einem Liebeswege ging . In die jährliche Verlosung , welche mit der Gemäldeausstellung verbunden war , hatte Erikson eines seiner kleinen Bilder verkauft , und dasselbe war von der Witwe eines großen Bierbrauers gewonnen worden , die nicht gerade im Rufe einer Kunstfreundin stand , sondern mehr in Erfüllung einer Anstandspflicht reicher Leute sich an diesen Dingen beteiligte . Da es öfter vorkam , daß so gewonnene Gegenstände an zudringliche Händler verschleudert wurden , so suchten die Künstler ihr Werk in solchem Falle wiederzuerwerben , um den Gewinn selbst zu machen . Auch Erikson hatte bei gedachter Gelegenheit den Versuch gewagt und gehofft , das Bild um ermäßigten Preis an sich zu bringen , um es abermals zu verkaufen und der Mühsal der Erfindung und Ausführung eines neuen Werkleins für einmal enthoben zu sein . Denn er war bescheiden und hielt nicht dafür , daß das Bestehen der Welt von der Unerschöpflichkeit seines Fleißes abhänge . Er suchte also die Wohnung der Gewinnerin unverweilt auf und stand bald auf dem Vorsaale des Witwensitzes , dessen Stattlichkeit das Gerücht von dem Reichtume des verstorbenen Brauers zu bestätigen schien . Eine alte Dienerin , welcher er sein Anliegen mitteilen mußte , brachte ihm ohne Zögern den Bericht , daß die Herrin das Bild mit Vergnügen abtrete , daß er aber ein andermal wieder vorsprechen möge . Weit entfernt , über solche Willfährigkeit und Geringschätzung empfindlich zu sein , ging Erikson ein zweites und drittes Mal hin , und erst jetzt wurde er etwas betroffen und erbost , als die Dienerin endlich kundtat , die bequeme Dame verkaufe das Bild um ein Vierteil des angegebenen Wertes und bestimme das Geld für die Armen ; der Herr Maler möge , um nicht fernere Mühe zu haben , es am andern Tage bestimmt abholen und das Geld mitbringen . Er tröstete sich indessen mit der Aussicht , nun jedenfalls ein Vierteljahr nicht malen zu müssen , und das Wetter ausspähend , ob es gute Jagdtage verspreche , machte er sich zum vierten Male auf den Weg . Die unvermeidliche Alte führte ihn in ihr kleines Dienstgemach und ließ ihn da stehen , um das Kunstwerkchen herbeizuholen . Dieses war aber nirgends zu finden ; immer mehr Bedienstete , Köchin , Kammermädchen , Hausknecht und Kutscher rannten umher und suchten in Küche , Keller , Kammern und Remisen . Endlich rief das Geräusch die Witwe herbei , und als sie , die , nach dem kleinen Bildchen urteilend , gewähnt hatte , einen ebenso kleinen und dürftigen Urheber zu finden , nun den mächtigen Erikson dastehen sah , dessen Goldhaar glänzend auf die breiten Schultern fiel , geriet sie in die größte Verlegenheit , zumal er , aus einem ruhigen Lächeln erwachend , sie mit festem offenem Blicke betrachtete wie eine Erscheinung . Sie war aber auch des längsten Anschauens wert ; von der Rosenfarbe der Gesundheit und Lebensfrische überhaucht , kaum vierundzwanzig Sommer alt , vom reinsten Ebenmaß an Gestalt und Gliedern , mit braunem Seidenhaar und braunen lachenden Augen , konnte ihr Wesen kurz und gut als ein aphrodisisches im besten Sinne bezeichnet werden , ein solches nämlich , das der Eignerin wohl bewußt war und von ihr selbst darum mit edler Sitte gehütet wurde . Um die gegenseitige Verwunderung und Verlegenheit zu endigen , lud die Errötende mit zurückgekehrter Geistesgegenwart den Maler ein , in das Zimmer zu treten , und wie sie dort waren , entdeckte er die kleine Gemäldekiste , welche als Fußschemel unter dem Arbeitstischchen der Witwe stand , von dieser nicht beachtet oder vergessen . » Hier ist ' s ja ! « sagte Erikson und zog das Kistchen hervor . Es war noch nicht einmal geöffnet worden ; denn der Deckel haftete noch leicht aufgeschraubt an demselben . Erikson machte ihn mit wenig Mühe los , und das kleine Bild glänzte nun in