und der höchsten Lust , während in dem nicht weit davon entfernten Tanzsaale die tolle , begeisternde Musik ertönte , während man das Lachen der Tanzenden vernahm und laute Rufe des wildesten Vergnügens . - - Da begann dieses arme kleine Leben , da begann es in Glanz und Pracht auf seidenen Kissen , um hier zu endigen unter Noth und Elend , um hier auszulöschen auf einem hölzernen Schragen , auf einem halb verfaulten und vermoderten Lager von Stroh . - Die unglückliche Mutter hatte das freilich nicht erlebt : sie war zur rechten Zeit gestorben , und er hatte die Stadt verlassen , achselzuckend , aber bald getröstet über das kleine Unglück , das er angerichtet ; er hatte allerdings seinen Geschäftsmann beauftragt , für die gute Unterkunft des Kindes zu sorgen , ohne sich aber weiter um dieses zu bekümmern , - und nun war es , so vortrefflich untergebracht - elend gestorben . Gewiß aber dachte er noch zuweilen an jenen Maskenball und an das unglückliche , unschuldige Mädchen , das ihm Alles und sich selbst geopfert . Gewiß tönte noch zuweilen in seinen Ohren jene rauschende Musik , die ihm zur höchsten Lust aufgespielt . - Gewiß aber drang auch manchmal ein seltsamer , schrecklicher Ton durch diese Melodieen ; gewiß sah er zuweilen , wenn er an jene Nacht dachte , einen kleinen Schatten langsam vor sich aufsteigen , ein kleines , bleiches , verkümmertes Wesen , das mit geschlossenen Augen bis dicht vor ihn hinschwebte und ihn dann plötzlich mit seinem starren , glänzenden Blicke gespensterhaft anschaute . - - - - Fünfundvierzigstes Kapitel . Sklavenhandel . Herr Sträuber hatte unterdessen im vorderen Zimmer einige Korrespondenzen besorgt , deren Inhalt ihm Meister Schwemmer oft nur mit wenigen Worten , manchmal aber sehr ausführlich vorgesagt . Der Letztere zog bei diesem Geschäfte häufig einige vergilbte Papiere zu Rath , die auf seinen Knieen und dem rothkarrirten Sacktuch ausgebreitet lagen . Diese Schreiben waren meistens an Angehörige und Bevollmächtigte , welche der Madame Schwemmer für Rechnung Anderer Kostkinder anvertraut hatten , gerichtet , und sehr verschiedener Art , der Zweck sämmtlicher aber , für den Unterhalt der armen Geschöpfe so viel Geld als nur immer möglich herauszupressen . Bald mußte eine neue nahrhafte Kost angewendet werden , bald sogar eine eigene Amme oder Wärterin ; und da man genau wußte , was die Empfänger der Schreiben am liebsten hörten , so hieß es darnach auch : » Die Gesundheit des Kindes bessert sich mit jedem Tage , « oder : » Es siecht langsam dahin und scheint uns trotz der sorgfältigsten und kostbarsten Pflege rettungslos verloren . « - Es ist traurig , das sagen zu müssen : aber die meisten Schreiben waren in letzterem Sinne abgefaßt . Während diese Korrespondenz geführt wurde , stand jener Mann , der vorhin im Kinderzimmer Ruhe gestiftet , mit gespreizten Beinen an einer Seite des Ofens und pfiff zuweilen eine Melodie leise vor sich hin , horchte auch wohl hie und da , wenn Herr Sträuber las , ohne aber bei dieser Veranlassung dem Leser selbst einen Blick zu schenken . Dies war Mathias , den man , wie sich der geneigte Leser erinnern wird , vorhin erwartet . » Jetzt kommt das wichtigste Schreiben , « sagte Meister Schwemmer , » und es ist am besten , wenn ich das Wort für Wort in die Feder diktire . Es betrifft das Mädchen , welches , wie mir heute Morgen meine Frau sagte , recht schlecht sein soll . « » O , der ist in diesem Augenblick gewiß sehr wohl , « meinte Mathias . » Wie so ? « » Weil sie wahrscheinlich jetzt ausgelitten hat . - Schade , da entgeht Euch ein gutes Kostgeld . « Meister Schwemmer machte eine Bewegung der Ungeduld und schaute den Anderen von der Seite an , als wenn er