sie , und beide richteten an den Schulmeister das Ersuchen , als zweiter Aufwärter bei der Mahlzeit zu dienen . Nichts konnte dem Manne erwünschter sein . Er versetzte , daß sein ganzes Bestreben jetzt dahin gehe , nützlich zu wirken , daß er daher mit Freuden die Gelegenheit , die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gäste gewährt werde , ergreife , und in diesem anscheinend zufälligen Ereignisse eine wahre Fügung des Himmels erkenne , indem er nicht verschweigen könne , daß der Herr Schulrat Thomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft gegeben habe , daher das vorläufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm zugesagten Dienstes darstelle . Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weiße Schürze vor , holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten . Sonach waren alle Hindernisse beseitiget , und die ganze Hochzeitgesellschaft nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen , der Hölscher zu bitten vergessen hatte , Platz . Die Braut , die Brautjungfern , der Diakonus , der Brautvater , die städtischen Freunde , die Exzellenz , der Schirrmeister und die größten Hofesbesitzer mit ihren Frauen stellten sich um die Tafel unter den Bäumen im Garten , die geringeren Leute und die jungen Bursche und Mädchen unter Anführung des Küsters um die im Flur . Der Diakonus sprach an seinem Tische ein Gebet , der Küster eins an dem seinigen . Hierauf wurde an beiden Tischen ein geistliches Lied angestimmt . Für Lisbeth war zwischen den Brautjungfern ein Platz offengelassen worden . Der Hofschulze sah sich unruhig nach ihr um . Sie kam nicht . Dagegen kam während des Gesanges der Jäger , überblickte die Tafel , fand für sich keinen Platz offen , weil die zwei unerwarteten Gäste , die Exzellenz und der Schirrmeister , schon allen Raum hinweggenommen hatten , Lisbeths Platz aber unbesetzt . Freudeglänzend wurde sein Antlitz , er schlich sich sacht seitwärts nach dem Hause , um sein Mädchen aufzusuchen . Sie trat ihm bei den Linden entgegen , umgekleidet , in ihrem gewöhnlichen Anzuge , den Strohhut auf dem Haupte . - » Nun ist mir wohl , nun bin ich wieder wie ich sein muß ! « rief sie freundlich . - » Ich weiß « , sagte er , » du magst dich nicht verstellen , du wolltest neulich nicht einmal leiden , daß ich dir an deinem Haare zeigen durfte , was für Zöpfe die schwäbischen Mädchen tragen . « » Nein « , sagte sie , » niemals was vorstellen , was man nicht ist . « Sie wollte nach dem Tische im Baumgarten gehen , der Jäger hielt sie aber zurück und rief : » Wie ? In dem leichten städtischen Kleidchen willst du dich als Brautjungfer an den Tisch setzen ! Da erwarte nur , daß dich der Hofschulze , der streng auf Ordnung und Kostüm hält , fortweiset ! « - » Ja , was soll ich beginnen ? « fragte sie verlegen ; » das häßliche steife Zeug lege ich nimmermehr wieder an . « » O meine Geliebte « , sagte der Jäger zärtlich , » wollen wir denn unser Glück unter die Bauern tragen ? Dasitzen und rohe Späße anhören und langweilige Bräuche mit anschauen ? Ist ' s denn nicht der Tag unserer Tage ? Gehört er nicht ganz uns unter Gottes liebem Himmel und auf Gottes grüner Erde ? Müssen wir zwei nicht allein beieinander bleiben , fern , fern von den anderen Menschen ? Ich wollte dich bitten , mit mir zu gehen , den Hügeln zu , den Platz suchen , wo ich dich zum ersten Male fand bei der schönen Blume ! « » Wie darf ich das ? Was würden sie von