demselben Momente diktirte er auch zugleich die Strafe . Der König entließ den jungen Grafen seiner Funktionen bei der Königin - der ganzen Familie wurde angezeigt , daß sie sich des Hofes zu enthalten habe . Der Marschall harrte vergeblich mit hartnäckiger Verzweiflung an den Stufen des königlichen Schlosses auf die Gewährung der flehenden Bitte : auf seinen Knieen um Verzeihung bitten zu dürfen . Niemand hatte Muth , auch nur den berühmten Namen des Marschalls zu nennen . An ein solches Majestätsverbrechen erinnern , hieß sich dessen theilhaft machen . Außer der feierlichen Sendung , die der Familie ankündigte , daß sie in Ungnade gefallen , betrat Niemand mehr die Schwelle des geächteten Hauses , und der König schien vergessen zu haben , daß es eine Familie des Namens gäbe ; er wußte , daß er sie damit auslöschte und grenzenlos strafte . Gedenken wir jetzt der Marschallin von Crecy , so werden wir gestehn müssen , daß sie mit der einzigen Geißel gezüchtigt wurde , deren Schläge sie fühlte und nicht von sich abzuhalten wußte . Sie versuchte die beste Stellung zu nehmen , die noch möglich wäre ; aber es war nur die eine übrig , die sie aus allen bisher behaupteten Vortheilen und Ansprüchen verdrängte und ihr bis in die intimsten Verhältnisse ihres Hauses , bis zu ihren , jetzt minder ehrerbietigen Domestiken herab , eine Kette von bitteren Kränkungen bereitete , wie sie das Dasein derselben für sich unmöglich gehalten hatte . Diese Leiden wurden noch vermehrt , indem sie jeden Augenblick erwarten mußte , der wahre Grund von Leonin ' s Entfernung werde zu Tage kommen . Die gutmüthige Herzogin von Lesdiguères , der man nicht den Hof verboten hatte , die aber zu stolz und zu ehrlich war , ihn zu besuchen , während die Familie ihrer Tochter in Ungnade war , bestürmte die Marschallin mit Vermuthungen und Nachforschungen , welche diese , so lange als möglich , ausweichend beantwortete ; endlich aber ihr , wie der bekümmerten Viktorine erzählte , daß Leonin , von einer seiner hypochondrischen Launen ergriffen , außer sich , daß die Ceremonie Viktorinen schaden würde , und empört über die Nothwendigkeit , sie zulassen zu müssen , die Flucht ergriffen habe und ohne Gepäck , ohne Bedienten , in einer einfachen Hofkarosse nach Ste . Roche geeilt sei , wo es sich wirklich gezeigt , daß er im Fieberwahnsinne abgereist , da er dort sogleich tödtlich erkrankt sei . Viktorine wollte ihm jetzt nachreisen ; aber die Aerzte unterstützten die Weigerung der Aeltern . Sie mußte zwar nachgeben und bleiben , aber mit erhöhtem Mißtrauen und in großer Bekümmerniß um ihren Gemahl . Dagegen schlug die Marschallin vor , nachdem die ersten vier Wochen für ihre Schwiegertochter vorüber waren , daß beide Familien sich nach Moncay , dem schönen Schlosse der Marschallin , was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag , begeben sollten . Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen , welche die Marschallin mit Ungeduld betrieben , da sie in der veränderten Existenz , die sie an Paris band und ihr Versailles , das Feld aller ihrer früheren stolzen Ansprüche verschloß , es kaum zu ertragen vermochte , als sie aufs neue sich in ihren Plänen durchkreuzt sah , und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward , von den Umständen beherrscht zu werden . Am Tage vor der Abreise meldete man ihr , daß der Marschall plötzlich in seinem Zimmer einen bösen Fall gethan habe , und der Hausarzt ihm bereits zur Ader lasse . Die Marschallin grollte zwar heftig darüber , fühlte aber doch , daß sie sich zu ihm begeben müsse , innerlich