! Wie ablehnend war bei alledem diese seine Freundlichkeit , wie kalt seine Höflichkeit ! Es schien ihr so seltsam , daß auch Bonaventura sich vor ihr fürchten konnte , fürchten als Verführerin zum Bruch seiner Gelübde ! Bitter sagte sie sich : Daß doch diese Männer ewig nur dies Eine in uns finden können - ! Nur dies Eine - ! Nie und nirgends etwas Anderes ! Nach einigen Stunden der Verzweiflung , des Zornes , der Hoffnung auf einen versöhnlichen Schritt vielleicht von Seiten des Dechanten oder von Seiten Bonaventura ' s , entschloß sie sich - da sie Bonaventura und den Dechanten nun auch noch das Haus verlassen sahe und nichts kam , sie zu befreien von ihrem Jammer , von ihrer Demüthigung , - die Hülfe Beda Hunnius ' in Anspruch zu nehmen . Ihr Zimmer zu verlassen wagte sie nicht - aus Scham , etwa Benno oder Hedemann zu begegnen , jeder Stein schien sie zu verhöhnen - jedes Baumblatt schien ihr ein sie verletzendes Mitleid mit ihr zu haben . Sie wollte an Hunnius schreiben ... Geräthschaften dazu gab es in ihrem Koffer ... Sie öffnete und legte alles Nöthige heraus ... Als sie geschrieben , hatte sie zwei Gelegenheiten , deren sie sich zur Abgabe des Briefes bedienen konnte ... Die eine war Napoleons Biancchi , der sich vom Dechanten nicht ganz hatte abweisen lassen , sondern die Treppe hinaufstieg und nach Signora Schwarz fragte ... Auch das mußte Frau von Gülpen hören und sehen ! Der Ankauf schon einer Kunstsammlung im Hause ! sagte sie , als sie den Italiener an die Thür verwies , wo man den Moses Michel Angelo ' s hatte kaufen wollen . Lucinde begrüßte den Italiener gefaßt , lehnte den Ankauf nicht ab , gab für die Statue , was Napoleone verlangte . Sie ließ dann Porzia grüßen . Sie erfuhr , daß Hedemann seiner Tochter gestern ganz den Dienst erwiesen hatte , den sie vorausgesetzt . Auf ihren Glückwunsch zur » schönen Müllerin von Witoborn « machte Napoleons eines der charakteristischen Zeichen , mit denen der Italiener dreierlei Gedanken zu gleicher Zeit ausdrücken kann , sagte aber doch : Herr Hedemann wollte von Ihnen italienisch lernen ! Bitter lächelnd über die Zerstörung aller dieser schönen , so traulich gewesenen Hoffnungen , überlegte sie , ob sie ihren Brief für die Stadtpfarrei durch Napoleone besorgen lassen sollte . Dabei fiel aber ihr Blick vom Fenster aus auf einen andern Ankömmling , der in den Wegen des Parkes sichtbar wurde , eine hohe , kräftige weibliche Gestalt , die unverkennbar die Jüdin von gestern war . Sie trug auf dem einen Arm ein Kind , auf dem andern einen großen verdeckten Korb . Rufen Sie mir jene Frau mit dem Korb und dem Kinde herauf ! sagte sie zu dem Italiener , der sich entfernend der aus ihrem Erstaunen nicht mehr herauskommenden und wie auf Wachtposten befindlichen Frau von Gülpen in der That die Mittheilung machen konnte , daß Lucinde ihm einen seiner werthvollsten Abgüsse abgekauft hatte . Sinnend stand Lucinde vor dem Gesetzgeber der Juden , dessen kolossale und markige Formen eher einem Hercules angehörten , wenn man nicht an den Propheter des » starken und eifrigen « Gottes denken wollte ... Ist doch nicht jeder Priester nur ein Schatten ! sagte sie sich . Nicht jeder nur ein kalter todter Begriff ! Nicht jeder nur die Drohne im Bienenstock ! Nicht jeder nur ein Mann in langem Frauengewande ! Es paßte auf Moses und auf Beda Hunnius ... Sie hatte den Brief noch einmal überlesen . Sie schilderte dem neuen Freunde ihr Misgeschick in der Dechanei und bat um seinen Beistand ... Als sie gesiegelt , klopfte es ... Die Hasen-Jette trat ein ... Auch ihr hatte Frau von Gülpen mit den Worten den Weg zur Mansardenstube gewiesen : Ich sehe , dort oben bekommt noch heute die ganze Stadt Audienz ! Frau Henriette Lippschütz trat in gewählterer und minder phantastischer Kleidung ein , als sie diese Nacht getragen hatte . Am rechten Arme hielt sie einen mächtigen Korb voll frischgeschossenen wilden Geflügels , das auf einer Unterlage von zusammengerollten und gleichfalls verkäuflichen groben Scheuertüchern , Zwirngebinden , Bandrollen , Schwefelfäden , Feuerzeugen und dergleichen ruhte ; auf der Linken trug sie einen Knaben von mindestens schon zwölf bis dreizehn Jahren . Tragen Sie einen so großen Jungen noch auf dem Arme ? fragte Lucinde . Mein Davidchen ! antwortete die Jüdin . Das Kind ist so schwach auf die Beine ! Und weil die Tante Ley nun gestorben ist , fürchtet sich das Kind zu Hause ! Wir wohnen gerade gegenüber dem Unglück ! Komm , Davidchen , ich setze dich auf das schöne Sopha da ! Das Fräulein erlaubt es ! Womit kann ich dienen ? Lucinde nahm Kleider und Wäsche vom Sopha fort . Aber der schon so große Knabe protestirte mit langgezogenem , weinerlichem Tone und hielt sich fest am Halse seiner Mutter . Fürchtest dich doch nicht , Davidchen ? Eine so schöne Dame ! Hände wie Seide ! Komm , Davidchen ! Laß dich sitzen ! Nein ! war die Antwort , weinerlich langgezogen und entschieden . Und voll unendlichster Milde und Nachgiebigkeit sagte die große Frau : Willst du nicht , Davidchen ? Nun , so gib dich nur ! Ich will den Korb niederstellen ! Womit kann ich dienen , Fräulein ? Dabei hielt die Frau unverwandt den schweren Knaben . Ich hätte gern einen Brief von Ihnen in die Stadt besorgt - sagte Lucinde ... Die Frau nahm den Brief ; aber David sagte : Ich - ich will ihn haben ! Willst ihn haben , mein Sohn ? sagte die schwächste aller Mütter . Er kann nichts sehen Geschriebenes , er will ' s haben ! Gelt , David , du gibst einen Gelehrten ? So schmeichelte sie dem David , nur damit er nicht den Brief zu tragen begehrte . Die kluge Frau sah wohl , daß das Fräulein nicht den Brief offen getragen wünschte . Zum Glück war David eitel und wollte noch gründlicher seine Kenntnisse leuchten lassen . Er zeigte auf den Korb und sagte : Achetez quelque chôse Mademoiselle ! Nous avons des jolis objets à vendre ! Was hat er gesagt ? Was hat er gesagt ? rief die entzückte Mutter . Lucinde übersetzte es und rühmte aufrichtig des Knaben Genie . Der Onkel laßt ihn lernen alles zu Hause durch Maîtres ! Das Kind ist so klug ! Aber es kann nicht gehen in die Schule ! Gleich ist es müde , wenn es ist gegangen eine halbe Stunde - es ist so schwach auf die Beine ! Also David kann gehen ! sagte Lucinde voll Entrüstung über den großen Jungen , der sich tragen ließ ... Er studirt soviel ! wiederholte die gute Mutter . Aber wieder wollte David den Brief haben und die Adresse lesen . Er bekam ihn auch und übersetzte die Adresse gleich ins Französische ... Das Kind ! sagte Frau Lippschütz . Nicht wahr , Fräulein , der Brief ist auf die Post ? Auf die Post ? wiederholte Lucinde . Sagt ' ich ' s denn noch nicht ? Nein , liebe Frau ! ( Sie gab ihr ein Geldstück . ) Bringen Sie den Brief in die Stadtpfarrei - Wohin ? fiel die Frau mit einer sich verdüsternden Miene ein . Zu Herrn Hunnius ! Hunnius - ? sagte die Jüdin und während sie immer mehr in Verlegenheit gerieth , betrachtete David das der Mutter sogleich aus der Hand genommene Geldstück . Ein Frédéric d ' argent ! sagte er . Was hat er gesagt ? Ich hätte Ihnen einen silbernen Friedrichsdor gegeben ! Ein Viergroschenstück ein silberner Friedrichsdor ! Doch erhob sich die Freude der Mutter nicht mehr zu dem frühern strahlenden Glanze über die Kenntnisse und den Witz ihres Kindes , sie zögerte und nahm Anstand , das Billet in die Stadtpfarrei selbst zu tragen ... Fräulein ! sagte sie . Ich muß Ihnen etwas sagen ! Ich will schicken eines von den Kindern der armen Frau Ley ! Es will auch kommen ein Herr , der Treudchen Ley möchte mitnehmen in die Stadt und will sich erkundigen nach ihr beim Herrn Stadtpfarrer ! Ein Kind wie eine Prinzessin ! Dabei die Arbeitsamkeit selbst ! Warum wollen Sie denn nicht selber gehen ? Ich kann nicht gehen in die Klostergasse - Liegt dort die Stadtpfarrei ? Ich kann nicht gehen über die Schwelle der Stadtpfarrei - Sind Sie so rechtgläubig ? Die Jüdin lehnte diese Auslegung ab - Auch die Dechanei ist die Wohnung eines christlichen Geistlichen ... sagte Lucinde . Die Jüdin sah sich um , mit einer Miene , die offenbar so viel sagen wollte als : Hier , in diesem toleranten Hause empfind ' ich nicht das , was mich in der Stadtpfarrei stören würde ... Dabei fiel ihr Auge , das sie unverwandt nur auf ihren David gerichtet gehabt hatte , jetzt erst auf das ansehnliche Gipsbild , das Lucinde auf eine Kommode gestellt . Gott ! rief sie plötzlich . Wer ist der Mann ? Hercules , der Gott der Stärke ! sagte David ... Nein - warf in steigender Aufregung seine Mutter ein - Es ist Moses , euer Gesetzgeber ! berichtigte Lucinde . Hätte mir eins gesagt : Henriette , es ist dein Onkel , der Doctor Leo Perl - ich würde gesagt haben : Der Kopf ! Der Blick ! Das Auge , ja ! Gott im Himmel , es war ein Mann - man hätte geglaubt , er zerschmeißt die Welt - und muß sich taufen ! Tauft sich in der Stadtpfarrei ! Hier in Kocher vor seiner ganzen Familie ! Es war meiner Mutter Bruder ! Und der Mann , gewesen wie ein Löwe , ist zusammengegangen wie ein Kind , wie wenn ich sagen wollte , der Moses da auf der Kommode geht zusammen wie hier mein David auf dem Arm ! In diese lebhafte Anschauung einer Phantasie , die auch das kleine Gipsbild gleich nur im vollen Bilde des Propheten sah , den es bedeutete , wiederholte mehrmals David mit kritischer Schärfe : Warum sitzt Moses ? Die Mutter , die wieder leicht im Stande gewesen wäre , zu erwidern : Auch er war schwach auf die Beine ! hatte vor Trübheit ihrer Erinnerungen keinen Ausdruck der Bewunderung mehr über diese Frage , die schon Winckelmann beschäftigt hat , sondern hob den Korb in die Höhe , bat Lucinden , ihr die Thür zu öffnen und versprach , das Billet so pünktlich besorgen zu lassen , als wenn sie es dem Stadtpfarrer selbst überbracht hätte . Lucinde entsann sich aus des Dechanten gestriger Erzählung , daß Leo Perl von ihm sein Freund genannt worden war und sogar der Geistliche gewesen sein sollte , der Bonaventura getauft hatte . Es vergingen ihr jetzt zwei der peinlichsten Stunden ihres Lebens . Ungeduldig schritt sie auf und nieder , las eine Weile , schrieb , schloß und öffnete das Fenster , sah bald nach dem kleinsten Geräusch , bald verschmähte sie es , dies nach einem größern zu thun ... Wagen rollten an und ab ... Aus der Ferne hörte sie die militärischen Uebungen - Trommeln und Schießen ... Sie las in Serlo ' s Erinnerungen - in Hunnius ' Saronsrosen - sie schrieb an Joseph Niggl ... an den Vorsteher des orthopädischen Instituts ... sie wußte noch nicht , ob sie dorthin zurückkehren sollte ... Sie zeichnete sich mit der Feder auf ein