auch nicht mehr der Mann von früher , den kein Ungemach lange anfechten konnte , allein für einen Freund habe ich doch noch immer Zeit und Ohr . Wir sind bereit , Dich zu begleiten . « » Habe Dank für Dein freundliches Entgegenkommen , « sagte der Maulwurffänger , » es wird Dich nicht gereuen ! Und Du , Marie , zerbrich Dir nicht unnützerweise den Kopf ! Mit Leberechts Zurückkunft wirst Du so gescheid wie er selbst . « Unverweilt brachen nun die drei Männer nach dem Kretscham auf . Es war eine gute Strecke Weges bis dahin , welche Heinrich durch Erzählung dessen verkürzte , was sich in den letzten fünf Wochen zugetragen hatte . So erfuhr denn Leberecht die wunderliche Auffindung der Schenkung des Grafen Magnus an Haideröschen , die Rückkehr Sloboda ' s mit seinem Enkel aus Polen , ihren Besuch auf Boberstein und die beleidigenden und herabwürdigenden Drohungen , womit Adrian die beiden Greise abgewiesen hatte . » Nicht wahr , « schloß der Maulwurffänger seinen Bericht , » das ist ein Bündel Neuigkeiten für den plauderhaftesten Landkrämer ? Wenn Du darüber nicht wieder jung wirst , streiche ich Dich aus der Zahl der Lebendigen . « » Ich bin erstaunt , « erwiederte Leberecht , » erstaunt , daß so etwas in unseren nüchternen Tagen möglich ist ; noch mehr aber muß ich mich wundern , daß Du auf Deinen alten Füßen so weit hergelaufen kommst , um mir diese wunderliche Geschichte zu erzählen . Ich freue mich Deiner alten Anhänglichkeit , aber ich hätte Dir ' s auch nicht nachgetragen , wenn Du mich blos gelegentlich davon unterrichtet hättest . « » Wirklich ? Das höre ich nicht gern , Leberecht ! Ich habe schon gesagt , daß ich Tausch gegen Tausch verlange , was in diesem Falle Erzählung gegen Erzählung bedeutet . « » Noch begreife ich Dich nicht , Pink-Heinrich . Sprich rund heraus : was soll ' s ? Was begehrst Du zu hören ? « » Du kanntest den Voigt Ephraim vom Zeiselhofe , « erwiederte der Maulwurffänger , » Du warst sein Stellvertreter während seiner Krankheit , und daß er Dir auf dem Sterbelager Geständnisse eigenthümlicher Art gemacht hat , äußertest Du schon damals mit Entsetzen ! In jenen unruhigen Tagen konnte Niemand daraus Nutzen schöpfen ; jetzt aber müssen sie dem Enkel Sloboda ' s von größter Bedeutung sein . Darum , mein Freund , bist Du dringend gebeten , im Beisein des steinalten Wenden , seines Enkels und Deines Sohnes die Beichte des Sterbenden getreu zu wiederholen ! « Sie hatten den Kretscham erreicht , ein langes , nur einstöckiges Gebäude , ganz aus Holz aufgeführt . Eine Schmiede war damit verbunden , in welcher noch zwei riesige Gebirgssöhne auf sprühendes Eisen hämmerten . Aus den kleinen und niedrigen Fenstern der Wohnstube schimmerte Licht . » Das ist ein Verlangen , welches , fürcht ' ich , über meine Kräfte gehen wird , « gab Leberecht zur Antwort . » Bedenke , daß fast über vierzig Jahre inzwischen abgelaufen sind und daß mein Leben nicht geeignet war , Thatsachen von so langer Zeit her treu im Gedächtniß zu halten . « » Entschuldigungen werden nicht angenommen , « sagte der Maulwurffänger lachend . » Komm nur herein , sprich mit dem Alten und mit Paul , dem einzigen Nachkommen des frommen , lieblichen Haiderbschens , und Dein Gedächtniß wird sich von selbst erfrischen . Kannst Du uns keine Winke geben , wie wir sie brauchen , so muß ich den guten Alten mit sammt dem frischen Enkel wieder zurück nach Polen schicken , denn wir kommen dann nicht auf gegen die Grafen . « Zögernd senkte Leberecht das Haupt . Die Runzeln auf seiner Stirn deuteten auf einen heftigen innern Kampf . Er holte