, offenbar die Stimme eines Trunkenen , brüllen : » Selbst sollst du mir sagen , daß du mich nicht aufnimmst ! Warum läßt du mich dann suchen ? « Und dann ihren gellenden Ruf : » Geh ' , Froim , oder ich schrei ' um Hilfe ! « So weit hatte Sender starr vor Schrecken zugehört . Nun raffte er alle Kraft zusammen und stürzte auf den Flur . Er kam genau zur rechten Sekunde . Da stand ein alter , entsetzlich verwahrloster Bettelmann vor Rosel , hatte eben den schweren , eisernen Haken ergriffen , durch den der Schranken des Nachts versperrt zu werden pflegte , und schwang ihn über dem Haupt der Greisin . » So schrei ' zu « , brüllte er . » Aber zuerst schlag ' ich dich tot . « Blitzschnell warf sich Sender zwischen Froim und sie . Das schwere Eisen traf sein Haupt statt des ihren . Er schlug zur Erde hin , in seinen Ohren dröhnte es , seine letzte Empfindung war , daß ihm ein heißer Strom die Stirne überrieselte . Dann vergingen ihm die Sinne . Drei Wochen lag er betäubt zwischen Leben und Sterben , der Arzt befürchtete täglich das Ende ; eine so schwere Verletzung , ein so heftiges Wundfieber konnte der geschwächte Körper kaum überwinden . Er bot seine ganze Kraft und Kunst auf , auch sonst fehlte es dem Kranken nicht an liebevoller Pflege und Teilnahme . Jütte wohnte nun im Mauthaus , um Tag und Nacht bei der Hand zu sein , der Marschallik kam täglich , ebenso Salmenfeld und seine Gattin ; noch mehr , eines Tages trat Pater Marian ein und beugte sich voll schmerzvoller Rührung über seinen armen Schüler , der ihn nicht erkannte . Der Besuch blieb im Ghetto nicht unbekannt und machte als nahezu unerhörtes Ereignis das größte Aufsehen ; den jähen Wandel der Stimmung vermochte es nicht zu beeinflussen . Nun schwärmten die Juden von Barnow wieder einmal für denselben Mann , auf dessen Haupt sie kurz vorher die schwersten Flüche gehäuft . Er hatte sein Leben eingesetzt , das der Mutter zu erhalten - nun war er trotz seiner deutschen Tracht wieder kein Mensch , sondern ein Engel . Täglich kamen Scharen , sich nach seinem Befinden zu erkundigen ; wer irgend einen seltenen Leckerbissen hatte , sandte ihn für den Kranken . Daß eine Gewalttat wie die Froims im podolischen Ghetto überaus selten ist , mehrte die Begeisterung ; der dicke Simche , der zufällig vorbeigefahren und den Frevler entwaffnet , wurde wie ein Held gefeiert . Die Leute hätten Froim am liebsten gelyncht , es war gut , daß ihn der Bezirksvorsteher hinter Schloß und Riegel gesetzt . » So sind sie « , sagte der Arzt dem Advokaten , » maßlos in ihrer Liebe wie in ihrem Haß ! Aber all dies Segnen nützt dem Armen nichts . « Dies nicht , vielleicht nicht einmal die aufopfernde Pflege , aber seine zähe Natur schien den Kranken retten zu wollen . Die Wunde begann zu heilen , die Betäubung schwand . Die Sorge des Arztes wollte dennoch nicht weichen . » Seine Genesung ist so etwas wie ein halbes Wunder « , sagte er dem Pater , » aber ganze Wunder gibt ' s in der Natur nicht . Ohne dieses Unglück wäre er wohl wieder leidlich gesund geworden , sofern er nur ernstlich gewollt hätte . Jetzt fürcht ' ich , zählt sein Leben nur noch nach Monaten . Wenn ich sie ihm wenigstens heiter gestalten könnte ! Aber mit der Besinnung kommt ja auch die Apathie wieder , hinter der sich in Wahrheit eine so tiefe Verzweiflung birgt . « » Sprechen Sie doch mit seiner Mutter « , bat Marian , » jetzt wenigstens sollte sie doch ihren Widerstand aufgeben . Schauspieler wird er ja ohnehin nicht mehr . « Der Arzt zog den Marschallik ins Vertrauen . Der Alte war fassungslos vor Schmerz . » Das kann Gott nicht zulassen ! « rief er dann . » Vielleicht irren Sie sich doch . Die Frau aber - die bring ' ich herum . « Er hatte zu viel versprochen , vielleicht