auf die Rechnung kerben . Haha ! Clodius und Sulla ab . FULVIA schaut hinaus . Was seh ich ? Catilina selbst - wie , er betritt mein Haus ! Er kommt hierher ? Ich verstehe . Er mißtraut mir und will mich nahe im Auge behalten . CATILINA mit Sempronia und Cethegus tritt auf , in weißer Toga , aber behelmt . Verzeih uns , liebe Fulvia , wenn wir die traute Bundesschwester stören . Die Lage Deines Pallastes , so nah an den Comitieen , zwingt uns , unser Zelt hier aufzuschlagen . Es trägt ein rothes Banner , dies Zelt , was ja nach alter Römersitte eine bevorstehende Schlacht verkündet . FULVIA . Um so mehr Ehre für Deine treue Clientin , großer Feldherr . CATILINA . Cethegus , Du bearbeitest also die zehn ersten Conturien der dritten Klasse . Sprechen leise weiter . SEMPRONIA . Fulvia , hör mich an ! FULVIA . Was befiehlst Du , o meine Busenfeindin ? SEMPRONIA . Wir hassen uns und haben uns stets gehaßt . Deine kalte Gefallsucht , dies Maskenspiel mit Deiner eignen Seele - ich verachte solche Mummerei . Ich bin ganz Flamme , ganz Leidenschaft . FULVIA . Wozu diese zarte Mittheilung ? SEMPRONIA . Du wirst es hören . In dem bittern Haß des gemeinsamen Grimms ist mein kleiner Haß nur ein Tropfen . Mein kleines Herz - es schlägt in Catilina ' s großem Herzen . Drum sei abgethan Liebe und Haß vergangener Tage . Catilina ' s Feind und wär ' s mein Bruder - zwischen ihm und mir sei die einzige Brücke das Schwert . Catilina ' s Freund und wär ' s meines Vaters Mörder - ihm biet ich die Rechte zu Schutz und Trutz . Du hast Dich uns heimlich zugesellt in letzter Zeit , bist von Cicero abgefallen und bemühst Dich in unsrem Sinne - gut . Aber eins wisse : Ich folge Deinem Schlangenpfad . Hoffe nicht mit gleißender Windung uns zu berücken . Umzüngelst Du uns mit giftigem Verrath , so mag ich untergehn , aber Du mit mir ! FULVIA . Mach Dich nicht lächerlich ! Metell tritt auf . Ein neuer Mars mit dem Heldenschweiß ! METELLUS . Schöne Domina , gewähre mir Gastrecht . Bin hierher befohlen . Salutirt vor Catilina . Melde mich zu Diensten Na , da sind wir ja alle beisammen , wir von der Verschwörung . CETHEGUS . Wie steht ' s draußen , Meteller ? METELL . Können schlafen gehn . Jetzt wählt sich ' s ganz von selber . Wer will auch uns ' was anhaben ? CATILINA schwer . Das Fatum . METELL . Was , dies überwundene Ding will sich unterstehen , mit uns von der Verschwörung zu spaßen ? Nichts da ! CATILINA . Hm , die Welt ist ein Klumpen Zufall und der Menschen Pläne eine hohle Wahrscheinlichkeitsberechnung . Nimmt seinen Helm ab . Aus diesem Kelch des Kriegs , lüstern nach triefendem Blute , Trankopfer spende ich Dir bald , Fortuna ! Umstülpend diese Opferschale , weihend die ersten rothen Tropfen - sei mir fürder günstig ! Aus diesem blutigen Kelch will ich mein Glück auf einen Zug in dieser Stunde leeren . Du unsichtbare Macht , die mich gesetzt über der Menschen Scheitel ! Du weißt es ja , daß Du mich ausgerüstet und gesandt , um zu vollenden . Aller Zukunft Sterne sie spiegeln sich in meiner dunkeln Seele . Ja , ich bins , keiner sonst . Ich bin allein , ich bin der Herr der Welt . ALLE . Heil dem Erretter ! FULVIA für sich . Hofnarren ihr ! Rast dieser Mensch und steckt euch alle an mit seinem Rasen ? Wie der göttliche Sauhirt Eumäos in Mitten seiner Herde , schiebt er dies Gesindel im Kofen hin und her wie ihm beliebt . Laut . Doch halt , was fehlt dem großen Mann ? SEMPRONIA die Andern abwehrend . Ruhe ! Kümmert euch nicht darum ! Es geht so schnell vorüber wie es kommt . Er leidet an solchen Anfällen . CATILINA epileptisch