mir im Oberhofe sagen « , versetzte sie scheu . Sie entfernte sich von ihm . » Wohl ! Wohl ! « rief er halbzornig . » So setze dich denn nieder bei deinen Kameradinnen ; für mich ist aber nicht gedeckt , ich gehe zu Wald ! « - Er ging trotzig einer Seitenpforte zu , die in das Freie führte . Ein stechender Schmerz saß ihm im Herzen . Um nichts , wenn ihr wollt . Das ist die Liebe . - Aber er hatte noch nicht die Pforte erreicht , als er seine Schulter leise angerührt fühlte . Er wandte sich um ; Lisbeth war ihm nachgefolgt . - » Wenn sie dir nichts zu essen geben wollen , da mag ich auch nichts , und wo du bleibst , bleibe ich auch « ; sagte sie herzlich und zog ihn , bevor er etwas erwidern konnte , nun selbst durch die Pforte in das Freie . Er umfaßte sie und beide sprangen durch Wiese und Feld . Siebentes Kapitel Der vornehme Herr vom Hofe macht vergebliche Anstrengungen , sich herabzulassen . Der Spaßmacher Steinhausen wird jedermann verständlich Die Braut saß quer vor dem Tische und rührte keinen Bissen an . Der Brautvater , welcher dem Auftritte zwischen dem Jäger und Lisbeth aus der Entfernung zugeschaut hatte und infolge desselben den Platz der dritten Jungfer leer bleiben sehen mußte , flüsterte gekränkt und ingrimmig : » Dieser Untugend werde ich noch vor Abend mit der Manier ein Ende machen . « - Auch er aß wenig . Desto angelegener ließen die Bauern sich dieses sein , hatten ihre Messern , ein jeder das seinige aus der Tasche hervorgezogen , womit sie ohne Gabeln fertig zu werden wußten , und sprachen den Hühnern tapfer zu , ohne darüber ihre mutigen Vorsätze auf Schinken , Mostertstücke und Braten daranzugeben . Eine unendliche Last von Eßbarem dampfte auf den Tafeln , fast schien es selbst diesen Appetiten gegenüber , unmöglich , alles zu bewältigen , wenn nicht dennoch die Schnelligkeit , womit die ersten Gänge vom Angesichte der Welt verschwanden , dazu die Aussicht gegeben hätte . Alles schrotete , käute , schluckte , und es ist nicht erlogen - denn ich bin ja nicht Münchhausen , oder wenigstens nur zur Hälfte er - , wenn ich sage , daß mancher Bauer binnen wenigen Minuten ein ganzes Huhn überwunden hatte , und daß ein Schinken für sechs Mann nur so eben zureichte . Auch die Städter ließen sich die reinliche , derbe Kost trefflich munden , der Schirrmeister aber aß für zwei Bauern und trank für drei . Was das Getränk betrifft , so muß ich leider , wie undichterisch dies klingen mag , von Bier berichten . Jeder hatte seinen irdenen Deckelkrug gefüllt vor sich stehen , und wenn derselbe geleert war , so klappte der Inhaber auf eine eigene landesübliche Weise mit dem zinnernen Deckel , worauf frische Füllung erfolgte . Selbige besorgte der erste Aufwärter , der Bräutigam , aus einer mächtigen Schleifkanne eingießend , mit welcher er , eine weiße Serviette vorgesteckt , die Tafeln umkreiste . Dieser König des Festes hatte von seinem Ehrentage nichts als Prügel vorhin und Mühe anjetzt , denn die Deckel klappten unaufhörlich , bald hier , bald da . - Nur der Diakonus und die städtischen Gäste erhielten Wein vorgesetzt . Der Schulmeister lag der Aufwartung in betreff des Festen ob , flink und gewandt , recht heiter in diesem Geschäfte . Es gab unter den Gästen nur zwei , welche die allgemeine Befriedigung nicht ganz teilten , der eine aus Verlegenheit , der andere aus Furcht . In Furcht befand sich nämlich der Küster und in Verlegenheit der vornehme Herr vom Hofe . Dem