ihr . « » Lieber Orest , « sagte sie sanft , » auf unsere Einbildungen kommt es nicht an ; die täuschen uns . Der heilige Franz von Assisi sagt : Wir sind das , was wir vor Gott sind . « » Diese Seccatur ! « rief Orest , sprang auf , lief in den Pferdestall , schwang sich auf den Mars , das unbändigste seiner Pferde , und jagte von dannen . Er blieb den ganzen Tag aus , kam spät abends wieder und sagte , er sei drüben in Oggersheim bei den Minoritenpatres gewesen . Ob es sich so verhielt ? ob er bei ihnen war , um das heilige Bußsakrament zu empfangen ? Corona erfuhr es nicht . Sie bat Gott , daß es so sein möge und daß sich Orest bei dem Empfange der heiligen Kommunion keines Gottesraubes schuldig mache . Bei dem Gedanken schwand ihre Ruhe , ihre Ergebung . Sie bot sich ganz zum Opfer für Orest dar - mehr noch : sie bot ihr Kind , ihr einziges , ihre Wonne auf Erden Gott dar , wenn nur Orest in den Abgrund nicht sinke . » O süßes Kind , « sagte sie zärtlich zu Felicitas , die mit ihren seraphischen Augen sie anlachte ; » Dich würde ich ja nach ein paar armseligen Erdentagen im Himmel und für die Ewigkeit wiederfinden ! Du gehst mir ja nicht verloren , Du wirst mir nur in Sicherheit gebracht , wenn der liebe Gott Dich zu sich ruft . Aber wenn ich Deinen armen Vater nicht wiederfände ! Bete , süßes Kind , bete ! « Und sie legte die Händchen der Kleinen zusammen und nahm sie in ihre Hände und hob sie vereint zu Gott auf . So lebte Corona ; ein Marterleben , der Seele nach - immer verwundet durch eine Waffe , die bis aufs Blut geht ; lieblose Demütigung ; und immer verwundet auf dem Punkt , welcher der empfindlichste für eine Frau ist : im Herzen ihres Bewußtseins als Gattin und Mutter . Sie brachte einen Teil des Sommers auf Windeck zu - gern und doch auch ungern . Dort fühlte sie sich zu Hause , denn dort war sie geliebt ; aber in der weichen Luft der Liebe wird auch gar leicht das Herz weich und öffnet sich zur Klage . Das wollte Corona nicht . So weit es in ihrer Macht stand , sollte weder ihr teurer Vater , noch der liebe Onkel Levin eine Ahnung haben von ihrer traurigen Ehe , und deshalb verteidigte sie immer Orest , wenn Graf Damian zuweilen seine Mißbilligung nicht verhehlte . Er sagte einmal ganz mürrisch : » Corona , Du bist allzu demütig ! Ich glaube gar , Du bedankst Dich , wenn Dein Mann Dir das Herz zermalmt . « » Der Thymian duftet am stärksten , wenn er zertreten wird , « sagte Levin in seiner milden Weise . Ihm brauchte Corona nichts zu sagen , nichts zu verschweigen . Er hatte die Schule der Demütigung zu gründlich durchgemacht , um nicht ihre Wirkung in anderen Seelen zu erkennen . » Das ist stark , lieber Onkel ! « rief der Graf . » Wir sind es nicht anders gewohnt , als erhabene Ansichten und Lehren von Ihnen zu vernehmen ; allein dies ist die Erhabenheit zu weit getrieben . Was müßte sich denn , nach Ihrer Meinung , die Frau gefallen lassen , ehe sie sich gegen den Mann empört ? « » Alles - nur nicht die Sünde . Alles andere , in Demut getragen , kann dazu dienen , ihn zu Gott zurückzuführen . Läßt sie sich aber seine Sünden gefallen , so nimmt sie teil an seiner Schuld , und statt ihm die Hand zu reichen , die ihn aus dem Abgrund ziehen könnte , stößt sie ihn hinein . « » Ich bitte Dich , lieber Vater , « rief Corona flehend , » laß Dich nicht irre machen durch Orest ' s Benehmen ! Du weißt ja , daß er von jeher alle Verhältnisse etwas leicht zu nehmen und zu behandeln pflegte . « » O ja ! das weiß ich zur Genüge , « sagte Graf Damian bitter . » Nichts war ihm wichtig , als seine hohe Person , sein liebes Ich . « In seiner Tochter fühlte sich Graf Damian sehr verletzt durch die Selbstsucht , die ihm nie auffiel , wenn er selbst sie übte . » Ja , Väterchen , Du hast den armen Orest sehr verzogen , « sagte Corona und drohte lieblich mit dem Finger ; » Du darfst am allerwenigsten ungehalten sein , wenn er ist , wie er ist . « » Er wäre vielleicht in der scharfen Zucht meiner armen Mutter besser geraten , « sagte der Graf nachdenklich ; » aber das wollte ja Deine selige Mutter nicht , Corona . « » Laß ruhen die wenn und die aber ! « nahm Levin das Wort . Die liebe Kunigunde hat nur ihre Schuldigkeit getan , indem sie Orest nicht fortgab . Jede Erziehung , auch die beste , hat einige Mängel , da sie von unvollkommenen Menschen ausgeht ; und es ist die Sache des Zöglings , solche Mängel zu ergänzen und solche Lücken auszufüllen . Das ist überhaupt nicht die Aufgabe der Erziehung und kann es nicht sein , eine junge Menschenseele fest und fertig für alle Ewigkeit im Guten zu machen . Die Tugend wird dem Menschen nicht angetan ; er muß sie selbständig sich zu eigen machen . Und deshalb kann die Erziehung keine andere Aufgabe haben , als ihm durch Beispiel und Belehrung Liebe zur Tugend einzuflößen , seine Füße auf den Weg zu ihr zu stellen und in seine Hände einen sicheren Wanderstab zu geben . Daß er am Ziel anlange , ist seine Sache . Dafür ist er Mensch und dazu empfing er von Gott die Freiheit des Willens . Kunigunde hat ihren Kindern das Evangelium nicht bloß gelehrt ; sie hat es ihnen auch vorgelebt . Mehr kann keine Mutter tun . « - Orest war nach Ostende gegangen . Er behauptete , angegriffene Nerven zu haben , welche durch Seebäder gestärkt werden müßten . Er war auch ein paar Tage dort ; dann fuhr er hinüber nach der Insel Wight , wo sich Judith von der Saison in London etwas erholte . Sie empfing ihn sehr freundlich . » Sie sind ein recht treuer Mensch , Graf Orestes , « sagte sie und gab ihm huldreich ihre schöne Hand . » Ich wüßte nicht , was ich im Menschen höher schätzte als die Treue . Man nennt die Männer so oft treulos ! Sie sind eine glänzende Ausnahme und ich darf stolz sein , einen so treuen Freund zu haben . « Sie fürchtete zuweilen , er könne seines Joches überdrüssig werden und es abschütteln ; darum legte sie hie und da Freude an ihm und Freundschaft für ihn an den Tag ; aber mehr nicht . Dann rief Orest : » Bei Ihnen ist mir wohl , kann ich leben , atmen , denken , wollen , wünschen , hoffen - kann ich Mensch sein ! « rief er und atmete tief auf und fuhr mit den Händen über seine Stirn und durch sein Haar , wie jemand , der sich von schwerer Anstrengung erholt . » Ist Ihnen wirklich so zu Mut oder spielen Sie mir eine kleine Komödie vor ? « fragte Judith nachlässig . » Wir Schauspielerinnen denken gar leicht an Komödie . « » Wie soll ich Ihnen die Überzeugung beibringen , daß es keine sei ? « rief er aufgeregt . » O Graf Orestes , « erwiderte sie kalt und hoch , » es ist nicht an mir , sondern an Ihnen , dieses Wie ausfindig zu machen . « » Ich werde Sie entführen , Judith , in irgend eine Wüste Asiens oder Afrikas . « » Mit nichten , Graf Orestes ! ich hänge ungemein an dem europäischen Luxus und Komfort , « erwiderte Judith eisig und sang eine Roulade , die mit einem graziösen Triller endete . » Paßt so etwas in Ihre Wüstenphantasie ? « setzte sie hinzu . » O Judith , wie wird dies enden ! « seufzte Orest und warf sich in einen Lehnstuhl . Die Wellen seines Schicksals , wie er es nannte , brausten über ihn zusammen . Er fühlte sich grenzenlos elend . » Sie sind ein Tor , Graf Orestes , « sagte Judith frostig und achselzuckend . » Man muß im Stande sein , einen Entschluß zu fassen und auszuführen ; dazu hat man seinen Willen . « Die wildesten Gedankenstürme gingen ihm