einigemale tief Athem , dann legte er seine schwere Hand auf Heinrichs Schulter und sagte entschlossen : » Ich will mich besinnen . « Sie traten in die große vom Ofenrauch geschwärzte Schenkstube , die zwei dünne Talglichter nur dämmernd erleuchteten . Blos zwei der täglichen , rothbraun angestrichenen Tische waren mit Gästen besetzt , übrigens war das weite Zimmer leer . Zunächst dem Ofen trafen sie den Wenden mit seinem Enkel , beschäftigt , einen Abendimbiß einzunehmen . Sloboda erkannte Leberecht sogleich und auch dieser konnte nicht zweifeln , den Vater des unglücklichen Haideröschens vor sich zu sehen . Nach ländlicher Sitte , treuherzig und derb schüttelten sich die gealterten Männer zum herzlichen Gruße die Hände . » Ulrich , « sagte Leberecht zum Wirth , nachdem er den Wenden durch Zutrinken des dargereichten Glases Bescheid gethan hatte , » wenn Ihr heut Abend keine Gäste im Cabinet erwartet , könntet Ihr uns dasselbe auf eine Stunde abtreten . Wir haben ' was Wichtiges unter einander zu besprechen . « Zuvorkommend gestattete der Kretschamhalter diese Vergünstigung und alsbald saßen die fünf Freunde ungestört im engen Cabinet nebeneinander . Der Maulwurffänger ließ Speise und Trank auftragen und forderte Leberecht nochmals auf , seine Erzählung zu beginnen . Nach einigem Nachdenken machte dieser den staunenden Zuhörern folgende Mittheilungen . » Es ist Euch bekannt , daß der Voigt Ephraim wenige Tage vor der Einäscherung Bobersteins erkrankt war . Der Schreck über den furchtbaren Haidebrand , über die Erhebung der Leibeigenen und die Flucht des Grafen ins Ausland verschimmerten den Zustand des Kranken von Tage zu Tage . Er siechte langsam hin und ward zusehends elender . Wer ihn sah , konnte nicht mehr an seiner baldigen Auflösung zweifeln . Er selbst ahnte das Herannahen des Todes und verfiel in eine Unruhe und Herzenasngst , die seine körperlichen Schmerzen zur unerträglichen Qual steigerten . Die Lage des Unglücklichen war in der That bedauernswürdig , da Graf Magnus die Verwaltung des Zeiselhofes ganz in seine Hände niedergelegt hatte und von ihm allein Rechenschaft forderte . « » Obgleich ich dem Voigte nie sehr freundlich begegnet war , hatte er zu mir doch ein auffallendes Zutrauen . Freiwillig und in ziemlicher Ausdehnung trug er seine Macht auf mich über , so daß ich wider Willen statt seiner gebietender Voigt wurde . So ungern ich mich ihm unentbehrlich machte , so gewissenhaft erfüllte ich doch meine Pflicht , und weil ich wochenlang alle Geschäfte des Voigtes verrichten mußte , schenkte mir Ephraim dafür eine fast brüderliche Zuneigung . Am Abend jedes Tages , wenn ich ihm Rechenschaft von meinem Thun ablegte , drückte er mir die Hand und häufig gesellten sich zu seinen Seufzern und Stöhnen sogar Thränen . « » Dieser Zustand währte mehrere Wochen . Die entsetzlichen Ereignisse waren beinahe vergessen , die eine Zeit lang verlassenen Hütten der Unterthanen füllten sich wieder mit ihren heimkehrenden Bewohnern . Die wenigen , welche ganz auswanderten , verschollen , Niemand dachte mehr an sie , Niemand kümmerte sich mehr um das Vergangene . Die Leibeigenen wurden für frei erklärt und dadurch ihr Aufstand gewissermaßen gebilligt . Da nahte Ephraims Ende heran ; der Sterbende begehrte mich noch einmal ganz allein zu sprechen . Ungern gewährte ich die Bitte , doch lehrte mich die Menschlichkeit den angeborenen Widerwillen besiegen , den ich stets gegen den hartherzigen Voigt empfunden hatte . « Ephraim ließ seine gläsernen Blicke lange Zeit auf mir ruhen , als ich einsam neben seinem Sterbelager