worauf der ganze Schwarm an die Scheiben sprang , und Hermann mit possierlichen Gebärden anstarrte . Dieser hielt es der Höflichkeit angemessen , dem ältlichen Manne einige Worte zu sagen , konnte aber seine Absicht nicht erfüllen , weil er die Türe des Gewächshauses verschlossen fand . Als er noch vergeblich klinkte , hörte er hinter sich gehn . Er wandte sich um , und sah die Alte mit einem großen Korbe voll Eßwaren herbeikommen . Ihre Züge waren noch schärfer geworden , ihre Farbe hatte sich tiefer gebräunt . Ein buntes wollnes Tuch , welches sie um das Haupt trug , gab ihr ein ausländisches Ansehen . » Seid mir gegrüßt « , sagte sie mit der rauhen Stimme , an welche er sich von dem westfälischen Walde her erinnerte . » Ja , ja , was einmal sich getroffen hat , kommt immer wieder zusammen . « » Was tust du hier ? « fragte Hermann . » Ich will die Menagerie füttern « , erwiderte die Alte , öffnete die Türe des Gewächshauses und schob den Eßkorb hinein , über dessen Inhalt die jungen Leute gierig herfielen . » Dürfen wir nicht heraus ? « fragte einer . » Nein « , antwortete die Alte , » bis auf weiteren Befehl bleiben die Tiere eingesperrt . Nur der Dicke soll in Freiheit gesetzt werden , und dem Herrn Gesellschaft leisten . « Auf diese Worte kam der Kurator heraus , und sagte zu Hermann mit anständiger Verbeugung : » Rechnen Sie mir es nicht zu , mein Herr , daß Sie mich unter so lächerlichen und fast unschicklichen Umständen kennenlernen . Ich bin wirklich ein ganz geachteter Geschäftsmann , und werde von vielen angesehenen Familien mit ihrem Vertrauen beehrt . Das junge eingesperrte Gesindel zwang mich , so sehr ich mich auch dagegen sträubte , mit in den Käficht zu gehn , worin ich denn bei ihren Possen , ohne Speise und Trank , diesen ganzen Tag habe versitzen müssen . « Auf nähere Erkundigung vernahm Hermann , daß Flämmchen sehr in Zorn geraten sei , als der Schwarm ihrer unreifen Verehrer ungeachtet des Gebots , mehrere Tage lang fernzubleiben , sich dennoch bei dem Landhause wieder gezeigt habe . Mit dem Rufe : » Ich habe jetzt Besuch , der für euch zu gut ist ! « sei darauf die Einsperrung im Gewächshause anbefohlen und auch sogleich vollzogen worden , denn die jungen Leute täten alles , was sie wolle . Die Alte verschloß das Gewächshaus , und Hermann ging zwischen ihr und dem Kurator nach der Villa zurück . » Ist es wahr « , fragte er den Kurator lateinisch , um von der Alten nicht verstanden zu werden , » daß Sie sich hier als Curator ventris aufhalten ? « » Leider « , versetzte der Kurator seufzend in derselben Sprache . » Es ist die Torheit der jetzigen reichen und vornehmen Leute , alles delikat anfassen zu wollen . Die junge Witwe hat sich für schwanger erklärt , oder vielmehr , das alte Weib hat dies ausgesprengt , möglicherweise in betrügerischer Absicht , weil , wenn ein Erbe erscheint , die Mutter desselben noch lange Jahre hindurch den Nießbrauch aller dieser Besitzungen behält . Statt nun schlechtweg eine Hebamme zur Untersuchung abzusenden , bin ich erwählt worden , den Lebenswandel des Flämmchens zu beobachten , weil man durchaus mit Zartheit in der Sache verfahren wollte . Was diese aber bewirken soll , ist mir unbegreiflich . Das Flämmchen lebt , wie es mag , und es fehlt mir an allen gesetzlichen Mitteln , dagegen hindernd einzuschreiten , so daß ungeachtet meiner Anwesenheit dennoch jeder Unterschleif geschehen kann . Aber man ist abhängig und muß sich daher auch den Grillen seiner Klienten fügen . Das Verzweifeltste bei der Sache ist , daß ich