erregt , Schaum vor dem Munde , halblaut vor sich hin . Allein ? Ich bin nicht allein , bin nicht einsam . Nahen dort nicht die Schatten der Todten ? Haha , sie sitzen auf meinem Lager und bohren langsam langsam den Dolch zurück in mein Herz , den Dolch , der das ihre traf . Hei , sie schleifen mich hin an den Rädern der Gedanken und peitschen mit der Geißel der Reue . Fieber des Gewissens , heran ! Mir ist so kalt . Einst war ich Stahl , jetzt bin ich Eis . Ich bin abgestorben , verschneit ist jede Blume . Herauf , ihr alten Schatten ! Doch ihr wollt nicht kommen , ich bin so vernünftig . - Wie , sollen sie lebend den Titanen schmieden an den Fels ihrer Rache , soll der Geier nach meiner Leber hacken ? In den Abgrund stürz ich hinab und Du , o Nacht , empfange den sinkenden Sohn ! Hörner hinter der Scene . Schafft mir die todten Augen weg ! SEMPRONIA . Ha , das Zeichen zur letzten Abstimmung ! Auf , Sergier , erwache ! CATILINA . Ich bin erwacht . - Hinfürder keine Götter neben mir ! Wie ein Königstiger will ich jagen durch die ächzende Welt und Generationen erdrücken mit meiner Tatze . Hätt ' doch das All der lernäischen Hydra ewig neu aufkeimendes Haupt , daß ohne Ende ich führen könnte den Todesstreich ! Ich will euch ! SEMPRONIA . Die Sonne umfließt sein Haupt mit einem Strahlenreif . Schon seh ich das Diadem um seine Schläfe geschlungen . CETHEGUS . Hör ' die Tuben ! Sie laden Dich zum Siege , Imperator . CATILINA setzt den Helm auf . Die Weltgeschichte steckt in diesen Hörnern . Die Arena ist bereit , das Theater voll , die Wetten gebucht . Ich - wette auf mich selber - eine Welt ! IV. » Jaja , so ganz Unrecht hast Du darin nicht . Es giebt Leute , die wähnen , daß sie den Weihekuß des Realismus erhielten , weil sie ein paar Verhältnisse und Ehebrüche auf dem Gewissen haben . Nächstens wird man hie Befähigung zum Realismus nicht nach der Beschaffenheit der Hirnsubstanz , sondern nach der Befähigung der Genitalien beurtheilen , - womit freilich auch vielen Idealisten gedient wäre . « So ging Leonhart auf die heftigen Ausfälle ein , mit welchen Schmoller die sogenannten Realisten bedachte , da es natürlich nach seiner Schätzung überhaupt nur einen Realisten gab : nämlich ihn selber . » Diese Me-nschen ! « polterte er mit tiefer sittlicher Entrüstung . Bei denen der ganze Realismus im Ausmalen erotischer Situationen besteht ! Als ob darin der Realismus steckte ! Es ist zum Todtlachen . Noch nicht ins Leben hineingespuckt haben sie alle und glauben wunders was Großes zu vollbringen , wenn sie ihre kleinen Schäferstündchen lecker beschreiben ! Wenn man nicht in Fabriken aufgewachsen ist , darf man überhaupt keine socialen Romane schreiben . » Sociale - hm , in diesem Sinne , ja ! Dann hätte aber auch Zola bis auf Germinal nichts geleistet . Nein , nein , es regt sich doch allerorts ein sehr gesundes Streben . All diese neuen Unternehmungen und Bestrebungen , systematisch Stück für Stück das moderne Leben , speziell dasjenige Berlins , zu zergliedern auf der Grundlage einer wahren Anschauung der Dinge , sind an sich schon achtungswürdige heilsame Zeichen der Zeit . Mag auch das Dichterische in solchen Versuchen noch einer beträchtlichen Steigerung bedürfen , mag auch der Realismus noch etwas romantisch und zufallmäßig gefärbt sein , - nur entschlossen weiter auf dieser Bahn ! Dem Muthigen hilft das Glück . Es muß durchaus mit der Süßholz-Litteratur aufgeräumt werden und der Schmerz des wirklichen Lebens die Kunst beherrschen . Solche Kunst allein kann sittlich wirken , da nur sie den Menschen lehren kann , sich über die Wirklichkeit entsagend oder beherrschend zu erheben . Die akademische Lügenkunst wirkt entsittlichend , indem sie ein entstelltes , optimistisch gefärbtes Bild des Lebens bietet , durch dessen Betrachtung der Ekel an der brutalen Wirklichkeit höchstens gesteigert werden muß . Nicht die Dinge verschönern , sondern sie verstehen ist gesund . Schön ist allein die Wahrheit . Wahr aber ist nicht nur das relativ Häßliche , sondern auch das relativ Schöne . Der Realismus unsrer heutigen colorirten Photographieen in der Malerei ist weit entfernt von dem gesunden elementaren Realismus der Renaissance-Meister . Und Zola ist noch lange kein Shakespeare . Heutzutage herrscht eine so trostlose Begriffsverwirrung , daß man kaum mehr weiß , was unter Idealismus und Realismus eigentlich zu verstehen sei . Wenn Einer geleckte Sonette drechselt oder hochtönenden Jamben-Bumbum ausspeit , heißt er ein idealer Dichter . Und wenn ein genialer Neuschöpfer in seine idealen Conceptionen sachgemäße Cynismen verwebt , heißt er ein schmutziger Zolaist . « » Hahaha , so nennen sie uns Beide ja auch ! « lachte , Schmoller auf , indem er innerlich dachte : Na , auf Dich paßt ' s ja auch . Und die Idealisten - hoho , die muß man mal bei Lichte besehen . » Ganz richtig . Idealist sein bedeutet heut : auf die Vorurtheile und den Tagesgeschmack spekuliren . Christus hieße womöglich : Ein polternder Realist . « Beide schritten der Dresdener Straße zu . Man wollte dort mehrere socialdemokratische Führer in einer Kneipe treffen , mit denen Schmoller einige Bekanntschaft pflog . Aus weiser Vorsicht kokettirte er nebenbei auch so lange mit den Christlich-Socialen , bis er deren Treiben kaustisch durch die Zähne zog . Denn Abwechselung muß sein . Er mokirte sich zugleich über Beide . Als man jedoch an dem Rendezvous-Ort anlangte , ergab sich , daß die Herren hinterlassen hatten , sie würden ins Café Liedrian steigen . » Hoho , famos ! Da werden nämlich die Agitationsgelder vom Klempner-Strike mit den Dirnen durchgebracht ! « raunte Schmoller seinem Freunde ins Ohr , hochbegeistert von dieser Entdeckung einer neuerfundenen Schlechtigkeit . Also vorwärts , das wird ja famos ! Du bist ja da bekannt , he , was , wie ? Sein Auge blinzelte boshaft . Leonhart zauderte einen Augenblick . Eine fatale Situation . Doch sich sperren , schien hier das Ungeschickteste . Sie marschirten also dorthin . Schmoller befand sich in seiner süffigsten Schimpf-und Verläumdungsstimmung . Er verbreitete gleichsam eine unreine Athmosphäre um sich her , indem er über Jeden irgend eine dunkle Geschichte zu erzählen wußte . Seine theoretische Menschenverachtung verschanzte sich dagegen , edle Gefühle und Gedanken zu begreifen , weswegen er stets nach unlauteren Motiven forschte . » Hihi , « kicherte er , der Eine von den Kerls , der Redacteur Hermann Garibald Hoppel , - na der richtige Fatzke ! Trägt den Spitznamen der Garibaldianer , weil sein Alter ihn aus Begeisterungs-Schmuß für den Italiano Garibald getauft hat . Trieb sich in Süd-Amerika herum , weil er als Hauslehrer faule Chosen mit der Tochter vom Hause trieb . Bildete sich als Goldgräber in Chile zum Bret Harte ' schen Strolch-Goldherz aus - punktum , streu Sand drauf ! Immer zugeknöpft und finster . Hat ganz entschieden einen Mord da drüben auf dem Gewissen . Spielt den Vornehmen , dabei ein Schmutzian bis über die Ohren . Der Andere - o , auch köstlich ! Ein riesiger Antisemit und heirathet drum immer Jüdinnen . Jetzt hat er schon die Dritte , aber die brannte ihm durch und macht unter dem Tittel