seinem Rahmen , der nach einem alten reichen Muster gearbeitet war , mit aller Frische im Tageslichte . Inzwischen hatte die junge Frau die Lage der Dinge schnell zu erfassen gesucht und wünschte vor allem der Beschämung zu entgehen , die ihr die nachlässige Art , eine Kunstsache zu behandeln , zuziehen konnte . Von neuem errötend , sagte sie , sie habe in der Tat nicht gewußt , um was es sich handle ; nun aber , obgleich sie keine Kennerin sei , scheine ihr doch das Bildchen von vorzüglichem Werte , und sie glaube den Schöpfer desselben zu beleidigen , wenn sie nicht mindestens die Hälfte des Ankaufspreises verlange . Besorgt , sie möchte ihre Forderung abermals erhöhen , beeilte sich Erikson , die Börse zu ziehen und die Goldstücke hinzulegen , indes die Dame das einfache Landschäftlein immer aufmerksamer betrachtete und die schönen Augen in dem sonnigen Gefildchen spazierengehen ließ , wie wenn sie Land und Meer des Golfes von Neapel vor sich hätte . Dann blickte sie wie verschüchtert zu dem Recken empor und begann wieder je mehr sie das Bild ansehe , desto besser gefalle es ihr , und sie müsse nun die volle Summe dafür fordern ! Seufzend bot er drei Vierteile , um wenigstens etwas zu retten . Allein sie scheute sich keineswegs , auf ihrer Wortbrüchigkeit zu beharren , und erklärte , das Bild lieber behalten als es unter dem Werte hingeben zu wollen . » In diesem Falle wäre es lieblos von mir « , versetzte Erikson , » mein kleines Werk einer so guten Stelle zu berauben ; auch habe ich keine weitere Ursache mehr , auf einem Handel zu bestehen , der mir keinen Gewinn bringt ! « Er strich hiemit sein Geld wieder ein und machte Anstalt , sich zu entfernen . Doch die Schöne , den Blick auf das Bildchen gerichtet , bat ihn mit einiger Verlegenheit , noch einen Augenblick zu verziehen . Erst jetzt bot sie ihm einen Stuhl an , um Zeit zu gewinnen , ihre Genugtuung für den solchem Manne angetanen Affront vollständig zu machen . Endlich besann sie sich auf den schicklichsten Ausweg und fragte Erikson mit höflichen Worten , ob sie ein Gegenstück zu dem Bilde bei ihm bestellen dürfe , das ebenso freundlich und friedlich auf das Auge wirke , so daß sie sozusagen für jedes Auge einen solchen Ruhepunkt hätte , wenn sie an ihrem Schreibtische säße , über welchem sie die Bildchen aufzuhängen gedenke . Dieser optische Unsinn erweckte eine vergnügliche innere Heiterkeit des Malers , und obgleich er hergekommen war , um eine Verminderung statt Vermehrung der Arbeit zu erzielen , bejahte er natürlich die Frage in verbindlicher Weise , worauf aber die Witwe plötzlich die Unterhaltung abbrach und den Maler mit zerstreutem Wesen entließ . Diesen bisherigen Verlauf hatte uns Erikson am Abend des gleichen Tages als hübsches Abenteuer selbst erzählt ; in der folgenden Zeit aber kam er nicht mehr darauf zurück , sondern beobachtete über den Gegenstand ein sorgfältiges Schweigen . Wir errieten trotzdem an einem Zeichen , wie es stand , als er eines Tages , von dem fertiggewordenen zweiten Bildchen sprechend , nicht vermeiden konnte , der Bestellerin zu erwähnen , und sie dabei unvorsichtig bei ihrem Taufnamen Rosalie nannte . Wir andere sahen uns schweigend an ; denn wir mochten ihn als aufrichtige Freunde , die ihm verdientermaßen zugetan waren , auf seinen Wegen nicht stören . Selbst einer reichen Brauersfamilie entsprossen , war das junge Mädchen in Befolgung einer alten Hauspolitik dem Bräuherren verbunden worden , da die Grundlage des klassischen Nationalgetränkes an sich von öffentlicher Bedeutung und wichtig genug war , derartige Überlieferungen zu tragen . Nachdem aber der kräftige Bräuherr unversehens von einem gefährlichen Fieber dahingerafft worden , sah sich die Witwe mit einem Schlage in volle Freiheit und Selbständigkeit versetzt , mit welcher sich das inzwischen gereifte Bewußtsein der Person verband . Mit jener außergewöhnlichen Schönheit begabt , die ebenso selten als dann auch vollkommen erscheint , von innen heraus zugleich von dem Bedürfnis harmonischen Lebens beseelt , hatte sie sich zunächst mit den leichten und doch starken Schranken ruhiger Absichtslosigkeit , ja Resignation umgeben , um jeder Reue bringenden Übereilung und Gewaltsamkeit aus dem Wege zu gehen , wahrscheinlich aber doch mit dem Vorbehalte entschiedener Wahl , sobald die rechte Stunde käme . Diese war mit der Erscheinung Eriksons unvermutet da ; in Erkennung oder Ahnung derselben hatte Rosalie den ersten Augenblick nicht verscherzt , nachher aber mit aller Ruhe und Umsicht sich weiter benommen . Sie wußte Erikson nach und nach Gelegenheit zu geben , mit allerlei Rat bei ihr zu erscheinen ; das gab sich ungezwungen von selbst , da sie in der Tat begriffen war , die zufällige und bunte Art ihres Hausrates und Wohnsitzes umzuwandeln , zu vereinfachen und doch zu bereichern . Mit geheimer Freude bemerkte sie die ruhige Sicherheit in Eriksons Auskünften und Hilfeleistungen und wie er ganz an seiner Stelle schien , wenn er über Mittel und Raum in zweckmäßiger Weise verfügen konnte . Daß er von guter Familie und Erziehung war , blieb ihr nicht verborgen , soweit sie das aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte , und so ging sie Schritt für Schritt weiter in der Absicht , den Bären zu fangen , dessen Gefangene sie schon war . Sie zog mehr Gäste herbei , um ihn öfter einladen zu können und ihn bei Tische zu sehen ; auch veranlaßte sie ihn , Freunde bei ihr einzuführen , so daß ich ebenfalls ein- oder zweimal in ihr Haus geriet , wobei es mir zustatten kam , daß ich nach dem Wunsche meiner Mutter mich immer noch im Besitze eines geschonten Sonntagskleides befand . Unsern Freund Lys hingegen brachte er kein einziges Mal hin , des verschlossenen Albums wegen , wie er mir anvertraute , was ich mit ernster Miene billigte . Ich glaube beinahe , daß ich eine Art pharisäischer Eitelkeit über meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf zu gut tat , daß ich noch nie durch Reichtum , Freiheit , Weltkenntnis und geeignete Persönlichkeit in die Lage gekommen war , die eigene Tugend zu bewähren . Denn meine frühen judithischen Abenteuer brachte ich keineswegs in Anschlag ; ich lebte auf jenem Punkte , wo man die sogenannten Kindereien für geraume Zeit vergessen und in selbstgerechter Härte alles verurteilt , was man noch nicht erfahren hat . Als jetzt das Künstlerfest vorbereitet wurde , standen die Sachen zwischen Rosalie und Erikson so , daß jene halbwegs als seine Partnerin daran teilnehmen konnte , wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt . Auf einem andern Wege wandelte Lys , um seine Festgefährtin zu holen . In einem altertümlichen Teile der inneren Stadt , auf einem kleinen Seitenplatze , stand ein schmales Haus , von geschwärztem Backstein erbaut und nur drei Stockwerke hoch , jedes nur von der Breite eines einzigen , freilich ansehnlichen Fensters . Nicht nur die Fenster waren reich in ihrer Einfassung gegliedert , sondern in die Höhe laufend unter sich mit Zierat verbunden , der wiederum verdunkelte Mauergemälde einfaßte . So bildete das Haus einen kleinen Turm oder vielmehr ein schlankes Monument , wie etwa Künstler vergangener Jahrhunderte mit besonderer Liebe für sich selber erbaut haben . Über der Haustüre reichte ein Marienbild von schwarzem Marmor , das auf einem vergoldeten Halbmonde stand , bis zum ersten Stockwerke , und an der Türe glänzte noch der ursprüngliche Türklopfer , der ein kühn sich hinausbiegendes Meerweibchen darstellte . Das untere Gemälde über dem ersten Fenster enthielt den Perseus , wie er die Andromeda