hat ihn eben gefunden . Und dabei legte sie eine große Frühkartoffel vor ihn hin , die , beim Ansetzen , mit ihrer Spitze in den goldenen Erbring hineingewachsen war . Da war er also wieder . Die gnädige Mutter Natur gab ihn heraus , und Josua von Bredow und seine geborene von Ribbeck wußten nun , daß wieder bessere Tage kommen würden . Er gab ihr einen Kuß und strich den alten Arnstedt ohne Widerrede aus . Und als in der Woche darauf die silberne Hochzeit wirklich gefeiert wurde , da traten sie zum zweiten Mal vor den Altar , und der alte Lehniner Pastor Krokisius , der aber damals noch bei mittlern Jahren war , hielt eine wunderschöne Rede über den Spruch : Wen Gott liebhat , dem müssen alle Dinge zum Besten dienen . Und als seine Rede , denn er konnte sich nicht kurz fassen , endlich zu Ende war , da nahm er die Hand der Silberbraut und steckte den Ring an denselben vierten Finger , von dem ihn die böse Haselrute abgestreift und dadurch eine lange Zwischenzeit des Unfriedens geschaffen hatte . Am Tage nach dieser Feier aber , denn sie mochten sich von ihrem Schatz nicht wieder trennen , ließen sie von Berlin her einen Graveur kommen , der mußte den Tag des Verlustes und des Wiederfindens in den Ring eingraben und die schöne Bibelstelle , über die Pastor Krokisius gepredigt hatte . Und wenn sie nicht gestorben sind , so leben sie heutigen Tages noch . « Die Gräfin-Exzellenz hatte während der Erzählung mehr und mehr ihre hautaine Haltung abgelegt und tippte jetzt Lewin , wie zur Besiegelung ihrer jungen Freundschaft , mit der Lorgnettenspitze auf die Hand . Kathinka versprach , sobald sie Königin geworden sein würde , ihn als Traumdeuter und ersten Erzähler an ihren Hof zu ziehen , und nur die Bischofswerder konnte sich nicht darüber beruhigen , daß dieser entzückende Ring gerade in eine Kartoffel hineingewachsen sei , » die Poesie leide darunter « , eine Bemerkung , der Lewin ohne weiteres zustimmte , weil er die Unmöglichkeit einsah , in diesen ästhetischen Anschauungen Licht zu schaffen . Der alte Geheimrat , seiner Natur entsprechend , verweilte bei Nebensächlichkeiten und wollte namentlich wissen , welcher Bredowschen Linie der Erbring angehört habe . Dann kam er auf Lehnin , verbreitete sich über die Weissagung , deren erste und letzte Zeilen er im lateinischen Original auswendig wußte , und schloß mit einem Seufzer darüber , daß ihm während voller siebzehn Jahre ein Besuch dieser alten Kulturstätte , zugleich des Begräbnisplatzes so vieler Markgrafen und Kurfürsten , versagt geblieben sei . » Aber warum versagt ? « unterbrach ihn Tubal , und ehe der alte Ladalinski antworten konnte , fiel Kathinka mit aller Bestimmtheit ein : » Machen wir die Partie . Wer ist unser Reisemarschall ? Tubal , nein ; Lewin , zweimal nein . Aber Sie , Herr von Jürgaß ! Ich will nicht so viel Menschenkenntnis haben , um einen Attaché von einem Professor zu unterscheiden , wenn Sie nicht der geborene Reisemarschall sind . « » Ich würde sofort meine Unfähigkeit beweisen , wenn ich widerspräche . « » Also angenommen ? « » Ja . « » Und wann ? « » Nicht vor Dienstag . Wir haben in Potsdam Relais ; so ist es Zeit , wenn wir um Mittag aufbrechen . Rendezvous : Schöneberg , am Schwarzen Adler . Zwölf Uhr pünktlich . Au revoir . « Fünfzehntes Kapitel Lehnin Und der verabredete Dienstag kam . Aber er kam nicht , ohne daß das eingetreten wäre , was bei ähnlichen Verabredungen immer einzutreten pflegt : die Hälfte hatte sich inzwischen eines andern besonnen . Nicht nur die Gräfin-Exzellenz samt der Dame d ' atour vom Hofe der