Sie schon eine solche Uhr gesehen ? doppelter Secundenzeiger - der Zeiger oben zeigt Monat und Datum - direct aus London - ich glaube , es ist die erste , die auf dem Continent getragen wird . Apropos ! wer kann denn heute Nacht das hübsche , schwarzäugige , kleine Ding gewesen sein , das wir auch aufgestört hatten und das im allerliebsten Nachtcostüm über den Flur huschte - es schien eine Art Wirthschafterin oder dergleichen . Ihr habt doch weiter keinen Besuch auf dem Schlosse ? Nein - Also ganz en famille ? Wollen Sie gefälligst die Klingel über Ihrem Kopfe ziehen ? Ich dächte , ich sähe heute ganz ausnehmend wohl aus - Jean ! habe ich Dir nicht gesagt , Kameel , daß Du diesen Rock hier nicht tragen sollst - gleich zieh ' den neuen an ! und dann geh ' und frage bei der gnädigen Herrschaft an , ob ich jetzt meine Aufwartung machen dürfe . Die Frau Baronin haben schon zweimal nach dem Herrn Baron gefragt . Nun , dann sag ' , ich würde gleich kommen . - A revoir , lieber Timm , ich hoffe , Sie an der Mittagstafel zu sehen - und Felix warf noch einen letzten Blick in den Spiegel , goß etwas Eau de Cologne auf sein weißes Taschentuch und schritt durch die Thür , welche ihm Jean öffnete , davon , ohne sich weiter nach Albert , der ihm auf dem Fuße folgte , umzusehen . Dieser schaute dem Enteilenden mit einem höhnischen Lächeln auf den schmalen seinen Lippen nach : lieber Timm , murmelte er ; ich will Dir den lieben Timm und das Sie anstreichen , Du Affe ! Es war am Abend desselben Tages . Man hatte so eben die Mahlzeit , die bei gutem Wetter jetzt stets auf der Terasse eingenommen wurde , beendet und bereitete sich zu einem gemeinschaftlichen Spaziergange , den man , auf den Vorschlag der Baronin , durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte . Oswald hätte sich ausschließen mögen , da ihm in seiner augenblicklichen Stimmung die Gesellschaft peinlich war , aber Felix , der ein großes Gefallen an dem schweigsamen , ernsten Mann zu finden schien , hatte ihn so lange gebeten , kein Störenfried und Spielverderber zu sein , daß er sich endlich , zu Bruno ' s großer Freude , zum Mitgehen entschloß . So brach man denn auf und gelangte bald in den schönen Wald , wo in den grünen Zweigen noch die rothen Abendlichter spielten und die Vögel sangen . Felix hatte der Baronin den Arm gegeben ; Fräulein Helene ging an ihres Vaters Seite ; Oswald , Albert und die Knaben und Mademoiselle Marguerite gingen voran oder folgten , bald einzeln , bald paarweise , wie der schmale Waldweg es eben erlaubte . Felix , den sein Arzt besonders vor Erkältung gewarnt hatte , fand es im Wald doch kühler und feuchter , als er vermuthet , und er wünschte im Stillen sehnlichst , daß die Partie sich nicht zu sehr in die Länge ziehen möchte . Indessen hielt er es natürlich für gerathener , seinen geheimen Wünschen keine Worte zu leihen , sondern dem reizenden Einfall » dieses romantischen Spazierganges « ein Compliment zu machen . Es freut mich , wenn ich damit Ihrem Geschmack entsprochen habe , lieber Felix , sagte Anna-Maria : ich gestehe , ich hätte Ihnen so viel Sinn für die einfachen Freuden das Landlebens nicht zugetraut . Wie gut trifft es sich , daß auch Helene diesen Geschmack theilt . Ihr werdet einmal ein recht verständiges , solides Leben führen , wie es sich für Eure Verhältnisse schickt . Nun , meine Verhältnisse , liebe Tante - Werden sich bessern , ich bin davon überzeugt ; aber Sie werden viel zu thun haben , lieber Felix , bis Sie ganz frei aufathmen können . Wie lange hat es gedauert , bis selbst wir nur die allergrößten Hindernisse aus dem Wege geräumt hatten ! und von einer wirklichen Beherrschung der Situation können wir erst in ein paar Jahren sprechen , wenn Stantow und Bärwalde uns hoffentlich nicht mehr länger vorenthalten werden können und die übrigen Güter in neuen und , ich denke , besseren Pacht kommen . Sie sollten Ihre Güter auch neu vermessen lassen , lieber