Träumer schmerzlich an Alles erinnert , was er Liebes und Schönes im Leben schon besessen hatte , nur , um es nach so kurzer Zeit auf immer wieder zu verlieren . Auch jetzt , während die Frau Hauptmann sich auf seine Bitte zu ihm gesetzt hatte , und ihm von der Aufregung , die in der Stadt herrsche , von den blutigen Scenen , die gestern Abend gar nicht weit von ihnen , in der Schwesterstraße , vorgefallen wären , von den Volksversammlungen unter den Buden erzählte und über die schlimme Zeit klagte , wo Alles drunter und drüber gehe und man zuletzt nicht mehr wisse , wer Koch und wer Kellner sei , richteten sich seine Augen wiederholt auf das Bild an der Wand . Die Frau Hauptmann bemerkte es und sagte : Ja ! so sah es vor fünfundzwanzig Jahren auch aus . Es gehörte einem Landsmann von Ihnen , einem lieben , braven Herrn , der viele Jahre bei mir gewohnt hat und den ich wie eine Schwester lieb hatte - das Bild ist noch hier , aber er - Hier seufzte sie so tief , daß Oswald , den das eigene Leid nicht für das Leid Anderer abgestumpft hatte , mitleidig fragte : Er ist todt , der Herr , nicht wahr ? Ich weiß es nicht , erwiderte die alte Dame ; er ist in die Welt hineingezogen , um ein Mädchen , das ich als mein Kind erzogen hatte - ein süßes , herziges Geschöpf , vom Verderben zu retten ; aber er ist nicht wieder gekommen , und sie ist nicht wieder gekommen , und ich beweine ihren Verlust , obgleich jetzt beinahe fünfundzwanzig Jahre darüber verflossen sind . Haben Sie , Monsieur - ach ! es ist eigentlich thöricht , daß ich darnach frage , aber möglich ist ja am Ende Alles auf der Welt - haben Sie je etwas von einer Mademoiselle Marie Montbert und einem Monsieur d ' Estein gehört ? Die alte Dame hatte diese Frage so oft gethan und so oft nur ein kurzes non , Madame zur Antwort erhalten , daß sie kaum Oswalds bedauerndes Achselzucken beachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr : Ach , ich dachte es wohl ; Niemand weiß mir etwas von ihnen zu sagen . Die Welt ist so groß und der Menschen sind so viele : und in dieser großen Welt und in dem Menschengetreibe , wie leicht sind da zwei Unglückliche vergessen und verschollen ! Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit so fein und würdig , die tiefliegenden , aber noch immer lebhaften Augen blickten so freundlich und sanft , und ihre Stimme klang so treu und so gut , daß Oswald sich wunderbar von ihr angemuthet fühlte und sie mit einer Wärme , die ihm von Herzen kam , bat , ihm etwas Näheres von jenen beiden Personen , deren unglückliches Schicksal sie nach so langer Zeit noch so schmerzlich beklagte , mitzutheilen . Die Frau Hauptmann strich die schwarzseidene Schürze glatt und erzählte in schlichten Worten ihre Geschichte . Ihr Gemahl , eine tapfere , aber überaus wüste und unbändige Natur , hatte sie durch seine Verschwendung schon Jahre vorher , ehe er bei Waterloo durch einen heldenmüthigen Tod die Sünden seines Lebens quitt machte , gezwungen , für ihren Unterhalt selbst zu sorgen . Sie hatte in einem Hintergebäude des Hauses , dessen Herrin sie jetzt war , eine geräumige Wohnung inne gehabt , von der sie den größeren Theil an einzelne Herren wieder vermiethete . Immer hatte sie gesucht , mit ihren Abmiethern auf einem freundschaftlichen , zum wenigsten guten Fuß zu stehen . Mit keinem war ihr das so gut gelungen , als mit einem Herrn , Namens d ' Estein , dem Abkömmling einer Familie französischer Réfugiés , der sich sein