sagen wollte : was bekümmerst du dich darum ? Dann entgegnete er mit mürrischem Tone : glaubt das nur nicht , die kleine Kreatur ist seit einem halben Jahre so ; alle Augenblicke glaubt man , sie werde sterben , und auf einmal ist sie wieder fidel wie ein Wiesel , hat sie doch schon einmal vierzehn Tage wie todt gelegen . Mathias zuckte stillschweigend die Achseln und pfiff einige Takte des Jungfernkranzes . » Die hat uns Alle zum Besten , « fuhr Meister Schwemmer fort , » das kann ich Euch versichern ; gebt Acht , die reißt sich noch durch . « » Oder Ihr sorgt dafür , daß Ihre Stelle bald besetzt wird . « » Pfui , Mathias ! « versetzte Meister Schwemmer , indem er lachte und dann in einen mächtigen Husten gerieth . - » Geschäfts-Geheimnisse ! Wer wird darüber sprechen ; über die schweigt man . « » Nur Eins begreife ich nicht , « fuhr Mathias fort , ohne auf diese Bemerkung zu achten , » wie es Euch immer so gelingt , andere Kinder unterzuschieben . - Wie macht Ihr das eigentlich ? - Na , geht mit der Sprache heraus ! « Meister Schwemmer rückte auf seinem Stuhle ungeduldig hin und her , dann sagte er : » Das ist Sache der Weiber ; was geht das mich an ! « » Nun , mich geht ' s im Grunde auch nichts an , « erwiderte Mathias ; » es war nur so eine Frage . « » So gebt denn Achtung , Sträuber , « unterbrach Meister Schwemmer hastig diese unanegnehmen Erörterungen . - » Schreibt also : verehrtester Herr Doktor ! - Das Geld für den letzten Monat habe ich richtig empfangen und danke Ihnen noch besonders für die Zulage , - im Namen des armen Kindes - « » Im Namen des armen Kindes , « wiederholte Herr Sträuber , indem er sein linkes Auge zukniff . » Der Gesundheitszustand desselben , « fuhr Meister Schwemmer fort , » ist immer noch derselbe : das Kind ist ein kränkliches und sehr schwaches Wesen , dessen Dasein nur gefristet werden kann durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung . « » Durch die sorgfältigste Pflege und Behandlung , « sagte Herr Sträuber . » Sie können sich gar nicht denken , welche Mühe und Sorgfalt meine brave Frau darauf verwendet . - Aber trotz allem Dem muß ich Ihnen mit schwerem Herzen gestehen , daß dem Kinde ein langes Leben unmöglich prophezeit werden kann ; es sei zu schwächlich auf die Welt gekommen , behauptet unser Arzt , der mehrere Mal in der Woche kommt . « » Der mehrere Mal in der Woche kommt , - Punkt , « sprach lachend Herr Sträuber . » Ganz richtig : Punkt , « fuhr der Andere fort . » Wir wissen ja , hochverehrtester Herr Doktor , daß Ihnen Alles daran gelegen ist , dem Kinde eine gute Existenz zu verschaffen , und daß hiezu nach Ihren öfteren Schreiben keine Kosten gespart werden sollen . Deßhalb sah sich denn meine Frau veranlaßt , dem Kinde ein eigenes Zimmer zu geben - « » Ein eigenes Zimmer . « » Und eine Wärterin , « fuhr Meister Schwemmer ärgerlich fort , denn er bemerkte , wie sonderbar Mathias lächelte . » Und eine Wärterin , « wiederholte Herr Sträuber . Mathias lachte laut auf und wandte sich nach dem Mann um , der neben ihm saß , wobei er demselben auf eine recht unverschämte Art in ' s Gesicht sah . » Zu allem Dem nun , « diktirte Meister Schwemmer weiter , » reicht das gewöhnliche Kostgeld lange nicht hin , und müßten wir schon ganz gehorsamst bitten , uns die Zulage , die wir schon seit zwei Monaten erhalten , auch fernerhin zukommen zu lassen . Sich damit ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen . « » Ganz ergebenst und gehorsamst zu empfehlen , « sagte Herr Sträuber , indem er mit einem großen Schnörkel schloß und sich alsdann weit in seinen Stuhl zurücklehnte , um die Wirkung der ganzen Schrift aus der Entfernung beurtheilen zu können . Darauf reichte er