, ihr in seiner Technik Unterricht zu geben , und täglich in den Palast ihres Gemahles gehen mußte . Dies verdrehte ihm den Kopf oder lenkte ihn vielmehr auf den Weg , dessen Anfang von je in ihm war ; er machte irgendeine Dummheit , auch mochte der Vorfall mit der Bescheidenheit , den er auf seine Weise mir erzählt , dazukommen sein Gluck verließ ihn plötzlich , er wurde vermieden und ging nach Paris zurück . Dort gelang es ihm durch den Kunsthändler , auf günstige Weise bekannt zu werden ; er mußte eines Tages in die Tuilerien gehen , seine Mappen vorlegen und sah sich in einen allerliebsten kleinen Salon versetzt , in welchem die blühenden Kinder des Königs , Mädchen und Söhne , scherzend und lachend um seine Arbeiten sich drängten und Blätter für ihre Albums auswählten . Diese Auszeichnung wurde in den Pariser Journalen gemeldet , und er las seinen Namen im Journal des Debats , aber zum ersten und letzten Male , obgleich er seither keinen Tag ruhig schlafen konnte , wenn er dies Blatt nicht gelesen . Von nun an nahm der Irrsinn vollständig Platz in ihm , er behandelte seinen Beruf als Nebensache und trachtete mehr danach , seinen eingebildeten Rechten Geltung zu verschaffen . Zum zweiten Mal von der vornehmen Welt zurückgewiesen , mußte er in einen nachteiligen Verkehr mit Händlern treten , um nur dann und wann ein Blatt zu verkaufen . Von wohlhabenden Landsleuten , die sich zum Vergnügen in Paris aufhielten und den Umgang des Künstlers gesucht hatten , lieh er Geld , wenn er in Not war , und da er dieses mit ernsthaften und anständigen Manieren tat , das Geliehene aber nicht zurückgab , vielmehr von großen und wichtigen Dingen sprach , während er doch sonst ein kluger und einsichtiger Mann schien , so hielt man ihn bald für einen durchtriebenen und gefährlichen Schelm , der nur darauf ausgehe , andere auf tückische Weise um das Ihrige zu bringen . Daß er in der festen Überzeugung lebte , jeden Tag sein großes Schicksal aufgehen zu sehen , wo er als ein König dieser Welt alles Empfangene hundertfach vergelten könne , wurde ihm nicht angerechnet ; vielmehr verzieh man ihm nicht , wenn er einmal verrückt sei , daß er doch mit soviel schlauem Anstand und wahrer Menschenkenntnis seine wohlhabenden Bekannten wiederholt habe anführen können . Er fühlte dies recht gut mit seiner vernünftigeren Hälfte , welche durch die Not immer zur Not wachgehalten wurde ; denn während unserer seltsamen Gespräche über die Erfahrungen sagte er mir einst » Wenn Sie einst in Verlegenheit geraten und Geld leihen müssen , so tun Sie dies ja nicht auf eine anständige und geschickte Weise , wie es ernsten Leuten geziemt , wenn Sie nicht ganz sicher sind , es auf den bestimmten Tag zurückzugeben , sonst wird man Sie für einen abgefeimten Betrüger halten ! Vielmehr tun Sie es ohne alle Scham und auf liederliche , närrische Weise , damit die Leute sagen können Es ist ein Lump , aber ein guter Teufel , man muß ihm helfen ! « Überhaupt erschien er sonst in allen Dingen als ein gewandter und verständiger Mann und wußte seinen Irrsinn lange zu verbergen . Auch hatte er nach Art der Irren doch immer ein böses Gewissen , welches ihn trachten ließ , die Leute über ihn im unklaren zu halten , um nicht gewaltsam in seinen Gedankengängen gestört zu werden , und jene List , welche sich manchmal vernünftig stellt , um einen freiern Spielraum zum Unsinne zu gewinnen . In einem solchen Gefühle war er endlich in seine Heimat zurückgekehrt , um sich da auszuruhen und durch fleißige Arbeit und ein vernünftiges Leben zu