mühseliges Brod durch Unterrichtgeben in der unvergessenen Sprache seiner Heimath verdiente . Monsieur d ' Estein war ein herzensguter , voller Schrullen steckender Hagestolz , der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit Jedem , der ihn darum bat , seinen letzten Bissen Brod theilte . Er hatte über Alles seine ganz besonderen Ideen und trug sich fortwährend mit weltumstürzenden Plänen , während er dabei so harmlos wie eine Grille lebte . Monsieur d ' Estein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in dieser Zeit ein lieber treuer Freund geworden , dem sie ohne Bedenken ihre mancherlei Sorgen und Nöthe klagen konnte , als eines Tages Monsieur Montbert , ein französischer Obrist , Monsieur d ' Estein , seinen Verwandten , zu besuchen kam . Der Obrist war auf dem Wege nach Rußland - es war im Jahre 1812 - und er hatte ein Töchterchen von acht Jahren bei sich , ein liebliches Geschöpf , das der Obrist vielleicht um so zärtlicher liebte , als es sich nicht des Vorzuges einer legitimen Geburt erfreute und Niemand auf der Welt hatte , der es liebte und beschützte , als den Vater , den die Kriegsstürme stets von einem Ende Europas nach dem andern fegten . Bis jetzt hatte er sie auf allen seinen Zügen bei sich gehabt : aber der sonst so tapfere Mann schauderte vor dem Gedanken , sein Kleinod den Gefahren einer Wintercampagne , deren Ausgang er ahnen mochte , preiszugeben , und die eigentliche Veranlassung seines diesmaligen Besuches - schon 1807 war er auf einige Monate in der Residenz gewesen - war , Monsieur d ' Estein zu bitten , so lange der Feldzug dauere , die Sorge für die kleine Marie zu übernehmen , und wenn er nicht wiederkehren sollte - da waren die Familienpapiere , da war baar und in Wechseln das Vermögen , das er besaß und - die Freunde sahen sich in die Augen und drückten sich die Hände . Der Obrist küßte sein Töchterchen , versprach ihr , in einem Schlitten mit zwei Rennthieren aus Rußland zurückzukommen , küßte sie noch einmal , rief ! Adieu , mon cher ! adieu , ma petite ! schwang sich auf sein Pferd und ritt davon . Der Oberst Montbert machte sein Versprechen mit dem Rennthierschlitten nicht wahr ; sein Töchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und auf den Vater , bis sie ein großes Mädchen war , aber Schlitten und Vater kamen nicht . Marie war ein großes schönes Mädchen geworden , so schön , daß sie in der ganzen Nachbarschaft nur die schöne Marie hieß . Sie war auch ein gutes Mädchen , mit einem Herzen , daß sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden weinen konnte . Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantasie , ein Hang für das Außerordentliche , Wunderbare - das Erbtheil ihres Vaters , des französischen Reiterobristen , dessen abenteuerlustiger , phantastischer Sinn , wie Monsieur d ' Estein behauptete , nah an Wahnsinn gestreift hatte . Der Frau Hauptmann und Monsieur verursachte die Charaktereigenthümlichkeit ihres Pfleglings viel schwere Sorge , besonders Monsieur , dem bei seiner herben , nüchternen Sinnesart alles Phantastische ein Gräuel war . Das Mädchen darf keine Zeit zum Träumen haben , pflegte er zu sagen ; sie muß denken und handeln lernen . Sie muß in der schweren Prosa des Lebens ein Gegengewicht gegen ihre bunte Traumwelt haben . In spanischen Schlössern kann kein Mensch wohnen . Nach diesen Maximen entwarf er einen Erziehungsplan für die kleine Marie , dessen Zweckmäßigkeit