von dem Drachen befreit , dasjenige über dem zweiten Fenster den Kampf des heiligen Georg , der die libysche Königstochter aus der Gewalt des Lindwurmes erlöst , und auf die spitze Giebelmauer war der Engel Michael gemalt , der zugunsten der Jungfrau über der Haustüre ebenfalls ein Ungeheuer mit seiner Lanze niederstieß . Vor vielen Jahren , als solche Denkmäler wie dies zierliche Häuschen verachtet und niedergerissen oder übertüncht wurden , hatte ein kleiner Baumeister dasselbe für wenig Geld an sich gebracht , sorglich erhalten und seinem Sohne hinterlassen , der ein mittelmäßiger Bildnismaler und zugleich ein Ersatzmann in des Königs Hartschiergarde gewesen , da er ein stattlicher Mann war . Die Witwe dieses malenden Hartschiers lebte mit ihrer Tochter in dem alten Hause von einem kleinen Witwengehalt und einer gewissen Summe , welche ihr jährlich dafür bezahlt wurde , daß sie ohne höhere Bewilligung das Haus nicht verkaufte noch an der Fassade etwas zerstören oder ändern ließ . Die Tochter , Agnes geheißen , war das Urbild jener letzten Zeichnung in dem Album des schönheitskundigen Lys , der erst das Haus und sodann , das Innere desselben beschauend , auch das Juwel entdeckt hatte , das das Kästchen umschloß ; die Mutter war nicht nur die Hüterin der Schönheit von Kind und Haus , sondern auch ihrer eigenen , soweit sie noch in einem lebensgroßen Bildnisse von der Hand ihres toten Eheherren erglänzte . Von einem hohen Kamme überragt , zu jeder Seite der Stirn drei querliegende Locken , beherrschte sie im Schimmer ihres Brautstandes das Gemach , und vor dem Bilde standen jederzeit zwei rosenrote Wachskerzen , die noch nie gebrannt hatten . Trotz der flachen und schwächlichen Malerei machte sich die ehemalige Schönheit geltend ; es war dabei nicht zu erkennen , ob eine gewisse Seelenlosigkeit mehr von dem Ungeschick des Malers oder dem Wesen der Frau herrührte ; dennoch regierte sie mit dem Bilde noch immer das Haus und brauchte bloß einen Blick darauf zu werfen im Vorübergehen , um die Schönheit der Tochter sich nicht über den Kopf wachsen zu lassen . Diese Blicke wiederholten sich während des Tages ebenso regelmäßig wie das Eintauchen ihrer Fingerspitzen in das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre . Von der Seele aber , die in der Reihenfolge des Werdens ihr ohne Aufenthalt entschlüpft , war ein Teil in der Tochter wieder zum Vorschein gekommen , freilich so schwank , still und elementarisch wie das Leibliche , in dem sie wohnte . Als Lys mit gewandten und angenehmen Sitten sich soweit eingeführt hatte , daß er jene Figur zeichnen durfte , zwar nicht in das bewußte Buch , sondern vorerst in größerer Form auf ein besonderes Studienblatt , fand er weder den Mut noch den Anlaß , den gewohnten Zyklus durchzuführen , und es blieb bei dem einzigen Eintrag in das Album , den er nach der Studie mit Liebe und Sorgfalt vornahm . Er verbrachte zuweilen einen Abend bei den Frauen , führte sie auch einmal in das Theater oder in einen Lustgarten , und wo sie erschienen , erregte die seltene Erscheinung der Agnes ein so allgemeines und zugleich reines Wohlgefallen , daß sich keinerlei Nachrede oder Mißdeutung vernehmen ließ . Alle ihre ruhigen Bewegungen waren einfach und kurz nur auf den nächsten Zweck gerichtet und daher voll Anmut ; ihre Augen glänzten , wenn sie von irgendeinem Reiz angesprochen wurde , mit der treuherzigen Unschuld eines jungen Tieres , das noch keine Mißhandlung erfahren hat , und so kam es , daß Lys , anstatt eine seiner früheren Liebeleien anzufangen , unwillkürlich in einen ehrenhaften ernstern Verkehr hineingeriet , der ihm zum bisher unbekannten Bedürfnis wurde . Seine Befangenheit mehrte sich , wenn die Mutter in der Absicht , die Bravheit des Kindes zu rühmen , in dessen Abwesenheit