durch den Sinn . Sollte er sich von Corona trennen ? sollte er sie bitten , ihm seine Freiheit zu lassen ? war seine Ehe auch gültig , auch rechtmäßig , so daß er wirklich durch sie gebunden war ? wäre es denn gar nicht möglich , Judith zu vergessen ? Nein ! sprach er zu sich selbst , das ist unmöglich . Alles andere ist möglich - aber das nicht ! - - So lagerten sich die Schatten immer tiefer über Recht und Pflicht und so wurde der böse Wille immer mehr der Beherrscher in diesem Reich der Finsternis . Mit Judiths Aufenthalt auf der Insel Wight ging auch der seine zu Ende . Bis die italienische Oper in Paris eröffnet wurde , machte sie eine Kunstreise durch Belgien und Norddeutschland , wo sie noch nie gewesen war . Orest wünschte sehnlichst sie zu begleiten . Sie sagte trocken : » Ich glaube , Sie sind wahnwitzig , Graf Orestes . Was soll denn das bedeuten ? « » Florentin und Lelio begleiten Sie doch ! « » Florentin und Lelio sind in meinem Dienst , gehören zu meiner Umgebung . Ich brauche den einen im Fach meiner Geschäfte , den anderen im Kunstfach . Jeder hat seine Stellung und die ist abhängig von mir ; also ist sie durchaus vor der Welt gerechtfertigt . Aber wenn Sie , ein verheirateter Mann , aus einer bekannten Familie , meine Kunstreisen mit mir machen wollten : das gäbe einen enormen Skandal , und ich wüßte nicht , weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte . Auf Wiedersehen in Paris . « So trennten sie sich . Judith ging nach Brüssel , Orest nach Windeck . Dort war auch Hyazinth . Einen schneidenderen Gegensatz , als diese beiden Brüder , gab es vielleicht nie ! so ganz Welt der eine , so ganz Gnade der andere ; jener - durch und durch im Irdischen wurzelnd , dieser - im Himmlischen . Orest durch selbstsüchtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt ; Hyazinth durch gänzliche Hingebung an seinen Beruf , getragen von der göttlichen Kraft , welche die gefallene Natur besiegt . Orest so seelenmatt , daß er ohne Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen ließ , und so unfähig zu jeder höheren Auffassung des Lebens , daß ihm die reiche Blütenfülle seines Daseins nicht genügte , weil sie den Gelüsten nicht entsprach , deren Befriedigung sein Ziel war ; und Hyazinth , ein ringfertiger Kämpfer gegen die leiseste Versuchung und dabei so unerschütterlich ruhend in den Verheißungen des Glaubens , daß ihm alle Mühen und alle Dornen seiner anstrengenden , schmerzen- , sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt wurden . Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit ; Hyazinth ein lebendiger Protest gegen ihn . Der Gegensatz war so auffallend , so schlagend , so ausgeprägt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brüder , so ausgeprägt in ihrer äußeren Erscheinung , in Ton und Blick , in Haltung und Geberden , daß Corona , wenn sie die Brüder beisammen sah , immer ganz heimlich eine gewisse schmerzliche Beschämung für Orest empfand , und sich wunderte , wie er , der sein Lebenlang in der eleganten Welt , der großen Welt , der künstlerischen Welt sich bewege , so roh und alltäglich aussehen könne neben Hyazinth , der als ein armer Kaplan zwischen Bauern verkehre . Aber das ist ' s : der Mensch ist nicht bloß der Sohn des Staubes , er ist auch der Mitbürger der Heiligen ; und dies Bewußtsein himmlischer Heimatberechtigung , das unabhängig von jedem Stand , von jeder Lage , von jedem Ort , von jedem Verhältnis ist , machte Hyazinth zu einem Flüchtling aus der Region des Staubes , während Orest , in dem es erloschen war , der Sklave des Staubes wurde . Diese innerliche Abkehrung von allem Höheren , die mehr und mehr in Orest um sich griff , erfüllte Hyazinth mit nagendem Kummer . Corona hatte ihn und Onkel Levin gebeten , sie möchten Orest zu bewegen suchen , daß er die Kapelle ausbaue und sich um einen Hausgeistlichen bemühe . Beide fanden diesen Wunsch durchaus gerechtfertigt , aber Orest wollte nichts davon hören . » Eine Frau muß nicht immer ihren Willen durchsetzen ! « entgegnete er . » Immer nicht , « antwortete Levin ; » aber doch zuweilen , wenn er so gut ist , wie in diesem Falle . « » Ich mag keinen Dritten in meiner Häuslichkeit haben . « » Ist auch nicht nötig ! « sagte Hyazinth . » Je weniger der Geistliche mit euch - was das äußere Leben betrifft - zu tun haben wird , desto lieber wird es ihm sein . « » Das ist Deine Gesinnung , aber nicht die allgemeine . Die Priester wollen überall die Ersten sein und herrschen . « » Wir müssen durch Orest geistliche Gesinnung kennen lernen , lieber Hyazinth , « sagte Levin lächelnd . » Bester Onkel , verzeih ! « rief Orest ; » Du und Hyazinth - Ihr seid Ausnahmen von der Regel . « » Und wo hattest Du denn Gelegenheit , die Regel kennen zu lernen ? « » Nun da , wo alle Welt sie kennen lernt : in der Geschichte . « » Sage lieber , in den Geschichten ; dann bezeichnest Du Deine Quellen etwas richtiger . « » Der größte Teil der Bevölkerung in der Herrschaft ist protestantisch ; da würde ich in den Verdacht der Proselytenmacherei kommen . « » Ich glaube , daß Du in diesen Verdacht nicht so leicht kommen wirst , « sagte Hyazinth . » Du willst mir dadurch kein Lob spenden , ich weiß es ! « entgegnete Orest ; » aber ich betrachte es dennoch als ein solches . Ich will mit wildem Fanatismus blinder Bekehrungswut nichts zu tun haben , und meine Pflicht als Ehemann ist es , Corona vor solchem Verdacht zu schützen . Ich kann es aber nicht , wenn mein Haus eine Kapelle und einen Priester umschließt . So etwas würde den konfessionellen Frieden stören . Das darf nicht sein ! darin darf ich kein schlechtes Beispiel geben . « » Du sprichst ja , als wärst Du Mitarbeiter an gewissen Zeitungen , « sagte Hyazinth , » die alsbald ein Zetergeschrei über Störung des konfessionellen Friedens erheben , wenn sich irgendwo und irgendwie eine katholische Lebensäußerung kund gibt . Willst Du Dich denn mit diesen Rittern Don Quixote auf einer und derselben Rosinante tummeln ? und würdest Du nicht durch Ehrfurcht und Liebe für Deinen Glauben und dessen kirchliche Ausübung der protestantischen Bevölkerung ein sehr gutes Beispiel geben ? « » Larifari , Hyazinth ! Du bist ja nur Corona ' s Organ ! Priester und Frauen machen immer gemeinschaftliche Sache zu demselben Zweck . « » Und der wäre ? « warf Levin ein . » Herrschaft ! « rief Orest . » Frauen und Priester wollen herrschen - und wollen es um so eifriger , durstiger , heißer , als sie es nur heimlich dürfen . « » Du irrst , lieber Orest , wenn Du annimmst , daß die Frau und der Priester nur heimlich herrschen dürften , « sagte Levin gelassen . » Beide haben von Gott die Mission zu einer ganz öffentlichen und anerkannten Herrschaft empfangen . Zum Priester hat der Herr selbst gesprochen : Wie mich der Vater gesandt hat , so sende ich euch . Der Priester kommt als Stellvertreter Christi , um über die Seelen der gläubigen Gemeinde zu herrschen , eine Herrschaft , die ganz Liebe , ganz Dienstbarkeit , ganz Opferwilligkeit ist . Er kommt als der sichtbare Schutzengel der Gläubigen , belehrt , warnt , heilt , rettet , tröstet , belebt und beseelt sie . Für sie betet er , für sie opfert er . Ein solches Amt gibt eine Herrschaft , die der Priester nicht zu verheimlichen braucht , mein Sohn , denn er braucht sich ihrer nicht zu schämen . Sein Scepter ist das Kreuz , besonders