leeres Blatt Papier als Pilgerin mit dem Muschelhut und dem Wanderstabe - sie dachte allen Ernstes daran , vielleicht so hinauszuwandern in die weite Welt und die zu ärgern , die für ihre katholische Wiedergeburt so wenig Anerkennung hatten ... Sie sagte sich : An der Schwelle der Peterskirche will ich sterben ! Die Hoffnung , daß plötzlich Bonaventura eintrat oder der Dechant oder Benno oder irgendwer , der eine Vermittelung versuchte , erfüllte sich nicht . Gegen Mittag erschien Windhack und bot ihr zu essen . Er wollte ihr , was sie nur begehrte , auf ihr Zimmer bringen ... Sie schüttelte den Kopf und wandte ihm den Rücken ... Im Spiegel sah sie , daß sich der Alte zu verwundern schien über die gemüthliche und noch so wohnliche Ordnung des Zimmers , die keine Spur einer Zurüstung zur Abreise trug . Das Gipsbild wird halt ein bissel schwer zu verpacken sein ! sagte er , mit Erwartung , was auf diese ironische Andeutung erwidert würde . Statt aller Antwort trat Lucinde an die Kommode , fuhr einfach mit der Hand über sie hinweg und warf die Figur hinunter , sodaß sie in hundert Scherben im Zimmer lag . Windhack schien sein Gefallen an dieser Kraftäußerung zu haben ... Lächelnd sagte er : Wenn Ihnen das Zimmer zu dumpf ist , Fräulein , und Sie frische Luft schöpfen wollen , hier geht gleich die Treppe zu meiner Sternwarte hinauf ! Lucinde sah nicht hin , dankte aber mit einer stummen Kopfverbeugung . Der Dechant drückt Ihnen sein Bedauern aus ! Er hat es eben erst jetzt nach seinem Ausgang erfahren ! Er läßt Sie fragen , ob Sie noch etwas zu wünschen hätten ? Lucinde schüttelte den Kopf . Herr von Asselyn , der Pfarrer , ist schon nach St.-Wolfgang zurück ... Lucinde hielt mit beiden Händen krampfhaft das Bret am Fenster fest und sah zitternd in den Park und gen Himmel . Ein Bote hat ihn nach der Residenz des Kirchenfürsten berufen ... Man sagt , er wird dort in eine offene Stelle an den Dom kommen ... Sie lächelte bitter . Ihre Gedanken sprachen : Empor zu Paula ' s Prophezeiung ! Fräulein ! näherte sich Windhack vertraulicher ... Sie erwarten einen Brief ? sagte er . Nun wandte sich Lucinde ... Frau von Gülpen , flüsterte er , läßt niemanden mehr zu Ihnen ! Hier den Brief da ... den hab ' ich halt dem Treudchen Ley abgenommen ... aber heimlich ... Sie wollte Ihnen für Ihre Theilnahme danken , sagte sie . Ich merkte gleich etwas . Frau von Gülpen meinte , des Nachts wäre noch keine ihrer Nichten so aus dem Hause gelaufen und wenn noch soviel Menschen in der Stadt im Sterben gelegen hätten ... Sie würden abreisen ! sagte sie . Und während mir das arme Kind dann vom Begräbniß der Mutter erzählte und von einem prächtigen Dienst , den sie bekommen soll , ließ ich mir heimlich von ihr halt den Brief zustecken ... Dann sich umsehend , wie wenn Frau von Gülpen an der Thür lauschen könnte , gab ihr Windhack das Billet . Er entfernte sich , um dem Verdacht zu entgehen , als wenn auch er sich » mit der Person auf Gesprächen betreffen ließe « . Es war die Antwort des Stadtpfarrers . Lucinde erbrach und las : » Meine Hochverehrteste ! Ich bin aufs tiefschmerzlichste berührt von der Ihnen widerfahrenen Behandlung ! Kaum eine Freundschaft gewonnen , wie die Ihrige , und schon die persönliche Nähe preisgeben müssen ! Aber zu erwarten war dieses schnelle Ende ! Ihr Geist , Ihr Feuer , Ihre Bekenntnißtreue und - die Dechanei ! « ... Sie nickte , jetzt ganz übereinstimmend . » Hier an Ort und Stelle ! « fuhr sie zu lesen fort , » wüßt ' ich im Augenblick leider keine Gelegenheit , Sie zu fesseln ! Ohnehin ist vor Ihnen als vor einer Emissärin gewarnt worden ! Auch meines Bleibens ist hier ja wol schwerlich noch allzu lange ! An dem Dom in der Residenz des Kirchenfürsten ist eine Stelle offen , für welche ich gegründete Aussicht habe , daß ich durch den Ihnen bekannt gewordenen Freund und Briefsteller designirt bin ... « Lucinde unterbrach sich mit einem bittern Lächeln , als wollte sie sagen : Du armer Thor ! Diese Stelle ist schon für Bonaventura von Asselyn bestimmt und wird die Staffel werden zu seinem künftigen Bischofssitz ! Und nun schon im Uebermaß ihrer Eifersucht und Liebe zerstreut durch den Gedanken , die alte Renate in St.-Wolfgang packen und aufbrechen und mitreisen , auch durch die Furcht , jetzt wol gar Klingsohrn und Bonaventura zusammentreffen zu sehen - fuhr sie fort : » Eine Anknüpfung ist vielleicht für Sie durch einen Mann möglich , den ich stündlich von der Residenz des Kirchenfürsten erwarte , einen vielvermögenden Herrn Schnuphase . Er hat , wie er hieher geschrieben , den Auftrag , für ein vornehmes , überaus reiches und einflußreiches Haus daselbst eine Gesellschafterin zu suchen , die gewisser Conflicte wegen mit besonderer Vorsicht gewählt werden muß ... « Lucinde las diese Stelle noch einmal ... Der plötzliche Gedanke , in die Nähe Bonaventura ' s und Klingsohr ' s verpflanzt werden zu können , ließ sie vor Aufregung den übrigen Inhalt dann fast nur noch überfliegen ... » Das erste christliche Handelshaus daselbst ist das Piter Kattendyk ' sche , und wenn Sie vielleicht geneigt wären , bei Frau Commerzienräthin Walpurgis Kattendyk - « » Postscriptum . Soeben kommt Herr Schnuphase bei mir vorgefahren ! Der Vorschlag ist gemacht , erwogen , angenommen ! Sie können , wenn Sie wollen , Herrn Schnuphase sofort begleiten und noch heute mit ihm in die Residenz des Kirchenfürsten reisen , wo Sie nach dem , was ich von Ihnen erzählt habe , im Kattendyk ' schen Hause zu einer der glänzendsten Stellungen mit offenen Armen werden aufgenommen werden ! « Lucinde mußte jetzt vor Aufregung , Glückseligkeit und dem triumphirenden Gefühl der Genugthuung und doch wieder auch vor Furcht , alles das - und was mehr , als die Hoffnung , in Bonaventura ' s Nähe weilen zu dürfen ! - könne doch wieder scheitern , den Brief eine Weile aus der Hand legen . Dann aber las sie den Schluß : » Sie können sich aber auch , wenn Sie vielleicht - und zu meiner höchsten Freude - noch einige Tage hier im Riesen wohnen bleiben wollen , einer spätern Gelegenheit bedienen ! Derselbe vortrefflichste Herr Schnuphase kehrt in einigen Tagen wieder zurück , um vielleicht dann die ihm von mir empfohlene bedauernswerthe Waise , Gertrud Ley , abzuholen , die er in einer nicht minder respectabeln Stellung unterzubringen hofft , wie er sagt , bei einer verwitweten Frau Hauptmännin von Buschbeck ... « Das Papier entfiel Lucindens Händen . Wie ? rief sie laut vor sich hin und nahm den Brief wieder auf und las die Worte noch einmal . Es war der wirkliche Name , wirklich war es Treudchen Ley , die diese ihr so wohlbekannte Stellung antreten sollte ... » Das Mädchen « , las sie zitternd weiter , » niedergebeugt von ihrem Verlust , überbringt Ihnen diese Zeilen selbst , zugleich auch , um ihre Freude auszudrücken , mit Ihnen vielleicht gemeinschaftlich die Reise machen zu können . Wäre nicht das Begräbniß ihrer Mutter noch abzuwarten , sie ginge schon heute . « Zur Hauptmännin von Buschbeck ? ... Die noch lebt ? ... In der Residenz des Kirchenfürsten lebt ? ... Die Schwester meiner zweiten Peinigerin ? ... Hat diese wol schon den Namen ihrer Herrschaft von Treudchen Ley vernommen ? ... Ist sie wol gar verbündet mit dieser Schwester , die jetzt von Frommen protegirt wird , sie , der zufolge nicht Gott , sondern Satan die Welt regiert ? ... So schossen ihre Gedanken dahin ... Lucinde konnte sich nicht denken , daß die gemeinte Frau Hauptmännin von Buschbeck die ihrige war . Dennoch überflog sie nur noch kurz die fast zärtlichen Schlußversicherungen der Hochachtung und Ergebenheit , mit denen Beda Hunnius seinen Brief geschlossen hatte , warf ihren Shawl um , setzte den Hut auf und eilte die Stiege hinunter , um , unbemerkt über das , was sie im Hause etwa aufhalten , etwa anstaunen , etwa anreden konnte , hinüber in die Stadt zu eilen , wo sie im Uebermaß ihrer neuen und glücklichsten Hoffnungen in der Pfarrei erwartete , entweder Aufklärungen zu vernehmen oder , wenn ein ihr lieb gewordenes junges Mädchen in Gefahren gerathen sollte , die sie kannte , deren die vorsorglichsten dann selbst zu geben . Ihr Herz war vielleicht nicht mehr gut , aber auch noch nicht böse ... Sie war das , was ein starker Bildner , aus ihr hätte formen können . 12. Benno aber , Hedemann , Thiebold de Jonge ... wo weilen die , die uns hoffentlich ein wenig lieb geworden sind oder die es mit der Zeit vielleicht noch zu werden hoffen ? Ihrer habhaft zu werden ist nicht möglich . Wol aber tauchen sie mit dem , was uns an ihnen vielleicht interessirt , bei einem ersten Blicke auf , den wir noch zuletzt - acht Tage mögen freilich verstrichen sein - auf die vielgerühmte Residenz des Kirchenfürsten selbst werfen wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Da liegt sie denn also vor uns ! ... Eine königliche Stadt ! ... Die gewaltige Jungfrau , die bei festlichen Gelegenheiten , gemalt oder aus Gips und Draperieen geformt , den Genius derselben vorstellt , ziert mit Recht die majestätische Mauerkrone ! ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kein gebietender Herrscherwille schuf dies Chaos von Thürmen , Kirchen , Kapellen , Klöstern , Giebeldächern , Rath- und Kaufhäusern , Waarenhallen , Hafenspeichern , Schiffsmasten , jetzt auch von dampfenden und funkensprühenden Feuerschloten ! Was da im Abendglühen von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne des ersten Septembertags erleuchtet und von der matten Scheibe ihres Stellvertreters an der Wächterzinne des Himmels sanft bläulich schon angedämmert vor uns liegt , schuf sich im Laufe zweier Jahrtausende durch die Umstände selbst ! Hier stieß der Römer seine Lanze in den Boden und baute statt windbewegter Zelte Castelle , wie uralte Cyklopenarbeit ... Hier stampften die Rosse Karl ' s des Großen , wenn sie rasteten vom Marsch aus den Thälern von Roncesvall und entgegenschnaubten den Wittekindsschlachten auf jenseitigem Ufer ... Hier fing sich , Schiffssegel blähend und den Handel der Welt belebend , Nordsturm , vom eisigen Island brausend , Ostwind , der aus der Levante wehte und den Weg an den Ufern Spaniens , Frankreichs und Hollands entlang die Waaren nehmen ließ , die sonst über Venedig kommend nur Augsburg und Frankfurt bereichert hatten ... Hier drängte und trieb und stieß die Zeit die Zeit , die Sitte die Sitte , die Meinung die Meinung ... Was übrig geblieben von Zeit und Sitte und Meinung , das ergänzt die Ordnung und Civilisation der Gegenwart ... ja sie ergänzt sogar die Ruinen und baut das mit künstlichem Glauben aus , was der natürliche unvollendet