er seine Schiffe hinter sich , damit seinen Leuten das Heimweh verging . « » Ja , auf diese Weise bringen wir ihn am besten aus der Gegend fort , dann wird er lustiger anbeißen . « » Um den Preis will ich mich zu einer Ausnahme von meiner Regel verstehen « , sagte die Alte . » Hier herum werfen die Märkte ohnehin nicht so viel ab , daß ich Lust hätte , bald wiederzukommen und Sohn und Tochter zu riskieren , für die hier keine gesunde Luft ist . « Während sie so miteinander redeten , führte der Gegenstand ihrer Gespräche Christinen nach dem Hofe , wo er ihr einen Aufenthalt verschafft hatte . Er wußte sie unterwegs notdürftig über die Gesellschaft , in der sie ihn getroffen , zu beruhigen , was ihm diesmal leichter gelang , wie die Aussicht , endlich sein rechtmäßiges Weib zu werden , in ihr alles andere überwog . Auch ihm gab dieser Gedanke neue Schwungkraft : er konnte endlich sein Wort halten , seinen Willen durchsetzen . Aber freilich , um welchen Preis ! 33 Querfeldein über Berg und Tal schweifend , pilgerte gleich am nächsten Tage das schon so lange verbundene und immer noch nach dem Segen der Kirche dürstende Paar dem Kochertale zu , in dessen Umgebung ihm sein Wunsch erfüllt werden sollte . Wem man aber gesagt hätte , daß die beiden auf einem Brautgang begriffen seien , der würde sie verwundert angeschaut haben : der Hochzeiter war , wenn auch sein Gesicht von den Mühseligkeiten des Lebens zeugte , in der Blüte der Mannesjahre und schritt im blauen Rock , im rot- , blau- und grüngestreiften kalaminkenen Brusttuch ( Weste ) , in den schwarzen Lederbeinkleidern , weißen Strümpfen und neuen Schuhen mit blanken , stählernen Schnallen gar stattlich einher , während aus der verschossenen , von Hause aus farblosen und ärmlichen Bauerntracht der Hochzeiterin ein verblühtes , müdes Gesicht hervorsah . Bald waren sie wieder auf dem Rückwege von Thüngenthal , denn so schreibt sich der Name des Ortes , den der eigensinnige Volksmund in Dinkeltheim verwandelt hat , gleichwie ihm umgekehrt die Residenz des deutschen Ordens , welche Mergentheim geschrieben wird , zu einem Mergenthal geworden ist . Am Abend des ersten Tages , da sie wieder in der Richtung nach der Rems wanderten , kehrten sie in einem Dorfwirtshause ein , um daselbst über Nacht zu bleiben . Sie waren die einzigen Gäste in der Wirtsstube , wo der Wirt ab- und zuging ; im Kabinett saßen drei geistliche Herren , die miteinander tranken und redeten , ohne ihnen Aufmerksamkeit zu schenken . Kaum hatten sie das Fleisch , das ihnen der Wirt vorgesetzt , gegessen , so trat ein anständiger Mann in einem braunen Anzug ein , desgleichen die Gerber trugen , grüßte sie freundlich , setzte sich an ihren Tisch und verlangte gleichfalls ein Nachtquartier . Christine erwiderte den Gruß gleichgültig ; Friedrich aber , nachdem er ihn angesehen , mußte den Mund zum Lachen verziehen . Der andere gab ihm einen Wink , zu warten , bis der Wirt die Stube verlassen ; dann fragte er lachend : » Nun , wie ist die Kopulation abgelaufen ? « Erst jetzt blickte ihn Christine näher an und erkannte mit Staunen einen der Männer aus dem Walde von Wäschenbeuren . Es war in der Tat Bettelmelcher . » Ganz gut « , antwortete Friedrich , » aber sehr einfach . Es war eine Hauskopulation , die dein Pfaff in