erzählte , wie es nie imstande gewesen sei , die kleinste Lüge auch nur zum Scherz aufzubringen , und schon in frühsten Jahren jede Übertretung selbst angezeigt habe , und zwar mit einer solchen Ruhe , wenn nicht Neugierde über den Erfolg , daß die Strafe als unmöglich oder überflüssig erschien . Die Mutter konnte dann in ihrer Weise , um nicht selbst für unklug zu gelten , die Andeutung nicht unterlassen , das Kind dürfte allerdings keines der geistreichsten , dafür aber um so ehrlicher und vollkommen aufrichtig sein . Lys wußte aber bereits , daß Agnes klüger war als die Mutter , wenn sie dessen auch noch nicht innegeworden ; nicht minder übertraf sie dieselbe an Geschicklichkeit ; denn er bemerkte , daß sie häusliche Geschäfte rasch und geräuschlos besorgte , ohne je etwas zu zerbrechen , während die Mutter alles mit beträchtlichem Aufwand von Hin- und Hergehen , Reden und Klappern verrichtete und ihre Taten nicht selten mit dem Klirren eines entzweigegangenen Geschirres abschloß . Alsdann pflegte die Tochter eine erklärende oder tröstliche Bemerkung zu machen , welche dem graziösesten Witze gleich und doch mit tiefem Ernste rein sachlich gemeint und gegeben war . Allein welcher Art der Geist oder das Wesen dieses Geschöpfes sei , blieb ihm unbekannt , und wenn man ihn wegen seiner Entdeckung beglückwünschte und erklärte , die Agnes werde das beste Malerfrauchen abgeben , das man finden könne , still , harmonisch und eine unerschöpfliche Quelle schöner Bewegung , so schüttelte er den Kopf und meinte , er könne doch nicht ein Naturspiel heiraten ! Dennoch setzte er seine Besuche in dem schlanken Häuschen , drin das schlanke Wesen wohnte , fort und hütete sich nur , etwas Verliebtes zu tun oder zu sagen . Die Augen des Mädchens kamen ihm vor wie ein stilles Wasser , das wohl widerstandslos , aber auch für einen guten Schwimmer nicht gefahrlos ist , da man nicht wissen kann , welche Pflanzen oder Tiere es in seiner Tiefe verbirgt . Von der unbestimmten Vorstellung solcher Fährlichkeiten bedrückt , geriet er in ungewohnte Sorgen und stieß hie und da einen Seufzer aus , ohne es zu wissen ; diese Seufzer aber entfachten die geheime Glut einer herzlichen Neigung , die seit geraumer Zeit in dem kaum siebzehnjährigen Mädchen entzündet war , zur lebendigen Flamme . Jedermann konnte das liebliche Feuer sehen ; auch wir Freunde sahen es , als Lys bei den beiden Frauen zuweilen eine kleine Abendbewirtung anstellte und uns dazu einlud , um nicht allein dort zu sein und doch das Haus nicht meiden zu müssen . Wir sahen , wie sie stets die Augen auf ihn richtete , sich traurig wegwendete und doch immer wieder näherte , während er sich zwang , es nicht zu bemerken , aber sichtlich sich hundertmal zurückhalten mußte , sie mit der zuckenden Hand nicht zu berühren . Gelang es ihr dagegen einmal , sich so zu stellen , als ob sie seine trocken väterliche Art verstehe und würdige , und dabei ein Weilchen die Hand auf seiner Schulter liegenzulassen oder gar sich wie ein unbefangenes Kind einen Augenblick an ihn zu lehnen , so leuchtete das Glück aus ihren Augen , und sie blieb dann den ganzen Abend hindurch zufrieden und genügsam . Das Verhältnis begann für alle schwierig und bedenklich zu werden , die Mutter ausgenommen , welche die Belebung ihres Hauses angenehm empfand und nicht zweifelte , daß Lys eines Tages mit einem ernsten Antrage sich einstellen werde , gerade weil er so zurückhaltend sei . Auch Erikson mühte sich , anderweitig in Anspruch genommen , nicht stark um die Sache , und besonders wenn wir das zierliche Haus zusammen verließen , ging er unverweilt seine eigenen Wege , während ich mit Lys bald vor seine , bald vor meine Haustüre zu wandeln und dort noch stundenlange zu verhandeln und zu streiten pflegte . Ich wagte