, humansten Fürsten , dessen Blick Güte und Wohlwollen lächelte , der die Majestät vergessen ließ in der Liebenswürdigkeit , glaubte etwas gesehen zu haben , was er sein Leben durch nicht vergessen dürfe . Wie mehr als gnädig hatte er gegrüßt , mit welcher Huld die Anreden empfangen . Wie viele Frauen schworen , wenigstens bei sich , daß das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet . Aber er war nicht zu Tanz und süßem Liebesspiel gekommen . Der Ernst der Gegenwart dämpfte wieder die aufsteigende Lust ; in die Jubelstimmen hatten sich andre Laute gemischt , kühne Rufe , die der unbewachten Brust entschlüpften , auch Thränen ; die funkelnden Degenspitzen schienen Vielen schon angeröthet . So ernst wehmüthig war der Empfang gewesen im großen Portal des Schlosses . Hier hatten König und Königin , von ihrem Palais herübergekommen , den Gast bewillkommnet . Es war eine feierliche Scene , als die beiden jungen Monarchen sich umarmten , als der Czaar die Hand der huldvollsten Königin an die Lippen drückte ; ein Moment , von dem Europas Schicksal abhing ! Und in wie lautloser Theilnahme hatte die Menge dem Familienstück zugesehen , das zum großen Trauerspiel für hundert Tausende , für Millionen werden durfte , mit welcher bangen Spannung gewartet , was drinnen vorgehe , als die höchsten Herrschaften in die Apartements getreten waren . Und doch wusste man , daß es hier nicht geschehe . Sie nahmen nur Erfrischungen ein . Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal , in denen die Wirthe den hohen Gast nach Potsdam entführen wollten . Dort - wo Friedrich schläft - sollte gewürfelt werden über das Loos der Zukunft . Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststraße hin , die für eines der wunderbaren Prachtwerke der Königsstadt galt , als die Offiziere in den Konditorladen traten . So prächtig ihre Gala-Uniform , so bescheiden sah damals der Laden aus . Nichts von Gold und Mahagoni , nichts von Säulen und funkelndem Krystall . Auch glänzte das wenige Tageslicht , das durch die Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel , nicht wider von zahllosen Riesenbogen ausgespannter Zeitungen . Zeitungen waren freilich auch hier schon , zwei oder drei vielleicht , bescheidene Blättchen , auf grauem Löschpapier , die wöchentlich zwei oder drei Mal alle Neuigkeiten der Welt wieder erzählten , was in der Türkei geschah und am Rheine , und von Berlin brachten sie voran lange Listen aller angekommenen Fremden , mit ihren Titeln und den Wirthshäusern , darin sie wohnten . Dann alle Ernennungen zu Hof- und Staatsdiensten , zuweilen auch eine Mittheilung , daß ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden . Und hinterher Theaterrecensionen , Charaden , Fabeln , Anzeigen von Auktionen , Verkäufen , Büchern , Wohnungen und sehr vielerlei . Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch voran ein Gedicht , gereimt oder ungereimt , immer jedoch zum Lobe der höchsten Herrschaften . Denn jene Zeiten waren vorbei , wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spaß erlaubte , wie der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805 verstorbene noch wunderlichere Burrmann , welcher die Leser mit Reimereien , so seltsam wie er selbst , beschenkte . So hatte er einst am 21. Dezember die Vossische Zeitung mit dem Vers angefangen : Gottlob und Dank Die Tage werden wieder lang . Nein , seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer , französischer Geschmack in die Zeitungen gefahren , wie er ja auch in der Gesellschaft war . Der tölpelhafte deutsche Hanswurst war längst fortgeschickt , und man sprach nur das aus , was gegen nichts und Niemand verstieß , auch auf die Gefahr hin in dem Gesagten nichts zu sagen . Darum , doch aus andern Gründen , las man nie in den Berliner Zeitungen von dem , was in Berlin geschah , es sei denn , daß eine hohe Obrigkeit es der Druckerei