endlich doch über Ulrich kam : da nahm er es an , daß dieser alle Schuld sich selbst auflud - und suchte sich selbst davon zu befreien . Um Vater und Mutter litt Ulrich diese Qual . Ein Leben voll ungestillter Sehnsucht nach dem Sohne hatten sie geführt ; redlich mit sich gekämpft , um seinetwillen auf ein Wiedersehen mit ihm zu verzichten , damit er nie das unselige Geheimniß seiner Geburt erfahre - und nun , nach so langer Zeit hatten sie es doch verrathen ! Nun hatten die segnenden Elternhände auf seinem Haupt geruht - es waren nur Augenblicke gewesen voll Kampf und Qual und Wehmuth - und wie theuer waren sie erkauft ! Wie hatte Ulrich nur allein seiner hohen Kunst gelebt ! wie war ihm jede Versuchung leicht gewesen zu überwinden , die ihn einmal zum Niedern ziehen wollte , schon allein durch diesen heiligen Schwung seiner Seele , die vom Gemeinen und Rohen sich abgestoßen fühlte ! Wie redlich hatte er mit sich gekämpft , wenn die Versuchung kam in einem reizenderen Gewande , mit einem Blick , der auch zum Himmel flog , in ihm den seinen zu begegnen - aber doch in irdisch schöner Form , an die er nie sich hingeben durfte ! Der Schwärmerei widerstand er nicht , aber sie machte ihn nur begeisterter und wärmer und lockte ihn zu keiner Sünde . Nur der Versuchung , die von Elternhand ihm kam , hatte er nicht zu widerstehen vermögen . So wenig wie sein Dasein überhaupt ein Verbrechen war vor Gott , da es die Welt und zumal die Satzungen des Bundes , dem er angehörte , es doch dem Unschuldigen selbst dazu machten : so wenig war ein Verbrechen vor Gott , wenn der Sohn den Vater vom entsetzlichsten Tode rettete , als dessen Ursache er sich selbst anklagen mußte ; aber es war ein Verbrechen vor der Welt und vor dem Gericht , daß er ihm ein Opfer entzog . Er war vor sich selbst auf der Hut gewesen , nicht nach seiner Mutter zu forschen , und da er erfuhr , wie nahe sie ihm war , und in ' s Claragäßlein zog , um ihr noch näher zu sein : da hatte er dennoch jeder Versuchung widerstanden , sich und sie zu verrathen ; aber wie hätte er mögen die Mutter auf dem Sterbebette sich vergeblich nach ihm sehnen lassen - wie hätte er mögen dem eigenen Sehnen widerstehen , den letzten Segen seiner Mutter zu erhalten ? Nun war es geschehen - nun war es vorbei ; er hatte keine Mutter mehr , und ihr Segen war ihm doch zum Fluch geworden , der flüchtige Vater ahnungslos ihm selbst zum Verräther ! Er hatte nichts gewonnen und Alles verloren . Als man ihn vor dem geistlichen Gericht verhörte , bekannte er wieder , was er vor dem Hüttenmeister bekannte . Sein Urtheil lautete in erster Instanz auf Tod durch das Feuer . Er vernahm es mit ruhiger Resignation . Mochte mit ihm geschehen , was da wollte - er gehörte ja nicht einmal in das Leben - seine bloße Existenz ward ihm ja schon zum Verbrechen angerechnet . Er hatte von aufgeklärten , begeisterten Männern sprechen hören , die in Kostnitz noch vor seiner Zeit den Flammentod für ihre Ueberzeugung erlitten und auf dem Holzstoß noch fromme Triumphgesänge angestimmt hatten . Hätte er doch auch so leiden dürfen für eine höhere Idee ! Aber aus dem schönsten und freiesten Bunde , der zu seiner Zeit bestand , aus einem kunstgeweihten Leben war er ausgestoßen worden , nur um eines blinden Vorurtheils Willen - und sterben sollte er für eine That , zu der sein Gewissen und natürliches Gefühl ihn gedrängt . Das war es , warum er nur bitter lächelte und nicht