. Es gibt gar viele Menschen , die große Weihgeschenke der Götter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermögen , denen es genügt , über dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben , bloß weil der Buchstabe eines höheren Gesetzes in sie geprägt ist , aber der Geist ist nicht in ihnen aufgegangen , und sie wissen nicht , wie weit sie entfernt sind , jenen Seelenadel in sich verwirklicht zu haben , auf den sie sich so mächtig zugut tun . - Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens , darauf zu achten , daß nichts in uns jene Grundsätze , durch die unser Inneres geweiht ist , verleugne , weder im Geist noch im Wesen . Jene Schule entläßt den edlen Menschen nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens . Dein Ephraim wird mir recht geben und ist ein Beweis dafür . Ich glaub auch , daß es die höchste Schicksalsauszeichnung ist , zu immer höheren Prüfungen angeregt zu sein . - Und man müßte wohl das Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen können . - Du hast Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit , und zugleich bist Du die heiterste Natur , die kaum das Unrecht spürt , was an ihr verübt wird . Dir ist ' s ein leichtes , zu dulden , was andre nicht ertragen können , und doch bist Du nicht mitleidsvoll , es ist Energie , was Dich bewegt , andern zu helfen . - Sollt ich Deinen Charakter zusammenfassen , so würd ich Dir prophezeien , wenn Du ein Knabe wärst , Du werdest ein Held werden ; da Du aber ein Mädchen bist , so lege ich Dir all diese Anlagen für eine künftige Lebensstufe aus , ich nehme es als Vorbereitung zu einem künftigen energischen Charakter an , der vielleicht in eine lebendige regsame Zeit geboren wird . - Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat , so scheinen mir die Zeiten zu haben . Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt , wo es gleichgültig ist , wer sich geltend mache , weil es ja doch nicht an der Zeit ist , daß das Meer des Geistes aufwalle , das Menschengeschlecht senkt den Atem , und was auch Bedeutendes in der Geschichte vorfalle , es ist nur Vorbereiten , Gefühl wecken , Kräfte üben und sammeln , eine höhere Potenz des Geistes zu erfassen . Geist steigert die Welt , durch ihn allein lebt das wirkliche Leben , und durch ihn allein reiht sich Moment an Moment , alles andre ist verflüchtigender Schatten , jeder Mensch , der einen Moment in der Zeit wahr macht , ist ein großer Mensch , und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind , so kann ich sie nicht zu den Wirklichkeiten rechnen , weil keine tiefere Erkenntnis , kein reiner Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt , sondern der Leidenschaft ganz gemeine Motive . Napoleon zum Beispiel . - Doch sind solche nicht ohne Nutzen fürs menschliche Vermögen des Geistes . Vorurteile müssen ganz gesättigt , ja gleichsam übersättigt werden , eh sie vom Geist der Zeit ablassen . Nun ! welche Vorurteile mag wohl dieser aller Held schon erschüttert haben ? - und welche wird er nicht noch bis zum Ekel sättigen ? Wie manches werden die zukünftigen Zeiten nicht mit Abscheu ausreuten , dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhängen . Oder sollte es möglich sein , daß nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der Zeit nicht gegönnt sei , sich zu besinnen ? - Ich zweifle nicht dran , alles nimmt ein End , und nur was lebenweckend ist , das lebt . - Ich habe Dir genug gesagt hierüber , Du wirst mich verstehen . Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen , sich selbst als Entwicklung betrachtend , da unser aller Ziel das Göttliche ist , wie und wodurch es auch gefördert werde ? - Ja , ich habe Dir genug gesagt , um Dir nahzulegen , daß jene Anlagen des höheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren Anschauung sein müsse , daß es Dir ganz einerlei sein müsse , ob und wiefern Dein Vermögen zur Tätigkeit komme . Innerlich bleibt nichts ungeprüft im Menschen , was seine höhere ideale Natur hervorbringen soll . - Denn unser Schicksal ist die Mutter , die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trägt . - Nehme Dir aus diesen Zeilen alles , was Deine angehäuften Blätter berührt , beschwichtige Deine Ängstlichkeit um mich damit . Lebe wohl und habe Dank für alle Liebe und auch den guten Ephraim grüße in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit ihm von mir . Deine Schwester Lulu fragte mich , ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat nach Kassel gehen werdest . Tu es doch , mir ist ' s , als würde eine Unterbrechung Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein , obschon ich sonst nicht dafür sein würde . Caroline An die Günderode Ich hab einmal tief aufgeatmet . Dein Brief ist da ! Weißt Du , was ich getan hab ? Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht , als wär ich einer schweren Arbeit los . - Ich will gewiß nie wieder so sein . Doch wer kann für solche Gewitterluft . Über Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen , als bloß , daß ich Dich mit heimlichen Schauern gelesen hab . - Es ist vielleicht noch nachziehende Schwermut , ich weiß nicht , was es ist ; ich will Dein Herz nicht anrühren , mir ist , als wollt es ausruhen in sich , mir ist der ganze Brief wie ein Abschluß - ach nein , das nicht - wie ein Ordnen vor dem Abschied , wo Du mich ins Leben schickst wie ein älterer Bruder den jüngeren , nicht wahr ? - aber nicht auf lang ? - Du willst nur , ich soll mich mit mir allein besinnen , damit ich auch lerne , mir selbst raten . Drum vom Brief wollen wir nichts reden . Ich verstehe alles . Und entweder empfind ich manches noch mit Weh , weil ich noch verwundet mich fühl , oder weil ich nicht stark bin , eine göttliche Stimme aus Dir zu vernehmen ; mit Weinen horch ich auf Dich . Ich lese aus Deinem Brief Deiner Stimme Laut , dieser rührt mir die Sinne , sonst nichts . Ich bin ein krankes Kind von müd gewordner Liebesanstrengung , und so muß ich jetzt weinen , daß die Sorge , ach ja ! die Verzweiflung mir genommen ist ! - Dumm bin ich und launisch ! - So heftig klopfte mir das Herz , als Dein Brief da war , es war schon Nacht , - ich nahm ihn aber mit auf den Turm und bat die Sterne , daß alles sehr gut sein möge , was drin steht , und hab gefragt , ob es mir wohl Ruh geben werde , was drin steht ? Was mir die Sterne geantwortet haben ? - Ach , ich weiß es gar nicht ! Aber ich wollt die Unruh einmal nicht wieder auf mich nehmen . - Günderode ! Wenn ich auch je verdiente an Dir , daß Du Dich von mir wendest , ist hab ' s im voraus abgebüßt . - Dein Brief kam mir wie Nebel vor - ja wie Nebel - , und dann war ' s , als wenn dadurch ein Altar schimmert mit Lichtern , dann ist es wie ein Flüstern , wie Gebet in diesem Brief . - Ein Zusammenfassen all Deiner Geisteskräfte , als wolltest Du den Geist der Trauer in mir beschwören . - - Als der Ephraim heut kam , ich war gar nicht geneigt zum Lernen ; - ich vergaß ihn zu grüßen , da er doch eben von der Reise gekommen war , er sprach aber von selbst von seinen Enkeln allen , er saß , und ich stand am Tisch ; aber weil er so freundlich immer meine Stille durch sanfte melodische Mitteilungen anglänzte , wie sanfter Abendschein