gehe zwischen den Feldern und den wallenden Saaten , ich steige auf die sanften Hügel empor , ich wandere an den blätterreichen Bäumen vorüber , und gehe so fort , bis mich eine fremde Gegend ansieht , der Himmel über derselben gleichsam ein anderer ist und andere Wolken hegt . Im Gehen sinne und denke ich dann . Der Himmel , die Wolken darin , das Getreide , die Bäume , die Gesträuche , das Gras , die Blumen stören mich nicht . Wenn ich recht ermüdet bin und auf einem Bänklein wie hier oder auf einem Sessel in unserem Garten oder selbst auf einem Sitze in unserem Zimmer ausruhen kann , so denke ich , ich werde nun nicht wieder so weit gehen . - - Und wo seid denn Ihr gewesen ? « fragte sie , nachdem sie sich unterbrochen und ein Weilchen geschwiegen hatte . » Ich bin nach dem Essen von dem Erlenbache zu dem Teiche hinauf gegangen , « antwortete ich , » dann durch das Gehölze auf den Balkhügel empor , von dem man die Gegend von Landegg sieht und den Turm seiner Pfarrkirche erblicken kann . Von dem Balkhügel bin ich dann noch auf den Höhen fortgegangen , bis ich zu den Rohrhäusern gekommen bin . Da ich dort schon zwei starke Wegstunden von dem Asperhofe entfernt war , schlug ich den Rückweg ein . Ich hatte im Hingehen viele Zeit verbraucht , weil ich häufig stehen geblieben war und verschiedene Dinge angesehen hatte , deshalb wählte ich nun einen kürzeren Rückgang . Ich ging auf Feldpfaden und mannigfaltigen Kirchenwegen durch die Felder , bis ich zwischen Dernhof und Ambach wieder zu dem Seewalde und zu dem Erlenbache herabkam . Von dort aus waren mir Raine bekannt , die am kürzesten auf die Felderrast herüber führten . Obwohl auf ihnen kein Weg führt , ging ich doch auf ihrem Grase fort , und kam so gegen Euch herzu . « » Da müßt Ihr ja recht müde sein « , sagte sie , und machte eine Bewegung auf dem Bänklein , um mir Platz neben sich zu verschaffen . Ich wußte nicht recht , wie ich tun sollte , setzte mich aber doch an ihrer Seite nieder . » Habt Ihr etwa ein Buch mit Euch genommen , um auf dieser Bank zu lesen , « fragte ich , » oder habt Ihr nicht Blumen gepflückt ? « » Ich habe kein Buch mitgenommen , und habe keine Blumen gepflückt , « antwortete sie , » ich kann nicht lesen , wenn ich gehe , und kann auch nicht lesen , wenn ich im freien Felde auf einer Bank oder auf einem Steine sitze . « Wirklich sah ich auch gar nichts neben ihr , sie hatte kein Körbchen oder sonst irgend etwas , das Frauen gerne mit sich zu tragen pflegen , um Gegenstände hinein legen zu können ; sie saß müßig auf dem Bänklein , und ihr Strohhut , den sie von dem Haupte genommen hatte , lag neben ihr in dem Grase . » Die Blumen pflücke ich , « fuhr sie nach einem Weilchen fort , » wenn sie bei Gelegenheit an dem Wege stehen . Hier herum ist meistens der Mohn , der aber wenig zu Sträußen paßt , weil er gerne die Blätter fallen läßt , dann sind die Kornblumen , die Wegnelken , die Glocken und andere . Oft pflücke ich auch keine Blumen , wenn sie noch so reichlich vor mir stehen . « Mir war es seltsam , daß ich mit Natalien allein unter der Esche der Felderrast sitze . Ihre Fußspitzen ragten in den Staub der vor uns befindlichen offenen Stelle hinaus , und der Saum ihrer Kleider berührte denselben Staub . In der Krone der Esche rührte sich kein Blättchen ; denn die Luft war still . Weit vor uns hinabgehend und weit zu unserer Rechten und Linken hin so