dasjenige , welches er unsichtbar auf seiner Schulter und in seinem Herzen trägt . Und was er in der Gemeinde , das ist die Frau in der Familie . Indem Gott sie an die Wiege des Kindes stellte , hat er sie zum Schutzengel des Hauses gemacht . Da übt sie ihr häusliches Priestertum , da wacht und warnt , da belehrt und beseelt , da betet und opfert sie . Der Priester ist ein Mitarbeiter Gottes , sagt der heilige Apostel Paulus ; aber die Frau ist die Mitarbeiterin des Priesters für das Reich Gottes . In dieser übernatürlichen Weise herrschen sie und sollen sie herrschen ; nicht aus ihrer Machtvollkommenheit , sondern im Auftrag Gottes ; nicht verstohlen , sondern offen vor der ganzen Welt . « » Bester Onkel , « beteuerte Orest , » Du siehst alles im idealen Licht und fassest es auf von der idealen Seite , weil Du selbst ein Ideal bist . « » Lieber Gott ! « sagte Levin demütig ; » ist man schlecht und recht ein armseliger Priester , aber ganz durchdrungen von seinem Beruf , so soll man für ein Ideal gelten . « » Aber das müßt Ihr doch zugeben , « rief Orest , » daß der priesterliche Beruf oft zu herrschsüchtigen Zwecken mißbraucht worden ist . « » Lieber Bruder ! « sagte Hyazinth und legte seine beiden Hände auf Orests Schultern . » Du hast ja Deinen ganz guten Verstand ! also wende ihn doch an , ich bitte Dich flehentlich , um einen anderen Einwand oder Vorwurf aufzufinden , als jene klägliche Redensart : der Beruf kann mißbraucht werden ! - Das bedeutet gar nichts , denn das kann man von allem Guten , sowohl in der materiellen , als in der geistigen Schöpfung sagen . « » Es ist aber nirgends empörender , als im geistlichen Beruf ! « sagte Orest , » und deshalb will ich keinen Hausgeistlichen auf Stamberg . « » Mit dem Vordersatz bin ich vollkommen einverstanden , « entgegnete Hyazinth ; » allein der Nachsatz ist keine richtige Folgerung . « » Basta ! ich will es nicht ! « rief Orest heftig . » Ich muß wissen , was ich in meinem Hause zu tun und zu lassen habe . « Damit stürmte er fort . - Levin und Hyazinth hatten beide grenzenloses Mitleid mit Corona , und als sie allein waren , fragte Hyazinth den Onkel , ob es nicht seine Pflicht sei , sich so auf Stamberg niederzulassen , wie Levin auf Windeck . Aber Levin entgegnete : » Das waren andere Verhältnisse . Ich ging in mein elterliches Haus , nachdem ich meiner Stellung in der Welt beraubt war , und zu meiner totkranken Mutter . Der Platz konnte mir nicht wohl streitig gemacht werden ; er gehörte mir . Der Sohn des Hauses ist schwer zu entfernen . Du aber hast keine Heimatberechtigung auf Stamberg , und sobald Dein Bruder Deine Anwesenheit daselbst nicht wünscht , bist Du ein Eindringling und um so weniger auf einem haltbaren Platz , als Orest seinen Groll mit Dir gegen Corona auslassen würde . Sie hat es schwer - das arme Kind ! aber Gott steht ihr bei . Sie leidet und lächelt und schweigt : untrügliches Zeichen , daß sie sich heiligt . « Es blieb wie es war ! - Gleich nach Weihnachten begann Orest zu Corona von der Reise nach Paris zu sprechen . Sie machte keine Einwendungen . So quälend der dortige Aufenthalt für sie war , schien es ihr doch besser , mitzureisen , als ihn allein gehen zu lassen . Sie war aber außerordentlich leidend und der Arzt erklärte , in Rücksicht auf ihre Mutterhoffnung müsse er ihr jede Reise in so rauher Jahreszeit und jede Unruhe streng untersagen . Corona bat den Arzt , er möge selbst sein Verbot ihrem Mann kund tun , damit Orest nicht wähne , daß sie es sei , die ein Hindernis in seinen Plan lege . » Wie unangenehm ! « rief Orest ; » nun .... dann muß ich allein reisen ! « » Der Herr Graf werden doch die Reise etwas abkürzen , nicht