seiner Stube vorgenommen hat , er wird wohl wissen warum , und der ganze Akt bestand darin , daß er uns geheißen hat , wir sollen einander die Hände darauf geben , daß wir einander in Lieb und Leid nicht verlassen wollen . « » Nun , ist das nicht genug ? « versetzte Bettelmelcher mit gerührter Stimme und spitzbübischem Augenzwinkern . » Dann hat er uns einen Kopulationsschein ausgestellt und hat ihn auf mein Verlangen noch um ein Jahr weiter zurückdatiert , so daß unsere Ehe jetzt schier für achtjährig gilt . Der tut alles , was man haben will . Deinen Gruß hab ich ihm ausgerichtet . Drauf hat er gelacht und gesagt : So ist der Spitzbub immer noch ungehenkt ? « Bettelmelcher lachte . » Aber du ! « fuhr Friedrich fort , » das ist mir ein sauberer Pfarrer , den du mir rekommandiert hast , und mir kommen Bedenken , ob die Handlung und der Trauschein nur auch etwas wert sind . Wir haben zuerst nach dem Pfarrhaus gefragt , aber da sind wir schön angekommen . « » Ich hab dir ja seine Wohnung angegeben « , unterbrach ihn Bettelmelcher , immer noch lachend . » Ja freilich , dann hat sich ' s herausgestellt , daß er nicht der rechte Pfarrer ist , sondern ein abgedankter . Er hat mir selber erzählt , er hab nur ein klein ' s Späßle gemacht und sei deswegen gleich weggeschmissen worden . Nun möcht ich doch wissen , ob ein abgedankter Pfarrer auch noch kopulieren kann . « » Willst du dich denn in Ebersbach häuslich niederlassen und dem Amt deinen Trauschein vorzeigen ? « fragte Bettelmelcher spöttisch . » Nein , das just nicht . « » Nun , so gib dich zufrieden und sei froh , daß du ' s schwarz auf weiß hast . Das Papier kann dir unter Umständen viel nutzen , es kann dir statt eines Passes dienen , und wenn du dich mit deiner Frau einmal in einem fremden Lande irgendwo setzen willst , so kannst du dich damit legitimieren . Meinst du denn , man frage überall so genau darnach ? « » Ja , wenn ' s nur ein bißle etwas ist « , bemerkte Christine , die es als eine große Genugtuung empfand , endlich einmal urkundlich , wie auch die Urkunde beschaffen sein mochte , verheiratet zu sein . Friedrich beruhigte sich . Sie zahlten ihre Zeche und gingen bald darauf zu Bette . Morgens fanden sie sich beim Frühstück wieder zusammen , wie Gäste , die sich zufällig in der gemeinsamen Herberge kennengelernt haben . Der hinzugekommene Genosse machte dem Ehepaar keine Schande : er sah jetzt beim Tageslicht in seinem braun- und blaumelierten Rocke sehr ehrbar und wohlhabend aus und benahm sich äußerst gesetzt . Man speiste eine Milchsuppe , zu welcher der Wirt silberne Löffel auflegte . Christine schien sich bei dieser vornehmen Bewirtung behaglich zu fühlen ; sie trat ihrem Manne auf den Fuß und flüsterte ihm zu : » Das ist ein kostbarer Wirt ! « Beim Fortgehen schlug Bettelmelcher den entgegengesetzten Weg ein , gesellte sich aber bald auf der Straße wieder zu ihnen . » Nun muß man doch auch auf ein Hochzeitsgeschenk für die junge Frau mit dem achtjährigen Kopulationsschein denken « , sagte er lächelnd . » Was wär denn etwa nach ihrem Gusto ? « Christine lachte , nicht ungeschmeichelt , und erwiderte , man dürfe sich ihretwegen nicht in Unkosten stürzen . Als er aber freundlich in sie drang , zu sagen , ob sie in ihrem neuen Stande nicht irgend etwas wünsche , versetzte sie , weniger gegen ihn als ihren Mann gewendet : » E Bißle erquickt en Äderle ; ich brauch nicht viel ; wenn ich nur ein klein ' s Pfännle hätt , daß ich mir hier und da etwas Warm ' s machen könnt . « » Das ist ein bescheidener Wunsch ! « erwiderte Bettelmelcher lachend , » und doch muß man , wenn man sich auch nur bescheidentlich fortbringen will , die Augen offen haben und in viele Sättel gerecht sein . Wer träumt und dröselt , kommt nicht weit . Mit silbernen Löffeln speisen , ist wohl angenehm , nicht wahr ? Aber das kann jeder , dessen Eltern so gescheit gewesen sind , ihm eine gute Erbschaft zu hinterlassen . Wer keine so gescheiten Eltern gehabt hat , der muß selbst den Verstand brauchen . Ich möchte wohl wissen , ob die junge Frau in dem Wirtshaus da die Hälfte von dem bemerkt hat , was zu sehen und zu beobachten gewesen ist . So ein Wirt meint wunder , wie klug er seine Sachen einrichte , und vergißt alles drüber , wenn er drei Pfaffen im Kabinett sitzen hat . « » Oh , ich hab auch meine Augen « , sagte Christine , die sich durch den Zweifel an ihrer Beobachtungsgabe verletzt fühlte ; » ich habe wohl gesehen , wie der Wirt seine Löffel in ein Schublädle getan hat , nachdem sie ausbraucht gewesen sind , und wie er das Geld von uns und von den drei Herren in ein Glas in dem nämlichen Schublädle getan hat , hab auch gesehen , daß ein Goldstück in dem Glas gewesen ist . « Bettelmelcher sah sie erstaunt mit einem gewissen Ausdruck von Achtung an . » Wahrhaftig , die Frau ist nicht so - träumerisch , wie sie aussieht « , sagte er , » sie kann noch brauchbar werden . « Er schlug bald nachher einen anderen Weg ein , um , wie er sagte , seinen Geschäften nachzugehen . Das Paar setzte seine Wanderung bis in den Nachmittag fort , da stand ein alter Bettler mit weißem Bart und lang herabhängenden weißen Haaren am Wege und bat um ein Almosen . » Wir haben ja selber nichts ! « fuhr ihn Christine verdrießlich an , während ihr Mann nach einer Kupfermünze suchte . » Wenn das der Fall ist « , sagte der Bettler , » so soll mir ' s auf eine kleine Beisteuer nicht ankommen . « Mit diesen Worten zog er unter dem Wams eine kleine Pfanne hervor und überreichte sie ihr . » Sie ist zwar nicht mehr ganz neu « , sagte er , » aber ein Schelm gibt ' s besser , als er ' s hat . « » Du Spitzbub ! « rief Friedrich lachend , » diesmal hast du mich selbst getäuscht ; ich hätte dich an keinem Zug erkannt , nicht einmal an deinen nichtsnutzigen Augen . « Bettelmelcher stieß ein lustiges Gelächter aus und sprach dann eine Weile jenisch mit ihm , wobei Christine verwundert auf die fremden , seltsamen Ausdrücke hörte . Hierauf entfernte sich Bettelmelcher , und die beiden gingen weiter , bis sie ein einsames Wirtshaus am Saume eines Waldes erreichten , wo Friedrich etwas Essen und Trinken kommen ließ . Christine hatte sich schon mehrmals über Ermüdung beklagt . Nachdem er einige jenische Worte mit dem Wirt gewechselt , eröffnete er ihr , sie könne hier der Ruhe pflegen , er werde die Nacht über auf dem Anstande sein und sie den andern Morgen wieder abholen . » Ach , Frieder ! « sagte sie erschreckend , » du gehst auf kein ' Hirsch aus . Ich seh ' s wohl , du bist nicht in den besten Händen , du hast dich mit dem Spitzbuben , dem Bettelmelcher , in etwas eingelassen . « » Wenn ich dir sage , ich geh auf den Anstand , so hast du nichts weiter zu fragen « , entgegnete er streng . » Ich werd am besten wissen , was ich zu tun hab . « » Mein Herz sagt mir , du hast nichts Gut ' s vor ! « » Und wenn es auch so wär - hast du eine Glückshenne , die mir goldne Eier legt ? Oder kannst du mir ein Haus oder Geschäft in Ebersbach kaufen ? Glaubst du , der Wirt da , obwohl du sicher bei ihm aufgehoben bist , werde dich umsonst beherbergen ? Halt mich nicht unnötig auf , ich kann die Zeit nicht mit Streiten verlieren . Bleib ruhig hier , bis ich wiederkomme . « Er trank sein Glas aus und ging rasch fort . » Frieder ! Frieder ! « rief sie , ihm auf die Straße nachlaufend . Er blieb unwillig stehen . » Frieder « , sagte sie ihm ins Ohr , » wenn du etwas tun willst , was dir Gott verzeihen mög , so tu doch wenigstens schwarze Strümpf an , deine weiße Strümpf machen dich sichtbar in der Nacht ! « Er lachte , hieß sie ohne Sorge sein und entfernte sich auf dem Wege , den sie hergekommen waren . Den andern Vormittag erschien er versprochenermaßen wieder in dem Wirtshause , zahlte die Zeche und führte Christinen weiter . » Meine Freunde haben mir ein Hochzeitsgeschenk für dich verehrt « , sagte er unterwegs und überreichte ihr ein paar silberne Löffel nebst einem silbernen Besteck . Sie besah die Löffel aufmerksam . » Die kenn ich ! « rief sie , » das sind die Löffel , mit denen wir gestern früh die Milchsupp gessen haben . Du , für das Geschenk dank ich , das ist nicht auf richtige Art in deine Händ kommen . Oh , Frieder , du bist bei dem Wirt zu Heseltal einbrochen ! « » Ich hab ihm das Haus mit keinem Fuß betreten « , erwiderte er . » Dann haben ' s deine Kameraden getan « , sagte sie , » und die werden ihm die Löffel nicht abkauft haben . « » Heb mir die Sachen auf « , entgegnete er mit einem Tone , der jede fernere Erörterung abschnitt . » Wenn du sie nicht willst , so gehören sie mir . Du meinst gleich , der Teufel hole dich darüber ; wenn du in Ebersbach wärest , so sprängest du schon dem Amtmann zu . « Sie nahm die Löffel und das Besteck in Verwahrung und sagte nichts mehr . Nachdem sie stillschweigend bis gegen Mittag gewandert waren , sah Christine einen Berg vor ihnen , auf dessen Gipfel eine Kirche stand , und nun fand sie sich wieder in bekannter Gegend . Es war der Rechberg . Friedrich wandte sich demselben zu und schlug den Weg nach der Höhe ein . Sie folgte ihrem Manne ohne zu fragen . Als sie den Gipfel erstiegen hatten , begaben sie sich in das der Kirche gegenüber gelegene Pfarrhaus , mit welchem von jeher zum Besten der frommen Wanderer eine Wirtschaft verbunden war . Beim Eintritt rief Christine überrascht : » Ei , da sind ja - « Er stieß sie in die Seite und bedeutete sie , zu schweigen . Um den runden Tisch am Fenster saßen drei Mitglieder der Gesellschaft vom Walde , Bettelmelcher , Schwamenjackel und die jüngere Zigeunerin , welche in aller Ruhe miteinander zehrten . Der Wanderer begrüßte sie , wie man Fremde grüßt , mit welchen man sich an einem einsamen Orte zusammengeführt sieht , und entschuldigte sein Weib , die sich von irgendeiner Ähnlichkeit habe hinreißen lassen , einen Augenblick Bekannte in ihnen zu sehen . Sie nahmen die Entschuldigung mit