Felix . Sie finden in Timm einen fleißigen und geschickten Arbeiter . Ich bin ganz überrascht , daß Sie den jungen Mann schon von früher her kennen ; von der Cadettenschule , nicht wahr ? Ja , liebe Tante ; er war ein großer - Liebling - ich glaube es gern ; ist er es doch auch hier bei uns Allen . Das wollte ich nun eigentlich nicht sagen , versetzte Felix lachend ; indessen man hatte ihn allerdings im Allgemeinen sehr gern . Er war der unermüdlichste Spaßmacher ; und wenn es sich um einen Geniestreich handelte , so stand er sicher an der Spitze . Indessen , man thut gut , ihm den Daumen etwas auf ' s Auge zu halten ; er gehört zu den Leuten , die , wenn man ihnen den kleinen Finger giebt , die ganze Hand nehmen . In der That ! sagte Anna-Maria , die Augenbrauen in die Höhe ziehend ; ich habe den jungen Menschen bis jetzt stets für die Bescheidenheit selbst gehalten ; für viel bescheidener , als etwa unsern Herrn Stein . Wirklich ? meinte Felix ; ich hätte nun gerade gedacht , daß Herr Stein sich seiner Stellung vollkommen bewußt ist . Nun , Sie werden ihn noch näher kennen lernen . Er ist einer der arrogantesten Menschen seines Standes , die mir je vorgekommen sind . Wir wollen ihm das austreiben , sagte Felix , seinen äußerst winzigen Schnurrbart drehend ; mit solchen Leuten muß man kurzen Prozeß machen . Ich kenne das . Diese Leute sind sich alle gleich . Sobald sie merken , daß wir sein wollen , was wir von Rechtswegen sind - die Herren im Staat und im Haus - kriechen sie zu Kreuz . Sie werden nur übermüthig durch unsere Schuld . Man muß sie fortwährend in dem Bewußtsein ihrer Stellung halten . Sie sind zu gut gegen den Menschen gewesen ; das ist Alles . Ich wunderte mich , offen gestanden , schon heute Mittag , mit welcher Nachsicht sich Fräulein Helene seine Zurechtweisung - ich weiß nicht mehr , um was es sich handelte - gefallen ließ . Nun , Helene ist sonst nicht gerade seine Freundin ; wie sie denn überhaupt eine wahrhaft aristokratische Antipathie gegen alles Plebejische hat . Nähren Sie diese Grundsätze ja ! ich glaube , Sie werden so den nächsten Weg zu ihrem Herzen finden . Nun , ich denke , dieser Weg wird ja wohl nicht so übermäßig schwer zu entdecken sein ; sagte Felix mit selbstgefälligem Lächeln : ich habe einige Erfahrung in diesem Capitel , ma chère tante ! Die Sie in diesem Falle brauchen werden , lieber Felix . Helene ist ein sehr eigenthümlicher , schwer zu berechnender Charakter . Ich gestehe , daß ich noch nicht gewagt habe , ihr unser Project offen darzulegen . Ich wollte erst die Wirkung abwarten , die Sie ohne Zweifel auf ihr Herz hervorbringen werden . Sie haben hier die beste Gelegenheit , sich ihr in dem liebenswürdigsten Lichte zu zeigen ; ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu fürchten . Wir leben sehr zurückgezogen , und ich werde mit Eifersucht darüber wachen , daß diese Zurückgezogenheit auch während Ihres Aufenthaltes so wenig wie möglich gestört wird . Verzeihen Sie , liebe Tante , wenn ich in diesem Punkte anderer Meinung bin , sagte Felix ; ich müßte mir wahrlich mein theures Lehrgeld wiedergeben lassen , wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesgenossen hier auf dem Lande scheuen zu müssen glaubte . Im Gegentheil : Jeder , den ich aus dem Sattel hebe , ist ein Schritt näher zu meinem Ziele , wenn es denn wirklich so sehr weit gesteckt sein sollte . Nein ! bitten Sie so viel Gesellschaft wie möglich . Machen Sie meine und Helenens Anwesenheit zu einer Veranlassung , kleine Diners , Soupers , Thees zu geben ; und hernach fassen wir Alles in einen großen Ball zusammen , auf welchem dann unsere Verlobung der ganzen Gesellschaft mitgetheilt wird , die dann natürlich über ein Ereigniß , das sie seit Wochen erwartet hat , in ein obligates Staunen geräth . Sie sind kühn , lieber Felix , sagte die Baronin , der diese Methode , auch der Kopfspieligkeit wegen , nur halb gefiel . Wozu hätte ich denn