sie , weinend unter dem Baum , wo er Abschied genommen hatte , und endlich nahm sie den Schleier . * * * Koblenz Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben , wie hab ich mich danach gesehnt ! Im Wandern durch fremde Straßen hab ich Deiner gedacht . Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre , da üben der Ehrenbreitstein ; er heißt wie die Basis Deines Ruhms , so muß der Würfel heißen , auf dem Dein Denkmal einst stehn wird . Gestern fielen mir wunderliche Gedanken aus den Wolken , ich hätte sie gern aufgeschrieben , ich war nicht allein , ich mußte sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen . * * * Alles , was dem Wesen der Liebe nicht zusagt , ist Sünde , und alles , was Sünde ist , sagt dem Wesen der Liebe nicht zu . Die Liebe hat eine persönliche Gewalt , die ein Recht an uns übt ; ich unterwerfe mich ihrer Rüge , sie , und sie allein ist die Stimme meines Gewissens . Welche Anregungen auch im Leben vorkommen , welche Wendungen auch ein Geschick nimmt , sie ist der Weg der Modulation , der alle fremde Tonarten harmonisch auflöst , sie gibt die Erkenntnis , den Takt einer wahrhaft sittlichen Größe . Sie ist strenge , und diese Strenge erregt leidenschaftlich für die Liebe , ich brenne vor Begierde zu tun , was ihr gemäß ist . Ich will gern jedes Gefühl , jede Regung an ihr abmessen . Jetzt geh ich schlafen ; könnt ich Dir beschreiben , wie wohl mir ist . * * * Wenn heut der Tag wäre , wo ich Dich wiedersehe ! Heute ! in wenig Sekunden trätest Du hier in meine vier Wände , in denen ich schon seit einem Sommer das Zauberhandwerk treibe , Dich zu besitzen ; ja und manchen Augenblick warst Du mein , meine Liebe zog Dich heran . Ich sah in die Ferne , im Herzen sah ich nach Dir und erkannte Dich . Etwas sich aneignen , etwas besitzen , dazu gehört eine große Kraft ; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang , erzeugt Wunder ; was Du besitzest im Geist , das erkennst Du , was Du erkennst , das nimmt Dich ein , was Dich einnimmt , das erschließt Dir eine neue Welt . * * * Der Geist will Selbstherrscher sein ! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft ; jede Wahrheit , jede Offenbarung ist ein Berühren des eigenen Geistes , durchdringst Du ihn , schmilzt Deine Seele in Deinen Geist : dann hast Du alles , was Du vermagst , und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwährendes Wissen , und Dein Wissen ist Dein Sein , Dein Erzeugen . Alle Erkenntnis ist Liebe , darum ist es so selig zu lieben , weil im Lieben der Besitz liegt der eignen göttlichen Natur . Hast Du geliebt ? es war eine Spur göttlicher Natur , Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe . Dieses Ausdehnen ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur ; was Du liebst , das ist ein Reich , in das Du geboren bist , daß Du vermagst in ihm zu leben . Ach es ist so groß , so unendlich das Reich der Liebe , und doch umschließt es das menschliche Herz . * * * So wollen wir dann das Kloster verlassen , in dem kein Spiegel war , und in dem ich also während vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge , meiner Gestalt gesucht haben würde , doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken , wie ich wohl aussähe ; es war mir eine große Überraschung , wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern , umarmt von der Großmutter , die ganze Gruppe im Spiegel erblickte . Ich erkannte alle , aber die eine nicht , mit feurigen Augen , glühenden Wangen , mit schwarzem , fein gekräuseltem Haar ; ich kenne sie nicht , aber mein Herz schlägt ihr entgegen , ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt , in diesem Blick liegt etwas , was mich zu Tränen bewegt , diesem Wesen muß ich nachgehen , ich muß