wie rückwärts war das grüne , der Reife entgegen harrende Getreide . Aus dem Saume desselben , der uns am nächsten war , sahen uns der rote Mohn und die blauen Kornblumen an . Die Sonne ging dem Untergange zu , und der Himmel glänzte an der Stelle , gegen die sie ging , fast weißglühend über die Saatfelder herüber , keine Wolke war , und das Hochgebirge stand rein und scharf geschnitten an dem südlichen Himmel . » Und habt Ihr bei dem roten Kreuze auch ein wenig geruht ? « fragte ich nach einer Weile . » Bei dem roten Kreuze habe ich nicht geruht , « antwortete sie , » man kann dort nicht ruhen , es steht fast unter lauter Halmen des Getreides , ich lehnte mich mit einem Arme an seinen Stamm und sah auf die Gegend hinaus , auf die Felder , auf die Obstbäume und auf die Häuser der Menschen , dann wendete ich mich wieder um und schlug den Rückweg zu diesem Bänklein ein . « » Wenn heiterer Himmel ist und die Sonne scheint , dann ist es in der Weite schön « , sagte ich . » Es ist wohl schön , « erwiderte sie , » die Berge gehen wie eine Kette mit silbernen Spitzen dahin , die Wälder sind ausgebreitet , die Felder tragen den Segen für die Menschen , und unter all den Dingen liegt das Haus , in welchem die Mutter und der Bruder und der väterliche Freund sind ; aber ich gehe auch an bewölkten Tagen auf den Hügel , oder an solchen , an denen man nichts deutlich sehen kann . Als Bestes bringt der Gang , daß man allein ist , ganz allein , sich selber hingegeben . Tut Ihr bei Euren Wanderungen nicht auch so , und wie erscheint denn Euch die Welt , die Ihr zu erforschen trachtet ? « » Es war zu verschiedenen Zeiten verschieden « , antwortete ich ; » einmal war die Welt so klar als schön , ich suchte manches zu erkennen , zeichnete manches , und schrieb mir manches auf . Dann wurden alle Dinge schwieriger , die wissenschaftlichen Aufgaben waren nicht so leicht zu lösen , sie verwickelten sich und wiesen immer wieder auf neue Fragen hin . Dann kam eine andre Zeit ; es war mir , als sei die Wissenschaft nicht mehr das Letzte , es liege nichts daran , ob man ein Einzelnes wisse oder nicht , die Welt erglänzte wie von einer innern Schönheit , die man auf ein Mal fassen soll , nicht zerstückt , ich bewunderte sie , ich liebte sie , ich suchte sie an mich zu ziehen , und sehnte mich nach etwas Unbekanntem und Großem , das da sein müsse . « Sie sagte nach diesen Worten eine Zeit hindurch nichts ; dann aber fragte sie : » Und Ihr werdet in diesem Sommer noch einmal in Euren Aufenthaltsort zurückkehren , den Ihr Euch jetzt zu Eurer Arbeit auserkoren habt ? « » Ich werde in denselben zurück kehren « , antwortete ich . » Und den Winter bringt Ihr bei Euren lieben Angehörigen zu ? « fragte sie weiter . » Ich werde ihn wie alle bisherigen in dem Hause meiner Eltern verleben « , sagte ich . » Und seid Ihr in dem Winter im Sternenhofe ? « fragte ich nach einiger Zeit . » Wir haben ihn früher zuweilen in der Stadt zugebracht , « antwortete sie , » jetzt sind wir schon einige Male in dem Sternenhofe geblieben , und zwei Mal haben wir eine Reise gemacht . « » Habt Ihr außer Klotilden keine andere Schwester ? « fragte sie , nachdem wir wieder ein Weilchen geschwiegen hatten . » Ich habe keine andere , « erwiderte ich , » wir sind nur zwei Kinder , und das Glück , einen Bruder zu besitzen , habe ich gar nie kennen gelernt . « » Und mir ist wieder das Glück , eine Schwester zu haben , nie zu Teil geworden « , antwortete sie . Die Sonne war schon untergegangen , die Dämmerung trat ein , und wir waren immer sitzen geblieben . Endlich stand sie auf und langte nach ihrem Hute , der in dem Grase lag . Ich hob denselben auf und reichte ihn ihr dar . Sie setzte ihn auf und schickte sich zum Fortgehen an . Ich bot ihr meinen Arm . Sie legte ihren Arm in den meinigen , aber so leicht , daß ich ihn kaum empfand . Wir schlugen nicht den Weg auf den Anhöhen hin zu dem Gartenpförtchen ein , das in der Nähe des Kirschbaumes ist , sondern wir gingen auf dem Pfade , der von der Felderrast zwischen dem Getreide abwärts läuft , gegen den Meierhof hinab . Wir sprachen nun gar nicht mehr . Ihr Kleid fühlte ich sich neben mir regen , ihren Tritt fühlte ich im Gehen . Ein Wässerlein , das unter Tags nicht zu vernehmen war , hörte man rauschen , und der Abendhimmel , der immer goldener wurde , flammte über uns und über den Hügeln der Getreide und um manchen Baum , der beinahe schwarz da stand . Wir gingen bis zu dem Meierhofe . Von demselben gingen wir über die Wiese , die zu dem Hause meines Gastfreundes führt , und schlugen den Pfad zu dem Gartenpförtchen ein , das in jener Richtung in der Gegend der Bienenhütte angebracht ist . Wir gingen durch das Pförtchen in den Garten , gingen an der Bienenhütte hin , gingen zwischen Blumen , die da standen , zwischen Gesträuch , das den Weg säumte , und endlich unter Bäumen dahin , und kamen in das Haus . Wir gingen in den Speisesaal , in welchem die andern schon versammelt waren . Natalie zog hier ihren Arm aus dem meinigen . Man fragte uns nicht , woher wir gekommen wären , und wie wir uns getroffen hätten . Man ging bald zu dem Abendessen , da die Zeit desselben schon heran gekommen war . Während des Essens sprachen Natalie und ich fast nichts . Als wir uns im Speisesaale getrennt hatten , und als jedes in sein Zimmer gegangen war , löschte ich die Lichter in dem meinigen sogleich aus , setzte mich in einen der gepolsterten Lehnstühle , und sah auf die Lichttafeln , welche der inzwischen heraufgekommene Mond auf die Fußböden meiner Zimmer legte . Ich ging sehr spät schlafen , las aber nicht mehr , wie ich es sonst in jeder Nacht gewohnt war , sondern blieb auf meinem Lager liegen , und konnte sehr lange den Schlummer nicht finden . In den Tagen , die auf jenen Abend folgten , schien es mir , als weiche mir Natalie aus . Die Zithern hörte ich wieder in ein paar Nächten , sie wurden sehr gut gespielt , was ich jetzt mehr empfinden und beurteilen konnte als früher . Ich sprach aber nichts darüber , und noch weniger sagte ich etwas davon , daß ich selber in diesem Spiele nicht mehr so unerfahren sei . Meine Zither hatte ich nie in das Rosenhaus mitgenommen . Endlich nahte die Zeit , in welcher man in den Sternenhof gehen sollte . Mathilde und Natalie reisten in Begleitung ihrer Dienerin früher dahin , um Vorkehrungen zu treffen und die Gäste zu empfangen . Wir sollten später folgen . In der Zeit zwischen der Abreise Mathildens und der unsrigen tat mein Gastfreund eine Bitte an mich . Sie bestand darin , daß ich ihm in dem kommenden Winter eine genaue Zeichnung von den Vertäflungen anfertigen möchte , welche ich meinem Vater aus dem Lautertale gebracht hatte , und welche von ihm in die Pfeiler des Glashäuschens eingesetzt worden waren . Die Zeichnung möchte ich ihm dann im nächsten Sommer mitbringen . Ich fühlte mich sehr vergnügt darüber , daß ich dem Manne , zu welchem mich eine solche Neigung zog , und dem ich so viel verdankte , einen Dienst erweisen konnte , und versprach , daß ich die Zeichnung so genau und so gut machen werde , als es meine Kräfte gestatten . An einem der folgenden Tage fahren mein Gastfreund , Eustach , Roland , Gustav und ich in den Sternenhof ab . 