den Brief ohne aufzustehen nach dem Ofen hinüber , und da ihn der Mann auf seinem Stuhle nicht gut erreichen konnte , so machte Mathias die Mittelsperson , indem er ihn dem Herrn Sträuber abnahm und dem Anderen einhändigte . » Aber Eins erklärt mir doch , « sprach er kopfschüttelnd . » Es muß doch hie und da vorkommen , daß irgend Einer , dem Ihr solche Wische schreibt , nun auf einmal absichtlich herkommt , um zu sehen , wie so ein Kind gehalten ist . Wie redet Ihr Euch nun da heraus ? - Schaut mich nur nicht so mißtrauisch an , Ihr kennt mich ja und ich Euch ; wir verrathen uns nicht , wollen auch nichts von einander erpressen , und noch viel weniger wird es mir je in den Sinn kommen , selbst ein Kosthaus für kleine Kinder anzulegen . Ich habe an dem Transport meiner halbgewachsenen vollauf genug , obgleich das Volk bei mir immer lustig und guter Dinge ist , denn sie bekommen zu fressen , was in sie hinein geht . - Aber wie gesagt , laßt mich hören , wie bringt Ihr das hinaus ? « Meister Schwemmer kannte seinen Mann und wußte wohl , daß da keine Ausreden helfen und er mit der Sprache heraus müsse . Deßhalb sagte er : » Nun ja , was wird da zu machen sein ! Solche Nachforschungen finden wohl zuweilen statt , aber meistens gehen sie in die dritte und vierte Hand , und da hilft man sich so durch . « - Er machte die Bewegung des Geldzählens . - » Kommt aber irgend Jemand , der Einem geradezu auf den Leib geht , so hat man seine Leute in der Nachbarschaft , die für ein Billiges recht gern erlauben , ein anständiges Zimmer und ein gut aussehendes kleines Kind zu zeigen . - Ja , ich versichere Euch , die kommen oft mit Vorurtheilen zu uns , denn sie haben allerhand munkeln gehört von schlechter Behandlung unserer Kostkinder , und führt man sie dann in ein solides Haus , da sind sie gleich vor den Kopf geschlagen . « » Diese Kniffe sind nicht schlecht , « entgegnete der Andere . - » Aber wenn zufälligerweise eine Mutter kommt , um sich nach ihrem Kinde umzusehen ? Der werdet Ihr doch in aller Ewigkeit nicht ein fremdes Kind für ihr eigenes unterschieben wollen . « » O mein lieber Mathias , « erwiderte der Mann am Ofen , nachdem er sich mit dem Sacktuch langsam den Mund abgewischt , » das kommt bei den Kindern selten oder nie vor , daß sich die Mutter nach ihnen erkundigt . Entweder ist die schon längst gestorben , ist in schlechten Verhältnissen , wo unsere Behandlungsweise vollkommen genug für das geringe Kostgeld ist , oder sie befindet sich in einem glänzenden Leben , und da ist sie froh , wenn sie von der Vergangenheit nichts zu hören und zu sehen bekommt . « Mathias hatte nachdenkend die Hände auf den Rücken gelegt und wiegte seinen Oberkörper hin und her . » Ei , sagt mir doch , « begann er nach einer längeren Pause , während welcher Herr Sträuber den Brief zusammen gefaltet und Meister Schwemmer die Adresse geschrieben hatte , da war ich vorhin hinten in Eurer - Kinderstube und sah da ein recht flottes Bürschlein - einen netten trotzigen Kerl ; er hatte gerade Euer Weib in die Finger gebissen , weil sie ihn mit dem Peitschenstiel über den Kopf gehauen . Und das Blut schien ihn gar nicht zu geniren - » Es floß Blut ? « unterbrach ihn erschrocken Herr Sträuber . » Blut genug , mein Schatz , « entgegnete der Andere trocken . - » Aber trotz seines unbändigen Betragens gefiel mir das Kerlchen . - Hat ' s mit dem eine eigene Bewandtniß , oder ist er auch da wie die anderen , zum Fortschicken ? - Das Letztere sollte mich freuen , und da käme es mir auf ein paar Thaler nicht an . « Meister Schwemmer zuckte die Achseln und versetzte : » Den gäbe ich Euch gern umsonst , das ist ein unbändiges Geschöpf . Ich fürchte immer , er zündet uns noch