Frau Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung , die sie vor Monsieur ' s Verstand und Charakter hatte , niemals recht einleuchten wollte . Marie sollte in den einfachsten Kleidern gehen , wie die Kinder kleiner Handwerker ; sie sollte jede häusliche Arbeit verrichten lernen , und als sie erwachsen war , trieb Monsieur die Consequenz gar so weit , daß er sie zu einer achtbaren Putzmacherin in die Lehre gab - man konnte ja nicht wissen , ob ihr das in ihrem späteren Leben nicht noch recht nützlich würde . Frau Hauptmann schüttelte zu dem Allen den Kopf ; aber sie söhnte sich auch wieder mit Monsieur ' s Handlungsweise aus , wenn sie bedachte , wie gut er ' s doch meinte , und besonders , wenn sie sah , wie trefflich das Mädchen dabei gedieh , wie es mit jedem Tage klüger und schöner wurde und in seinem bescheidenen Kattunkleidchen und dem einfachen Strohhütchen feiner und vornehmer aussah wie eine Geheimerathstochter . Frau Hauptmann war stolz auf das Mädchen ; sie selbst hatte nie Kinder gehabt , aber sie meinte , daß sie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben würde . Und war sie denn nicht des Kindes Mutter ? hatte sie es nicht in gesunden Tagen gehegt und in kranken gepflegt ? und hing es dafür nicht an ihr mit so zärtlicher Liebe , wie nur eine Tochter an ihrer Mutter hangen kann ? Frau Hauptmann war ordentlich eifersüchtig auf diese Liebe ; sie hatte so wenig Liebe in ihrem Leben erfahren ! und sah es gar nicht so ungern , daß Marie zu ihr offenbar mehr Zutrauen und Liebe hatte , als zu ihrem Pflegevater . Aber dieser war seinerseits nicht weniger eifersüchtig ; ja , es kam Frau Hauptmann manchmal vor , als ob Monsieur noch andere als väterliche Empfindungen gegen die schöne Nichte hege und als ob seine Erziehungsmethode , die Marie ganz in den kleinen Kreis der Häuslichkeit bannte , nicht blos durch pädagogische Rücksichten bestimmt sei . Monsieur war um diese Zeit erst vierzig Jahre alt . Es war dies kaum mehr als der Schatten eines Verdachtes , dem aber die folgenden Ereignisse Körper gaben . Eines Abends - es war an einem Sonntag - kam Monsieur von dem Spaziergang , den er mit Marie in den Park gemacht hatte , sehr verstimmt nach Hause . Auch Marie schien aufgeregt und hatte die Spur von Thränen in ihren schönen Augen . Sie ging gleich nach dem Abendessen zu Bett , und Frau Hauptmann bat Monsieur nun so lange , zu erzählen , was sich ereignet , bis er ihr endlich willfahrte . Marie und er waren in traulichen Gesprächen in den schattigen Gängen des Parks auf- und abgewandelt , und endlich in eine der Gartenrestaurationen getreten , weil Monsieur dem durstigen Kinde ein Glas Limonade reichen lassen und bei der Gelegenheit selbst ein Gläschen Liqueur trinken wollte . Sie hatten kaum Platz genommen , als zwei Herren , die vorher weiter weg gesessen hatten , sich an dem Tischchen dicht neben ihnen niederließen . Monsieur , der den Herren den Rücken zukehrte , beachtete sie nicht weiter und wurde erst auf sie aufmerksam , als er sah , daß Marie , während er mit ihr sprach , einen halb verlegenen , halb neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf . Er wandte sich um , zu sehen , was es gäbe . Es war ein auffallend schöner Mann - Monsieur konnte das trotz all seines Aergers nicht leugnen - eine hohe , ritterliche Gestalt , ein herrlicher Kopf , ein edles , wenn auch etwas verwüstetes Gesicht , große , dunkelblaue Augen , die vornehm und freundlich zugleich blickten , als der Herr