Platz genommen hatte . Er schien in meinen Zügen forschen zu wollen , ob ich das , was er mir mittheilen wollte , auch als das Geheimniß eines Sterbenden betrachten werde . Nachdem er die Ueberzeugung davon gewonnen zu haben schien , sagte er röchelnd : » Leberecht , ich will Dir ein Geheimniß beichten . « » Mir ? « unterbrach ich den Sterbenden . » Verschont mich damit , wenn Ihr mich lieb habt . Ich bin kein Pfarrer , ich möchte mich nicht damit vertragen können . « » Doch , doch , Leberecht , Du mußt ! - Sieh , ich leide namenlose Schmerzen - mein Gewissen foltert mich - ich kann nicht sterben , bevor ich bekannt - « » Was , um Gottes Barmherzigkeit willen wollt Ihr bekennen ! « rief ich entsetzt aus , denn , ich glaubte gewiß und wahrhaftig , der Unglückliche habe ein todeswürdiges Verbrechen begangen . » Kann ich Euch vergeben , wenn Ihr gesündigt gegen die Gebote des Herrn ? « » Ja , ja , Du kannst es , « röchelte der Voigt . » Setze Dich , beuge Dein Ohr zu meinem Munde - behalte wohl , was ich Dir sage - Ich werde ruhiger aus dem Leben scheiden ! « Der unglückliche Mann sprach so flehentlich , seine Stimme , obwohl heiser und fieberhaft zitternd , klang doch so vertrauensvoll , und seine Zuversicht auf mich erschien mir so rührend , daß ich ihm die Hand ließ , die er krampfhaft ergriffen hatte , und seinen Willen that . » Wie lebt Nathanael ? « stotterte Ephraim . » Nathanael ? « » Jan Slobodas unglücklicher Sohn ! O wie , wie lebt er ? « » In stummer undurchdringlicher Geistesnacht . « » O wohl ihm - wohl ihm ! « stammelte der Voigt ; » besser , nichts von sich wissen , als von zu vielen Erinnerungen in die finstere Zukunft hinübergejagt zu werden ! Vergib mir , armer Betrogener ! Fluche mir nicht , Nathanael ! « Schaudernd sah ich den Sterbenden in die gelben verzerrten Züge , suchte in den eingesunkenen wild flackernden Augen zu lesen . Ephraim raffte seine schwindenden Kräfte zusammen , erhob sich mit Gewalt aus den Kissen und schrie mir zu : » Nathanael ist Vater - sein Sohn lebt ! « » Heiliger Gott , « unterbrach Sloboda den Erzählenden . » Also doch ! doch ! O meine Ahnung ! « » Sein Sohn ? « wiederholte ich , fuhr Leberecht fort . » Nein , nein ! « schrie der Sterbende , wie ein Rasender das vom Todesschweiß triefende Haupt gespenstisch gegen mich schüttelnd . » Nicht Nathanael ' s Sohn , der Sohn des Grafen - Er stockte . « » Des Grafen ? « » Des Grafen - Magnus ! « lallte der Sterbende . - Ich stand wie vom Donner gerührt und starrte den Unglücklichen an , der matt röchelnd mit gebrochenen Augen in die Kissen zurückgesunken war . Meine Neugier wuchs ; kaum vermochte ich den Augenblick zu erwarten , wo der Entkräftete sich zu weiterer Mittheilung gesammelt haben würde . Es vergingen fünf peinvolle Minuten . Dann schlug der Voigt seine Augen wieder auf und fuhr fort : » Ich bestach die Hebamme - auf Magnus Befehl , das Kind der armen Leibeigenen für todt , für zerstückt auszugeben , was leicht war , da die Gebärende ihre Besinnung verlor . Der Graf besorgte Unannehmlichkeiten , wenn das Kind bei der Mutter bleiben sollte , die er verführt hatte . Auf sein Geheiß entfernte ich es - brachte es zu Verwandten , wo es in größter Dürftigkeit erzogen ward . - Durch einen Zufall hörte die Mutter von dem ihr gespielten Betruge , wagte dem Grafen zu drohen und ihn bei seinem Vater verklagen zu wollen . - Dies geschah im Walde beim Holzfällen - Magnus tobte innerlich - beherrschte sich aber und gab mir durch Winke zu verstehen , was er wünschte . - Auch ich verstand ihn - der nächste Baum stürzte und