fest entschlossen , diesem Ereignisse keinen Einfluß auf ihre Abreise zu gönnen , da sie sich jeden Tag fast mit Empörung in Paris erwachen fühlte . Mit vollständig schmollender Miene , fest entschlossen , ihn auszuschelten und ihm ihre Abreise anzukündigen , trat die Marschallin in seine verhaßten Gemächer ; und ihre Laune ward nicht verbessert , als die Domestiken ihres Gemahls , ohne sie zu beachten , weinend und händeringend an ihr vorüber stürzten , wie es schien , dringende Befehle zu vollführen . Als sie das Schlafgemach des Marschalls betrat , blieb sie horchend stehen ; der Kaplan mit einigen Gehilfen , der Arzt , knieend und den Marschall im Arm , umgaben das Bett ; - aber das Röcheln des Todes war ein zu verständlicher Laut , um Zweifel zu lassen über das , was vorging . Mit steifen Knien schob sich die Marschallin näher . » Was geht hier vor ? « rief sie entsetzt , mit rauher Stimme . - Niemand antwortete . - » Marschall , Marschall , was habt Ihr gemacht ? Erholt Euch ! Faßt Euch ! Seid ein Mann ! « so rief sie , schon von der Wahrheit überzeugt , ihrer Erregung nur in zürnender Weise sich entledigend . » Das war er , ein ganzer Mann ! « sagte der Arzt und legte ihn auf sein hartes Kissen zurück ; - » aber Männer müssen auch sterben ! « » Sterben ! « rief die Marschallin - » Herr Doktor , Ihr fabelt , Sterben , er war diesen Morgen noch gesund - ein kräftiger Mann ! « » Ueberzeugen sie sich selbst , Frau Marschallin , « sagte der Arzt zurücktretend - » hier findet der menschliche Wille eine Grenze , die auch Ihro Gnaden nicht abändern können . Ein Schlagfluß hat einen an sich nicht tödtlichen Fall veranlaßt - es floß kein Blut mehr , obwol ich schon im Palais war , als der Zufall eintrat . « Die Marschallin trat näher und schauderte zurück vor dem starren Gesicht ihres Gemahls , das sie nie geliebt . Er hatte seine eiserne , zürnende Miene , und sie konnte sich nicht überwinden , ihn zu berühren ; ihre natürliche Härte war durch die Erlebnisse der letzten Zeit so gesteigert , daß sie um den Preis der Welt kein mildes Wort , kein Zeichen der Rührung zu geben vermocht hätte . Sie fühlte blos mit unendlichem Grolle , wie aufs neue ihre Vorsätze scheiterten , und sah in ein Gebiet von Erscheinungen , von denen es noch ungewiß blieb , ob sie ihr günstig oder störend sein würden . » Ein Ehrenmann ! ein großer Held ! ein vollkommener Edelmann ! « sprach sie endlich kalt - » eine Stütze des Thrones , von dem doch seine letzte Kränkung ausging . Jetzt kann man ihm keinen Wunsch mehr abschlagen - jetzt wird sein Name doch bis zu den Ohren dessen dringen , dessen Kindheit er schützen half ! - Meine Herren , « fuhr sie fort - » Sie werden die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten machen , die in unsern erlauchten Häusern Sitte sind - ich werde die Hausoffizianten kommandiren , Ihnen beizustehen . Der Intendant wird das Schema der Ceremonie empfangen . - Ihr , Herr Kaplan , werdet in meinem Namen dem Herrn Erzbischof von Noailles die Anzeige von diesem Todesfalle machen ; ich hoffe , er wird sich erinnern , was er dem Hause Crecy-Chabanne schuldig ist . - Ein Courir muß nach Ste . Roche abgefertigt werden . « - Nach diesen Anordnungen verließ sie das Sterbezimmer ihres Gemahls und schritt mit kalter , strenger Miene an der weinenden Dienerschaft vorüber ; ehe sie ihre Gemächer erreichte , hatte sie genau alle Vortheile dieser neuen Lage der Dinge übersehen , und ohne sich es einzugestehen , fand sie doch , dem alten , lebensmüden Greise sei die Ruhe zu gönnen , und der Augenblick dazu könne den