armen Kindes « zu sprechen . Graf Benno und die Gräfin suchten die wunderlich aufgeregte Dame zu beruhigen , und auch Kitty versicherte immer wieder , daß sie siech wohl fühle , und daß ihr nicht das geringste fehle . Aber täglich entdeckte Gundi Kleesberg an dem » armen Kind « ein neues Anzeichen , das den Ausbruch einer schweren Krankheit befürchten ließ . Hoch und teuer schwor sie , daß es ihre heilige Pflicht wäre , dem » drohenden Unglück « vorzubeugen . Schließlich gelang es ihr wirklich , mit ihrer Sorge auch Graf Benno und die Gräfin anzustecken . Dem ruhigen Naturell der beiden war jede übertriebene Ängstlichkeit fremd , aber sie konnten sich der Wahrnehmung nicht verschließen , daß Kittys Gesichtchen - obwohl gerade in diesen Wochen ihre Gestalt sich sichtlich entwickelte - von Tag zu Tag schmächtiger und blasser wurde , ihr Wesen immer stiller und gedrückter . Diesem seltsamen Widerspruch im » Habitus der Patientin « stand auch der alte , gutmütige Dorfarzt ratlos gegenüber , und er zog sich diplomatisch aus der Klemme , indem er die Berufung einer medizinischen Autorität als » empfehlenswert « bezeichnete . Gundi Kleesberg holte den Herrn Professor von der Bahn ab . Als sie mit ihm auf Schloß Eggeberg eintraf , zeigte sie bei aller schußligen Aufregung eine so zuversichtliche Miene , als hätte sie dem Professor Kittys Leidensgeschichte bereits geschildert und von ihm einen Rat gehört , der ihre Sorge verstummen machte . Und aufatmend nickte sie zu dem mit leisem Lächeln abgegebenen Votum des Professors : sofortige Luftveränderung , längerer Aufenthalt im südlichen Italien . Die ganze Nacht saß Gundi Kleesberg über dem schwierigen Brief an Graf Egge , und als das zustimmende Telegramm aus Hubertus eintraf , betrieb sie das Packen der Koffer mit einer Hast , die das ganze Schloß rebellierte . Die Reise begann . Doch sonderbar ! Seit Wochen hatte Tante Gundi sich in zärtlicher Sorge für Kitty und in ängstlichen , für das Wohl des » armen , kranken Kindes « bedachten Maßregeln erschöpft ; über diese » aus Gesundheitsrücksichten « unternommene Reise schien sie aber eine merkwürdige Ansicht zu haben . Die Fahrt entwickelte sich zu einer wahren Hetzjagd . Zuerst in einer Eisenbahntour bis Genua . Gleich am folgenden Tage wieder weiter mit dem Dampfer . Und obwohl die Fahrt so stürmisch war , daß Tante Gundi einen Anfall von Seekrankheit bekam und ein paar Ruhetage dringend nötig gehabt hätte , wurde in Neapel unverzüglich das nach Capri gehende Schiff bestiegen . Bei der Landung an der Marina Grande befand sich Gundi Kleesberg in einem Zustand so verstörter Ungeduld , daß Kitty , die bisher die ganze Hetze klaglos ertragen hatte , in Sorge zu fragen begann : » Aber Gundi ? Was hast du nur ? « » Ich freue mich , Kind , ich freue mich ! « Als man im Wagen saß und über die schöne Bergstraße emporfuhr , drückte die Kleesberg immer wieder Kittys Arm an ihre Brust und beteuerte : » Hier sollst du gesund werden , du mein armes Herzkind ! Ganz gesund ! Das schwör ich ! « Dabei guckte sie so erwartungsvoll über die Straße voraus und nach allen Seiten , als müßte sich mit jedem nächsten Moment ein wundersames Ereignis vollziehen . Diese hochgespannte , traumhafte Stimmung hielt an , bis Tante Gundi im Hotel Quisisana in die Federn sank . Doch am folgenden Morgen , als die Kleesberg von einem frühzeitig unternommenen Ausgang zu Kitty zurückkehrte , war ihre rosige Laune ins graue Widerspiel