freudig , da ihm das Todesurtheil verkündet ward . Aber es konnte noch nicht sogleich vollzogen werden , denn die Schöppen vom Nürnberger Stadtgericht bedurften seiner als Zeugen im Prozesse wider die Juden . - Der Rath von Nürnberg trachtete danach eine Gelegenheit zu ergreifen , sich der Juden für immer zu entledigen . Konnte zu den vielen Anklagen , welche gegen sie vorlagen , sich nun noch die gesellen , mit den Raubrittern geheime Verbindungen unterhalten zu haben , so hoffte der Rath endlich vom Kaiser die Erlaubniß zu erhalten , die Juden ganz und für immer aus der Stadt zu vertreiben . Es durfte daher nicht versäumt werden , neue Schuldbeweise gegen sie vorzubringen , und dazu sollte nun auch Ulrich mithelfen . Denn Martin Behaim , der von Elisabeth erfahren , daß sie Ulrich ' s Kunde die Rettung seiner Schätze verdanke , wollte sich ihm dankbar erzeigen , und hatte ihn als den Ueberbringer des Vogels genannt . Es war wichtig von ihm zu erfahren , wie er in den Besitz desselben gekommen , und ob er wirklich , wie man munkelte , » diese Nachricht einer hübschen Judendirne abgeschwatzt « und welche Beweise er für die Betheiligung der Juden an jenem Raub etwa zu schaffen wisse . Indeß hatte Elisabeth Scheurl den Propst Kreß gesprochen und von ihm erfahren , wie es um Ulrich stand . Er jammerte ihn - aber da er nicht absah , was er selbst thun konnte , das Geschick des ausgestoßenen Baubruders zu mildern , war er nun selbst auf der Hut das seinige nicht mit ihm zu verknüpfen ; sah er aber ohne Gefahr für sich selbst eine Möglichkeit Ulrich zu retten , so war sie ihm tausendmal willkommen . Als ihn daher Elisabeth für ihr Vorhaben in ' s Vertrauen zog und dafür wieder Vertrauen von ihm verlangte , da gab er es ihr mit Freuden und verheimlichte ihr nichts , was ihr bei ihrem Vorhaben förderlich sein konnte . So ernst und heilig ihm die Sache war - es spielte doch ein schlaues Lächeln um seinen Mund : er behielt doch recht , daß der Baubruder vor den Augen der stolzen Elisabeth Gnade gefunden ; daß die Angst , welche sie um ihn empfand , der Entschluß , auch das Aeußerste zu seiner Rettung zu versuchen , mehr war als Dankbarkeit - ja , er ging in seinem Mißtrauen noch weiter : er begriff wohl , daß Elisabeth ' s unbegrenzter Stolz ihr nicht erlaubt hatte die Hülfe des Königs für sich selbst anzurufen , da sie derselben bedurft hätte , daß sie nicht ertragen mochte , sich ihm verdächtigt und erniedrigt zu zeigen - aber er dachte , daß sie wohl gern eine Gelegenheit benutze , König Max wieder an sich zu erinnern . In der That war es eine günstige Zeit , in welcher sie nach Augsburg kam . König Max hatte eben eine der schönsten Handlungen seines Lebens gethan : einen unheilvollen Krieg im Herzen Deutschlands und deutscher Heere wider einander verhindert und damit gleichzeitig inmitten der eigenen Familie endlich Frieden und Versöhnung gestiftet . Der schwäbische Bund hatte , dem Aufruf Kaisers Friedrich gehorsam , wider den Baiernherzog Albrecht , seinem Schwiegersohn , der sich ohne sein Wissen und Willen mit Friedrich ' s Tochter Kunigunde vermählt hatte , ein mächtiges Heer in ' s Feld gestellt , in welchem 2150 Reiter , 18,000 Mann Fußvolk und 57 Kanonen , von freien Rittern und Knechten aber 1600 gezählt wurden . Da erkannte Herzog Albrecht die Bedenklichkeit des Streites . Er sprach die Hülfe seiner Vettern , der Pfalzgrafen an , doch selbst Herzog Georg von