mir aber , warum ? « » Du ahnst es wahrscheinlich nicht ; aber diese Sachen sind , außer für diesen Andern , wohl eigentlich unberührbar . Ich vermute , daß er sie außerordentlich wert , ja heilig hält . « Sie sah mich nachdenklich an , trat dann ganz nahe zu mir her und sagte : » Das ist wahrscheinlich richtig . Ich will es dir mitteilen , weil mir nicht verboten wurde , davon zu sprechen . Diese und noch einige andere Sachen sind in einer kleinen Lade wohl verwahrt . Es giebt einen Tag , einen einzigen Tag im Jahre , an dem der Ustad diese Lade aufschließt . Da deckt er sich den Tisch mit eigener Hand , ganz so , wie ich es hier gemacht habe . Ich bringe ihm die Speisen selbst hinauf . Ich sehe einen fränkischen Stuhl vor dem fränkischen Tisch ; aber der Ustad sitzt noch nicht . Er steht mit gefalteten Händen am Fenster und schaut so unverwandt , wie innerlich betend , zu unserem lieben Beit-y-Chodeh hinüber . Er trägt an diesem Tage ein ganz altes , härenes Gewand , welches auch in dieser Lade liegt und hinten einen Baschlyk156 hat . Ein ebenso alter Strick schlingt sich um seine Lenden , und um den Hals hat er eine Perlenschnur , an welcher ein kleines Bild hängt ; was für eines , das weiß ich nicht . Er ißt erst dann , wenn ich wieder gegangen bin . Er ist an diesem Tage noch ernster und noch stiller , als zu jeder andern Zeit . Niemand darf ihn stören , außer ich , wenn ich ihm das Essen bringe . Aber früh , am Morgen , kommt er herab und teilt an alle , die im hohen Hause wohnen , kleine , freundliche Geschenke aus , die er während des Jahres mit eigenen Händen für sie gefertigt hat . Begreifst du das ? « » Wenn du mir den Tag nennen kannst , so ist es möglich , daß ich es verstehe . « » Ich habe ihn mir gar wohl gemerkt , und es ist für mich sehr leicht , ihn nicht zu vergessen , weil er mein Geburtstag ist . « » Vielleicht ist es auch der seinige ? « » O nein . Das weiß ich ganz genau . « » Woher ? « » Er selbst hat es mir gesagt . Ich habe bisher darüber geschwiegen , weil es so eigen , so geheimnisvoll klang ; dir aber möchte ich es erzählen , grad dir . « » Warum mir , liebe Pekala ? « » Weil er heut für dich jene Lade , die er so heilig hält , geöffnet hat . Er ließ mich zu sich kommen . Er hatte alle diese Sachen für dich bereit gelegt und übergab sie mir mit der Weisung , dich hier mit ihnen zu bedienen , sie aber von niemandem , höchstens noch von unserm Kinde , berühren zu lassen . Das habe ich gethan . Kein Mensch hat sie gesehen . « » Sagte er noch sonst etwas hierüber ? « » Ja . Fast ganz dasselbe , was er mir damals sagte . Ich will es dir erzählen . Tifl , steig vom Baume herab . Leg die Birnen her , und geh vor an den Weg ! Es soll uns niemand stören . « Er gehorchte gleich , denn er hatte alles gehört und sah also ein , weshalb er fortgeschickt wurde . Als er gegangen war , berichtete sie : » Es war an diesem Tage . Der Ustad hatte mich reicher beschenkt als die andern , weil er wußte , daß mein Geburtstag sei . Als es gegen Abend dunkelte , ging ich hinauf zu ihm , um die Reste der Mahlzeiten zu holen . Du wirst gesehen haben , daß vor seinem Gemache ein Schahnischin157 ist . Da saß er auf dem fränkischen Stuhle , was er sonst niemals thut , und las in einem Buche , obgleich es auch da draußen schon fast dunkel war . Als er mich hörte , kam er herein , um das Licht anzuzünden . Ich hatte mich so sehr gefreut und sagte ihm noch einmal für die heutigen Geschenke Dank . Da schaute er im Dämmerschein der kleinen Kerze von so hoch zu mir hernieder , legte mir die Hand auf den Kopf