hochseligen Königin , auch der alte Geheimrat , dessen pedantisch-romantisches Verlangen , die lateinischen Zeilen der Lehninschen Weissagung an Ort und Stelle zitieren zu können , den eigentlichen Anstoß zu der Partie gegeben hatte , hatte schließlich auf die Teilnahme daran verzichtet . Aber an Stelle dieser ausscheidenden Elemente waren andere herangezogen worden , und ein frischer , in der Nacht von Montag auf Dienstag gefallener Schnee versprach eine rasche und prächtige Fahrt . Denn man war übereingekommen , die Partie zu Schlitten zu machen . Ein leiser Ostwind ging , die Sonne schien , und der Himmel stand blau und wolkenlos wie eine Glocke . Es schlug eben zwölf vom Schöneberger Turm , als vier Schlitten vor dem » Schwarzen Adler « , dem durch Jürgaß bestimmten Rendezvous , vorfuhren . Ihre Insassen waren Bekannte vom Ladalinskischen Balle her , Graf Matuschka , Graf Seherr-Thoß , Graf Zierotin , alle drei mit ihren jungen Frauen . Nur Bninski fehlte . Statt seiner war Tubal als Schlittenpartner eingetreten und hatte an Kathinkas Seite Platz genommen . Eine Minute später erschien ein fünftes Gespann , etwas größer und nach Art aller gemieteten Schlitten ziemlich unelegant , in dem Lewin , von Hirschfeldt und Bummcke saßen . Jürgaß , der zu beschaffenden Relais halber , war schon seit drei Stunden nach Potsdam voraus . Die Begrüßungen gingen eilig , denn es gebot sich , des kurzen Tages halber , mit den Minuten zu geizen . Tubal nahm die Tête , dann folgten die drei jungen Paare , während der » Célibataire-Schlitten « , wie die gräflichen Damen das zuletzt eingetroffene Gefährt in guter Laune getauft hatten , den Schluß machte . An dieser guten Laune nahm alsbald alles teil ; die Pferde warfen den Schaum nach hinten , die Schellen und Glöckchen läuteten , und wenn ein niedrig hängender Zweig gestreift wurde , stäubte der Schnee in die Luft oder fiel in glitzernden Kristallen auf die Muffen und Bärendecken nieder . Und dabei Geplauder überall , auch in dem abschließenden Schlitten der Célibataires . » Wo nur Bninski sein mag ? « fragte Lewin . » Er schien so geneigt , uns zu begleiten . « » So haben Sie nicht davon gehört ? « antwortete Bummcke . » Jürgaß hat ihn gebeten , auf eine Teilnahme an der Partie zu verzichten . « » Aber wie konnt er nur ? Ich wenigstens hätte mich eines solchen Auftrags nicht entledigen mögen . « Bummcke lachte . » Sie kennen ja Jürgaß . Ich wette , daß es ihm leichter geworden ist als der müden Krähe , die da eben vor uns auffliegt , das Flügelschlagen . Er verfährt nach dem alten Grundsatz : Ehrlichkeit die beste Politik , und hat dem Grafen offen gesagt , daß sein Erscheinen eine Verlegenheit schaffen würde . Ich glaube nämlich , er hat eine Überraschung , irgend etwas preußisch Patriotisches vor . Sie wissen , er liebt dergleichen . Was ihm Bninski geantwortet , weiß ich nicht , nur so viel ist gewiß , daß ihr gutes Einvernehmen keine Störung erfahren hat . Es überrascht mich nicht . Jürgaß ist harmlos und der Graf eine vornehme Natur . Selbst seine Vorurteile beleidigen nicht . Er haßt uns , aber er haßt das Ganze , nicht die einzelnen . Denken Sie daran , Hirschfeldt , wie liebenswürdig er alles aufnahm , was Sie über Spanien lasen . Es ist nichts Kleinliches an ihm . « Hirschfeldt nickte zustimmend , und während dieses Gespräch fortgesponnen und im Anschluß daran des letzten Abends bei Ladalinskis , der alten hochmütigen Exzellenz , der steifen und zeremoniellen Bischofswerder und zuletzt auch der zwischen beiden geführten Fehde gedacht wurde , passierten unsere