selbst von der Unwahrheit jener Angabe überzeugt bin , und nichtsdestoweniger glaube , die Spitzbübin , welche uns da begleitet , wird ihre Künste in das Werk zu richten wissen , wie sie es denn auch wahrscheinlich gewesen ist , welche den seligen Domherrn mit dem Mädchen zusammenkuppelte . « Die Alte , welche bis jetzt still vor sich hin gegangen war , blieb stehn , warf auf beide einen höhnischen Blick und murmelte : » Sprecht ihr nur lateinisch ; das Kind ist auf der Reise nach Deutschland , und wird zur rechten Zeit ankommen . « Das Landhaus war hell erleuchtet , auf allen Gängen , in jedem Vorsaale und Zimmer brannten Lampen und Lichter . » Diese Verschwendung findet hier beständig statt « , sagte der Kurator , » denn Flämmchen fürchtet sich vor dem Dunkel , und läßt daher , sobald der Abend einbricht , die Finsternis aus jedem Winkel jagen . Besonders empfindet sie ein Grauen vor den Hinterzimmern des Gebäudes , in deren einem noch die Leiche des seligen Domherrn einbalsamiert und unbedeckt 10 steht . Der Gute hatte im Testamente anbefohlen , ihn in Spiritus zu setzen , um sich physisch bis in die spätesten Zeiten erhalten zu wissen . Da nun diese ungereimte Verfügung nicht wohl auszuführen war , so wählte man jene annähernde Art der Bewahrung , und wird die Leiche beisetzen , sobald in dem dazu bestimmten Gartentempel die nötigen Vorkehrungen getroffen sein werden . « » In der Tat « , rief Hermann , » es kommt mir hier so vor , als ob ich mich in einem Irrenhause befände . « » Ja « , versetzte der Kurator , » es weht in dieser Luft etwas Ansteckendes , ich bin oft für meinen Verstand hier besorgt , um so mehr , als ich das gefährliche Beispiel vor mir habe , daß Menschen auch ohne denselben fertig zu werden wissen . « Flämmchen zog beide hüpfend nach einem strahlend hellen Zimmer , in welchem ein runder Tisch gedeckt stand . Gute Speisen waren aufgetragen , feine Weine fehlten nicht . » Nun eßt , was euch beliebt « , rief sie , » es ist mir nichts Langweiligeres , als die Reihenfolge der Gerichte zu halten , das kommt mir vor , als wenn man nach einer Karte spazierengehn wollte . « Mit diesen Worten verzehrte sie einige Früchte und Konfekte , die zum Nachtische gehörten , und ließ diesem Genusse Fische und Fleischspeisen folgen . Der Kurator , welcher keinen Blick von ihr verwandte , suchte sich dennoch im Gleichgewichte zu erhalten , und begann , allerhand Geschäftsverhältnisse zu erzählen , welche sämtlich seine rechtschaffne und edle Gesinnung bewahrheiten sollten . Die Erinnrung an seine Tugend rührte ihn so , daß er häufige Tränen vergoß . Flämmchen , welche ihn beständig auslachte , versicherte ihn zu öfterem , er sei dennoch ein abgefeimter Vogel , und flüsterte Hermann zu : » Jetzt will ich den Hanswurst fortschaffen . « Mit einem Sprunge war sie auf seinem Schoße , küßte ihn , und rief schmeichelnd : » Sprich , mein Liebster , wie hast du es angefangen , so brav und gut zu werden ? « - Der Kurator war unfähig , etwas zu erwidern , seine Augen starrten das schöne Kind an , sein Mund war durch die Küsse in den Zustand versetzt worden , welchen man die Sperre nennt ; so gewährte er einen überaus lächerlichen Anblick . Flämmchen stieß , wie von ungefähr an das Glas , welches er , mit Burgunder gefüllt , in der Hand hielt ; es entsank ihm , und die rote Flut strömte über den Tisch . » O weh ! « rief Flämmchen , » da verdirbt er mir das feine Gedeck , hurtig in die Küche , und Salz geholt ! « - Verlegen , ohne aufzusehn , schlich der bestürzte Geschäftsmann fort , und