und sprach : Der Eine giebt ; der Andere nimmt . Der Eine stirbt ; der Andere wird geboren . Wenn die Menschen doch wüßten , daß jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des Sterbens ist ! Mein Sterbetag war heute ! « Sie schwieg und wendete sich halb von mir ab , indem sie mit der Hand nach ihren Augen griff . Als sie sich wieder herumdrehte , sah ich die Feuchtigkeit der Thräne noch , die sie hatte entfernen wollen . Dann fuhr sie fort : » Ich weiß nicht , wie es kam , ich mußte weinen , als ich diese seine Worte hörte . Und indem ich weinte , sprach er sie noch einmal , als ob ich sie ja nie vergessen solle : Der Eine giebt ; der Andere nimmt . Der Eine stirbt ; der Andere wird geboren . Wenn die Menschen doch wüßten , daß jeder Geburtstag auch zugleich ein Tag des Sterbens ist ! Mein Sterbetag war heute ! « Die gute Pekala hatte diese Wiederholung nur schwer zu Ende gebracht . Jetzt hob sie die Falten ihres Schleiers zum Gesicht empor , um es darin zu verbergen , und weinte , leise schluchzend , vor sich hin . Wie kam es doch , daß auch mir die Augen feucht wurden ? Es giebt Worte , welche , mögen sie gesprochen werden , wann und wo es auch sei , sich so tief in das Herz des fühlenden Menschen senken , daß er sich ihrer Wirkung nicht entziehen kann . » Du hast dir das sehr gut gemerkt , liebe Pekala , « sagte ich , um sie von ihrem Schmerze abzulenken . Sie strich die Thränen fort , ließ den Schleier wieder nieder und antwortete : » Ich bin dann sogleich draußen vor seiner Thür stehen geblieben und habe die Worte auswendig gelernt , um sie niemals zu vergessen . « » War das alles , was er sagte ? « » Alles ! Aber war das nicht genug , mehr als genug , Effendi ? Muß es nicht fürchterlich für einen Menschen sein , zu wissen , an welchem Tage er sterben werde ? « » Noch ganz anders ist es , wenn ein Mensch weiß , daß er gestorben ist ! « » Das ist unmöglich . Kann er denn leben und doch wissen , daß er tot sei ? Aber daß es Leute giebt , welche ihren Sterbetag voraus wissen , das habe ich schon oft gehört . « » Kein Mensch kann ihn wissen , kein einziger , außer er will zum Selbstmörder werden . Gott hat sich die Bestimmung dieses Tages vorbehalten und wird entweder in seiner Güte oder in seiner Gerechtigkeit die Entscheidung treffen . « » Aber der Ustad weiß ja doch den seinen ! « » Nein , auch er nicht ! « » Hast du nicht soeben seine eigenen Worte gehört ? « » Du deutest sie falsch . Du hast das Wörtchen war mit dem Wörtchen ist verwechselt . « » Das verstehe ich nicht , Effendi . « » Denke nach , und erinnere dich genau ! Hat er gesagt : Mein Sterbetag war heute . Oder sagte er : Mein Sterbetag ist heute . War oder ist ? Hierauf kommt es an . « » Ich weiß es : war heute ; so sagte er . « » Also hat er nicht ein zukünftiges sondern ein schon vergangenes Sterben gemeint . Es ist das ein tiefes , tiefes Wort von ihm gewesen , und ich wundere mich nicht darüber , daß du dich in seiner Deutung irrtest . « » Also meinte er , daß er schon gestorben sei ? « » Ja . « » So war sein Wort ein Rätsel ! « » Allerdings . « » Wer kann es lösen ? Ich nicht ! « » Ich auch nicht . Kein anderer Mensch kann es lösen , als nur er allein . Wem der Tod oder vielmehr das Sterben überhaupt ein Rätsel ist , dem wird der wahre Todestag , die eigentliche , wirkliche Zeit des Sterbens , ganz gewiß erst recht verborgen bleiben . Es giebt nur wenige , sehr wenige Menschenkinder , welche wissen , warum und wo und wie und wann man stirbt . Man kann körperlich leben und geistig oder seelisch doch gestorben sein . Und wie