eine Wolke anleuchtet ! - Die Wolke war so weich geworden von dem Leuchten der scheidenden Sonne , daß sie weinen mußte ; ich traute nicht den Mann anzuschauen , den alles Schicksal zur Schönheit reifte ; - und sein Leben eine lautere Sprache mit dem Göttlichen . - Denn was konnt ich vorbringen , warum ich so war ? - Ich sagte , bleibt noch , als er glaubte , ich wollt gern allein sein ; - denn , sagt ich : die Wände da sagen , du bist für nichts auf Erden , wenn ich allein bin . - Aber wenn Ihr da seid , so tun sich die Wände auf und ich seh hinaus in den unendlichen Osten . Ich nahm seine Hand in die meine , die er festhielt , und nun sprachen wir von seinen Kindern , denn ich wollt mich nicht so hingehen lassen , es ist auch einerlei , von was man mit ihm spricht , denn sein Wesen und sein Sprechen ist geistige Menschheit , und so heilströmend ist diese ideale Gesundheit in ihm , daß man immer mehr von seinen reinen Worten trinken möcht . Ach , Du schreibst , ich soll Dir recht viel von ihm erzählen . Wärst Du doch selbst hier ! - Vorgestern fiel mir ' s ein , wie die Abendröte schon dem Dunkel wich und das reine , kalte Blau durch die Fenster hereinleuchtete , daß es unendlich schön sein müßte , wenn wir drei zusammensäßen und sprächen so in die Nacht hinein . Alles Große spricht er so heiter aus , alles ist so einfach , so notwendig , als sei das Leben reiner geistig durchgebildet in ihm . Und das ist es auch . - Ich gab ihm Deinen Brief und sagte ihm , er solle es mir auslegen , warum ich mich nicht besinnen kann ; und was es ist , daß ich mich nicht in die gewohnte Stätte sichern Vertrauens hineinfinde in diesem Brief , als sei die Pforte zu Deinem Herzen nebelverhüllt . Aber wie er wegging , war ich schon viel heiterer geworden , und am Tag vorher war ich auf dem Turm gewesen , aber die Sterne sagten mir nichts , ich besann mich nur da oben auf meine frühere Kindheit , auf meinen Vater , wie ich dem so schmerzstillend war . Wie die Mutter gestorben war und keiner sich zu ihm wagte , abends in den langen Saal , wo er im Dunkel allein saß vor dem Bild der Mutter , und die Laternen von der Straße warfen zerstreute Lichter hinein . Da kam ich zu ihm - nicht aus Mitleid , denn ich weinte nicht mit ihm , gerad wie Du in Deinem Brief sagst , es sei kein Mitleid , sondern Energie , - oft hab ich mich selbst gewundert , daß ich immer kalt bin beim sogenannten Unglück , andere , denen es schwer auf der Seele liegt , die können oft nicht helfen , aber teilnehmen . Ich kann nicht teilnehmen , mich treibt ' s , die Dornen aus dem Pfad zu reißen . - Aber mit dem Vater war es anders . Ich glaub , es gibt vielleicht Augenblicke im Leben , wo ein rein Verhältnis zwischen Gottheit und Menschheit ist , so daß die Menschennatur sich dazu eignet , das zu übernehmen , was die Menschen Botschaft Gottes nennen , also das Amt der Engel verrichten . Denn ich lief unwillkürlich zum Vater hinein und umhalste ihn und blieb still auf seinen Knien sitzen , und solang es schon her ist und damals auch meine Gedanken nicht drauf gerichtet waren , so besinne ich mich doch der ruhigen Kälte in mir , und wie dem einsamen Vater die Schwere vom Herzen fiel , und er ließ sich von mir aus dem Zimmer führen . - Später im Kloster , in Fritzlar , als man uns seinen Tod mitteilte , da frug uns die Oberin , ob wir keine Anzeige von seinem Tode gehabt hätten ? Ich sagte : » Ja , ich habe im Springbrunnen es gelesen . « Da weckte mich nachts der Mondschein und ich ging einen sehr ängstlichen Weg durch viele dunkle Gänge , bis ich zum Garten kam an den Springbrunnen , weil