Landshut schrieb ihm ab und gab sogar die ihm verpfändete Markgrafschaft Burgau heraus , um nur den Frieden des Kaisers zu behalten . Er schrieb an die Reichsstände und erbot sich vor dem römischen Könige , vor den Kurfürsten von Mainz und Trier , dem Grafen Eberhard von Würtemberg , ja selbst vor des Bundes Häuptern wegen Regensburg vor Recht zu stehen : aber das Reichsheer achtete nur auf den Befehl seiner Führer , namentlich des Markgrafen Friedrich von Brandenburg , und bewegte sich vorwärts . Bei Stadel , wo die Herzöge Wolfgang und Christoph mit 200 Mann zu Pferde und einigen Hundert Mann Fußvolk hinzustießen , ward eine Brücke über den Lech geschlagen und das Heer hinübergeführt . Es nahm ein Lager bei Kaufring , unweit der schlagfertigen Baiern ein . In diesem Augenblicke , wo man eine blutige Schlacht zweier deutscher Heere gewärtigte , erschien König Max im Lager und verkündigte , daß er einen Tag nach Augsburg zum Vergleich dieser Sache angesetzt habe , und daß Herzog Albrecht denselben mit der Absicht beschicken wolle , den Wünschen des Kaisers Genüge zu leisten . Brüderlich und dringend hatte Max seinen Schwager ermahnt , dem Unglück des deutschen Vaterlandes , auf dem ohnehin große Noth und Theuerung lastete , durch verständige Nachgiebigkeit Einhalt zu thun , es nicht geschehen zu lassen , daß durch den Trotz der Fürsten Tausende ihrer Tapfern in den Tod gejagt würden , ohne dem Vaterlande einen Gewinn zu bringen . Seine Schwester Kunigunde hatte ihre Bitten mit den seinigen vereinigt , und so gab Albrecht endlich nach . Von frohen Hoffnungen beseelt kam Max in das Lager des Reichsheers , und nachdem er von dem Markgrafen Friedrich einen Waffenstillstand erlangt , nahm er die Bundeshauptleute Hugo von Wartenberg und Wilhelm Besserer mit sich nach Augsburg , wo Herzog Georg schon mit Vollmacht seines Vetters Albrecht wartete und auf die an diesen gestellte Forderung solche Sicherheit gab , daß noch vor Ende des Waffenstillstandes der kaiserliche Fiskal Johann Keßler dem Heere den Austrag des Streites und die Einstellung der Feindseligkeiten verkünden konnte . - Wie freute sich Max , daß es ihm endlich gelungen war die Seinen zu versöhnen , woran er seit acht Jahren vergeblich gearbeitet hatte ! Keine Stunde länger als nöthig mochte er im prächtigen Augsburg bleiben , sondern wollte zu Herzog Albrecht eilen , um ihn und Kunigunden mit sich nach Linz zu führen zu dem greisen Vater , damit er vor seinem Ende noch segnend die Hand auf das Haupt der erst verstoßenen Tochter lege und zum ersten Male ihren Gatten als Sohn willkommen heiße ! - In diesem Augenblicke war es , als Elisabeth von ibrem Bruder Georg und Stephan Tucher begleitet in Augsburg eintraf . Schon war der König zur Abreise gerüstet und saß mit Kunz von der Rosen beim Frühstück , um noch einen kräftigen Imbiß mit auf den weiten Weg zu nehmen . Noch einmal stieß dieser fröhlich mit ihm an auf das gelungene Friedenswerk - da trat ein Edelknabe hastig ein , so daß Max aufbrechend rief : » Nun , sind die Rosse gesattelt und gezäumt ? Auf mich soll Niemand zu warten haben ! « » Verzeiht , « antwortete der Eintretende , » ich wollte wohl Eurem Befehl folgen , Niemanden vorzulassen , da Ihr durchaus nicht aufgehalten sein wollt ; aber eine trauernde Dame verlangte von mir Euch gemeldet zu werden , und da ich mich dessen weigern wollte , gab sie mir diese Nadel - ich müsse sie Euch geben , dann werde sie