sonst des Königs Rock so lange Jahre getragen ? erwiederte Felix , seiner Tante galant die Hand küssend . Während dessen von der Baronin und Felix so ruhig über Helene ' s Schicksal debattirt wurde , hatte zwischen dieser und ihrem Vater ein Gespräch stattgefunden , das die feingesponnenen Pläne der Baronin und den vermeintlich raschen Siegeslauf des jungen Ex-Lieutenants auf eine gar eigenthümlich naive Weise durchkreuzte . Der alte Baron liebte seine schöne Tochter mit aller Liebe , deren sein braves Herz fähig war , liebte sie um so mehr , als er über die Gerechtigkeit der Bestimmungen , welche das junge Mädchen von dem Majoratsvermögen ausschlossen , von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte . Dazu kam , daß er die Zurücksetzung , welche die Tochter von Seiten der Mutter bis dahin erfahren hatte , sehr wohl empfand , wenn er auch zu schwach gewesen war , Maßregeln dagegen zu ergreifen , und vor allem der Hamburger Verbannung ein Ende zu machen . Auch dem Heirathsproject hatte er seine Zustimmung nur gegeben , weil ihm Anna-Maria eingeredet hatte , so könne die Ungleichmäßigkeit in dem Schicksal der beiden Kinder am besten ausgeglichen werden , da Helene , als die Gattin Felix ' , nach Malte ' s etwaigem Tode , dann gewissermaßen zur Erbschaft gelangte , wenigstens in den vollen Genuß des Vermögens käme . Aber auch hier hatte er Helenens vollkommen freie Zustimmung als unumgängliche Bedingung stipulirt , wogegen er sich wieder verpflichtet hatte , die Leitung der Angelegenheit den geschickten Händen seiner Gemahlin zu überlassen und vor allem sich vor einer vorzeitigen Enthüllung des Planes in Acht zu nehmen . Nun aber hatten die Eindrücke in der letzten Zeit an diesen Vorsätzen und Entschlüssen arg gerüttelt . Zuerst war ihm in Hamburg , als ihn ein plötzlicher Fieberanfall auf das Krankenlager warf , der Gedanke gekommen , er könne in nächster Zeit sterben und Helene dann ganz verlassen dastehen , ohne seinen Rath , ohne sein Veto , das er , im äußersten Falle , der Ausführung der Pläne Anna-Maria ' s entgegenzusetzen , fest entschlossen war . Er hatte seine Tochter immer geliebt , jetzt betete er sie an . Sie war so schön , so stolz , und gegen ihn , den alten Vater , so freundlich bescheiden , daß sein Herz , wenn er dachte , er könnte aus dem Leben gehen , ohne das Schicksal dieses seines Lieblings sicher gestellt zu haben , Angst und Trauer zugleich empfand . Wäre nun Felix der Mann gewesen , wie er sich den Gemahl seiner Tochter wünschte , so hätte noch Alles gehen mögen . Aber das war Felix keineswegs . Der alte Baron war seiner Zeit auch ein junger Baron und war , wie Felix , Offizier gewesen . Er wußte sehr wohl , welchen Versuchungen ein junger und reicher Edelmann in dieser Lage ausgesetzt ist ; er selbst war diesen Versuchungen nicht immer entgangen und hatte in seinem reiferen Alter , als sein von jeher ernst gestimmter Geist die naturgemäße Richtung erlangt hatte , mit bitterer Reue die Sünden seiner heißblütigen Jugend beklagt . Er hatte an seinem Vetter Harald das lebendige Beispiel gehabt , wohin die ungezügelten Leidenschaften zuletzt führen , und sein durch die Liebe zu seiner Tochter und durch die Erfahrung in diesem einen Falle doppelt scharfes Auge erkannte sofort , daß sein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sklave dieser Leidenschaft gewesen sein mußte , vielleicht noch war . Er hatte den jungen Mann vor ein paar Jahren gesehen , als dieser eben die Cadettenschule verließ . Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den schlanken , kräftig gebauten Jüngling mit dem frischen hübschen Gesicht und den lebhaften hellen Augen davongetragen ; jetzt sah er von dieser allerliebsten Erscheinung nur noch einen traurigen Schatten . Eine gespenstige Magerheit , tiefe Furchen in dem jugendlich-alten Gesicht , die großen blauen Augen gläsern oder von einem fieberhaften Glanze leuchtend und stets mit dem starren , frechen Blick , der deutlicher spricht , als eine lange Lebensbeschreibung - die Bewegungen haftig und fahrig , offenbar in der Absicht , die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu verdecken , die Rede vorlaut und über Alles mit derselben souveränen Oberflächlichkeit weghuschend - das ganze Wesen von einer krankhaften Eitelkeit wie zerfressen - so oder ungefähr so erschien ihm Felix , trotzdem seine Menschenfreundlichkeit hier wie überall die schlimmsten Flecken des Bildes gutmüthig vertuschte . Es that ihm leid , daß er sich von seiner Gemahlin das Versprechen hatte abnehmen lassen , in dieser Angelegenheit nicht selbstständig handelnd aufzutreten . Es kam ihm vor , als ob er sich mit diesem Versprechen doch übereilt habe , und auf jeden Fall hielt er dafür , daß eine geschickte Sondirung , wie denn Helene selbst in diesem Punkte denke , kein Bruch des Versprechens sei . So sagte er , nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren , ihren Arm in den seinen legend : Wie befindest Du Dich , meine Tochter ? Ich danke , Vater , gut , weshalb ? erwiederte Fräulein Helene , etwas überrascht über diese plötzliche Frage . Ich dächte , Du sähest etwas blaß aus . Das kommt nur von der ungünstigen Beleuchtung hier unter den grünen Bäumen , antwortete das junge Mädchen heiter ; ich befinde mich aber wirklich ganz wohl . Ich fürchtete immer , der plötzliche Wechsel der Luft , der Lebensweise , des Umgangs würde Dir schädlich sein . Du bist zu lange vom Hause fortgewesen . Das ist nicht meine Schuld , lieber Vater . Ich weiß es wohl , ich weiß es wohl ; aber meine Schuld ist es auch nicht ; ich habe stets der Abkürzung der Pensionszeit das Wort geredet , aber - Nun , ich bin ja endlich hier und wir wollen das Versäumte möglichst nachholen . Wir wollen recht viel zusammen spazieren gehen ; ich will Dir aus Deinen Lieblingsbüchern vorlesen ; es soll ein reizendes , stillvergnügtes Leben werden , und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte sie an ihre Lippen . Du bist ein gutes liebes Kind , sagte der Baron und seine Stimme zitterte etwas : gebe Gott , daß ich mich Deiner noch recht lange zu erfreuen habe . Aber , bester Vater , schon wieder solche hypochondrische Gedanken ! Du bist ja jetzt , Gott sei Dank , wieder so rüstig , wie immer . Weshalb sollten wir nicht noch lange glücklich zusammen leben ! Aber wenn Du uns verließest . Ich sterbe fürs erste noch nicht , deshalb sei nur ganz unbesorgt ; sagte Fräulein Helene lachend . Das wolle auch Gott verhüten ! aber Eltern und Kinder werden ja nicht blos durch den Tod getrennt . Wenn Du nun heirathest , so müssen wir uns doch darauf gefaßt machen , Dich abermals zu verlieren , nachdem wir Dich kaum wieder gewonnen haben . Aber , Papa , Du sprichst ja gerade , als ob ich womöglich morgen schon heirathen soll ! Ich denke gar nicht daran . Auch die Mutter fing gestern davon an . Wollt Ihr mich denn wirklich so gerne wieder fort haben ? So , so , also Deine Mutter hat schon mit Dir gesprochen , hm , hm ! sagte der alte Baron , der natürlich nicht anders dachte , als daß die Baronin mit dem längst besprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten sei , und der die Zeit , den Tag vor Felix ' Ankunft , auch ganz passend gewählt fand ; so , so ! hm , hm ! Nun , und wie gefällt Dir denn Dein Cousin ? Wer ? Felix ? fragte Helene , die für den Augenblick in ihrer Unbefangenheit den Zusammenhang dieser Frage mit dem Vorgehenden nicht einmal ahnte . Ja . Er kommt mir vor , wie der Champagner , den wir heute Mittag tranken . Die ersten Tropfen schmeckten recht gut , als ich das Glas eine Weile hatte stehen lassen , fand ich den Wein sehr fade und abgeschmackt . - Aber Ihr habt mich doch nicht etwa für Cousin Felix bestimmt ? fragte Fräulein Helene , der dieser Gedanke jetzt erst durch den Kopf schoß , mit großer Lebhaftigkeit . Bewahre , das heißt : ganz wie Du willst ; ich will