weil er der Greisin nicht alles sagen mochte . Nur so viel erreichte er , daß sie ihm zuschwor , kein Wort mehr dagegen zu sagen , außer wenn Sender etwa Ernst machen wollte . Dann freilich werde sie wissen , was sie den Toten schuldig sei . Aber es kam weniger auf sie an , als die Freunde glaubten . Mit Staunen sah der Arzt , wie heiter die Miene des Kranken war , als er ihn zuerst bei voller Klarheit des Geistes wiederfand . Vor ihm war Jossef Grün dagewesen und hatte die Grüße und Wünsche der Gemeinde überbracht - aber konnte dies auf Sender so tief gewirkt haben ? Er war so schwach , daß er kaum die bleichen Züge zu einem Lächeln verziehen konnte , aber seine Augen leuchteten , und als sich der Arzt zu ihm beugte , hauchte er : » Nicht wahr , Herr Doktor , ich werde gesund ? « Der Arzt bejahte eifrig . » Ich hab ' s ja gewußt « , flüsterte er mit seligem Lächeln . » Mein Herz hat ' s mir gesagt . So gesund , daß ich Schauspieler werden kann ? « Der Arzt nickte . » Aber da müssen Sie dazu helfen « , fügte er fast barsch hinzu , seine Rührung zu bewältigen . » Nun keine trüben Gedanken mehr . « » Es ist ja kein Grund mehr « , hauchte Sender . » Alle sagen es , und ich fühle es auch : die Schuld ist bezahlt ! Nun weiß ich , warum ich in jener Nacht in der Kapelle nicht gestorben bin ... « Letztes Kapitel Die Schuld war bezahlt , er konnte Schauspieler werden - nur die Krankheit stand noch zwischen ihm und seinem Ziele . Selten hatte der Arzt einen so tapferen , heiteren , fügsamen Patienten gehabt , wie es Sender jetzt war , aber selten auch einen , der den gütigen Mann so oft zu seinem barschen Ton gezwungen . Dieser Gegensatz zwischen dem rührenden Glauben des Kranken und der herben Wirklichkeit ergriff ihn immer wieder tief . Die anderen aber freuten sich nur über die Wandlung und schöpften neue Hoffnung , auch der Pater und der Marschallik . Sollten sie dem Arzte mehr glauben , als ihren eigenen Augen ? Sender wurde ja zusehends wieder kräftiger , das Gesicht war leicht gerötet , die Augen glänzten , auch der Husten hatte fast ganz aufgehört ; freilich wurde der Atem kürzer , aber auch das gab sich wohl . Vor allem aber täuschten sie sein Mut , sein Selbstvertrauen über seinen Zustand hinweg . Nun war alles anders als früher ; jeder Besuch freute ihn , mit den Freunden sprach er auch von seinen Plänen ; nur kurz freilich , schon weil ihm der Arzt vieles Reden untersagt , aber aus jedem Wort klang felsenfeste Zuversicht . Frau Rosel empfand dies jedesmal als einen rechten Stich ins Herz , aber sie schwieg , ihre Zusage wollte sie halten . Auch las er nun wieder eifrig , und als er zum ersten Male das Bett verlassen konnte , schrieb er einen langen Brief an Nadler , worin er erzählte , wie es sich mit ihm gefügt , daß er nun auf dem Wege zur Genesung sei und bitte , ihn nicht zurückzuweisen , wenn er sich - hoffentlich bald - zum Antritt seines Engagements melde . Der Direktor erwiderte umgehend aus Lemberg : Sender werde ihm immer willkommen sein , und nun könne er ihm auch bessere Vorbilder bieten als in Czernowitz , er sei zum Direktor des Lemberger deutschen Theaters ernannt worden und übernehme im Herbst die Leitung . Sender war selig ; jeder der Freunde mußte den Brief lesen . » Bis zum Herbst bin ich ja längst gesund « , sagte er . » Der Herr Doktor hat es mir ja versprochen . « In der Tat hatte der Arzt zum mindesten nicht widersprochen , als Sender um Antwort gedrängt und sie sich dann selbst gegeben . » Im Herbst wollen wir dann weiter lügen « , dachte er mitleidsvoll , » wenn es noch nötig sein sollte - - « Laut aber sagte er : » Natürlich müssen Sie vorher nach Delatyn zur Molkenkur ! « Heilung konnte Sie Sender nicht mehr bringen , aber