das Eine möglich ist , so auch das Andere . Auch Isa Ben Marryam , den wir den Heiland nennen , verlangt vom Menschen , daß er neu geboren werde . Wer hat da aber zu sterben ? Die Bibel antwortet : Der alte Adam . Wer ist das ? Du siehst also , daß die christliche Religion ein Sterben und Geborenwerden mitten in diesem unsern gegenwärtigen Leben von uns fordert . Hierin liegt eine der verschiedenen Weisen , in denen das Rätsel des Ustad gelöst werden kann . Für ihn ist es schon längst kein Rätsel mehr . Denn wer da weiß , daß er gestorben ist , und sogar den Tag genau kennt , an welchem es geschah , der schaut nicht mehr in ein trügerisches Dämmerlicht , sondern vor seinen Augen liegt der helle Tag in seliger Klarheit ausgebreitet . « Ich hatte mich an den Tisch gesetzt und zu Messer und Gabel gegriffen ; da erscholl vom Rande der Lichtung her die Stimme » unseres Kindes « : » Der Ustad kommt . Ich trete auf die Seite . « Er zog sich hinter die Bäume zurück . Ich wollte wieder aufstehen , aber Pekala bat mich : » Thu nicht , als ob du es weißt ! Er wird sich gewiß freuen , dich essen zu sehen . « Da begann ich denn , zuzulangen . Tifl hatte ihn gewiß schon von weitem bemerkt , denn es dauerte längere Zeit , ehe er erschien . Nun , als er auf die Lichtung trat , legte ich das Besteck natürlich wieder weg . So , wie jetzt er , war wohl auch Abraham einst einhergeschritten , wenn er im Haine Mamra wandeln ging . Und seine Gäste hatten ihm in solcher Ehrfurcht entgegengesehen , wie ich sie fühlte , als dieser Patriarch der Kurden sich mir näherte . Aus seinen Augen schaute mich die Seelengüte an , und mir war es , als ob ich meine Arme um ihn schlagen müsse , um ihm zu sagen , daß ich ihn nie , niemals verlassen möchte . Ich wollte sprechen , um ihm zu danken . Er sah das und veranlaßte mich durch eine kleine , stille Handbewegung , dies nicht zu thun . Sein Blick überflog den Tisch und blieb auf der unbenutzten Serviette haften . Dann sah er mich mit einem lieben , lieben Blicke an . Er hatte mich durchschaut . » Es war eine Segenshand , die dieses Speisetuch mit vielen , vielen Stichen für mich säumte , « sagte er . » Es war am Tage , da ich einstens starb , da schenkte sie es mir . Nun nehme ich es in die meinige von Jahr zu Jahr , wenn ich das stumme Gedächtnismahl des eigenen Todes halte . Warum steht heut derselbe Tisch für dich gedeckt ? Ich liebe dich und habe dich erkannt . Du bist derselbe , der ich einstens war , in jener Zeit , da ich noch suchen ging . Es lebt der Geist in dir , der damals mich verführte , ihn für den Geist des Weltenalls zu halten . Und doch ist ' s nur der Geist der armen , kleinen Erde , der seinen Menschen vorgelogen hat , er sei der Allmächtige , der den ganzen , unendlich weiten Himmel nur allein für sie geschaffen habe . Du wirst wie ich aus diesem Himmel herabgerissen werden , der weder ihm noch dir gehört , wenn du ihm weiterfolgst . Du wirst da unten liegen , so wie einst ich am Boden lag - - ein stillgewordener Acker Gottes , über den des Todes Pflugschar gehen muß , damit er zubereitet sei , wenn der Säemann kommt , den man das Leid der Erde nennt . Da wird der Pflug aus deinem Herzen reißen , was jener Erdengeist hineingepflanzt . Und wenn er seine letzte , tiefste Furche zieht und dir die stärkste Wurzel aus dem Herzen zerrt , dann mache dich bereit : Es naht dein - - - Sterbetag ! « Sein Auge ruhte nicht auf mir . Er hatte vor sich hin , wie in weite Ferne geschaut , als ob er das alles sehe , was er sagte . Nun hob er den Blick zu den Baumkronen empor , deren