zwar nicht , ihn des Mädchens wegen offen zur Rede zu stellen ; denn er war hierin kurz abgebunden und stellte sich , je unentschlossener er sich fühlte , um so fester , als einer , der wisse , was er tue und zu tun habe . Dafür nahm ich den Umweg durch metaphysische Disputationen , weil ich die Leichtfertigkeit , deren ich ihn mit aufrichtigen Schmerzen bezüchtigte , mit der Gottlosigkeit zusammenwarf , welche er in so später Stunde ebenso eifrig und närrisch verteidigte , wie ich sie unaufhörlich angriff . Wir sprachen zuweilen so lange und so laut durch die Stille der Nacht , daß die Scharwächter der Stadt uns zur Schonung der schlafenden Bürger vermahnten . Plötzlich aber , zur Zeit da das Künstlerfest vorbereitet wurde , unterbrach Lys einmal meine Rede , von der er wohl merkte , wo sie hinauswollte , und kündigte mit ruhigen Worten an , daß er die Agnes als seine Festgefährtin einladen und auf den Verlauf des Festes abstellen wolle , ob eine bleibende Verbindung zwischen ihnen sich ergeben werde . Bei derartigen Anlässen , sagte er , pflegen die befangenen Menschenkinder aus sich herauszugehen und schicksalsfähiger zu sein als in gewöhnlichen Tagen . Auch für ihn stehe die Sache so , daß er einer zufälligen Entscheidung bedürfe , indem die Kraft des Wunsches und die Besorgnis eines Fehltrittes sich vollkommen die Waage hielten . Agnes blühte augenblicklich in neuer Hoffnung auf , als der Geliebte das Wort des Heiles an sie richtete ; denn sie hatte schon in stiller Trauer dem Gedanken entsagt , im Glanze jener Festfreuden ihm auch nur nahe sein zu können . Aber sie wollte das Heil nicht berufen und fügte sich still und demütig allen seinen Anordnungen , als er mit den reichen Stoffen zu ihren Gewändern erschien , welche die schlanke Gestalt umspannen , ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprägter Schönheit bringen sollten . Aber während er ihre schwarzen Haarwellen , die für drei Mädchenköpfe ausgereicht hätten , vorprüfend durch die Hände laufen ließ und in neue Lagen ordnete und sie lautlos das Haupt dazu hinhielt , beschloß sie in diesem selben jungen Haupte stumm und feierlich , nur darnach zu trachten , wie sie ihn im rechten Augenblick in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflöslich mit dem seinigen verbinden möge . Der kühne Vorsatz konnte nur die Ausgeburt des kindlich einfachen , aber in Aufregung geratenen Wesens sein . Dreizehntes Kapitel Wiederum Faßtnacht Das größte Theater der Residenz war in einen Saal umgewandelt und hatte , voll erleuchtet , bereits die beiden Körper des Festheeres , die Darstellenden und die Zuschauer , in sich aufgenommen . Während auf den Galerien und in den Logen reihen die schauende Welt versammelt harrte und einstweilen sich selbst in ihrem Schmucke betrachtete , summten die Seitensäle und Gänge , dicht angefüllt von den sich ordnenden Künstlerscharen . Hier wogte es hundertfarbig und schimmernd durcheinander . Jeder war für sich eine inhaltvolle Erscheinung und Person , und indem er selber etwas Rechtem gleichsah , schaute er freudig den Nächsten , welcher in der schönen Tracht nun ebenfalls so vorteilhaft und kräftig erschien , wie man gar nicht hinter ihm gesucht hätte , trotzdem der Kern der Festgebenden nicht aus leeren Figuranten und Lebemenschen , sondern aus schwungvollen , vom Genius gehobenen Jünglingen und längst in gediegener Arbeit ausgereiften Männern bestand , welche einen rechtsgültigen Anspruch besaßen , die bewährten Vorfahren darzustellen . Außer den Malern und Bildhauern gingen im Zuge Baumeister , Erzgießer , Glas- und Porzellanmaler , Holzschneider , Kupferstecher , Steinzeichner , Medailleure und viele andere Angehörige eines voll ausgegliederten Kunstlebens . In den Gießhäusern standen zwölf Ahnenbilder für den