jetzt den Hut ziehend , in sehr gutem Französisch - Monsieur und Marie hatten , wie gewöhnlich , französisch gesprochen - fragte : ob es ihm und seinem Begleiter vergönnt sei , sich der Gesellschaft von Monsieur und Mademoiselle anzuschließen ? Nun war Monsieur der höflichste Mensch von der Welt ; aber , behauptete er , es habe in dem Wesen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen , das ihn sofort mit tiefem Widerwillen gegen denselben erfüllte , und er habe deshalb kurz und trocken geantwortet , daß er und Mademoiselle vorzögen , allein zu bleiben . Es hatte darauf einen kurzen Wortwechsel zwischen ihm und dem Fremden gegeben , der damit endete , daß er selbst aufstand und , um der Sache ein Ende zu machen , Marie aus dem Garten führte . Von diesem Abend an datirte sich eine merkliche Veränderung in Mariens Benehmen . Sie , die sonst so Heitere , Gleichmüthige , ließ das Köpfchen hangen , war bald blaß und bald roth , bald ausgelassen lustig , bald zum Sterben traurig - weder Monsieur noch Frau Hauptmann wußten , was sie daraus machen sollten . Zu allem Unglück wurde Monsieur in der Zeit so krank , daß er das Zimmer hüten mußte und in Folge dessen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewöhnlich in Anspruch nahm , so daß Marie sich vielfach selbst überlassen blieb . Sonst hatte sie Monsieur regelmäßig des Abends aus dem Atelier , in welchem sie arbeitete , abgeholt , jetzt mußte sie den Weg allein machen . Was nun während dieser Zeit geschehen , in welche Schlingen das arme unglückliche Mädchen gefallen ist - Frau Hauptmann hatte es nie erfahren . Aber eines Morgens , als sie die Kleine wecken wollte , fand sie das Zimmer leer und auf dem Tisch ein Briefchen , in welchem die Unglückliche schrieb , daß Gründe , über die sie sich nicht näher erklären dürfe , sie zwängen , die Stadt zu verlassen ; daß sie ihre Wohlthäter mit tausend Thränen um Verzeihung bitte , wenn sie ihnen jetzt für all ihre Liebe nur mit scheinbarer Undankbarkeit lohne ; daß sie aber zu Gott hoffe , es werde bald ein Tag kommen , wo all dieses Leid sich in Freude verwandele . Dieser Tag war nie gekommen , dafür hatte sich für die arme Frau Leid auf Leid gehäuft . Monsieur war über die Nachricht von Mariens Flucht beinahe wahnsinnig geworden und hatte mit furchtbarem Eid geschworen , daß er von dieser Stunde an nicht ruhen und nicht rasten wollte , bis er Marien aus den Händen des schändlichen Verführers befreit und sich persönlich an ihm gerächt habe . Monsieur d ' Estein war der Mann , sein Wort zu halten . In dem kleinen , schwächlichen Körper lebte ein energischer Geist . Das zeigte sich jetzt , wo eine freche Hand das Glück seines Lebens grausam zerstört hatte . Denn die Frau Hauptmann konnte nicht länger zweifeln , daß der sonderbare Mann die Verlorene mit all der Leidenschaft , die so verschlossenen , wunderlichen Naturen eigenthümlich ist , geliebt habe . Er betrieb die Nachforschungen mit einer rastlosen Thätigkeit , die von Erfolg gekrönt war . Er hatte die rechte Spur gefunden . Wohin sie führte ? - - er sprach sich darüber nicht aus , wie er denn überhaupt die ganze Angelegenheit selbst vor seiner alten Freundin in tiefes Geheimniß hüllte . Er packte in seinen Koffer , was er zu einer längeren Reise brauchte , riß sich von der Weinenden los , mit dem Versprechen , in acht Tagen spätestens Nachricht von sich zu geben - aber seitdem waren nun beinahe fünfundzwanzig Jahre vergangen , und Frau