Schriftstellerin durch ganz Deutschland litterarische Besuchsreisen bei allen schönen und vermögenden Federschwingern . Verstandez-vous ? Paß mal auf , zu Dir kommt sie auch noch . Leonhart lachte . » Du hast wieder . Deinen guten Tag . Die Menschen sind weder so gut noch so schlecht , wie man denkt oder wie man sie schildert . Das ist , glaube ich , ein altes Axiom - mir aber drängt es sich auf wie etwas Neues . Denn jeder Vernünftige wird doch zu gleicher Erkenntniß gelangen . « » Ach , habe Dir man nicht ! Alles oberfaul , alles . Ueberhaupt schon die Jüdinnen ! Wenn ich denke , als ich bei dem scheußlichen Millionenschinder Ruperti ( wie die Bande sich immer auf ' s Italienische raustauft ! ) Sekretär war ! Die dicke Madam geilte sich immer an mir ab und das Töchterlein Laura - na , die Kröte ! Ruft mich mal heimlich ins Badezimmer , als sie halb am Ausziehen ist , natürlich in aller Unschuld - na , ich will nichts gesagt haben ! « Schmoller strahlte nicht wenig von dem stillen Bewußtsein , er sei doch ein verdammt schöner Kerl . » O über diese ganze versumpfte Gute Gesellschaft ! Da begreift man Dostojewski ' s ollen Raskolnikow , der einfach hingeht , um solch ' ne alte Geldlaus todtzuschlagen . « » Hm , « meinte Leonhart . » Aus Faulheit und Größenwahn . Dem Raskolnikow spukt ja fortwährend Napoleon im Gehirn - das hat Dostojewski sein berechnet . « » Na ja , so wie Napoleon Dir im Gehirn spukt , Raskolnikowchen , « grölte Schmoller . » Mir ? Danke ! « brummte Jener . » Ich dürfte denn doch wohl mehr die Rolle des Rasumichin spielen , bei Deiner eignen hohen Beanlagung zur Raskolnikow-Rolle . « » Was meinst Du damit ? « fragte Schmoller mir einem stechenden Blick . » Uebrigens , das verstehst Du gar nicht . Ueber Raskolnikow kann nur Der mitreden - ja , mein Sohn , das ist die Noth , die Noth , die Du nicht kennst . « » Hm , mein Theurer , ich erlaube mir zu bemerken , daß der Artillerielieutnant a.D. Bonaparte wohl mehr gehungert hat , als unser imaginärer Freund Raskolnikow , der überall herumlumpt , - was Bonaparte gewiß verschmähte . Und doch ging er keineswegs hin , um eine alte Frau zu raubmorden , sondern er erwartete standhaft seine Stunde und eroberte die Welt . Wenn Du nicht verstehst , wie groß dieser Unterschied , so hast Du Dostojewski ' s tiefe Psychologie gar nicht verstanden . « » Pschah ! Wie gesagt , was weißt Du von der Noth der untern Schichten ! « » Und was weißt Du von einer philosophische Lebensauffassung ! Das Allerbeste ist : zu lachen , sintemal so viel Lächerliches jede Minute wächst . Lache nur viel und vor allem leide nicht an Hyper-Gerechtigkeit , welche dem Pharisäismus sich manchmal nähert . Gott sei mir Sünder gnädig ! Man muß mit Hamlet sagen : Ich bin selbst leidlich tugendhaft , dennoch stehn mir mehr böse Wünsche zu Gebot , als ich Macht habe sie auszuführen . Wenn sie nicht herauskommen , wer weiß , ob das mein Verdienst ist oder das der Umstände ! « » Paperlapapp ! Du red ' st wie der Blinde voll der Farbe . Ueber das wahre Elend hilft all so ' n Gethue nicht weg . Gestern genoß ich den Vorzug , einen Kohlenschipper zu sprechen , der zehn Jahre mit gebrochenen Beinen in einem dustern Keller lag . Tableau ! Ach und dann all die andern Schandthaten ! Daher auch die Lüderlichkeit bei den armen Leuten . Alle Konfirmandinnen von vierzehn Jahren sind schon keine Jungfern mehr . Da hilft nur noch praktisches Christenthum . - Ja wohl , meine Tochter , hier hast Du einen Groschen ! « Er warf einer bettelnden Streichholzverkäuferin einen Nickel hinein und stieg erhobenen