nicht vergeblich bitten . « Max blickte sinnend auf die Nadel und fragte : » Hat sich die Dame nicht genannt ? - In Trauer sagst Du ? - Nun , führe sie nur herein ! « Aber Kunz hatte kaum die Nadel gesehen , als er rief : » Das ist Nürnberger Hand : Wahrhaftig , Ihr Könige hab ' t doch das schlechteste Gedächtniß , der Narr muß es immer für Euch haben - selbst für Eure Narrheiten ! Die Nadel schenktet Ihr einst der schönsten Nürnbergerin und ihrem Gatten zur Nadel den Adel ! Wenn Ihr Elisabeth Scheurl vergessen hab ' t , weil sie tugendhafter blieb als Andere , die Euch gefielen , so habe ich sie mir deshalb um so besser gemerkt - denn ein Narr merkt sich die Ausnahmen immer besser , als die Regel . « Auch ohne diese Mahnung würde der König , als Elisabeth selbst vor ihm stand , sogleich seiner schönen Wirthin und seines königlichen Wortes eingedenk gewesen sein , denn ihre Erscheinung übte denselben magischen Eindruck auf ihn wie einst , umhüllte sie auch jetzt die dunkle Trauerkleidung statt dem gewählten Putz , in dem er sie sonst gesehen . Auf den Lippen des lustigen Rathes erstarb vor ihrem Blick auf diese Trauerzeichen und der schmerzlichen Bewegung , die aus Elisabeth ' s Mienen sprach , wohl der Scherz , aber nicht die herzliche Anrede , mit welcher er sie begrüßte . So fand sie schnell ein williges Gehör . Der König überreichte ihr die Nadel wieder und sagte : » Nehmt sie noch einmal aus meiner Hand als mein Versprechen Euer Gesuch zu gewähren , dafern das in der Macht des römischen Königs ist . Ich sehe Euch in Trauer wieder ? « Sie erwähnte nur kurz , daß sie Wittwe geworden , und sagte dann : » Ich komme nicht , um für mich selbst zu bitten , sondern für Einen , der , obwohl mir ein Fremder , zwei Mal sein Leben einsetzte , das meine zu retten oder mir einen Schimpf zu ersparen - ich komme , um von Euch das Leben und die Ehre eines Baubruders zu erbitten , dem Ihr einst in Nürnberg auch Eure Huld erwieset - ich bitte für Ulrich von Straßburg . Den königlichen Baubruder ruf ' ich an , sich des Baubruders zu erbarmen . « Max runzelte die Stirn . » Einen königlichen Baubruder , « sagte er , » giebt es nicht . Als freier Maurer bin ich nur der Bruder Max und habe nicht mehr Macht als die andern - als König hab ' ich die Statuten der Bauhütten bestätigt , als Baubruder muß ich ihre Entscheidungen ehren ! « Elisabeth erzählte so kurz als möglich Ulrich ' s Geschick : daß er aus der Bauhütte ausgestoßen worden , weil er nicht ehrlich geboren sei , und daß er nun zum Feuertode verurtheilt worden , weil er seinen Vater aus gräßlichem Gefängniß befreit . Sie hatte weder einen Namen , noch irgend eine Person in dieser traurigen Geschichte vergessen ; aber mit besonderer Begeisterung sagte sie Alles , was zu Ulrich ' s Lob und Entschuldigung sich sagen ließ : wie er selbst erst vor Kurzem das Geheimniß seiner Geburt erfahren , und wie er nichts gethan habe , was nicht eher Bewunderung als Strafe verdiene . Wohl war Max gerührt - aber er wußte selbst keinen Ausweg . » Ei was , « sagte der Narr , der niemals ein Freund der Geistlichkeit war , auf ihre Kosten immer am meisten spottete und sich freute , wenn er ihrer Macht ein Schnippchen schlagen konnte , » wenn es nicht wahr sein soll , was ich Dir schon gesagt , daß Du ein gut Theil Deiner Macht aus den Händen gegeben , als Du die Bulle des Papstes Innocenz VIII. über den Hexenprozeß in Deutschland bestätigt , so zeige