Zweige und Nadeln im Sonnenstrahle goldgerändert zitterten . Ein milder Farbenschein , wie durch eine rosig angehauchte Lichtglocke geworfen , überflutete sein Angesicht . » Dann naht der Säemann und giebt den Furchen neues Leben , « fuhr er fort . » Du wirst ihm stillehalten müssen , so wie auch ich ihm stillehielt . Die Egge schmerzt ; die Stacheln reißen Wunden . Doch darfst du sie nicht achten . So viele ihrer seien , aus jeder sproßt und grünt es froh zum Himmel auf , damit der stillgewordene Acker Gottes dereinst zum reichen Erntefelde werde . Das meine liegt im wilden Kurdistan . Umringt von Feinden , die mich hassen , neiden ! Die Berge tragen meine Einsamkeit ; sie sind mit ihr mein Schutz , der nimmer wankt . Wo aber , fragst du wird das deine liegen ? ! « Jetzt senkte er den Blick zu mir nieder und sah mir lächelnd ins Gesicht . Seine Hand legte sich auf mein Haupt und glitt dann leise , fast zärtlich an der Wange nieder . Dann sprach er weiter : » Wo es liegt ? Du weißt es nicht , und doch hab ' ich ' s von dir erfahren . Ich stand an deinem Lager . Kein Mensch war da , als ich und meine beiden Kranken . Du lagst besinnungslos , doch sprachst du mit dir selbst . Da lernte ich dich kennen . Da hörte ich zwar dich , doch auch den Geist , der einst der meine war . Dann klangen liebe Worte , die Worte deiner Seele . Du ahnst wohl nicht , wie mächtig Seelen sind ! Sie wird den Geist bezwingen , wie einst der meine ihn bezwang . Was ich dir sage , das ist , als hätte sie es gesagt ! Dein Erntefeld liegt fern von diesem meinem Lande . Es ist ein anderes , als das meinige . Ich sehe Thäler und ich sehe Berge . Auch dir ist , so wie mir , die Ebene gram . Drum mache es so wie ich : Such auf den Bergen Schutz , und steige nie zur Fläche nieder , auf der die dunklen Zelte deiner Feinde stehen . Geh in die hehre Einsamkeit , wie ich , und sei , wenn dir ein Gegner naht , so stumm , wie ich es heut zu meinen Feinden war . Auch dir lebt ein Pedehr , der gern es übernimmt , den Feiertag , den du zu leben hast , vom Schmutz des Werkeltages zu befreien ! « Er griff jetzt nach der Serviette , gab sie mir und sagte : » Du dachtest zart . Ich danke dir dafür . Doch sei mein Gast an meinem Sterbetag ! Nimm dieses Tuch getrost ! Es ist für mich ein großes Heiligtum . Die mir es gab , sie stand an meiner Seite , als ich im Sterben lag . Die letzte , tiefste Furche ging durch mich . Da bäumte ich mich auf . Ich wollte meinem Leiden nicht gehorchen . Sie aber sagte mir ein großes Wort , ein Wort , so groß , daß es die ganze Welt umfaßt . Da brach ich wieder nieder , um ganz in meiner Kleinheit zu verschwinden . Und als ich dann , nach langer , langer Zeit , als Auferstandener kam , um ihr zu danken , da sagte sie , sie habe mir zu danken , weil sie in mir zum zweiten Male auferstanden sei . Wirst du wohl ihren Namen nun erraten ? Er ist auch dir von Herzen lieb geworden . « » Unsere Marah Durimeh ! « Dieser Name flog förmlich aus meinem Munde . Es konnte ja keine andere sein als sie ! » Ja , sie , die Einzige ! « sagte er . » Denk , daß sie hier an deiner Seite sitze und dir erzähle von jemand , dem nichts erspart geblieben ist von allem , was die Erde Schlimmes bietet , und der nur durch das Schweigen jenen Sieg errang , mit dem man nicht den Feind allein , nein , auch sich selbst bezwingt . Denn merke wohl : Dein größter Feind bist du . Um ihn versammelt sich der andern ganze Schaar . Sie steht und fällt mit ihm . Er ist ' s , der fallen muß in deiner Sterbestunde . Für den , der dann , von dir befreit , das andere