Hauptmann wartete noch immer , daß Monsieur sein Versprechen erfüllte . Die alte Dame hatte , in ihre Erinnerungen verloren , ganz vergessen , daß es nicht sowohl ihre Absicht gewesen , das eigene Leid zu klagen , als das des jungen Fremden in Erfahrung zu bringen ; und sie wurde erst durch die Blässe von Oswalds Gesicht , die , während ihrer Erzählung nur immer zugenommen hatte , daran erinnert . Aber Sie sind wirklich kränker , als Sie glauben , lieber junger Herr , unterbrach sie sich ; Ihre Hand ist glühend heiß und - verzeihen Sie einer alten Frau ! - Ihre Stirn brennt . Erlauben Sie mir , daß ich nach unserm Arzt schicke ! Bitte , lassen Sie das ! sagte Oswald , sich gewaltsam emporraffend ; ich will Ihnen gestehen : ich bin die ganze Nacht schlaflos gewesen , wahrscheinlich aus übergroßer Abspannung in Folge der langen Reise . So legen Sie sich wenigstens jetzt noch einige Stunden hin ! bat die alte Dame . Ich weiß es wohl : die Jugend kann des Schlafes nicht entbehren , wie wir alten Leute . Das will ich , sagte Oswald , während sich Frau Hauptmann erhob . Sie sollen sehen : der Schlaf macht Alles wieder gut . Das gebe Gott , erwiderte die alte Dame , Oswald noch einmal freundlich die Hand drückend ; bitte , bitte , keinen Schritt weiter ! Ich werde nach einigen Stunden wieder anfragen . Die Thür hatte sich kaum hinter der Frau Hauptmann geschlossen , als Oswald wie vernichtet in den Sopha zurücksank . Was hatte er eben gehört ! Daß dies die Fortsetzung der Geschichte sei , die ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clausen in Grenwitz erzählt hatte - an jenem Abend , als er mit Timm in ihrer Hütte Schutz vor dem Regen suchte - daran hatte er schon nach den ersten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt . Stimmten doch alle Umstände ! - So , genau so , wie die alte Dame den fremden Cavalier geschildert hatte , blickte noch heute das Porträt des Barons Harald von Grenwitz aus seinem breiten Goldrahmen ; und hatte nicht das arme schöne Mädchen , die unglückliche Verführte , Marie geheißen , wie die Pflegetochter des Monsieur d ' Estein ! Aber das war es nicht , was ihm jetzt das Blut erstarren machte und alle seine Glieder wie im Fieber schüttelte . Es war eine andere , furchtbare Ahnung , die aus den Tiefen seiner Seele mit dämonischer Gewalt heraufstieg . Oder waren es auch nur die Fiebergeister , die am lichten Tage ihren schauerlichen Spuck von neuem begannen ? war es Wahnsinn , daß in seiner erhitzten Phantasie aus dem Monsieur d ' Estein , dem grillenhaften französischen Sprachmeister , sein Vater , der alte wunderliche Mann wurde ? und aus der schönen Tochter des französischen Obristen die schöne junge Frau mit den holdseligen Augen , um deren Kniee er als Kind an hellen Sommermorgen in dem lauschigen Garten hinter der Stadtmauer gespielt hatte , während die weißen Schmetterlinge sich über dem blauen Rittersporn wiegten ? Und in immer wilderer Hast jagten sich die tollen Gedanken . Alte , längst vergessene Eindrücke erwachten und gaben deutliche Antwort über die Kluft der Jahre hinweg ; seltsame Zweifel , mit denen sich der Knabe , der Jüngling getragen hatte , kamen wieder und sagten : Du hast ja nun die Lösung ! So vieles Unerklärliche in seinem Leben zeigte auf einmal den tief verborgenen Sinn . Nicht greisenhafte Schwäche war es also gewesen , was die alte Mutter Clausen trieb , in seinem Gesicht fortwährend nach den Zügen des Barons Oskar zu suchen , » der