sagen : es wird Deinem Willen in dieser Hinsicht nie ein Zwang auferlegt werden , erwiederte der alte Baron , der weder die Wahrheit sagen durfte , noch lügen wollte , mit ziemlicher Verwirrung . Helene antwortete nicht , aber der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem lebhaften Geiste weiter . Sie verglich das gestrige Gespräch , das sie auf ihrem Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte , mit dem so eben geführten . Es bedurfte nicht einmal eines so scharfsinnigen Kopfes , als der ihre war , um den Zusammenhang zwischen diesen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen Andeutungen zu entdecken . Ihr stolzes Gemüth empörte sich , wenn sie dachte , daß man , ohne sie zu fragen , ohne ihre Meinung einzuholen , im Voraus über ihr Schicksal entschieden und ihre Hand versprochen habe ; daß dieser Felix , vor dem ihr reines keusches Herz sie instinctiv warnte , vielleicht schon in diesem Augenblick sie als die Seine betrachtete ! Diese Gedanken nahmen sie so ganz in Anspruch , daß sie nicht einmal in das bewundernde : Ah , wie schön , wie herrlich ! einzustimmen vermochte , in das die übrige Gesellschaft ausbrach , als man einige Minuten später aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat . Die Sonne war soeben in das Meer gesunken und schien die in allen Schattirungen von Roth und Gold prangenden Wolken wie in einem Strudel hinter sich herzuziehen . Von dem Punkte , wo sie untergegangen war , schossen lichte Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchsichtig blauen Himmel . Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer , und auf einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber . Das hohe vielfach zerklüftete Kreide-Ufer und der Buchwald , der es krönte , waren von dem rothen Abendschein , wie von einer bengalischen Flamme angestrahlt . Rings umher tiefe feierliche Stille , nur unterbrochen von dem dumpfen Rauschen der Wogen unten auf den Kieseln des Strandes , und dann und wann von dem grellen Schrei einer Möve , die über den erregten Wassern flatterte . Die Gesellschaft stand , in Betrachtung des herrlichen Schauspiels , das mit jedem Augenblicke wechselte , verloren , gruppenweis da . Oswald , dem die ewigen Ausrufe der Bewunderung , an denen sich besonders die Baronin und Felix überboten , nachgerade langweilig wurden , hatte sich etwas von den Uebrigen entfernt und sich auf die bloßliegende Wurzel einer mächtigen Buche gesetzt . Haben Sie noch einen Platz für mich ? fragte Helene , die ihm gefolgt war . Ich räume Ihnen gern den meinigen ein , sagte Oswald aufstehend . Nur für einen Augenblick ; ich weiß nicht , der Spaziergang hat mich außergewöhnlich müde gemacht . Sie sind heute Morgen vielleicht zu lange im Garten gewesen . Nein , aber à propos , wie kommt es , daß ich Sie heute und auch schon gestern nicht gesehen habe ? Bloßer Zufall . Das freut mich . Weshalb ? Ich fürchtete , aufrichtig gestanden , ich hätte Sie aus dem Garten vertrieben ; ich dachte , dies ewige Sichbegegnen mit derselben bewußten Person wäre Ihnen unleidlich geworden . Sie denken in der That äußerst bescheiden von der bewußten Person . Nein , spotten Sie nicht ; ich dachte es im Ernst - ja und noch mehr : Sie sind seit vorgestern Abend sehr still und , wie mir vorkam , besonders kurz gegen mich . Sie haben mir auch gestern meine Literaturstunde , auf die ich mich so sehr freute , nicht gegeben . Bin ich vielleicht unwissentlich die Veranlassung - Wie meinen Sie ? Nun , ich rede manchmal , was vielleicht hart und anmaßend klingt ; wenigstens ist mir dieser Vorwurf oft gemacht worden ; aber ich meine es wirklich nicht so - Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald empor , der in Bewunderung ihrer Schönheit und in Erstaunen über diese plötzliche und unerklärliche Milde und Theilnahme verloren , vor ihr stand . Was sehen Sie mich so seltsam an ? Daß sich so viel Güte hinter so viel Stolz verstecken