erschlug die Frau Nathanaels ! « » Das ist entsetzlich ! « sagte Sloboda . » Mir schlugen die Zähne zusammen , « versetzte Leberecht , » bei diesen Bekenntnissen des Voigts , der sich wie ein Wurm auf seinem Lager krümmte und wiederholt durch wimmernde Schmerzenstöne seine Mittheilungen unterbrach . « » Kümmert sich der Graf um das verstoßene Kind ? « fragte ich instinktmäßig , um nur das Nöthigste dem Sterbenden zu entreißen , dessen Ende sichtlich herrannahte . » Er erhält seinen Sohn - nothdürftig , « stammelte der Voigt . » Und wo lebt der Unglückliche ? « » Ephraim nannte mir den Ort , den Namen seiner Pflegeältern , nahm mir aber zugleich auch das Versprechen ab , das Geheimniß Niemand mitzutheilen , da nach Slobodas Auswanderung und bei der Geistesverwirrung Nathanaels eine Aufdeckung des Frevels nutzlos sein müsse . Statt dessen übergab er mir die schriftlichen Documente über die Geburt des Knaben und beschwor mich , dieselben an einem Orte auf dem Zeiselhofe zu verbergen , wo sie unversehrt und unentdeckt sehr lange Zeit erhalten werden konnten . Auch jene Rolle , die ich am Vorabend des Haidebrandes Eurer Tochter durchaus aufdringen wollte , befand sich mit bei diesen Papieren . Ephraim drang heftig auf Vernichtung derselben . Ich versprach auch dies dem Sterbenden , und war in der That entschlossen , mein Versprechen zu halten , hätte ich nicht später , trotz alles Suchens , die geheimnißvolle Rolle vermißt . Ich mußte sie verloren haben , in irgend einem der weitläufigen Wirthschaftsgebäude des Zeiselhofes , was das spätere Auffinden derselben von Dir , Heinrich , erklärlich macht . Die Hand des Allmächtigen , die sie auf diese Weise dem Untergange entzog , ist auch in diesem scheinbaren Zufalle ersichtlich , denn ohne jenes Verschwinden würde es gegenwärtig keine Schenkungsurkunde mehr geben . « Hier ließ Leberecht in seinen Mittheilungen eine Pause eintreten . Fragend glitten seine betrübten Augen über die kaum athmenden Zuhörer . » Endige , « sagte der Maulwurffänger . » Ich bin zu Ende , « erwiederte Leberecht . » Der Voigt starb noch in derselben Stunde , und ich habe mein ihm gegebenes Versprechen gehalten bis auf den heutigen Tag . Ohne Dein dringendes Zureden , Heinrich , würde es mit mir ins Grab gestiegen sein . « Sloboda starrte , in tiefe Gedanken versunken , vor sich hin . Paul und Eduard wagten nicht zu sprechen , da das vielverflochtene Gewirr längst begangener Verbrechen sie mit magischer Gewalt umstrickte . Von Heinrich sanft angestoßen , ermunterte sich der Wende . » Hast Du vernommen , Jan ? « rief er dem Greise zu . » Und siehst Du jetzt ein , daß ich genügenden Grund hatte , Dich aus der Vergessenheit der polnischen Wildnisse zurückzurufen ? Nicht umsonst hat uns Gott so lange das Leben gefristet . Er will , daß wir , obschon spät , verjährte Frevel ans Licht ziehen und auf gerechtem Wege Vergeltung üben sollen an den Missethätern . « » Armer unglücklicher Nathanael ! « rief Sloboda , ein paar Thränen in seinen hellblauen Augen zerdrückend . » Der Himmel meinte es gut mit Dir , als er ewige Finsterniß in Deine Seele goß . Ruhe in Frieden und träume den Traum des Gerechten ! « » Freund Leberecht , « nahm jetzt der Maulwurffänger das Wort , » ich und diese guten braven Leute sind Dir absonderlich zu Dank verpflichtet für die gegebenen Ausschlüsse , zufriedengestellt bin ich aber noch immer nicht . Du wirst also aus purer Freundschaft noch einige Punkte erläutern und uns jetzt zuvörderst den Namen sagen , welchen der verstoßene Sohn des wüsten Grafen führt und wo er sich aufhält . « » Ich weiß in der That nicht , ob ich dazu befugt bin , « erwiederte Leberecht . » Für alle Folgen stehe ich ein . « » Und wenn der in tiefster Niedrigkeit Erzogene seinen Ursprung erfährt , wird er nicht schäumen vor gerechter Wuth und nach Rache schreien ? « » Er wird Gerechtigkeit wollen , und nach Gerechtigkeit streben wir . - Wir bitten Dich um den Namen des Grafensohnes . « » Du kennst ihn schon . « » Ich ? « » Du selbst . Seit Jahren sprachst Du bisweilen unbewußt mit ihm . Es ist der Feinspinner Martell in Adrians Fabrik auf Boberstein . « » Martell , mein Gevatter ? « fiel Eduard ein . » Martell , der unlängst vor Schmerz über die Verstümmelung seines jüngsten Sohnes beinahe den Verstand verloren hat und seitdem in stillem Ingrimm sich verzehrt ? Martell , der mir das Garn liefert für meinen Webstuhl ? « » Derselbe Martell ! « » Wie ist das ? « sagte Sloboda zerstreut . » Versteh ' ich Euch recht , Leberecht ? Der Sohn meiner erschlagenen Schwiegertochter ist ein Sprößling des Grafen Magnus und dient jetzt als Spinner in der Fabrik seines - seines Bruders ? « » Seines Bruders , des Grafen Adrian , « ergänzte kaltblütig der Maulwurffänger . » Aber himmlischer Gott , das ist ja entsetzlich , unnatürlich ! « rief Sloboda . » Es ist die bittre Frucht einer gottlosen Versündigung , « sagte Heinrich . » Die Kinder , die armen , unschuldigen Kinder des verstoßenen Sohnes , jetzt die bettelnden , verachteten Sclaven des reichen herzlosen Oheims ! - Wo soll das enden ! « » Vor den Schranken des Gerichts , « sprach der Maulwurffänger . » Ihr seid erschüttert , alter Vater , « fiel Leberecht wieder ein . » Das stand zu erwarten . Nach Allem , was vorausgegangen , wünschte es wohl gar unser gemeinsamer Freund . Beruhigt Euch indeß wieder , damit wir , einmal auf so guter Fährte , jetzt auch rasch dem Feinde zu Leibe gehen und ihn sieghaft angreifen können . Ich bin der Eure mit Leib und Seele , denn ich hasse den selbstsüchtigen Grafen vom Grund des Herzens , weil er vielleicht mit mehr Bewußtsein und süßerem Behagen noch als sein Vater uns arme Feigelassenen wieder zu elenden Sclaven macht , die blindlings , willenlos seinem Wink gehorchen müssen , wenn sie nicht in namenloses Elend versinken sollen ! « Heinrich reichte dem neuen Bundesgenossen die Hand und schüttelte sie . » Du bist hiermit angeworben , « sagte er lächelnd , » und wollt Ihr noch einmal einem alten Schlaukopf Gehör schenken , so möchte ich Euch sogleich einen rasch entworfenen Plan mittheilen , der Herrn Adrian am Stein in die Enge treiben kann . - Nach meiner Meinung müssen wir den Feind von vorn und im Rücken zugleich angreifen , daß ihm zur Flucht oder Gegenwehr gar nicht viel Zeit übrig bleibt . Es geschieht ihm noch Ehre genug , wenn er sich auf Gnade oder Ungnade ergeben muß . Theilen wir uns demnach in die Rollen und handeln wir besonnen und ohne Verzug . - Ich und Leberecht , wir wandern morgenden Tages nach dem Zeiselhofe , um die Dokumente aufzusuchen , die noch unangetastet dort zu finden sein müssen . Mit diesen und der bewußten Schenkungsurkunde treten wir mit offner Klage gegen die Gebrüder Boberstein auf und der Prozeß nimmt seinen Gang . Während dies in der Stille von uns eingeleitet wird , geht Paul mit Eduard in die Haide , besucht Martell und theilt ihm mit , welche Gerüchte von dem hartherzigen Gebieter im Volke umgehen . Martell kann Alles von Euch erfahren , nur nicht , daß er selbst jener verstoßene Sohn des Grafen Magnus ist . Bei seiner ungestümen Wildheit könnte eine solche Nachricht zu entsetzlichen Auftritten