einmal das Haus über dem Kopfe an . - Aber ich darf nicht , ich muß ihn behalten ! « » Wie so ? « fragte Mathias . » Was hat ' s da für einen Haken ? « » Das läßt sich nicht gut sagen , und ist das eine ganz eigenthümliche Geschichte , über die ich selbst noch nicht recht im Klaren bin . Der Bube da hinten hat , so viel ich merke , eine sehr vornehme Mutter ; Ihr könnt das auch wohl dem ganzen Gestell des Kindes ansehen ; sein kleiner geschmeidiger Körper ist allerliebst gewachsen , sein Gesicht hat eine schöne Form und seine Hände und Füße sind zart und klein . « » Das ist wahr , « sagte Mathias nachdenkend . » Und dabei hat die Kröte schon eine erstaunliche Kraft ; ich habe das vorhin gemerkt . « » Wißt Ihr , unsereins , « fuhr Meister Schwemmer fort , » dem so viel dergleichen Bälge durch die Hand gehen , merkt gleich am Ganzen , ob etwas dahinter ist oder nicht . Man sieht ' s an der Figur , am Gesicht , ja an der Art des Schreiens . Das Meiste nun , was zu uns kommt , ist Halbblut , wißt Ihr : vornehmer Vater oder vornehme Mutter . Der Bube aber ist Vollblut , darauf könnt Ihr schwören . « » Wenn aber beide Eltern vornehm und reich wären , warum nehmen sie sich des Kindes nicht an und wollen es hier bei Euch elend verkümmern lassen ? - Nehmt mir nicht übel , aber das ist doch das Ende von all ' den armen Teufeln hier . « » Die Mutter dieses Kindes , « versetzte Meister Schwemmer , » war , wie Ihr Euch wohl denken könnt , noch ein Mädchen , als es auf die Welt kam . Der Vater konnte sie vielleicht nicht heirathen , - was weiß ich ? - genug , sie beschlossen auch , den Buben sehr gut und anständig erziehen zu lassen , setzten ihm , glaube ich , ein kleines Vermögen aus , endlich aber heirathete die Mutter dieses Knaben einen anderen , aber sehr vornehmen Herrn . « » Aha ! « machte Mathias . » Das sind aber schon einige Jahre her , und anfänglich ging Alles gut . Weiß aber der Teufel , zuletzt muß der Gemahl dieser Dame etwas über die Geschichte erfahren haben , legte sich auf Nachforschungen , ließ wahrscheinlich viel Geld springen und kam der Sache so ziemlich auf die Spur . Das erfuhr die Mutter , sie that ihrerseits ebenfalls Schritte , nahm den Buben aus dem Hause weg , wo er bisher verwahrt war , und da wurde er nun , um mich meines früheren Ausdrucks zu bedienen , durch die dritte und vierte Hand hieher zu uns gebracht . « » Aber man zahlt doch ordentlich für ihn ? « » O ja , recht ordentlich ; aber man knüpfte daran die Bedingung , ihn fest verwahrt zu halten und - « schloß Meister Schwemmer hustend und lachend - » das thun wir redlich , wie Ihr gesehen habt . « » Hol ' Euch der Teufel ! « erwiderte der Andere , » das thut Ihr freilich . Aber wie schon gesagt : nehmt Euch mit dem Knaben in Acht ! Der bricht Euch einmal aus , rennt in die Stadt und plaudert die ganze Wirthschaft aus . « » Seid unbesorgt , « meinte der Hausherr , » wir wollen ihn schon mit Hunger und Schlägen mürb machen , und wenn es nicht anders geht , so lege ich ihn an die Kette wie einen tollen Hund . Oh ! solchen Burschen sind wir noch gewachsen ! « Herr Sträuber hatte während dieser Unterredung anscheinend theilnahmlos zum Fenster hinaus geschaut , doch war ihm nicht ein Wort entgangen . - » Eine reiche und vornehme Frau , « dachte er , » die den Buben zu verbergen trachtet , und ein ebenfalls vornehmer und reicher Mann , der ihn finden möchte , - das sind ein paar Kunden , die für eine thätige Hilfe gewiß tüchtig bezahlen werden . Da wäre nur noch zu überlegen , wer am meisten springen läßt ; - und dann thäte man dabei ein gutes Werk , « tröstete er sich selber , » denn es ist doch unverantwortlich , ein Kind , das bisher gut erzogen wurde , bei