Leben lebt , giebt es dann nur noch Menschen , im schlimmsten Fall beklagenswerte Thoren , doch Feinde , Feinde nie ! « Hierauf legte er mir die Hand auf die Brust und sprach in warmem , bittendem Tone : » Laß dein Herz so ruhig schlagen , wie das meine schlägt ! Wenn es aufbegehren will , so gebiete ihm Schweigen ! Betrachte die Menschen so , als ob du bereits gestorben seist und von ihnen nicht mehr erreicht werden könntest ! Es gehöre ihnen von allem , was du bist und was du hast , nichts , nichts , als nur allein die Liebe ! « Er ging hierauf wieder fort . Welch ein Mensch ! Solche Charaktere können wohl nur in der Einsamkeit der Berge reifen ! Aber glücklicherweise ragen Berge überall . Warum sollen es immer nur geographische Höhen sein ? Giebt es nicht auch noch andere Alpen , auf denen man sich ein » hohes Haus « erbauen und ein » Beit-y-Chodeh « errichten kann ? Redet nicht auch die heilige Schrift von solchen Bergen ? Sagt nicht der Psalmist , daß von ihnen seine Hilfe komme ? An was für Berge dachte ich wohl , als ich vor Jahren , im Notizbuche Reiseeindrücke festhaltend , auch folgende Zeilen niederschrieb : » Schon weicht die Fläche hinter mir ; Die Ebene beginnt , zu steigen . So naht das Herz , Jehovah , dir , Wenn hinter ihm die Zweifel weichen . Mir ist , als ob am Horizont Ich Bergesspitzen leuchten sähe . So reinigt , läutert , wärmt und sonnt Die Seele sich in Himmelsnähe . Hinauf , hinauf ! Ich raste nicht . Ich will und will nicht unten bleiben . Mein frömmstes , seligstes Gedicht Will ich beim Glühn der Alpen schreiben . Das werde ich dann heimlich , still In einem Kirchlein niederlegen . Vielleicht gereicht ' s , so Gott es will , Dem , der es findet , einst zum Segen ! « Unsere gute Pekala hatte sich , als der Ustad kam , bescheiden vom Tische zurückgezogen . Nun , als er fort war , kam sie wieder , um von neuem ihres Amtes zu walten . Die Entfernung war allerdings keine große gewesen . Darum hatte sie Verschiedenes von dem , was gesprochen worden war , gehört . Das zeigte sich durch die Frage , welche sie sogleich an mich richtete : » Nicht wahr , ich hatte mit dem Sterbetage recht , Effendi ? Er sprach doch auch mit dir davon . « » Ja ; aber da wirst du mir eine Bitte zu erfüllen haben , liebe Pekala . « » Sehr gern ! Welche ? « » Denke nicht zu oft und zu viel über den deinigen nach ! Und sei schweigsam über das , was du hier vernommen hast ! Wenn man von so etwas redet , muß man es verstanden haben . « » Das habe ich freilich nicht . Es war zu schwer für mich . « » Trotzdem du dich eine Kizfeilesuf genannt hast ? « scherzte ich . » Das bin ich auch . Aber es hat jeder Mensch seinen eigenen Feilesufluk158 , den der andere nicht begreift . Der meinige wächst in der Küche und sagt mir jeden Tag , daß alle Menschen essen müssen . Darum setze dich nun wieder nieder , und laß mich die Freude erleben , daß es dir schmeckt ! « » Das wird nun wohl nicht so werden , wie du wünschest . Ich bitte dich , noch einige Zeit Geduld zu haben . « » Warum , Effendi ? Willst du nun etwa gar nicht essen ? « » Nicht sogleich . Ich möchte nachdenken . Geh mit deinem Tifl ein Stündchen spazieren , und komm dann wieder ! « » Wie schade ! Das ist es ja eben , was mein Feilesufluk nicht begreifen kann ! Wenn gelehrte Männer in den Sattel ihres Geistes steigen , um in seinem Reiche herumzugaloppieren , da lassen sie ihn hungern . Sie sagen , sie können nicht essen , wenn sie denken . Was wird er da wohl für Sprünge mit ihnen machen können ! Gieb ihm Futter , Effendi , viel Futter ! Wenn du das thust , dann wirst du erst bemerken und an dir selbst erfahren , was ich , eure Pekala , unter Nachdenken verstehe ! Was soll aus dir werden ? Die Seele hat keinen Platz ; der Geist muß darben , und der Körper darf nicht essen . Du gehst mir ja zu Grunde ! Wozu bin ich denn mit meiner schönen , großen Küche da ? Doch dazu , daß alles , was ich mache , aufgegessen wird ! Doch will ich nicht zanken , denn ich sehe , daß es dir wehe thut . Ich gehe ! « Wehe thun ? Das nun freilich nicht ! Sie deutete meine Bemühungen , das Lachen zu unterdrücken , falsch . Es waren nur wenige Schritte , welche sie that ; dann blieb sie stehen , sah auf die Erde nieder , kam wieder zurück , ganz nahe an mich heran und sagte halblaut , damit Tifl , der sich nun wieder auf der Lichtung befand , es nicht hören möge : » Weißt du , was ich mir über unsern Ustad ausgesonnen habe ? Während er mit dir sprach , kam es mir in den Kopf . « » Was ? « » Es liegt ein Geheimnis über ihm , und ich habe etwas davon entdeckt . Er kann alles ; er weiß alles . Er kennt das ganze Morgen- und wohl auch sehr viel vom Abendlande . Er hat sehr , sehr viele Bücher in abendländischer Schrift . Ich glaube , daß er früher dort gewesen ist , um alles , was man dort lernen kann , sich anzueignen . Da hat er auch an solchen Tischen , wie dieser ist , gegessen . Er kehrte in die Heimat zurück . Dann starb etwas in ihm ; denn in dieser Weise meint er es doch , wenn er von seinem Tode spricht . Das Gedeck hier ist ein Andenken an diesen seinen Toten , und darum hebt er es so heilig auf und sucht es an jedem Sterbetag hervor . Was sagst du dazu ? Ob ich wohl recht habe ? « » Pekala , du hast ein kluges Köpfchen ! « » Nichts weiter ? Das habe ich längst gewußt ! Aber es freut mich , daß auch du es nun erfahren hast . Jetzt gehe ich wirklich ! « Und sie ging auch wirklich ; Tifl mit . Ich war allein . Ueber mir schlug ein persischer Ispinos159 . Er sprang von Zweig zu Zweig , immer weiter herab . Ich warf ihm Brocken hin , und er kam bis an den Tisch heran , um sie zu nehmen . Seine hellen Augen waren ohne Furcht auf mich gerichtet . Warum läßt die sogenannte unvernünftige Kreatur sich von der Güte locken ? Warum lacht nur der Mensch über den , der selbstlos alle liebt ? Oder ist das nicht der Mensch überhaupt , sondern nur der Menschengeist , der raffinierende Teil der » Schöpfungskrone « ? Wie glücklich dann die niederen Geschöpfe , von denen man behauptet , daß sie keinen » Geist « besitzen ! Was versteht das gesellschaftliche Tier , Mensch genannt , denn eigentlich unter » Liebe « ? Wenn die Hassenden sich zusammenrotten , damit Liga gegen Liga , Konfession gegen Konfession , Fraktion gegen Fraktion aufeinanderplatze , so behaupten auch sie , in Liebe verbunden zu sein . Eine Liebe aber , welche hassen kann , giebt es einfach nicht ! In ganz derselben Weise belieb- und zugleich behaßäugeln sich die Völker ebenso wie auch die einzelnen Individuen . Wer aber wahre Liebe bringt oder brachte , die vor allen Dingen und zunächst nach Frieden strebt , der wurde stets und wird noch heute an das liebe Kreuz geschlagen . Und dabei behauptet jede Partei , daß sie allein es sei , die den Frieden wolle ! Natürlich aber behält sie sich stillschweigend vor , daß er nur zu ihrem Vorteil abzuschließen sei ! Ist das denn Frieden ? Nein , sondern neuer Grund zum Kampfe ! Das Weltmeer kann nicht ruhig sein . Es ist eine den Winden preisgegebene , willenlose Flüssigkeit . Aber muß denn die Menschheit mit ihren anderthalbtausend Millionen bewußter und denkender Intelligenzen sich ebenso