Küster hätte der größte Irrenarzt von Europa ein schriftliches Zeugnis einhändigen können , daß der Schulmeister bei Sinnen sei , es würde ihm doch nicht wohl geworden sein in der Nähe dieses Menschen , der mit so gefährlichen Werkzeugen , wie Schüsseln , Tellern , Messern , unbewacht um ihn her hantierte . Er dachte im stillen an alle die Fälle , worin ein Verrückter , lange Zeit scheinbar hergestellt , plötzlich wieder wütend geworden ist , und nun mit dem , was er gerade in der Hand hat , dem nächsten , besten die Hirnschale zerschmettert . Diesem Schicksale wenigstens einigermaßen vorzubeugen , setzte er unter dem Vorwande , daß es in dem von Hitze glühenden Flure kühl ziehe , seinen Hut auf , obgleich dies allgemein auffiel . Wirklich war der arme Küster in einer traurigen Lage . Seine Eßlust überstieg womöglich noch die des Schirrmeisters , der heutige Tag war ein solcher , an dem er hatte zeigen wollen , was Kinnbacken zu leisten vermögen , und nun ging ihm dieser schöne Traum so häßlich aus . Denn nichts hindert den Menschen mehr am Schlucken als Furcht und Angst . Der Küster fühlte sich unglaublich gehemmt . Hatte er eben auch in einem selbstvergessenen Augenblicke einen starken Bissen zum Munde geführt , etwa eine Hühnerkeule oder einen Streifen Rindfleisch von der Mächtigkeit einer halben Hand , siehe ! so flog hinter ihm der aufwartende Schulmeister , vielleicht eine Kelle in der Faust , vorbei , und Hühnerkeule oder Rindfleischstreifen saßen ihm auf der Stelle fest , verzaubert , wie Schiffe auf dem Lebermeere , zwischen den Zähnen . - Umsonst suchte er durch häufiges Trinken die hinabführenden Wege geschmeidiger zu machen ; der Schreck erhielt seine Kehle in Trocknis trotz alles Gießens . So , zwischen Entsetzen und Appetit , glich er , wenn dieses Gleichnis nicht zu niedrig klingt , dem Hunde , der vor einer erwischten Bratwurst sitzt , vor Wollust zittert , sie zu verschlingen , und dabei scheu nach dem Herrn sieht , der aus der Entfernung bereits mit der Peitsche herbeieilt . Der vornehme Herr vom Hofe machte unterdessen vergebliche Versuche , sich herabzulassen , und geriet darüber in Verlegenheit . Er saß zwischen dem Hofschulzen und dem Diakonus und hatte gegenüber zwei Bauerfrauen , die bei ihren Männern saßen . Als das gewaltige Essen begann , fühlte er wohl , daß er in diese Tätigkeit nicht einzugreifen vermöge , auch erregten ihm die Speisen keinen Hunger und er begnügte sich , nur zum Schein etwas auf den Teller zu nehmen . Dort aber blieb es unberührt liegen , ungeachtet der Hofschulze , der seine Kost nicht gern verschmäht sah , ihn mit einiger Empfindlichkeit nötigte , auch zu essen . Das konnte er nicht , jedoch bestrebte er sich , leutselig zu sein , denn zu diesem Ende und um das Volk , soviel an ihm war , durch hinreißende Manieren für den Thron gewinnen zu helfen , war er ja nur wieder unter die Bauern gekommen . Um in diese Manieren einen gewissen Fortschritt vom Geringeren zum Größeren zu bringen , sah er die gegenübersitzenden Bauern mit einer süßen Freundlichkeit an und winkte dazu gnädig mit dem Haupte , als wollte er sagen : » Nun , schmeckt ' s , ihr ehrlichen Landleute ? « - Darüber lachten aber die Bauern , und einer stieß seinen Nachbar an mit den Worten : » Ist der Kerl verrückt ? « - Der vornehme Herr vom Hofe glaubte , als er des Lachens inneward , seine Huld nicht deutlich genug von sich gegeben zu haben , er beschloß daher , zuvörderst