Erleichterung der Atemnot . Der Kranke war es zufrieden ; auf Mitte Juni war die Abreise festgesetzt . Aber nun erhob sich die Schwierigkeit , wer ihn begleiten sollte , denn der Arzt bestand darauf , daß er nicht allein gehe . Frau Rosel konnte von ihrem Posten nicht abkommen , auch hatte sie die Todesangst während Senders Flucht nicht recht verwunden und war in den letzten Monaten sehr gebrechlich geworden . Jütte ? Sie selbst wäre freilich auch dazu bereit gewesen , aber das verbot die Sitte . Auch Sender sah dies seufzend ein , sonst hätte er sich keine bessere Gesellschaft zu wünschen gewußt . Das Mädchen war ihm durch seine selbstlose Güte sehr teuer geworden , er liebte sie so recht wie eine Schwester . » Nüssele « , sagte er ihr einmal , » was hast du für ein golden Herz ! « Seit den Tagen seiner Krankheit duzten sie sich . » Darum verstehst und begreifst du auch alles - nur durchs Herz . Ich denk ' mir nur immer : wo nehmen wir einen Mann für dich her , der dich wert ist ! « Ihr war sehr weh , als er so sprach , aber sie bezwang sich . » So ein Mensch ist eben noch gar nicht geboren « , erwiderte sie , » und darum muß ich ledig bleiben . « » Behüte ! « erwiderte er lächelnd . » Er ist schon unterwegs . Wenn er kommt und ich bin nicht mehr da , dann will ich bei der Hochzeit nicht fehlen , und wenn ich aus Berlin oder Hamburg herreisen müßte . Mit einer großen Kiste voll Geschenken komm ' ich dann gefahren , Nüssele , und schau ' mir den glücklichen Menschen an , der das beste Weib auf der Erde bekommt . « Da wandte sie sich ab und ging rasch hinaus ; ihre Kräfte drohten sie zu verlassen . Außer dem Arzte wußte wohl sie am besten , wie es um Sender stand ; auch dies hatte ihr das Herz gesagt , das Herz , das ihn liebte . Schon war beschlossen , daß ein gemieteter Wärter Sender begleiten sollte , als das Schicksal für einen besseren Pfleger sorgte . Als Sender eines Nachmittags mit dem Marschallik auf dem Bänkchen vor dem Hause saß , unter dem Lindenbaum , fuhr der Alte plötzlich auf und rief , auf die Straße deutend : » Da ist ja der kleine , jüdische Spieler aus Borszczow . « Sender blickte auf , auch er erkannte Können sofort . Langsamen Schrittes , das Haupt gebeugt , kam der Kleine , ein Ränzelchen auf dem Rücken , dahergegangen . Als er Sender gewahrte , blieb er wie starr vor freudigem Schrecken stehen und eilte dann auf ihn zu . » Also Sie leben ! « rief er und faßte nach seiner Hand . » Sie leben ! « » Natürlich « , erwiderte Sender . » Nicht mein Geist . Fühlen Sie nur , Fleisch und Blut , wenn auch noch etwas wenig . Hat man mich tot gesagt ? « » Gottlob ! « rief der Kleine , ohne auf die Frage zu antworten , dann begrüßte er auch den Marschallik , der ihm freundlich die Hand drückte . Ohne seine Hilfe hätte er Sender in Borszczow kaum von Stickler losgebracht ; der Direktor hatte fünfzig Gulden Entschädigung verlangt und sich schließlich nur auf Könnens Vorstellung mit fünfzehn begnügt . » Kommen Sie als Quartiermacher ? « fragte er . » Ich fürcht ' , in Barnow werden Sie keine guten Geschäfte machen . « Der Kleine schüttelte den Kopf . » Ich bin kein Schauspieler mehr « , sagte er düster . Und nun erst sah Sender , daß ihm ein Wald schwarzer Stoppeln im Gesicht wucherte . » Und die Gesellschaft ? « » Aufgelöst « , erwiderte Können und um seinen Mund zuckte es schmerzlich . Dann setzte er zum Reden an , blickte auf den Marschallik und verstummte wieder . Der Alte verstand den Blick und ließ die beiden allein . » Es freut mich , daß Sie sich endlich losgemacht haben « , sagte Sender . » Es war hohe Zeit ... « » Das war ' s « , erwiderte Können , » aber ich habe mich nicht losgemacht ... « Er blickte zu Boden , seine Lippen bebten . » Ich hätte es nie