Freunde den Steglitzer Park , über den die leichter und eleganter gebauten Schlitten der vier Mazurka-Paare schon seit einer kleinen Weile hinaus waren . Lewin drang auf prompteren Anschluß , aber der Abstand blieb , und immer , wenn der Weg eine Biegung machte , sah der nachfolgende fünfte Schlitten die Flankenlinie der vier vorausfliegenden Gespanne , die blauen Schleier der Damen und die weißen Schneedecken , die sich im Winde bauschten und blähten . An den ausgebauten Häusern von Zehlendorf vorbei ging es im Fluge auf das Stimmingsche Gasthaus am Wannsee zu , und Lewin , mit der Hand nach links deutend , wies jetzt auf eine umfriedete , nur an vier Pappeln erkennbare Stelle hin , wo sich seit Jahresfrist der Grabhügel Heinrichs von Kleist erhob . Hirschfeldt , damals schon in Spanien , wußte nichts von dem beklagenswerten Ereignis , und so fiel es seinen Gefährten zu , ihm von den letzten Schicksalen , dem Leben und Sterben eines Kameraden zu erzählen , mit dem er , als beide noch in derselben Garnison standen , wenigstens oberflächlich bekannt gewesen war . Von dieser Erzählung sprang das Gespräch bald zu seinen Dichtungen über , und der Charakter des Käthchens von Heilbronn , vor allem die dramatische Berechtigung oder Nichtberechtigung des Somnambulen war noch keineswegs festgestellt , als schon ihr Schlitten durch die defileeartige Schmalung hindurchglitt , die bei Kohlhasenbrück durch den dicht an die Straße herantretenden Fichtenwald und von der anderen Seite her durch das Röhricht des Griebnitzsees gebildet wird . Eine Minute später , und die verschneiten Weberhäuser von Nowawes , nicht viel größer wie winterliche Grabhügel , lagen zu beiden Seiten , und jetzt am Brauhausberg , dann an der Schloßkolonnade vorbei , ging es in das stille Potsdam hinein . Heute stiller denn je , denn der Hof und die Garden , wie es die alte Exzellenz an dem letzten Ladalinski-Abend vorhergesagt hatte , waren seit einer halben Woche fort . Am Jägertore hielt Jürgaß , zehn Schritte weiter abwärts die Relais , und nachdem alle Herren und Damen ihren Reisemarschall begrüßt , ein paar Postknechte aber die Pferde gewechselt und die Sielen und Schellengeläute wieder aufgelegt hatten , ging es ohne weiteren Aufenthalt in immer rascherem Tempo in die Havellandschaft hinein . Denn das Ziel mußte noch vor Sonnenuntergang erreicht werden . Es war jetzt zwei Uhr . Die Kuppeldächer der Communs und des Neuen Palais blinkten in der Nachmittagssonne , und unmittelbar dahinter dehnte sich das Golmer Bruch ; Dorf Eiche mitsamt seinem Kirchturm schien darin zu versinken . Nun lag auch das zurück , und aus der Eis- und Schneewüste , zu der die sonst in seeartigen Flächen dahinfließende Havel geworden war , ragten nur noch die Mastspitzen von ein paar Dutzend Kähnen auf , die der Frost auf ihrer Fahrt überrascht und zur Überwinterung im Eise gezwungen hatte . Dann kam Stadt-Werder , nur kenntlich an einer Rauchsäule , die über der großen Brauerei der Insel stand , und nun an niedrigen , aber steilen Hügeln vorbei , auf deren Abhängen nichts sichtbar war als Krähen und Schnee , jagten die Schlitten den nächsten Dörfern zu . Die Gespräche stockten oder wurden einsilbiger ; alles hatte nur noch einen Gedanken : das Ziel . Jürgaß übernahm die Führung , denn Groß-Kreuz war eben passiert , und der Weg , der jetzt nach links hin in den großen Lehniner Tannen- und Eichenforst einzubiegen begann , erheischte beides : ein scharfes Auge und eine sichere Hand . Zuerst Tannen . Ah , wie die Stille des Waldes alles labte ! Der Wind schwieg , und