das andere Geschlecht zu gewinnen , ließ sich zwei Teller geben , stellte sie vor sich hin , schnitt zwei gute Stücke von dem vor ihm stehenden Truthahne ab , legte sie auf die Teller und reichte diese Leckerbißlein den beiden Bauerweibern , die noch ziemlich rund und hübsch waren . Die Weiber , zugleich mit einer artigen Redensart , welche ihnen unverständlich blieb , angesprochen , guckten verlegen , rot und stumm auf die Teller , ohne die Gaben der Courtoisie anzurühren . Ihre Männer aber sahen mit sonderbaren Blicken nach dem Geber hinüber ; der eine nahm seiner Frau den Teller mit den Worten : » Du brauchst nicht von anderer Leute Tellern zu essen , du hast deinen eigenen « ; weg und reichte ihn dem soeben geschäftig vorbeifliegenden Schulmeister . Der andere warf ihn sogar ärgerlich mit der Befrachtung unter den Tisch , indem er halblaut rief : » Was zu grob ist , ist zu grob ! « - Der vornehme Herr vom Hofe begriff durchaus diese Einhergänge nicht , er suchte sich rechts und links , gerade und schräge hinüber so liebenswürdig als möglich zu machen , aber alles war vergebens , weil er immer mit holder Ungezwungenheit , die zwischen die festgestellte Ordnung der Tafel trat , dartun wollte , daß es ihn gar nicht beenge , unter so geringen Leuten zu sitzen . Aber das erschien den bäuerlichen Tischgenossen eben wie die größte Unart , und bis zum Schweinsbraten hatte sich flüsternd so ziemlich die Meinung festgestellt , daß man vornehme Leute für höflicher gehalten habe . Der umsonst sich Herablassende , welcher äußerlich die Fassung des Hofes behielt , obgleich ihm innerlich immer übler zumute ward , sagte endlich zum Hofschulzen : » Ihr habt hier recht eigentümliche Sitten , Alterchen . « Auf diese huldreiche Anrede maß der Hofschulze seinen vornehmen Gast mit den Augen und versetzte dann stolz und bedächtig : » Ich weiß nicht , Herr , ob die Sitten hier anders sind , als anderer Orten , denn ich bin nie über Börde und Haarstrang hinausgekommen , habe auch niemalen Lust dazu gehabt . Richtig ist es , daß hier alles mit der Manier zugeht , alles und jedes seine Ordnung , Zeit und den gewiesenen Platz hat , jedermann die ihm gebührende Reverenz genießt , so daß ich den Halbhüfner , den Kötter , und wer es sonst sein mag , jeden bei seiner Gebühr nennen muß , freilich aber auch prätendiere , daß mich niemand anders als Hofschulze nennt , das heißt , versteht sich , von meinesgleichen , denn , Herr , hinter den Bergen mögen wohl andere Sitten und Gebräuche herrschen . « Es war gut , daß in diesem Augenblicke das letzte Gericht der Mahlzeit , der Rollkuchen , verzehrt war , und von weiterer Herablassung seitens des vornehmen Herren nicht mehr die Rede sein konnte , denn man kann nicht wissen , bis zu welchen unangenehmen Auftritten dieselbe noch geführt haben würde . Der Diakonus sprach das Gratias , abermals ertönte ein geistliches Lied , und darauf ging alles von den Tischen , die gleich einem Schlachtfelde nur noch Knochen , Gerippe und Schwarten zeigten . Die Weiber tranken Kaffee , die Männer setzten ihr Biertrinken fort , die Musikanten stimmten allgemach ihre Instrumente . Steinhausen , der Spaßmacher , begann sein Amt , indem er von einer Gruppe zur andern ging , hier das Rätsel aufgab : wann der Hase über die meisten Löcher laufe ? dort einen Rotkopf warnte , er solle nicht so nahe an die Scheune gehen , um nicht Feuer anzulegen , einem dritten Haufen die Geschichte vom