gekonnt ... Sie ist ... « » Tot ? ! « rief Sender bewegt . Wie immer sie sonst gewesen , ihm hatte sie Teilnahme erwiesen . » Wie schade ! Ein solches Talent ! Aber sie war ja noch so jung und ein blühendes Geschöpf . « Da erinnerte er sich ihres gellenden Lachens , ihrer verzweifelten Reden . » Hat sie sich etwa selbst ... ? « Können nickte , sprechen konnte er nicht . » Sie hat sich vergiftet « , stieß er endlich hervor . Aber es währte lange , bis er erzählen konnte : » Sie wissen wohl noch , Birk hat einst viel für sie getan und sie es ihm übel gelohnt . Sie hat ihn zuerst betrogen , dann sich ganz von ihm losgesagt . Er hat nie ein Wort darüber gesprochen , vielleicht habe nur ich gewußt , daß dies das schmerzlichste war , was den Unglücklichen in seinen letzten Jahren getroffen hat ; seit dem Bruch mit der Schönau ist es immer rascher mit ihm abwärts gegangen . Und er war dazu verdammt , sie täglich zu sehen , er hat auch dies ertragen müssen , nur daß er außer der Bühne nie ein Wort mit ihr gesprochen hat . Um Mitte Mai - wir waren eben in Kolomea - sagt er mir einmal vor der Vorstellung der Räuber : Ich fürchte , heut ' bring ' ich ' s nicht zu Ende ! Und richtig , gleich in der ersten Szene - er hat den alten Moor gespielt und Hoheneichen erzählt eben von Karls Verworfenheit , stöhnt er bei den Worten : Mein , mein ist die Schuld ! auf und greift sich an die Stime und sinkt zurück und röchelt leise . Und das war so schauerlich , daß eine Bewegung durchs Publikum gegangen ist und alle gesagt haben : Großartig ! Und Hoheneichen merkt auch nichts und spricht weiter , aber auf das nächste Stichwort ist Birk nicht mehr eingefallen . Es war ein Nervenschlag ... « » Entsetzlich « , murmelte Sender . » Für ihn war ' s eine Erlösung « , fuhr Können fort , » nur daß er nicht gleich tot war . Drei Tage ist er dagelegen und hat geröchelt und Worte gelallt , die ich nicht verstanden habe . Denn ich habe ihn gepflegt und war sehr betrübt , denn er hat mich nie gehöhnt . Aber das war in jenen Tagen nicht mein größter Schmerz , sondern « - er stockte - » aber warum sollt ' ich ' s Ihnen nicht sagen , da es gottlob nicht wahr war ? - Der Souffleur von Nadlers Gesellschaft , der mein Freund ist , hat mir geschrieben , Sie liegen im Sterben ... Also , am dritten Tage , wie ich eben bei ihm bin und sehe , es geht zu Ende , klopfte es an die Tür , ich blicke hinaus : die Schönau . Sie hat entsetzlich ausgesehen . Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe , sagt sie , vielleicht verzeiht er mir vor dem Tode ! Und obwohl ich abmahne , tritt sie ein . Da zuckt es in seinem Gesicht , er sucht die Hand zu heben . Weg ! ruft er . - Ferdinand ! schluchzt sie und wirft sich vor seinem Bett nieder . Da richtet er sich plötzlich auf und lallt : Weg ! Dirne ! Mörderin ! Und sinkt zurück und stirbt , und noch im Tod war auf seinem Gesicht der Abscheu und der Zorn ... « Er atmete tief auf und fuhr fort : » Drei Tage ist sie still herumgegangen , aber mit einem Gesicht - uns allen hat nichts Gutes geahnt . Da bekommt der Stickler Furcht und bittet einige Edelleute , daß sie sie zu einem Souper einladen . Und sie sagt zu . Genug gejammert , lacht sie , es holt uns doch alle der Teufel ! Aber wie das Souper beginnen soll , kommt sie nicht . Und wie einer auf ihr Zimmer geht , sie zu holen - - - « » Sie war sogleich tot ? « fragte Sender . Können nickte . » Blausäure , sie kann nicht gelitten haben . « Wieder schöpfte er tief Atem . » Von mir will ich nicht reden ... Nach dem Begräbnis habe ich dem Stickler gesagt : Nun geh ' auch ich . Und obwohl er mich nun plötzlich wieder du genannt hat , der Lump , bin ich fest geblieben . Mit den drei anderen hat er nicht fortspielen können - und