Kräften und zu einem festern Standpunkte zu gelangen , von dem aus er seinen Stern erwarten könnte . Allein er fand durch die Familien von einem oder zweien jener Muttersöhnchen , denen er mäßige Summen schuldete , die Stimmung so gegen sich eingenommen , daß er überall abgestoßen und mit Verdacht umgeben ward . Er schrieb dies Mißgeschick den Kabalen der europäischen Kabinette zu , hielt sich ganz still , um diese zu täuschen und einzuschläfern , und machte dabei die schönsten Zeichnungen . Diese sandte er aber nicht an namhafte Plätze , weil er der Meinung war , seine Feinde würden den Verkauf verhindern , sondern an entlegene Orte , von wo sie immer unverkauft zurückkamen . Ich glaube , daß Römer während der Zeit seines Aufenthaltes keine anderen Mittel hatte als das wenige Geld , was er von mir empfangen . Es stellte sich erst nachher heraus , daß er nie etwas Warmes genossen , sondern sich heimlich mit Brot und Käse ernährte , und seine größte Ausgabe bestand in der Unterhaltung seiner feinen Wäsche und der Handschuhe . Zu seinen Kleidern wußte er so Sorge zu tragen , daß sie bei seiner Abreise noch ebenso gut aussahen wie bei der Ankunft , obschon er immer dieselben trug . Nachdem ich vier Monate unter seiner Leitung zugebracht , wollte ich mich zurückziehen , indem ich die bezahlte Summe nun als ausgeglichen betrachtete . Doch er wiederholte seine Äußerung , daß es hiemit nicht so genau zu nehmen und die Studien deshalb nicht abzubrechen wären ; es sei ihm im Gegenteil ein angenehmes Bedürfnis , unsern Verkehr fortzusetzen . So arbeitete ich zwar nicht mehr anhaltend in seiner Wohnung , besuchte ihn aber jeden Tag , emfing seinen Rat und richtete mich manchmal auch vorübergehend bei ihm ein . Weitere vier Monate vergingen so , während welcher er , durch die Not gezwungen , aber leichthin und beiläufig mich anfragte , ob meine Mutter ihm mit einem kleinen Darlehen auf kurze Zeit aushelfen könne ? Er bezeichnete ungefähr eine gleiche Summe wie die schon empfangene , und ich brachte ihm dieselbe noch am gleichen Tage . Im Frühjahr endlich gelang es ihm , aber erst infolge eines mühseligen Briefwechsels , wieder einmal eine Arbeit zu verkaufen , wodurch er zum ersten Mal seit langer Zeit eine Summe in die Hände bekam . Mit dieser beschloß er , wieder nach Paris zu gehen , da ihm hier kein Heil blühen wollte und ihn sonst auch der Wahn forttrieb , durch Ortsveränderung ein besseres Los erzwingen zu können . Denn trotz allem scharfsinnigen Instinkte , den ein Irrsinniger und Unglücklicher hat , ahnte er von ferne nicht , daß sein wirkliches Geschick viel schlimmer als sein eingebildetes Leiden und daß die Welt übereingekommen war , seine armen schönen Zeichnungen und Bilder entgelten zu lassen , was man von seiner vermeintlichen Schlechtigkeit hielt . Ich fand ihn , wie er seine Sachen zusammenpackte und einige Rechnungen bezahlte . Er kündigte mir seine Abreise an , die am andern Tage erfolgen sollte , und verabschiedete sich zugleich freundlich von mir , noch einige geheimnisvolle Andeutungen über den Zweck der Reise beifügend . Als ich meiner Mutter die Nachricht mitteilte , fragte sie sogleich , ob er denn nichts von dem geliehenen Gelde gesagt habe ? Ich hatte bei Römer einen entschiedenen Fortschritt gemacht , mein ganzes Können abgerundet und meinen Blick erweitert , und es war gar nicht zu berechnen und schon nicht mehr zu denken , wie es ohne dies alles mit mir hätte gehen sollen . Deswegen hätten wir das Geld füglich als eine wohlangewandte Entschädigung ansehen müssen , und dies um so mehr , als Römer mir die letzte Zeit nach wie vor seinen Rat gegeben hatte . Allein wir glaubten nur einen Beweis von der Richtigkeit jener Gerüchte zu sehen und wußten auch dazumal noch nicht , wie kümmerlich er lebte ; wir dachten ihn im Besitze guter Mittel , denn er hatte seine Armut sorgfältig verborgen . Meine Mutter bestand darauf , daß er das Geliehene zurückgeben müsse , und war zornig , daß jemand von dem zum Besten ihres Söhnleins bestimmten kleinen Geldvorrate sich ohne weiteres einen Teil aneignen wolle . Was ich gelernt , zog sie nicht in Betracht , weil sie es für die Schuldigkeit aller Welt hielt , mir mitzuteilen , was man irgend Gutes wußte . Ich dagegen , teils weil ich zuletzt auch gegen Römer eingenommen war und ihn für eine Art Schwindler hielt , teils weil ich meine Mutter zur Herausgabe der Summe beredet , und endlich aus Unverstand und Verblendung , hatte nichts einzuwenden und war vielmehr fast schadenfroh , Römer etwas Feindliches anzutun . Als daher die Mutter ein Billett an ihn schrieb und ich einsah , daß er , wenn er entschlossen war , das Geld zu behalten , die Mahnung einer in seinen Augen gewöhnlichen Frau nicht beachten werde , kassierte ich das Schreiben meiner Mutter , welche ohnedies verlegen war , an einen so ansehnlichen und fremdartigen Mann zu schreiben , und entwarf ein anderes , welches , ich muß es zu meiner Schande gestehen , höchst zweckmäßig eingerichtet war . In höflicher und geistreicher Sprache berechnete ich halb seine fixen Ideen , halb seinen Stolz und sein Ehrgefühl ( dieses dachte ich durch jene zu zwingen ) , und indem das bescheidene Billett erst zu einer Bitterkeit wurde , wenn es unberücksichtigt blieb , war es , wenn Römer alles das verlachen sollte , schließlich so beschaffen , daß er doch nicht lachen , sondern sich durchschaut sehen konnte . Soviel brauchte es indessen gar nicht ; denn als wir das Machwerk hinschickten , kehrte der Bote augenblicklich mit dem Gelde zurück . Ich war etwas beschämt ; doch sprachen wir jetzt alles Gute von ihm , er sei doch nicht so übel usf. , nur weil er uns das elende Häufchen Silber herausgegeben . Ich glaube , wenn Römer sich eingebildet hätte , ein Nilpferd oder ein Speiseschrank zu sein , so wäre ich nicht so unbarmherzig und undankbar gegen ihn gewesen ; da er aber ein großer Prophet sein wollte , so fühlte sich meine eigene Eitelkeit dadurch verletzt und waffnete sich mit den äußerlichen scheinbaren Gründen . Nach einem Monate erhielt ich von Römer folgenden Brief aus Paris : » Mein werter junger Freund ! Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden schuldig , da ich gern annehme , mich Ihrer ferneren Teilnahme und Freundschaft erfreuen zu dürfen . Bin ich Ihnen doch meine endliche Befreiung und Herrschaft schuldig . Durch Ihre Vermittlung , indem Sie das Geld von mir zurückverlangten ( welches ich nicht vergessen hatte , aber Ihnen in einem freiern Augenblicke zurückgeben wollte ) , bin ich endlich in den Palast meiner Väter eingezogen und meiner wahren Bestimmung anheimgegeben ! Aber es kostete Mühseligkeit . Ich gedachte jene Summe zu meinem ersten Aufenthalte hier zu verwenden ; da Sie aber selbige zurückverlangten , so blieb mir nach Abzug der Reisekosten noch 1 Franc übrig , mit welchem ich von der Post ging . Es regnete sehr stark , und verwandte ich daher den besagten Franc dazu , nach dem Mont piete zu fahren und dorten meinen Koffer zu versetzen . Bald darauf sah ich mich genötigt , meine Sammlungen einem Trödler für ein Trinkgeld zu