Hauptes , im Bewußtsein eines solchen praktischen Christenthums , die Stiegen zum Café Liedrian hinan . Die Ueberraschung Frau Helenens beim Erscheinen Leonharts spottet aller Beschreibung . » So ? Mit den Kerls gehst Du um ? « raunte sie ihm ins Ohr und girrte dazu zärtlich : Federigo ! Da er peinlich berührt zusammenzuckte , girrte sie weiter : » Ach simulire man nich ! Ich weiß ja , wer Du bist . Und jetzt würde sich ja doch Einer von den Kerls da verplappern . Na , der Schreck , als ich Deinen Namen in Deinen Handschuhen las und mich nachher orientirte , wer Du bist . Also der berüchtigte Schreihals bist Du ! Nein , was man nicht erlebt ! Und nun giebst Du Dich gar mit solchen Leuten ab ! Der da , den Du da mitgebracht hast , der mit dem Havelock - o dem hab ' ich schon mehrmals Feierabend geboten , weil er sich so unanständig aufführte . Bei mir herrscht ein anständiger Ton . Ach und Deine andern Champagner-Freunde da hinten ! Das scheinen mir auch die Nichtigen . Soll mich wundern , ob Die solche Zeche machen können ! « So schwatzte sie fort , fiel ihm aber um den Hals , als er sie ärgerlich abschütteln wollte : Ach , ich liebe Dich ja doch , alter Freund ! Dadrum keine Feindschaft nich ! Die großen Freiheitsapostel flegelten sich hinten in der Weinstube auf dem Kanapee umher und mehrere Champagnerflaschen kollerten bereits geleert aus dem Boden . Leonhart dachte unwillkürlich an eine gemüthliche Orgie der alten Schreckensmänner des Wohlfahrtsausschusses . Er wurde mit Halloh empfangen und bald plätscherten alle wie der Fisch im Wasser in Zotenreißerei umher . Der antisemitische Jüdinnen-Verehrer besah die Bilder an der Wand , welche Nuditäten durchsichtigster Gattung darstellten . Ist die nackigt ! rief er mit Extase . » Das Wasser läuft Einem im Munde zusammen ! « » Greis , schäme Dir ! « kicherte Schmoller . Der Greis schlug sich jedoch kernig auf die Heldenbrust und betheuerte , indem er die holde Olga umarmte : Bin ich ein Mann ? He , kann ich noch ? Olga gab alles zu , obschon sein Wein-Odem sie so widerlich betäubte , daß ihr der Fächer , mit welchem sie stets als grande dame zu paradiren pflegte , aus der Hand fiel . » Ach , Sie wissen ein Weib so zu nehmen ! « » Na und ob ! Wir sind doch auch noch so gut wie so ' n oller laffiger Lieutnant mit ' nem Bürstenladen in der Tasche , wä ? « Hier hielt der finstre Redacteur , der laut Schmoller in Amerika einen Mord auf dem Gewissen hatte , die Gelegenheit für gekommen , um den verehrten revolutionären Dichter Leonhart wegen seines Vortrags über den Größenwahn des Militarismus zu preisen . » Ja , da haben Sie mal wieder einen Schuß ins Schwarze gethan , den Nagel just auf den Kopf getroffen . Hier sitzt der Kern alles Uebels . Der nationalökonomische Ruin des Staates wird durch das Wuchern dieses unproduktiven Standes unvermeidlich . Soll das arme überbürdete Volk etwa den Kastendünkel des rothen Kragens mit seinem blutigen Schweiße färben ? « » Hm , da haben Sie mich nun freilich doch nicht ganz verstanden , « wehrte Leonhart ab . » Gegen den Offizierstand , der heut das Ritterthum darstellt , habe ich gar nichts . Im Gegentheil . Die Offiziere müssen sich durch Kastengeist entschädigen . Denn abgesehen von schlechter Bezahlung ( wofür freilich die Pension eintritt ) , wie entsetzlich steht es mit dem Avancement ! Mit 42 Jahren Hauptmann - also etwa das , was in einem großen Handlungshause einer der Kommis I. Klasse bedeutet ! Man muß hier unbedingt das Talent haben , alt zu werden . Gott sei Dank , sind 90 Procent der Offiziere ganz mittelmäßig und