gleichmütiger Höflichkeit auf , erwiderten , dergleichen Irrtümer kommen häufig vor , und boten den Ankommenden Platz an ihrem Tische an . Dann fragte man sich gegenseitig , woher und wohin , und tischte einander beliebige Auskunft darüber auf . Christine hörte sehr verdutzt auf diese Reden und konnte nicht begreifen , wie ihr Mann sich so schnell in das angenommene Betragen finden konnte . Nach und nach wurde man immer bekannter , indem der Wein die fremden Herzen gegeneinander aufzuschließen schien ; und als die Gesellschaft zusammen aufbrach , um den zufällig gemeinsamen Weg miteinander fortzusetzen , hätte die Hauserin des Pfarrers , welche die Wirtschaft führte , darauf schwören können , daß hier Leute , die sich in ihrem Leben zum erstenmal gesehen , auf dem freundlichen Berge recht heiter und vertraulich miteinander geworden seien . Sie nahmen ihren Weg über den schmalen Grat , der , einem Messerrücken ähnlich , vom Hohenrechberg nach dem Hohenstaufen führt . Friedrich und Christine waren die vordersten in der wandernden Gesellschaft . Er zankte sie tüchtig aus , daß sie in dem Pfarrhause so unvorsichtig herausgefahren sei , und gebot ihr , in Zukunft ihre Zunge besser zu hüten . » Wie hab ich denn wissen können , daß ich die Leut gar nicht kennen darf ! « maulte sie . » Da weiß man ja gar nicht mehr , wie man sich betragen soll . « » So sei künftig ganz still und wart , bis man dich reden heißt ! « sagte er zornig . Sie verschluckte die Antwort , die sie im Unmute geben wollte , und schritt immer stärker zu , während er sich mit verdrossenem Gleichmut im bisherigen Gange hielt . Auf diese Weise geriet sie , ohne sich umzusehen , ziemlich weit voraus . Als sie eine Strecke von ihm entfernt war , sah er sich von Bettelmelcher und Schwamenjackel eingeholt . » Was ? « rief Bettelmelcher , » ich will nicht hoffen , daß es gleich nach der Hochzeit zu Ehedissidien kommt . « » Das ist sehr oft der Fall « , erwiderte er lachend , » wenn der Pfaff einmal die Garantie übernommen hat , so meinen die Leute gewöhnlich , sie brauchen für sich selbst nichts mehr dazu zu tun . Übrigens ist ' s bei uns nicht so gefährlich : ich hab meiner Frau bloß ein wenig Behutsamkeit im Weltleben eingeschärft , und jetzt scheint sie ihren Katechismus ungestört lernen zu wollen . « » Das wird sehr gut sein « , versetzte Bettelmelcher . » Soll ich ihr nicht ein wenig dabei helfen ? « » Kann nichts schaden . « » Dir fehlt ' s indessen nicht an Gesellschaft « , setzte jener hinzu , auf die herankommende Zigeunerin deutend , welche ganz allein die Nachhut bildete . Mit diesen Worten ging er rasch seines Weges , und Schwamenjackel folgte ihm , so daß Friedrich nur die Wahl hatte , auf seine schöne Freundin vom Walde , die den Fingerzeig gesehen hatte , zu warten , oder mit sichtbarer Geflissenheit ihre Gesellschaft zu meiden . Er fand keinen Grund , ihr diese Beleidigung zuzufügen , wohl aber hundert Gründe , das Gegenteil zu tun . » Komm , Katharina « , sagte er , am Wege stehen bleibend . » Ich heiße nicht Katharina « , erwiderte sie . » Christina ist mein Name . « » Du heißt also wie meine Frau ? « rief er erstaunt . » Warum haben dir denn die Deinigen einen falschen Namen gegeben ? « » Um meiner Sicherheit willen « , antwortete sie . » Ich bin aller