ohne solche Zettel ! - so hat sich die Gesellschaft aufgelöst . Sie suchen nun einzeln ein anderes Engagement , nur die Linden nicht , die wird Putzmacherin in Czernowitz . « » Und was haben Sie vor ? « fragte Sender . » Ich hoffe , der Herr Doktor Bernhard Salmenfeld hier nimmt mich in seine Kanzlei . Ist bei ihm keine Stelle frei , so versuch ' ich ' s anderswo . Um mich ist mir nicht bange . « » Mir auch nicht « , sagte Sender . » Und ich wünsche Ihnen Glück , daß - verzeihen Sie , Sie haben ' s selbst so genannt - der Wahnsinn zu Ende ist . « Können schüttelte den Kopf . » Der Schauspielerwahnsinn , da haben Sie recht . Aber das andere ... « Er wandte sich ab , dann griff er nach Stock und Ränzel und ging mit stummem Gruß der Stadt zu . Salmenfeld wollte den Mann , den er als verläßlich kannte , gern behalten , mußte aber erst seinem Sollizitator kündigen . So war Können für die nächste Zeit frei und gern bereit , Sender nach Delatyn zu begleiten . Frau Rosel war freilich etwas besorgt : ein Fremder und ein einstiger » Spieler « dazu ! Aber ihr Mißtrauen war unbegründet , treuer als er hing selbst Moskal nicht an seinem Herrn . Ehe sie die Reise antraten , suchte Sender zum ersten Mal die Gräber seiner Eltern auf . Rabbi Manasse hatte einst den Fremden die Ruhestätte an der Friedhofmauer angewiesen , wo die Ärmsten gebettet werden , aber die Gräber fand Sender wohlgepflegt ; auch für zwei stattliche Grabsteine hatte Frau Rosel gesorgt . Lange saß er auf dem Grabhügel seines Vaters , der von dem der Mutter nur durch einen schmalen Raum getrennt war , der eben noch knapp für eine Grabstätte reichte . » Ich war im Leben nicht bei ihnen « , dachte er , » im Tode will ich es sein , wohin immer mich mein Weg führt . Hier wird sich ' s einst nach langer , hoffentlich segensreicher Arbeit am besten ruhen . « Und er bat noch selben Abends den Marschallik , ihm bei der Gemeinde das Grab zu sichern . » Ich fühl ' s « , sagte er , » ich werde lange leben . Wer weiß , wie überfüllt dann der Friedhof ist . Es soll sich nichts Fremdes zwischen uns drängen . « Der Alte konnte ihm schon am nächsten Tage die Bestätigung der Gemeinde bringen . Der Flecken Delatyn liegt in den Karpathen , etwa zwölf Meilen von Barnow ; er wird seiner würzigen Tannenluft sowie der kräftigen Molke wegen viel von Lungenkranken aufgesucht . Dort verbrachte Sender mit seinem treuen Können sechs stille , schöne Wochen . Sie suchten niemandes Bekanntschaft ; die Gesellschaft des Kleinen genügte Sender vollständig ; er konnte ja mit ihm vom Theater sprechen ! Dazu die Bücher , die schöne Natur , die Hoffnung , schon in zwei Monaten nach Lemberg zu gehen - er fühlte sich glücklich , fast wunschlos . Auch mit seiner Gesundheit ging es immer besser . Zwar die Schwäche wollte nicht weichen , aber aus dem Spiegel blickte ihm ein volleres Gesicht entgegen und das Atmen ging leichter . Selbst der Arzt war einen Augenblick freudig überrascht , als Sender sich nach seiner Rückkunft bei ihm meldete . Aber die Freude verflog , als er das Hörrohr an die Brust des Kranken legte . Dennoch widersprach er nicht , als dieser fragte : » Nicht war , im September darf ich nach Lemberg ? « Wohl aber beriet er mit Samenfeld . » Da muß wieder einmal Ihre Bekanntschaft mit Nadler aushelfen « , sagte er ihm . » Er muß ihn durch irgend einen Vorwand auf den Frühling vertrösten . Spätestens im November ist der arme Junge erlöst . « Der Direktor beeilte sich , dem Wunsche Salmenfelds zu entsprechen , nur machte er diesmal seine Sache trotz besten Willens nicht eben geschickt . Er bat Sender , sich bis zum April zu gedulden , weil in den ersten Wochen der Wintersaison eine ganze Reihe von Gastspielen stattfinde , zuerst komme Dawison , dann die Rettich , La Röche und Fichtner . Nun bedürfe ein Anfänger der steten Anleitung , gerade die ersten Wochen seien oft geradezu entscheidend für die ganze Künstlerlaufbahn , und da werde er sich ihm ja der Gastspiele wegen nicht widmen können . Dieser Grund leuchtete Sender nicht ganz ein ; da er jedoch gewohnt war , jede Weisung Nadlers wie einen Orakelspruch hinzunehmen , so ließ er ihn gelten und machte sich sogar keine Gedanken darüber . » Es ist mir also vorbestimmt « , dachte er , » mein Engagement im Frühling anzutreten , allerdings ein Jahr später . Aber Nadler hat sicherlich wohl überlegt , daß die Verzögerung der geringere Schade ist . « Hingegen erregte der Name Dawison stürmische Sehnsucht in seinem Herzen . Der berühmteste deutsche Schauspieler seiner Zeit , desselben Stammes wie er , der einst freundliche Teilnahme für sein Schicksal gezeigt , in Lemberg - und er sollte ihn nicht sehen ! Dawison hatte im Dezember vorigen Jahres - das wußte er - sein Engagement am Burgtheater gelöst und gastierte nun , es hieß , er wolle nach Amerika gehen - wie , wenn sich die Gelegenheit nie wieder fand ! Und als er in dem Wiener Blatte , das ihn Salmenfeld lesen ließ , die Nachricht fand , daß der Künstler außer dem Mephisto und Richard III. auch den Shylock spielen werde , erklärte er der Pflegemutter den Entschluß , nach Lemberg zu gehen . Sie widersprach heftig , noch immer täuschte sie sich ja über seinen Zustand , nun wollte er ernstlich zur Bühne , sie durfte es nicht dulden . Der Widerstand nützte ihr nichts , umsomehr da auch der Arzt keine Einwendung hatte . » Warum sollte ich dem Ärmsten nicht noch diese Freude gönnen ? « sagte er zu Salmenfeld . » Nur muß freilich Können mit . « Und so geschah ' s. In den letzten Septembertagen sollte das Gastspiel stattfinden , schon acht Tage früher brachen die beiden auf , um die vier Tagereisen bequem zurückzulegen . Sender war selig - welcher Genuß harrte seiner ! Und das Wetter war warm und sonnig , das Wägelchen bequem , Nadler war verständigt und hatte seine Freude ausgedrückt , ihn wiederzusehen - die Freunde hatten eben für alles gesorgt ; im Kofferchen lag sogar ein feiner , schwarzer Anzug , damit er sich dem Künstler würdig vorstellen könne . Wenn ihn Können in diesen ersten Stunden ansah , hätte er kaum glauben mögen , daß es ein Todkranker war , neben dem er saß . Aber bald machten sich die Folgen der Anstrengung fühlbar , der Ärmste rang nach Luft , und die rüttelnde Bewegung bereitete ihm so große Schmerzen , daß er trotz aller Selbstbeherrschung leise stöhnen mußte . Erschreckt ließ Können schon im nächsten Flecken halten ; statt desselben Tages gelangten sie erst am nächsten nach Buczacz , der Stadt seiner Knabenstreiche , die er einst so plötzlich hatte verlassen müssen , und mußten hier einen vollen Tag rasten . In der Folge ging es ähnlich , ja schlimmer . Die beiden ersten Gastvorstellungen waren nun versäumt , sie langten erst am Vorabend der letzten Vorstellung in Lemberg an . Sender war betrübt , aber nicht verzweifelt . » Der Shylock soll ja seine bedeutendste Rolle sein « , sagte er , » das Beste entgeht mir also doch nicht . « Noch mehr , er gewann seinem Ungemach sogar eine gute Seite ab . » Ich bin doch noch nicht so ganz hergestellt , wie ich geglaubt habe ; vielleicht hätte mich das Spielen jetzt noch zu sehr angegriffen ; im April , nach einem ruhigen Winter , wird ' s mir weit besser gehen . « Am nächsten Tage suchten sie Nadler in der Direktionskanzlei auf . Der weichherzige Mann hatte Mühe , seine tiefe Erschütterung über Senders Aussehen zu verbergen . Doch faßte er sich rasch , hieß ihn herzlich willkommen und gewann es sogar über sich , ihm von Rollen zu sprechen , die