wählen den Beruf nur aus sozusagen physischen Gründen , weil sie für einen höheren Beruf keine Intelligenz haben . Allein , die höher Veranlagten , - was müssen die leiden ! Denn in allen unteren Graden hilft ihnen ihre militairische Begabung größeren Stils ja nichts . Sie müssen günstigstenfalls 60 Jahr alt werden , um in eine Stellung zu kommen , wo sie ihr Führertalent entfalten können . « Dieser belehrende Einwurf mißbehagte den Andern offenbar . Ebenso , als einiger Unsinn über den nächsten Krieg und Boulanger ' s Rolle vorgebracht wurde und Leonhart ruhig urtheilte : » Boulanger scheint der Dumouriez der neufranzösischen Republik . Solcher Leute Augenmaß sieht in einer Revolution keine Empörung , sondern eine Verschwörung . Ein geborener Revolutionär ist nie ein wahrer Republikaner . Während er mit dem einen Auge der Monarchie droht , blinzelt er liebäugelnd mit dem andern Auge nach ihr hin . Mit der Keckheit eines Prätorianerobersten gedachte Dumouriez die Orleans gegen den Convent auszuspielen . Wer weiß , ob nicht Aehnliches Boulanger vorschwebt ! Da ihm der Einfluß im Senate mangelt , so gedenkt er wie Cäsar das Heer zu seinem Werkzeuge zu machen . Die Legionäre Cäsars aber waren eben - Cäsarianer , privilegirte Räuber ; die Soldaten des Dumouriez aber waren Bürgersoldaten , denen blinder Soldatengehorsam fremd , und jener Lysander der großen Revolution wurde alsbald von der Bühne verjagt . Der Convent nannte ihn den großen Verräther . Ob Boulanger ein ähnliches Loos zu fürchten hat ? Nun , er hat kein Jemappes in seiner Vergangenheit ; dafür hat er den Ruhmestag am Lyoner Bahnhof und die Flucht vor dem Gesindel seiner Anbeter auf einer Lokomotive . Der Radau-General , der St. Arnaud der Tingeltangel ! Ein klassisches Sinnbild für den Reklame- und Strebergeist unsrer Epoche ! Lachen muß ich nur , wenn die Zeitungen durch ihr Schimpfen solch ' gefährliche Elemente unschädlich zu machen denken . Heutzutage bläht man durch jede Art von Oeffentlichkeit die Leute auf . Man beschuldige und vernichte die Leute kräftig mit Druckerschwärze - das ist der Weg , um ihren Namen aller Welt geläufig zu machen . Man muß sehr talentlos oder energielos sein , um auf solcher Schimpf-Basis nicht ein Piedestal für sich zu erbauen . « » Sehr richtig ! « rief der finstre Volksredacteur mit dem Christuskopf . » Uns hat das Socialistengesetz und der Belagerungszustand groß gemacht . Das Schimpfen und Verfolgen zeigt doch immer Furcht . « Aus dieser Anknüpfung entspann sich alsbald naturgemäß eine socialpolitische Debatte , während die Mamsells sämmtliche Flaschen unterdessen ausbecherten , über den Associationsstaat . Da hatte Jeder sein Steckenpferd . Der jüdinnenfreundliche Antisemit bestand vor allem auf freier Liebe und Aufhebung des Erbrechts . Schmoller bezeugte eine besondere Wuth gegen das Privatkapital und der düstere Redacteur plaidirte für das Genossenschaftswesen als Monopol . Leonhart ließ den Wortschwall eine Weile über sich ergehen , dann aber hielt es ihn nicht länger und sprach : » Meine Herrn ! Die socialistische Doctrin entstammt dem Schädel überspannter Ideologen , welche sich im Mantel des naturwissenschaftlichen Materialismus drapiren , um die wahren Materialisten , die rohen Pöbelmenschen , über ihr Wesen zu täuschen . Der Socialismus ist in sich die baare blanke Unmöglichkeit . Denn erstens müßten , um ihn durchzuführen , die Bedingungen der Naturgesetze umgestoßen und eine gewaltsame Herabschraubung und Nivellirung aller Einzelkräfte auf ein Durchschnittsmaß ermöglicht werden . Sie werden mir nun