Umständen eher günstig , als nachtheilig werden . Ihre erste Sendung war nach dem Herzoge von Lesdiguères . Er ward beauftragt , dem Könige die Meldung dieses unerwarteten Todes zu machen . Mit einer Fassung , die ihrem gleichgültigen Herzen sehr natürlich war , gab sie ihre Befehle zu der großen Umwandlung des Hauses . Vom Portale des Schlosses , welches das große Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden bewacht wurde , bis zu den Wohngemächern hinauf , ward das ganze Haus schwarz ausgeschlagen . Alle Livreen verschwanden , die dienenden Frauen zeigten keine Farben , und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauerkleidern , Kappen und Schleiern . Der größte Saal des Palais war mit schwarzem Sammet so fest verhangen , daß kein Strahl des Tages eindringen konnte . Hunderte von Kerzen ersetzten das Licht der Sonne . Die einbalsamirte Leiche des Marschalls stand auf Stufen erhöht ; seine Orden , der Marschallstab , Degen , Sporen und Helmsturz ruhten auf Tabourets um den Sarg vertheilt , an denen zahllose Pagen , mit Trauerflören und Wachskerzen in den Händen , in unbeweglicher Stellung Wache hielten . Diesen Kreis umgaben den ganzen Tag von früh bis spät eine Abtheilung Mönche mit einigen fungirenden Priestern , welche die Gebete und einweihenden Funktionen verrichteten ; denn der Erzbischof von Noailles hatte nicht vergessen , was er dem Hause Crecy-Chabanne schuldig war , und die Meldung dieses Todes war mit den gehörigen Weisungen an die dazu bestimmten Klöster ergangen . Die ganze Dienerschaft des Marschalls löste sich außerdem noch an dem Sarge ab , während die Chorknaben der Prozessionen in angemessenen Pausen den Sarg mit ihren Weihrauchbecken umzogen und Alles in betäubende Düfte hüllten . Die Marschallin schien mit großem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof und Adel vergessen zu haben . Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch alle Häuser , die durch ihren Rang auf diese Auszeichnung Anspruch machen konnten . Einen Augenblick hielt die ganze Korporation den Athem an und richtete die Augen nach dem Schlosse von Versailles . Es ward aber sogleich bekannt , daß der Herzog von Lesdiguères eine gnädige Audienz beim Könige gehabt , und der großmüthige Monarch seinen Unwillen nicht über das Grab hatte ausdehnen wollen . Der Herzog von Gêvres und der Prinz von Courtenaye bekamen Befehl , zur Beileidsbezeigung sich in das Trauerhaus zu begeben . Dies war die wohlverstandene Loosung für Alle Uebrigen , und die Königinnen und Prinzessinnen an der Spitze , die ihren Hofstaat beorderten , belagerte nunmehr der Adel in allem Pompe der Trauer das Palais Soubise . So war dies vor kurzem verödete Haus , jetzt seines Oberhauptes beraubt - damit zu seinem alten Glanze zurückgekehrt , und die Marschallin fühlte den bittersten Haß gegen die bezwungene Menge und den stolzesten Triumph über die gefügigen Schritte , womit Alle jetzt genöthigt waren , ihr entgegen zu kommen , nachdem sie es gewagt , sie zu verlassen . Sie saß unter ihrem schwarz verhangenen Thronhimmel in der lästigen , steifen Trauerkleidung die üblichen Stunden des Empfangs , ohne ein Zeichen des Lebens , als die jedesmalige Neigung des Kopfes , wenn die herkömmlichen Beileidsbezeigungen an sie gerichtet wurden . Rechts saß die arme , weinende , kindlich betrübte Louise - links ihre erschütterte Schwiegertochter . Die nahen Verwandten schlossen sich sitzend auf beiden Seiten an ; - nur die Hofchargen empfing die Marschallin stehend mit geziemender Ehrfurcht . Und der , der bei diesem wichtigen Vorfall am