verkaufen , und erst jetzt , als ich endlich von aller angenommenen Künstlermaske und allem Kunstapparate glücklich befreit und hungernd in den Straßen umherlief , ohne Obdach , ohne Kleider , doch jubelnd über meine Freiheit , da fanden mich treue Diener meines erlauchten Hauses und führten mich im Triumph heim ! Aber noch beobachtet man mich zuweilen , und ich benutze eine günstige Gelegenheit , dies Zeichen zu senden . Sie sind mir wert geworden , und ich habe etwas Gutes mit Ihnen vor ! Inzwischen nehmen Sie meinen Dank für die günstige Wendung , die Sie herbeigeführt ! Möge alles Elend der Erde in Ihr Herz fahren , jugendlicher Held ! Mögen Hunger , Verdacht und Mißtrauen Sie liebkosen und die schlimme Erfahrung Ihr Tisch- und Bettgenosse sein ! Als aufmerksame Pagen sende ich Ihnen meine ewigen Verwünschungen , mit denen ich mich bis auf weiteres Ihnen treulichst empfehle ! Ihr wohlgewogener Freund . Dies nur in Eile , ich bin zu sehr beschäftigt ! « Erst vor einem Jahre erfuhr ich , daß Römer in einem französischen Irrenhause verschollen sei . Wie es dazu kam , wird in obigem Briefe ziemlich klar . Meine Mutter , welcher ich alles verhehlte , konnte keine Schuld treffen als diejenige aller Frauen , welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle Welt werden . Ich hingegen , der ich gerade zu dieser Zeit mich gut und strebsam glaubte , sah nun ein , welche Teufelei ich begangen hatte . Ich log , verleumdete , betrog oder stahl nicht , wie ich es als Kind getan , aber ich war undankbar , ungerecht und hartherzig unter dem Scheine des äußern Rechtes . Ich mochte mir lange sagen , daß jene Forderung ja nur eine einfache Bitte um das Geliehene gewesen sei , wie sie alle Welt versucht , und daß weder meine Mutter noch ich je gewaltsam darauf bestanden hätten , ich mochte mir lange sagen , daß Erfahrung den Meister mache und man auch diese Art Unrecht , als die gangbarste und am leichtesten zu begehende , am besten durch ein tüchtiges Erlebnis recht einsehen und vermeiden lerne , mochte ich mich auch überreden , daß Römers Wesen und Schicksal mein Verhalten hervorgerufen und auch ohne diesen Vorgang seine Erfüllung erreicht hätte ; alles dies hinderte nicht , daß ich mir doch die bittersten Vorwürfe machen mußte und mich schämte , sooft Römers Gestalt vor meinen Sinn trat . Wenn ich auch die Welt verwünschte , welche dergleichen Handlungen als klug und recht anerkennt ( denn die rechtlichsten Leute hatten ms zu der Wiedererlangung ; , der Summe beglückwünscht ) , so fiel doch alle Schuld wieder auf mich allein zurück , wenn ich an die Anfertigung jenes Billetts dachte , welches ich so recht con amore und ohne die mindeste Mühe geschrieben und gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt hatte . Ich war bald achtzehn Jahre alt und entdeckte jetzt erst , wie ruhig und unbefangen ich seit den Knabensünden und Krisen gelebt , sechs lange Jahre ! Und nun plötzlich diese Teufelei ! Wenn ich schließlich bedachte , wie ich jenes unverhoffte Erscheinen Römers als eine höhere Fügung angesehen , so wußte ich nicht , sollte ich lachen oder weinen über den Dank , den ich dafür gespendet . Den unheimlichen Brief wagte ich nicht zu verbrennen und fürchtete mich , ihn aufzubewahren ; bald begrub ich ihn unter entlegenem Gerümpel , bald zog ich ihn hervor und legte ihn zu meinen liebsten Papieren , und noch jetzt , sooft ich ihn finde , verändere ich seinen Ort und bringe ihn anderswohin , so daß er auf steter Wanderschaft ist . Drittes Kapitel Diese Demütigung traf mich