Länder , außer Frankreich , Sachsen und Ungarn , verbannt , hab überall Urfehde schwören müssen , und wenn ich mich betreten ließe , so ging mir ' s um den Hals . « » Noch so jung und schon so viel erlebt ! « sagte er . » Von Kindesbeinen an bin ich in der Welt herumgehetzt und hab früh lernen müssen auf eigenen Füßen stehen , denn meine Mutter kann mir raten , aber nicht helfen , sie ist eben eine uralte Frau . « » Wo ist sie jetzt ? « » Sie betet ein Pater und Ave Maria ums andere , damit unser nächstes Vorhaben gelingen möge . « » Das kommt mir sonderbar vor « , bemerkte er . » So gut stehen wir Lutheraner nicht mit dem Himmel , daß wir so frei wären , ihm zuzumuten , er solle uns bei - solchen Dingen noch behilflich sein . « » Warum denn nicht ? « versetzte sie ruhig . » Deine honetten Spießbürger , die Ketzer wie die katholischen Christen , beten auch täglich zu Gott , daß er sie in ihrer Hantierung segnen möge , und was ist ihre Hantierung ? Einander bestehlen , betrügen , unterdrücken , den guten Namen morden . Geh in den Landen umher und zähle die Leute , die im wahren Sinn des Wortes ehrlich sind und also allein zu beten berechtigt wären . Du wirst keine große Tafel zum Aufschreiben brauchen . « » Du hast recht « , erwiderte er . Sie gingen einige Zeit stumm nebeneinander , während welcher er es nicht unterlassen konnte , wiederholt ihre Augen zu suchen . » Du scheinst mir nicht recht aufgeräumt zu sein « , begann sie nach einer Weile . » Es gefällt dir nicht bei uns . « » Was das betrifft « , erwiderte er mit einem mehr als freundschaftlichen Blicke , » so glaubst du wohl selbst nicht , was du sagst . Aber wahr ist ' s , es hat mich verdrossen , daß ich nur als Schmarotzer mitlaufen und außen Wache stehen soll , während die anderen die Gefahr auf sich nehmen . Das halbe Sündigen ist mir in Tod zuwider : entweder ganz oder gar nicht ! Auch liegt ein Mißtrauen drin : ich merk ' s wohl , man will mich nur probieren . « Sie lächelte freundlich und zutraulich mit einem Ausdruck von Achtung , den er tief empfand . » Du irrst dich « , versetzte sie . » Es hätte sich nicht geschickt dich stärker in Anspruch zu nehmen , wo es sich darum handelte , ein Geschenk für dich aufzutreiben . Auch hast du dich ja nur zu einem einzigen Unternehmen anheischig gemacht , brauchst also das von heute nacht nicht zu rechnen . Wenn du so ehrenhaft denkst , selbst Hand anlegen zu wollen , statt andere für dich arbeiten zu lassen , so soll ' s dir nicht lang an Gelegenheit fehlen . « » Nur zu ! « rief er , mit finsterer Entschlossenheit die Stirne faltend . » Du scheinst mir aber doch nur mit halber Seele dabei zu sein « , setzte sie hinzu , » denn du sprichst von sündigen und nimmst die Sache schrecklich ernsthaft . Ich merke wohl , an was du klebst . Tor ! Die Menschen sind alle von einem Schlag , nur mit dem Unterschied , daß die einen den Galgen andiktieren und die anderen ihm davonlaufen . Wenn aber Stehlen todeswürdig ist , so gehört den einen so gut wie den anderen der Strang . Daß die Spitzbuben mit Haus und Hof über die heimatlosen Spitzbuben herfallen und ihnen von jeher nichts haben gönnen wollen , das ist eben eine ungerechte Verfolgung . « Der überlegene Ton , der ihn von einem Manne abgestoßen haben würde , machte aus diesem