mit dem Wodan stürzte , « und nicht eine phantastische Laune , daß Albert Timm erklärte : Sie haben das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitzer Barone ! Oswald sprang vom Sopha auf nach dem Spiegel . Ein todtenbleiches Gesicht mit unheimlich leuchtenden Augen stierte ihn an : Sieh da ! ist der böse Geist noch immer nicht zur Ruhe ? sind ihm noch nicht genug Opfer gefallen ? erzeugt er sich in seinen Opfern immer wieder ? kann der Vampyr nicht an seinen eigenen Blicken sterben ? Eine Kugel ? was ? so gerade über den pochenden Schläfen in ' s fiebernde Hirn - sollte die dem Spuk nicht ein Ende machen ? Doch , das ist der rechte Tod nicht , sagt Berger ; ist nur Tausch . Was bringt denn den rechten Tod , aus dem die Seele nimmer wieder zu diesem gottverfluchten Dasein erwacht ? Oswald fuhr mit einem Schrei zusammen - eine Hand erfaßte seinen Arm , und über die Schulter des Spiegelbildes weg schaute eine höhnisch lachende Fratze ihn an . Hoho ! sagte Albert Timm ; willst Du unter die Komödianten , Dottore , daß Du vor dem Spiegel stehst und Monologe declamirst , die einem ehrlichen Menschen eine Gänsehaut verursachen könnten ? Gottverfluchtes Dasein ? laß Dich doch mal bei Licht besehen , Schatz ! In der That ! Du siehst bedenklich aus ! die kleine Emilie , he ? Sei froh , daß sie fort ist , bevor sie Dich zum Schatten Deines Schattens machte ! Du siehst , ich weiß Alles , und weiß noch ein gut Theil mehr , was , wenn Du ' s hörst , Dir wieder Lust zum Leben beibringen soll , Du melancholischer Dänenprinz , Du ! Aber , bevor ich mein Wissen auskrame - laß eine Flasche Portwein kommen oder dergleichen ; ich bin heute Morgen noch so trocken , wie ein Stockfisch . Albert Timm wartete Oswalds Antwort nicht ab , sondern klingelte selbst und bestellte Portwein und Caviar . Haben keinen ? Sehen Sie in den Dustern Keller , gleich um die Ecke , Mann , nicht drei Schritt von hier . Machen Sie eine Empfehlung von Albert Timm an Frau Rosalie Pape und kommen Sie im Fluge zurück , Sie blondgelockter Jüngling ! Herrn Timms Behauptung , daß er heute Morgen noch nichts getrunken habe , war offenbar erlogen . Er verbreitete einen sehr merklichen Duft von Spirituosen um sich her , sein Gesicht war stark geröthet und seine Augen weniger hell als sonst . Seine Wäsche war noch unsauberer als gewöhnlich , und der braune Ueberrock hatte mit verschiedenen weißen Wänden und schmutzigen Tischen allzunahe Bekanntschaft gemacht . Herrn Timms Umstände hatten sich , seit ihn Oswald zum letzten Mal sah , augenscheinlich bedeutend verschlechtert . Er stellte das auch gar nicht in Abrede , im Gegentheil , er hob unaufgefordert den Schleier von dem reizlosen Bilde seiner letzten Monate . Das Pech hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt , rief er , sich auf den Sopha werfend und die Beine von sich streckend . In dem Augenblick , als ich die Entdeckung gemacht hatte , die ich Dir mittheilen werde , sobald der Wein gekommen sein wird , verschwandest Du spurlos aus Grünwald . Am nächsten Tage hob die Polizei unseren Club auf , als wir beim Pharao saßen , und confiscirte - ich hielt gerade Bank - meine ganze Baarschaft von einigen hundert Thalern , die ich um so nöthiger brauchte , als am nächsten Morgen ein Wechsel von ebenfalls einigen hundert Thalern fällig war , den ich natürlich nun nicht bezahlen konnte . Der verdammte Manichäer ließ mich in ' s Loch sperren , wo ich denn bis vor acht Tagen etwa gesessen