ich mit der Seele meines Vaters im Wasser reden wollte . Und ich ging alle Nacht hinunter , da redeten die Wellen mit mir , wie jetzt die Sterne ; es waren aber Geister damals , denn ich sah sie herumgaukeln in der Luft quer durch den Mondschimmer und bald hier im Gras oder in den hohen Taxusbäumen . Wenn Du aber fragst , wie es aussah , was ich zu sehen meinte , so muß ich Dir sagen , es war mehr ein Gefühl von etwas Höherem als ich , von dem ich durch meine Augen gewahr ward , daß es sei , und wo mir ' s im Gefühl war , daß es mit meinen Lebensgeistern sich zu schaffen mache , und was mir diese Erscheinungen oder Nichterscheinungen mitteilten . Das war so , daß ich ganz willenlos war , wie der Erdboden auch willenlos ist , in den man Samen streut . - Ich sah nur zu , daß diese Geister mein Schauen durchkreuzten , und ein reines Bejahen ihres Willens war in mir , ohne daß ich mir diesen Willen in Gedanken hätt übersetzen können . O ich glaub gewiß , die Geister müssen den Geist in die Menschenseele legen . Denn alles Wahrhaftige , was man denkt , ist Geschenktes , es überrascht später als Gedanke den Begriff , wie die Erscheinung der Blüte aus der Erde hervor uns auch überraschen müßte . - Und dann ist es so seltsam , daß diese Geistesbezauberung einen gleichsam betäubt , daß man alles vergessen muß , daß es wie tiefer Schlaf ist eine Weile in der Seele , und daß dann gar nichts erinnerlich ist . - Phantasie ? - Was ist Phantasie ? - Ist das nicht der Geister bunter Spielplatz , auf den sie Dich als freundliches Kind mitnehmen , und so sehr auch alles Spiel ist , so hat es doch Beziehung auf die Geheimnisse in der Menschenbrust . - Und die Menschen wissen ' s nicht , wie sie zum Licht des Geistes kommen , denn dies ist eins von den Lebensgeheimnissen . Aber wie weiß ich ' s doch ? - Vielleicht , weil ich gleich so festen Glauben in sie hatte , vielleicht ist ' s der Glaube , der die Geister fesselt , daß sie einem näherrücken müssen . Denn der Glaube bannt alles in einem hinein , und der Unglaube verjagt alles . - Aber - in Offenbach bei der Großmama , da war ' s wohl schon zwei Jahre her , daß ich aus dem Kloster war , ich war schon zwölf oder dreizehn Jahre alt , - und guckte so um mich und hatte so ein dumpf Gefühl , als wenn alles närrisch wär rund um mich , alles Erziehungswesen , aller Unterricht , alle Sittenpredigt und Religionslehre , alles warf ich über einen Haufen , ich konnt ' s nicht begreifen als lebendig und konnt ' s nicht verwerfen , denn ich wußt nichts vom Leben . - Da war ' s auch so , daß ich in der Nacht fortgezogen wurde an eine ferne , öde Stätte , und da war ' s mir schon viel deutlicher , was ich erfuhr , es war mir viel gewisser , keinen Augenblick hatte ich mehr einen Zweifel , daß nicht alles nur beengende Narrheit sei , was um mich vorging , und was ich vom Leben und wie man ' s nahm , gewahr ward , - und niemals hätte mir irgendwer imponieren können , aber wie ich Dich sah , da war mir ' s klar in Dir , ich hätt nie an einem Wort können zweifeln , im Gegenteil war so manches , was wie Rätsel klang , als wenn jene Geister von Deiner Zunge mich anlispelten ; und es dauerte auch gar nicht lang , so öffneten sich mir tiefe Lichtwege , und so wie ich meinte , eben daß wohl die unmündigen , aber dem Göttlichen noch ganz vertrauten Sinne der Kinder zu Botschaftern göttlichen Einflusses auf die kranke Menschennatur sich eignen , so mögen wohl hochstrebende Naturen , deren Bahn sich nicht trennt vom Geist , wohl auch dazu taugen , daß die Geister sich mit Wort und elektrischer Wirkung durch sie mitteilen . So