jedes Wort , auch wenn leise gesprochen , klang laut im Widerhall . Ein warmer Harzduft war in der Luft und steigerte das Gefühl des Behagens . Über den Weg hin , hier und dort , liefen die Spuren , die das Wildschwein in den Schnee gewühlt hatte ; von den schwanken Zweigen flog das Rotkehlchen auf , und aus der Tiefe des Waldes hörte man den Specht . Nun kam eine große Lichtung , an deren entgegengesetzter Seite das Laubholz anfing , aber zunächst noch mit Tannen untermischt . Die Sonne glühte hinter den Bäumen , und je nachdem die Lichter fielen , schimmerte das braune Laub der Eichen golden oder kupferfarben , während die schwarzen Tannenwipfel wie scharfgezeichnete Schatten in der schwimmenden Glut des Abends standen . Alles war hingerissen von der Schönheit des Anblicks , und Lewin sah deutlich , wie eine kleine Hand nach der anderen sich aus dem wärmenden Muff zog und auf die Waldstellen hindeutete , wo sich die Schatten und Lichter so zauberisch mischten . Bummcke entsann sich , selbstverständlich von Kopenhagen her , eines dieselben Abendtöne wiedergebenden Claude Lorrain und wollte eben zu kunstwissenschaftlichen Betrachtungen übergehen , als der Wald , der kurz zuvor noch endlos geschienen , sich plötzlich öffnete und eine Anzahl zerstreuter Baulichkeiten ziemlich deutlich erkennen ließ . Und ehe noch unsere Reisenden sich zurechtgefunden und ihrer Überraschung Ausdruck gegeben hatten , hielten sie schon vor ihrem Ziel : der Klosterkirche von Lehnin . War es Zufall oder hatte Jürgaß die Zeit ihrer Ankunft im voraus angegeben , gleichviel , aus der neben dem großen Rundbogenportale befindlichen Seitentür trat ihnen , ohne daß sie hätten klopfen oder warten müssen , ein kleiner hagerer Mann mit langem weißen Haar entgegen , der alte Lehninsche Küster , nur um zwei Jahre jünger als sein Hohen-Vietzer Kollege Jeserich Kubalke . Er begrüßte die zunächststehenden Damen durch Abnehmen seines Käppsels , sprach ein paar Worte mit Jürgaß und öffnete dann , entweder , weil dieser darum gebeten , oder auch , weil er selber den Wunsch einer möglichst feierlichen Einführung hatte , die schwere mit Eisen beschlagene Mitteltür . In dieser , trotz des Zugwindes , der wehte , blieb er stehen , bis alle Besucher eingetreten waren . Die Glut des Abends stand noch in den westlichen Scheiben , und ein roter Schimmer , der allem wieder einen Anflug vor Leben lieh , fiel auch auf die Brautkränze , die vertrocknet und mit langen ausgeblaßten Bändern an der gegenüber befindlichen Kirchenwand hingen . Es war die denkbar beste Stunde . Nichtsdestoweniger konnte keinem Beobachter entgehen , daß alles enttäuscht war , besonders die Damen . Sie hatten eben mehr erwartet . » Wo sind die Grabsteine ? « fragte die Matuschka mit der vollen Ruhe derer , die sich noch weitab davon fühlen . » Sie dürfen keine Mehrheit von mir verlangen , gnädigste Gräfin « , antwortete Jürgaß , der sich mit dieser und Kathinka von dem Reste der Gesellschaft abgesondert und , weil er das Kloster genau kannte , der speziellen Führung der beiden jungen Damen unterzogen hatte . » Die Lehninschen Grabsteine , dank amtlicher und nichtamtlicher Verwüstungen , beschränken sich auf einen . Ich werde gleich die Ehre haben , Ihnen denselben vorzustellen . « Damit schritt er die Stufen zum hohen Chore hinauf , wo ein Mönch , in Stein geschnitten , auf seinem Grabe lag . Kathinka und die Matuschka folgten . » Ich erwartete « , sagte die Gräfin , » einen Soldaten zu sehen « , setzte dann aber , sich schnell verbessernd , hinzu , » ich meine einen Krieger . Sie dürfen nicht lachen , Jürgaß . Es ist doch anzunehmen , daß die Markgrafen Krieger waren , mit Schild und Panzerhemd und einer Krone . Oder trugen sie keine ? Sie schweigen wieder ; das ist nicht recht ; ein Führer muß immer sprechen . Jedenfalls müssen diese Markgrafen doch irgend etwas auf dem Kopfe gehabt haben . Es waren Askanier , wenn ich den alten Ladalinski recht verstanden habe . « » Ja , Askanier oder Anhaltiner . « » Nicht doch . Sie wollen mich verwirren . Wenn es Askanier waren , so können es keine Anhaltiner gewesen sein . Der Alte Dessauer , der auf dem Lustgarten steht und von dem sie bei großen Militärkonzerten den Marsch mit dem langen Trompetensolo spielen , der war ein Anhaltiner ... Aber was ist denn das ? « und dabei stieß die schöne Gräfin mit ihrer Fußspitze an einen Baumstumpf , der , selber hart wie Stein , etwa zwei , drei Handbreiten hoch sich aus dem Steinhoden erhob . » Das ist das Überbleibsel von jenem Eichenstamm , aus dem vor so und so vielen Jahrhunderten , mit deren näherer Angabe ich Sie nicht belästigen will , das gesamte Kloster Lehnin emporgewachsen ist . Unter diesem Baume , als er noch ein Baum und nicht ein Stumpf war , hatte Markgraf Otto , der erste seines Namens , einen Traum , der ihm Gefahr in diesen Wäldern prophezeite . Markgraf Otto aber war ein Sohn Albrechts des Bären , von dem gnädigste Gräfin vielleicht gehört haben werden . « » Gewiß , gewiß ; Heinrich der Löwe , Albrecht der Bär . « » Sehr gut . Nun , also Markgraf Otto hatte einen bösen , unheilverkündenden Traum , und seine Manne , die auch christliche Askanier waren , drangen , als sie von dem Traume hörten , in ihn , eine schutzgebende Burg gegen die Wenden zu bauen . « » Gegen die Wenden ? Was sind Wenden ? « » Wenden hießen die heidnischen Völkerschaften , die damals hier zu Hause waren . « » Nun gut . Und was tat nun der Markgraf ? « » Er erwiderte : Eine Burg gegen die Wenden will ich gründen , aber eine Burg , von der aus unsere teuflischen Widersacher , darunter verstand er die Wenden , nicht durch Waffenlärm , sondern durch heiligen Gesang verscheucht werden sollen . Und so baute er ein Kloster . Und dies Kloster hieß Lehnin . « Während dieser Auseinandersetzung waren sie weitergeschritten bis an das Querschiff der Kirche , in dem alle möglichen Bilder in wurmstichigen , halbzerstörten Holzrahmen hingen , so daß oft ganze Stücke herausgefallen waren . Vor dem größten dieser Bilder blieb Kathinka , die den Arm der Matuschka genommen hatte , stehen und sagte zu Lewin , der mittlerweile von der andern Gruppe her sich ihnen angeschlossen hatte : » Wie häßlich . Es sieht aus wie ein Jahrmarktsbild . « » Es ist auch etwas der Art. Selbst die Einteilung in Felder , wie die Damen bemerken werden , ist uns nicht erspart geblieben . Allerdings hat es der Künstler bei einer bloßen Zweiteilung , bei einem einfachen Oben und Unten bewenden lassen . Oben das greuliche Durcheinander ist die Ermordung des ersten Lehniner Abtes , den die Wenden erschlugen , weil sie ihn in Verdacht eines Liebesabenteuers hatten . « » Ich nehme an , ohne Grund « , sagte Kathinka . » In meiner Eigenschaft als erster Tugendrat von König Ring würd es mir schlecht anstehen , einen Zweifel dagegen auszusprechen . Ich wünschte nur , daß auch der Maler nachsichtiger mit ihm verfahren wäre . « » Es ist vielleicht schon aus der protestantischen Zeit . « Lewin wollte die gereinigte Lehre rein von der Schuld dieses Bildes halten und begann eben eine Auseinandersetzung , als Jürgaß ihn darin unterbrach und zur Eile mahnte , da , nach dem durchaus einzuhaltenden Programm , innerhalb der nächsten zehn Minuten nicht nur die draußenliegende Trümmerhälfte der Kirche , sondern auch noch die Reste des Klosterkreuzganges und der denselben einschließenden alten Baulichkeiten besichtigt werden müßten . Diese mit lauter Stimme gesprochene Jürgaßsche Mahnung war nicht bloß von Lewin gehört worden , und alles eilte , um ihr zu gehorchen , dem Ausgange zu . Nur die Gräfinnen Seherr-Thoß und Zierotin , die sich bei dem Bilde des ermordeten Abts in Vermutungen und heiteren Spottreden erschöpft hatten , waren zurückgeblieben und erschraken jetzt , als sie sich plötzlich mit den Braut- und Totenkronen allein sahen , in denen es unter dem hereinwehenden Zugwind zu rascheln begann . Das Abendrot in den Scheiben war immer grauer geworden ; unheimlich sahen sie sich um und suchten nach dem Ausgang , den sie , bang und verwirrt , trotzdem sie ganz in seiner Nähe standen , nicht finden konnten . Endlich kam der Küster und geleitete sie hinaus . Sie machten ihm kein Hehl aus ihrer Furcht und nickten ihm freundlich zu , als er den Schlüssel wieder im Schloß drehte . Unter den Trümmern draußen - die spätere gotische Hälfte der Kirche war eingestürzt - fanden sich alle wieder zusammen ; aber ihres Bleibens war an dieser Stelle nicht . Sie lugten nur eben in einen stehengebliebenen Wendeltreppenturm hinein , zeigten einander die Ebereschensträucher , die auf den Schrägungen der Strebepfeiler mehr durch Schnee als Erdreich festgehalten schienen , und schritten dann über einen quadratischen Hof hin , der , von alten und neuen Klostergebäuden , von Klafterholz und Heckenzäunen eingefaßt , einen wunderlich gemischten Anblick von Glanz und Dürftigkeit gewährte . An einer stehengebliebenen Feldsteinmauer entlang , der man nach innen zu eine Art Sommerdach gegeben hatte , lief eine Kegelbahn , auf deren Lattenrinne die Kugeln wie in Schnee eingemauert lagen . In einer der Ecken dieses Schoppens waren Bohnenstangen kreuz und quer zusammengeworfen , während rechts daneben , wo das Klafterholz aufgeschichtet lag , auf einem überragenden Pfeilerstück ein paar Berberitzensträucher standen , die mit ihren tiefroten Beeren über die nachbarlichen , schon gelblich werdenden Ebereschenbüschel spotten zu wollen schienen . Alles das wurde nur im Fluge mitgenommen , und müde des Schauens , aber voller Verlangen nach einem Mittagsmahle , dem übrigens alle , die Jürgaß kannten , mit unbedingtem Vertrauen entgegensahen , stiegen jetzt die Paare einige neben dem Kegelschoppen befindliche hohe Stufen hinauf , die in ein langes , halb aus Feldstein , halb aus Backstein aufgemauertes Gebäude führten : das alte Refektorium . Es war eine hohe , halbzerstörte Halle , die nur an ihrem unteren Ende noch ein schützendes Dach hatte . Unter dieser geschützten Stelle war eine lange Tafel gedeckt , an deren einer Schmalseite - und zwar da , wo dieselbe die jenseitige Giebelwand zu berühren schien - ein mächtiges Kaminfeuer brannte , während an den zwei Langseiten hin sechs in Helm und Brustharnisch gekleidete Klosterknechte standen , alle mit Fackeln in der Hand . An jeder Seite drei . Das » Ah ! « , das laut wurde , war der eigentlichste Reisemarschallstriumph dieses Tages . Die Plätze waren gelegt . Lewin , der sich während des Besuches in der Kirche rascher , als es sonst wohl seine Art war , mit der schönen Matuschka befreundet hatte , saß zwischen dieser und Kathinka . Jürgaß präsidierte . Die hohe Kaminflamme in seinem Rücken , erhob er sich , um ein Wort der Begrüßung zu sprechen . » Ich heiße Sie , meine Freunde , willkommen in diesen Räumen , in denen ich selber ein Gast bin . Wie sie sich mir erschlossen haben , ist mein Geheimnis . Ob es der Frater Hermannus war , der , seine Weissagungen rezitierend , mich persönlich in Küche und Keller umherführte , oder ob aus näher liegender Zeit der Erbring meiner Vettern , der Bredows , hier seine Wunder wirkte , das eine wie das andere hüllt sich in Dunkel . Genug , wir sind da , und die Tafel ist gedeckt . Und nun , dienende Brüder , an euer Werk ! « Diese letzten Worte waren an vier zu beiden Seiten seines Sessels stehende Mönche gerichtet , die trotz der besten Absicht , als Lehninsche Zisterzienser angesehen zu werden , doch durchaus in dem Kostüm eines Maskenball-Kapuziners steckengeblieben waren . Sie trugen braune , mit einem Strick umgürtete Kutten , und während einer von ihnen die Humpen mit Werderschem Bier zu füllen , ein zweiter den Wildschweinskopf und dann den Hirschrücken umherzureichen begann , schritten die beiden andern langsam die Halle hinunter bis an die Stelle , wo das Dach fehlte und ein letzter Rest von Tageslicht auf den Fußboden fiel . Hier war eine Falltür aus alter oder neuer Zeit , in die jetzt einer der Fratres , der einen brennenden Kienspan in Händen hielt , hinabstieg , während der andere auf der aufgeklappten Tür stehenblieb und von Zeit zu Zeit neugierig in das Kellerloch hinunterblickte . Bald wurden Flaschen , die , weil sie weder Staub noch Spinnwebe zeigten , nicht lange an dieser Stelle gelagert haben konnten , hinaufgereicht und von dem obenstehenden Bruder in Empfang genommen , der dann mit einer Gewandtheit , an der sich die Jürgaßsche Schule leicht erkennen ließ , die Korke zu ziehen und den golden schimmernden Rheinwein in die grünen Römer einzuschenken begann . Sein Konfrater ( der mit dem brennenden Kienspan ) war in dem Keller zurückgeblieben . Niemand dachte seiner mehr . An der Tafel belebte sich inzwischen die Unterhaltung ; die Damen waren ausgelassen , am ausgelassensten aber Lewin , der - nicht unempfindlich gegen das Entgegenkommen der augenscheinlich ein Gefallen an ihm findenden schönen Gräfin - vor allem in dem Bewußtsein glücklich war , sich endlich einmal Kathinka gegenüber in einer anderen Rolle als in der des von ihr verspotteten Träumers zeigen zu können . Ihre Neckereien , in denen sich mehr und mehr ein Anflug von Eifersucht oder verletzter Eitelkeit aussprach , steigerten nur sein Wohlgefühl und seine gute Laune . » Haben Sie denn , gnädigste Gräfin « , wandte er sich an diese letztere , » das Weiße Fräulein bemerkt , als wir in den Wendeltreppenturm hineinsahen ? Ich schrak zusammen ; es war ein vollkommenes Bild unglücklicher Liebe . « Die Gräfin lachte ; Kathinka aber sprach an Lewin vorbei : » Glaub ihm nicht , Wanda ; er weiß nichts von unglücklicher Liebe . Ihm ist nie zu trauen , am wenigsten aber seinen Geschichten . Er erfindet sich , was ihnen fehlt . « » Desto besser « , sagte die Matuschka . » Ich mache mir nichts aus wahren Geschichten . Die wahren Geschichten sind immer langweilig oder häßlich . Bitte , Herr von Vitzewitz , erzählen Sie mir von dem Weißen Fräulein . Ganz auf Diskretion . Aber etwas recht Hübsches : Mönch , Liebe , Sehnsucht . « » Ja , gnädigste Gräfin , da haben Sie die Geschichte schon vorweg erzählt . Mönch , Liebe , Sehnsucht - das ist alles . « » Oh , tun Sie noch ein wenig hinzu . « » Ich darf es nicht , so gern ich Ihnen zu Diensten wäre . Solche Geschichten sind sehr empfindlich und nehmen es übel , wenn man an ihnen rührt oder