um so stärker , als ich , in Annas Träumen und Ahnungen rein und gut zu erscheinen , den Winter über ein puritanisches Wesen angenommen hatte und nicht nur meine äußerliche Haltung , sondern auch meine Gedanken sorgfältig überwachte und mich bestrebte , wie ein Glas zu sein , das man jeden Augenblick durchschauen dürfe . Welche Ziererei und Selbstgefälligkeit dabei tätig war , wurde mir jetzt erst bei dieser gewaltsamen Störung deutlich , und meine Selbstanklage wurde noch durch das Gefühl der Narrheit und Eitelkeit verbittert . Anna hatte während des Winters streng das Zimmer hüten gemußt und wurde im Frühling bettlägerig . Der arme Schulmeister kam in die Stadt , um meine Mutter abzuholen ; er weinte , als er in die Stube trat . Wir schlossen also unsere Wohnung zu und fuhren mit ihm hinaus , wo meine Mutter wie ein halbes Meerwunder empfangen und geehrt wurde . Sie enthielt sich jedoch , alle die Orte , die ihr teuer waren , aufzusuchen und ihre gealterten Bekannten zu sehen , sondern eilte , sich bei dem kranken Kinde einzurichten ; erst nach und nach benutzte sie günstige Augenblicke , und es dauerte monatelang , bis sie alle Jugendfreunde gesehen , obgleich die meisten in der Nähe wohnten . Ich hielt mich im Hause des Oheims auf und ging alle Tage an den See hinüber . Anna litt morgens und abends und in der Nacht am meisten ; den Tag über schlummerte sie oder lag lächelnd im Bette , und ich saß an demselben , ohne viel zu wissen , was ich sagen sollte . Unser Verhältnis trat äußerlich zurück vor dem schweren Leiden und der Trauer , welche die Zukunft nur halb verhüllte . Wenn ich manchmal ganz allein auf eine Viertelstunde bei ihr saß , so hielt ich ihre Hand , während sie mich bald ernst , bald lächelnd ansah , ohne zu sprechen , oder höchstens , um ein Glas oder sonst einen Gegenstand von mir zu verlangen . Auch ließ sie sich oft ihre Schächtelchen und kleinen Schätze auf das Bett bringen , kramte dieselben aus , bis sie müde war , wo sie mich dann alles wieder einpacken ließ . Dies erfüllte uns mit einem stillen Glücke , und wenn ich dann beinahe stolz auf dies so zarte und reine Verhältnis fortging , so konnte ich nicht begreifen , wie und warum ich Anna in Erwartung schmerzenvoller Qualen zurückließ . Der Frühling blühte nun in aller Pracht ; aber das arme Kind konnte kaum und selten ans Fenster gebracht werden . Wir füllten daher die Wohnstube , in welcher ihr weißes Bett stand , mit Blumenstöcken und bauten vor dem Fenster ein breites Gerüste , um auf demselben durch größere Töpfe möglichst einen Garten einzurichten . Wenn Anna an sonnigen Nachmittagen eine gute Stunde hatte und wir der warmen Maisonne das Fenster öffneten , der silberne See durch die Rosen und Oleanderblüten hereinglänzte und Anna in ihrem weißen Krankenkleide dalag , so schien hier ein sanfter trauernder Kultus des Todes begangen zu werden . Manchmal aber wurde Anna in solchen Stunden ganz munter und verhältnismäßig redselig ; wir setzten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemächliches Gespräch über Personen und Begebenheiten , bald heiterer Natur und bald ernster , so daß Anna Bericht erhielt von dem , was unsere kleine Welt bewegte . Eines Tages , als meine Mutter in das Dorf gegangen war , fiel das Gespräch auf mich selbst , und der Schulmeister wie seine Tochter schienen es auf diesem Gegenstande so wohlwollend festhalten zu wollen , daß ich mich äußerst geschmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarkeit die größte Aufrichtigkeit entgegenbrachte . Ich benutzte