verwandelt . Sie schalt über den » wahnsinnigen « Professor , der sie und das » arme Kind « in diesen » von unangenehmen Menschen wimmelnden , meerumschlossenen steinernen Spucknapf « verbannt hätte . Von jedem kühlen Lüftchen behauptete sie , daß es den sicheren Tod brächte . Und als die linde Sonne kam , jammerte sie , daß man » zerschmelzen müsse in dieser afrikanischen Glut ! « Am liebsten wäre sie gleich wieder abgereist . Erst nach langem Zureden vermochte Kitty ein paar Ruhetage zu erwirken . Das gleiche sonderbare Launenspiel wiederholte sich nach der Ankunft in Sorrent : himmelhoch jauchzend , zu Tode betrübt . Zwischen den beiden Phasen lag eine von Gundi Kleesberg allein und geheim unternommene Wagenfahrt zur Cocumella , einer zwischen blühenden Orangengärten gelegenen Künstlerherberge . Als sie zurückkehrte , zappelte die Kleesberg atemlos in Kittys Zimmer und beteuerte : » Sei mir nicht böse , Kindchen , aber hier halt ich es nicht aus ! Keinen Tag ! Diese engen , trostlosen Mauergassen , dieser Schmutz , dieses Geschrei ! Das ist , um zu verzweifeln ! Ich hab ' s doch immer gesagt : Capri , Sorrent , das ist ein ganz unglaublicher Einfall ! Hätte man auf mich gehört , wir wären direkt nach Ravello gegangen ! Direkt ! « Kitty konnte sich zwar nicht erinnern , daß Gundi Kleesberg je einen solchen Vorschlag gemacht hätte ; aber sie ergab sich in Geduld und ließ sich am folgenden Morgen wieder in den Wagen packen . Müde traf man am Abend in Amalfi ein und ging bald zur Ruhe , um sich - wie Gundi sagte - » tüchtig auszuschlafen für den großen Tag « . Diese mystische Bezeichnung wurde nicht näher erklärt . Doch eine Stunde später , als Kitty schon in den weißen Kissen ruhte , kam die Kleesberg noch einmal zur Tür hereingeschlichen , umarmte Kitty mit stürmischer Zärtlichkeit und stammelte : » Morgen , mein liebes Kind ! Morgen ! Morgen ! « Die Nacht verging . Ein paarmal erwachte Kitty aus unruhigen Träumen , dann hörte sie aus der Tiefe herauf das Rauschen des Meeres , das melodische Geplätscher , mit dem die Wellen an die steinernen Dämme schlugen , und manchmal den verschwommenen Ruf eines Hafenwächters . Durch das offene Fenster leuchteten aus dem Stahlblau des Himmels ein paar Sterne herein , die lebhaft funkelten . Allmählich dämpfte sich ihr Feuer , der blaue Grund begann sich zu lichten , und der Morgen kam , strahlend in Schönheit , mit Glanz und Duft . Und da fuhren sie nun , während Amalfi und das Meer in der Tiefe langsam entschwanden , über die herrlichste aller Straßen empor , Gundi Kleesberg in neugespannter Erwartung , wie von einem Freudentaumel befallen , und Kitty versunken in genießendes Staunen und in ihre stillen Gedanken . Langsam stieg der Weg zwischen den niederen Mauern der Zitronengärten , eröffnete für Augenblicke eine wundersame Fernsicht über die im Duft des Morgens blauende Küste von Salerno und lenkte mit klimmenden Serpentinen in das stundenlange Tal von Atrani ein . Der Straße zu Füßen lagen wie ein grüner , welliger See die ununterbrochen aneinandergereihten Orangenhaine , deren Bäume zugleich mit den roten Früchten die weißen Blüten trugen , das weite Tal mit herbem Wohlgeruch erfüllend . Verstohlen lugten aus dem Grün die Dächer einzelner Villen hervor ; und über den höchsten Häusern , die wie weiße Punkte waren , schob sich ein Felshügel hinter dem andern hervor , immer ärmer an Grün , bis hinauf zu den kahlen Schrofen , mit denen