Munde einen mächtigen Eindruck auf ihn . Er fühlte sich gedemütigt und angezogen zugleich . » Wenn du aber der Sünde , wie du ' s heißt , ganz absagen willst « , fuhr sie lachend fort , » so kann ich dir in meiner eigenen Familie ein Musterbild von Tugend und Ehrbarkeit aufstellen . Lache nicht , es ist buchstäblich wahr . Ich habe noch eine zweite Schwester , die sich am Tode so vieler Verwandten ein Exempel genommen hat und sich mit ihrem Manne , einem Scherenschleifer , ehrlich und redlich fortbringt . Sie ist nicht besonders schön , dabei etwas schmierig und schlampig , wie es auch bei ihrer armseligen Lebensart nicht anders sein kann . Wir haben zwar keinen großen Geschmack aneinander , aber wenn du eine Empfehlung willst , um das Scherenschleifen zu lernen , so steh ich zu Diensten . « » Es hat wohl eine Zeit gegeben « , sagte er , » wo mir dieses verachtete Handwerk gut genug gewesen wäre ; aber jetzt bin ich freilich dazu verdorben . Du hast keinen Begriff , von was ich mich losreißen muß . Du sagst selbst , du seiest von Kindesbeinen an hinausgestoßen gewesen und habest dich gegen die Welt wehren müssen . Aber denk dir einmal , du seiest der Sohn des vermöglichen Sonnenwirts in Ebersbach , der nicht zu rauben braucht , weil er Geld genug hat , und seiest von einer liebevollen , sorgsamen Mutter , die alle Tage zu dir sagt : Mein Kind , fliehe die Sünde ! zur Frömmigkeit und Rechtschaffenheit erzogen - dann wird ' s dir nicht so leicht werden , den Rock völlig zu wenden , und wenn du auch schon lang eingesehen hättest , daß Frömmigkeit und Rechtschaffenheit in dieser Welt nur Lug und Trug sind . Ihr unterscheidet ja selbst zwischen den Deutschen und den - anderen . « » Ich bin auch zur Hälfte deutsch « , erwiderte sie . » Mein Vater Schettinger , den die deutschen Mordhunde vor zwanzig Jahren in Weingarten umgebracht haben , ist so gut ein Deutscher gewesen wie sie und wie du . « » Nun , vielleicht ist ' s auch eine Zeitlang nachgegangen « , versetzte er . » Du kennst deine eigenen Landsleute nicht « , sagte sie . » Komm , ich will dir sie zeigen . Wir haben noch Zeit genug , zu den anderen zu stoßen . « Sie winkte ihm und flog zur Linken den Berg hinunter . Er eilte ihr nach . Als sie im raschen Laufe unten angekommen waren , sagte sie , weiter eilend : » Du mußt dir ' s aber gefallen lassen , daß ich dich für meinen Mann ausgebe , sonst findest du da , wo ich dich hinführe , keinen Kredit . « » Das will ich gern annehmen ! « rief er lustig , ihr nacheilend . » Du und keine andere müßtest mein Weib sein , wenn ich nicht schon eins hätte . Aber flieg nicht so , damit ich mein Recht auch ausüben kann . « » Laß das ! « sagte sie , da er den Arm um sie zu schlingen suchte , » dazu ist jetzt keine Zeit . Den Arm kannst du mir geben , so , damit wir wie ein Ehepaar aussehen . Verheiratete Leute sind bekanntlich nicht so zärtlich miteinander , du scheinst mir das bereits aus eigener Erfahrung zu wissen . « Nachdem sie eine Strecke im Walde zugeschritten , erreichten sie einen der vielen dort hin und her zerstreuten Höfe . Derselbe war ihm nicht unbekannt , denn er hatte ihm bei seinem Wilderersberufe mehr als einmal günstige Aufnahme gewährt . Wie erstaunte er aber über die Freudenbezeugungen , mit welchen seine Begleiterin