ihr Treue und Glauben zusagen ; wenn sie weint , will ich still trauern , wenn sie freudig ist , will ich ihr still dienen , ich winke ihr , - siehe , sie erhebt sich und kommt mir entgegen , wir lächeln uns an , und ich kann ' s nicht länger bezweifeln , daß ich mein Bild im Spiegel erblicke . Ach ja , diese Prophezeiung ist mir wahr geworden , ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber , ich habe nicht um mich , aber oft mit mir geweint ; ich habe gescherzt mit mir , und das war noch rührender , daß am Scherz auch kein andrer teilnahm , hätte mir damals einer gesagt , es sucht jeder in der Liebe nur sich , und es ist das höchste Glück sich in ihr finden , ich hätt es nicht verstanden , doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen , die gewiß nur wenige fassen : finde dich , sei dir selber treu , lerne dich verstehen , folge deiner Stimme , nur so kannst du das Höchste erreichen . Du kannst nur dir treu sein in der Liebe , was du schön findest , das mußt du lieben , oder du bist dir untreu . Schönheit erzeugt Begeistrung , aber Begeistrung für Schönheit ist die höchste Schönheit selbst . Sie spricht das erhöhte , verklärte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus . Gewiß , die Liebe erzieht eine höhere Welt aus der Sinnenwelt ; der Geist wird durch die Sinne genährt , gepflegt und getragen , er wächst und steigt durch sie zur Selbstbegeistrung , zum Genie , denn Genie ist das überirdische selige Leben einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung . Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt , wenn ich so vor Dir stehe und Dir ausspreche , wie ich Dich liebe , und doch , wenn ich so vor Dir stehe , dann fühl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklärt und zur himmlischen Natur in mir wird . * * * Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt , jetzt rückt die Zeit an , die aus dem Schlaf weckt , die jungen Keime haben Trieb und rücken aus ihrer braunen Hülle hervor ans Licht , und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern der Blumen ; sein Herz glüht verschämt und innig ihren vielfarbigen duftenden Reizen entgegen und ahnet nicht , daß währenddem eine Keimwelt von tausendfältigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust hervor , dem Leben , dem Licht entgegendrängt . - Siehst Du wohl hier bestätigt , was ich sage : die Liebe zu der aufkeimenden Blütenwelt der sinnlichen Natur erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blütenwelt ; indem wir die sinnliche Schönheit gewahr werden , erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild , eine himmlische Verklärung dessen , was wir sinnlich lieben . - So war meine erste Liebe , im Garten : in der Geißblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und drängte mich dem Aufbrechen ihrer rötlichen Knospen entgegen , und wie ich in die erschloßnen Kelche blickte , da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den Blüten an , und ich mischte meine Tränen mit dem Honig in ihren Kelchen . Ja , glaub ' s , es war mir ein besonderer Reiz , die Träne , die unwillkürlich mir ins Auge gedrungen , da hinein zu betten , so wechselte die Lust mit der Wehmut . Die jungen Feigenblätter , wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten : Ach Gott ! Du ! warum schmerzt die Schönheit der Natur ? nicht wahr , weil die Liebe sich untüchtig fühlt , sie ganz zu umfassen , so ist die glücklichste Liebe von Wehmut durchdrungen , weil sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genüge tun kann , so macht mich Deine Schönheit wehmütig , weil ich Dich nicht genug lieben kann . - O verlasse mich nicht , sei mir nur so weit willig gesinnt , wie der Tau den Blumen gesinnt ist ; morgens weckt er sie und nährt sie , und abends reinigt er sie vom Staub und kühlt sie von der Hitze des Tages . So mache Du es auch , wecke und nähre meine Begeistrung in der Frühe , kühle meine Glut und reinige mich von Sünden am Abend . * * * Hast Du mich lieb ? - Ach ! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die wogenden Zweige der Birke , - wie schön wär das ! - oder auch , daß Du mich anhauchtest im Schlaf , wie der Nachtwind über die Fluren hinstreift ; mehr nicht , mein Freund , verlang ich von Dir - daß der Atem des Geliebten Dich berührt , welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen ? - So hell und deutlich hab ich damals nicht gefühlt , wie ich heut in der Erinnerung fühle , ich war so unmündig wie die junge Saat , aber ich wurde vom Lichte genährt und dem Selbstbewußtsein entgegengeführt , wie jene , wenn sie durch die Ähre ihrer selbst gewiß wird ; und heute bin ich reif , und streue die goldnen Fruchtkörner der Liebe zu Deinen Füßen aus , mehr nicht besagt mein Leben . * * * Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du , sie stieg herab von Ast zu Ast und kam immer näher , sie hing sich an den äußersten Zweig , um mich zu sehen , ich wendete leise mich zu ihr , um sie nicht zu scheuchen , und siehe da ! Aug in Nachtigallenaug , wir blickten uns an und hielten ' s aus . Dazu trugen die Winde die Töne einer fernen Musik herüber , deren allumfassende Harmonie wie ein in sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang , wo jeder Geist alle Geister durchdringt , und alle jedem sich fügen ; vollkommen schön war dies Ereignis , dies erste Annähern zweier gleich unbewußten , unschuldigen Naturen , die noch nicht erfahren hatten , daß aus Liebesdurst , aus Liebeslust das Herz im Busen stärker und stärker klopft . Gewiß , ich war erfreut und gerührt durch dies Annähern der Nachtigall , wie ich mir denke , daß Du allenfalls freundlich bewegt werden könntest durch meine Liebe , aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen , warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah , daß ich sie mit der Hand hätte haschen können , warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug ? - Das Aug spricht mit uns , es antwortet auf den Blick , die Nachtigall wollte mit mir sprechen , sie hatte ein Gefühl , einen Gedanken mit mir auszutauschen . ( Gefühl ist der Keim des Gedankens ) , und wenn es so ist , welchen tiefen , gewaltigen Blick läßt uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun ; wie bereitet sie ihre Steigerungen vor , wie tief legt sie ihre Keime , wie weit ist es noch von der Nachtigall bis zu dem Bewußtsein zwischen zwei Liebenden , die ihre Inbrunst so deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden , daß sie glauben müssen , ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen . - Am andern Tag kam sie wieder , die Nachtigall - ich auch , mir ahnete , sie würde kommen , ich hatte die Gitarre mitgenommen , ich wollte ihr was vorspielen , an der Pappelwand war ' s , der wilden Rosenhecke gegenüber , die ihre langen schwankenden Zweige über die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit ihren Blüten beinah bis wieder an den Boden reichte ; da saß sie , streckte ihr Hälschen und sah mir zu , wie ich mit dem Sand spielte . Nachtigallen sind neugierig , sagen die Leute , bei uns ist ' s ein Sprichwort : » Du bist so neugierig wie eine Nachtigall « ; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen , der scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat ? - was wird einstens aus dieser Neugierde sich erzeugen ? - O ! nichts umsonst , alles braucht die Natur zu ihrem rastlosen Wirken , es will und muß weitergehen in ihren Erlösungen . Ich stieg auf eine hohe