meisten betheiligt war - Leonin , das nunmehrige Oberhaupt der Familie Crecy-Chabanne , fehlte noch immer ! Alle Boten , alle Briefe brachten keine Antwort zurück , oder wurden nur von einigen unvollkommenen Briefversuchen des Kammerdieners erwiedert , die der Intendant der Marschallin nicht selbst vor die Augen der Familie zu bringen wagte , und deren Gesammtinhalt , mündlich von ihm mitgetheilt , Alles in einer solchen Dunkelheit ließ , daß die Marschallin ihrer vollen Unruhe überlassen blieb . Doch was litt die edle Viktorine in dieser Zeit ! Aufs neue durch die Regeln der Trauer an ihr düsteres Schloß geknüpft , gab jeder Tag ihr neue , tiefere Leiden und hemmte die kräftigen Maaßregeln , die sie ohne Zweifel ergriffen hätte , wäre sie nicht daran behindert gewesen durch dies Ereigniß , dessen bindende Gewalt sie aus Liebe zu dem verstorbenen Marschalle sich doppelt gezwungen fühlte zu ertragen . Jede Stunde , die sie von den Audienzen erlöst blieb , brachte sie bei ihrem Kinde zu , dessen Gesundheit und kräftige Gestaltung ihr Trost und Hoffnung einflößte ; hier , über der Wiege ihres Kindes , fand sie auch die einzige Freundin ihres Herzens , die edle , milde Marquise de Sevigné . - Obgleich im Alter weit auseinander gerückt , wußten doch Beide von diesem Unterschiede nichts . Sie war die einzige Frau an diesem Hofe , der Viktorine nachgegangen war , und um deren Aufmerksamkeit und Liebe sie sich kindlich weich und hingebend bemüht hatte . Die edle Frau hatte zu Anfange das lebhafte , kecke Mädchen , die ihr gegenüber so still und demüthig ward , mit Antheil betrachtet ; als sie ihr verständiges und strenges Verfahren als Hofdame der Königin sah , hatte sie sie geachtet und ihr endlich ein Vertrauen gewidmet , welches zu einer mütterlich zärtlichen Freundschaft ward , deren Beweise immer inniger hervortraten und in der gegenwärtigen Periode , die ihren Liebling in Ungewißheit und Kummer stürzte , diese zu einem Gegenstande ihrer Sorgfalt machten - einer Sorgfalt , die , von dem Geiste der mildesten Schonung belebt , von Erfahrungen unterstützt , nicht verweichlichte oder verhärtete , sondern Viktorinens edle , freie Gesinnungen unverkümmert erhielt . Viktorine war eine zu geschlossene , züchtige Seele , um selbst ihrer vertrautesten Freundin ein Gespräch über das nähere Verhältniß zu ihrem Gemahle gestatten zu können . Die Marquise verstand und ehrte diese keusche , weibliche Natur und kannte die Gefahren , in der Ehe Vertraute haben zu wollen , zu gut , um nicht dieser Gesinnung mehr eine Stütze , als ein Hinderniß zu sein . Aber es entging ihr nicht , daß Viktorine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte , mit der man allein das Geheimniß des Glückes gewinnt . Ueberzeugt , daß diese Gabe uns nur selten auf lange verliehen ist , und uns aufgegeben bleibt , uns zu resigniren und die würdige Gestaltung eines ehelichen Verhältnisses damit nicht aufzugeben , sondern darüber hinaus ihm einen so edeln und achtungswerthen Karakter zu sichern , daß die Rückkehr des Glückes immer möglich , wir wenigstens seiner werth bleiben - bemühte sich die geistreiche Frau , nur mit allgemeinen Andeutungen Viktorinens Geist in diesem Sinne zu erweitern . » Es schien mir , meine Liebe , « sagte sie zu der wehmüthig über ihr Kind gebeugten Viktorine - » daß der Marschall manche Elemente in sich trug , die , von Ihrer Frau Schwiegermutter nicht übersehen , das eheliche Verhältniß dieses Hauses für spätere Tage wohl zu einem besseren Zustande hätten zurückführen können , als uns dargelegt ward . « » Gewiß , « erwiederte