den Anlaß , mein Verhältnis zu dem unglücklichen Römer zu erzählen , über welches ich seit jenem Briefe mit niemanden gesprochen , und ich brach in die heftigsten Klagen über den Vorfall und mein Verhalten aus . Der Schulmeister verstand mich aber nicht recht ; denn er wollte mich beruhigen und die Sache als nicht halb so schlimm darstellen , und was darin doch gefehlt war , sollte mich aufmerksam machen , daß wir eben allzumal Sünder und der Barmherzigkeit des Erlösers bedürftig seien . Das Wort Sünder war mir aber ein für allemal verhaßt und lächerlich und ebenso die Barmherzigkeit ; vielmehr wollte ich ganz unbarmherzig die Sache mit mir selbst ausfechten und mich verurteilen auf gut weltlich gerichtliche Art und durchaus nicht auf geistliche Weise . Plötzlich aber bekam Anna , welche sich bisher still verhalten , aufgeregt durch meine Erzählung und durch mein Gebaren , einen heftigen Anfall ihrer Krämpfe und Leiden , daß ich das arme zarte Wesen zum ersten Mal seiner ganzen hilflosen Qual verfallen sah . Große Tränen , durch Not und Angst erpreßt , rollten über ihre weißen Wangen , ohne daß sie dieselben aufhalten konnte . Sie war ganz durch die Bewegungen ihrer Leiden beschäftigt , so daß bald alle Rücksicht und Haltung verschwinden mußten , und nur dann und wann richtete sie einen kurzen irrenden Blick auf mich , wie aus einer fremden Welt des Schmerzes heraus ; zugleich schien sie dann eine zarte Scham zu ängstigen , so maßlos vor mir leiden zu müssen ; und ich muß bekennen , daß meine Verlegenheit , so gesund und ungeschlacht vor dem Heiligtume dieser Leidensstätte zu stehen , fast so groß war als mein Mitleiden . Überzeugt , daß ich ihr dadurch wenigstens einige Befreiung verschaffe , ließ ich sie in den Armen ihres Vaters und eilte bestürzt und beschämt davon , meine Mutter herbeizuholen . Nachdem diese mit einer Nichte sich fortbegeben , um das kranke Kind zu pflegen , blieb ich den Rest des Tages im oheimlichen Hause , mir Vorwürfe machend über mein plumpes Ungeschick . Nicht nur mein Unrecht gegen Römer , sondern sogar das Bekenntnis desselben und seine heutigen Folgen warfen einen gehässigen Schein auf mich , und ich fühlte mich gebannt in einer jener dunklen Stimmungen , wo einem der Zweifel aufsteigt , ob man wirklich ein guter , zum Glück bestimmter Mensch sei ? wo es scheint , als ob nicht sowohl eine Schlechtigkeit des Herzens und des Charakters als eine gewisse Schlechtigkeit des Kopfes , des Geschickes einem anhafte , welche noch unglücklicher macht als die entschiedene Teufelei . Ich konnte nicht einschlafen vor dem Bedürfnisse , mich zu äußern , da das immerwährende Verschweigen wie die mißlungene Aufrichtigkeit den Anstrich des Unheimlichen noch vermehrt . Ich stand nach Mitternacht auf , kleidete mich an und schlich mich aus dem Hause , um Judith aufzusuchen . Ungesehen kam ich durch Gärten und Hecken , fand aber alles dunkel und verschlossen bei ihr . Ich stand einige Zeit unschlüssig vor dem Hause ; doch kletterte ich zuletzt am Spalier empor und klopfte zaghaft an das Fenster ; denn ich fürchtete mich , das gereifte und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der Nacht aufzuschrecken , ich besorgte zu meiner Beschämung erfahren zu müssen , daß ein solches Weib zuletzt doch manchmal zu tun für gut finden könne , was nicht jeder Junge zu wissen brauche . Aber sie war ganz allein , hörte und erkannte mich sogleich , stand auf , zog sich leicht an und ließ mich zum Fenster hinein . Dann machte sie Licht , Helle zu verbreiten , weil sie