in stetem Wogengange befinden ? Muß der hochbegabte , seiner Verantwortlichkeit sich sehr wohl bewußte Mensch , sobald sein Nachbar wellt , sofort auch Wellen schlagen und sie weitergeben ? Giebt es keinen Halt auf weiter See ? Kein festes Land ? Und muß auch jedes der vorhin gezählten kleinen , winzigen Binnenwässerlein gleich lächerlich hohe Brandung schlagen , wenn vom Andern her ein Lufthauch es berührt ? Kennt denn niemand jene Wunderhand , die damals , als auf dem See Genezareth der Ruf » Herr , wir verderben « erscholl , den Elementen sofort Ruhe gab ? Weiß man nur in seinem Namen , aber nicht in seinem Geiste zu handeln ? Erheben sich nicht augenblicklich tausend Wogen ringsumher , wenn es einmal eine freundliche Herzenswelle wagt , sich von dem allgemeinen Strom zu trennen ? Wie manche solche Welle , die nach den Gärten und Feldern des Ufers fließen wollte , um sie zu befruchten , ist von den dunkeln Fluten , auf deren Grund die schwere , stählerne Schlepperkette ruht , mit fortgerissen worden ! Aber droben auf den Bergen , da liegen sie , in tiefer Einsamkeit , vom hohen Forst beschützt , die immer klaren Wasserspiegel . Von unentweihten Quellen gespeist , fließen sie über von Heil und Segen für jedermann , der von dem sumpf- und fieberreichen Strome aufwärts nach seinem Ursprung wandert . Anstatt Menschenrecht herrscht hier noch Gottesrecht . Die holde Fee der Menschheitskinderzeit geht liebreich wandeln von Haus zu Haus . Des Edens fromme Sage wird beim Scheine des brennenden Spanes an jedem Herd erzählt , und wenn die Ahne im lauschenden Kreise der Enkel eine mit ihr altgewordene Mähr erzählt , so hebt sie wohl mit den Worten an : » Als wir noch Kinder waren . « Sie weiß ja nicht , daß sie stets Kind geblieben ist ! So sitzt nach vollbrachtem Tagewerke oft auch die gute Pekala mit » ihrem Kind « auf jener Bank im Garten , wo ich von beiden als Pflaumendieb überfallen wurde . Was mag sie ihm erzählen , die ebenso Kind wie er geblieben ist ? Hat doch der Ustad es erreicht , seine früher unbotmäßigen Dschamikun in wohlerzogene , dankbare Kinder zu verwandeln ! Mit welchen Mitteln hat er das fertig gebracht ? Mit Hilfe jener Fee , welche keine Gewaltthat kennt und doch alle Menschen zwingt : sie heißt - - die Güte ! Aber mit welchen andern Mächten mag er gerungen haben , um sie in sich abzutöten , ehe er den Weg nach diesen seinen Bergen fand ! Es sei ihm nichts , gar nichts erspart geblieben , sagte er . Nun aber war es glücklich überwunden . Warum geben unsere Dichter solchen Lebenskämpfen fast immer einen tragischen Schluß ? Kennen sie unsern Herrgott nicht ? Die Erdenbühne , für welche er seine Gestalten schafft und , wie es scheint , nach freiem Willen handeln läßt , kennt die Tragik nur als kurze Episode . So ist auch das , was der befangene Mensch für ein Lustspiel , einen Schwank oder gar für eine Farce hält , nichts weiter , als eine vom Schauspieler eigenmächtig extemporierte Scene , welche der unbestechliche Regisseur sehr bald zu rügen weiß . Auf dieser Bühne geht niemand tragisch unter . Wer in dem einen Akt am Boden zu liegen scheint , darf sich im nächsten zum neuen Kampf erheben . Und wenn für ihn nach endlich errungenem Siege die letzte Erdenscene kommt , so hält der Dichter selbst den Kranz für ihn bereit . Ich saß hier - um mich des Bühnenjargon zu bedienen - vor den pietätvoll aufbewahrten Requisiten mir unbekannter Leidensscenen . Warum war es grad mir erlaubt , sie zu berühren ? Weil ich Marah Durimeh kannte ? Weil der Ustad Grund zu haben glaubte , anzunehmen , daß ich