groß als sie - sagte er , während eine dunkle Röthe sein schönes , kräftiges Gesicht überzog : Seba , ist denn mein Vater hier ? Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen , und sie drückte ihm beruhigend die Hand , als sie seine Frage bejahte . Warum sagtest Du mir ' s nicht ? Was konnte es Dir helfen ? gab sie ihm zur Antwort . Er schwieg einen Augenblick , dann fragte er : Ob er sich wohl nach mir erkundigt hat ? Sie entgegnete , daß sie es nicht wisse , aber sie stellte ihn nicht damit zufrieden . Du würdest es wissen , wenn es geschehen wäre , sagte er , und ich bin kein Kind mehr , dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht . Er hat nicht nach mir gefragt ! Er seufzte , als er diese Worte sprach . Sie waren inzwischen zu den Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein . Indeß Seba sah , daß in seinem Innern die Aufregung nicht vorüber war , und als er sich später wieder eine Weile mit ihr allein befand , verlangte er zu erfahren , wo sein Vater wohne . Seba erschrak . Weßhalb fragst Du mich das ? sagte sie . Er antwortete ihr nicht gleich , wie das seine Weise war , wenn er seine Rührung zu besiegen strebte , und sagte dann , sich gewaltsam zusammennehmend , während seine Lippen bebten : Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen , meinen Vater ! - Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille , die Thränen traten ihm in die Augen , er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in das Haus . Daß der Knabe nicht leicht von einer Sache abließ , die er sich in den Sinn gesetzt hatte , war eine Eigenthümlichkeit an ihm , welche Alle kannten , die mit ihm zu thun hatten , und Seba fand es daher für nöthig , als Paul ' s Pflegeeltern am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten , sie von seinem Verlangen und von dem ganzen Vorgange zu unterrichten . Daß man ihn davon zurückhalten müsse , seinen Vater aufsuchen zu gehen , darin stimmten Alle überein . Madame Flies und der Kriegsrath waren nur der Ansicht , daß man ihn vertrösten , ihn beschwichtigen solle , bis der Freiherr abgereist sei , die Kriegsräthin hingegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu verbieten , ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen , aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an . Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes , sagte der Erstere , und man soll auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern , wenn man die Aussicht hat , ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können . Er muß völlig aufgeklärt werden über die Lage , in welche seine Geburt ihn versetzt hat . Er ahnt sie , ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen , und wie überall , so hat auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes , für den Verstand etwas Aufregendes . Was er aber zu hören hat , wird er am besten von Seba erfahren , da sie die Einzige ist , mit welcher er über diese Angelegenheit gesprochen hat , und bittere Kunde muß man wo möglich mit freundlichem Munde versüßen . Er hielt es darauf der Tochter vor , was sie dem Knaben zu sagen habe , und man verabredete , daß man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe , ehe er in die Schule gehe , zu Seba senden solle . Indeß die Kriegsräthin war keine Frau , die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu gebieten vermochte , und sie mißtraute der rücksichtsvollen Schonung , die man Paul zu gewähren wünschte . Sie hatte , seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren , sich der Hoffnung hingegeben , daß er sich nach Paul erkundigen , daß er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde , und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit des Freiherrn gebaut ; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen , als der sinkende Wohlstand , und im Sinken waren die Lebensaussichten der Kriegsräthin nun lange schon begriffen . Der Präsident , welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrathe es eben nicht gewahrt hatte , daß dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe , und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen Urtheils enthaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen besonderen Werth gelegt hatte , glaubte jetzt zu erkennen , daß eine maschinenmäßige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und daß man von einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe . Von einer Beförderung des Kriegsrathes , auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen , konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein . Es waren demselben bereits mehrfach jüngere , selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden , die solche Auszeichnung durch Enthüllung jedes kleinen Mangels , der sich in der Amtsführung ihres älteren Collegen etwa nachweisen ließ , rechtfertigen zu müssen glaubten ; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten herabsinken zu sehen , das war eine Kränkung , welche auch einen festeren Charakter als den des Kriegsrathes überwältigen und einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte , sich widerstandslos der Entmuthigung zu überlassen . Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch nicht lange aus . Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte , den einflußreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu finden , legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen , und da man bald bemerkte , daß der Präsident es nicht wie früher erwartete , überall , wohin er kam , den Kriegsrath mit seiner Frau zu finden , unterließ man es öfter , dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern . Beide Eheleute empfanden das sehr bitter , aber wenn Herr Weißenbach geneigt war , sein Schicksal über sich zu nehmen , so war Laura anderer Ansicht . Was sie entbehren mußte , gewann einen doppelten Reiz für sie , und das Verlangen , wiederzugewinnen , was sie einst besessen hatte , die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf begründete gesellschaftliche Geltung , regte sie zu neuen Anstrengungen und Unternehmungen auf . Sich zurückzuziehen , weil das Glück sich von ihr wendete , war nach ihrer Meinung eine Schwäche , deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen durfte . Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte , so mußte man suchen , ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen , und mit etwas mehr Aufwand , als man bisher getrieben hatte , ließ sich das wohl bewerkstelligen . Freilich wohnte man , seit Herbert einen Theil der Zimmer inne hatte , nicht mehr so gut und bequem , als früher , und auch die Handwerker ließen sich nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten . Aber man mußte nur Muth haben , nur gewisse tägliche Gewohnheiten ablegen , auf deren Entbehrung es ja für Menschen , die einen bestimmten Zweck im Auge hatten , nicht ankommen konnte ; man mußte nur zeigen , daß man immer noch wohlauf , daß man aus eigenen Mitteln unabhängig sei , um seine alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen , daß es kein Eigennutz , sondern Freundschaft , reine Freundschaft sei , wenn man nicht aufhöre , eine Annäherung an ihn zu suchen , und sich Mühe gebe , die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen . Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrathe jetzt ein leichtes Spiel . Ein Mann , der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen , welche Andere ihm zollten , wird haltlos , wenn ihm diese fehlt ; und unfähig , in sich selber zu beruhen , wird er leicht dahin gebracht , sich fremdem Willen unterthan zu machen , wenn er durch diesen hoffen kann , die ihm entschwundenen Vortheile wiederzugewinnen . Der Kriegsrath war ein bedächtiger Mann , ein überlegender Haushalter gewesen , so lange er sich in seinem Amte geachtet wußte und so lange er seine Einnahmen und Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht . Jetzt , da dies nicht immer gelingen , da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine amtlichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten , konnte er den Anblick seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen , und weil ihn die Gewißheit peinigte , daß er mehr verbrauchte , als er sollte , hatte er es allmählich aufgegeben , seine Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen . Heimliche Angst , drückende Zweifel konnte er ertragen ; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm Freude und Genuß gewesen ; Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen , das ging über seine Kräfte , und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen , war Alles , wonach er trachtete . Er war zu jeden Entbehrungen , er war sogar bereit , seiner Laura , wie sie es verlangte , die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig ganz zu überlassen , nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen , denn die Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe , und starrten ihn an und riefen nach Ausgleichung , und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen , wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen rötheten . Die Summe der einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus , und weder Laura ' s Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen vermochten das zu ändern . Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen , daß ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige Hülfe und Befreiung kommen müsse . Allerdings war die Theilnahme , welche derselbe für seinen Sohn bezeigte , niemals eine persönliche und keine lebhafte gewesen . Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt ; in allen den Verhandlungen , welche der Caplan mit der Kriegsräthin gepflogen , war des Freiherrn Name nie erwähnt , und es war für Paul auch außer der durch den Caplan regelmäßig besorgten Pensionszahlung weiter nichts gethan worden . Sie hatten die Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt , hatten von diesem die immer wiederholte Weisung erhalten , ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf zu achten , zu welchem Berufe Paul ' s Anlagen und Neigungen ihn führen könnten , da er für sich selber einzustehen haben werde . Nichts desto weniger war , wie Laura es ihrem Manne aus einander setzte , der Freiherr ihnen , die sie ihm sein Geheimniß so wohl bewahrten , ganz entschieden hoch verpflichtet , und daß endlich in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben sprechen , daß er endlich doch einmal kommen werde , selbst nach ihm zu sehen , daß der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen , daß er ihnen danken werde , was sie für Paul gethan , das war für Laura über jeden Zweifel sicher . Man mußte nur warten , es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke , dann konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen , dann mußte der Kriegsrath die reichen Früchte ihrer Gutthat ernten und dann