4. Das Fest Ein Fest in dem Sinne , wie man das Wort gewöhnlich nimmt , war es nicht , was in dem Sternenhofe vorkommen sollte , sondern es waren mehrere Menschen zu einem gemeinschaftlichen Besuche eingeladen worden , und diese Einladungen hatte man auch nicht eigens und feierlich , sondern nur gelegentlich gemacht . Übrigens stand es in Hinsicht des Sternenhofes so wie des Asperhofes jedem Freunde und jedem Bekannten frei , zu was immer für einer Zeit einen Besuch zu machen und eine Weile zu bleiben . Als wir am zweiten Tage nach unserer Abreise von dem Asperhofe - wir hatten einen kleinen Umweg gemacht in dem Sternenhofe eintrafen , waren schon mehrere Menschen versammelt . Fremde Diener , zuweilen seltsam gekleidet , gingen , wie sich das allemal findet , wenn mehrere Familien zusammen kommen , in der Nähe des Schlosses herum oder auf dem Wege zwischen dem Meierhofe und dem Schlosse hin und her . Man hatte einen Teil der Wägen und Pferde in dem Meierhofe untergebracht . Wir fuhren bei dem Tore hinein , und unser Wagen hielt im Hofe . Ich hatte schon , da wir den Hügel hinan fahren und uns dem Schlosse näherten , einen Blick auf dessen vorderste Mauer geworfen , an der jetzt die bloßen Steine ohne Tünche sichtbar waren , und hatte mein Urteil schnell gefaßt . Mir gefiel die neue Gestalt um außerordentliches besser als die frühere , an welche ich jetzt kaum zurück denken mochte . Meine Begleiter äußerten sich während des Hinzufahrens nicht , ich sagte natürlich auch nichts . Im Hofe näherten sich Diener , welche unser Gepäcke in Empfang nehmen und Wagen und Pferde unterbringen sollten . Der Hausverwalter führte uns die große Treppe hinan und geleitete uns in das Gesellschaftszimmer . Dasselbe war eines von jenen Zimmern , die in einer Reihe fortlaufen und mit den neuen , im Asperhofe verfertigten Geräten versehen sind . Die Türen aller dieser Zimmer standen offen . Mathilde saß an einem Tische und eine ältliche Frau neben ihr . Mehrere andere Frauen und Mädchen so wie ältere und jüngere Männer saßen an verschiedenen Stellen umher . Auf dem unscheinbarsten Platze saß Natalie . Mathilde so wie Natalie waren gekleidet , wie die Frauen und Mädchen von den besseren Ständen gekleidet zu sein pflegten ; aber ich konnte doch nicht umhin , zu bemerken , daß ihre Kleider weit einfacher gemacht und verziert waren als die der anderen Frauen , daß sie aber viel besser zusammen stimmten und ein edleres Gepräge trugen , als man dies sonst findet . Mir war , als sähe ich den Geist meines Gastfreundes daraus hervorblicken , und wenn ich an höhere Kreise unserer Stadt , zu denen ich Zutritt hatte , dachte , so schien es mir auch , daß gerade dieser Anzug derjenige vornehme sei , nach welchem die andern strebten . Mathilde stand auf und verbeugte sich freundlich gegen uns . Das taten die andern auch , und wir taten es gegen Mathilde und gegen die andern . Hierauf setzte man sich wieder , und der Hausverwalter und zwei Diener sorgten , daß wir Sitze bekamen . Ich setzte mich an eine Stelle , welche sehr wenig auffällig war . Die Sitte des gegenseitigen Vorstellens der Personen , wie sie fast überall vorkömmt , scheint in dem Rosenhause und in dem Sternenhofe nicht strenge gebräuchlich zu sein ; denn ich wußte schon mehrere Fälle , in denen es unterblieben war ; besonders wenn sich mehrere Menschen zusammen gefunden hatten . Bei der gegenwärtigen Gelegenheit unterblieb es auch . Man überließ es eher den Bemühungen des Einzelnen , sich die Kenntnis über eine Person zu verschaffen , an der ihm gelegen war , oder man überließ es eher dem Zufalle , mit einander bekannt zu werden , als daß man bei jedem neuen Ankömmlinge das Verzeichnis der Anwesenden gegen ihn wiederholt hätte . Zudem schienen sich hier die meisten Personen zu kennen . Mich wollte man wahrscheinlich aus dem Spiele lassen , weil ich nie , wenn fremde Menschen in den Asperhof gekommen waren , gefragt hatte , wer sie seien . Gustav benahm sich hier auch beinahe wie ein Fremder . Nachdem er sich gegen seine Mutter sehr artig verbeugt , in die allgemeine Verbeugung gegen die andern eingestimmt und Natalien zugelächelt hatte , setzte er sich bescheiden auf einen abgelegenen Platz und hörte aufmerksam zu . Mein Gastfreund und Eustach so wie auch Roland waren in den gebräuchlichen Besuchkleidern , ich ebenfalls . Mir kamen diese Männer in ihren schwarzen Kleidern fremder und fast geringer vor als in ihrem gewöhnlichen Hausanzuge . Mein Gastfreund war bald mit verschiedenen Anwesenden im Gespräche . Allgemein wurde von allgemeinen und gewöhnlichen Dingen geredet , und das Gespräch ging bald zwischen einzelnen , bald zwischen mehreren Personen hin und wider . Ich sprach wenig , und fast ausschließlich nur , wenn ich angeredet und gefragt wurde . Ich sah auf die Versammlung vor mir oder auf manchen Einzelnen oder auf Natalien . Roland rückte einmal seinen Stuhl zu mir und knüpfte ein Gespräch über Dinge an , die uns beiden nahe lagen . Wahrscheinlich tat er es , weil er sich eben so vereinsamt unter den Menschen empfand wie ich . Nachdem man den Nachmittagstee , bei dem man eigentlich versammelt war , verzehrt und sich schon zum größten Teile erhoben hatte und in Gruppen zusammen getreten war , wurde der Vorschlag gemacht , sich in den Garten zu begeben und dort einen Spaziergang zu machen . Der Vorschlag fand Beifall . Mathilde erhob sich , und mit ihr die älteren Frauen . Die jüngeren waren ohnehin schon gestanden . Ein schöner alter Herr , wahrscheinlich der Gatte der ältlichen Frau , welche neben Mathilden gesessen war , bot der Hausfrau den Arm , um sie über die Treppe hinab zu geleiten , dasselbe tat mein Gastfreund mit der ältlichen Frau . Einige Paare entstanden noch auf diese Weise , das andere ging gemischt . Ich blieb stehen und ließ die Leute an mir vorüber gehen , um mich nicht vorzudrängen . Natalie ging mit einem schönen Mädchen an mir vorüber , und sprach mit demselben , als sie an mir vorbei ging . Ich war mit Roland und Gustav der letzte , welcher über die Treppe hinab ging . Im Garten war es so , wie es bei einer größeren Anzahl von Gästen in ähnlichen Fällen immer zu sein pflegt . Man bewegte sich langsam vorwärts , man blieb bald hier , bald da stehen , betrachtete dieses oder jenes , besprach sich , ging wieder weiter , löste sich in Teile , und vereinigte sich wieder . Ich achtete auf