der Mont ' Angelo seine wuchtige Zinne in den Himmel streckt . Da droben waren nur noch die beiden Kontraste zu sehen : blendendes Sonnenlicht und blau verschwommener Schatten . Im Wagen , der bei sachtem Trab der Pferde über die Straße emporrollte , war seit dem begeisterten Entzücken , in das die Kleesberg beim Anblick von Atrani ausgebrochen , keine Silbe mehr laut geworden . Kitty blickte mit trinkenden Augen über das schöne Tal , und in Tante Gundi schien , je mehr man sich der Höhe von Ravello näherte , um so merklicher jener Zustand der Unruhe wieder zu erwachen , der sie während der vergangenen Reisetage bei jeder Ankunft an einem neuen Ort befallen hatte . Aus solcher Stimmung fuhr sie einmal auf und atmete tief , weil sie den Wohlgeruch empfand , der die Luft erfüllte . » Ach , dieser Duft ! Orangenblüten und Myrte ! « Zärtlich legte sie den Arm um Kittys Schultern . » Denk ' nur , Kind , ich habe immer die Vorstellung , als wär ' ich in der Kirche und hätte ein geschmücktes Bräutlein vor den Altar zu führen . « Es zuckte schmerzlich um Kittys Mund . Der Wagen bog in die letzte , steile Serpentine ein , auf deren Höhe sich schon der Campanile von Ravello und die brüchigen Zinnen des maurischen Tores zeigten . Neben der Straße erhoben sich die Trümmer einer alten , aus gewaltigen Blöcken gefügten Festungsmauer , und hinter diesen Klötzen erschien eine Ruine mit geborstener Kuppel ; wirr verwobenes Schlinggewächs rankte sich um das graue Gemäuer , und leuchtend hingen die Blumen zwischen dem Grün . Gundi Kleesberg ließ den feuchten Blick über Tag und Höhe gleiten . » Wie schön ! Das alles hat Gott erschaffen , damit sich die Menschen ihres Lebens freuen möchten ! Aber das wollen die Schafsköpfe nicht erkennen ! Da zerstört der eine das Glück , das ihn der Himmel finden ließ , und der andere hat nicht den Mut , nach dem Geschenk zu greifen , das Gott ihm bietet , und macht sich elend fürs ganze Leben ! « Kitty sah verwundert auf . » Tante Gundi ? « » Ja , Kind ! Sieh mich nur an ! Mich altes , zweckloses Geschöpf ! Auch ich war einmal jung wie du ! Auch zu mir kam das Glück . Aber ich war zu feig , um es festzuhalten ! Und ich hätte , um meinem Leben Inhalt und Wert zu geben , nur ein einziges Wort zu sprechen brauchen - ein Wort , wie es dein Bruder Tas zu seinem Vater sprach ! « Blässe rann über Kittys Gesicht . » Und nun sieh mich an , Kind ! Mich mit meinen Runzeln unter der Schminke ! Mich ! Mit allem , was über ein Frauenherz kommen kann an Schmerz und Reue ! Nimm dir eine Warnung an mir ! Du bist jung , bist schön und so herzensgut ! Du verdienst das Glück . Wer weiß , ob es dir nicht begegnet bei deinem nächsten Schritt ? Wenn es vor dir steht und lächelt dich an mit treuen Augen , dann sei nicht feige Kind ! Greif zu mit beiden Händen ! Sage dir , daß das Glück alles andere aufwiegt , Name , Stellung , Besitz ! Sieh mich an , Kind ! Wie glücklich hätt ' ich werden können ! Und bei aller Reue liegt noch wie ein schwerer Stein der Vorwurf auf mir , daß ich durch meine Feigheit auch einen anderen fürs ganze Leben einsam machte . Einen herrlichen Menschen ! Ich bin ja viel zu bescheiden , um glauben zu können , daß ich ihm mehr geworden wäre als eine brave Frau , die ihm ein freundliches Haus geschaffen hätte - während er , der Begnadete , in seiner Kunst eine Stufe um die andere erstieg , bis zur Höhe des Ruhmes ! Wie glücklich wäre ich gewesen in meinem stillen Winkelchen ! Und hätte mit Stolz und Liebe zu ihm aufgeblickt - zu ihm , den alle Welt bewundert und verehrt ! « Erschrocken , von einer Ahnung durchzuckt , umklammerte Kitty Gundis Hand und stammelte : » Werner ? « Da hielt der Wagen auf der Piazza von Ravello . Aus der Kathedrale , deren Bronzetüren offen standen , tönte Gesang und Orgelspiel . Gundi Kleesberg hob wie eine Erwachende das Gesicht . » Hotel Palumbo ? « klang eine dünne Tenorstimme ; ein alter Mann , der eine schwarze Samtjacke trug und auch sonst wie ein verbummelter Maler aussah , trat an den Wagenschlag und war den Damen beim Aussteigen behilflich . Bei aller Erregung hatte Gundi Kleesberg doch einen staunenden Blick für die auffallende Reinlichkeit , die im Hofraum und Foyer der Pension Palumbo herrschte ; das Wunder klärte sich auf , als die Padrona erschien , um die Damen zu begrüßen - eine deutsche Frau . Sie führte ihre Gäste in einen Seitentrakt des Hauses ; alle Wendungen der Treppe waren durch nette Vorhänge abgeschlossen , und der Korridor mit seinen klaren Fenstern spiegelte von Sauberkeit . An einem Zimmer , in dem ein Mädchen Ordnung machte , stand die Tür offen - und Gundi Kleesberg geriet in wunderlichen Aufruhr , als sie in dem Raum verschiedene Malgeräte gewahrte , eine Staffelei und mehrere mit Leinwand überspannte Rahmen . » Nur schnell , Kind ! Schnell ! « stammelte sie , als die Padrona für Kitty ein allerliebstes Zimmerchen öffnete , mit Möbeln aus Olivenholz und mit Gardinen aus weißem Leinenplüsch . » Ich werde in fünf Minuten fertig sein ! « Sie faßte den Arm der Padrona . » Kommen Sie , liebe Frau , ich bitte , kommen Sie , ich habe mit Ihnen zu sprechen . « Kitty hatte ihr Zimmer betreten . Der kleine freundliche Raum heimelte sie an und erinnerte sie an ihr Stübchen in Hubertus . Am offenen Fenster , durch das der Blick über grünes Rebengelände hinunterglitt in das Tal von Minori und auf das ferne Meer , ließ sie sich in einen Lehnstuhl sinken und preßte die Hände über die glühenden Wangen . Ohne den leisen Wechsel der beiden aus dem Nebenzimmer klingenden Frauenstimmen zu hören , war sie versunken in ziellose Gedanken , befangen von einer Stimmung , deren rätselhafte Art sie sich selbst nicht zu erklären wußte . Und dann ging die Tür auf , und Gundi Kleesberg stand vor ihr , halb erschrocken und halb empört . » Um Gottes willen , Kind ! Was hast du denn getrieben die ganze Zeit ? Eine Viertelstunde fast ! Da soll sie fertig sein und sitzt noch immer in Hut und Mantel ! « Sie griff wie eine flinke Kammerjungfer zu , um Kitty behilflich zu sein . » Nur schnell , Kind ! Schnell ! Wir haben keine Zeit zu verlieren . Wir müssen zum Palazzo Rufalo . Das ist das erste . Das wichtigste ! Alles andere wird sich finden . Komm nur ! Komm ! « Aus einer Blumenvase zerrte sie drei schöne Rosen . Kitty wehrte : » Du weißt , ich trage keine Blumen . « » Doch , Kind ! Nimm sie nur ! Heute ! « Wie sonderbar Gundi Kleesberg dieses Wort betonte ! » Heut ! Ich dulde nicht , daß du so gehst , in diesem unfreundlichen Schwarz ! Nimm die Rosen ! Ich bitte dich ! « Sie setzte ihren Willen durch . Und dann rückte sie an Kittys Hut , nestelte am Schleier und an den Falten des Kleides , als stünde die Komtesse vor der Fahrt zu ihrem ersten Hofball . Die letzte Prüfung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus . » So , jetzt gefällst du mir ! Und nun komm ! « In einem Anfall mütterlicher Rührung streckte sie