und belehrte , und diese Anmaßung , die ihm früher im Hause seines Oheims so unerträglich schien , daß er sich , um ihr zu entgehen , einem ungewissen Schicksale Preis gab , dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher Sorgfalt , und er gewöhnte sich daran , nichts ohne den Rath und die Einwilligung einer Frau zu thun , deren Einfluß er früher mit bitterem Hasse entflohen war . Auch an diesem Tage ließ sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und sagte : Mein lieber Vetter , es wäre vernünftig , wenn Sie zu dem Prediger ritten und diesen Abend bei ihm blieben ; denn erfährt er , daß heute eine fremde Frau hier ankommt , so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns , um nur gleich im ersten Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen . Was kann es schaden , erwiederte gleichmüthig der Arzt , wenn man ihm diese Unterhaltung gönnt ? Ich will das nicht haben , rief die Professorin heftig . Es schickt sich nicht , daß einer , der nicht zur Familie gehört , im ersten Augenblicke gegenwärtig ist , wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird . Freilich , sagte der Arzt , ich habe es längst bemerkt , unser guter Prediger wird leicht zu großer Wißbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht immer delikat . Was geht mich seine Delikatesse an , erwiederte die Professorin , das ist die Sache seiner Frau , die hat für seinen Tisch zu sorgen . Ich will nur nicht , daß er heute die Familie stören soll , und haben Sie nicht gesehen , wie vernünftig der Graf Robert ist , der schon lange davon geritten ist . So klug , denke ich , kann mein Vetter auch sein . Sie haben Recht , wertheste Frau Base , sagte der Arzt , und ob ich gleich heute ein besonderes Studium vorhatte , so will ich es doch bis morgen aufschieben , und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston spielen , und Falls wir ganz allein sind , auch Schach , denn man muß sich seinen Freunden aufopfern . So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet , um die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten , und sie und Dübois horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch . Aber die Dämmerung war längst eingebrochen , die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man keinen Wagen rollen , und die Furcht fing sich allmälig an zu regen , daß man St. Julien nicht mehr wiedersehen würde . Nicht bloß der Haushofmeister und seine Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine Mutter ; auch der Graf und seine Angehörigen theilten die peinliche Unruhe , die in dem Maße sich steigerte , wie die Finsterniß zunahm . St. Julien hatte die kleine Reise , die ihn seiner Mutter entgegen führte , mit getheilter Empfindung angetreten , und er machte sich selbst bittere Vorwürfe darüber , daß sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war . Je näher er aber dem Orte kam , wo , wie er wußte , ihn die erwartete , deren mütterliche Liebe ihn so treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte , je mehr traten alle andern Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück , und mit inniger , lebhafter Zärtlichkeit schloß er die geliebte Mutter in seine Arme . Nach einer so langen Trennung war es natürlich , daß der Tag unbemerkt entfloh , und es war schon völlig dunkel geworden , als der Wagen mit den beiden Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohenthal rollte und die Spannung aller Erwartenden löste . Die Gräfin erbleichte . Sie faßte den Arm der nicht minder bewegten Emilie und verließ mit dieser den Saal , um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige Fassung zu gewinnen , die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüßen . Der Graf eilte den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen . St. Julien hatte so eben seine Mutter aus dem Wagen gehoben , und der Graf bot ihr den Arm , indem er sich ihr als den Herrn des Hauses nannte und das Glück pries , sie bei sich zu begrüßen . Sie wollte , indem der Graf sie die Treppe hinauf führte , von ihrer Dankbarkeit reden , aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur einzelne Töne . Endlich in den Saal angelangt , schlug sie den Schleier zurück , der ihr Gesicht bedeckte , und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen , die von Thränen funkelten . Der rothe Mund lächelte halb schalkhaft , halb wehmüthig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen . Die durch die Reise und durch ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück , und den Grafen überraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine andere , die ihn verrwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte . Die Fremde sagte endlich mit noch immer fließenden Thränen : So hat mir die Zeit denn in