versichern , das socialdemokratische Drillzuchthaus werde der naturgemäßen Aristokratie des Geistes gebührend Rechnung tragen und dieselbe als Beamtenthum der großen Staatsfabrik , als patentirte Erfinder und Ingenieure verwenden . Allein , wie lange würde es dauern und die souveraine Arbeitermasse , willenlos thierischen Instinkten folgend , würde diese geistige Control-Aristokratie mit demselben Haß empfinden , wie die frühere Geld- und Geburtstagsaristokratie . Ja , die Möglichkeit ist für den Psychologen nicht ausgeschlossen , anbetracht der vollständig sinnlichen und äußerlichen Auffassung der Durchschnittsmasse , daß die Geistesaristokratie nicht einmal den Respekt bei dem gemeinen Mann erzwingen würde , den er jetzt mürrisch dem Geld und Titel entgegenbringt . - Andrerseits aber würde höchst wahrscheinlich diese Beamtenaristokratie selbst ihr Loos bald unzulänglich finden und ein höheres Uebergewicht , ihrem Werth gemäß , dem Handarbeiter gegenüber beanspruchen , als der socialdemokratische Staat ihnen nothwendig zugestehen kann . - Wie will sich nun dieser Staat vor all den Unzufriedenen schützen ? Ah , an Gewalt wird es ja nicht fehlen , vor scharfen Mitteln werden die großen Robespierres des Socialismus nicht zurückschrecken - man wird die Staatsgewalt schon aufrecht erhalten , nicht wahr ? Nämlich womit ? Natürlich mit bewaffneter Hand , mit einer kräftigen Jakobiner-Leibgarde der socialistischen Heiligen . Sieh da , und darum habt ihr dem Militarismus den Garaus gemacht ? O ihr Thoren ! Was für ein Unterschied zwischen den alten und neuen Garden ? Meiner festen Ueberzeugung nach macht die Mehrzahl der socialistischen Utopisten , in Folge mangelhaft construirter Einbildungskraft , sich den Zustand der Menschen ihres Zukunftsstaates in keiner Weise klar . Wir wollen meinethalben annehmen , daß man die Blumen aus der Natur ausjäten , daß man alle feineren Individualitäten in der Wurzel vernichten , daß man die Künste und abstrakten Wissenschaften abschaffen , d.h. den Trieb und Wunsch nach idealen Thätigkeiten aus der Menschenseele entfernen könne . Diese Unmöglichkeit einmal angenommen , müssen wir umgekehrt erwarten , daß die große Masse , welche heut vom niedrigsten thierischen Egoismus gelenkt wird , sich idealisire - zwar nicht ästhetisch , aber moralisch . Bei der Vernichtung des persönlichen Arbeitsgewinns durch die Aufhebung des Privateigenthums müssen eine ideale Arbeitslust und Pflichttreue die rein der Sache wegen wirken , sowie eine fortwährende Selbstverleugnung zu Gunsten des lieben Nächsten angenommen werden . Aehnlich verhält es sich bei der sogenannten freien Liebe oder Frauengemeinschaft , welche außerdem nur für Maurergesellen und Dirnen überhaupt etwas Verlockendes haben mag . Auf der einen Seite sträubt sich jedes ideale Gefühl dagegen und auf der andern Seite verlangt die Durchführung der Theorie die idealste Selbstverleugnung des Einzelnen , der in seinen edelsten wie in seinen brutalsten Instinkten zugleich verletzt wird . Aendert die menschliche Natur von Grund aus , modelt uns alle um , macht uns zu mechanischen Freß-und Zeugungsmaschinen , zu Thieren oder umgekehrt zu brüderlichen Engeln - ohne diese Prämisse ist der Zukunftsstaat ein Unding . Auch dies Letzte endlich angenommen , würde man bei wirklich regelrechter und möglichst vollkommener Ausbildung dieses Staates allergünstigstenfalls nur urtheilen dürfen : Viele alte Uebel sind abgeschafft , viele neue hinzugekommen ; viele neue Vorzüge hat dies System , viele alte hat es eingebüßt . Die Rechnung zwischen dem alten