Prinzen Pralle erzählte , der gefallen sei vom Stalle , hätte weinen wollen , aber keine Augen gehabt , und was dergleichen mehr war an Rätseln , Schwänklein und Pösslein , die er auf jeder Hochzeit anbrachte und die nie ihre Wirkung verfehlten . Die Bauern lachten , daß die Hofesmauern hätten Risse bekommen mögen ; wen er recht entzückte , der gab ihm einen Puff , nicht eben allzu sanft , worauf Steinhausen einen Klaps zurückgab , oder mit den Füßen ausschlug , wie ein Pferd , ohne daß diese Tätlichkeiten irgendeine Störung des guten Vernehmens und des allervollkommensten Verständnisses hervorbrachten , welches zwischen dem Spaßmacher und seinen Zuhörern herrschte . Während man so dort einander durchaus begriff , dauerten in einer andern Ecke des Hofes die Mißverständnisse fort . Der vornehme Herr hatte sich nämlich mit dem alten Hauptmann in ein Gespräch eingelassen , welches eine patriotische Färbung erhielt . Der Alte war sehr gesprächig über die Affären , denen er auf der vaterländischen Seite beigewohnt , und erging sich mit Behagen in diesen Kriegesgeschichten . Jener Kavalier war vorzeiten dem Hauptquartiere attachiert gewesen , und konnte also so ziemlich folgen . Im Verlaufe dieser Unterredungen rief er plötzlich mit einem feucht verklärten Blicke : » Diese große Zeit , die der Herr segnete ! Was für herrliche Früchte hat sie aber auch gebracht ! « - Er faltete die Hände dabei . Das Gesicht des alten Hauptmanns wurde so trocken , wie ein Sandfeld , welches seit sechs Wochen keinen Regen gesehen , und er versetzte : » Früchte ? Ei ! « » Ein Vaterland ! « rief der Hofmann mit Pathos . Der alte Hauptmann hatte etwas zuviel Wein getrunken . Er schüttelte sich , als ob er , mit Erlaubnis zu reden , an Ungeziefer litte und polterte dann rücksichtslos : » Vaterland ! - Schwere Angst ! Und alles vergessen oben , was geschehen , mit Schlauchspritzen die Feuer ausgespritzt , und wenn wir künftiges Jahr das Jubiläum feiern , vermutlich damit wegkriechen müssen beiseite , nur damit so geduldet werden , keine Anerkennung , keine Unterstützung von - - Donnerwetter ! Verzeihen Exzellenz , daß ich Sie stehen lassen , aber ich kann die Pfeife nicht entbehren und will sie mir dort bei den Bauern anstecken . « Er ging und ließ den Kavalier stehen , dessen Beziehungen im Oberhofe anfingen mythisch zu werden . Im Grunde war es ihm lieb , daß der alte Offizier sich so brüsk von ihm entfernte , denn er erwog , daß der angeregte Gegenstand zu zarter Natur sei , um ihm , in seiner Stellung so nahe dem Throne , ein ferneres Gespräch zu verstatten . Ein Unwille hatte sich seiner Seele bemeistert , er nahm sich vor , geeigneten Ortes ein Wort über den in diesen Gegenden herrschenden schlechten Geist fallen zu lassen , vorderhand aber seine Rolle rein auszuspielen . - - » Wenn diese Bestien die feineren Andeutungen von Güte und Huld nicht verstehen , so will ich mich gleichsam encanaillieren « , sagte er für sich . Er trat zu einer Gruppe von Bauern , welche Steinhausen eben verlassen hatte , faßte zwei bei der Hand ( denn er konnte sich dazu verstehen , weil er Handschuhe trug ) und rief im biedersten Hoftone , dessen er mächtig werden konnte : » Wie freut man sich , wenn man immer in Zwangsverhältnissen leben muß , darf man einmal unter euch gemütliche , von jeder Fessel der Konvenienz entbundene Naturmenschen treten ! « Dieses Lob klang den Bauern wie Chaldäisch , und sie begannen sich nun vor