von der ganzen Familie aufgenommen wurde ! Wie horchte er hoch auf , als er hier , weit unverblümter , denn in ihrem eigenen Kreise , von dem Gewerbe seiner neuen Freunde reden hörte ! Die Leute drückten ihre Freude aus , seine Begleiterin wieder verheiratet zu sehen , und bestürmten sie mit Fragen , ob ihr neuer Mann auch so viel Geschick zeige als der vorige . Sie prangte mit ihm und seinen Taten und bezeigte sich so glücklich in seinem Besitz , daß ihm das Herz flammte , während zugleich die letzten Reste bürgerlicher Ehrbarkeit sich in ihm empörten , ohne in dem verwandten bürgerlichen Kreise , der ihn umgab , eine gleichartige Stimme zu finden . Im Gegenteil sah er bald ein , daß er , was er früher nie geahnt , hier erst in die rechte Gaunergegend gekommen sei , denn die Frau des Hauses zählte ihm geläufig eine Menge berüchtigter Namen her , die zu verschiedenen Zeiten das Jahr über in dieser von vielen Herrschaften und Kondominaten zerschnittenen Landschaft ihre Heimat fanden . Solange er ein bloßer Wilddieb gewesen , hatte er hier kein Vertrauen gefunden ; jetzt erst sprach sich der Haß gegen die Obrigkeit und gegen die von Glück und Gunst getragene Minderzahl der Mitbürger offen vor ihm aus , und seiner unbelehrten Seele drängte sich mehr oder minder klar die Wahrnehmung auf , daß das Volk so weit gekommen sei , den Druck der Herrschaften und der höheren Bürgerklassen durch Raub , Diebstahl und Diebeshehlerei zu bekämpfen ! Das angebliche Ehepaar verließ den Hof , ungestüm von den Leuten aufgefordert , ihnen auch wieder einmal für billiges Essen und billige Kleidung zu sorgen . » Nun ? « fragte sie auf dem Rückwege . » Es ist mir , als ob neben der Welt , die ich bisher gekannt habe , noch eine andere Welt herginge und als ob diese Welt die wahre wäre « , antwortete er . » Du kannst in dem Tal da « , erwiderte sie , » von Hof zu Hof , von Ort zu Ort hinuntergehen , du triffst vertraute Leute genug , lauter Deutsche und keine Vagabunden , lauter seßhafte Leute . « Er sprach lange kein Wort . Was er gehört und gesehen , hatte sich ihm offenbar tief eingeprägt , und sie hütete sich wohl , die stille Arbeit dieses Eindrucks zu stören . » Du hast also schon einen Mann gehabt ? « fragte er nach einem langen Stillschweigen . » Ich hab ihm den Laufpaß gegeben « , antwortete sie , » weil ' s ihm an Kopf und Herz gefehlt hat ; nachher hat er sich in ungeschickte Diebereien eingelassen , die ihn an den Galgen gebracht haben . Wenn mir je wieder einer gefiele , so würd ich ihn vor einem solchen Schicksal zu bewahren wissen . « Er schwieg . Die Entdeckung , daß sie Witwe sei , war ihm nicht sehr nach seinem Sinn , und doch mußte er sich gestehen , daß dieses Weib durch Schönheit und Geisteskraft einen mächtigen Zauber auf ihn auszuüben beginne . » So , jetzt bist du aus dem Ehejoch entlassen ! « sagte sie , als sie den Fuß des Berges wieder erreicht hatten , und flog lachend hinan , da sie sah , daß er sich Mühe gab , sie einzuholen . » Mir ist ' s nicht so eilig mit der Scheidung ! « rief er hinter ihr drein und gab sich alle Mühe , an ihre Seite zu kommen , aber sie war immer einige Schritte voraus . » Und mir pressiert ' s nicht mit dem Heiraten ! « rief sie , als sie die Höhe erreicht hatte , lustig gegen ihn hinab , und