wurde er vollständig ruhig . Aber er richtete die Augen unablässig nach vorwärts , wo die beiden Reiter immer kleiner und kleiner wurden . Nun verschwanden sie . Ich setzte den Fuß in den Bügel . Da drehte Syrr den Kopf herum und ließ jenen tiefen , fast grunzenden Baßton hören , dem man es deutlich anhört , daß er sagen soll : » Na , endlich , endlich , endlich ! Aber nun ! « Noch saß ich nicht fest , so flog ich schon . Ich brauchte nichts zu sagen ; ich brauchte nichts zu tun . Er wollte ja selbst , was er sollte ! Ein solcher Ritt läßt sich leider nicht beschreiben . Wenn ich die Augen schloß , war es mir , als ob ich nur so schwebe ! Schon nach einigen Minuten sah ich den Ustad und Kara wieder . Sie ritten noch beisammen . Ich näherte mich ihnen zusehends . Jetzt mußten sie sich umgeschaut und mich bemerkt haben , denn ich erkannte aus den Bewegungen ihrer Pferde , daß die Geheimnisse in Anwendung kamen . Da bog ich mich vor und berührte Syrrs Hals , leise streichelnd . » U - - u - - u ! « machte er und griff sodann in einer Weise aus , als ob die bisherige Schnelligkeit so viel wie nichts gewesen sei . Wir rückten vor , kamen näher , immer näher . Kara war schon zurückgeblieben , denn mein Assil war dem Barkh überlegen . Noch zehn Pferdelängen - - noch fünf , noch drei , noch eine - - Jetzt hatte ich ihn eingeholt und ritt neben ihm . » Ma ' assalami - - lebe wohl , Kara ! « lachte ich ihm zu . » Gieb dem Barkh doch das Geheimnis ! « » Ich gab es ja bereits ! « antwortete er . » So komm hübsch langsam nach ! « Syrr wieherte , als ob er diesen Scherz verstanden habe , in sich hinein , schnellte sich mit zwei , drei fast unbegreiflichen Sprüngen über Barkh hinaus , warf den Kopf für einen Augenblick herum , um zu sehen , ob er ihn auch wirklich überholt habe , und nahm dann nur noch Assil in die Augen . Dieser war ungefähr zwanzig Pferdelängen voran . » Sabah bil-cher - - guten Morgen ! « rief ich nun dem Ustad zu . » Mach schnell , sonst wird es Tag ! « Er antwortete nur , indem er den Arm in die Luft warf , denn etwas Anderes hätte den Lauf seines Pferdes leicht hemmen können . Dennoch wurden aus den zwanzig Längen fünfzehn - - zehn - - fünf - - zwei - - eine - - jetzt hatte ich ihn ! - - wieder einige federschnellende Sprünge meines Syrr - - da war ich voraus - - - » Gibst du zu , daß du bald weit hinter mir sein wirst ? « fragte ich . » Warum das ausdrücklich zugeben ? « antwortete er . » Weil ich dann innehalte . Ich möchte meinen Assil nicht kränken . Er schämt sich , wenn er überholt wird . « » Das ist brav von dir ! Ja , dein Syrr ist uns über , sogar weit über . Hemmen wir also den Lauf ! « Indem wir dies taten , holte uns Kara schnell ein . Da war es geradezu rührend , daß alle drei Pferde vor Freude darüber , daß sie nun wieder beisammen waren , laut aufwieherten , eines wie das andere , fast » wie aus einem Munde « , wie man zu sagen pflegt . Und nun sahen wir , wie unglaublich schnell uns dieses Proberennen vorwärts gebracht hatte : Die Ebene war zu Ende ; die Berge der Dschamikun lagen vor uns . Wir hatten nur noch hinunter in das Tal und drüben wieder hinaufzureiten , um an den Steinbruchweg und also heimzukommen . So leicht , so schnell kommt der Mensch vom Bösen auf das Gute , wenn er die Kräfte zu