Pappel , deren Äste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den Stamm gebildet waren ; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die Zweige mit der Schnur , an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte , es war schwül , nun regten sich die Lüfte stärker und trieben ein Heer von Wolken über uns zusammen . - Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder niedergebeugt , aber der Vogel saß fest ; je brausender der Sturm , je schmetternder ihr Gesang , die kleine Kehle strömte jubelnd ihr ganzes Leben in die aufgeregte Natur , der fallende Regen behinderte sie nicht , die brausenden Bäume , der Donner übertäubte und schreckte sie nicht , und ich auch auf meiner schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhecke , wenn sie sich hob , und streifte über die Saiten , um den Jubel der kleinen Sängerin durch den Takt zu mäßigen . Wie still war ' s nach dem Gewitter ! welche heilige Ruhe folgte dieser Begeistrung im Sturm ! mit ihr breitete die Dämmerung sich über die weiten Gefilde , meine kleine Sängerin schwieg , sie war müde geworden . Ach , wenn der Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Kräfte aufregt , daß sie ihm dienen , wenn der ganze Mensch nichts mehr ist , als nur dienend dem Gewaltigen , dem Höheren als er selbst , und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung , wie mild ist es da , wie sind da alle Ansprüche , selbst etwas zu sein , aufgelöst in Hingebung an den Genius ! So ist Natur , wenn sie ruht vom Tagewerk : sie schläft , und im Schlaf gibt es Gott den Seinen . So ist der Mensch , der unterworfen ist dem Genius der Kunst , dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern durchströmt , den prophetische Gabe durchleuchtet , oder der wie Beethoven eine Sprache führt , die nicht auf Erden , sondern im Äther Muttersprache ist . Wenn solche ruhen von begeisterter Anstrengung , dann ist es so mild , so kühl , wie es heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur , und mehr noch in der Brust der kleinen Nachtigall , denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle andren Vögel , und um so kräftiger und um so inniger wird ihr der Genius , der es den Seinen im Schlaf gibt , vergolten haben , ich aber stieg nach eingeatmeter Abendstille von meinem Baum herab , und durchdrungen von den hohen Ereignissen des eben Erlebten , sah ich unwillkürlich die Menschheit über die Achsel an . * * * Alles ändert sich , die Menschen denken anders , wenn sie älter sind , als in der Jugend . Ach ! - was werde ich denn einstens denken , wenn mich dies irdische Leben so lange bewahrt , bis ich älter in ihm werde ! vielleicht gehe ich , statt zu dem Freund , dann in die Kirche , vielleicht bete ich dann , statt zu lieben ! Ach , wie werd ich ' s dem Lieben gleichtun im Beten ? - Hab ich je Andacht empfunden , so war ' s an Deiner Brust , Freund ! - Tempelduft , den Deine Lippen hauchen , Geist Gottes , den Deine Augen predigen , es strömt von Dir aus eine begeisternde Macht , Deine Gewande , Dein Antlitz , Dein Geist , alles strömt eine Heiligung aus . O Du ! - Deine Knie fest an meine Brust drückend , frag ich nicht mehr , was das für eine Seligkeit sein möge , die im Himmel dem Frommen bereitet ist . - Gott von Angesicht zu Angesicht schauen ? - Wie oft hab ich mit geschloßnen Augen Deiner Nähe mich gefreut . Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz , - ja Geliebter ! - was haben wir im Herzen als nur Gott ? - Und wenn wir ihn da nicht empfänden , wie und wo sollten wir seine Spur suchen ? - * * * Was fasele ich vom Frühling , was spreche ich von heiteren Tagen , von Genuß und Glück ? - Du ! - das Bewußtsein von Dir verzehrt mir jede Regung ; ich kann nicht lächeln zum Scherz , ich kann nicht mich freuen , ich kann nicht hoffen mit den andern . Daß ich Dich kenne , daß ich Dich weiß , macht meine Sinne so still . * * * O heute ist ein wunderbarer Tag ! - heute leide ich Schmerzen , so schwer ist die Seele ! Du bist nah , ich weiß es , gar nicht fern ist der Weg zu Dir , aber mich trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit . Der Moment der Sehnsucht ist es , der gefühlt und befriedigt sein will , und wenn der Geliebte den nicht ahnt , wenn er die Liebe versäumt , was kann mich ihm nah bringen ! Ach , schauerlicher Tag , der heute in Erwartung und Sehnsucht verging ! Wen mache ich zum Vertrauten ? wer fühlt menschlich mit mir ? - wem klag ich über Dich ? - wer ist mein Freund ? - wer darf ' s wagen auf diesen Stufen hinanzusteigen , auf denen ich mich aller menschlichen Berührung enthoben habe ? - wer darf die Hand mir an die Stirn legen und sagen ; » Der Friede sei mit dir ? « - Dir klag ich ' s , den ich suche , Dir ruf ich ' s zu über die Klüfte , denk nur , mit heißem Ruderschlag überfliege ich die Zeit , das Leben ; ich jage sie hinter mich , die Minuten der Trennung , und nun , ihr Inseln der Seligen , findet mein Anker keinen Grund . Wildes Gestade ! - feindseliger Strand ! - Ihr lasset mich nicht landen , nicht ahnen des Freundes Brust , der kennt die Geheimnisse und den göttlichen Ursprung und meines Lebens Ziel . Er hat , daß ich ihn schauen lerne , des Lichtes unbefleckten Glanz mir im Geiste geweckt , er hat - begleitend in raschen Liedern die Genüsse , die Leiden der Liebe - mich gelehrt , zwischen beiden voranschreitend : den Schicksalsschwestern , mit leuchtender Fackel des Eros zu bestrahlen den Weg . * * * Heute ist ein andrer Tag , die böse Furcht ist gestillt , es tobt nicht , es braust nicht mehr im Herzen , die Klage unterbricht nicht mehr der Liebe glanzerfüllte Stille . - Ach , heute ist die Sonne nicht hinab , ihre letzten Strahlen breiten sich unter Deine Schritte ; sie wandelt - die Sonne , sie steht nicht still , sie führt Dich ein bei mir , wo Dämmerung Dir winkt und der von Violen geflochtene Kranz . O Liebster ! - dann steh ich schweigend vor Dir , und der Duft der Blumen wird für mich sprechen bei Dir . * * * Ich bin freudig wie der Delphin , der auf weitruhendem Meeresplan ferne Flöten vernimmt ; er jagt mutwillig die Wasser in die glänzende Stille der Lufthöhen , daß sie auf der glatten Spiegelfläche einen Perlenrausch verbreiten ; jede Perle spiegelt das Universum und zerfließt , so jeder Gedanke spiegelt die ewige Weisheit und zerfließt . Deine Hand lehnte an meiner Wange , und Deine Lippe ruhte auf meiner Stirn , und es war so still , daß Dein Atem verhauchte wie Geisteratem . Sonst eilt die Zeit den Glücklichen , aber diesmal jagte die Zeit nicht ; eine Ewigkeit , die nie endet , ist diese Zeit , die so kurz war , so in sich , daß ihr kein Maß kann angelegt werden . An milden Frühlingstagen , wo dünnes Gewölk der jungen Saat den fruchtbringenden Regen spendet , da ist es so wie jetzt in meiner Brust ; mir ahnet , wie dem kaum gewurzelten Keim seine künftige Blüte ahnet , daß Liebe ewige , einzige Zukunft sei . Gut sein begnügt die Seele , wie das Wiegenlied die Kinderseele zum Schlaf befriedigt . Gut sein ist die heilige Ruhe , die der Same des Geistes haben muß , eh er wieder gezeitigt ist zur Saat . - Der Geist aber ahnt , daß Gutsein die Vorbereitung zu einem tiefen unerforschlichen Geheimnis ist . Das hast Du mir anvertraut , Goethe ! - gestern abend beim Sternenhimmel am offnen Fenster , wo ein Lüftchen nach dem andern hereinschwirrte und wieder hinaus . - Wenn also die Seele gut ist : das ist eine Ruhe , ein Einschlafen im Schoß Gottes , wie der Same im Schoß der Natur schläft , eh er keimt . Wenn aber der Geist das Gute will , so will er die Gottheit selbst ; so will er jenes Geheimnis der Güte als Speise , Nahrung und Vorbereitung seiner nahen Verwandlung ; so pocht er an , wie der verborgne Strom im Felsenschoß , daß er ans Licht will . Solchen kühnen Mut hat Dein Geist , daß seinem Dringen Tor und Riegel aufgetan wurden , und daß er hervorbrausen durfte , über alle Zeiten hinweg , wo Geist in Geist greift , Well in Well geboren , Well in Well verloren . Solcherlei Gespräche führten wir gestern abend , und Du sagtest noch : » Kein Mensch würde glauben , daß wir beide so miteinander sprechen . « Wir sprachen auch von der Schönheit : Schönheit ist , wenn der Leib von dem Geist , den er beherbergt , ganz durchdrungen ist . Wenn das Licht des Geistes von dem Leib , den er durchdringt , ausströmt und seine Formen umkreist , das ist Schönheit . Dein Blick ist schön , weil er das Licht Deines Geistes ausströmt und in diesem Lichte schwimmt . Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort , das ist die Schönheit der Poesie . Dein Wort ist schön , weil der Geist , den es beherbergt , hindurch dringt und es umströmt . Schönheit vergeht nicht ! der Sinn , der sie in sich aufnimmt , hat sie ewig , und sie vergeht ihm nicht . Nicht das Bild , das sie spiegelt , nicht die Form , die ihren Geist ausspricht , hat die Schönheit : nur der hat sie , der in diesem Spiegel den eignen Geist ahnt und ersehnt . Schönheit bildet sich in dem , der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht , und in dem , der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt . Jeder echte Mensch ist Künstler , er sucht die Schönheit und sucht sie wiederzugeben , soweit er sie zu fassen vermag . Jeder echte Mensch bedarf der Schönheit als der einzigen Nahrung des Geistes . Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele , ihr Bild ist es , wie sie aus Gott hervorging , was die Kunst Dir spiegelt . Alle Schönheit ist eine Erkenntnis Deiner eignen Schönheit . Die Kunst ist es , die Dir ein sinnliches Ebenmaß des Geistes vor die leiblichen Augen zaubert . Jeder Lebenstrieb ist Schönheitstrieb , sieh die Pflanze , ihre Triebe alle sind erfüllt mit der Sehnsucht zu blühen , und die Befriedigung dieser Sehnsucht lag schon im Samenkorn vorbereitet ; also ist wohl Sehnsucht die sicherste Gewährleistung . Wer sich nach ewiger Schönheit sehnt , der wird sie haben und genießen . Alles , was ich hier sage , schriebst Du mir ins Herz ; wenn ich ' s noch nicht mit rechter Freiheit ausspreche ? - Weil ich ' s nicht ganz zu fassen vermag . Gestern abend , da streifte Dein Aug über die fernen Gebirge , und da sagtest Du : » Die Leidenschaft , die ins Herz geboren ist , soll auch wachsen und gedeihen , denn es ist keine Begierde , der nicht das Göttliche gegenüberstände , um sie selig zu machen . « Sie haben mich eingeführt in ihren Tempel , die Genien , und hier stehe ich verzagt , aber nicht fremd , diese Lehren sind mir verständlich , diese Gesetze geben mir Weisheit , das Trachten der Liebe ist nicht Trachten vergänglicher Menschen . Alle Blumen , die wir brechen , werden unsterblich im Opfer , - ein liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los . * * * Ich soll Dir erzählen von den Zeiten , wo ich Deinen Namen noch nicht hatte nennen lernen ? Gewiß , Du hast recht , wissen zu wollen , was mich auf Dich vorbereitete , ich sagte Dir , daß Blumen und Kräuter zuerst mich ansahen , daß ich erkannte , im Blick sei eine Frage , eine Forderung , die ich nur mit zärtlichen Tränen beantworten konnte , dann lockte mich die Nachtigall , ihr selbständig Handeln , ihr Gesang , ihr Annähern und Zurückziehen lockte mich noch mehr als das Leben der Blumen , ich war ihr