habe . Wie ich losgekommen bin ? Mein Wirth , - lassen wir das ! ich stehe wieder auf freien Füßen , und da kommen der Wein und der Caviar . Hier , Oswald ! thu mir Bescheid ! Es lebe , wer sich tapfer hält ! Kerl , ich sage Dir , ich bin außer mir vor Freude , daß ich Dich sobald aufgetrieben habe . Ich hatte mich schon auf eine lange Jagd gefaßt gemacht . Und nun will ich Dir eine Geschichte erzählen , daß Du vor Verwunderung die Hände über den Kopf zusammenschlagen und vor Staunen aus der Haut fahren sollst . Ja wohl , aus der Haut ! denn Du mußt den ganzen miserabeln Menschen , als welchen ich Dich hier vor mir sehe , aus-und den andern anziehen , so ich für Dich ohne alle Dein Verdienst und Würdigkeit blos aus purer Freundschaft mit saurer Mühe bereitet habe . Und nun noch einen Schluck und dann an ' s Werk ! Herr Timm schob den Teller , den er unterdessen geleert hatte , von sich , stürzte ein volles Glas hinunter , schenkte sich wieder ein , holte aus der Tasche ein Bündel Papiere , die er vor sich auf den Tisch legte , stemmte die beiden Arme auf , lachte Oswald an und sagte : Was giebst Du mir , mon cher , wenn ich Dich nun so nolens volens aus einem armen Schlucker zu dem Sohne eines Barons mit nebenbei einem Erbe von circa fünfzehn- bis zwanzigtausend jährlicher Rente mache ? Aber ich sehe , Du bist wirklich etwas stark angegriffen . Ich will Dich nicht länger auf die Folter spannen . Höre ! Daß Timm ihm die Bestätigung seiner Ahnung brachte , ihm gleichsam schwarz auf weiß bewies , daß er nicht geträumt habe , jede ausschweifendste Phantasie durch ein schriftliches Document zu einem Factum machte , welches sich vor Gericht beweisen ließ - Oswald bis zum Wahnwitz überreiztes Gehirn sah in dem Allen nichts Außerordentliches . Da waren die Familienpapiere Marie Montberts . Ihr eigentlicher Name war der ihrer deutschen Mutter , Marie Herzog , die , nach Paris verschlagen , dort die Geliebte des Obristen Montbert geworden war . Und Herzog , das wußte Oswald , war der Familienname seiner Mutter . Hier war - durch Timms unermüdliche Thätigkeit und geheimnißvolle Connexionen herbeigeschafft - eine Abschrift aus dem Kirchenbuche über die am 1. December 1823 in der St. Marienkirche stattgehabte Trauung des Herrn d ' Estein , genannt Stein , und der Marie Elisabeth Herzog . Und dann hier die Abschrift eines Taufzeugnisses : Am 22. December 1823 wurde dem Herrn Amadeus Stein und seiner Ehefrau Marie , geborene Herzog , ein Sohn geboren , welcher in der heiligen Taufe , den 23. Januar 1824 , den Namen Oswald empfing . Hier waren die Briefe , die Baron Harald während seines verhängnißvollen Aufenthalts im Frühling 1823 in der Residenz an Marie geschrieben , hier die Briefe , die Marie an den Baron gerichtet ; hier ein Brief Herrn d ' Estein ' s an Marie aus dem Sommer desselben Jahres , worin er ihr schreibt , daß er endlich ihren Aufenthalt in Grenwitz erfahren ; sie bei ihrer Seelen Seligkeit beschwört , ihm zu folgen ; daß er Alles zur Flucht bereit habe . Du siehst , es stimmt Alles auf ' s Haar , sagte Timm , nachdem er mit vielem Scharfsinn alle Fäden der verwickelten Angelegenheit entwirrt und zu einem festen Gewebe vereinigt hatte ; die Identität der Personen kann durch Documente und durch Zeugen zugleich bewiesen werden , und das Zeugniß der Frau Rosalie Pape , die Deine Mutter verkuppelt hat und hernach bei Deiner Geburt und bei Deiner Taufe zugegen gewesen ist , schnellt alle möglichen