solchem Schandvolke zu lassen . - Pfui Teufel ! « In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre und die Frau Bilz trat herein . Sie sah blaß und niedergeschlagen aus , und ein aufmerksamer Beobachter hätte auf ihrem Gesichte Spuren von Thronen bemerken können und vielleicht darnach geforscht . Aber da hier Niemand war , der sich um solche Kleinigkeiten bekümmerte , so setzte sie sich stillschweigend auf ihren alten Platz an das Fenster hin , blickte gedankenvoll in die Stube und legte die Hände in den Schooß . » Jetzt können wir auch an unser Geschäft gehen , « sprach Mathias . » Ich habe nur warten wollen , bis die Frau kam , denn sie muß mich dieses Mal eine Strecke Wegs begleiten . « » Richtig ! richtig ! « versetzte Meister Schwemmer ; » wir haben Mädchen bei dem Transport , so ein Stück vier . - Also laßt hören , Mathias , was braucht Ihr noch ? « » Der von C. schrieb mir vor einigen Tagen , es sei eine passende Gelegenheit da , eine größere Anzahl hinüber zu bringen , auch könnte er sehr gut im Ganzen ein Stück zwanzig plaziren , natürlicherweise über die Hälfte Buben ; sechs , höchstens acht Mädchen dürfen darunter sein . « » Doch nur Mädchen unter zehn Jahren , « sagte Herr Sträuber , der unterdessen ein Papier aus der Tasche gezogen hatte . » Versteht sich , « entgegnete der Hausherr , » die über sechzehn gehören in ein ganz anderes Register und können viel vortheilhafter in der Nähe untergebracht werden . « » Davon nachher ! « versetzte Mathias . - - » Um nun den Transport vollzählig zu machen , fehlen mir noch ungefähr zehn Buben , aber es müssen ansehnliche Kerle sein . - Was habt Ihr nun für mich im Auge , und welche Preise wollt Ihr machen ? Seid aber billig , denn wir leiden doch alles Risiko : wenn wir abgefaßt werden , ist nicht nur alles Geld hin , sondern es könnte uns auch leicht an den Kragen gehen . « Meister Schwemmer nahm ruhig eine Prise , dann nickte er mit dem Kopfe und sagte pfiffig lächelnd : » Ja , ja , die Gefahr ist groß , aber nicht so sehr für Euch , wie für mich . Ihr seid gedungen worden , mit den Kindern zu reisen , - was wißt Ihr mehr von der Sache ? Ihr thatet nur , was man Euch befohlen , aber an Unsereinem bleibt ' s hängen . Ihr , Mathias , seid ein rüstiger Mann , ohne Anhang : Ihr schlagt Euch im Nothfalle durch ein halbes Dutzend Polizeidiener durch , gewinnt das Freie , haltet Euch ein halbes Jahr versteckt und seid ein Mann bei der Stadt wie vorher . - Aber seht mich an : ich bin ein armer kranker Kerl , der sich kaum vom Stuhle rühren kann , habe auch noch eine große Wirthschaft am Hals , eine Wirthschaft , bei der es mir sehr unangenehm wäre , wenn die da droben einmal ihre Spürnase hinein steckten . « » Wozu das Gefasel ! « erwiderte Mathias ärgerlich . » Sagt , was Ihr habt und Eure Preise , ich brauch ' es ja nicht zu nehmen , wenn es mir nicht ansteht . Und daß Ihr mich schindet , wo Ihr könnt , weiß ich ohne Eure Vorrede . Also heraus mit der Sprache ! Könnt Ihr mir ein Stück zehn Buben verschaffen ? « » Seid nur nicht immer so stürmisch ! « sagte der Andere . Und dabei zog er unter seinem Sitze ein Papier hervor . » Man meint immer , wir wollen uns am Halse fassen , und scheiden doch meistens als die besten Freunde . - Hier ist eine artige Liste ' « fuhr er nach einer kleinen Pause fort , während welcher er in das Papier geblickt , » aber da nicht viele Kinder dabei sind , die keine Eltern mehr haben , so kommt die Sache etwas höher zu stehen . « » Gebt her , « sprach rasch Mathias , indem er das Papier in die Hand nahm und durchflog . - » Die vier Ohren hier kosten nicht viel , aber für die andern sechs finde ich den Preis unverschämt gestellt . - Da Einer mit