alles , was gesprochen wurde , gar nicht . Natalie sah ich mit demselben Mädchen gehen , mit dem sie an mir in dem Gesellschaftszimmer vorüber gegangen war , dann gesellten sich noch ein paar hinzu . Ich sah sie mit ihrem lichtbraunen Seidenkleide zwischen andern hervorschimmern , dann sah ich sie wieder nicht , dann sah ich sie abermals wieder . Gebüsche deckten sie dann ganz . Die jungen Männer , welche ich in der Gesellschaft getroffen hatte , gingen bald mit dem älteren Teile , bald mit dem jüngeren . Roland und Gustav gesellten sich zu mir , und wenn Gustav fragte , wie es dort aussehe , wo ich jetzt gearbeitet habe , ob hohe Berge sind , weite Täler , und ob es so freundlich ist wie am Lautersee , und ob ich noch weiter vordringen wolle , und in welche Berge ich dann komme : so sprach Roland wieder von den Anwesenden und nannte mir manchen und erzählte mir von ihren Verhältnissen . Durch seine Reisen in dem Lande , durch seinen Aufenthalt in Kirchen , Kapellen , verfallenen Schlössern und an allen bedeutenderen Orten erfuhr er mehr , als irgend ein anderer erfahren konnte , und durch sein lebhaftes Wesen und sein gutes Gedächtnis wurde er zur Erforschung angeleitet , und war im Stande , das Erforschte zu bewahren . Die ältliche Frau , welche wir bei unserem Eintritte in das Gesellschaftszimmer neben Mathilden sitzen gesehen hatten , war die Besitzerin eines großen Anwesens , etwa eine halbe Tagereise von dem Sternenhofe entfernt . Ihr Name war Tillburg , wie auch ihr Schloß hieß . Sie hatte sich mit allen Annehmlichkeiten und mit allem , was prächtig war , umringt . Ihre Gewächshäuser waren die schönsten im Lande , ihr Garten enthielt alles , was in der Zeit als vorzüglich auftauchte , und wurde von zwei Gärtnern und einem Obergärtner nebst vielen Gehilfen besorgt , ihre Zimmer wiesen Geräte und Stoffe von allen Hauptstädten der Welt auf , und ihre Wägen waren das Bequemste und Zierlichste , was man in dieser Art hatte . Gemälde , Bücher , Zeitschriften , kleine Spielereien waren in ihren Wohnzimmern zerstreut . Sie machte Besuche in der Umgegend , und empfing auch solche gerne Im Winter ist sie selten in ihrem Schlosse und immer nur auf kurze Zeit , sie macht gerne Reisen und hält sich besonders oft in südlichen Gegenden auf , von denen sie Merkwürdigkeiten zurückbringt . Sie war die einzige Tochter und Erbin ihrer Eltern , ein Bruder , den sie hatte war in der zartesten Jugend gestorben . Der Mann mit dem freundlichen Angesichte , welcher Mathilden aus dem Saale geführt hatte , war ihr Gatte . Er war ebenfalls das einzige Kind reicher Eltern , die Verbindung hatte sich ergeben , und so waren zwei große Vermögen in eins zusammen gekommen . Er teilte nicht gerade die Liebhabereien seiner Gattin , war ihnen aber auch nicht entgegen . Er hatte keine Leidenschaften , war einfach , machte seiner Gattin , die er sehr liebte , gerne eine Freude , und fand in den Reisen derselben , auf denen er sie begleitete , halb sein eigenes Vergnügen , halb eines , weil er das ihrige teilte . Er verwaltete aber von jeher die Besitzungen sehr einsichtig . Die Tillburg stammt von ihm . Einer von den jungen Männern , die im Gesellschaftszimmer waren , der schlanke Mann mit den lebhaften dunkeln Augen ist der Sohn , und zwar das einzige Kind dieser Eheleute , er ist gut erzogen worden , und man kann nicht wissen , ob von Tillburg her nicht