glaubte , ich sei in der Absicht gekommen , irgend einige Liebkosungen zu wagen . Aber sie war sehr verwundert , als ich anfing , meine Geschichten zu erzählen , erst die gewaltsame Störung , welche ich heute in die stille Krankenstube getragen , und dann die unglückliche Geschichte mit Römer , deren ganzen Verlauf ich schilderte . Nachdem ich meinen kunstreichen Mahnbrief und den darauf erhaltenen Pariser Brief beschrieben , aus dessen Inhalt wir wohl Römers Schicksal ahnen konnten , nur daß wir statt des Irrenhauses gar ein Gefängnis vermuteten , rief Judith » Das ist ja ganz abscheulich ! Schämst du dich denn nicht , du Knirps ? « Und indem sie zornig auf und nieder ging , malte sie recht genau aus , wie Römer sich vielleicht erholt hätte , wenn man ihm nicht die Mittel zu seinem ersten Aufenthalte in Paris entzogen , wie ihn der Erhaltungstrieb vielleicht , ja sicher eine Zeitlang hätte klug sein lassen und hieraus unberechenbar eine bessere Wendung auf diese oder jene Weise möglich gewesen . » Oh , hätte ich den armen Mann pflegen können « , rief sie aus , » gewiß hätte ich ihn kuriert ! Ich hätte ihn ausgelacht und ihm geschmeichelt , bis er klug geworden wäre ! « Dann stand sie still , sah mich an und sagte » Weißt du wohl , Heinrich , daß du allbereits ein Menschenleben auf deiner grünen Seele hast ? « Diesen Gedanken hatte ich mir noch nicht einmal klargemacht , und ich sagte betroffen » Ho , so arg ist es wohl nicht ! Im schlimmsten Falle wäre es ein unglücklicher Zufall , den ich nicht herbeizuführen je wähnen konnte ! « - » Ja « , erwiderte sie sachte , » wenn du eine einfache , sogar grobe Forderung gestellt hättest ? Durch deinen saubern Höllenzwang aber hast du ihm förmlich den Dolch auf die Brust gesetzt , wie es auch ganz einer Zeit gemäß ist , wo man sich mit Worten und Brieflein totsticht ! Ach , der arme Kerl ! er war so fleißig und gab sich Mühe , aus der Patsche zu kommen , und als er endlich ein Röllchen Geld erwarb , nimmt man es ihm weg ! Es ist so natürlich , den Lohn der Arbeit zu seiner Ernährung zu verwenden ; aber da heißt es Gib erst zurück , wenn du geborgt hast , und dann verhungere ! « Wir saßen beide eine Weile düster und nachdenklich da ; dann sagte ich » Das hilft nichts , geschehene Dinge sind einmal nicht zu ändern . Die Geschichte soll mir zur Warnung dienen ; aber ich kann sie nicht ewig mit mir herumschleppen , und da ich mein Unrecht einsehe und bereue , so mußt du es mir endlich verzeihen und mir die Gewißheit geben , daß ich deswegen nicht hassenswert und garstig aussehe ! « Ich merkte nämlich erst jetzt , daß ich darum hergekommen und allerdings bedürftig war , durch Mitteilung und durch die Vermittlung eines fremden Mundes die Vertilgung eines drückenden Gefühles oder Verzeihung zu erlangen , wenn ich mich auch gegen des Schulmeisters christliche Vermittlung sträubte . Aber Judith antwortete » Daraus wird nichts ! Die Vorwürfe deines Gewissens sind ein ganz gesundes Brot für dich , und daran sollst du dein Leben lang kauen , ohne daß ich dir die Butter der Verzeihung darauf streiche ! Dies könnte ich nicht einmal ; denn was nicht zu ändern ist , ist eben deswegen auch nicht zu vergessen , dünkt mich , ich habe dies genugsam erfahren ! Übrigens fühle ich leider nicht , daß du mir irgend widerwärtig geworden wärest ; wozu wäre man da , wenn man nicht die Menschen , wie sie sind , liebhaben müßte ? « Und sie drückte , da sie auf dem Rande des Bettes und ich auf einer altmodisch bemalten Kiste zu ihren Füßen saß , meinen Kopf auf ihren