Viktorine - » der Marschall war ein Felsen , aus dessen Schachte Quellen zu locken , der glaubensvolle Schlag einer Hand gehörte , die annahm , sie müßten hervor springen ! Aber das war es gerade vor Allem , was meiner Schwiegermutter fehlte , der es überhaupt schwer wird , Menschen von Dingen zu unterscheiden , und die endlich sich mehr über die Symptome eines eignen Willens erzürnt , wie erfreut ; da sie auch den leisesten Hauch einer Konkurrenz nicht verträgt . « » Sie sind streng , Viktorine , « sagte Madame de Sevigné lächelnd - » doch weniger , da Sie wahr sind . Aber glauben Sie mir , wenn wir die Marschallin in so sorgloser Sicherheit bewerkstelligen sehen , was ihr gefällt , und sie weder eine andere Individualität achtet , noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwicklung zugestehet , so ist das mehr oder weniger überall die trostlose Ursache der zahllosen unglücklichen Ehen , denen wir begegnen . Die Ehe ist Keinem mehr an sich etwas - eine göttliche Einrichtung - eine erhabene bürgerliche Existenz ! Unsere jungen Frauen wollen bloß in einem solchen Verhältnisse genießen , eine größere Freiheit für ihre unter Zwang gestellten Neigungen erhalten und fangen immer damit an , wobei noch kein Verhältniß der Erde bestand , von der einen Seite Alles zu fordern , und gleiche Forderungen an sie gestellt , für erkaltende Gefühle des Mannes zu halten . « » Wenn sie nur lieben könnten ! « sagte Viktorine . - » Ich denke oft , das ganze Geheimniß liegt darin , daß die Fähigkeit zu lieben in diesen jungen Mädchen früher zerstört wird , als das Alter sie zu diesem Gefühle beruft . Es hat keine mehr Innerlichkeit , der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus ; sie lernen Alles nachmachen , was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht , endlich auch liebeln , wenn ihnen der Mann , dem es gilt , eine Stellung am Hofe verheißt . Wie sollen sie nun verheirathet nur begreifen , daß die Stellung , die sie wollten , sie zugleich mit einem Manne verbunden , der eine Seele hat - den sie schonen , ehren - dem sie gehorchen müssen ! « » Es ist nicht zu läugnen , « erwiederte die Marquise , » daß diese Entartung unser Geschlecht nicht allein verfolgt , daß allerdings selbst einer besser vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden würde , das bei ihrem Manne zu entdecken , was Sie eben mit Seele bezeichneten , und daß selbst , wenn sie Liebe zu ihm zu fassen vermag , dies doch nur eine zweifelhafte Stütze ihres Glückes wird ; da - wenn die Anforderungen derselben nicht mäßig und vom Verstande geleitet bleiben , sie leicht ihre mögliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen , wenn sie die erwartete Erwiederung nicht findet . Und dennoch , selbst wenn Sie lächeln sollten - ich mache es jeder Frau zum Vorwurf , der ihr Gatte untreu wird ! « » Das ist mindestens Viel gesagt ! « rief Viktorine , ein wenig gereizt . - Die Marquise fuhr fort : » Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen , die dies erleben , daß das häusliche Beisammensein in der Ehe Verhältnisse mit sich brächte , die Illusionen nothwendig zerstören und die Gattin , gegenüber dem Manne , in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen müsse . Hiervon glaube ich gerade das Gegentheil ! Keine Frau hat die Mittel in Händen , einen Mann zu fesseln , die sich mit denen einer Gattin vergleichen ließen . Aber sie muß freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben , eine züchtige Jungfrau in ihrem Gemüthe - den Schleier der Vesta muß die Flamme der Liebe nicht versengen . « » Ja , ja , « rief Viktorine warm - » das , das ist das Rechte ! « » Ein großer Schriftsteller , « fuhr die Marquise fort - » sagt irgend wo - und sein Ausspruch enthält eine Erfahrung , die es scheinen lassen wird , er habe zu allen Zeiten gelebt , da er Recht haben wird , und wenn sein Enkel es hundert Jahre nach ihm wiederholt - indem er uns zwei gleich liebende Wesen von beiden Geschlechtern vorführt , von denen das Weib zuerst einen Mangel , einen Stillstand in den Gefühlen des Mannes wahrzunehmen glaubt : wenn eine Frau liebt , liebt sie in einem fort - ein Mann thut dazwischen etwas Anderes ? « Viktorine fuhr schnell mit beiden Händen empor . Einen Augenblick verhüllte sie ihr Gesicht - dann war es vorüber . Die Marquise hatte indessen , von Victorinen abgewendet , den Vorhang der Wiege etwas gelüftet . Viktorine glaubte sich unbemerkt . - » Dies ist eine Wahrheit , « sagte die Marquise , » die , tief in der männlichen Natur begründet , jedem Mädchen als Brautgeschenk gegeben werden sollte ; denn es ist zugleich der Schlüssel , mit dem die Zweifel zu lösen wären , von denen wir ein weibliches Herz beschlichen sehen bei der ersten Wahrnehmung , daß der Mann , eben wie jener große Schriftsteller sagt , dazwischen etwas Anderes thut ! « Mit glühendem Gesicht und einer leisen Stimme , die in Bewegung bebte , sagte Viktorine : » nur , was dies Andere sei , ist die entscheidende Frage ! « Die Marquise de Sevigné , die berühmt dafür war , selbst in die kleinsten Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu sein , sing an das Wiegenband zu lösen . » Ich finde doch , meine Liebe , das Band ist zu stark angezogen ; ich konnte es nie leiden , wenn dies kleine Bettchen zu Arm- und Beinschienen wird . « Damit beschäftigt , fuhr sie fort : » Es scheint mir überhaupt recht schwer , ein Mann zu sein - und das Gefühl der ihnen zuertheilten , so ungleich schwierigeren Aufgabe macht mich im Ganzen so nachsichtig gegen die große Masse unvollkommener Männer . Unsere Natur ist mit den sittlichen Gesetzen unserer Bestimmung im Einklange . Wenn wir diese nicht entarten lassen , sind wir Alles , was wir zu sein brauchen , und wenn ich denke , daß uns Gott gewürdiget hat , Mütter zu werden , so könnte ich oft trotz meiner Devotion in Versuchung kommen , uns für zu sehr bevorzugt zu halten . Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit , steigt in mir auf . Unsere Bestimmung ist so unendlich schön , so wichtig überdies ! Welch ein Lebensprinzip bürgerlicher - religiöser Existenz ist der Heerd , an dem wir die zarten Kräfte pflegen , entwickeln und schützen , die dann sich über das Leben nach Außen verbreiten - die es uns zu danken haben , wenn sie nicht schon im Anbeginne verkrüpeln . Wir spielen in diesem kleineren , geschützten Kreise in Wahrheit durch , was der Staat im Großen und in Massen darstellt . Wir halten die Fäden in Händen , die alle Zustände leiten ; schützend , sorgend , strafend und lohnend beherrschen wir sie - der Gesammtblick , welcher alle Verhältnisse dem richtigen Standpunkte gemäß leitet , ist die Höhenstufe , die wir erkennen lernen müssen . So wie wir uns auf dieser umsichtig , der Sache förderlich zeigen , können wir einen Schatz von Wohlthaten entwickeln . Und so reich und schön dies ist , wie in einander greifend ist es zugleich ! Welche Einheit liegt in unserer Bestimmung - wie ist sie stets geschützt und eine gewisse , unzerstörbare Heiligkeit an den Heerd gefesselt , die noch jetzt an die Sitte unserer rohen Urväter mahnt , die selbst den Feind am Heerde unberührt ließen - die Stelle nicht