zartere Beziehungen zu dem Sternenhofe gewünscht werden . Gustav machte bei diesen Worten eine leichte Seitenbewegung gegen Roland , sah ihn an , sagte aber nichts . Ich erinnerte mich der Tillburg , die ich sehr gut kannte , aber nie betreten hatte . Ich war öfter in ihrer Nähe vorüber gekommen , und hatte die vier runden Türme an ihren vier Ecken , denen man in der neueren Zeit eine lichte Farbe gegeben hatte , eine Tünche , wie man sie gerade jetzt von dem Sternenhofe wieder weg haben will , nicht angenehm empfunden , wie sie sich so scharf von dem Grün der nahen Bäume und dem Blau der fernen Berge und des Himmels abhoben , welchen letzteren sie beinahe finster machten . » Der kleinere Mann mit den weißen Haaren , der in der Nähe des mittleren Fensters gesessen und öfter aufgestanden war , « fuhr Roland fort , » ist der Besitzer von Haßberg . Sein Vater hatte die Besitzung erst gekauft und sie ursprünglich für einen jüngeren Sohn bestimmt , da der ältere das Stammgut Weißbach erben sollte ; allein der jüngere Sohn und der Vater starben , und so hatte der ältere Weißbach und Haßberg . Er übergab nach einiger Zeit seinem Sohne das Stammgut und zog sich nach Haßberg zurück . Er ist einer jener Männer , die immer erfinden und bauen müssen . In Weißbach hat er schon mehrere Bauten aufgeführt . In Haßberg richtete er eine Musterwirtschaft ein , er verbesserte die Felder und Wiesen und friedigte sie mit schönen Hecken ein , er errichtete einen auserlesenen Viehstand , und führte in geschützten Lagen den Hopfenbau ein , der sich unter seine Nachbarn verbreitete und eine Quelle des Wohlstandes eröffnete . Er dämmte dem Ritflusse Wiesen ab , er mauerte die Ufer des Mühlbaches heraus , er baute eine Flachsröstanstalt , baute neue Ställe , Scheuern , Trockenhäuser , Brücken , Stege , Gartenhäuser , und ändert im Innern des Schlosses beständig um . Er ist im Laufe des ganzen Tages mit Nachschauen und Anordnen beschäftigt , zeichnet und entwirft in der Nacht , und wenn irgendwo im Lande über Führung einer Straße oder Anlegung eines Bewirtschaftungsplanes oder Errichtung eines Gebäudes Rat gepflogen wird , so wird er gerufen , und er macht bereitwillig die Reisen auf seine eigenen Kosten . Selbst bei der Regierung des Landes ist sein Wort nicht ohne Bedeutung . Die Frau mit dem aschgrauen Kleide ist seine Gattin , und die zwei Mädchen , welche vor kurzem mit Natalie gegen die Eichen zugingen , sind seine Töchter . Frau und Töchter reden ihm zu , er solle sich mehr Ruhe gönnen , da er schon alt wird , er sagt immer : Das ist das Letzte , was ich baue ; allein ich glaube , den letzten Plan zu einem Baue wird er auf seinem Totenbette machen . Unser Freund hält in diesen Dingen große Stücke auf ihn . « Da wir um die Ecke eines Gebüsches bogen und gegen die Eichen , welche an der Eppichwand stehen , zugingen , sahen wir wieder eine Menschengruppe vor uns . Roland , der einmal im Zuge war , sagte : » Der Mann in dem feinen schwarzen Anzuge , vor dem seine Gattin in dem nelkenbraunen Seidenkleide geht , ist der Freiherr von Wachten , dessen Sohn hier ebenfalls zugegen ist , ein Mann von mittelgroßer Gestalt , der im Gesellschaftszimmer so lange am Eckfenster gestanden war , ein junger Mann von vielen angenehmen Eigenschaften , der aber zu oft in den Sternenhof kömmt , als daß es sich durch bloßen Zufall erklären ließe . Der Freiherr verwaltet seine