ließ . Es ist neun Uhr Abends ... Noch einmal schlagen all diese Kirchthurmglocken zusammen , wie wetteifernd mit den Trommeln in den Kasernen , mit dem Signalhorn vor den Wächthäusern ! Es ist die Stunde , wo die Müden zur Ruhe gehen sollten - eine arbeitende , fleißige und gewinnsüchtige Stadt wird früher müde als eine Stadt nur des Luxus und Genusses ... Und doch gibt auch diese sinnlichbewegte und lebenssichere Stadt nicht nach ... noch wogen die Menschent auf und ab ... noch lustwandeln sie auf der die Ufer des großen Stromes verbindenden großen Schiffbrücke , die wie von Fischbein sich biegt unter jedem Roß und Wagen ... noch stehen Liebende in träumerischem Plaudern über die Brüstung gelehnt und sprechen von zukünftigem Glück , das nur zu oft dem Golde gleicht , das eben der Mond auf den Fluten schwimmen läßt ... in den Schenken kämpft die Rebe und der Saft der Gerste um den Sieg ... das christliche Opium , die Cigarre , secundirt beiden Parteien , bis die Kämpfer - vorläufig auf beiden Seiten unterliegen ... Hat sich denn , du alte Römerstadt , endlich im Zechen und Reden und Singen dein deutsches Gemüth genug gethan ? Hat es sich endlich ausdebattirt und auspolitisirt ? Sattgetrunken an ungegorenem Zeitungsmost und zu Essig gewordenen oder schon mit Schimmel bestandenen alten Gemeinplätzen ? Hat ausgeklingelt und ausgeklüngelt die Schellenkappe ? Verdampfen die lebendigen Rauchmaschinen in den Straßen und erklingen endlich nur noch die letzten guten oder schlechten Geckenwitze ? Eine Gute Nacht ! hüben und drüben ... Alles endlich still , falls nicht noch irgendwo ein Mitglied der mehreren hochberühmten Gesangvereine der Stadt ein Tenorsolo probirt bei offenem Fenster ... die musikliebende Stadt ist stolz auf ihre Leistungen im Quartett ; niemand , außer vielleicht einer Katze , wird den Sänger parodiren . Halten wir aber am sogenannten Heiligenpütz still , überschreiten links den Aschenkötter , lassen rechts den Treckkamp liegen und bleiben wir endlich vor einem mit zwei hellen Gaslaternen geschmückten , jüngst erst mit graugrüner Oelfarbe bestrichenen stattlichen Gebäude ... Das untere Stockwerk ist mit Eisengittern geschützt . Steinerne Kegel , die mit Ketten verbunden sind , halten das profanum vulgus , das ohne Wechsel oder Anweisung nur etwa aus purer Neugier in die Comptoire blicken könnte , zurück ... Irgendein Schild , irgendeine Firma ist nicht ersichtlich ... Wer hier die blitzende Messingklingel zieht , weiß , daß in diesem mächtigen Hause mit seinen weit hinaus sich erstreckenden Hintergebäuden , die alle auf den Heiligenpütz , den Aschenkötter und den Treckkamp noch ihre eigenen Thorwege hinaus haben , das erste » christliche « Geschäft der Stadt , die Firma » Kattendyk und Söhne « waltet . Oeffnet man uns dann , so steckt ein Portier den Kopf aus einem Kellerfenster des Thorwegs ... Man kennt uns ? Passirt ! Wir finden uns zurecht ... Ein Glasverschlag trennt das Treppenhaus von der Region der untern Stockwerke ; unten waltet nur das Geschäft ... Man läßt die mit Blech belegten Eichenthüren und mit Eisenstangen verschlossenen untern Comptoire liegen und steigt erst drei kleine Stufen höher ... Hier wieder eine Klingel . Die Glasthür öffnet sich . Jetzt erst schreitet man auf Teppichen in den ersten Stock hinauf ... Gewiß ist es ein behagliches Gefühl , sich Abends gegen zehn Uhr in einem Haufen todter Steine , während ringsum alles schon zu schlummern scheint , einen kleinen stillen Winkel denken zu können , wo im Winter und selbst