Königspalast , soeben vollendet , jedes zwölf Fuß hoch und im Feuer vergoldet . Zahlreiche Statuen von Landes-und Geistesfürsten eigener und fremder Nationalität , zu Roß und Fuß , samt den Bildwerken ihrer Fußgestelle waren schon vollendet und in der Welt zerstreut , riesenhafte Unternehmungen begonnen , und es ging in den Feuerhäusern wohl schon so gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem Gußofen zu Florenz , als Benvenuto seinen Perseus goß . In Fresko und Wachs waren schon unabsehbare Wände bemalt ; haushohe gemalte Fenster wurden gebrannt und zusammengesetzt in einem Farbenfeuer , das der Auferstehung einer untergegangenen Kunst angemessen war , um sie würdig zu feiern . Was die Gemäldesammlungen an seltenen und unersetzbaren Schätzen auf vergänglicher Leinwand bewahrten , wurde zur Erhaltung in dauernder Wiedergabe von geübten Arbeitern mit anspruchlosem Fleiße auf Porzellantafeln und edle Gefäße übergetragen mit einer Kunst , die erst seit wenig Jahren in solchem Grade bestand . Was nun der ganzen Trägerschaft dieser Kunstwelt , den großen und kleineren Meistern , den Gesellen und Schülern einen erhöhten Wert verlieh , das war der reinere Abglanz der ersten Jugendreife einer solchen Epoche , deren ideale Freudigkeit im selben Zeitalter selten wiederkehrt , eher schon von den leichten Schatten der Verbildung und Ausartung da und dort umschwebt wird . Alle , auch die Bejahrteren , waren noch jung , weil die ganze Zeit jung und die Spuren eines bloßen Könnens ohne Gefühl noch wenig zahlreich waren . Jetzt öffneten sich die Türen , und die Trompeter und Pauker , welche klangvoll erschienen , verbargen mit ihren Reihen den hinter ihnen anschwellenden Zug , so daß man erwartungsvoll harrte , bis sie vorgeschritten der reichen Entfaltung Raum gaben . Ihnen folgten zwei Zugfahrer mit dem Nürnberger Wappen , dem Jungfernadler auf den weiß und roten Röcken , und hinter diesen schritt schlank und zierlich einher , einen mächtigen Laubkranz auf dem Haupte , den goldenen Stab in der Hand , der Führer der stattlichen Zunft der Meistersänger . Alle bekränzt , ging die gute Schar derselben daher mit ihrer Spruchtafel , voran die wanderlustige Jugend in kurzer Tracht , welcher die Alten folgten , den ehrwürdigen Hans Sachs umgebend , der sich im dunkelfarbigen Pelzmantel wie ein wohlgelungenes Leben mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weiße Haupt darstellte . Aber das bürgerliche Lied war dazumal so reich und überquellend , daß es jede Meisterschaft begleitete und hauptsächlich auch unter dem Banner der nun folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging . Da war Hans Rosenblüt , der Schnepperer , der vielgewanderte Schalks- und Wappendichter , ein krummbuckliger munterer Gesell mit einer großen Klistierspritze im Arm . Mit langen Schritten folgte diesem der hochbeinige Hans Folz von Worms , der berühmte Barbier und Dichter der Fastnachtsspiele und Schwänke und als solcher Genoß des Rosenblüt und Vorzünder des Hans Sachs . Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher pflegten so das junge Schoß der deutschen Bühne . Liederreich waren alle die anderen Zünfte , die nun folgten in ihren bestimmten Farben an Kleid und Banner , die Schäffler und Brauer , die Metzger in rot und schwarzem , mit Fuchspelz verbrämtem Zunftgewande , die hechtgrauen und weißen Bäcker , die Wachszieher , lieblich in Grün , Weiß und Rot , und die berühmten Lebküchler , hellbraun und dunkelrot gekleidet ; die unsterblichen Schuster schwarz und grün wie Pech und Hoffnung , buntflickig die Schneider . Mit den Damast- und Teppichwirkern erschienen schon namhafte Meister des höhern Gewerbes ; denn sie brachten die fürstlichen Teppiche und Tücher hervor , mit denen die Häuser der Kaufherren und Patrizier