Pfiffe und Kniffe der Gegenpartei in die Luft . Zwar wird das Weib ein Zeugniß , das es in der That einigermaßen compromittirt , nicht gern hergeben , aber für Geld kann man den Teufel tanzen sehen . Also deßhalb habe ich keine Sorge . Meine einzige Sorge ist , daß Du die Sache nicht mit der nöthigen Energie betreiben wirst . Ich will Dir nur gestehen : Ich fürchtete das bei den einigermaßen verrückten Ansichten , die Du über manche Dinge hast , so daß ich im Anfang ganz und gar zweifelte , ob es sich überhaupt der Mühe verlohne , Dir von meiner Enteckung Mittheilung zu machen , und ich in Folge dessen gegen die Baronin einige Winke fallen ließ , die aber nicht sehr gnädig aufgenommen wurden . Mit einem Worte , sagte Oswald , und er wurde noch blasser , als er es schon war , Du hast die Entdeckung an die Baronin verkaufen wollen und sie hat Dir nicht den Preis bezahlt , den Du fordertest . Sieh ! sieh ! sagte Albert mit aufrichtiger Bewunderung , Du entwickelst da einen Sinn für Geschäfte , den ich Dir gar nicht zugetraut hätte . Nun , nimm an , die Sache sei so , wie Du sagst . Das kann und wird Dich nicht hindern , von Deinem guten Rechte Gebrauch zu machen . Aber , Freundchen , periculum in mora ! Wenn Du nicht bloß der Neffe , sondern der Schwiegersohn Anna-Maria ' s werden willst , mußt Du Dich beeilen . Es ist so gekommen , wie ich Dir schon im Winter sagte , daß es kommen würde . Helene hat sich mit dem Fürsten Waldernberg versprochen ; die öffentliche Verlobung soll in diesen Tagen stattfinden und zwar hier . Anna-Maria ist gestern Abend angekommen und im Hotel Waldernberg bei der alten Fürstin Letbus , der Mutter seiner Durchlaucht , abgestiegen . Nun habe ich , um in dem feindlichen Lager die nöthige Verwirrung zu bereiten , die unsern Angriff unterstützen soll , bereits eine herrliche Mine gegraben , die noch heute platzen muß . Ich bin wie von meinem Leben überzeugt , daß Helene den Fürsten nicht liebt und daß sie noch im letzten Augenblick nein sagen würde , wenn sie wüßte , daß Du ihr Vetter bist und sie das Vermögen , welches sie durch ihre Vetterschaft verliert , aus den Händen des Gemahls zurückerhalten kann . Daß sich die Sache aber so verhält , wird sie nur einem Menschen auf Erden glauben , und dieser Mensch bist Du selbst . Oswald , bedenke , was auf dem Spiel steht . Ein einziger muthiger Schritt - und das Mädchen , das Du - leugne es nicht ! - zum Rasendwerden liebst , ist Dein ! Ein Vermögen , daß Deine kühnsten Wünsche übersteigt , ist Dein ! Du hast mit einem Schlage Alles , wonach Andre Jahre lang vergeblich rennen , wofür sie , wenn sie die Chance hätten , ohne sich lange zu besinnen , ihr Leben einsetzen würden ! Die Ueberraschung bewirkt Wunder . Fahre nach dem Hotel Waldernberg in der Williamsstraße ; laß Dich bei der jungen Baroneß melden ! sag ' ihr , wenn es sein muß , in Gegenwart der Mutter , nicht , daß Du sie heirathen willst , - denn das versteht sich hernach von selbst , - sondern , daß Du jetzt unter den und den Umständen die Entdeckung gemacht hast , und ich will meinen eigenen Kopf fressen , wenn Dir das Mädel nicht um den Hals fällt und ihren Fürsten zum Teufel schickt . Albert hatte sich darauf gefaßt gemacht , diesen abenteuerlichen Plan von dem zaghafteren Oswald zuerst auf das Entschiedenste verworfen und im besten Falle erst nach langer Debatte angenommen zu sehen . Wie freudig war er deshalb überrascht , als jener , der während der ganzen Verhandlung