Flämmchen schloß hinter ihm die Türe ab . Hermann sagte , als er mit ihr allein war : » Wie magst du nur dieses wilde , leichtfertige Treiben rechtfertigen ? Geh doch endlich in dich , und bedenke , daß du durch dein unschickliches Benehmen dich selbst aus den Kreisen vernünftiger Menschen bannst . Ich nehme herzlichen Anteil an dir , aber wie soll ich ihn betätigen , wenn solche Streiche beständig allem Rate , jeder Warnung entgegentreten ? Zu spät , wenn ein aufgegebner Ruf , ein siecher Körper dich elend gemacht haben werden , wirst du Reue empfinden , dann bin ich vielleicht dir fern , und niemand steht bei dir , der auf deine Seufzer hört . Versprich mir , Flämmchen , deine Lebensweise zu ändern , entferne vor allen Dingen diese sittenlosen jungen Leute , welche sich wenig für deine Gesellschaft ziemen , und schicke die böse Alte fort , von der ich nichts Gutes glaube . « Noch mehrere wohlgemeinte Ermahnungen fügte unser Freund hinzu , und hatte dessen nicht acht , daß Flämmchen während seiner Rede leise weg und hinter einen Ofenschirm geschlichen war . Er schmeichelte sich , daß er Eindruck auf sie gemacht habe , daß sie ihre Beschämung hinter dem Schirme verbergen wolle , als dieser umgeworfen wurde , und Flämmchen , ihr Tagesgewand über den Arm gehängt , im leichtesten Nachtröckchen sich zeigte , welches den Glanz der Achseln und des Busens unverhüllt ließ , und kaum bis an die Knie hinabreichte . » Ungezogenheit über Ungezogenheit ! « rief er . » Es ist Schlafenszeit « , sagte sie gähnend , » und ich konnte deine Predigt nicht besser benutzen , als mich während derselben zu entkleiden . Ihr müßt die Flamme flackern lassen , wie sie mag . Gute Nacht . « Sie wandte sich , und wies ihm , durch eine Tapetentüre entschlüpfend , den gewölbten Nacken und die runde , zierliche Wade . Draußen sang sie folgendes Lied : Wer mir sagte , wo das Mädchen Ihres Auges Blick gewonnen ! O verkündet , wo das Fädchen Ihres Leibes ward gesponnen ? Ach , zerging ' ich in die Lüfte , In die leichten , in die warmen ! Durch die Wälder , durch die Klüfte Schwebt ' ich dann mit freien Armen ! Er hob den Ofenschirm auf . Eine große tragische Maske war in demselben eingestickt . Sein Traum im Försterhause , welcher ihm das umfallende Medusenhaupt , und Flämmchen dahinter hervorspringend gezeigt hatte , trat ihm wieder vor die Erinnrung . Die Maske mit ihren starren , furchtbaren Zügen und toten Augenhöhlen konnte wenigstens für ein Analogon jenes erstarrten Antlitzes gelten . Noch näher aber dem Traume kam seine Stimmung , in welcher üppige und grauenhafte Bilder durcheinanderschwankten . Zwölftes Kapitel Am folgenden Morgen wurde er zu Johannen berufen . Sie machte ihm ihren Entschluß bekannt , das Verlangen der Herzogin erfüllen , und den einsamen Aufenthalt , welchen ihr diese in ihrem Briefe bezeichnet hatte , annehmen zu wollen . Hermann wurde ersucht , dies dem Bruder und der Schwägerin zu melden . » Also werden Sie doch noch Ihren Auftrag ausrichten « , sagte Johanna schmerzlich lächelnd . » Sie vermitteln meine Rückkehr , nachdem jeder Gedanke daran Ihnen und mir verschwunden war . So geht es oft im Leben . Wir glauben uns von manchen Anfordrungen , von diesem und jenem Verhältnisse weit , weit entfernt zu haben , und unerwartet fühlen wir uns in längst abgeschüttelten Banden gefesselt . « Hermann erlaubte sich , manches gegen diesen Plan einzuwenden , der ihm durchaus unheilsam zu sein schien . Er sprach den Wunsch der Meyer aus , und fügte hinzu , daß wenn sie auch diesem sich