Besitzungen gut , er hat keine besondere Vorliebe , hält alles und jedes in der ihm zugehörigen Ordnung , und wird immer reicher . Da er nur den einzigen Sohn und keine Tochter hat , so wird die künftige Gattin seines Sohnes eine sehr ansehnliche und sehr reiche Frau . Die Familie lebt im Winter häufig in der Stadt . Die Güter liegen etwas zerstreut . Thondorf mit den schönen Wiesen und dem großen Waldgarten müßt Ihr ja kennen . « » Ich kenne es « , antwortete ich . » Auf dem Randek hat er ein zerfallendes Schloß , « fuhr Roland fort , » in welchem wunderschöne Türen sind , die aus dem sechzehnten Jahrhunderte stammen dürften . Der Verwalter rät ihm , die Türen nicht herzugeben , und so zerfallen sie nach und nach . Sie sind in unsern Zeichnungsbüchern enthalten , und würden Gemächer , im Stile jener Zeit gebaut und eingerichtet , sehr zieren . Sogar zu Tischen oder anderen Dingen , falls man sie als Türen nicht verwenden könnte , würden sie sehr brauchbar sein . Ich habe auch in der sehr zerfallenen Kapelle von Randek außerordentlich schöne Tragsteine gezeichnet . Meistens wohnt der Freiherr im Sommer in Wahlstein schon ziemlich tief in den Bergen , wo die Elm hervorströmt . « » Ich kenne den Sitz , « antwortete ich , » und kenne auch die Familie im allgemeinen . « » Der Mann mit den schneeweißen Haaren « , sprach Roland weiter , » heißt Sandung , er veredelt die Schafzucht , und der eine von den zwei neben ihm gehenden Männern ist der Besitzer des sogenannten Berghofes , ein allgemein geachteter Mann , und der andere ist der Oberamtmann von Landegg . Es fehlen noch die vom Inghof , dann sind mehrere Vertreter der hier herum wohnenden Leute vorhanden . Ich teile sie , wenn ich in meiner Liebhaberei im Lande herum reise , nach ihren Liebhabereien in Gruppen ein , und man könnte eine Landmappe so nach diesen Liebhabereien mit Farben zeichnen , wie Ihr die Gebirge mit Farben zeichnet , um das Vorkommen der verschiedenen Gesteine anzuzeigen . « Da wir wieder eine Wendung machten , ganz nahe an der rechten Seite der Eppichwand , ging Mathilde mit der Frau von Tillburg auf einem Nebenwege gegen uns hervor . Sie blieb vor uns stehen und sagte zu mir : » Ihr habt meiner Brunnennymphe nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt , als Ihr solltet ; Ihr zieht die Gestalt auf der Treppe unsers Freundes zu sehr vor . Sie verdient es wohl ; allein Ihr müßt doch die hiesige auch ein wenig genauer ansehen und sie mir ein wenig schön heißen . « » Ich habe sie schön geheißen , « erwiderte ich , » und wenn meine ganz unbedeutende Meinung etwas gilt , so soll ihr die Anerkennung gewiß nicht entgehen . « » Wir besuchen nun ohnehin alle die Grotte « , entgegnete sie . Nach diesen Worten ging sie mit ihrer Begleiterin auf dem Hauptwege gegen die Eppichwand vor , wir folgten . Die anderen kamen in verschiedenen Richtungen herzu , und man ging zu der Marmorgestalt in der Brunnenhalle . Einige gingen hinein , andere blieben mehr am Eingange stehen , und man redete über die Gestalt . Diese ruhte indessen in ihrer Lage , und die Quelle rann sanft und stettig fort . Es waren nur allgemeine Dinge , welche über das Bildwerk gesprochen wurden . Mir kam es fremd vor , die geputzten Menschen in den verschiedenfarbigen Kleidern vor dem reinen , weißen , weichen Marmor stehen zu sehen . Roland und ich sprachen nichts . Man entfernte sich wieder von