führen . Diese müssen wir um unsrer selbstwillen vermeiden . Ist es Euch gelungen , überall unter dem arbeitenden Volke diese Gerüchte möglichst in Umlauf zu setzen , so kehrt Ihr zurück in meine Heimath , wo wir uns treffen und das Nächste dann weiter besprechen wollen . « Schweigend reichten die Freunde einander die Hände und legten dadurch das Gelöbniß ab , sich in Verfolgung ihrer Zwecke mit Rath und That ohne Wanken beizustehen . Zu ungewöhnlich später Stunde verließ Leberecht mit seinem Sohne den Kretscham und ging durch das längst in tiefem Schlaf versunkene Dorf nach seinem kleinen , verschuldeten Häuschen zurück . Fußnoten 1 Eine leere Spule von Schilfrehr . Zweites Kapitel . Martell , der Spinner . Am dritten Tage nach dieser Unterredung erreichten spät Abends Paul und Eduard ein kleines Haidedorf , das kaum eine Stunde von der ehemaligen Burg Boberstein entfernt war . Sie beschlossen die Nacht hier zuzubringen und am nächsten Morgen sehr früh nach dem Dorf am See aufzubrechen . Damit ihr Kommen möglichst absichtslos erscheinen möge , hatte Eduard seinen Garnsack mitgenommen , um ihn von Neuem zu füllen . Der Morgen war hell und kalt . Starker Reif lag weißglänzend auf Feld und Wald . Die langsam rieselnden Bäche setzten Eis an und über der rauschenden Haide lagerte in weiter Ausdehnung eine breite und hohe Schicht blaugrauen Dunstes . Ueber dieser schimmerte blauer Himmel und an diesem empor flatterten hart neben einander zwei dunkele sich ewig bewegende Rauchsäulen . Sie verkündeten die ununterbrochene Thätigkeit der Fabrik . Umschlossen von neuem Baumwuchs und von kleinen mit Dornen eingehegten Feldern , auf denen jetzt das Kartoffelkraut braun , welk und vom Nachtfrost erstarrt sich zur bereiften Erde herabbeugte , lag das zu Boberstein gehörige Dorf . Hier wohnten blos Fabrikarbeiter mit ihren meist zahlreichen Familien . Der Ort war gassenartig gebaut und schmiegte sich halbkreisförmig um die Ufer des Sees . Alle Häuser in dem Dorfe waren klein , niedrig und von armseligem Aussehen . Ordnung und Reinlichkeit vermißte man vor den Thüren und auf den Gassen . Die Zäune , welche jedes Haus umzirkte , waren schlecht gehalten , selbst die wenigen kleinen Gärtchen , die sich hin und wieder zeigten , ließen die pflanzende Hand eines Gärtners schmerzlich vermissen . In diesem Wohnort der Fabrikarbeiter , der das traurige Bild einer völlig verarmten Gemeinde , einer Bevölkerung , wenn nicht von Bettlern , doch gewiß von Menschen darbot , die kümmerlich nur von einem Tage zum andern ihr sorgenschweres Leben hinfristen , traten mit Aufgang der Sonne unsere beiden jungen Freunde . Der gelbe beizende Rauch , der aus den Hütten aufstieg , wirbelte in dicken Wolken über die Strohdächer , und wälzte sich , nidergedrückt von der kalten Morgenluft , an der Erde fort . An dem eigenthümlichen Geruch desselben war das Feuerungsmaterial - halbtrockenes Kartoffelkraut - nicht zu verkennen . Obgleich mitten im Walde wohnend , konnten die Spinner doch kein Holz kaufen , weil ihr Verdienst zu solchen ungewöhnlichen Ausgaben nicht hinreichte . Nur die sogenannte Streu , der Abfall von Tannicht , das verdorrte Waldkraut und abgestorbenes Gestrüpp , das alte Mütterchen und Greise oder kleine Kinder zusammenlasen , diente den Meisten zur Feuerung . Auf der Fabrik läutete eben die Glocke zum Arbeitswechsel und die beiden Wanderer erblickten durch den über dem See schwimmenden Nebel die Fähren und Kähne , welche die ab- und antretenden Arbeiter herüber und hinüber beförderten . Fast zugleich mit ihnen landeten die abgelösten