abgeneigt zeigen möchte , ein Leben und Wohnen unter gleichgültigen , fremden Menschen in ihrer Lage gewiß doch noch dem Drucke widerstrebender Umgebungen vorzuziehn sei . Johanna versetzte : » Zu meiner Freundin kann ich mich nicht begeben . Bei manchen Schicksalen ist Entfernung , Verändrung von Luft und Boden unerlaßlich . Wie sollte ich es ertragen , da , wo ich unaussprechlich gelitten , noch einmal in der Erinnrung alle Qualen nachzuleben ? Was mich bei dem Herzoge und seiner Gemahlin erwartet , weiß ich recht wohl . Waren wir doch schon in jenen früheren Tagen einander unverständlich ! Er ist mehr ein Begriff , als ein Mensch , und sie hat , ungeachtet aller Güte , etwas unendlich Peinliches in ihrem Wesen . Ich mochte tun , was ich wollte , für mich sein , oder in Gesellschaft , lesen oder frische Luft schöpfen , so hatte ich beziehungsvolle Reden über weibliche Genialität , Gelehrsamkeit und dergleichen anzuhören . Daneben glaubte sie denn , und glaubt es noch in ihrem Briefe , mich zu lieben , während sie doch immer nur mit dem ganzen Dünkel solcher wohlwollenden Quälgeister eine anmaßliche Vormundschaft über mich hat ausüben wollen . « » Und dennoch ? ... « » Und dennoch . - Ich sehe voraus , wie man mich beobachten , bemitleiden , und auf die beste Manier von der Welt nach und nach einzwängen wird , und dennoch wähle ich diesen Kerker . Soll uns das Bittre süß schmecken ? Ist eine Eigenschaft des Jochs nicht die Schwere ? Ich habe gefehlt , nicht wie meine Verwandten meinen , aber ich irrte , indem ich wähnte , uns Frauen der neueren Zeit sei die Begeistrung erlaubt , sei es erlaubt , auf den Schwingen der Begeistrung dem Manne entgegenzuschweben , der unsrer wert ist . Wir sind Geschöpfe der Familie , auf sie sind wir gepflanzt , und so ist es nur ein gerechter Gang meines Lebens , wenn ich nun dem mich demütig ergebe , was mir die Familie bedeutet , wenn ich alles geruhig erdulde , was auf diesem Boden drückend und feindlich für mich emporsteigt . « Da er sie fest bestimmt sah , so ließ er von weiterem Zureden ab und entwarf den Brief an die Herzogin . Johanna überlas ihn und strich daraus alles weg , was ein Lob ihrer Person enthielt . Nachdem die von ihr gebilligte Abfassung zustande gekommen war , wurde ein reitender Bote damit nach dem Schlosse des Herzogs gesendet , der die Antwort zurückbringen sollte . Diese wollte Johanna auf dem Landhause erwarten . In diesem wurde es nun sehr lebendig . Johanna hatte ausdrücklich befohlen , daß um ihretwillen kein Zwang eintreten solle , indem sie sich schon zurückzuziehen wissen werde , wenn das Getöse ihr beschwerlich falle . Es waren daher auch die jungen Leute in Freiheit gesetzt worden , die es nun an Lärmen und Unruhe nicht fehlen ließen . Von den Beschäftigungen , womit sie ihren Tag hinbrachten , führen wir nur beispielsweise an , daß einer derselben auf nichts bedacht war , als vom Morgen bis zum Abend seinen Backenbart in Ordnung zu halten , und daß ein andrer in einem mitgebrachten blechernen Reisekomfort fortwährend Beefsteaks briet , welche er dann zum Fenster hinauswarf . Hermann konnte daher Flämmchen eigentlich nicht unrecht geben , als sie auf seine wiederholte Ermahnung , sich dieser Umgebung zu entäußern , versetzte : » Warum schiltst du mich ? Andre halten sich zur Gesellschaft Hündchen und Äffchen , wogegen ich einen Widerwillen habe ; ich halte mir diese , die aus guter Familie und nicht so unreinlich sind , wie jene Geschöpfe . « Zu den possenhaften Bewohnern paßte die Örtlichkeit vollkommen . Die