sind jene Geister meiner Kinderjahre durch Deinen Geist sprachselig zu mir geworden . - Ja , was wollt ich doch mit Dir reden ? - Das war , daß ich den ersten Tag , nachdem ich Deinen Brief empfing , nichts wie derlei Erinnerungen hatte und kein Reden mit den Sternen war ; und gestern aber war ich so heiter geworden , und hier will ich Dir herschreiben , was ich da oben von den Sternen erfahren hab . Der wahre Geist ist nicht allein , er ist mit den Geistern , - so wie er ausstrahlt , so strahlt es ihn wider , seine Erzeugnisse sind Geister , die ihn wiedererzeugen . Geist sind Sonnen , die einander strahlen , - Licht nimmt Licht auf , - Licht sehnt sich nach Licht , - Licht geht über ins Licht , - Licht vergeht im Licht . - Vielleicht ist das die Liebe . - Was sich nach Licht sehnt , ist nicht lichtlos , denn die Sehnsucht ist schon Licht , die Rose trägt das Licht in der Knospe verschlossen . - Die Schönheit , die sinnlich vergeht , die hat einen Geist , der sich weiterentwickeln will , der Rose Geist steigt höher , wenn ihre Schönheit verblühte . - Im Geist blühen tausend Rosen , die Sinne sind der Boden , aus dem das Schöne in den Geist aufblüht , die Sinne tragen die Rosen , sie blühen in dem Geist auf . - Der Geist ist der Äther der Sinne , - die Rose berührt den Atem , das Gesicht und das Gefühl ! - Warum bewegt die Rose das Gefühl ? - Atme ihren Duft , und Du wirst bewegt ; - gewiß liegt in ihrem Dasein Seligkeit , die nur ihr eigen ist , - gewiß war diese Seligkeit einmal die Deine - und jetzt , wo Du ihren Duft einatmest , fühlst Du den Geist der Rose , die längst verblühte , in Dir fortblühen . Was ist Erinnerung ? - Erinnerung ist viel tiefer , als sich auf das besinnen , was wir erlebten . Auch in ihren Verwandlungen berührt sie ewig den Geist - sie ist unendlich - sie wird Gefühl - dann wird sie Gedanke , der reizt den Geist zur Leidenschaft ; als Leidenschaft erzeugt sie den Geist aufs neue . Aus jedem Lebenskeim entsteht Leben , Leben erzeugt fortwährend Lebenskeime , die alle blühen müssen . Alles Erlebte ist Lebenskeim , die Erinnerung trägt sie im Schoß . Ich weiß wohl , warum von Rosen die Rede war mit den Sternen . - Einmal war ich heiter geworden , wie der Ephraim fort war , - und dann schwamm noch rötlich Gewölk am Himmel , als ich oben auf der freien Warte ankam , und dann will ich nie wieder unfrei atmen ! Das ist nicht meine Sach , unter der Last keuchen ! - Setzest Du mir nicht einmal ums andre immer wieder neue Flügelpaare an , und die Sterne , wie lehren die mich doch die Flügel schwingen ! Und trag ich nicht Dein Leben in meiner Brust und meines auch ? - Und wenn ich so viel Flügel hab , was soll mir eine Last sein ? - Alles schwing ich auf gen Himmel , Schweiß wird mir ' s kosten , warum nicht Lasten tragen , wenn ich sie aufschwingen kann in die Himmel . - - Was ist das , ein Athlet sein und nicht den Erdball auf den Fingern tanzen lassen ? - Haben wir ' s nicht ausgemacht , wir wollen das gemeine Leben unter uns sinken lassen , haben wir nicht zueinander gesagt , laß uns schweben und nicht an diesem oder jenem festhalten ? - Und war ' s nicht das erste , worauf wir unser Sein begründeten , daß wir alles wollten wagen zu denken ? - Und ist der nicht unsinnig , der das Denken wollt vor die Türe stoßen , weist der nicht göttliche Botschaft ab , - und warum ist denn nur Geist , was frei schwebt , und was sich anlehnt , ist nicht Geist ? - O ja ! das begeistert mich , so zu denken , und der Nebel umflort Dich nicht mehr , und es ist hell , wie ich Dich denk - und wenn auch . - Wir können wohl über die Nebel