die Arme , um Kitty an sich zu ziehen . » Aber nein ! Nein ! Ich könnte dir die Rosen zerdrücken ! Komm nur , komm ! « Sie rauschte zur Tür , als wäre jede Minute kostbar . Betroffen schüttelte Kitty den Kopf . » Aber Tante Gundi ? Was ist denn nur mit dir ? « » Komm nur ! Kümmere dich nicht um mich ! Ich bin ein bißchen verrückt . Es ist so schön hier , so unglaublich schön ! Und alles andere , du ahnst ja nicht - « Gundi Kleesberg verstummte erschrocken , als hätte sie zuviel gesagt . » Komm nur ! Komm ! « Vor dem Hotel erwartete sie der Cicerone mit dem schwarzen Samtflaus . Er zog den grauen Schlapphut . » Primieramente , « begann er mit seiner quiekenden Tenorstimme , » condurrò le signore alla bella vista nel giardino degli Affliti - « » Was kümmert mich die Aussicht im Garten der Betrübten ! « unterbrach ihn Gundi Kleesberg . » Wir wollen zum Palazzo Rufalo . « Der Cicerone machte zu dieser Eigenmächtigkeit eine nachsichtsvolle Miene und zuckte die Achseln . » Come Le piace . « Doch als sie die Ecke der Kathedrale erreichten , dozierte er nach seiner Gewohnheit : » Ed ora entriamo nel santo duomo . Fu costrutto nel secolo undicesimo - « Tante Gundi wurde ungeduldig . » Ich will nicht wissen , wie alt Ihr Dom ist . Ich will zum Palazzo Rufalo . « » Come Le piace ! « Der Cicerone war gekränkt . » Das ist doch ein unglaublicher Mensch ! « Kitty suchte die Empörte zu beruhigen , aber Gundi Kleesberg ereiferte sich immer mehr . » Jede Minute ist kostbar , und da vertrödelt uns dieses Ungeheuer die Zeit mit seinen eingepaukten Redensarten ! « Sie kamen zu einer hohen grauen Mauer , an der ein paar sarazenische Arabesken der Verwitterung entgangen waren . Über dem Kamm der Mauer sah man ein Gewirr von Zypressenwipfeln und Baumkronen , zwischen deren dichtem Grün sich ein von Laub umschleiertes Gemäuer zeigte , eine graue Zinne , ein Turm mit maurischer Galerie und schwarz gähnenden Rundfenstern - ein Bild , aus dem es herauswinkte wie ein Geheimnis . Ein dunkler Torweg wurde durchschritten , und der Cicerone hielt vor einer kleinen eisernen Pforte . » Eccolo , il Suo palazzo Rufalo ! « Er deutete auf einen Glockenzug , legte die Hände hinter den Rücken und sagte trocken : » Si campanella « . Gundi Kleesberg atmete tief , streifte Kittys Gesicht mit verwirrtem Blick und faßte den Draht . Dumpf , mit einem greisenhaften Klang , hallte der Glockenton durch den stillen Garten . Schlurfende Tritte kamen auf das Tor zu ; als es geöffnet wurde , knarrten die alten Angeln . Der Pförtner , ein mürrischer Greis , übernahm die Führung der Damen , während der Cicerone verdrossen im Gäßchen zurückblieb . Eine kühle , feuchte , von Blumengeruch erfüllte Luft wehte den Eintretenden entgegen . Das dichte Laubwerk , das den schmalen Pfad zu beiden Seiten begleitete , gewährte kaum einen Durchblick ; nun erweiterte sich der Pfad , und überschattet von alten Baumriesen , deren Stämme mit Schlingwerk behangen waren , erhob sich die Ruine der maurischen Torhalle mit der schön geschwungenen Kuppel . Ein Hauch von Schwermut flüsterte aus den grauen , durch Raub und Alter des Schmuckes beraubten Steinen ; sie hatten glanzvolle Zeiten gesehen ; diese Pracht und Macht war untergegangen - sie allein noch standen , wie ein trauerndes Denkmal über Gräbern . Und den gleichen melancholischen Charakter zeigte der tiefschattige Garten , der sich an die Halle schloß : zwischen ernsten schwärzlichen Zypressen und