Villa war der treue Abdruck des Sinns , wodurch der Domherr sein Leben zersplittert hatte . Daß nichts an seiner Stelle stand , die Stühle fast überall in ungerader Zahl vorhanden waren , Schränke und Sofas häufig schief gerichtet mitten in den Zimmern angetroffen wurden , konnte auf Flämmchens Rechnung kommen , welche behauptete , das Geräte sei da , sich umherstoßen zu lassen . Allein so manches andre bezeichnete das Gehäuse , welches der verstorbne Besitzer selbst um sich geschaffen hatte . So war die Bibliothek , wenn man einen Haufen willkürlich zusammengeraffter Bücher mit diesem Namen belegen will , unmittelbar an der Küche , ja fast in derselben angebracht , weil der Domherr sich eine Zeitlang eingebildet hatte , der Dampf der Speise stärke , als eine Art leichter olympischer Nahrung den Geist beim Studieren . Rosenkreuzerische Symbole fanden sich neben schlüpfrigen Bade- und Toilettenszenen , ein astronomisches Kabinett wies bei näherer Untersuchung nur pappene Fernröhre und Quadranten auf . Der Verstorbne war nämlich , gerade als Maler und Schnitzler die entsprechende Verzierung des Raums vollendet hatten , seiner schnell entstandnen Liebhaberei zu den Sternen wieder überdrüssig geworden , und hatte sich nun begnügt , die Instrumente und Vorrichtungen selbst nur als theatralische Requisiten hinzuzufügen . Einmal besah Hermann , der hier viel müßige Stunden hatte , um die Zeit hinzubringen , die Naturalien , welche in einem kleinen Kämmerchen aufbewahrt wurden . Ausgestopfte Tiere , neuseeländische Waffen , Walfischrippen , Erze , Konchylien waren über- , unter- , nebeneinander gestopft ; man konnte sich zwischen dem Gerülle kaum durchwinden . Große chinesische Figuren standen in den Ecken , und wiegten wie Denker , bedächtig die Porzellanhäupter . Hermann öffnete eine Türe , und betrat ein angrenzendes dunkles Gemach , in dem seine Fußtritte widerhallten . Hier die eigentlichen Schätze vermutend , ließ er sich Licht bringen , und erstaunte nicht wenig , als er sich in einem ganz leeren , blau angestrichnen , großen , saalartigen Zimmer sah , in welches kein Tagesstrahl dringen konnte , weil demselben die Fenster fehlten . Er erkundigte sich bei dem Bedienten , wozu dieser leere Raum diene , und weshalb man nicht hier , wo Platz genug vorhanden sei , die Sammlung aufgestellt habe ? Der Bediente versetzte , daß die beiden Gemächer eine Allegorie darstellen sollten , das kleine mit seinem Inhalte bedeute die Mannigfaltigkeit der Natur , und das große , leere , blaue , die Ewigkeit , zu welcher die Natur hinführe ; so habe es der selige Herr erfunden und ausgedacht . Ein Vorhang an der Hinterwand reizte Hermanns Neugier . » Dahinter « , sagte der Bediente auf seine Frage , » sollte der liebe Gott angebracht werden , aber der selige Herr ist darüber gestorben , und nun haben wir ihn selbst dort als Mumie vorderhand beigesetzt , weil kein andres Gelaß dafür übrig war . « - Er zog an einer Schnur , der Vorhang flog zurück , und Hermann erblickte auf einem Stufengerüste in der Nische einen Sarkophag in ägyptischem Geschmack . Ohne sich durch seinen Ruf , daß er nach dem Anblicke nicht verlange , irremachen zu lassen , hob der Bediente in seinem Eifer , dem Fremden die größte Seltenheit des Hauses zu zeigen , den Deckel ab , und Hermann mußte mit Widerwillen eine eingetrocknete menschliche Gestalt , von weißem Faltengewande bekleidet , wahrnehmen , welcher die Kunst diesen kümmerlichen Scheinbestand gesichert hatte . Er wandte sich nach kurzem Hinblick ab , zur Verwundrung