der That so übel mitgespielt , daß kein Zug der Erinnerung zu Hülfe kommen will , und ich muß mich Ihnen , Graf Hohenthal , nennen . Der Ton der Stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust , die längst nicht mehr geklungen hatte . Er wollte antworten , als die Gräfin eintrat , und mit Ruhe und Anstand sich der Fremden näherte , um sie zu begrüßen . Beide Frauen standen sich einen Augenblick gegenüber , beide wollten reden , aber beide verstummten und starrten sich zweifelnd in die Augen . Adele ! rief endlich die Gräfin mit sterbendem Tone und bebenden Lippen - Cäcilie ! erwiederte die Fremde mit dem lauten Rufe der Freude , und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen sich so fest , als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lösen sollten . Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück . Ihm hatte dieser eine Laut die Bewegung seines eigenen Herzens erklärt , und mit Blitzesschnelle durchflog ihn der Gedanke , daß nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont erklärt sei , und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben mußte , senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele . O ! rede , rede , geliebte Freundin , sagte endlich die Gräfin mit zitternder Stimme . Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen , und sehe ich Dich nach so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich ? Ohne Grund sind um Dich so viele Thränen geflossen . Heiter , gesund , eine glückliche Mutter , so sehe ich Dich wieder . Darum , fuhr die Gräfin fort , indem sie mit mattem Lächeln auf St. Julien deutete , zog mich mein Herz zu diesem Menschen ; ohne es zu wissen , liebte ich Deinen Sohn . Meinen Sohn ? fragte die Freundin lachend , indem ihre Thränen heftiger strömten . Besinne Dich doch , gedenke der Zeit , in der wir zusammen lebten . Berechne die Jahre seit unserer Trennung , kann er wohl mein Sohn sein ? Und Wessen ist er denn ? fragte die Gräfin kaum hörbar , mit glühenden Wangen und strahlenden Augen , indem sie beide Hände der Freundin krampfhaft drückte . Und hast Du denn , erwiederte diese laut weinend , Deinen armen Adolph gänzlich vergessen ? Meinen - wiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewußtsein - meinen , meinen Sohn ! rief sie laut , wie zu neuem Leben erwachend , und streckte dem jungen Manne beide Arme entgegen . Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkührlich , während des kurzen Gesprächs , den beiden Frauen genähert , und ob der Letztere gleich den Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff , so zog ihn doch sein Gefühl vor der Gräfin nieder , die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft , die auf einen Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt , von ihren Knieen emporriß , und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren Thränen . Doch plötzlich ließ sie den Sohn , fiel mit rascher Bewegung vor der Freundin nieder und küßte deren Hände , ohne daß diese der stürmischen Gewalt der Liebe zu wehren vermochte . Du hast ihn mir erhalten ! rief sie aus , Du gibst ihn mir zurück , so , ganz so , wie ich ihn in meinen Träumen sah . Er kann meine Liebe fühlen und verdienen , er ist , ja er ist mein Sohn . Erschöpft senkte sich das Haupt der Gräfin . Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem Lehnsessel , in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau senkte , indem sie mit matter Stimme , doch mit seligem Lächeln die Freundin , die noch ihre Hände hielt , fragte : Und nun sage mir , wie ist er mein ? Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung ? sagte mit liebevollem Blicke und zärtlicher Stimme die treue Freundin . Sollen denn in diesem Augenblicke seliger Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden , und willst Du an diesen Gefühlen untergehen , jetzt , da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt ? Ich will Dir morgen alle Auskunft geben , die Du verlangen kannst , nur schone Dich heute . Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte : Ich habe Dich immer geliebt , wie mein eigenes Kind . Jetzt mache ich meine Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend . Mein theurer Vater , rief der junge Mann , indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf . Meine geliebte Mutter , sagte er mit zärtlicher Stimme , indem er sich eilig aus den ihn umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte , ihre Hände mit zitternden Lippen küßte und mit überströmenden Thränen benetzte . So hat mein Herz mich nicht betrogen , es ließ mich die heiligen Bande ahnen , die hier mich fesseln . Er blickte auf und sah in die feuchten , glänzenden Augen der Frau , die er bis jetzt für seine Mutter gehalten hatte , und die sich nun wehmüthig lächelnd über ihn beugte . Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr ? fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe . Tilgt ein Augenblick mein Bild aus Deinem Herzen ? Welch ein Ungeheuer müßte ich sein , wäre dieß möglich ! rief St. Julien , indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte . Aber , fuhr er fort , vollenden Sie Ihre Wohlthat und sagen Sie mir , durch welches Band ich Ihnen angehöre . Der unglückliche Graf Evremont , Dein Vater und der erste Gemahl Deiner Mutter , war mein Bruder , sagte die zärtliche Adele , und ihre Thränen flossen dem schmerzlichen Andenken . Der Graf wollte eben bitten , den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum zu geben , als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog . Dübois hatte sich , von lebhafter Theilnahme angetrieben , in der Nähe des Saales gehalten ; eben so seine Freundin , die Professorin . Beide hatten sehr verständig beschlossen , nur in der Nähe zu bleiben , um so bald als möglich das Ergebniß einer Zusammenkunft zu erfahren , die ihnen für das Glück einer Familie so wichtig schien , der sie so innig ergeben waren . Aber Beide hatten nicht die Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben . Sie näherten sich unmerklich den geöffneten Thüren des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts , der ihr eignes Herz in seinen Tiefen bewegte . Der bescheidene Dübois erhielt sich in ehrerbietigem Schweigen , obgleich seine alten Augen überflossen und die Thränen ihm unbewußt die gefurchten Wangen überströmten . Die ehemalige Dienerin aber schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite , und indem ihre Thränen auf den glühenden Wangen funkelten , rief sie : Nun , Gott sei gepriesen , daß sich Alles aufklärt ! Ich habe es ja immer gesagt , daß der junge Herr unser kleiner Adolph ist . Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben , da ich ihn gewartet habe und er mir so lieb war , als wäre es mein eignes Kind ! Na , fuhr sie fort , indem sie dem überraschten jungen Manne die Hand reichte , Sie haben mich rein vergessen , Sie wissen nichts mehr davon , daß ich Ihnen , Vater und Mutter zum Trotz , allen Willen erfüllte , aber das vergebe ich Ihnen , denn Sie waren noch zu klein , als man Sie auf das Dorf brachte . Sie können von mir nichts wissen . Träume ich , fragte Adele die Gräfin , oder ist diese Frau die deutsche Dienerin , die mit uns in Paris war ? Die Gräfin wollte antworten , aber die Wittwe des Professors kam ihr zuvor , indem sie sagte : Freilich bin ich es , und wären Sie damals so vernünftig gewesen , mir zu sagen , Wer Sie waren , so hätte ich Ihnen alle die Drangsale nicht angethan , die Sie mir gewiß noch nicht vergeben haben . Ach ! schon längst von ganzem Herzen , meine liebe Freundin , sagte mit liebreichem Lächeln die Frau , die nun St. Juliens Tante genannt werden muß . Ich wußte ja , daß der Widerwille gegen mich nur aus Liebe für meine theure Schwester entstand , und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versöhnung die Hand . Die Professorin trat befriedigt zurück , und die schönen Augen der freundlichen Adele begegneten Dübois verklärten Blicken . Mit Heftigkeit faßte sie die Hand der Gräfin und sagte : Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen . Dieß ehrwürdige graue Haupt , dieses treue Auge , das gutmüthige Lächeln ruft auf das Lebhafteste in mir das Andenken an den guten väterlichen Freund Dübois hervor . Und wer als er , erwiederte die Gräfin , indem sie den Alten herbei winkte , könnte denn so selig befriedigt zu uns hinüber blicken . So wird es mir so wohl , sagte Adele und faßte die Hand des beschämten Greises , diesem väterlichen Freunde noch danken zu können , dessen Liebe und Treue unermüdet wachte , um jede Gefahr von uns zu wenden , und dessen alte Augen gewiß unzählige Thränen über unser Geschick vergossen haben . Es ist zu viel , sagte der alte Mann , von Rührung überwältigt . Die Seligkeit ist zu groß für meine Kräfte . Der Graf und St. Julien eilten , den Wankenden zu unterstützen , doch das tief in ihm wohnende Gefühl der Ehrfurcht gab ihm bald wieder die Kraft sich zu erholen . Er entzog sich den ihn stützenden Armen und sagte , indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge blickte : Ich habe die höchste Freude erlebt , deren der unvollkommene Mensch fähig ist . Jetzt mag der Herr über mich gebieten . Er zog sich nach diesen Worten aus dem Saale zurück , und seine Freundin , die Professorin , die ihn erwartet hatte , faßte seinen Arm und führte ihn auf sein Zimmer . Die im Saale versammelte Familie vergaß noch oft den Vorsatz , diesen Abend an nichts Trauriges zu denken . Hundert Fragen berührten kummervolle Gegenstände und wurden nur halb beantwortet . Zärtliche Liebkosungen hemmten die hervorbrechenden Thränen , und man trennte sich endlich , ohne das liebevolle Verlangen befriedigt zu haben , das Jeder empfand , das Schicksal des Andern zu erfahren , weil es zu deutlich war , daß die Gräfin durchaus der Ruhe und Erholung bedurfte . St. Julien schlich nach Dübois Gemach . Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe . Der alte Mann mußte ihm noch alles Unglück eines Vaters mittheilen , den er nie gekannt , und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgültig hatte erwähnen hören . Dübois entlastete sein eigenes Herz , indem er einem Andern die Schmerzen zeigte , die er so lange einsam getragen , und fühlte sich beglückt in der Liebe , die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies . Schon dämmerte der Morgen , als sich Beide trennten , und auch St. Julien fühlte , daß er der Erholung bedürfe . Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den stürmenden Empfindungen des Tages und flößte ihm neue Kraft ein für ein bewegtes Leben . Dritter Theil I Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat , wird die Erfahrung gemacht haben , daß es zwar kräftigen Geistern gelingen kann , sich selbst von der Sucht frei zu erhalten , ohne Schonung alle Verhältnisse seiner Bekannten zu durchdringen , daß es aber ganz unmöglich ist , die Forschungslust Anderer zu hemmen . Die genaue Kenntniß des Vermögens eines Jeden wie aller Umstände des Lebens wird den Nachbaren in weitem Umkreise Bedürfniß , und unter dem Scheine treuherziger Theilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des Herzens ein . Der feinere Weltmann fühlt mit leisem Takte sogleich die Gränze , die nicht überschritten werden soll , und wenn auch seine Schonung nicht aus Milde entspringt , sondern nur dem , was man gewohnt ist , Sitte und guten Ton zu nennen , seinen Ursprung verdankt , so wirkt sie doch wohlthätiger , als das Benehmen der Landbewohner , die den , der mit edler Zurückhaltung seine Schmerzen verhüllt , einen verschlossenen Charakter nennen , und sich gleichgültig und mißtrauisch von ihm wenden , weil er seine tiefsten , heiligsten Gefühle , die nicht verstanden werden können , nicht Preis geben mag , damit der Müßiggang der Seele Beschäftigung finde . Diese schon oft gemachte Erfahrung mußte der Graf von Neuem machen . Es war nicht möglich , daß die Vorfälle in seinem Hause nicht hätten bekannt werden sollen , und die unerhörten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf . Nur Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen , daß die Gräfin schon früher vermählt gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden hätte ; denn der Prediger , von dem die dunkle Nachricht herrührte , hatte selbst nichts weiter darüber erfahren können , als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten Ueberraschung vernommen hatte . Jede spätere an dieselbe gerichtete Frage über diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrüßlich beantwortet worden . Selbst der Bruder der Gräfin hatte sich auf keine Erklärung der nähern Umstände eingelassen und die deßhalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig beantwortet , so daß diese erste Verbindung der Gräfin zu allerlei seltsamen Gerüchten Veranlassung gab , denn es fiel Niemandem ein , daß man erlebte Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier könne verhüllen wollen , um sie nicht zum Gegenstande gleichgültiger Gespräche zu machen , sondern man nahm mit der gewöhnlichen Lieblosigkeit müßiger Menschen an , daß nur nachtheilige Umstände denen verschwiegen werden könnten , die sich alle für die Freunde des Hauses erklärten . Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden , als man auf einmal das höchst Seltsame erfuhr , die Gräfin habe aus früherer Ehe einen Sohn , und da die Entdeckung des Sohnes mit früheren Gerüchten in Verbindung gebracht wurde , so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht , ein bekannter französischer Spion sei als der Sohn der Gräfin erkannt worden , und da man meinte , daß ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein könne , so erklärte man dieß für einen Umstand , der einen finstern Schatten auf die frühere Verbindung der Gräfin werfe , und dieß alles eigentlich ohne böse Absicht , sondern nur , um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe hingegebene Seele lebhaft anzuregen . Es vereinigte sich also um diese Zeit im weiten Umkreise von Hohenthal keine Gesellschaft , die nicht diesen Gegenstand verhandelt hätte , und da Jedermann die Sache etwas anders erzählte , als er sie vernommen hatte , so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und abentheuerlich geworden , daß die , von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen waren , die lebhafteste Freude über die neuen Aufklärungen dessen , was ihnen in der Sache dunkel geblieben war , empfanden . Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen , daß täglich neugierige Besucher auf Schloß Hohenthal erschienen , die , die innigste Theilnahme vorgebend , mit Fragen auf den Grafen und die Gräfin eindrangen , deren ruhige Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte , wie man bedarf , um eine schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen . Um diesem sich täglich erneuerndem Uebel auszuweichen , änderte der Graf den früher entworfenen Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor , den Winter in Berlin zuzubringen . Mit Freuden wurde dieser Vorschlag von der Gräfin angenommen , die noch mehr als der Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des öffentlichen Geschwätzes litt . Von der lebhaften Adele , die sich im Winter auf dem Lande langweilte , konnte nur eine freudige Einwilligung erwartet werden , und der Graf beredete den Obristen Thalheim leicht , sich der Gesellschaft anzuschließen , denn er wollte den Greis , der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging , nicht der trüben Einsamkeit überlassen . Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen . Der Graf Robert war über diesen Entschluß höchst erfreut , und bis zum Entzücken wurde diese Freude gesteigert , als er erfuhr , daß auch seine schöne , zärtlich geliebte Braut Theil an dieser Reise nehmen würde . Auch die Professorin wollte ihre Rückreise antreten , aber nur , um im Frühlinge zurückzukehren und dann ihr Leben in ihrer geliebten Heimath zu beschließen . Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu angewendet , ein großes Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen . Dieser hatte dieß Gut von allen Diensten und Abgaben befreit , und angränzende Felder und Wiesen hinzugefügt , so daß es nun eine ganz artige Besitzung bildete . Die Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurück , um ihr sich dort befindendes Vermögen zusammen zu bringen , mit dem sie im Frühlinge wiederkehren und die Kosten bestreiten wollte , um ein neues bequemes Haus an einer schönen Stelle , am Abhange eines Hügels zu erbauen , der sich , mit dem schönsten Grün bekleidet , sanft hinab senkte , bis ein klarer Bach seinen Fuß mit kleinen , kräuselnden Wellen umspielte . Die Professorin war um so mehr für den gewählten Platz eingenommen , weil es ihr bekannt war , welche trefflichen Forellen der kleine muntere Bach enthielt . Der Graf wies alles nöthige Bauholz und die für das neue Haus erforderlichen Steine an , und erhöhte noch ansehnlich den Gehalt des Arztes , so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur großen Freude der Professorin gestattete , denn wenn diese ihren Neffen auch nicht für einen sonderlichen Jäger hielt , so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden , die die Küche gehörig mit Wildpret versorgen würden . Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug gethan zu haben , um den Arzt zu belohnen , dessen große Sorgfalt , wie er überzeugt war , St. Juliens Leben erhalten hatte . Die Gräfin überredete ihre ehemalige Dienerin leicht , den Weg über Berlin zu nehmen und die Tochter während des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen , damit diese etwas mehr von den feineren weiblichen Beschäftigungen lernte , als die Mutter bis jetzt für gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen . Auch der Arzt war mit dieser Anordnung zufrieden , ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner künftigen Braut und deren Mutter trennen konnte , nur durch die Hoffnung getröstet , daß der nächste Frühling ihm nicht nur Beide zurückbrächte , sondern auch die Bibliothek und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims . Er nahm sich vor , sich diesen Winter ganz den Studien zu widmen , um den Schmerz der Trennung zu besiegen und , um sich zu erholen , mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde , dem Prediger , den Plan des Hauses zu entwerfen , welches nach seiner Meinung alle Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte . Da der Graf dem Schloßgärtner befohlen hatte einen großen Obst-und Gemüsegarten auf dem neuen Gute anzulegen , so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend reizende Bilder der Zukunft vor , wie er im Schlafrocke neben seiner jungen , zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken würde , oder er sah sich , mit dem Prediger Tabak rauchend , zwischen seinen hohen Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der goldnen Aehren , indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab wandelte , und den Rauch aus der Pfeife , die er wirklich rauchte , vor sich hinblies . Das sind idealische Träume , rief er dann wohl , indem er sich mit der Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte . Aber kann irgend ein Mensch hoffen , daß die Träume seiner Sehnsucht erfüllt werden , so bin ich es , denn mein Glück steht mir so nahe , daß ich es mit den Händen erreichen kann , und wahrlich , meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen , sondern sicher ergreifen und festhalten . So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt . Der junge Gustav war von dem Grafen nach Breslau gesandt worden , wo er noch ein Jahr bleiben sollte , um dann auf die Universität , die er sich selbst wählen würde , abzugehn . Dübois , der den Jüngling väterlich liebte , hatte ihm beim Abschiede noch ein ansehnliches Geschenk aufgezwungen , ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt war , denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher Freundschaft entlassen . So war nun Schloß Hohenthal , wo sich eben noch so viel Leben geregt hatte , auf einmal öde und verlassen , und nur aus den Zimmern des Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen , das aber wie ein freundlicher Stern dem Hülfe Suchenden leuchtete , denn je mehr der Wohlstand und die Zufriedenheit des Arztes zunahmen , je mehr fühlte er sich verpflichtet , seine Wissenschaft , die er als die Quelle seines Glücks betrachtete , zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden , und wenn er auch täglich hochmüthiger wurde in der Ueberzeugung seines anerkannten Werths , so hinderte ihn dieser unschuldige Hochmuth doch nicht , täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden . Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt , und hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele , ihre und St. Juliens Angelegenheiten ordnen zu helfen , ehe sie die Rückreise mit diesem nach Frankreich antreten müsse . Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes gewendet hatte , so fiel es doch Niemandem ein , daß er anders handeln könne , als zu seinem Regimente zurückzukehren . Schon in Hohenthal hatte die Gräfin , nachdem die stürmische Bewegung der Seele sich gemildert hatte , die durch Entdeckungen entstehen mußte , welche die tiefsten Gefühle des Herzens aufregten , alle nöthige Auskunft über die Erhaltung ihres Sohnes empfangen . An jenem unglücklichen Tage , so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre Erzählung begonnen , als Dich , geliebte Schwester , und meinen theuern Bruder unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf , kehrte ich ruhig , nachdem unsere kleinen Geschäfte abgemacht waren , mit unserer Leonore nach unserer Wohnung zurück . Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung , die hier meine Seele erfüllten . Ich dachte nicht an mich , ich wollte zu Euch , und wäre gewiß ohne den Freund und Retter , der mir wie ein Bote des Himmels erschien , ebenfalls ein Opfer der Grausamkeit geworden , die sich damals Vaterlandsliebe nannte . Der Chef des Handlungshauses , dem mein Vater und mein Bruder mit so großem Recht ihr Vertrauen schenkten , erschien , und wurde mein und Adolphs Retter . Ich war von Angst und Schrecken so betäubt , daß ich ihm willenlos folgte . Ich bemerkte kaum , daß er Leonore von mir trennte , und ahnte nicht , welcher Gefahr der gute Mann sich aussetzte , um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu schützen . Erst später erfuhr ich , was ich Dir jetzt im Zusammenhange mittheile . Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen , daß mein armer Bruder gerettet werden könnte . Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser Hoffnung , damit ich ohne Widerstand mich seinen Maßregeln fügte . Genug , er brachte mich in eine entlegene Vorstadt , wo ein schon bejahrter Mann , sein Freund und Verwandter , Herr St. Julien , das Hinterhaus eines ansehnlichen Gebäudes bewohnte . Hier erfuhr ich , daß mein Erretter sein Haus verlassen hatte , um nicht wieder dahin zurückzukehren . Er hatte die Abwesenheit seines ersten Buchhalters benutzt , desselben , den er im Verdacht hatte , meines Vruders Unglück veranlaßt zu haben , und von dem er glaubte , daß er das Komptoir nur verlassen habe , um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen . Die kurze Zeit , die dem alten Manne blieb , war von ihm benutzt worden , alle Wechsel und baar vorräthigen Summen mit sich zu nehmen , so wie die Hauptbücher seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere . Er hatte einen Miethkutscher genommen , den er , ehe er unsere Wohnung erreichte , mit einem andern vertauschte . Dieß that er noch zwei Mal , ehe wir die abgelegene Wohnung seines Freundes erreichten , der , obwohl nicht vorbereitet auf unsern Empfang , uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm . Ich bemerkte bald , daß