würde er auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten , daß er sich immer am besten stehe , wenn er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge . Die Nachricht , daß der Freiherr in der Stadt sei , hatte Laura natürlich in eine große Aufregung versetzt . Alle die Plane , welche sie gehegt , standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung . In jedem Augenblicke erwartete sie , eine Benachrichtigung von dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen . Sie ließ ihre Zimmer in besondere Ordnung bringen , sie kleidete sich zeitiger an , als sie sonst pflegte , um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise erscheinen zu müssen , und immer wieder ging sie an den Spiegel , um zu sehen , wie die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide , mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte . Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht . Sie mußte als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln , sie durfte aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen , um den Vater nicht zu verletzen . Leichtlebig und doch ernsthaft , vornehm und doch zuvorkommend , selbstständig und fügsam mußte sie sich darstellen , um die Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können , welches sie ihm zu machen wünschte , das Anerbieten , seinen Sohn an Kindesstatt zu adoptiren , um ihm mit dem Namen Weißenbach , mit dem Namen eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen , die sich ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte . Natürlich mußten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage befinden , welche ihnen ein solches Opfer möglich machte ; aber sie in diese Lage zu versetzen , konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht schwer sein . Sie lächelte , wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte , mit der sie ihm den Vorschlag thun wollte , sie sah die gütige , zufriedene Miene , sie fühlte den freundschaftlichen Händedruck , durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte , und sie hatte auch Nichts dagegen , wenn er es etwa angemessener finden sollte , ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen . Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde , denn eine Mittelstadt war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis gewesen . Es paßte Alles so vortrefflich zusammen , wie sie es sich ausgedacht hatte , es konnte nicht fehlschlagen , wenn nur der Freiherr kam , und kommen mußte er , weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wußte . Wie sollte sich nicht fügen , was für sie so unerläßlich schien ? Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in ihre muthig vorwärts gehenden Gedanken . Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte , wenn er , ohne dazu ermächtigt zu sein , den Freiherrn aufsuchte , wenn dieser glauben konnte , daß man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters benachrichtigt , ihn vielleicht dazu verleitet habe , sich dem Freiherrn zu nahen , so war Alles verloren . Und dem Zufalle , der Laune eines Kindes , dem Verstande und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten anzuvertrauen , das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen , deren sich nur ihr stets zuwartender , gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig machen konnten , die es gar nicht mehr zu wissen schienen , daß man fremden Beistandes bedürfen könne . Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben , nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern , so mußte sie ihre Maßregeln treffen , so mußte sie mit dem Knaben sprechen , und das sogleich , denn sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck . Sie wollte , wenn etwa der Freiherr am nächsten Tage käme , Herr über alle ihre Mittel sein ! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben ; für Paul hatte es keine Noth , denn - Kinder schlafen immer ! Viertes Capitel Paul war noch nicht zu Bette gegangen , als seine Pflegeeltern nach Hause kamen . Er stand am offenen Fenster und sah in die Straße hinaus . Gegenüber in dem Gasthofe brannte das Licht in vielen Fenstern ; aber es war nicht das vornehmste Hotel , das lag mehr zur Seite , und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten Gasthofe wohnen , der immer noch lange nicht so schön und prächtig war , als Schloß Richten mitten in dem großen Parke . Schloß Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem Geiste des Knaben . Alles , was er Großes und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten Zeiten gehört , Alles , was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt , das hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloß Richten übertragen . Je älter er geworden war , um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet , dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und , wie er das in mannigfachen Erzählungen gelesen , einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu werden . Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet . Und nicht wie der verlorene Sohn in der Bibel , nicht als ein Bettler , als ein Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters Thüre treten . Gut und brav und geehrt wollte er sein , so gut , so brav , so geehrt , daß seine arme Mutter noch im Grabe stolz auf ihn sein durfte , daß er Lob und Liebe von des Vaters Munde hören mußte , wie sie Seba , der er diese ganze Sinnesrichtung dankte , stets von ihren Eltern zu Theil ward . Wie kam es aber , daß sein Vater ihn nicht suchte ? Er hatte ihn ja so oft auf seinen Knieen geschaukelt , als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran gedacht hatte , daß es etwas Schönes sei , geliebt zu werden . Und damals hatte er seine Mutter noch gehabt ! Weßhalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr , da er keine Mutter mehr hatte , die ihn an ihr Herz schloß , da er wußte , wie elend seine Mutter umgekommen war , und da ihn außer Seba Niemand liebte ? Alle Eltern liebten ihre Kinder ; alle Väter hatten ihre Kinder bei sich ; alle Väter freuten sich an ihren Kindern ! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm ? Was hatte er verschuldet , daß sein Vater ihn nicht liebte , daß er ihn nicht sehen mochte , da er doch in seiner Nähe weilte ? Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen , ohne daß er sich die Sache zu erklären gewußt hätte , aber sie drückte ihn nur desto schwerer . Es ängstigte ihn , wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimath , nach seinen Eltern , nach seinen Aussichten erkundigten , und gerade ihn , so meinte er , gingen sie immer mit solchen Fragen an . Er mochte nicht sagen , seine Mutter habe sich ertränkt , er mochte es Niemanden wissen lassen , daß sein Vater sich um ihn nicht kümmere , und Kinder verstehen es noch nicht , jene halben Antworten zu geben , mit denen Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumuthung zu schützen wissen . Aber eben die Befangenheit , die Verlegenheit , welche er nicht verbergen konnte , reizte die grausame Neugier seiner Genossen , weil sie ihnen ein ungewohntes Schauspiel bot ; und Kinder sind wie die Fliegen , die sich stets auf wunde Stellen setzen . Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Straße geschaut . Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen : Zähle die Fenster des Schlosses ! Heute hatte er die Fenster der beiden Gasthöfe gezählt und zugesehen , wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden , und sich gefragt und wieder gefragt : Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein ? Wo mögen denn wohl die glücklichen Kinder schlafen , welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen ? Eine große Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen . Er mochte nicht essen und mochte auch kein Licht haben . Was sollte er auf der Welt , in der er nicht Eltern , nicht Geschwister hatte , in der Niemand nach ihm fragte ? Wohin er seine Gedanken wendete , es freute , es reizte ihn nichts . Wozu sollte er lernen , wozu sich auszeichnen ? Wer kümmerte sich um ihn ? Was kam darauf an , ob etwas aus ihm wurde ? - Er hätte gern weinen mögen , hätte er ' s nur gekonnt . Die Augen waren ihm so müde und so schwer wie das Herz , er konnte sie kaum erheben , sie sanken ihm immer wieder nieder , als hätte er etwas Böses gethan und dürfe sie nicht aufschlagen . Es that ihm wehe , als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte , als die Kriegsräthin in das Zimmer trat und ihn fragte , weßhalb er hier im Dunkeln sitze . Aber er hatte es nicht nöthig sich zu entschuldigen , denn sie nannte es gut , daß er noch wach sei , nahm ihren Hut und Shawl ab , zog ihre langen Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha . Ihr Hals und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz roth aus . Sie hatte die entblößten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt . Das that sie immer , wenn sie mit dem Kriegsrathe oder mit Paul zu schelten gedachte . Es ließ auch nicht lange auf sich warten . Paul ! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an , die immer hart klang , wenn sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte . Komm ' einmal her , Paul , ich habe noch mit Dir zu sprechen ! Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn , und mit einer Bangigkeit , wie er sie nie zuvor empfunden , fragte er , ihren Mittheilungen voraneilend : Von meinem Vater ? Wie kommst Du darauf ? rief sie vorwurfsvoll , obschon seine Lebhaftigkeit ihr die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war . Mein Vater ist ja hier , sagte er schüchtern . Dein Vater , Dein Vater ! wiederholte sie im Tone des Tadels ; hat er Dir gesagt , daß er danach verlangt , Dein Vater zu sein ? Hat er Dir gesagt , daß Du sein Sohn bist ? Paul sah die Kriegsräthin erschrocken an ; er verstand nicht , was sie meinte . Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt , daß Du sein Sohn bist ? Nein , versetzte er leise , denn jedes Wort , das die Kriegsräthin zu ihm sprach , schmerzte ihn mehr als ein Schlag . Woher bildest Du es Dir denn ein ? Woher kommst Du auf den Einfall ? Meine Mutter hat es mir gesagt , entgegnete er gepreßt . Ach , Deine Mutter ! rief die Kriegsräthin ; Deine Mutter hätte auch etwas Klügeres und Besseres thun können , als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen ; sie wußte ja am besten , wie es mit Dir stand ! Der Knabe regte sich nicht , aber seine Mienen drückten eine solche Angst aus , daß der Kriegsräthin bange davor wurde , und mit dem Gedanken , daß sie ein Ende machen und allen Thorheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse , sagte sie schnell und fest : Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen , daß Deine Mutter keine Baronin war und nicht in dem Schlosse bei Deinem Vater wohnte ? Er antwortete ihr nicht . Siehst Du also , fuhr sie fort , wie gedankenlos Du immer bist ! Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen , würdest Du Dir Alles selber haben sagen können ! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des Herrn Barons , war nur von niederem Stande , ein Bauermädchen oder so etwas , und gar nicht mit dem Herrn Baron getraut ! Das ist aber eine Sünde und eine Schande , und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben ! Er mochte Dich nicht bei sich haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen , an welchem alle Welt es wußte , wo Du herstammtest , und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande gereichen mußte ! Was willst Du also von dem Herrn Baron ? Sie hätte noch lange so fortsprechen können , ohne daß der fassungslose Knabe sie unterbrochen , sie hätte ihn noch oftmals fragen können , ohne daß er ihr geantwortet haben würde . Er hörte Alles , als klinge es aus weiter , weiter Ferne dumpf und unverständlich zu ihm herüber , und doch traf ihn Alles bis ins Herz . Es war ihm , als höbe man ihn von dem Boden empor , auf dem er stehe , und drehe ihn in der Luft umher , und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang , sich von den Qualen zu befreien , die man ihn erdulden ließ , sich loszureißen , fortzulaufen , die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne , der beängstigenden Scham und der Verzweiflung Luft zu machen , die ihn fast erstickten , die ihn lähmten . Einmal in seinem Leben war ihm eben so , beinahe eben so zu Muthe gewesen : auf dem Balle , bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten gesprochen hatte , und wo ihm eingefallen war , was seine Mutter ihm gesagt hatte ; aber die Pein , welche er jetzt eben litt , war weit größer , war noch weit schwerer ! Er konnte sie nicht fassen , obschon er sie ertrug . Nun , Paul , sagte die Kriegsräthin endlich mit milderem Tone , da sein starres Schweigen ihr lästig ward , nun weißt Du , woran Du bist , und Du bist alt und klug genug , daß man es Dir sagen konnte . Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn Barons , und er braucht sich , wenn Du eingesegnet bist , gar nicht weiter um Dich zu kümmern . Sei also ordentlich und vernünftig , und beweise ihm durch Deinen Gehorsam , daß Du die großen Wohlthaten , die er Dir gethan hat , verdienst . Er hätte gar nicht nöthig gehabt , Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen ; aber wenn Du ihm gehorchst , wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubniß an Dich erinnerst , wird er gewiß seine Hand nicht von Dir abwenden . Ich will sehen , was ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich durchzusetzen vermag , daß wir Dich an Kindesstatt annehmen , daß Du immer bei uns bleiben und daß Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst , mit dem Du Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst ! Und nun geh ' , und schlafe Dich aus , und sei vernünftig ! Nein , nein ! rief der Knabe so laut und plötzlich , daß die Kriegsräthin davor zusammenschreckte . Du willst nicht gehen ? fragte sie und nahm ihn bei der Hand . Er zog seine Hand aus der ihrigen . Ich will keinen anderen Namen haben , ich will meinen Namen behalten , ich will Paul Mannert heißen und nicht anders ! Die Kriegsräthin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort . Heiße , wie Du willst , sagte sie , und geh ' zu Bett ! Das aber bitte ich mir aus , daß Du keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen läßt , den Herrn Baron belästigen zu gehen ! Sie nahm das Licht und verließ ihn ; Paul blieb allein im Dunkeln zurück , aber das Dunkel genügte ihm nicht , es war ihm nicht undurchdringlich genug . Er eilte fort in seine Kammer , warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und hüllte das Gesicht in die Kissen . Er wollte nichts sehen , nichts hören , es sollte ihn auch Niemand sehen , Niemand etwas von ihm hören . Sterben , sterben , ich will sterben ! rief es immer in seinem armen , jungen Herzen , und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn , daß die Thränen ihm davon versiegten . Sünde und Schande , hatte die Kriegsräthin gesagt . Sünde und Schande ! sagte er sich immerfort , hörte er es immerfort um sich erklingen . Sünde und Schande waren es gewesen , die seine Mutter in den Tod getrieben hatten ! Eine Sünde war es , daß er auf der Welt war , die Schande heftete sich an ihn , und ihr konnte er nicht entfliehen ! - Nun wußte er , weßhalb seine Kameraden ihn immer um seine Eltern fragten , warum sie immer wissen wollten , wo er zu Hause sei . Sie hatten alle Mütter , die getraut mit ihren Männern waren , sie hatten alle Väter , die sich ihrer nicht zu schämen brauchten , sie hatten ein Vaterhaus , in das sie hineingehörten . Er hatte nichts , nicht Vater , nicht Mutter und nicht Heimath ! Nichts war sein eigen als die Schande , die mit ihm geboren war ; und nicht einmal seinen Namen wollte man ihm lassen , auch seinen Namen wollte die Kriegsräthin ihm nehmen , die ihn so gemartert hatte , daß er auch in seiner Herzensangst nicht mehr weinen konnte ! Das war es gewesen , was ihn zum Aufschreien gezwungen , das war es gewesen , weßhalb er so ängstlich sein Nein , Nein ! gerufen . Sein Name war das Einzige , das ihm gehörte . Er hatte nichts , nichts auf der Welt , als diesen seinen Namen , den sollte man ihm nicht nehmen , nur den Namen nicht ! Er schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich . Aber schmerzlich , wie die Thränen ihm entquollen , befreiten sie ihn