hinaussteigen , - Deine Fittiche wolle Dir nicht brechen lassen , ich sag Dir gut , daß ich die Erde und ihren Frevel am Geist in Banden halten werd . - Was ist ? - Was kannst Du gewinnen , was Du nicht wagst ? - Und was Du verlieren kannst , lohnt es der Mühe es zu bewahren , Du verlierst nur , was Du nicht wagst . - Ein Held sein und sich vor nichts fürchten , da kommt der Geist geströmt und macht Dich zum Weltmeer . - Die Wahrheit erfüllt Dich , der Mut umarmt die allumarmende Weisheit . - Die Wahrheit sagt zum Mut , brich deine Fesseln , - und dann fallen sie ab von ihm . - Der Schein ist Furcht , die Wahrheit fürchtet nicht , wer sich fürchtet , der ist nicht wirklich , der scheint nur . - Furcht ist Vergehen , Erlöschen des wahrhaften Seins . - Sein ist der kühnste Mut zu denken . Denken ist gottbewegende Schwinge . - Wie sollte das göttliche Denken sich an die Sklavenfessel legen ? - Ist das , was Ihr für wahr ausgebt , Wahrheit , so schwing ich mich im Denken zu ihr auf . - Wenn ich mich aufschwinge , so ist ' s in die Wahrheit , lieg ich an der Fessel , so bin ich nicht an die Wahrheit gekettet . Freisein macht allein , daß alles Wahrheit sei , von was ich mich fesseln lasse , das wird zum Aberglauben . Nur was geistentsprungen mir einleuchtet , das ist Wahrheit , - was aber den Geist fesselt , das wird Aberglaube . Geist und Wahrheit leben ineinander und erzeugen ewig neu . - So hab ich mich freigemacht von meiner Furcht , weil Furcht Lüge ist . - Und Mut muß die Lüge überwinden . Und ich bin wieder eins mit Dir . Ach , wieviel Strahlen brechen sich doch heut in meiner Seele ! Adieu und der Lulu hab ich versprochen , daß ich mit nach Kassel geh , sie schreibt : nur auf drei Wochen . - An die Günderode Ich bin heut auf mancherlei Weise beglückt , erstlich hab ich heut wirklich einen Rosenstock in meinem Zimmer stehen , den mir einer heimlich hereingestellt hat , mit siebenundzwanzig Knospen , das sind Deine Jahre , ich hab sie freudig gezählt und daß es grad Deine Jahre trifft , das freut mich so ; ich seh sie alle an , das kleinste Knöspchen noch in den grünen Windeln , das ist , wo Du eben geboren bist . Dann kommt das zweite , da lernst Du schon lächeln und dahlen mit dem kleinen grünen verschlossenen Visier Deines Geistes , und dann das dritte , da bist Du nicht mehr festgehalten , bewegst Dich schon allein , - und dann winkst Du schon mit den Rosenlippen , und dann sprechen die Knospen , und dann bieten sie sich dem Sonnenlicht , und dann sind fünf bis sechs Rosen , die duften und strömen ihre Geheimnisse in die Luft , und dieser Duft umwallt mich und ich bin glücklich . - Wer hat sie mir wohl ins Zimmer gestellt ? - Heut morgen kamen die Studenten herauf , und gleich war aller Blick auf den Rosenstock am Fenster gerichtet , - denn es ist was seltnes um diese harte Winterzeit hier in Marburg , denn ich glaube wohl nicht , daß Treibhäuser hier sind . Der Ephraim war nicht da heute , wo sein Tag ist , - den er sonst nicht versäumt , und als ich abends auf den Turm wollt , da kam sein Enkel mir zu sagen , daß er unwohl ist , - ich sag , was fehlt ihm ? - Nur matt ist er , sagte der Enkel , sonst ist er ganz wohl , ich sag , sieh den schönen Rosenstock , er sagt , ich kenne ihn wohl , der Großvater hat ihn heute morgen durch mich geschickt , und weil es noch früh war , so hab ich ihn vor die Tür gesetzt , - ich frag : » Habt Ihr ihn denn selbst gepflegt ? « - » Ja , der Großvater hat ihn schon zum zweitenmal zur Blüte gebracht . « - Es ist schön , daß der Rosenstock mein ist , wär doch der Ephraim wieder gesund , denn Du hast