scharf duftenden Pfefferbäumen lagen kleine Beete mit feurig blühenden Orchideen , überall lugten aus verwilderten Rosenbüschen verblichene Marmorreste hervor , zertrümmerte Statuen , gestürzte Säulen ; leise murmelten die versteckten Brunnen , zuweilen ließ sich ein süßer Vogelschlag vernehmen , und der sachte Windhauch , der durch die Laubengänge strich , spielte mit den Rosenblättern , die auf allen Wegen lagen und gleich winzigen Schifflein auf den kleinen , stillen Teichen umherschwammen . Träumende Märchenstimmung war unter diesen Bäumen , in dieser Luft . Nun wieder erhob sich graues Gemäuer , und klingend hallten die Schritte auf den Steinfliesen des Torweges , der in das Allerheiligste dieser Ruinen führt , in den maurischen Säulenhof . Drei Loggien , die einen düsteren , kellertiefen Hof umschließen , bauen sich leicht und luftig übereinander . An den kahlen Wänden hängen nur noch einzelne Reste der Marmorbekleidung , doch unversehrt sind die schlanken , doppelreihigen Alabastersäulchen erhalten , mit den graziös geschwungenen und zierlich ornamentierten Bogen darüber ; hier und dort noch eine Spur der erloschenen Farbe und Vergoldung . Kittys Wangen brannten , ihre Augen glänzten ; sie empfand die hinreißende Macht der Erinnerung , die aus diesen stummen Steinen redet . Zurückversetzt in längst entschwundene Zeiten , sah sie Bilder um Bilder vor ihrer träumenden Seele sich beleben . Schwerter klirrten , und weiße Schleier flatterten , Hufschlag tönte , und die Laute klang . So deutlich vernahm sie die Saiten , als klängen sie wahrhaftig an ihr Ohr - aber nein , das war kein Traum , sie hörte die Saiten wirklich ! Aus einem offenen Fenster des Palazzo tönte , mit seltsamer Kunst gespielt , eine Mandoline , von einer Gitarre begleitet . Und Kitty erkannte die Weise . Es war eine Barkarole , die sie in Sorrent hatten singen hören , ein zärtliches Lied , das ihr mit schmeichelndem Locken ins Herz gegriffen hatte : » Vieni , diletta , Vieni al mar , Vieni , t ' aspetta Il marinar ! « Und wieder - in dieser märchenhaften Umgebung mit gesteigertem Gefühl - empfand sie die heiße , verlangende Sehnsucht , die ihr aus den zärtlichen Worten des Liedes am Sorrentiner Strand in die Seele gefallen war . Hastig , wie um dem Zauber zu entrinnen , der sie in der geheimnisvollen Schattenstille dieser Mauern überfiel , flüchtete sie hinaus in die helle Sonne . Zwischen Blumen plauderte ein Springbrunnen , und eine Marmortreppe führte zu einer Terrasse , die , von Laubengängen durchzogen , sich hinausbaute über die steil abfallenden Weinberge und einen Rundblick über den Golf von Salerno bot . Mit einem wehen Zug um die Lippen trat Kitty unter eines dieser Laubdächer , umspielt von flimmernden Sonnenlichtern und farbigem Blätterschatten . Plötzlich verhielt sie den Fuß , von Schreck befallen ; das Blut schoß ihr zum Herzen und strömte wieder mit Glut in die Wangen ; nach Atem ringend , griff sie an die Augen , als müßte , was sie sah , in der nächsten Sekunde verschwinden wie eine Täuschung ihrer Sinne . Inmitten des Laubenganges , in dessen Tiefe eine Nische in die Felswand gehauen war , stand eine Staffelei , deren Leinwand die Farben eines frisch begonnenen Bildes zeigte . Hatte den jungen Künstler schon im ersten Werden seines Werkes die Ermüdung befallen ? Er saß auf einer Marmorbank , die Palette in der ruhenden Hand , und blickte träumend ins Leere . Da vernahm er einen stammelnden Laut