kann ! Ist es denn die Welt werth , daß wir ihr unser Herz zeigen ? Eine sonderbare Frage in dem Munde eines so jungen Mädchens . Freilich , wir dürfen ja über nichts nachdenken . Wir sind , wenn ' s hoch kommt , hübsche Puppen , mit denen man spielt und die man an den ersten Besten verschenkt , der merken läßt , daß er uns gern haben möchte . Cousine , rief Felix , wir wollen zum Strande hinabgehen ; wollen Sie mit ? Nein ! sagte Helene , ohne sich nach dem Sprechenden umzuwenden . Es ist eine reizende Partie ; rief Felix . Möglich ; erwiederte das junge Mädchen kurz , ohne ihre Stellung zu verändern . Felix kam zu dem Platze , auf dem sich Oswald und Helene befanden , herüber und sagte : Aber , Helene , Sie werden doch diese erste Bitte , die ich an Sie richte , nicht abschlagen ? Weshalb nicht ? erwiederte diese und der Ton ihrer Stimme klang eigenthümlich scharf und bitter ; ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden , das können Sie nicht früh genug lernen . Haben Sie sich den Fuß vertreten , theuerste Cousine ? Weshalb ? Weil Sie so unbeweglich sitzen und in so schauderhafter Laune sind ; erwiederte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen , daß ihn das Benehmen Helenens irgend verletzt habe , zu den Uebrigen . Wollen Sie sich nicht der Gesellschaft anschließen , Herr Doctor ! fragte Helene , auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Scene brannte , als jetzt die Andern den ziemlich steilen Weg , der zum Strand führte , hinabzusteigen begannen . Sie wünschen allein zu sein ? Nicht doch ; im Gegentheil , ich freue mich , wenn Sie hier bleiben wollen . Nach der geistreichen Unterhaltung von heute Mittag und heute Abend fühlt man das Bedürfniß , endlich einmal ein verständiges Wort zu sprechen . Sie haben mir noch immer nicht gesagt , ob ich Ihnen , ohne es zu wissen und zu wollen , durch irgend eine unvorsichtige Bemerkung vielleicht , weh gethan habe ? Nein , durchaus nicht . Ich habe vorgestern Abend eine Nachricht erhalten , die mich sehr betrübt . Erinnern Sie sich des Professor Berger von Ihrer Badereise nach Ostende vor drei Jahren ? Ei gewiß ! wie könnte man den vergessen ! Mir ist , als ob ich ihn gestern gesehen hätte , so deutlich steht er vor mir mit seinen geistvollen Augen unter den buschigen Brauen und stets mit einem Bonmot auf den Lippen . Was ist mit ihm ? er ist doch nicht gar todt ? Nein , schlimmer als das - er ist wahnsinnig geworden . Um Gottes Willen ! der Professor Berger - dieses Bild der Klarheit und Geisteshoheit ! Wie ist das möglich ? Wissen es die Eltern schon ? Nein , und bitte , sagen Sie auch nichts ; ich könnte es jetzt nicht ertragen , daß darüber gesprochen würde . Sie hatten den Professor wohl recht lieb ? Er war mein bester , vielleicht mein einziger Freund . Wie beklage ich Sie , sagte Helene , und auf ihrem schönen Antlitz war die Theilnahme , die sie empfand , deutlich zu lesen ; ein solcher Verlust muß fürchterlich sein . Und Sie stehen hier ganz allein mit Ihrem Kummer und Keiner nimmt Theil an Ihrem Schmerz . Ich bin das von jeher gewohnt gewesen . Haben Sie denn keine Eltern , keine Geschwister , Verwandte ? Meine Mutter starb , als ich noch ein Kind war ; mein Vater vor mehreren Jahren ; Geschwister habe ich nie gehabt ; Verwandte , wenn ich welche habe , nie gekannt . Helene schwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms Linien in den Sand . Plötzlich hob sie den Kopf und sagte in einem Ton , der halb wie eine Klage und halb wie eine Herausforderung klang : Wissen Sie , daß man Eltern und Geschwister und Verwandte haben und doch recht allein sein und sich recht einsam fühlen kann ? Und Sie haben es noch immer gut ; Sie sind ein Mann ; Sie können für sich selbst handeln , während - Das junge Mädchen brach ab , als fürchtete sie , sich von ihren Empfindungen zu weit hinreißen zu lassen . Sie stand auf und trat einige Schritte von Oswald weg dicht an den