vierzig Thalern . « » Dessen Stiefmutter ein tüchtiges Geschenk verlangt hat . « » Da Einer sogar mit sechzig Thalern . « » Ist schon zehn Jahre alt und hat eine Schwester , die an ihm den Narren gefressen hat . Kostet mich an zwanzig Thaler für Briefe und Zeugnisse , um zu beweisen , daß der Bube in eine gute Lehre kommt . « » Wird sich wundern , « brummte Mathias , während er an den Fingern rechnete . Dann ließ er die Hand mit dem Papiere sinken und sagte : » Aber daß sie Alle gerade gewachsen sind , dafür steht Ihr mir natürlich ein . « » Versteht sich von selbst , « erwiderte Meister Schwemmer . » Ihr zahlt überhaupt nicht eher , als bis der ganze Transport bei einander ist und Ihr Alles durchgemustert habt . - Na , macht kein so finsteres Gesicht ; es ist und bleibt doch ein gutes Geschäftchen . « Mathias hatte die Hände auf den Rücken gelegt und blickte gedankenvoll durch das Fenster in den kleinen Hof . Frau Bilz , welche gerade vor ihm saß , schaute aufmerksam in seine düsteren Züge , und ihre Hände , die bis jetzt über einander lagen , falteten sich langsam zusammen . » Ich muß überhaupt schon gestehen , « sagte Mathias nach einer Pause , » daß mir dieses Geschäft vollkommen entleidet ist ; es ist doch das Niederträchtigste , was ich kenne , - ein förmlicher Sklavenhandel , und ein Sklavenhandel , weit schlimmer wie der , den sie drüben in Amerika betreiben . Dort wechselt so ein armer Teufel von Schwarzem oder so ein Kind nur seinen Herrn ; der eine ist ein bischen besser , der andere ein bischen schlimmer , aber ihr Leben bleibt sich im Allgemeinen gleich ; sie müssen freilich arbeiten , sie bekommen auch wohl ihre Schläge , doch an Leib und Seele werden sie darum nicht schlechter , und wenn sie auch durch ein Dutzend der verschiedenartigsten Hände gegangen wären . Aber bei dem Sklavenhandel , den wir betreiben , ist es ganz , ganz anders . « » Ja , ja , « sprach die Frau beistimmend . » Was wird aus den Geschöpfen , die wir in ein fremdes Land hinüber führen ? Bekommen sie vielleicht einen Herrn , der für sie sorgt , der sie zur Arbeit anhält , der sie lehrt und im Nothfalle auch nährt ? - Nein ! nein ! gewiß nicht ! Die Buben werden nach und nach Bettler von Profession , Halunken , Spitzbuben , Räuber und Mörder , und die Mädchen - na ! Denen geht ' s noch viel schlimmer . - Das versichere ich Euch , Meister Schwemmer , alle Thaten unseres Lebens , die wir im Dunkeln verübt , alle die zusammen genommen werden einmal nicht so schwer wiegen , wie der Jammer eines einzigen dieser unglücklichen Geschöpfe , wenn es am Ende eines elenden , sündhaften Lebens verkommen und jammervoll hinter irgend einer Hecke zum Teufel fährt . « Die Frau nickte stumm mit dem Kopfe , und Herr Sträuber , der , so lange Mathias in der Nähe war , außerordentlich wenig sprach , schien ihn trösten zu wollen , indem er sagte : » Man muß das nicht so genau nehmen bei dem Mathias ; er hat seine schwachen Augenblicke , nachher hat er doch wieder Alles vergessen . « Für diese Worte warf ihm Mathias einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu , dann steckte er die Hand auf die Brust unter seinen Rock und erwiderte : » Leider ist es wahr , daß mir solche Gedanken nur auf Augenblicke kommen , aber auch das ist schon was werth , und ich bin mir gerade recht wie ich bin . Wenn ich auch zuweilen im Schmutz wate , tief bis an die Kniee , so ist es mir doch auch wieder einmal behaglich , trockenen Fußes über einen hohen Berg zu marschiren und ein bischen schöne Aussicht nach vorwärts zu genießen . Das nennt Ihr freilich hie und da solche Gedanken haben , aber es ist doch , beim Teufel ! besser , auch nur bisweilen solche Gedanken zu haben , als immer