wahr ? « sagte der Arzt , ein ältlicher , trockener Mann , der gewohnt war , seine Meinung unverholen zu sagen . » Wie so ? warum ? « rief Orest . » Weil die Frau Gräfin sehr leidend - und so ein einsamer Winter sehr lang für eine Leidende ist . « » O , meine Frau liebt ganz außerordentlich die Einsamkeit ! « rief Orest und traf seine Reiseanstalten . Corona kämpfte einen schweren Kampf mit ihrer Schüchternheit , bevor sie einen Entschluß faßte , zu dem sie sich durch ihre Pflicht gedrängt fühlte . Sie nahm als kleinen . Bundesgenossen Felicitas bei der Hand und ging eines Morgens mit ihr zu Orest , der eben beschäftigt sein Portefeuille zu ordnen und sehr guter Laune war . » Ah , Lili ! « rief er und nahm die Kleine auf den Arm ; » was soll ich Dir aus Paris mitbringen ? eine Puppe , so groß wie Du selbst bist , nicht wahr ? und eine Unmasse von Bonbon ! « » Lieber Orest , « nahm Corona mit leise bebender Stimme das Wort , » Lili und ich - wir möchten Dich um etwas ganz anderes bitten . « » Und das wäre ? « fragte er ziemlich gleichgültig . » Daß Du bei uns bliebest und für diesen Winter auf Deine Reise nach Paris verzichtest . « » Ah bah ! « sagte er im wegwerfenden Ton ; und zum Kinde : » Nicht wahr , Lili , Du willst Bonbon aus Paris haben ? « » Bitte , bitte ! « sagte die Kleine und klatschte in die Händchen , froh über die Aussicht auf Bonbon . » Siehst Du , Lili ist auf meiner Seite ! « rief Orest . » Lieber Orest , « entgegnete Corona mit schmerzlichem Lächeln , » wüßtest Du , wie mir zu Mute ist , so würdest Du nicht Deinen Scherz mit Lili treiben . « » Ich bitte Dich , laß Dich doch nicht durch den Doktor hypochonder stimmen ! « sagte Orest unmutig . » Es ist ja der Vorteil dieser Herren , die Menschen ängstlich über ihr Befinden zu machen damit man sich desto mehr an sie wende . « » Du tust dem guten Doktor und mir Unrecht , lieber Orest . Er hat nur seine Schuldigkeit getan , indem er mich von der Reise zurückhielt , und ich bin wahrlich nicht besorgt um mein Befinden , das körperlich und vorübergehend ist , sondern nur besorgt um Dich und Deinen Seelenzustand . « » Die Sorge überlasse mir ! « » Aber , lieber Orest , Du behandelst ihn nicht mit Sorgfalt ! Du stehst unter irgend einem unglücklichen Einfluß , dem Du Dich willenlos , besinnungslos überläßt , und der Dich Deiner Frau , Deinem Kinde , Deinem Hause , Deiner Familie , Deinem Wirkungskreis - mit einem Wort : Deiner Pflicht entfremdet . Von wem dieser Einfluß ausgeht , weiß ich nicht und verlange ich nicht zu wissen ; ich sehe nur seine traurige Wirkung auf Dich , denn er versetzt Dich in einen innerlich verkehrten und verwirrten Zustand , der Dich elend macht und der nicht nach dem Willen Gottes ist . Wie soll das aber werden , lieber Orest , wenn Du auf einem Wege bleibst , der so entschieden der Bahn zuwiderläuft , welche Gott Dir zugewiesen hat . « » Ich tue nichts Böses , « sagte Orest finster ; » ich habe mir nichts vorzuwerfen , als daß ich mich auswärts besser unterhalte , als hier . Ich bin nicht für das Kartäuserleben geschaffen , nicht für den Ehemann , nicht für den Hausvater , nicht für die Einförmigkeit des ländlichen Aufenthaltes . « » Das hättest Du bedenken sollen , bevor Du dich in diese Lage begabst . Aber ich glaube , wenn Du Dich nur ein wenig gegen den bösen Einfluß stemmen wolltest , von dem Du dich beherrschen läßt , so würdest Du anfangen , weniger unglücklich Dich zu fühlen . Du würdest nach und nach zur Besinnung über Deine Lage kommen , sie würde Dir in einem freundlicheren Licht erscheinen , und was Dir jetzt schwer , ja unerträglich vorkommt , würde Dir leicht und immer leichter werden . Ach , lieber