geschmückt waren . Alle jetzt erscheinenden Zünfte waren ausgefüllt von einer wahren Republik kraftvoller , erfindungsreicher Handwerks und Kunstmänner . Die Tüchtigkeit teilte sich unter die Gesellen , welche manchen berufenen Burschen aufzuweisen hatten , wie unter die Meister . Schon die Dreher zeigten als Genossen Hieronymus Gärtner , welcher mit kindlicher Andacht , als ein Werklein zum Preise Gottes , aus einem Stückchen Holz eine Kirsche schnitzte , die auf dem Stiele schwankte , und eine Fliege , die darauf saß , so zart , daß die Flügel und die Füße sich bewegten , wenn man sie anhauchte - der aber zugleich ein erfahrener Meister in Wasserwerken und kunstreichen Brunnen war . Aus der wirren Fülle von Erscheinungen , deren fast jede ihre anmutige Legende hatte , leben jetzt noch manche in meinem Gedächtnisse , und doch sind es wenige im Vergleich zum Ganzen . Unter den Hufschmieden , rot und schwarz gekleidet wie Feuer und Kohle , ging Meister Melchior ; der die großen eisernen Schlangengeschütze aus freier Hand schmiedete ; unter den Büchsenmachern der erfindungsreiche Geselle Hans Danner , der schon dazumal von den Metallen Späne trieb , als hätte er weiches Holz unter den Händen , und sein Bruder Leonhard , der Erfinder von mauerstürzenden Brechschrauben . Da ging auch Meister Wolff Danner , der Erfinder des Feuersteinschlosses , und neben ihm Böheim , der Meister der Geschützgießer , welche ihre gleißenden , wohlverzierten Geschützröhren , Kanonen , Metzen und Kartaunen durch alle Welt berühmt machten . Die Zunft der Schwertfeger und Waffenschmiede allein umfaßte eine gegliederte Welt kunstreicher Metallarbeiter . Der Schwertfeger , der Haubenschmied , der Harnischmacher , jeder von diesen brachte den Teil der kriegerischen Rüstung , der seinem Namen entsprach , zur größten Gediegenheit und bewährte darin ein nachhaltiges Künstlerdasein . Wunderbar löste sich die strenge Einteilung in die Freiheit und Vielseitigkeit auf , mit welcher die schlichten Zunftmänner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen vorschritten und alle wieder alles konnten , oft ohne des Lesens und Schreibens mächtig zu sein . So der Schlosser Hans Bullmann , der Verfertiger großer Uhrwerke mit Planetensystemen , und der Vervollkommner derselben , Andreas Heinlein , welcher auch so kleine Uhren zuwege brachte , daß sie im Knopfe der Spazierstöcke Platz hatten ; auch Peter Hele , der eigentliche Erfinder der Taschenuhren , ging hier unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters . Noch seh ich auch unter den Holzschneidern ein kleines Männchen in einem Mäntelchen von Katzenpelz , den Hieronymus Rösch , den Katzenfreund , in dessen stiller Arbeitsstube überall jene spinnenden Tiere saßen . Und gleich hinter dem grauschwarzen Katzenmännchen erblicke ich die lichte Erscheinung der Silberschmiede , in himmelblauem und rosenrotem Gewande mit weißem Überwurf , und die Goldschmiede , hochrot gekleidet mit schwarzdamastenem , reich mit Gold gesticktem Mantel . Silberne Bildtafeln und goldgetriebene Schalen wurden ihnen vorangetragen ; die plastische Kunst lachte hier in silberner Wiege , und die neugeborene Kupferstecherei hatte hier ihren metallischen Ursprung , getrennt von dem Holzschnitt , welcher mit der schwärzlichen Buchdruckerei wandelte . Noch sehe ich auch einen feinen Mann , dessen Legende mich besonders rührte , unter den Kupfertreibern , den Sebastian Lindenast , der seine kupfernen Gefäße und Schalen so schön und kostbar arbeitete , daß der Kaiser ihm das Vorrecht verlieh , sie zu vergolden , was sonst keiner durfte . Welch ein schönes Verhältnis zwischen dem Werkmann und dem obersten Haupte der Nation , diese Befugnis , ein geringes Metall um der edlen Form willen zum Goldrange zu erheben ! Gleich