wenigstens , daß Du die Inquisition nicht duldest - oder laß Dir von den Pfaffen helfen , statt daß Du ihnen hilfst . Hat der Maurerhof von Straßburg fast dreißig Jahre lang ein Auge zugedrückt über Ulrich ' s Herkommen , so ist ' s wohl auch kein Unglück , wenn es länger geschieht . Erkläre Du und laß es von einem Bischof oder in Rom , wenn es sein muß , bestätigen , daß Ulrich als ehrlich Geborner zu betrachten , weil seine Eltern Buße gethan haben im Kloster , und weil er selbst ein braver Kerl und rechter Baubruder geworden ; so ist ' s gut , die Hütte muß ihn wieder mit Ehren aufnehmen und die Pfaffen müssen ihn auf Dein Fürwort herausgeben ; er ist mit eingeschlossen in den großen Gnadenakt , den Du im Reich erlassen mußt , weil Dir ein Friedenswerk gelungen , das mehr noch als Deinem Lande Deinem Herzen und - dem Hause Habsburg zum Glück gereicht . Mir scheint , so ist ' s nur christlich gehandelt : wenn der Sohn dadurch , daß er wohl gerathen und auch vom vierten Gebot nicht gelassen hat , die Schuld der Eltern sühnen kann - das Umgekehrte , daß ihre Schuld an den Kindern heimgesucht werde , das überlaß den Juden . « Elisabeth ' s Augen strahlten ; sie faßte Kunzen ' s Hand und rief : » O wohl mir , daß ich in Euch einen Fürsprecher gefunden , wo mir ohne denselben Rath und Hülfe fehlen würden ! « » Ihr würdet meiner nicht bedurft haben , « sagte Kunz , » wenn Ihr für Euch selbst etwas erbeten hättet ; Ihr wißt , daß es den ritterlichsten König immer verdroß , daß Ihr bei ihm - an Andere denkt ! « Das traf . Max zog die Augenbraunen unwillig auf und sagte zu Elisabeth : » Da der Narr bessern Rath weiß als ich , so mag er die Papiere , die ich Euch als Freibriefe für Euren Schützling oder Schützer mitgeben will , nach Gutdünken ausfertigen . Ich habe Euch mein Wort gegeben , das die Erfüllung Eurer Bitte im Voraus gewährleistete - es soll mir eine Warnung sein , schönen Frauen gegenüber damit künftig vorsichtiger zu sein . Ich liebe diese willkürlichen Handlungen nicht , zu denen Ihr mich drängt ! « » Hoho ! « sagte der Narr , indem er eifrig auf große Stempelbogen schrieb , » die Willkür der Gnade ist mir immer lieber als die der Rache . Das deutsche Reich ist ohnehin nicht in sonderlicher Ordnung , und der Wirwarr wird nicht größer , wenn Du einmal Gnade für Recht ergehen läßt . Bist Du erst Kaiser , hast Du aus den jetzigen schwachen Versuchen den großen und kleinen Raufereien und Zänkereien einen Damm entgegenzusetzen , einen wahrhaften , dauernden , ewigen Landfrieden gestiftet und ein Reichskammergericht eingesetzt , das auf Ordnung sieht im Großen und Kleinen , dann bin ich gewiß der Letzte , der Dich zum eigenmächtigen Handeln drängt . Aber so lange Du Andere eigenmächtig das Böse thun siehst , kannst Du auch eigenmächtig das Gute thun - dadurch wird weder das Reich zu Grunde gehen , noch das Haus Habsburg ! « Als Elisabeth aus Kunzen ' s Händen die königlichen Schreiben mit der Unterschrift und dem Siegel Maxens empfing , wies der Narr ihren tiefempfundenen Dank zurück , indem er sagte : » Ihr kamet zur guten Stunde und hab ' t mir mehr geholfen , denn daß ich Euch geholfen hätte . Ich hatte schon daran gedacht , daß ein Friedens- und Freudenfest , wie die Versöhnung des Kaisers mit seinen Kindern , überall einen Nachhall finden sollte und einige arme Teufel aus Schöppen- und Pfaffenhänden befreien ; aber die Majestät meinte erst , es sei schon genug , daß die ganze Heeresmannschaft wieder heimgehen könne zu den Ihrigen - wenn er gleich das schöne Heer lieber beisammen behielte , es an die flandrischen und französischen Grenzen zu schicken - und da war es gut , daß Ihr kamet und ich mein eigenes Wünschlein hinter die Bitte aus schönen Frauenlippen verstecken konnte . Es schadet nichts , daß die Eva den Adam verführte , wenn auch erst so viel Unheil damit in die Welt gekommen : das Gute hat es gehabt , daß ihre Töchter ihre Macht über die Männer kennen und sie manchmal verführen - zu etwas Gutem . - Nun kehrt glücklich heim nach Nürnberg : Ihr werdet wohl bald wie Penelope von Freiern belagert sein - und wenn Ihr wieder Hochzeit haltet , so bittet mich zu Gaste wie zu der Jungfrau Muffel . « Elisabeth erwiederte ruhig : » Hoffentlich findet sich eine andere Gelegenheit , Euch wiederzusehen ; ich glaubte , Ihr dächtet besser von mir , als zu denken , daß ich zum zweiten Male - « Sie stockte und er sagte : » Das ist die Redensart aller Wittwen , so lange sie trauern ; aber dann - « » Verzeiht , « unterbrach sie ihn , » Ihr ließt mich nicht ausreden - ich wollte sagen : um zum zweiten Male eine Thorheit zu begehen . Ihr seh ' t , ich habe Offenheit von Euch gelernt - und auf Heuchelei mich niemals verstanden ! « Er drückte ihr die Hand und sagte : » Es ist doch Schade , daß Ihr kein Mann geworden seid ; Ihr könntet vielleicht einmal als mein Nachfolger Euer Glück machen . Ihr versteht Euch darauf , Scherz und Ernst so zu vermengen , daß die Wahrheit herauskommen muß - und die hören gewisse Personen nur in solchem Gewande . - Wenn wir durch Wien reisen , werden wir Konrad Celtes treffen , der dort an der Universität auch die Wahrheit redet und dafür wirkt , daß sie mit der Schönheit die Gesittung und das deutsche Bewußtsein fördere in deutscher Nation - darf ich ihm einen Gruß von Euch vermelden und Alles sagen , was wir hier verhandelt haben ? « » Alles ! « antwortete sie ; » sagt ihm , daß Elisabeth Scheurl stolz ist auf seine Achtung , wie es einst Elisabeth Behaim auf seine Liebe war , und daß sie der hohen Bahn sich freue , die sein Genius wandle . Sag ' t ihm , daß gleich wie er bemüht sei , vaterländischen Sinn zu wecken unter den Gelehrten wie unter der Jugend , und dem deutschen Volk zu zeigen , daß es eine Geschichte habe : - Elisabeth seinem Streben zu folgen vermöge , und so viel sie es selbst könne , deutsche Art und Kunst mit fördern helfe in ihrem Kreise ; daß sie alle Schätze , mit denen sie gesegnet sei , fortan nur dazu verwenden werde , und daß wir , wie weit getrennt auch immer , uns in jenem höhern Menschheitsleben begegneten , das durch ein segenbringendes Streben für Andere , und wenn auch erst für spätere Geschlechter , wenigstens in einzelnen Weihestunden für alle Entbehrungen irdischen Glückes entschädigen kann ! « » Und ich werde hinzufügen , « sagte Kunz als letztes Abschiedswort , » daß Ihr mir sonst nur wie eine edle Königin , heute aber wie der Genius der leidenden Menschheit erschienet , und daß Ihr von hier schiedet mit so strahlenden Augen , wie eben dieser Genius , wenn er die Thränen von Tausenden getrocknet . « Aber Elisabeth seufzte und schlug beschämt die Augen nieder . » Vielleicht werde ich noch , wie Ihr denkt , daß ich bin - Eurem Genius gegenüber fühle ich , daß ich doch nur als ein Weib kam , das nicht an Tausende , sondern nur an Einen dachte . « Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Antlitz - er verbarg ihr Erröthen und ihre Thränen . Zwölftes Capitel Rache und Versöhnung Ueberall im deutschen Reich und in den baierschen Landen zumal wie in den angrenzenden Staaten , besonders auch im reichsunmittelbaren Nürnberg , herrschte große Freude über die Friedenskunde , die Heimkehr der in ' s Feld gezogenen Mannschaften und den Gnaden akt mit dem König Max das von ihm längst ersehnte Versöhnungsfest seiner Familie begleitete , und der auf seinen Wunsch überall ausgeführt ward . Begann auch damals schon in den fürstlichen wie in den städtischen Kanzleien eine aufhaltende Vielschreiberei einzureißen , so gab es doch noch genug besondere Fälle , wo davon gänzlich abgesehen ward und einzelne fürstliche oder oberherrliche Machtsprüche vollständig genügten , einem gefaßten Beschluß Gültigkeit zu verleihen , daß er alsobald in ' s Werk gesetzt werden mußte . Dem Abt des Benediktinerklosters , der nicht allein auf die Aussagen des Riesen-Jacob hin , sondern gedrängt von der höheren geistlichen Behörde , zu deren Ohren das fast zum Nürnberger Stadtgespräch gewordene Ereigniß gekommen war , die Untersuchung nicht mehr hatte hemmen können , kam diese plötzliche Niederschlagung und Beendigung derselben sehr gelegen . Um wie viel mehr nicht dem Propst Kreß , der selbst mit hinein verwickelt war , und es mehr noch Ulrich ' s Edelmuth als dem Ansehen , in dem er stand , so wie seiner Stellung vor der Welt , in der man ihn gern schonen wollte , zu danken hatte , daß die Sache nicht bedrohlicher für ihn war , die es aber jeden Tag noch werden konnte ! Der Novize Konrad hatte sich selbst als Ulrich ' s Mitschuldiger bekannt , obgleich dieser Anfangs versucht hatte ihn als solchen zu verläugnen ; der stille Jüngling wollte um so weniger etwas von dieser Schonung wissen , als er nun in Ulrich einen Leidensgefährten in jeder Beziehung erkannte : einen Ausgestoßenen , gleich sich selbst . Er war zwar nicht zum Tode , aber doch zu enger Kerkerhaft im Kloster verurtheilt , die härter erschien als der Tod . Dazu kam das schreckliche Geschick seiner Mutter Katharina , die er nur noch einmal vor ihrem Tode sehen durfte , mit dem sie ihre Missethat schrecklich zu büßen hatte . Auf Räuber und Mörder erstreckte sich der Gnadenakt nicht mit , und so entgingen weder sie noch Jacobea der gesetzlichen Todesstrafe , nur daß man sie bei Katharina in minder grausamer Weise ausführte . Jetzt war auch Konrad der Strafe überhoben . Aber das war nicht Alles - Elisabeth ließ ihn zu sich entbieten , sie wollte den Sohn nicht verantwortlich machen für die That der Mutter , vielmehr die Schuld des Vaters an ihm sühnen . Von dem Propst und Stephan Tucher hatte sie strenge Verschwiegenheit verlangt über ihre Fahrt gen Augsburg und deren Resultat - ja sie , die man so stolz und hochfahrend schalt , verheimlichte in edler Bescheidenheit , daß es ihr Werk war , daß unzählige Unglückliche schrecklichen Strafen entgingen - womit es ihr ja leicht gewesen zu prunken , sich Ansehen und Dankbarkeit zu verschaffen . Wie gut hätte sie doch mit ihrem Einfluß bei König Max prahlen können und dem huldreichen Empfang , der ihr geworden , wie die andern Nürnbergerinnen demüthigen können und doppelt , wenn sie erkennen ließ , wie sie selbst , da sie in Gefahr war , nur allein auf ihre Unschuld und ihr Recht sich verließ , die königliche Hülfe verschmähend , da sie derselben doch so gewiß