sie gar verbessern will . Das Weiße Fräulein geht treppauf , treppab und sucht den Mönch , den sie liebt . Aber er verbirgt sich ihr . Um Sonnenuntergang tritt sie dann auf den Söller und breitet die Arme sehnsüchtig nach ihm aus , als habe sie ihn gesehen . Aber es war nur ein Schein . Dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten und weint . « » Das ist hübsch « , sagte die Matuschka , auf deren immer lachendem Gesicht es einen Augenblick wie Teilnahme oder Trauer zitterte . Denn sie war weniger glücklich , als sie schien . Kathinka aber warf den Kopf in den Nacken und sagte : » Ich höre nicht gern von unglücklicher Liebe . « » Und doch ist die Welt voll davon « , antwortete Lewin . » Vielleicht gerade deshalb , daß ich sie nicht mag . Es ist so alltäglich , so tödlich , immer wieder dasselbe . Ich begreife keine unglückliche Liebe . « » Die Reichen begreifen nie , daß es auch Arme gibt . « Aber Kathinka hörte nicht , und in ihrer Vorliebe für Paradoxien auch vor dem Gewagtesten nicht zurückschreckend , gefiel sie sich jetzt darin , ihren einmal ausgesprochenen Satz in heiterem Spiele weiter auszuführen : » Wenn Liebe nicht glücklich sein kann , sollte sie gar nicht sein . Ich entsinne mich nicht , in der Bibel ( ich meine im Alten Testament , wo die Menschen noch menschlicher waren ) von einer unglücklichen Liebe gelesen zu haben . David liebte glücklich , Salomo noch mehr . Wenn man etwas sagen kann , so ist es vielleicht das , daß sie zu glücklich liebten . Unglückliche Liebe ist eine neue Erfindung , wie die Buchdruckerkunst oder das Spinnrad . Ja , wie das Spinnrad . Das surrt und summt , und endlos wird der tränennasse Faden weitergesponnen . « Die Matuschka horchte verwundert auf ; Kathinka aber , durch diese Wahrnehmung eher angespornt als eingeschüchtert , fuhr in sich steigerndem Übermute fort : » Und nun gar ein Weißes Fräulein , das einen Mönch liebt . Man liebt überhaupt keinen Mönch . Wenn man ihn aber liebt - und ich ertappe mich plötzlich auf der Laune , nur noch Mönche lieben zu wollen - , so muß man ihn so lieben , daß kein Kloster der Welt ihn halten und verbergen kann . Aber Pardon , Wanda ! Du mußt lachen ; deshalb sprech ich ja . Lewin bitt ich nicht um Entschuldigung , weil ich ihm wieder ansehe , daß er alles glaubt , was ich eben gesagt habe . « Es war inzwischen immer dunkler geworden , und an der dem Kamin gegenübergelegenen Giebelwand lag nur noch ein grauer Dämmer , den dann und wann ein helleres Aufleuchten der weiter oben in der Halle stehenden Fackeln durchblitzte . Man sah auch in diesem ungewissen Scheine , daß es draußen leise zu schneien begonnen haben mußte , denn durch das offene Dach fielen einzelne große Flocken . Jeder fröstelte , und die Damen zupften ihre Pelzröcke höher an den Hals hinauf . Das war die Stimmung , die Jürgaß brauchte ; er erhob sich jetzt , um nach seinen ersten , bei Beginn des Mahles gesprochenen Begrüßungsworten die eigentliche Rede des Tages zu halten . » Es hat Ihnen gefallen « , so begann er , » in Lehnin meine Gäste zu sein , in demselben Lehnin , an dessen vor vierhundert Jahren durch Frater Hermannus aufgezeichnete Weissagungen die Feinde Preußens so oft und so frohlockend erinnert haben , vor allem in diesen Tagen der Erniedrigung , in denen gehässiger Scharfsinn herausgerechnet hat , daß jetzt die Stunde da sei , von der uns die Prophezeiung berichtet : Und dem Letzten seines Stammes wird das Zepter aus der Hand geschlagen werden . Aber diese Feinde Preußens haben nicht zu Ende gelesen , und wir , die wir andern Sinnes