zu beflecken ! « - » O meine Freundin , « unterbrach sie Viktorine - » ich fürchte , wir haben uns in unseren sogenannten höheren Ständen sehr weit von dem heiligen Heerde entfernt , dessen Urbestimmung sich uns wahrhaft offenbaren konnte ; und vielleicht erlahmt dadurch auch die Ehrfurcht davor in der Brust der Männer , und wir verlieren damit nach gerade alle unsere Stellung ! « » Ich möchte Ihnen nicht unbedingt Recht geben , Viktorine . Es bleibt allerdings nicht dasselbe , wie überhaupt Verschiedenheit in den Verhältnissen zur Weltordnung gehört . Aber Verschiedenheit - Abweichungen heben den Grundgedanken nicht auf . Sei der Zustand noch so verändert , wir werden uns immer zurecht finden , wenn wir den Hauptgedanken festhalten : daß wir durch Alles , was in uns liegt , berufen sind , einen würdigen Hausstand zu erhalten , den Verhältnissen gemäß , in die uns Gott geführt - und wie Viel wir von der patriarchalischen Uridee beibehalten oder aufgeben müssen , sie muß immer zu erkennen sein . « » Und warum sollte es denn den Männern so viel höher angerechnet werden , was sie in ihrer Pflichterfüllung leisten ? Warum ist denn ihr Beruf so viel schwerer - warum haben sie ein höheres Anrecht auf unsere Nachsicht ? « rief Viktorine , mit weiblichem Zürnen in Blick und Ton . Die Marquise lächelte , ohne Viktorine anzublicken . » Ich gestehe Ihnen zuvörderst , daß ich nicht sehr viele Theilnehmerinnen meiner Meinung unter Ihrem Geschlechte habe . Es ist auffallend , wie lange uns eine platt getretene Idee , die einen augenblicklichen Glanz hat , zu Combinationen verführen kann , die , an sich falsch , doch Irrthümer auferziehen , deren wahrer Beschaffenheit wir gar nicht mehr nachfragen . Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten , daß die Männer ein großes Vorrecht vor uns haben , weil sie sich sehr Viel mehr erlauben dürfen , als wir ; und wir haben dieses unbezweifelte Recht mit dem Worte : Freiheit , profanirt . Was können wir denn in Wahrheit Freiheit nennen , wenn nicht die Entwickelung der Seele und des Karakters , die uns die Zustände beherrschen läßt , uns von Ihnen unabhängig macht , ihnen einen höheren Willen entgegen stellt . Es ist der einzige Begriff , der diese Idee aus dem Zustande relativer Willkür in eine feste , dann unangreifbare Stellung bringt , und das Vorrecht der Männer hat damit so wenig Zusammenhang , daß ich es gerade ihnen hinderlich erachten muß . Und sollen wir ihnen also den materiellen Besitz der Freiheit so hoch anrechnen ? Ich schäme mich fast , daß wir dies thun ! - Sie werden nun den Gang meiner Gedanken bald auffinden , wenn ich so nachsichtig bei den Fehlern der Männer erscheine . Unbehütet von Jugend auf , werden ihnen Reinheit und Züchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt ; in materielle Verhältnisse getrieben , ungestraft durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft - endlich von der Natur selbst mit anderen Bestandtheilen des Blutes versehen , die leicht zu erkennen sind , kämpfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren dabei den Schutz der häuslich-sittlichen Ordnung , die das Weib von Jugend auf bestimmt ist einzuhegen . Wenn wir noch hinzu rechnen , wie sie eine doppelte Existenz entwickeln müssen , nämlich die häusliche und die öffentliche , und die eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht , so erstaune ich billig über ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig nicht mehr , sie oft ungelöst zu finden . « - Viktorine schwieg ; - dann sagte sie , wie sich überwindend : » nicht immer steht