des Bedienten , welcher diesen Abscheu nicht begreifen konnte , und seinerseits die größte Zufriedenheit über den so wohl erhaltnen seligen Herrn aussprach . Der Gedanke , mit einem Leichname unter Dach zu sein , war nicht angenehm . Die albernen Einrichtungen und Zusammenstellungen des Hauses verwundeten Sinn und Auge . Das Getöse , welches die jungen Leute machten , war oft unleidlich . Eine große Menge hinterlaßner Kanarienvögel , für welche Tierart der Domherr eine besondre Vorliebe gehabt hatte , warf in dieses Wirrsal die schmetternden , ohrzerreißenden Töne . Wollte er dem Schwindel draußen entgehn , so schreckte ihn der vernachlässigte Garten , in welchem allerorten wilde Ranken und Sprossen überwucherten , wieder in das Haus zurück . Flämmchen sah er wenig . Sie fuhr in der Nachbarschaft umher , eine große Ballgesellschaft zusammenzubitten . » Gebt acht « , hatte sie beim Einsteigen gesagt , » wenn ich nur selbst komme und ihnen das Wort gönne , so fliegen alle alten und jungen Gänse in meinen Stall . « Die braune Zigeunerin umschlich ihn mit sonderbaren Blicken . Noch immer sah er sie Kräuter sammeln , welche sie aber jetzt zu eignen Heilzwecken verwendete . Sie machte nun selbst den Arzt , täglich kamen Leute aus der Gegend zu ihr ; man hielt sie für eine Wundertäterin , und ihr Ruf stieg um so höher , als sie nie Bezahlung nahm . Sie schien unsrem Freunde etwas vertrauen zu wollen , denn sie machte sich oft ein Gewerbe bei ihm , und sah ihn dann so eigen an , daß ihm in ihrer Nähe wunderbar zumute ward . Er wünschte sehnlich die Rückkehr des Boten herbei , denn er wollte nur Johannen zum Wagen führen , um dann sogleich in die selbstgewählten Beschränkungen einzutreten , da er doch wohl einsah , daß er keinen Einfluß auf Flämmchen habe . Dreizehntes Kapitel Nur wenn er sich bewußt ward , daß er Johannas Wandnachbar sei , oder wenn er bei ihr verweilen durfte , empfand er eine Beruhigung in diesem Treiben . Er war viel bei ihr , aber doch nicht so oft , als er wünschte . Eine Zärtlichkeit ohne Leidenschaft trieb ihn gegen sie , er begriff nicht , wie er nach ihrer Abreise sich werde zu fassen imstande sein , und doch konnte er Corneliens zu gleicher Zeit gedenken , lebhaft und schmerzlich nach ihrem , ihm für immer entzognen Besitze verlangen . Er wollte sich Vorwürfe über diese Doppelempfindung machen , die seinem Verstande zweideutig erschien , aber es stellte sich keine Reue ein , sein Gefühl blieb unversehrt . Er war ein Fremdling in seinem eignen Herzen geworden . Es gibt nicht Erquickenderes , als den Anblick einer großen vornehmen Seele , welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges , als das heilige ihr von den obern Mächten verliehene Eigentum nimmt und hinnimmt , während kleine Gemüter sich gegen dieses Erbteil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren . Johanna war ruhig , selbst heiter . Sie verhehlte gegen Hermann nicht , daß ihr Los ihr für immer zerstört zu sein scheine , » aber « , setzte sie hinzu , » wie unendlich wohler ist mir jetzt , wo ich die Brandstätte überschaue , als damals , wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte ! « Über die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe , über Medons Charakter , und die plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen . Einmal hatte Hermann versucht , von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschließen , war aber mit den Worten , daß man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse , zurückgewiesen worden . Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt , und er brachte von denselben nur in Erfahrung , was die Gerüchte aus der Hauptstadt meldeten , aus welcher ihm während dieser Tage mehrere Briefe zukamen . Sie sprachen von einer großen Verschwörung , welche auf den Umsturz des Thrones und auf Fürstenmord berechnet gewesen sei . Die bedeutendsten Männer seien in das Komplott verflochten , selbst Staatsminister bezeichne die öffentliche Stimme wenigstens als entfernte Teilnehmer . Einen dieser Briefe , den ihm Madame Meyer geschrieben , mußte er Johannen , wiewohl er es ungern tat , zum Lesen geben , da er mehreres für sie insbesondre enthielt . Nachdem sie ihn durchgelesen , sagte sie : » Es steht besser und schlimmer , als diese Zeilen berichten . « Sehr wohltuend war das Verhältnis , in welches sie sich zu den Umgebungen gesetzt hatte . Zuvörderst war in den Zimmern , welche sie innehatte , unter ihren und Hermanns Händen Ordnung und Ebenmaß entstanden , alles Anstößige hatte sich aus denselben still verloren , manches würdige Kunstwerk , welches der Domherr denn doch auch mit vielem Tande zufällig hin und wieder erworben , war ihr von Flämmchen und der Dienerschaft , als müsse dieses so sein , zugebracht worden . So hatten ihre Gemächer bald das Ansehen einer schönen Insel inmitten eines wüsten Meeres von Unsinn . Von dem Getöse , welches unsrem Freunde so beschwerlich fiel , schien sie nichts zu vernehmen . Als ihr Hermann seine Bewundrung über dieses gleichmütige Erdulden aussprach , erwiderte sie : » Ich habe mir vorgenommen , nicht danach hinzuhören , und so gelingt es mir auch . Man sagt , daß die Bewohner einer Mühle sich an deren Klappern gewöhnen können , daß sie sogar aus dem Schlummer erwachen , wenn die lärmenden Räder gehemmt werden , und die hiesigen Töne sind doch noch nicht so laut und schlimm , als Mühlengeräusch . « Trat sie aus ihren Zimmern , so verwandelte sich vor ihrer Erscheinung alles , was der Verwandlung fähig war . Die jungen Leute ließen von den Albernheiten ab , nahten ihr bescheiden und waren auf eine Zeitlang anständig und gesittet . Die Diener und Mägde , welche sich in dieser aufgelösten Wirtschaft ein gemeines lautes Wesen angenommen hatten , gingen , still , mit niedergeschlagnen Augen , ihre Wege , und widersprachen , wie sie sonst pflegten , den erteilten Befehlen nicht ; Flämmchen endlich trocknete Tränen , welche ein ihr ewig Versagtes beweinten . Zum zweiten Male in kurzer Zeit erblickte Hermann die Wirkungen der Weiblichkeit über eine rohe Welt . Wie Cornelie dort über die Hirten , so herrschte hier Johanna über die Barbaren , welche die Verfeinerung unsrer Zeiten wieder erzeugt hat . Auch sie wußte , wie Cornelie , nichts von ihrer Macht . Sie ordnete selbst kleine gemeinschaftliche Vergnügungen an , nahm an Spazierfahrten und Wasserpartien teil , und schien sich einfach und natürlich zu dieser Gesellschaft zu rechnen , von welcher sie ein unermeßlicher Abstand trennte . Das ist die heilige Gewalt der Frauen , welche sie zu Priesterinnen , Heerführerinnen und Königinnen kraftvoll aufstrebender Völker macht , und der sich zu keiner Zeit jemand ohne seinen Schaden entzieht . Vierzehntes Kapitel Flöten , Geigen und Bässe ertönten im Ballsaale , welchen Flämmchen so hell hatte beleuchten lassen , daß der Glanz den Augen fast empfindlich ward . Eine zahlreiche Gesellschaft war versammelt , deren Kommen die Vorhersagung des wilden Kindes bestätigte . Man war nur stark genug gewesen , früheren geschriebnen Einladungen zu widerstehn , sobald