Orest , nur ein wenig guter Wille - und Gott hilft nach ! Nur der Versuch zum Widerstand - und Du überwindest die inneren oder äußeren Feinde ! Und deshalb flehe ich Dich an : gehe nicht nach Paris ! bleibe bei uns ! bleibe hier . « Sie hob die Hände bittend zu ihm auf und schwere Tränen rollten über ihre zarten bleichen Wangen . Als Felicitas die Mutter weinen sah , verzog auch sie , nach weicher Kinder Art , ihr Gesichtchen zum Weinen , schlang beide Arme um Orests Nacken und sagte : » Papa , hier bleiben . « » Jetzt ist Lili auf meiner Seite ! « rief Corona . Orest stellte finster das Kind auf den Boden und sprach : » Ich begreife nicht , weshalb Du mir diese Scene machst . Ich sage Dir ja , daß ich mir nichts vorzuwerfen habe ; ich amüsiere mich nur mit - Freunden . Es gibt nichts Unerträglicheres , als eifersüchtige Launen . « » Gott sieht in mein Herz , « antwortete Corona sanft . » Ich hoffe , er spricht mich frei von unedler Eifersucht und gibt mir das Zeugnis , daß ich keine andere Absicht habe , als Dich zufrieden - und mit Dir selbst , mit Deiner Lage und mit Gott versöhnt zu sehen . « » Und woher weißt Du denn , daß ich es nicht bin ? « » Weil Deine Pflichten Dir eine so unerträgliche Bürde sind , daß Du sie fliehst , lieber Orest , « sagte sie schüchtern . » Ach , sie können uns ja schwer werden und wir dürfen ja ihre Wucht empfinden ; aber wenn Gott sie tragen hilft , so harren wir aus . Versuch ' es , lieber Orest , ach , versuch ' es ! harre aus . Ich bitte nicht für mich ! um mein eitles und selbstsüchtiges Herz mehr und mehr zu verleugnen , fügt Gott es so , daß ich in Deinem Herzen nichts gelte : also bitte ich nicht meinetwegen ! aber ich bitte für Dich selbst und für Deine Kinder . « Sie sank ihm zu Füßen mit strömenden Tränen , aber ohne Leidenschaft , ohne Aufregung . Sie weinte mit seinem Schutzengel , um ihn , nicht um sich . Felicitas brach aber in lautes Weinen aus und schmiegte sich an die knieende Mutter . Orest rief in äußerster Ungeduld : » Auch das noch ! muß man da nicht aus dem Hause getrieben werden ! Weibertränen und Kindergeschrei - das ist einem Menschen zu viel zugemutet , davon werden die Nerven ganz erschüttert . « » O lieber Orest ! « bat Corona immer auf den Knieen , » sage das nicht , verleumde Dich nicht ! nicht Deine Nerven werden erschüttert , sondern Dein Herz . Vergib uns die Tränen ! Du kannst sie ja so leicht stillen . Sprich nur : ich bleibe ! - und wir weinen nicht mehr . « Sie ergriff seine Hand und küßte sie . Da trat er zurück und rief heftig : » Steh auf ! all ' solche Scenen sind mir verhaßt . Ich kann es nun einmal nicht jahraus jahrein hier aushalten ; ich muß im Winter und im Sommer kleine Reisen zu meiner Erholung machen . Du wirst doch nicht verlangen , daß ich hier umkommen soll . « » Ich verlange gar nichts , lieber Orest , ich bitte nur . « » Da ich Dir aber meine Gründe gesagt habe , so mein ' ich , Du solltest Deine Bitten einstellen . « » O vergib mir , daß ich dennoch bitte . Ach , Du sagst , Du müßtest eine Erholungsreise machen ; nun wohlan , reise ! aber reise nach Venedig , oder Wien , oder wohin Du willst - nur nicht nach Paris . « » Nun ist ' s genug ! « brach Orest im heftigsten Zorn aus ; » nun hab ' ich ' s satt ! nun kommt Dein Eigensinn zutage ! Ja , reise ! .... nach Kamtschatka reise ! nach Marokko reise ! .... nur nicht nach Paris . Und warum nicht nach Paris ? .... eben weil ich dahin will ! « » Ganz recht , lieber Orest , eben um Dir einen Anlaß zu geben , Deinen Willen zu verleugnen . « » Du bist sehr gütig , Dich zu meiner Gouvernante machen zu wollen ; allein ich rate Dir , dies Amt bei Lili anzutreten und ihr das Weinen