zugesandt , und auch über das Draußen enthielt man sich jeder eignen Meinung und druckte nur ab , was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten . Heute aber war ein außerordentliches Ereigniß auch in der genannten Vossischen Zeitung . Voran stand ein langes Gedicht , dessen Anfang und Ende so lauteten . Jemand las es in der Konditorei laut vor , als die Offiziere eintraten , und Alle , die es hörten , sahen sich verwundert an : Nicht Salomon und Titus - wozu Namen Der Vorzeit ! Sind wir Neueren so arm ? - Nein , Alexander , Friedrich , Arm in Arm , Stehn da , ein Brüderpaar . Zu Preußens Adler kamen Die Adler Rußlands ! Jubelnd sieht Berlin Sie über sich vereinten Fluges ziehn . Sie stehen vor dir , Arm im Arm . O glückliches Berlin ! Sprich aus die schönen Namen ! Wer sind die Menschenfreunde ? Sprich ! Wer ? - Alexander , Friederich ! Daß das Gedicht ausgezeichnet schön sei , darüber war nur eine Stimme , aber einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht , wie solch ein Blitzkerl von Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe , daß er auf der Stelle im Stande sei , sie drucken zu lassen , und gar in Versen ! » Und , « sagte ein anderer , » daß man ' s drei Mal in der Woche erfährt , was vorher passirt ist ! Erst muß es doch geschrieben werden , was schon eine verfluchte Arbeit ist , und dann gedruckt und verkauft . « - » ' s ist auch ' ne schwarze Kunst , « lachte ein Anderer . Herr Josty , mit der Flasche Euraçao in der Hand , flüsterte den Herren zu : » Und was werden Sie erst sagen , wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen , was uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertirt . Sehn Sie mal gefälligst in der Ecke hinterm Ofen den Herrn im grünen Rock und Nankinghosen . Das ist Herr Professor Lange . Der giebt ein solches Blatt heraus , es soll Telegraph heißen . Morgen schon kommt die erste Nummer . Die Leute werden sich den Kopf überschlagen . « - Die Offiziere vigilirten den » verfluchten Kerl « , der mit dem Bleistift Notizen machte , und stritten ob seine Ohren oder Nase spitzer wären . Auch der Herr Kriegsrath Alltag hatte diesen Tag nicht alltäglich begangen . Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Chocolade genippt , was zu jener Zeit , als wir ihn kennen lernten , ein außerordentliches Evenement gewesen wäre . Aber schien er doch selbst ein Anderer geworden . Der gestickte blaue Rock war zwar schon etwas über die Mode hinaus , jedoch vom feinsten Tuch , das sauberste weiße Halstuch war über das Jabot geknüpft und feine Brüsseler Manchetten spielten um die knappen Aermel . Frisch gepudert war das Haar , und der Zopf mit neuem glänzenden Seidenband umwickelt . Die goldene Uhrkette hing um einen Finger breit länger auf die schwarz taffetnen Beinkleider , und die gestreiften Seidenstrümpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten unverkennbar auf ein nicht alltägliches Evenement . Und das war es , wo der Herr Minister ihn gewürdigt , ihn aufzufordern sich im Schloß zu gestellen , er wolle schon für einen Platz sorgen , daß er die Majestäten recht von nahe sähe . Hatte er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt , wo die hohen Herrschaften vorbei mussten ? Wenn er sich nicht ans Geländer zurückgedrückt , so weit als möglich , hätte ihn da nicht das seidene Kleid Ihro Majestät der Königin fast berührt ? Durch eine glückliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch vor dieser Berührung bewahrt . Der Kriegsrath war erröthet vor Schreck . - Welcher neue Schreck aber ! - Kaiser Alexander , der die Königin am Arm führte , war auf dem Podest einige Stufen über ihm stehen geblieben , damit die hohe Frau Athem schöpfe . Seine Majestät , der hinter ihnen ging , war natürlich auch stehen geblieben , und auf derselben Stufe , auf der die Füße des Kriegsraths standen . Zwar war die Stufe breit , aber es