die mutwillige Festgeberin sich in Person zeigte , und einige schmeichelnde Worte verwendete , schwanden die Bedenken ; alle Väter und Mütter sagten sich und ihre Töchter zu , vielleicht zum Teil auch aus Neugier , die berühmte unglückliche Frau kennenzulernen , deren Anwesenheit auf dem Landhause schnell in der Nachbarschaft kund geworden war . Johanna hatte von Hermann ausdrücklich verlangt , daß er am Feste teilnehmen solle . Auch sie erschien , geschmückt und strahlend , und versagte sich den ruhigeren Tänzen nicht . Als Hermann sie in der Polonaise führte , flüsterte sie ihm zu : » Alles in diesem Landhause ist zu ertragen , nur die empfindsame Zudringlichkeit des Kurators nicht . Er hat mich mit seinen Anträgen , mir helfen und beistehn zu wollen , diese Tage her sehr gepeinigt , wenn er mir nur heute fernbleibt ! « Wirklich hatte Hermann bemerkt , daß der Kurator Johannen , sobald sie sich öffentlich zeigte , nicht aus den Augen ließ , und allen ihren Schritten folgte . Flämmchen schien bei ihm außer Gunst gekommen zu sein . Auch an diesem Abende zeigte sich die Beeifrung des Verehrers . Er nahm während einer Pause des Tanzes Hermann beiseite und sagte : » Welche Erscheinung ! Wie wert , daß man sich der Frau annehme ! O Freund , lassen Sie uns für die Herrliche sorgen , stehen wir nicht ab , bis wir sie vermögen , in ihre Verhältnisse zurückzukehren ! Ganz gewiß beruht Medons Schicksal auf einem Irrtume , bald wird er seine Freiheit wiedererlangen , welche Schmach dann für die Gattin , den Gatten zur Zeit der Not verlassen zu haben ! Nein , helfen Sie mir , eine gestörte Ehe herzustellen , leiten wir die verirrte Frau in die Arme des Mannes zurück ! « » Ich dächte , man überließe den Personen , gegen welche man Verehrung fühlt , selbst ihr Los zu bestimmen « , sagte Hermann mit Empfindlichkeit . Der Gedanke , Johannen und Medon wieder beisammen zu wissen , den der Kurator in ihm angeregt hatte , war ihm äußerst unangenehm . Dieser machte sich an Johannen , und es verdroß Hermann , daß sie ihm freundlicher , als er es wünschte , und wollte , zu begegnen schien . Er trank mehr Wein , als er sonst pflegte , und suchte seine Aufregung in raschen Walzern mit muntern , schönen Mädchen zu vergessen . Mitternacht war vorüber . Er setzte sich in ein Nebenzimmer und sah in die Nacht hinaus . Das ganze Gefühl seiner ersten Jugend , welches er immer gegen das Ende von Bällen gehabt , kam über ihn . Wie die Töne des Tanzes gegen die große stille Nacht draußen in buntem Gewimmel ankämpften , und doch ihren Tod schon in sich trugen , so erschien ihm das ganze Dasein im kurzen schönen Kriege gegen das Unendliche , Farben- und Formlose befangen . Johanna hatte sich zurückgezogen . Er machte sich Vorwürfe , auch nur in Gedanken ihr gezürnt zu haben . Morgen mußte der Bote vom Schlosse des Herzogs zurückkehren , wie nahe stand die traurige Trennung bevor ! Sehnsucht und tiefe unbezwingliche Liebe trieben ihn zur Türe ihres Zimmers . » Kann ich Sie noch sprechen , Johanna ? « flüsterte er . Sie öffnete und sagte : » Welch ein später Besuch ! Was führt Sie zu mir ? « » Schmerz , Wehmut , Johanna . Wir gehen morgen auseinander , und wann sehn wir uns wieder ? Tief verbergen Sie Ihre Leiden , und gönnen dem Freunde nicht den Trost , sie mit Ihnen teilen zu dürfen . « Sie reichte ihm die Hand und sagte : » Keiner soll mir helfen , wenn ich der Hülfe bedarf , als Sie . In aller Not und Trauer will ich ewig nach Ihnen schauen . Wir sind verbunden ; was kann uns scheiden ? Rollt die Liebe auf