Rand des steilen Ufers . - Es war ein wundersam schönes Bild , diese stolze , schlanke Gestalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen Abendhimmels , der ihr herrliches Haupt wie mit einem Glorienschein umgab . Und wie ein Engel des Himmels erschien sie Oswald , in dessen krankes Herz ihre guten mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren . Und nun zum ersten Male erinnerte er sich wieder des Gespräches , das er am Tage seiner Zurückkunft von Saffitz mit dem Doctor gehabt hatte . Also wirklich ! dies holde , herrliche Geschöpf sollte auch verkauft werden , wie Melitta verkauft worden war ! Sie sagte es selbst ! aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben gehört : sie hatte keinen Freund ! sie stand allein da in der Welt ! sie konnte nicht für sich selbst handeln ! Und sie hatte noch Mitleid und Trost für ihn , sie , die sie selbst des Mitleids und des Trostes - nein , thätiger Hülfe - so sehr bedurfte ! Da gellte von dem Strande , auf dem die Uebrigen jetzt angekommen waren , ein Schrei empor - und wie Helene , die sich vom Schwindel ganz frei wußte , noch einen Schritt näher an den Rand trat und sich über den Abhang beugte , ein zweiter , noch greller , noch schriller , noch angstvoller . Um Himmelswillen , rief Helene ; was kann denn da geschehen sein ? Mir däucht , es war Bruno ' s Stimme . Lassen Sie uns hinab ! Der Weg zum Strande , der sich im Zickzack an den Kreidefelsen hinwand , war trotz seiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt . Als sie athemlos unten ankamen , sahen sie Bruno ohnmächtig , von Albert gehalten , während die Anderen rathlos umherstanden . Holen Sie Wasser , schnell ! sagte Oswald , Albert den Knaben abnehmend und diesem das Halstuch abknüpfend und die Kleider öffnend , woran noch Niemand gedacht hatte . Wie ist denn dies gekommen ? fragte Helene , die kalten Hände Bruno ' s in ihre Hände nehmend , und angstvoll in sein schönes blasses Gesicht starrend . Es weiß es Niemand von uns , sagte die Baronin . Es wird ein Anfall von Schwindel sein , meinte Felix . Unterdessen hatte Oswald von dem Wasser , welches Albert - in Bruno ' s Hut - gebracht hatte , des Knaben Stirn und Schläfen und Brust reichlich benetzt . Helene erinnerte sich , daß sie ein Fläschchen Eau de Cologne bei sich führe , und half Oswald in seinen Bemühungen . Es gelang ihnen in Kurzem , den Ohnmächtigen wieder zu sich zu bringen . Er schlug langsam die großen Augen auf , sein erster Blick fiel auf Helene , die sich über ihn beugte . Bist Du todt , ganz todt ? murmelte er , die Augen wieder schließend . Man glaubte , er habe den Verstand verloren . Komm zu Dir , Bruno ! sagte Helene , den Knaben mit leiser Hand über Stirn und Augen streichelnd . Bruno ergriff diese Hand und drückte sie fest auf seine Augen , durch deren geschlossene Wimpern sich zwei große Thränen drängten . Dann richtete er sich mit Oswald ' s Hülfe vollends auf . Mir ist wieder ganz wohl ! sagte er ; ich bin wohl gar ohnmächtig gewesen ? Wie lange habe ich so gelegen ? Nur ganz kurze Zeit , sagte Oswald , Bruno ' s Gesicht mit seinem Taschentuche abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend . Du hast uns einen rechten Schrecken verursacht ; was hattest Du denn nur ? fragte die Baronin . Ich weiß es nicht , antwortete der Knabe , dessen blasse Wangen plötzlich hohe Purpurgluth bedeckte ; es kam so plötzlich . Danke , danke , ich glaube , ich kann jetzt mit Herrn Steins Hülfe ganz gut weiter kommen . Wir wollen wieder umkehren , sagte die Baronin . Daß einem doch jedes , auch das bescheidenste Vergnügen durch irgend einen Unfall verleidet wird ! Man stieg langsam das Ufer wieder hinauf und trat , ziemlich einsilbig und verstimmt , den Rückweg durch den Wald an . Felix , der sich zu erkälten fürchtete , ermahnte zu größerer Eile ; Oswald bemerkte trocken , er wolle die übrige Gesellschaft nicht aufhalten , man möge ihm indessen erlauben ,