und straffte sich auf - Hans Forbeck . Seine Gestalt war gereift in diesem halben Jahr und hatte breitere Schultern bekommen ; dichter sproßte der dunkle Bart , und die südliche Sonne hatte ihm die ernste Stirn gebräunt . Bei Kittys Anblick erblaßte er , und die Palette entfiel seiner Hand . So standen sie voreinander , Aug ' in Auge . Dieser erstarrende Schreck , dieser lähmende Zweifel an der Wahrheit dauerte nicht lang . Wohl blieben ihre Lippen stumm , doch es sprachen ihre Herzen , es redete ihre Sehnsucht , die gewachsen war mit jedem vergrämten Tag , in jeder ruhelosen Nacht . Unter einem Lachen ihrer Freude flogen sie aufeinander zu , hielten sich umschlungen und hingen Mund an Mund in einem dürstenden Kuß , der nimmer enden wollte . Bei der Marmortreppe stand Gundi Kleesberg wie eine mit sich selbst zufriedene Schicksalsgöttin von etwas barocken Formen . Da klang hinter einer mit Blüten übersäten Rosenhecke eine Männerstimme : » Hans ! « Forbeck und Kitty hörten nicht ; alles um sie her war ihnen untergegangen in der Taumelfreude ihres jungen , vom Himmel gefallenen Glückes . Doch Gundi Kleesberg fiel aus ihrer stolzen Götterhöhe tief ins Menschliche herunter und begann an allen Gliedern zu zittern , als sie diese Stimme erkannte . » Hans ! Komm doch einen Augenblick ! « Eine Weile war Stille , dann knirschte hinter der Rosenhecke ein Tritt im Sand . Nun kam Leben in die Schlottersäule der Kleesberg . Die Hände streckend , als hätte sie das erste Glück der Liebenden vor einer Störung zu behüten , zappelte sie auf die Hecke zu . Da stand Professor Werner vor ihr , sprachlos vor Überraschung . » Werner ! « stammelte sie . Weiter fand sie keinen Gruß , kein Wort . Mit beiden Händen faßte sie ihn am Arm und zog ihn so weit in den Laubengang , daß er das junge Paar gewahren mußte . Und als ihm , mehr in Schreck als in Freude , ein ersticktes Wort über die Lippen fuhr , zog sie ihn wieder hinter die Hecke zurück und sah zu ihm auf mit stolzer Freude . » Dieses Glück , Werner - dieses junge Glück hab ' ich geschaffen , ich , die Gundi Kleesberg ! Für mein Glück , da war ich feig . Aber für die beiden Kinder hab ' ich Mut gehabt . Und nicht nur Mut . Es war auch meine Pflicht . Ich hab ' an Kitty die Stelle einer Mutter zu vertreten . Und als ich sah , wie sie in diesem traurigen Winter hinschwand und sich verzehrte - da hab ' ich gesagt zu mir : Gundelchen , jetzt mußt du ! Und habe diesen Gewaltstreich begangen und bin euch nachgereist und hab ' euch gesucht , in Capri , in Sorrent , in Amalfi , bis ich euch fand . Und jetzt , Werner - diese schöne Stunde hat nicht nur das mutterlose , von Kummer und Sehnsucht kranke Kind gesund und glücklich gemacht - sie hat das Glück auch deinem Sohn gegeben ! « Tränen kollerten ihr über die Wangen herunter und zeichneten zwei Feuerlinien durch den weißen Puder . » Deinem Sohn ! « Werner war diesem erregten Gestammel gegenüber nicht zu Wort gekommen ; kopfschüttelnd , wie in Sorge , hatte er sie angehört . Bei ihrem letzten Wort schien er ein anderer zu werden . Er widersprach nicht , wie in Hubertus . Schweigend sah er in Gundis Augen , nahm ihre kleine , dicke , zitternde Hand und küßte sie . » Nur keine Sorge , Werner ! Hab ' nur keine Sorge um die Kinder ! Diese erste Stunde habe ich erzwingen müssen . Jetzt laß sie nur getrost den Weg ihres Glückes weitergehen ! An ihm , das weiß ich , wird es nicht fehlen . Er müßte dein Sohn nicht sein . Er ist wie du : treu , redlich und stark . Er wird sie glücklich machen , stolz im Glück und reich an Ehre ! « » Ja , Gundi , das wird er ! « Werners Augen leuchteten . » Und sie ? Gib acht , Werner , ich kenne sie ! Sie ist nicht , wie ich gewesen bin . Sie wird den Mut ihres Glückes haben - ihres reinen Glückes . Sie ist Fleisch und Blut ihres Bruders Tas ! « Mit beiden Händen , ohne die Dornen zu scheuen , drückte Gundi Kleesberg das Rankengewirr der Hecke auseinander . » Sieh nur , Werner , wie sie den Arm um ihn geschlungen hält ! Blut ihres Vaters ist sie doch schließlich auch . Die läßt nimmer aus . « Flüsternd hauchte der vom Meer heraufziehende Wind durch das zitternde Laubwerk . Leise schwankten die schlanken Wipfel der Zypressen , die Brunnen murmelten , und während lautlos die Rosenblätter fielen , tönten aus dem grauen Tor des Säulenhofes die zärtlichen Klänge der Barkarole . 17 Im Süden blühten die Rosen - auf den Bergen um Hubertus kämpfte der Föhn seinen brausenden Frühlingskampf gegen den letzten Schnee , der noch schwer auf den Zinnen der Felsen lag . Im tieferen Bergwald , in dem nur vereinzelte Schneeflecke noch als verlorene Posten des besiegten Winters zwischen Felsblöcken und in schattigen Mulden lagen , brach schon das lichtgrüne Laub aus allen Buchenknospen . » Buchlaub raus , Hahnfalz aus ! « So sagt ein alter Jägerspruch . Und Franzl , der an jedem Morgen die Balzplätze abwanderte , gewahrte mit Sorge , daß ein Auerhahn um den anderen sein Liebeslied verstummen ließ . » Wenn er kommt , der Graf , wird ' s schlecht ausschauen mit die Hahnen ! « Tag um Tag verging . Graf Egge erschien nicht in der Dippelhütte . Während er mit dem Bund um die Augen in der verdunkelten Kruckenstube saß , dachte er wohl in Zorn und Ungeduld an seine Auerhähne . Aber der » Leinwandriegel « , der ihn am Bergsteigen hinderte , hatte dauerhaften Halt . An jedem Morgen empfing Graf Egge den Doktor mit einem Ungewitter . Diesem maßlosen Zorn gegenüber verhielt sich der alte Arzt sehr wortkarg und hatte nur immer den einen Trost : » Geduld , liebe Erlaucht ! Geduld ! « Zuerst mit scheuem Zögern , dann immer eindringlicher machte der Doktor den Vorschlag , einen Spezialisten aus München zum Konsilium zu berufen . » Unsinn ! « murrte Graf Egge . » Lassen Sie mich mit dem städtischen Quacksalber in Ruhe ! Ich habe Vertrauen zu Ihnen . Sie werden mir meine Lichter schon wieder sauber putzen . « Eine ähnliche Abfertigung wurde Fritz zuteil , als er fragte : » Soll man nicht der gnädigen Konteß von Erlauchts Unpäßlichkeit Mitteilung machen ? « » Daß du dich nicht unterstehst ! « lautete die Antwort . » Die arme Geiß soll die schöne Zeit da drunten ungestört genießen , damit sie mir gesund an Leib und Seele nach Hubertus heimkehrt ! Sonst braucht sich niemand um mich zu kümmern . Wenn du die Frechheit hast , eine Zeile nach München zu schreiben , werf ' ich dich aus dem Haus . « Die Pflege des Kranken hatte der alte Moser übernommen , die » Weibsbilder « vertrug Graf Egge nicht in seiner Nähe . Mit Moser konnte er auch von der Jagd schwatzen , von dem » verwünschten Horst « in der Hangenden Wand und von den Auerhähnen . Diese Gespräche füllten fast den ganzen Tag . Wurde Graf Egge des platonischen Jagens müde , so ließ er sich eines der an der Wand hängenden Gemsgehörne reichen , befühlte die Schale und das gekrümmte Horn mit pedantischer Aufmerksamkeit , maß mit der Handspanne die Länge