ihrem Gönner zu fürchten , denn sie meinten , er habe ihnen eine neue Steuer ankündigen wollen . Sie wichen daher , wie in der Kirche , scheu vor ihm zurück , und die beiden an der Hand Ergriffenen steckten die Hände in die Rocktaschen . - Der Diakonus , welcher die ganze Zeit über den Mühwaltungen seiner vornehmen Bekanntschaft mit Behagen gefolgt war , trat zu dem unglücklichen Herablassenden und sagte : » Exzellenz , die Leute sind zu dumm , um Sie zu fassen . Übrigens bin ich der untertänigen Meinung , daß Sie , wofern Sie länger unter ihnen verweilten , bald von Ihrem Glauben zurückkommen würden . « » Wieso ? « » Gemütlich sind die Bauern gar nicht . Exzellenz , die Leute haben keine Zeit zum Gemüt . Gemüt kann man nur haben , wenn man wenig zu tun hat , der Bauer aber muß sich zuviel placken und schinden , um sich auf das Gemüt legen zu können . Er ist durch und durch gerader Verstand , Ernst , Eigensinn und erlaubter Eigennutz . Weil diese Mischung nun aber wie für die Ewigkeit bei ihm zu sein scheint , so hat sie etwas Ehrwürdiges , etwas so Ehrwürdiges wie der Granit , der auch , hart und schwer , die Erde hält . Der Bauernstand ist der Granit der bürgerlichen Gemeinschaft . « » Sie müssen sie besser kennen . - Wenigstens aber hatte ich darin recht , daß ich sie von den Fesseln der Konvenienz gelöste Naturmenschen nannte . « » Im Gegenteil - Exzellenz verzeihen - der Bauer ist zwar viel im Freien , aber nichts weniger als ein Naturmensch . Er hängt so sehr von Konvenienz , Herkommen , Standesbegriffen und Standesvorurteilen ab , wie nur die höchste Klasse der Gesellschaft . Im Mittelstande allein gilt die Freiheit des Individuums , in diesem Stande fließt einzig der Strom der Selbstbestimmung nach Charakter , Talent , Laune und Willkür . Der Bauer denkt , handelt , empfindet standesmäßig und hergebrachterweise . Die Abstufungen werden in den Dörfern wenigstens ebenso festgehalten als in den Schlössern und Palästen . Ich unterstehe mich , Ihnen zu versichern , daß dieser Hofschulze auf den Kolonen mit demselben Stolze hinuntersieht , wie nur der reichste Majoratsherr auf den Briefadel von gestern blicken kann . Ich wollte es keinem Burschen aus einem kleinen Hofe raten , um die Tochter aus einem Oberhofe zu freien . Dieselben Verwickelungen würden entstehen , als in dem Falle , wenn ein Kaufmannsdiener zu einer Erbgräfin emporblickt . Gerade hier - vom Oberhofe - geht eine alte halbverklungene Sage umher , die den schauderhaften Ausgang einer solchen mißgewandten Neigung meldet . Durch meinen nahen Verkehr mit diesen Leuten hat sich die Ansicht bei mir festgestellt , daß der Bauernstand nur einen zweiten ihm ähnlichen hat , den sogenannten alten oder hohen Adel , wo ein solcher nämlich noch wahrhaft besteht . Der Mittelstand ist eine von beiden ganz verschiedene Schicht . Bauer aber und hoher Aristokrat stimmen darin überein , daß ersterer sowohl als letzterer weniger sich , als ihrer Gattung angehören , zuvörderst Bauer sind und Aristokrat und erst nachher Mensch . « Der mythische Kavalier , welcher diese unerwartete Parallele zu hören bekam , schwieg einige Zeit tiefsinnig . Dann versetzte er : » Sie haben , Herr Prediger , dieses mehr aus Büchern . Ich versichere Sie , daß wir mit der Zeit fortgeschritten sind . Wir heiraten sogar Jüdinnen . « » Exzellenz « , fuhr der Diakonus mit aller Vergessenheit eines deutschen Gelehrten heraus , » der Adel , den Sie meinen , ist