mir ja geschrieben , ich soll mit ihm von Dir sprechen , das letztemal konnt ich nicht , weil ich zu bang war ; - vielleicht aber ist ' s , daß er meint , ich wär zum Lernen nicht aufgelegt , warum er sich ' s verbietet , zu kommen , ich hab ihn aber bitten lassen , zu kommen , wenn er besser ist , ich hab ihm auch alten Madeira geschickt , er wird schon besser werden ; es war sehr schön heut auf dem Turm , es ist Frühlingsluft , und die Abende sind heiter und rein , ich geh früher jetzt , schon immer , wenn die Sonne untergegangen ist , eh ich nach Haus geh , ist doch schon sternige Nacht , nun werd ich den Turm bald verlassen , die Lulu schreibt , am siebzehnten wird sie kommen , Du hast ' s gesagt , ich soll mit ihr gehen , und ich wollt ihr ' s auch nicht abschlagen , - es war schön hier und vielbedeutend , und was soll ich mich fragen , was in mir geworden ist ? Mein Geist ist voll geheimer Anregung , das ist genug , die Natur hab ich nicht beleidigt und meine innere Stimme auch nicht verleugnet . Was den Geist verleugnet , das versiegt eine Geistesquelle , - Buße ist ein Wiedersuchen , Wiederfinden dieser Quelle , denn echter Geist strömt Geist , - Großmut verzeiht alles , aber duldet nicht , was gegen den Geist ist . Großmut ist Stammwurzel des Geistes , durch die der Geist einen Leib annimmt , Handlung wird . Was nicht aus ihr hervorgeht , ist nicht Tugend . Großmut dehnt sich willenlos aus über alles , wo sie sich konzentriert , da ist sie Liebe . In der Liebe brennt Deine Seele in der Flamme der Großmut , sonst ist ' s keine Liebe . - Nur in der Großmut hat alles Wirklichkeit , weil in ihr allein der Geist lebt , - so also nur kann die Liebe selig machen . - Jede Liebe ist Trieb , sich selbst zu verklären . Wenn nicht dem Liebenden die Gottheit , die Weisheit das Haupt salbet und die königliche Binde umlegt , da ist ' s nicht die wahre Liebe . Ein Liebender ist Fürst , die Geister sind ihm untertan , wo er geht und steht , begleiten sie ihn , sie sind seine Boten und tragen seinen Geist auf den Geliebten über . - Das war meine gestrige Sternenlektion , seit die Rosen in meinem Zimmer blühen , sprechen sie als mit mir von Liebe . Heut morgen hab ich den Rosenstock wieder ans Fenster gestellt , eh die Studenten kamen , und hab hinter dem Vorhang gelauscht , ob sie wieder heraufgucken , sie haben sich bemüht , die Rosen zu zählen , einer zählte siebzehn , der andere fünfzehn , soviel sind grade zu sehen , die andern sind noch zu klein , - könnt ich jedem eine hinunterwerfen , sie an seine Mütze zu stecken . Heut war der Ephraim bei mir , er wußte , daß ich die andre Woche geh , wir sprachen von meinem Wiederkommen , denn ich bleib nur drei Wochen mit der Lulu aus . - Wir sprachen von Dir , er sagte soviel Gutes von Dir , er las auch meine letzten Blätter an Dich , er sagte , man müsse nicht fürchten , daß was man liebe , einem verloren gehn könne , weil er wohl erkannte , etwas in Deinem Brief mache mir bang um Dich ; er sagte , Du seist einzig in Deiner Art , Du habest eine große Bahn , und wer nicht andre Wege gehe als die schon gebahnten und angewiesnen , der sei nicht Dichter . Es sind nicht tausend Dichter , es ist nur einer , die andern klingen ihm nur nach ; - klingen mit . - Wenn eine Stimme erschallt , so weckt sie Stimmen . Dichter ist nur , der über allen steht . Der Dichtergeist geht durch viele , und dann konzentriert er sich in einem . - Oft wird er nicht erkannt und doch steht er höher als alle . - - Wer nicht andre Wege geht , als die schon gebahnten und angewiesenen , der ist nicht Dichter . Und wenn nicht auf