ihre äußere Stellung zu ihrer häuslichen in Widerspruch ; und dennoch sehen wir sie diese gering achten , nach kurzem Erfassen sie aufgeben , als gehörte sie nicht zu ihnen . « » Ja wohl , « erwiederte die Marquise schnell - » die Harmonie zwischen Beiden herzustellen , erfordert eine so vollkommene , männliche Entwickelung , daß wir fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen ; und diese mangelhafte Reife macht , daß sie die Hand nach dem äußeren Leben lieber ausstrecken und erwarten , das andere werde schon hinterdrein kommen . Wie groß diese Täuschung ist , da es eine eben so warme Auffassung verlangt , beweist sich nur zu bald , indem sie die Häusliche allmälig ganz damit verlieren - und der Trübsinn , der Lebensüberdruß , der nirgends mehr anzuknüpfen weiß , gewöhnlich die traurige Folge ist . Aber eben so gewiß zwingt sie auch in den meisten Fällen das Leben , erst mit allen Erfordernissen die öffentliche Existenz sich zu erringen ; und oft , ja vielleicht immer , wo diese Existenz auf edle , würdige Weise erstrebt wird , bilden sich zugleich Fähigkeiten aus für das natürlichere Leben des Hauses , wenn auch das Bedürfniß dafür erst später eintritt . « » Ach , und darauf zu warten ! « rief Viktorine - » vielleicht das ganze Leben vergeblich darauf zu warten - wie viele Herzen hat das indessen gebrochen ! « » Viele ! Viele ! « rief Frau von Sevigné gerührt - » denn es ist nur die Aufgabe für ein starkes , weibliches Herz , die schwere Prüfung zu bestehen und ungestört den heiligen Beruf zu verfolgen , den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten erlaubt ; - aber zugleich ein herrlicher Triumph , zu Gottes Ehre indessen ein Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs - wie jener schöne , dunkle Baum des Südens , über gereiften , goldnen Früchten die duftenden Blüten zu tragen , und dem ermüdet zurückkehrenden Gatten , der lange vergessen und übersehen , was er besaß , zeigen zu können , ein Weib sei für sich etwas Großes und Göttliches , wenn sie ihren Beruf verstanden ; - und der Heerd , den er verschmachtend sucht , sei indessen wohl gehegt , und das göttliche Symbol unseres Geschlechtes , Milde und Vergebung , sei sein Empfang ! « Viktorine schwieg ; aber sie weinte jetzt , den Kopf auf das Bettchen ihres Kindes gelehnt . Die Marquise schien es nicht zu sehen - im leichteren Tone fuhr sie fort : » oft gedenke ich einer liebenswürdigen Freundin , die den lebhaftesten , Liebe suchendsten Mann der Erde gewählt hatte . Die Neigung zu Thorheiten aller Art , die ihr Gemahl besaß und die ihn in Versuchung führte , sich in jedes neue und schöne Gesicht zu verlieben , hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt , als seine treuste , sorgfältigste Liebe erzogen hätte . Sie erzählte mir oft mit der heitersten Laune die Art und Weise , mit der sie dem Uebel gesteuert hatte . Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte , überwältigte sie der Zorn fast ; aber es erwachte zugleich ein Stolz , ein Selbstgefühl , was alle ihre Kräfte ins Leben rief . Die Frau , in die ihr Gemahl sich verliebt hatte , war schön und geistreich . Sie wurde Beides augenblicklich auch . Nie saß ich länger vor meiner Toilette , « sagte sie . » Aber nicht ich allein - mein ganzes Haus mußte meine Schönheit unterstützen - meine Küche , meine Service , Blumen , Düfte . Ueberall entlockte ich einen Reiz - eine Annehmlichkeit . Ich war coquett von dem kleinen Sammetpantoffel an , worin er zuerst meinen Fuß erblickte , bis zu dem Küchenzettel und der Visitenliste . Wie wählte , wie sonderte ich ,