in den ersten Herbsttagen schon die Flamme des Kamins noch nicht erloschen ist , ein gelblicher Schein von der durch einen bunten Schirm gedämpften Glaskugel der Lampe die Teppiche auf dem Fußboden und auf dem Tische erhellt , einen Winkel , wo noch ein kleiner Kreis von Menschen sich um ein Piano versammelt hat oder um ein Buch , das vorgelesen wird , oder um einen geistvollen Redner oder eine gemüthvolle Frau , die jeden heiter anzuregen versteht . Einem Einzigen , Unverbesserlichen vielleicht ist gegen zehn Uhr von der Hausfrau noch gestattet worden , dicht am Kaminrande mit Discretion eine Cigarre zu rauchen ; zwei junge Damen schneiden eine Zeichnung aus ; einige junge Herren sind über eine neue Oper in Streit gerathen ; gelöst wird der Kampf von einem nicht fehlenden , den Abend beschließenden kleinen Stegreif-Souper . Geht man dann gegen elf Uhr von dannen , so trägt jedes mit sich hinaus das Gefühl , das uns zuweilen wol noch erstens in eine geöffnete Restauration ziehen kann , um auf magenverderbende Majonaisen ein gutes Beefsteak und ein Seidel Bier zu setzen , aber auch zweitens jenes Gefühl , daß wir denn doch im Grunde ein Dasein leben , unabhängig von Holz und Stein und Stundenschlag und Nachtwächterhorn , und daß wir mit schönen Seelen noch schön empfinden können und unsere Leidenschaften zügeln oder anständig verbergen und aufgehen können in einer schönen harmonischen Weltordnung , aus der wir uns nur langsam zurückfinden in diese » schnöde Welt « - vielleicht erst durch die Mahnung eines vergessenen Hausschlüssels . Bis elf Uhr mag diese behagliche Erinnerung im allgemeinen auch auf eine Gesellschaft gepaßt haben , an der wir diesmal im ersten Stock des Kattendykschen Hauses vorübergehen . Um diese Zeit saßen bei Frau Commerzienräthin Walpurgis Kattendyk gewiß noch ihre Töchter , die verheiratheten und die unverheiratheten , zusammen , ihre Schwiegersöhne , der berühmte Procurator Dominicus Nück , Benno ' s Principal , der » Vordenker « und Agitator der Lande hüben und drüben , soweit zu Gott in lateinischer Zunge gebetet wird , vielleicht auch noch ein anderer Procurator , der Procuraführer des Hauses , Ernst Delring , der zweite Schwiegersohn ; vielleicht auch der Beichtvater der Commerzienräthin , Domherr Martinus Taube ; auch ihr Rathgeber in leiblichen Angelegenheiten , Medicinalrath Goldfinger ; vielleicht sogar , da die nahe gelegene , bedenklich bedrohte Universität Ferien hat , dessen Sohn , der Professor extraordinarius Guido Goldfinger , der um die jüngste Tochter des Hauses freit ; auf alle Fälle fehlt der dritte und sogar lustige Rathgeber des Hauses , Ignaz Pötzl nicht , ein ehemaliger Schauspieler und Sänger , der das Gnadenbrot im Hause mit Anekdoten und stillertragenem Gehänseltwerden lohnt ... und was sich sonst an Parasiten und Hausfreunden und allerlei menschlichen Schooshündchen um eine reiche , anregungsbedürftige Kaufmannsfrau , die unter der Last , sich und andern wohlzuthun , oft zusammenbricht , täglich zu versammeln pflegte ... auch eine neue Mehrung der Gesellschaft fehlte ohne Zweifel nicht - - - Lucinde Schwarz . Belauschen wir heute keinen der hier ausgestoßenen Seufzer über die Zeit , die neuen pariser Moden und die Leiden der Kirche , keine Klagen über den Aufschwung der jüdischen Häuser , keine Vermuthungen über die Besetzung des erledigten Domvicariats , keine Bewunderung vor einem neuen Zeitungsartikel oder einer neuen Selbstdemüthigung des Pater Sebastus , auch keine stille Vergleichung der glänzenden