war dasselbe Brett , und der Kriegsrath fühlte unter seinen Füßen die Bewegung , welche der Fuß Seiner Majestät verursachte . - Und es war noch nicht Alles . - Excellenz , der Minister , sein Gönner , flüsterte dem Könige einige Worte zu , und - er traute seinen Ohren nicht , aber es war so - er hörte seinen Namen . Der König hatte sich darauf umgesehen , hatte ihn angesehen und die Worte gesprochen : » Treuer Diener seines Herrn . Freue mich . « - Er hatte es gesprochen , wirklich und wahrhaftig , und es war noch nicht Alles . - Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten , war der König bei ihnen , und sagte der Königin etwas ins Ohr , und die Königin wandte auch ihr Gesicht zum Kriegsrath nieder , und er hörte die Worte : » Ah c ' est lui ! « - War das neue Täuschung , oder war es auch Wahrheit , sie hatte ihm von oben freundlich zugenickt . Wie der Kriegsrath nachher von der Treppe herunter gekommen , wie auf den freien Platz , das wusste er selbst nicht . Er las nie ein Märchen , weil er überhaupt nicht las , aber aus seiner Jugend , aus der Ammenstube , wusste er doch , was ein Feenmärchen ist . - Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefächelt , wie einen , der nach langer dunkler Haft ans Sonnenlicht gerissen wird , oder wie den Trinker , der aus dem Keller in ' s Freie tritt . Unten hat er es noch nicht gefühlt , jetzt aber dreht sich die Welt um ihn , und der Boden wankt unter seinen Füßen . Der Rippenstoß eines Korporals , dessen Rotte er in seinem Schwanken vermuthlich zu nahe gekommen war , hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht . Es war kein Traum gewesen , auch keine Erscheinung aus einem arabischen Märchen , vielmehr nichts als die Besiegelung dessen , was er längst ahnte , vielleicht wusste , und in der Stadt munkelte es schon . Er sollte nicht mehr lange Kriegsrath bleiben , er war zu Höherem bestimmt . Diese Bestimmung drückte sich auch in seiner Haltung aus , wie er am Tische in der Ecke neben einem andern Manne gesessen , und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gespräch gepflogen hatte . Der andre Mann , ungefähr im Alter des Kriegsrathes , oder etwas älter , war in seiner Erscheinung just das Gegentheil . Sein fein geschnittenes , intelligentes Gesicht war durch ein Paar kleine graue , ins Blaue spielende . Augen , wenn sie mit Eifer auf einen Gegenstand fielen , lebendig . Sonst hatte es mehr einen kalkulatorischen Ausdruck , jene verschrumpften , doch nicht unedlen Züge , welche ein beständiges Nachdenken über plus und minus ausdrücken , jene Absorbirung von allem was Impuls oder Phantasie heißt . Wenn aber die Augen aufblitzten oder auf einen Gegenstand zuckten , bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug . Sein Haar , weißblond von Natur oder weiß vom Alter , schien schon lange den Puder als etwas Ueberflüssiges abgestreift zu haben . Es fiel schlicht , eben nicht sorgsam gekämmt , auf den Hinterkopf und um die Schläfe herab . Daß er eben so wenig Umstände mit der Toilette wie mit der Frisur machte , verrieth der Ueberrock von grobem Tuch und einem dick übergelegten Kragen . Seine Hände , die auf dem Tische lagen , waren weiß und fein , seine Füße dagegen , die er weit vorgestreckt hatte , schienen grob wie die blauen Strümpfe und die dick versohlten Schuhe . » Also keine Mariage nicht ! « hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt , und zwei Gläser mit Granatwein gefüllt , worauf der Kriegsrath das eine nach einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestoßen hatte . » Ueberdem ist sie auch noch zu jung , « setzte er hinzu , und das halb ausgetrunkene Glas auf den Tisch . Der Andere sagte : » Alter schützt vor Thorheit nicht , und zu jung ist keine nicht , um sich nicht zu verplempern . « Der Kriegsrath spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose , einem Präsent seines Ministers : » Nun was das Verplempern anlangt , mein Herr van Asten , so dünkt mich - « » Mein Sohn hätte sich verplempert - meinen Sie vielleicht , « fiel der Kaufmann ihm ins Wort . » Wenn auf meinem Kornboden zwei Säcke geplatzt sind und der Roggen und Waizen liegen untereinander , da kümmert ' s mich wenig , welcher Sack zuerst platzte , sondern wie ich die Körner auseinander bringe , oder mitsammen verwerthe . Unsere Säcke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt , da halte ich nun fürs Beste , daß Jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den andern kümmert . Sehen Sie , aufrichtige Leute kommen bald zu Rande , und das , was sonst ist , soll uns nicht kümmern , und wir bleiben gute Freunde . Darum erlaube ich mir noch ein Mal an Ihr Glas anzustoßen . « Der Kriegsrath seufzte ; der Andere hätte es recht gern zur Gesellschaft gethan , nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen , der alte van Asten konnte aber nicht seufzen . » Mein hochverehrtester Herr Kriegsrath , mit Ihrem Permiß , ich lese Ihre Gedanken . Daß die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen , das gefällt Ihnen nicht . Sie seufzen : ehedem war ' s anders ! Habe ich gar nichts dagegen . Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf , jetzt kostet ' s ein paar Groschen . Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel . Wenn mir jetzt Einer damit käme , würfe ich ihn die Treppe runter . Ist so mit Allem , mit der kindlichen Liebe , mit der Freiheit , der Erziehung ; der Marktpreis ist ihr Werth . Steht darum geschrieben , daß wir den Marktpreis nicht machen können ! Man muß nur geschickt operiren . Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehen , Ihre Mamsell Tochter auch . I nu , so lassen wir sie , bis sie müde werden . Daß sie ' s aber werden , dazu kann man schon was thun . Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm , ehedem kriegte er Schläge nach Noten , wenn er naschte . Es hat wohl nicht immer geholfen . Jetzt lässt sein Prinzipal ihn so viel Syrup nippen , und Rosinen und Mandeln naschen , als er Lust hat . Ein , zwei Mal den Magen verdorben , und er ist curirt auf sein Leben . Und so ist ' s mit dem eignen Willen auch , und mit der Freiheit und mit , was sonst ist . Sie kommen retour , sage ich Ihnen , wenn man ' s nur recht anfängt . Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn verliebt sein , ganz geruhig , bis sie sich übergeliebt haben . Glauben Sie mir , das kommt über kurz oder lang , denn satt macht die Liebe nicht , und zanken werden sie sich auch , und verknurren , wenn man sie nur lässt , und dann kommt die lange Weile , die rothen Augen machen auch nicht schöner . Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre . Sieht ein hübsches Mädchen erst eine Falte im Gesicht , die nicht fort will - ich will gar nicht sagen Runzel - da guckt wohl ein kleiner Gedanke raus : ja wenn ich den nicht zurückgewiesen hätte ! Oder den ! Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehen , wenn er zur Thür rein kommt , und auf einer seiner Runzeln steht : ich habe noch immer nichts ! Sieht er nu in ihrem Gesichte , was sie in seinem sieht , na - und so weiter , und am Ende - sie weinen , sie fühlen sie haben sich getäuscht , es wird geklatscht dazwischen , dafür braucht man gar nicht zu sorgen , und am letzten Ende nimmt die gehorsame Tochter den ersten besten , den der Papa ihr zuführt . Und überlässt man ' s dann den Muhmen und Gevattern die Sache zu arrangiren , so kommt ' s am letzten Ende raus : sie hat ihn von Kindheit an geliebt . « Dies war ungefähr das Gespräch , welches die beiden ältlichen Herren vor dem Eintritt der Offiziere geführt , und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes unterbrochen war . Der Kriegsrath schüttelte den Kopf als er seinen Hut nahm . » Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus ? « fragte der Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt . » Sie sind sehr schön , « entgegnete der Kriegsrath , » nur begreife ich nicht , wie man so etwas zu drucken erlaubt . Dadurch wird ja der Bonaparte avertirt , was hier passirt ist . « » Sehr richtig bemerkt , « sagte van Asten , und sein schlaues Gesicht wollte gewiß noch etwas sagen , aber der Kriegsrath gab , als der vornehmere Mann , das Zeichen , daß er genug gehört , indem er sich mit einer leichten Verbeugung empfahl . Der Vornehmere muß das letzte Wort behalten . Aber als er durch die Offiziere den Weg nach der Thür suchte , waren offenbar diese die Vornehmeren . Sonst liebte er doch nicht die Offiziere , aber mit verbindlichen Verbeugungen schlängelte er sich durch ihre Füße , welche die Herren sich nicht besondere Mühe gaben aus dem Wege zu ziehen . » Das war der Vater von dem schönen Mädchen , « sagte ein Garde du Corps zu dem Rittmeister , der seine glänzenden Reiterstiefeln auch nicht um einen Finger breit zurückgezogen hatte . Der Cornet lachte : » Was sprechen Sie zu Dohleneck von schönen Mädchen ! Für meinen Onkel ist nur Eine schön , und wenn die Eine nicht , so mag die Anderen der Teufel holen und die Papas dazu . « Der Rittmeister , der am Fenster saß , trommelte an die Scheiben , » Krieg ! Krieg ! das ist das Beste . « » Zum Avancement ! « lachte der Chor . Die Unterhaltung ging auf dies wichtige Thema über , wichtiger als Alexanders Ankunft , als der Streit , ob die Königin dem Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen , wichtiger als der Krieg selbst . Man stritt über die Ernennung eines Kapitäns zum Major . Einige wollten sie gelesen haben , Andere leugneten es . » Es steht heute drin . « - » Es steht nicht drin . « - » Her den Wisch ! « Mit einem Satz war der Cornet nach dem Tisch gesprungen , an dem van Asten saß , und hatte ihm die Zeitung aus der Hand genommen : » Wir wollen etwas nachsehen . « Es musste noch etwas Anderes vorgefallen sein . » Wollen Sie etwas ? « fragte der Cornet und ließ seine Pallaschscheide auf die Diele klirren , indem er sich zum Kaufmann umkehrte , als dieser sich mit einigem Geräusch erhoben hatte . » Mich nur gehorsamst entschuldigen , « sagte van Asten und zeigte auf sein vorgestrecktes Bein , » daß Herr Cornet von Wolfskehl auf meinen Fuß treten mussten ! Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden gethan ? « » Ich glaubte es wäre ein Holzklotz . Excüs ! « sagte der Cornet und hoffte auf einen beistimmenden Lach-Chor . Aber die Einen griffen nach dem Zeitungsblatt , die Andern machten eine ernste Miene : » Cornet , keinen Spaß mit dem Mann ! Der reiche van Asten aus der Spandauerstraße , der mit dem Minister * * * unter einer Decke steckt ! « Die Ernennung stand nicht im Blatt , dafür ein paar Dutzend andere , wie jede Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte . Auch fingen unter den Annoncen schon die Abschiedsworte an , welche Offiziere , Wundärzte und Beamte an ihre Freunde und Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten ; auch Nachrufe und Danksagungen ganzer Städte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere . » Wenn das kein Beweis ist , daß wir wirklich in den Krieg ziehen ! « - » Ehe nicht die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen , glaub ' ich nicht daran . « - » Ich glaub ' s auch dann noch nicht « ein Dritter , als ein Vierter durch die Glasthür , die er klirrend aufgerissen , eintrat : » Nu glaub ' ich ' s , Kameraden . Aufs Pferd ! aufs Pferd ! « - » Du sprangst eben runter ! « » Direkt von Steglitz in Karriere ! Habt Ihr nichts gehört ? - Vierundzwanzig Kanonen donnerten aus dem hohen Busch , als die Equipagen durch ' s Dorf schwenkten . Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel . Die Königin sah erschrocken zum Kutschenschlag raus . « » Possen ! « » Nein , Ernst . ' s war aber nicht Bonaparte , nur Beyme ! Wenn Beyme Kanonen auffährt , Beyme schießen lässt , da müsst Ihr zugeben , es wird ernst , es geht los . « » Victoria ! « schrieen zehn Stimmen . » Wenn er nur nicht blind geladen hätte ! « rief der Rittmeister und riß die Thür auf . » Man braucht frische Luft . Krieg ! Krieg ! « Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach . Er schien die Häupter seiner Lieben zu zählen , aber nicht mit der Zufriedenheit , die auf den Gesichtern der Offiziere strahlte . Was half ihm der Krieg ! Er war gewiß ein guter Patriot , aber wie viele können ihm noch immer entrissen werde , an die theure Bande ihn schon lange knüpften . Er schlug ein kleines Büchlein im Winkel auf und schrieb kleine Zahlen zu den Namen . Aber viele kleine Zahlen machen eine große . Herr Josty schüttelte den Kopf und wollte seufzen . Indessen - er besann sich : » Indessen , « sagte er , » es gleicht sich in der Welt Alles aus . « Und auf seinem Gesicht glichen sich auch die Falten aus . Die Offiziere hatten sich links nach der Schloßfreiheit zerstreut . Nur einer von ihnen , er schien abhanden gekommen , suchte die Freiheit rechts unter den Kolonnaden der Stechbahn . Die Augen auf den Boden , ging er grad aus bis die Mauer ihn erinnerte , daß an der Ecke die Freiheit zu Ende war . Er wollte zur Kolonnade hinaus treten , als aus der Brüderstraße eine elegante Equipage rasch vorüber fuhr . Die Dame darin in Pelz , Hut und Schleier verhüllt , sah ihn nicht , aber der Mops auf dem Rücksitz bellte heftig den Offizier an . Ob die Dame aufmerksam ward , wissen wir nicht , wenn sie sich aber vorbeugte , um nach dem Gegenstand auszuschauen , der den Eifer ihres Hundes verursachte , konnte sie ihn nicht mehr sehen ; denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt . Er schien , mit geschlossenen Augen , auf das Rollen der Räder zu hören , bis es unter dem Klappern der Werderschen Mühlen verrollte . Dann riß er sich auf , machte sich durch einen schweren Athemzug Luft und - wollte auch ins Freie , in den Thiergarten . Es mussten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck vorgegangen sein . Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen , einsamen Alleen des Thiergartens . Er hatte seinen Plan gemacht : links durch die Buschpartien an den Zelten vorbei , nach dem Poetensteig . Da traf er gewiß Niemand . Aber - wenn nur die Aber nicht wären , als er an der Konditorei vorüberging , öffnete Herr Josty freundlich die Thür . Er glaubte der Gast wolle zurückkehren . Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht täuschen . Einen Schritt war er schon vorbei , es kostete also nur einen zurück , und er stand wieder in dem traulichen , gemüthlichen Lokal . Es war ja auch da einsam geworden . Als Herr Josty die Thür verbindlich schloß , hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern . Einundvierzigstes Kapitel . Von Möpsen und Wechseln . Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein . Im Vorzimmer saß noch der alte van Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin wohlbekannten Person , dem Herrn Auktions-Kommissarius Manteufel , der sich über den Tisch zu ihm lehnte , um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben . Dem Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider , was mehr Rechenmenschen , aus deren Gesichtern Zahlen springen . Zahlen erinnern an Schulden . Hrrr Manteuffel , der ihn eintreten gesehen , obgleich er der Thür den Rücken zuwandte , blinzte den alten Asten an . Der aber machte eine Bewegung mit der Hand , die unter Geschäftsleuten ausdrücken kann : den hab ich sicher , oder : um die Bagatelle kümmere ich mich nicht . Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstübchen . Vertrautere Freunde fanden hier einen Platz , um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren , den der Konditor seinen anderen Gästen nicht vorsetze ; er war kein Weinschenk . Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel wie in einer Tonne , recht zur Selbstbeschauung geschaffen , denn durch die vergitterten Fensterspalten drang nur bei Mittag ein Dämmerschein , der sich von den hohen Hintergebäuden in den feuchten Winkel , der Hof hieß , hinabließ . Das eigentliche Licht kam von einer dünnen Sparlampe in einer Mauerblende , um den Tisch , die Bank , die Wandspinden spärlich anzuleuchten . Ein Ort , geschaffen , um das innere Licht leuchten zu lassen . » Einen Rothspohn , Herr Josty ! « rief der Rittmeister , als er sich zwischen Bank und Tisch geklemmt . » Pontac oder Medoc ? « Auch darüber noch nachdenken ! Was hatte nicht der Rittmeister zu denken ! » I nu Medoc , « sagte er nach einer Weile , den Kopf in der Hand und den Ellenbogen auf dem Tische . » Ist auch gesunder für ' s Blut , klärt mehr die Gedanken auf . Die Engländer nennen ihn darum Claret , « sagte Herr Josty , als er den langen Pfropfen aus der Flasche gezogen . Als der Wirth die kleine Thür leise hinter sich zugedrückt , störte nichts die drei - nenn ' ich sie Geschöpfe , Wesen , Mächte - die hier zurückgeblieben zu stillem Verkehr : den Rittmeister , die Lampe und den Medoc . Es war mehr als still , ich würde sagen bewegungslos , wenn nicht der Schatten an der Wand jedesmal unruhig geworden , sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche wieder vollschenkte . Ob er Gedanken schöpfte , ob er sie verschluckte ? Der Medoc musste das Blut nicht gereinigt haben , denn er ward nicht froh . Der Schatten an der Wand spiegelte drei Positionen , in denen er Minuten lang verharrte : den Kopf in der Hand , das Kinn in beiden Händen , und dann den Leib ganz zurückgelehnt , mit gesunkenen Armen , oder , wenn ein Entschluß zu kommen schien , sie plötzlich auf der Brust verschränkend . Aber die Flasche war schon zu drei Vierteln ausgeleert und der Entschluß noch nicht gekommen . Ein Entschluß kostet Jedem etwas , wer aber weiß , wie der beste gefasste zum übeln ausschlagen kann , und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewusst , der würde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben . Hatte er sich nicht zu einem kühnen Schritt entschlossen , um endlich aus Liebeszweifel und Ueberdruß frei zu werden ? Es war kein geringes für Jemand , der von zwei unsichtbaren Schutzengeln hin und her gezogen wird , und in sich keinen Oberen findet . Wenn diese ihm zuraunten : sie hat dich eigentlich nie geliebt , sie hat nur gespielt mit dir ; nun auch dieses Spielens überdrüssig , lässt sie es nur zu ihrem Amüsement , dich zu foppen , vor Andern durch ihr Kammermädchen fortsetzen , so sprach eine innere Stimme : das erste hast du ja selbst immer geglaubt . Aber dann , wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit hingewiesen ! Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen , trug sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe , die sie angelegt , als sie sein Lob vernommen ? Möglich war es ja , daß sie anfänglich nur ihn necken , ihre Empfindlichkeit für das an ihm kühlen wollen , was er sich selbst jetzt vorwarf ; möglich , daß auch Andere da mitgearbeitet hatten . Aber - das konnte sich geändert , sie so gut gesehen haben , als er es sah , daß er sich auch geändert , dies konnte ganz andere Empfindungen in ihr geweckt haben . Er hatte ja auch Augen , und was er gesehen , ließ er sich nicht abstreiten . Diese Verwandlung ihres Sinnes konnte nun Denen nicht mehr zu Sinn sein , die anfänglich mitgespielt . Sie waren es , die jetzt die Contreminen legten , die ihn wieder ihr entfremdeten , ihn von ihr trennen wollten . Daher diese Briefe in ganz verändertem Tone , diese Mahnungen , Drohungen sogar , abzulassen von Verfolgungen , die eine edle Frau tief kränken müssten . Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen um den Knoten zu durchhauen , er wollte Licht haben -