er ihm im nächsten Frühling zuteilen wolle . Für den Abend lud er die beiden in seine Loge , am nächsten Nachmittag versprach er , Sender Dawison vorzustellen . Mühsam atmend , aber mit stolzen , leuchtenden Augen kehrte Sender , auf Könnens Arm gestützt , ins Hotel zurück . Am Nachmittag machte der Direktor den beiden einen Gegenbesuch . Sender ruhte , nur Können empfing ihn . Nadler ließ sich von ihm eingehend berichten , auch von jener Probe in Zaleszczyki . Als er ihm Birks Urteil erzählte , rief Nadler schmerzvoll : » Und Birk hatte einen untrüglichen Instinkt wie jedes großes Talent . Ich werde nie aufhören , mir Vorwürfe zu machen , daß ich ihn nicht damals sofort mitgenommen habe ! « Können wollte ihn unterbrechen . » Ich weiß , was sich zu meiner Entschuldigung vorbringen läßt « , sagte er , » aber mich drückt ' s doch . Es ist ja traurig genug , wenn ein Talent durch eigene Schuld zugrunde geht wie Birk . Und nun erst dieser Sender ! Warum muß er sterben ? Sein Verbrechen ist , daß er deutsche Bücher nirgendwo anders fand als in der ungeheizten Bibliothek des Barnower Klosters . « Schon lange vor Beginn der Vorstellung waren die beiden in der Loge . Klopfenden Herzens musterte Sender das stattliche Haus , das sich eben füllte . Die Stätte seines einstigen Wirkens ! Dann dachte er an nichts als die Freude , die heute seiner harrte . So andachtsvoll mag selten jemand einer Vorstellung gelauscht haben wie der arme , blasse Mensch , der die Nebensitzenden zuweilen durch sein Husten störte . Als sich der Vorhang zur ersten Shylockszene hob , ergriff er unwillkürlich Könnens Hand , ihn schwindelte , er ertrug die Spannung kaum . Da - ein stürmisches Klatschen , daß das Haus dröhnte - da war Dawison . Vorgebeugt , schwer atmend saß Sender da , die Maske zwar verwunderte ihn nur : er hätte nie gedacht , daß Shylock so alt und häßlich aussehen müsse , aber die Sprechweise , das Spiel ließen ihn sofort erkennen , daß diese Auffassung eine ganz einheitliche sei . Welche Bewegungen , welche Stimme - ihr umflorter , nervöser Klang , in welchem der unterdrückte Haß zitterte , ging ihm durch Mark und Bein . Bei der Rede : » Signor Antonio , viel und oftermals « und so weiter feuchteten sich seine Augen . Und ich war auf mein Deklamieren stolz ! dachte er . Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und die Freude , einen solchen Künstler zu hören , ergriffen ihn gleichermaßen . Ähnliches empfand er bei den folgenden Szenen , aber die tiefste Bewegung überkam ihn während der Eingangsszene des dritten Aktes . » Wenn ihr uns stecht , bluten wir nicht ? Wenn ihr uns kitzelt , lachen wir nicht ? « - Das war kein Schauspieler mehr , sondern ein armer , unseliger Mensch , der lange seine und der Brüder Jammer verschlossen in sich getragen , der klaglos geduldet und nun plötzlich Worte fand für sein furchtbares Weh . Über Senders Antlitz rannen die Tränen nieder ; als am Schlusse der Szene donnernder Beifall losbrach , saß er regungslos , aber seine Lippen murmelten : » Mein Gott und Herr , ich danke dir ! « Gleich mächtig vermochte nichts mehr auf ihn zu wirken , und in der Gerichtszene , wo Dawison den Blutdurst durch die grellsten Mittel verbildlichte - er wetzte sogar das Messer an der Sohle - ertappte er sich sogar auf dem Gedanken : » Ist das nötig ? « Gleichwohl war er auch hier voll der wärmsten Bewunderung , und als der Vorhang des vierten Akts gefallen war , erhob er sich . » Kommen Sie « , flüsterte er Können zu . » Sind Sie nicht wohl ? « fragte dieser besorgt . Sender schüttelte den Kopf . » Nein « , erwiderte er . » Aber aus diesem Künstler hat mich Gottes Odem angeweht , die anderen sind nur Menschen . « In dieser Nacht schloß Sender kein Auge . Neben dem