Schoß und verband ihre Hände liebevoll unter meinem Kinn . Diese seltsame Äußerung in Judiths Munde machte mich tief betroffen und verursachte mir ein langes Nachsinnen ; je länger ich sann , desto gewisser wurde es mir , daß Judith das Rechte getroffen , und ich gelangte zu einem Schluß , welcher , indem er zugleich zu einem Entschluß wurde , nämlich das Bewußtsein des begangenen Unrechtes nie mehr vergessen und immer in seiner ganzen Frische tragen zu wollen , mir die einzig mögliche Ausgleichung zu sein schien . Nur einer kann und soll verzeihen und vergessen , der von Unrecht Betroffene selbst , der Täter und alle anderen können es niemals , solange eine innere oder äußere Spur übrigleibt . Dies kann man am deutlichsten an den großen Beispielen der Geschichte sehen . Die Tausende , welche Philipp der Zweite verbrennen ließ , haben ihm gewiß längst verziehen und betrachten ihn wie einen andern Mann , der gefehlt hat , während die Millionen Protestanten , welche leben , ihm immer noch nicht verzeihen können , weil die Wirkungen seiner Tat noch täglich vor unser aller Augen sind , und ihn selbst betreffend , ist es gar nicht denkbar , daß er sein weltgeschichtliches Unrecht habe vergessen können ; denn wenn er auch mit seinem Tode als König abgesetzt und in den Wirbel der anderen Wesen gerissen wurde , so hörte er darum nicht auf , Philipp der Zweite zu sein , vielmehr , wenn er es je gewesen ist , wird er es ewig bleiben . Dadurch aber , daß nur die vom Unrecht Betroffenen unmittelbar verzeihen , was man so verzeihen nennt , bleibt zuletzt doch kein Haß übrig als derjenige gegen das Böse , das man in sich selber hat ; denn das Nichtverzeihen der übrigen ist wieder etwas anderes . Es ist merkwürdig , daß die Menschen immer nur große Dummheiten , die sie begangen , glauben nicht vergessen zu können , sich bei deren Erinnerung vor den Kopf schlagen und kein Hehl daraus machen , zum Zeichen , daß sie nun klüger geworden ; begangenes Unrecht aber machen sie sich weis allmählich vergessen zu können , während es in der Tat nicht so ist , schon deswegen , weil das Unrecht mit der Dummheit nahe verwandt und ähnlicher Natur ist . Ja , dachte ich , so unverzeihlich mir meine Dummheiten sind , wird es auch mein Unrecht sein ! Was ich an Römer getan , werde ich von nun an nie mehr vergessen und , wenn ich unsterblich bin , in die Unsterblichkeit hinübernehmen , denn es gehört zu meiner Person , zu meiner Geschichte , zu meinem Wesen , sonst wäre es nicht passiert ! Meine einzige Sorge wird sein , zu trachten , daß ich noch so viel Rechtes tue , daß mein Dasein erträglich bleibt ! Ich sprang auf und verkündete der Judith diese Ausführung und Anwendung ihrer einfachen Worte ; denn es dünkte mir ein wichtiges Ereignis , so für immer auf das Vergessen einer Übeltat zu verzichten . Judith zog mich nieder und sagte mir ins Ohr » Ja , so wird es sein ; du bist jetzt erwachsen und hast in diesem Handel schon deine moralische Jungfernschaft verloren ! Nun kannst du dich in acht nehmen , Bürschchen , daß es nicht so fort geht ! « Der drollige Ausdruck , den sie gebrauchte , stellte mir die Sache noch in ein neues und lächerlich deutliches Licht , daß ich einen großen Ärger empfand und mich einen ausgesuchten Esel , Laffen und aufgebläheten Popanz schalt , der sich so blindlings habe übertölpeln lassen . Judith lachte und rief » Denke daran , wenn man am gescheitesten zu sein glaubt , so kommt man am ehesten als ein Esel zum Vorschein ! « - » Du brauchst nicht zu lachen ! « erwiderte ich ärgerlich ,