und ewig im feuchten Dreck daher zu schlampen , der Euch freilich nie recht beschmutzt , aber auch nie nur eine Sekunde lang reinlich erscheinen läßt . - Doch was werfe ich Perlen vor die Säue , wie es in dem Sprichwort heißt ! « - Damit schlug er das Papier zusammen , griff nach seinem Hute und ging , ohne ein Wort weiter zu verlieren , zum Zimmer und zum Hause hinaus . Herr Sträuber blickte ihm nach , bis er über den Hof verschwunden war , dann gewann er mit einem Male seine ganze Redseligkeit wieder . - » Es ist hart , « sagte er , während er seinen Hemdkragen hervor zog , » mit solchen Menschen umgehen zu müssen , für einen Mann von Erziehung , wie ich , mit einem Kerl wie dieser Mathias . Würde sich vielleicht kein Gewissen daraus machen , Jemand für ein paar Gulden niederzustechen , und nimmt sich da heraus , vor uns von besseren Gefühlen zu reden . - Das käme mir vielleicht zu , wenn ich an meine Jugend und früheren Tage denke . « » Er spricht nicht nur zuweilen etwas Gutes , « sagte die Frau , » sondern er thut es auch . « » Da wäre ich neugierig , « meinte Herr Sträuber . » Draußen in der Vorstadt , wo wir wohnen , wurde vorgestern ein armer Weber mit sechs lebendigen Kindern und wenigem armseligem Hausrath bei dem scheußlichsten Wetter auf die Straße gesetzt . Ihr könnt Euch den Jammer gar nicht denken . « » Ja , ich weiß es , « bemerkte lächelnd Meister Schwemmer . » Das Weib , « fuhr Frau Bilz fort , » hatte ein kleines Kind an der Brust , und Beide waren blau vor Kälte . Da kam Mathias und verschaffte ihnen in einem Hinterhause ein ganz ordentliches Unterkommen . « » Aber er stellte Bedingungen dabei ? « fragte besorgt der Hausherr . » Nein , « entgegnete die Frau , » davon weiß ich nichts . - Im Gegentheil : er rieth dem Manne , Bedingungen , die ihm ein Anderer gestellt haben mußte , um keinen Preis einzugehen . « » Soll ihn der Teufel holen ! « rief Meister Schwemmer . » Und was waren das für Bedingungen ? « fragte Herr Sträuber . » Wieder ein Menschenhandel , « sagte achselzuckend die Frau . » Und also der Mathias rieth im wirklich davon ab ? « fragte der Mann am Ofen , der sein Taschentuch zusammen knitterte und es dann schnell an seinen Mund drückte , um einem Hustenanfall zuvor zu kommen , den augenscheinlich der Zorn bei ihm erregt . - » Ja , - ja , « sagte er nach einer Weile , als er wieder etwas zu Athem kam , - » soll - ihn - lothweis - der Teufel - holen ! - Verdirbt Einem - den saubersten - Handel . « » Seht Ihr wohl , « sprach Herr Sträuber , » ist das kameradschaftlich ? Das nenne ich unter Freunden Verrath . Und paßt nur einmal auf , wir können uns noch Alle vor dem Kerl in Acht nehmen ; auf einmal wird man unsere Schliche kennen , wir sind gefaßt und er spaziert hohnlachend umher . « » Davon ist kein Gedanke , « versetzte Meister Schwemmer , » Mathias ist treu und redlich wie Gold . - Sträuber , wie könnt Ihr so Etwas denken ! « » Nehmt Euch ja in Acht , « sagte ruhig die Frau , indem sie ihm einen verächtlichen Blick zuwarf , » daß Eure Gedanken nicht außer diesem Hause laut werden und ihm zufällig zu Ohren kommen . Das wäre eine scharfe Ecke für Euch ; an der könntet Ihr Euch blutig stoßen . « » Und Blut ist nicht seine Leidenschaft , « sprach achselzuckend Meister Schwemmer . - » Doch gehen wir an unser weiteres Geschäft . - Was wir sprechen , bleibt ja unter uns , « fuhr er lächelnd fort , als er sah , daß sich das Gesicht des Herrn Sträuber bedeutend verlängerte . » Da habe ich zwei Aufträge von unserer Freundin , der Madame Becker . « » Aha ! die in der alten Kaserne ! « sagte Frau Bilz . » Dieselbe . - Das ist ein verfluchtes Weibsbild und verdient Geld wie Heu ; sie hat , wie sie mir sagte ,