Spinner und zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen in ihre Häuser . Eduard , schon bekannt mit dem Leben und Treiben , achtete wenig darauf , Paul dagegen war ganz Auge und verschlang See , Fabrik und sonstige Umgebung mit gierigen Blicken . Er sprach kein Wort , allein das tiefe Athemholen und das hastige Umsichblicken verrieth seine heftige Aufregung . Der Geist seiner verstorbenen Mutter , die hier so viel gelitten hatte , umschwebte ihn . » Dort ist unser Quartier für heute , « sagte Eduard , mit seinem Wanderstecken auf ein niedriges Häuschen zeigend , das gleich den übrigen mit Stroh gedeckt und von einem schadhaften Zaune eingehegt war . » Dort wohnt der arme Martell mit seiner Familie . « » Martell , der rechtmäßige Mitbesitzer dieser Wälder mit ihren zahlreichen Dörfern und Höfen , in solche Hütte verbannt ! « versetzte Paul . » Das ist mehr als hart , das ist grausam , das ist teuflisch ! « » Bedenke , daß wir die ersten Schritte thun , um diese Härte eines ungerechten Verhängnisses in Milde zu verwandeln . « Eduard legte seine Hand auf die hölzerne Thürklinke . Sie gab nach und Beide traten in einen mit Rauch erfüllten Vorraum , dessen Fußboden aus brüchigem , schlüpfrigem Estrich bestand . Die Stubenthür , nur in einer Angel noch hängend , stand halb offen und ließ dem beizenden Rauch freien Eingang . Da es nicht Sitte ist unter armen Leuten , vor dem Eintritt ins Zimmer anzuklopfen , so stieß Eduard unangemeldet die Thür auf und trat mit seinem Begleiter ein . » Guten Morgen Alle mit einander ! « sprach er , die versammelte Familie des Spinners grüßend . » Ein frischer Morgen heut ; ich besorge , es wird bald einwintern . Doch Alles gesund und frisch auf , Martell ? Gesundheit ist das halbe Leben für arme Leute . « Eine einzige mürrische Stimme antwortete auf diese Begrüßung und hieß die frühen Gäste willkommen . Diese Stimme gehörte dem Familienvater an , der eben von der nächtlichen Arbeit aus der Fabrik zurückgekehrt war und mit den Seinigen das Frühstück verzehrte . Die Familie bestand aus sechs Köpfen , aus Mann und Frau , drei Kindern und einem alten Großvater , der beim Schwiegersohn wohnte , sich aber selbst ernähren mußte . Die älteste Tochter , ein Mädchen von funfzehn Jahren , war so eben zur Arbeit in die Fabrik gegangen und hatte den ermüdeten heimkehrenden Vater nur im Vorüberstreifen einen Gruß zurufen können . Es kam vor , daß sich Vater und Tochter nur Sonntags die Hand reichen , einander ins Auge blicken und sich sprechen konnten , wenn sie gemeinschaftlich zur Kirche gingen , um im Gebet auf wenige Minuten das ihnen zugefallene schwere Erdenloos zu vergessen . Die sieben langen Tage der Woche begegneten sich Vater und Tochter nur auf der schaukelnden Barke . Sie waren schon glücklich , wenn die Nachen sich streiften , wenn sie im Fluge einander sehen und sich zuwinken konnten . Das Frühstück dieser armen Spinnerfamilie bestand wie das aller ihrer Mitbrüder aus Kartoffeln mit der Schale , die trocken , mit wenig Salz gegessen oder in Cichorienkaffee gebrockt wurden . Diese Kost wiederholte sich früh , Mittags und Abends alle Tage im Jahre , mit Ausschluß der hohen Festtage , wo an die Stelle der Kartoffeln wenigstens Waizenklöse und in sehr glücklichem Falle ein Stückchen Schweinefleisch trat . Erschöpfte sich der Kartoffelvorrath vor der Zeit , so mußte der Familienvater für Anschaffung von Roggenmehl Sorge tragen . Da aber dieses zu theuer war , so begnügte man sich gern mit einem Gemisch aus Kleie , Roggen und wohl auch Baumrinde . Noth kennt kein Gebot und