hätte sein mögen , wie jetzt , da sie für Andere sie forderte . Aber sie wollte sich keinen eitlen Triumph verschaffen , wo ihre Seele von dem schönsten in ihren heiligsten Tiefen erfüllt war . Ja , sie wollte auch nicht den bösen Leumund von einer Hallerin preisgegeben sehen , was sie mit dem reinsten Hochsinn des Herzens gethan , dem ein edles Wesen folgt , auch wenn es sich sagen muß , daß es sich damit dem Spott oder der Verläumdung aussetze . Am meisten aber wünschte sie aus weiblichem Zartgefühl , daß es Ulrich selbst verborgen bleibe , was sie für ihn gethan : ihr schönster Lohn war es , daß sie ihm Leben und Ehre wiedergegeben , ihr genügte dies Bewußtsein , sie wollte keinen Dank , und sie wollte auch kein Begegnen , das ihren und seinen Ruf auf ' s Neue gefährden könne . Aber freilich : bis jetzt war auch nur das eine Versprechen des Königs in Erfüllung gegangen , daß die Verurtheilten begnadigt und frei und die noch schwebenden Untersuchungen niedergeschlagen waren - aber daß Ulrich für ehrlich erklärt ward und in die Bauhütte wieder aufgenommen , das ging nicht so schnell , das bedurfte erst noch anderer Schritte und Vorbereitungen und konnte ihm nur als Hoffnung verkündet werden . Indeß hatte Elisabeth doch die königliche Schrift in Händen , welche für Ulrich zum Freibrief werden sollte , aber da sie das Dokument in die Hände des Propstes legte , geschah es nur unter der Bedingung : Ulrich weder zu sagen , durch wen er es erhalten , noch wem er diese glückliche Wendung seines traurigen Geschickes verdanke . Da der Propst mit zu den Ersten gehörte , welcher die glückliche Nachricht von der Niederschlagung dieser Untersuchung erhielt , so war es ihm auch leicht die Erlaubniß zu erhalten : Ulrich selbst die Freiheit zu verkündigen . Es drängte ihn um so mehr dazu , als er sich jetzt , nun die Gefahr vorüber , seiner Feigheit und seines Kleinmuthes schämte , womit er selbst Ulrich preisgegeben , und nur sich selbst aus der Schlinge zu ziehen gesucht hatte . Um sein eigenes Gewissen zu beruhigen , redete er auch sich selbst glücklich ein , daß er , da Elisabeth ihn zu Rath gezogen , ehe sie gen Augsburg reiste , doch einigen Antheil an dem glücklichen Resultat habe , das sie mit heimgebracht , und daß er sich wenigstens mit einigen solchen Andeutungen bei Ulrich entschuldigen dürfe . Ulrich war wie ein Träumender - das Leben war ihm wieder geschenkt , und mehr als das : die Ehre , und mehr als beides : die hohe Kunst , der er diente , der er voll heiliger Begeisterung sich ganz geweiht , ein Tempelbauer , der mit reinen Händen die reine Form zu bilden strebte , die das Schöne mit dem Erhabenen vereinend über der betenden Menschheit einen Himmel zu wölben suchte , der es ihr leicht machte , sich zu dem Ueberirdischen emporzuschwingen ; er hatte sich vergebens gelebt und gestrebt bis jetzt - er durfte weiter leben und streben zu dem erhabensten Ziele ! - aber dennoch - von Allem , was er erlebt und gelitten , war in seinen Ohren das Wort , das ihn verdammte , am lebendigsten geblieben : » Ich habe keinen Theil an Dir ! « Die Baubrüder hatten es alle gesprochen - auch Hieronymus ! - Von der Erinnerung daran noch einmal gefoltert , rief Ulrich : » So hatte Keiner Theil an mir - und Niemand nahm ihn - kein einziges Wesen unter Allen , für die ich selbst gern mein Leben eingesetzt hätte , hatte etwas Anderes als Schmach für den Ausgestoßenen ! « Da dachte der Propst