näher im Gemüt , ihr Umgang hatte etwas Reizendes ; aus meinem Bettchen konnte ich ihr nächtlich Lied hören , ihr melodisch Stöhnen weckte mich , ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter , auf die ich tröstende Antworten erfand . Ich erinnere mich , daß ich damals unter blühenden Bäumen Ball spielte , ein junger Mann , der ihn fing , brachte mir ihn und sagte : » Du bist schön ! « - Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz , es glühte auf wie meine Wangen , aber ich dachte auf die Nachtigall , deren Gesang mich wahrscheinlich nächtlich verschöne , und in diesem Augenblick brach die heilige Wahrheit in meinem Geiste auf , daß alles , was über das Irdische erhebt , Schönheit erzeugt , und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer , mein Herz hielt pochend still und ließ sich von ihren Tönen berühren wie von göttlichem Finger - ich wollte schön sein , und Schönheit war mir göttlich , ich neigte mich vor dem Gefühl der Schönheit und überlegte nicht , ob es äußerlich war oder innen . - Indessen hab ich bis heute immer in der Schönheit , wo sie sich mir zeigte , eine nahe Verwandtschaft gefühlt , in Bildern , in Statuen , in Gegenden , in schlanken Bäumen . Obschon ich nun nicht schlank bin , so regt sich doch etwas in meinem Geist , was dieser Schlankheit entspricht , und ob Du auch lächelst , ich sage Dir , während ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge , scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend , und wie im Windesrauschen die weichen Zweige hin und her wogen , so wogt ein Gefühl gleichsam als belaubtes Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir . Und so wollte ich nur sagen , daß alle Schönheit erzieht , und daß der Geist , der wie ein treuer Spiegel die Schönheit fasset , hierdurch auch zu dem höheren Aufschwung kommt , der geistig diese selbe Schönheit ist , nämlich allemal ihre göttliche Offenbarung . - So denke denn Du , wie Du mir einleuchten mußt , da Du schön bist . Schönheit ist Erlösung . Schönheit ist Befreiung vom Zauber , Schönheit ist Freiheit , himmlische ; hat Flügel und durchschneidet den Äther . - Schönheit ist ohne Gesetz , vor ihr schwindet jede Grenze , sie löst sich auf in alles , was ihren Reiz zu empfinden vermag , sie befreit vom Buchstaben ; denn sie ist Geist . - Du bist empfunden von mir , Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz . - Sieh diese Schauer , die mich überwogen , es ist der Reiz Deiner Schönheit , der sich auflöst , mir im Gefühl , daß ich selber schön bin und Deiner würdig . * * * Der Sommer geht vorüber , und die Nachtigall schweigt , sie schweigt , sie ist stumm und läßt sich auch nicht mehr sehen . Ich lebte da ohne Zerstreuung die Tage hindurch ; ihre Nähe war mir eine liebe Gewohnheit , es schmerzt mich , sie zu entbehren , hätte ich doch etwas , was sie mir ersetzt ! Vielleicht ein ander Tier , - an die Menschen dachte ich nicht , im Nachbargarten ist ein Reh in einer Umzäunung , es läuft hin und her an der Bretterwand und seufzt , ich mache ihm eine Öffnung , wo es den Kopf durchstecken kann . Der Winter hat alles mit Schnee bedeckt , ich suche ihm Moos von den Bäumen : wir kennen uns , wie schön sind seine Augen ; welche tiefe Seele sieht mich aus diesen an , wie wahr , wie warm ! Es legt gern den Kopf in meine Hand und sieht mich an , ich bin ihm auch gut , ich komme , sooft es mich ruft ; in den kalten hellen Mondnächten hör ich seine Stimme , ich springe aus dem Bett , mit bloßen Füßen lauf ich durch den Schnee , um dich zu beschwichtigen . Dann bist du ruhig , wenn du mich gesehen hast , wunderbares Tier , das mich ansieht , anschreit , als wenn es um Erlösung bäte . Welch festes Vertrauen hat es auf mich , die ich nicht