benutzen weiß , die ihn nach oben und heim zu tragen haben ! Wir konnten mit dem Resultate dieses Proberittes im höchsten Grade zufrieden sein . Hatten wir uns schon vorher nicht vor dem Rennen gefürchtet , so waren wir nun vollständig überzeugt , wenn nicht alle , so doch wenigstens die Haupttouren sicher zu gewinnen . Bei uns angekommen , sorgten wir zunächst für die herrlichen Tiere ; dann trennten wir uns . Ich ging sogleich schlafen und wachte erst am späten Morgen auf . Als Schakara mir das Frühstück brachte , sagte sie mir , daß noch während der Nacht ein Eilbote des Schah gekommen und dann mit der Antwort des Ustad wieder fortgeritten sei . Er habe sich absichtlich so gekleidet gehabt , daß Niemand erraten konnte , wer oder was er sei . Der Herrscher hatte nichts weiter als den Befehl geschickt , womöglich Blutvergießen zu vermeiden . Der Ustad war erfreut gewesen , bei dieser Gelegenheit dem Schah zunächst das von dem Aschyk erhaltene Verzeichnis und sodann auch die heut Nacht erlangten beiden Kaiserdokumente senden zu können . Damit waren der Scheik ul Islam und Ahriman Mirza ein für allemal vernichtet . Und zugleich hatte er auch ein Gnadengesuch für den Aschyk beigelegt . Ich dachte , als ich dies hörte , an seinen Ausspruch , daß der Aschyk ein prachtvoller Mensch geworden sei . Er hatte sich hierüber nicht weiter geäußert ; nun aber erfuhr ich von Schakara , daß der Aschyk sich Ibn el Idrak freiwillig zur Verfügung gestellt und eine gradezu erstaunliche Geschicklichkeit und Ausdauer entwickelt habe , die Taki zu überzeugen , daß man durch lichtscheuen Ungehorsam gegen den Schah nichts als den eigenen Untergang erreiche . Uebrigens sei der Ustad der Meinung , daß die dortigen Ultra ' s den Mut nicht haben würden , den sie zeigten , wenn sich nicht grad jetzt der Scheik ul Islam , der Mirza und die Gul-i-Schiras bei ihnen befänden , in deren Interesse es liege , diese Leute in ihrem stupiden Fanatismus zu bestärken . Ich war noch nicht draußen auf meinem Freidache gewesen . Jetzt bat mich Schakara , mit ihr hinauszukommen , weil sie mir Interessantes zu zeigen habe . Sie meinte da zunächst ein großes , herrschaftliches Zelt , welches , schon fast fertig , drüben in den Ruinen errichtet worden war . Nicht weit davon sah ich andere Leute beschäftigt , ein zweites , auch großes , aber nicht so prächtiges herzustellen ? Auf meine Frage , für wen diese beiden Zelte seien , antwortete sie : » Das so schön ausgeschmückte ist für die Gul-i- bestimmt . Sie handelt da jedenfalls im Auftrage des Ahriman Mirza , der hierdurch der Besetzung der Ruinen durch die Taki vorauskommen will . Ihre Leute kamen schon kurz nach Tagesanbruch hier an , um den Bau sogleich zu beginnen . Der Scheik ul Islam scheint so etwas gewußt oder wenigstens geahnt zu haben , denn er hat sich beeilt , auf diesen Schachzug einen ähnlichen zu tun . Seine Diener kamen mit dem zweiten Zelte , und wie du siehst , wird sich nun die himmlische Tugend eng neben dem irdischen Laster niederlassen , und zwar beide , ohne uns vorher um unsere Ansicht hierüber gefragt zu haben . « » Will das der Ustad dulden ? « » Er wartet noch . Kommt seine Zeit , so wird er zu handeln wissen . Und nun schau dort hinaus , jenseits des Sees ! Da baut man ein drittes , großes Zelt .