der Arme hilft sich , wie er kann und muß . Martell , ein breitschultriger , starker Mann über Mittelgröße mit schwarzem lockigem Haar , das ihm in malerischer Wildheit um die hohe bleiche Stirn hing , lud die frühen Ankömmlinge gastfreundlich ein , das karge Mahl mit ihm und den Seinigen zu theilen , was jedoch Eduard und Paul ausschlugen , da sie bereits vor ihrem Aufbruche gefrühstückt hatten . Wer den Grafen Magnus genau gekannt hatte , mußte unwillkürlich beim Anblick des armen Spinners an ihn denken . Martell war durchaus sein Ebenbild , aber ein Ebenbild , vor dem man erschrecken konnte , denn in dem von Kummer , Sorge , Elend und Hunger abgemagerten Gesicht lag ein Stolz der Verachtung , der mit Entsetzen erfüllte ; dies dunkle brennende Auge , von der nächtlichen Arbeit entzündet , sprühte Haß , Haß Allen denen , die im Glück geboren , achtlos dem Darbenden vorübergingen . In jeder Miene sprach sich ein trotziger Ingrimm aus , der nur der Gelegenheit harrte , um sich Luft zu machen und auszutoben . Martell hatte Ursache mit Gott und Menschen zu grollen . Werfen wir einen Blick auf seinen Haushalt , auf seine Lage . Er war zweiundvierzig Jahr alt , seit achtzehn Jahren verheirathet und seit der Errichtung der Fabrik in Adrians Diensten . Das Häuschen , in dem er mit den Seinigen lebte , hatte er kaufweise von seinem noch lebenden Schwiegervater mit allen darauf lastenden Schulden übernommen . Seine Frau webte , ihr alter Vater fristete sich durch Handgespinnst . Die Kinder , zwei Töchter und ein Sohn , arbeiteten gleich dem Vater in Adrians Fabrik . Vor drei Wochen war dem zehnjährigen Sohne , Martells jüngstem Kinde , der linke Fuß von der Maschine halb abgerissen worden . Das arme verstümmelte Kind litt die entsetzlichsten Schmerzen . Die Wunde hatte sich , aus Mangel an nöthiger Pflege und passender Kost sehr verschlimmert . Man fürchtete , daß der Brand dazuschlagen und eine Ablösung des Beines nöthig machen werde . Auch litt der verunglückte Knabe seit jenem Unfall an einem Lungenübel . Nothgedrungen hatten nun zwar die Aeltern ärztliche Hilfe gesucht , weil aber der Arzt über eine Stunde entfernt war und die Umstände der armen Leute auf keine Vergütung seiner Mühwaltung schließen ließen , trat er nur selten in die elende Hütte , um sich persönlich von dem Befinden seines Patienten zu überzeugen . Dies Alles bemerkte Martell sehr wohl , da er , obwohl ohne besondere Schulbildung , doch aufgeweckten Geistes und außerdem noch mit dem Scharfblick des Mißtrauens begabt war . Er schäumte vor Wuth , als er die sichtliche Vernächlässigung seines Kindes sah und sein Zorn ward um so anhaltender , weil er Nichts sagen durfte , weil er aus Liebe zu seinem Knaben schweigen mußte . Gerade um diese Zeit hatte Adrian den Anfang gemacht , die Arbeitszeit zu verlängern und die ersten Lohnverkürzungen anzuordnen , obwohl schon Jahrelang das Verdienst eben nur zum mäßigen Auskommen hinreichte . Lore , die Frau des Fabrikarbeiters war hektisch . Das ewige Sitzen hinter dem Webstuhle , Kummer und schlechte Kost mochten ein Uebel vergrößert haben , wozu sie die Anlage mit auf die Welt brachte . Das arme Weib gehörte jedoch zu den genügsamen , unter jede Gewalt demüthig und ergeben sich beugenden Geschöpfen , die nie murren , die Alles für eine Schickung Gottes halten und mit diesem beneidenswerthen Glauben , ohne Schiffbruch an Leib und Seele zu leiden , durch das klippenreiche Meer des Lebens schiffen . Als Martell längst schon an seiner verhaltenen Wuth fast erstickte , hatte Lore kaum noch einen Seufzer ausgestoßen