System , das die Menschheit nun 10000 Jahre weiterschleppt , und dem neuen deckt sich . Nun , meine Herrn , da bleibe ich lieber bei meiner alten Maschine , die zwar voller Fehler und Schwächen , aber durch unablässige Traditionen von Kind zu Kind geheiligt und wohleingeölt wurde . Wozu soll ich mir die Scheererei mit einer neuen ungeölten Maschine machen ! Verlorene Liebesmüh ! « Mit zunehmender Verwunderung , die sich zur Entrüstung steigerte , hatte das edle Kleeblatt diese offene Erklärung hingenommen . » Nu aber raus ! « machte der philosemitische Antisemit seinem Grolle Luft . » Wen haben wir denn da ? Einen communen Erzreactionär ? Das ist der freisinnige , der revolutionäre Poete ? Wir sind erstaunt , Herr Schmoller , wie Sie es wagen durften , diesen Herrn bei uns einzuführen . « » Das ist ein Mißbrauch des Vertrauens ! « trumpfte der Garibaldianer mit dem Christuskopfe auf . » Herr Schmoller , verschonen Sie uns künftig mit Ihren Freunden ! Und Sie , Herr , muß ich bitten , unsere Gesellschaft zu meiden . Wir als Vertreter des Volkes können solchen Verrath an den ewigen Prinzipien der Freiheit in unsrer Nähe nicht dulden . « Er stand , die Rechte in der Brusttasche , die Linke am Champagnerkelch , majestätisch da , so daß der Busen Olga ' s und Kneifer-Mary ' s sich von einem stillen jungfräulichen Athemzug des Verlangens hob und Frau Meyer murmelte : » Ein schöner Mann ! « Leonhart erwiderte kein Wort , zahlte und ging mit stummem Gruß . Erst auf der Straße kam ihm Schmoller nach , der oben mich parlamentirt und seinen vollen Beifall zu der sittlichen Entrüstung der zwo Volksvertreter beigesteuert hatte . » Wir gehn wohl noch mal hier in die Kneipe nebenan ? « sagte er halblaut . Leonhart nickte . - Das Lokal war zufällig ganz leer und sie nahmen in einem dunkeln Winkel Platz . Hier explodirte Schmoller . » Du hast mich blamirt , « rief er ein über das andere Mal » Aller Blicke im Lokal waren auf mich gerichtet . « » Auf Dich ? daß ich nicht wüßte ! « In seinem nervösen Verfolgungswahn waren freilich solche Selbstvorspiegelungen bei dem großen Sittenschilderer nichts Seltenes . Auch ließ Schmoller sich keineswegs durch Leonhart ' s Ruhe beschwichtigen , sondern schlug einen eigenthümlich provocirenden Ton an , der sich allmählich bis zur Grobheit steigerte . » Und Du scheinst noch gar nicht mal eingestehen zu wollen , daß Du den gesellschaftlichen Anstand taktlos verletztest ? « » Mein Bester , jetzt höre auf ! Ich freue mich , daß mir die Geduld riß und ich dem dummen Größenwahn der alleinseligmachenden Socialdemokratie ein kräftig Wörtlein zu schlucken gab . « » Ach , was Du wohl davon verstehst ! « Schmoller machte eine wegwerfende Handbewegung . » Du bist ja in solchen Dingen naiv wie ein Kind . Die Noth , die Noth ! Du hast immer volle Taschen gehabt , an besetzten Tafeln geschwelgt « - » Weißt Du das so genau ? « fragte Leonhart achselzuckend . » Ja wohl , « fuhr Jener unbeirrt fort , ohne den Zwischenruf zu beachten . » Daher steht Dir auch über meine Geldgeschichten gar kein Urtheil zu . « » Ich wüßte nicht , daß ich mir ein solches je angemaßt hätte , « fiel Leonhart ein . Doch aus dies überhörte der große Unsittenschilderer und perorirte weiter : » Mir gereicht das alles nur zur höchsten Ehre . Man hat mich bei Dir schlecht gemacht . Ich weiß wohl wer . « » Aber erlaube mal , ich habe kein Wort .. « » Ja wohl . Ich will offen und ehrlich bekennen , offen und ehrlich « , diese beiden Adjective liebte Schmoller mit jener Inbrunst , mit der man etwas Unerreichbares erstrebt , das man nie