ein reines Garnichts und kommt mir höchstens vor wie der Schwamm im Hause . « Hierauf wollte die Exzellenz ein Gesicht machen , welches erhaben aussehen sollte ; es ließ sich jedoch nur vornehm an . In diesem Augenblicke kam sein Privatsekretär und meldete , daß der Wagen , zur Weiterreise fertig , vor dem Hofe halte . Er ging hierauf , sehr höflich von dem Hofschulzen und dem Diakonus geleitet , zur Pforte , wo er beide entließ . Gedanken hatte er nicht über das Vorgefallene , sondern nur die Absicht , auch den Diakonus als unruhigen Kopf bei Gelegenheit zu denunzieren . Dieser ging mit dem Hofschulzen still lächelnd zurück , sagte aber nichts . Im Baumgarten spielten die Musikanten auf und der Tanz begann . Der Bräutigam , welcher nun endlich auch zu einem Vergnügen gelangte , führte zuerst die Braut auf , dann brachte er sie den nächsten Anverwandten , einem nach dem andern zu , um auch ein Gängelchen mit ihr zu machen . Erst tanzten sie Menuett , einen Munteren darauf , und dann den sogenannten Schustertanz mit seinen possierlichen Sprüngen . Das Gras im Baumgarten war bald niedergetanzt und der Boden so glatt geworden wie eine Tenne . Die Köpfe hatten sich erhitzt , die Männer jauchzten , die Mädchen kreischten und es war viel Lärmens , Springens und Jubilierens im Oberhofe . Achtes Kapitel Eine Idylle in Feld und Busch Indessen liefen der Jäger und sein Wild durch den Eichenkamp nach den Kornfeldern , Triften und Hügeln . Das Wild floh nicht vor dem Schützen , es ließ sich küssen und streicheln ; es war ein sehr zahmes Wild geworden . Der Jäger trieb tausend Possen mit dem Wilde , er ringelte die gelben Locken sich um die Finger , und dann küßte er sie , er drückte , wenn die weißen Zähne seines Mädchens zwischen den Lippen zu sehr hervorschienen , die Lippen sanft zusammen und sagte , das Gesichtchen sei nicht fertig geworden und er müsse es vollenden . Er faßte das feine Ohrläppchen , und kniff es etwas , doch nicht allzusehr . Dann zupfte er sie auch wohl am Kleide und wendete sich um und tat , als habe er es nicht getan . Solche kindische Possen trieb der erwachsene Mensch . - Lisbeth ging still mit freudeschwimmendem Gesicht für sich hin und ihre Hände falteten sich oft unwillkürlich wie zum Gebet . Zuweilen flüsterte sie : » O du ! « Aber weiter sagte sie nichts . Trieb der Jäger seine Possen zu arg , so drohte sie ihm mit dem Finger , dann sah er sie aus seinen dunkelblauen tiefen Augen so ernst an , als zögen Gedanken der Ewigkeit durch seine Seele . Dann lachte sie und rief : » Ich fürchte mich vor dir « , und er schmeichelte : » So flüchte dich in Sicherheit ! « und breitete die Arme aus . Das tat sie denn auch . Sie stürzte mit heftiger Zärtlichkeit wider seine Brust , daß die Locken schütterten und manche sich lösete , und dann ruhten sie lange umschlingend umschlungen , er in ihr und sie in ihm , der einige , ganze , vollkommene Mensch . Er nannte sie sein Herz , sein Mädchen , sein Reh . Sie nannte ihn nur Oswald , aber immer mit einem anderen Ausdrucke , und alle Töne auf der Laute der Liebe , vom schwärmerischen Entzücken bis zum scherzenden Schmeichelgeflüster klangen und zitterten in dem einen Worte . Sie hatte keine eigentlich schöne Stimme , es lag darin etwas Bedecktes , Rauhes , aber seit heute quoll etwas unendlich Süßes aus dieser Umhüllung hervor . Es war , als ob auch die Psyche ihrer Töne erwacht sei und die Flügel nach Entfaltung rängen . Jeder dieser Scherze , alle diese Possen und die kleinsten Kleinigkeiten hatten einen Engel , der nahm sie und legte sie am Throne Gottes nieder . Denn es war die erste Liebe , die echte , die einzige , die in diesen beiden jungen , unschuldigen Herzen brannte und klopfte ! In der Fülle ihrer Vorahnungen , von gesunder , treibender Hoffnung schwanger , hatten sie einander gefunden , kein Entsagen , keine Täuschung hatte sie noch um einen Tropfen warmen Blutes gebracht , vollendet , wie Aphrodite aus dem Schaume des Meeres , erstand ihnen das Glück . Das ist die Liebe , die wie jene Wunderpflanze aus Osten , vor unseren sichtlichen Augen wächst . Diese Liebe kümmert sich nicht um die Landesstege und -wege . Der Jäger und sein Wild hatten nach der schönen Blume gehen wollen , vergaßen aber diesen Vorsatz , ehe sie noch fünfhundert Schritte vom Hofe waren . Sie gingen , liefen , schwankten umher , sie wußten nicht , wo ? War der Himmel nicht überall blau , war die Erde nicht allerorten grün ? - Es gingen Leute vorüber , die sahen sie nicht ; zuweilen hatten sie gar keinen Weg unter den Füßen , des achteten sie nicht . Zufällig kamen sie so Hand in Hand auf die Höhe am Freistuhl . » Ei ! « rief der Jäger , » das ist schön , wie fromme Pilgrime sollen wir alle Stationen besuchen . « - Er führte sie zu dem Steine , darauf sie in jener Schmerzensnacht zusammen gesessen hatten . Das überreife Korn , welches der Hofschulze noch immer nicht hatte schneiden lassen , knickte fast unter der Bürde seiner Ähren , die Sonne schwamm wie ein zerflossenes Gold in diesem Segen , und doch war die Stelle kühl und frisch , denn aus dem Forste wehte ein gelinder Wind . Die Kronen der Linden über ihnen schauerten leise . Da saßen sie nun wieder , glücklich vereinigt und schauten über die helle freundliche Gegend hin und freuten sich , daß sie auf der Welt waren . - » Ich will deine Wunden um Verzeihung bitten « , sagte der Jäger , nahm ihr das Tuch ab und küßte die feinen roten Pünktchen zwischem dem Busen und der glänzenden Schulter . Sie duldete es ohne Sträuben , sie hatte die kleinen Hände kreuzweise auf ihren Schoß gelegt , so saß sie da , ein ergebenes Opfer der Liebe , aber sie sah ihn schamhaft bittend an . Den Blick ertrug er nicht , Tränen stürzten ihm aus den Augen , wie damals , als er mit ihrem Häubchen sein Spiel trieb , er legte ihr hastig das Tuch um Busen und Schulter , fiel ihr zu Füßen , drückte ihre Kniee wider sein Herz und lief dann eine Strecke von ihr weg auf den Rain , um seiner Bewegung Meister zu werden . Als er zurückkam , fand er sie nicht mehr auf dem Steine . Bestürzt blickte er umher . Da erscholl ein leises Kichern aus einer der alten Linden . Er sah erstaunt nach dem Baume und machte eine Entdeckung , die er früher übersehen hatte . Der Baum war hohl und bot in seinem Inneren geräumigen Platz für ein Versteckens dar . Er zog sein Mädchen scherzend und schäkernd heraus . Nun stand sie vor ihm , und er maß ihre Größe an der seinen . Sie reichte ihm gerade bis zur Brust , hatte also das rechte Maß , denn der Kopf des Weibes soll nur bis zum Herzen des Mannes reichen , dann gibt es den echten Bund , den rechten Bund . Er faßte sie bei beiden Händen , sah ihr liebevoll in die klugen , treuen Augen , und fragte sie ; » Sag mir an , meine Lisbeth , wie ist es nur zugegangen , daß du so geworden bist , so eigen , tief und sonderbar ? « » Wie bin ich denn ? « fragte sie unschuldig . » Ich